Verlag: Goldmann Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Winterzauber in Manhattan E-Book

Mandy Baggot  

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E-Book-Beschreibung Winterzauber in Manhattan - Mandy Baggot

Die Engländerin Hayley und ihre Tochter Angel sitzen im Flieger Richtung New York, um im Big Apple Weihnachten zu feiern. Begeistert stürzen sie sich ins Abenteuer: Kutschfahrten im Central Park, Schlittschuhrunden am Rockefeller Centre und Bummel auf der 5th Avenue. Doch die Stadt, die niemals schläft, hat mehr zu bieten – und Angel hat einen Herzenswunsch: ihren Vater kennenzulernen. Während Hayley sich auf die Suche nach dem Mann macht, mit dem sie die eine folgenreiche Nacht verbrachte, läuft sie Oliver über den Weg: Milliardär und Weihnachtsmuffel – bis jetzt. Denn dieses Fest könnte auch für ihn zu einem Fest der Liebe werden ...

Meinungen über das E-Book Winterzauber in Manhattan - Mandy Baggot

E-Book-Leseprobe Winterzauber in Manhattan - Mandy Baggot

BuchWeihnachten ist die schönste Zeit im Jahr ...um sich zu verlieben!

Weihnachten in New York – was kann es Schöneres geben? Das denkt sich auch Hayley Walker, die mit ihrer Tochter im Flieger Richtung Millionen-Metropole sitzt, um im Big Apple die Feiertage zu verbringen. Begeistert stürzen sie sich ins Manhattan-Abenteuer: Kutschfahrten im Central Park, Schlittschuhrunden am Rockefeller Center und Schaufensterbummel auf der 5th Avenue. Doch die Stadt, die niemals schläft, hat mehr zu bieten – und Angel hat einen Herzenswunsch: Das kleine Mädchen möchte unbedingt seinen Vater kennenlernen. Während Hayley alles tut, um den Wunsch ihrer Tochter zu erfüllen und sich auf die Suche nach dem Mann macht, mit dem sie die eine folgenreiche Nacht verbrachte, läuft sie Oliver über den Weg: Milliardär und Weihnachtsmuffel – bis jetzt. Denn dieses Fest könnte auch für ihn zu einem Fest der Liebe werden ...

Autorin

Mandy Baggot ist preisgekrönte Autorin romantischer Frauenunterhaltung. Sie hat eine Schwäche für Kartoffelpüree und Weißwein, für Countrymusic, Reisen und Handtaschen – und natürlich für Weihnachten. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann, ihren beiden Töchtern und den Katzen Springsteen und Kravitz in der Nähe von Salisbury.

Mandy Baggot

Winterzauberin Manhattan

Roman

Übersetztvon Ulrike Laszlo

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »One Wish in Manhattan« bei Bookouture, an imprint of StoryFire Ltd., Ickenham, United Kingdom.

6. Auflage

Taschenbuchausgabe November 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015

by Mandy Baggot

Copyright © dieser Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagbild: Gettyimages/ © Angus Oborn

FinePic®, München

Redaktion: Babette Leckebusch

MR ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-19727-8V003

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Für meine beiden schönen, klugen, witzigen und frechen Töchter Amber und Ruby.Ihr habt mir geholfen, der Figur von Angel Leben einzuhauchen, und ohne euch wäre dieses Buch nicht das, was es jetzt ist.Eure Mama ist sehr stolz auf euch. Ich liebe euch sehr!

McDonald’s, Winchester Street, Salisbury, Wiltshire, Großbritannien

Hayley Walker hatte gekündigt. Einfach ihren Job hingeschmissen. Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Ihr war nur ein Gedanke durch den Kopf gegangen: Flucht. Sie wollte weg von dem verschwitzten Greg und seinen verzweifelten Versuchen, sie anstatt der Wäsche in der chemischen Reinigung zu packen und in die Mangel zu nehmen. Aber jetzt, eine Stunde später, begann sie zu begreifen, dass sie weniger an Flucht und mehr ans Geld hätte denken sollen. Oder vielmehr an Geldmangel. Und daran, was sie nach Weihnachten tun sollte. Sie hatte viel zu spontan reagiert und das Handtuch geworfen. Eine Verzweiflungstat. Würde sie es bereuen? Ein Halbtagsjob als Eventplanerin reichte nicht aus, um Frühstücksspeck und das teure Müsli mit den Gutscheinen für Bücher zu kaufen.

»Gibt’s dort Yorkshire Pudding?«

Hayley hob den Blick von ihrem Telefon und schaute ihre Tochter an, das neunjährige Mädchen, das so gern die teuren Frühstücksflocken aus der Packung mit den Büchergutscheinen aß. Angel hing ein halber Cheeseburger aus dem Mund, was sie jedoch nicht davon abhielt, auch noch den Strohhalm ihrer Diät-Cola hineinstecken zu wollen. Hayley hatte nicht genau gehört, was sie gesagt hatte. Irgendetwas mit Pudding. Sie war zu sehr damit beschäftigt, sich zu überlegen, ob die Zeit vor ihrer Abreise reichen würde, um die Stellenanzeigen im Lokalblatt zu studieren. Gleichzeitig ging sie in Gedanken die Reiseplanung noch einmal durch. Neue Kleidung für sie beide war natürlich jetzt nicht mehr drin. Was würde in diesem Winter wohl im Trend liegen? An eine Tweed-Phase glaubte sie eher nicht. Vielleicht konnte sie nachts weniger schlafen und das, was sie im Schrank hatten, umändern. Rasch verdrängte sie die Gedanken daran und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Angel.

»Angel, wir sind in einem Restaurant, also benimm dich entsprechend.«

Sie beobachtete, wie Angel die Augen verdrehte und dann den Blick langsam durch das McDonald’s wandern ließ. Was auch immer ihre Tochter damit ausdrücken wollte, es war ein Restaurant. Es lagen Servietten auf dem Tisch, und außerdem war es das einzige Restaurant, das Hayley sich im Augenblick leisten konnte. Vor allem nach dem heutigen Tag. Sie seufzte. Dieses McDonald’s war ihr Lokal. Hier aßen Mutter und Tochter gemeinsam Burger. Ein vertrauter Vorgang und tröstlich, besonders jetzt, da sie kurz davor stand, mit ihrer Tochter um die halbe Welt zu reisen.

»Und? Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Angel betonte jedes Wort auf übertriebene Weise. »Gibt. Es. Dort. Yorkshire. Pudding. In. New. York?«

Hayley legte ihr Telefon auf den Tisch. Sie hatte keine Ahnung, aber anscheinend war es für Angel sehr wichtig. Wichtiger als die Tatsache, dass sie noch nie geflogen war, im Flugzeug acht Stunden lang still sitzen musste und ein völlig neues Land entdecken würde. Wer hätte gedacht, dass Yorkshire Pudding eine so entscheidende Rolle spielen würde?

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Hayley. »Aber ich kann nachfragen.« Sie lächelte ihre Tochter an.

»Schau doch bei Google nach.«

»Was? Jetzt?«

»Bei McDonald’s gibt’s kostenloses WLAN. Das sagst du doch immer.«

Angel saugte an ihrem Strohhalm und schaute sie aus ihren runden, an Murmeln erinnernde Augen an.

Kostenlos war im Augenblick entscheidend. In Hayley stieg plötzlich Stolz auf. Sie beobachtete, wie Angel mit ihren perfekten Zähnen in den Strohhalm biss. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und ihr hellbraunes Haar war mit glitzernden Haargummis zu zwei Zöpfen geflochten. Angel war das Beste, was sie jemals zustande gebracht hatte. Ihre einzige befriedigende Leistung, und sie hatte sie fast ganz allein vollbracht. Vor Rührung zog sich ihr plötzlich die Kehle zusammen, und sie trank rasch einen Schluck.

»Ich kann es kaum erwarten, Onkel Deans neuen Freund kennenzulernen«, erklärte Angel.

Hayley hätte sich beinahe verschluckt und zog rasch den Strohhalm aus dem Mund. Ihr Telefon rutschte ihr aus der Hand und fiel auf die Pappschale mit den Pommes Frites, die sie noch nicht angerührt hatte. »Was?«

»Wir haben letzte Woche geskypt, während du stundenlang im Internet auf diese Formulare gestarrt hast.«

Angel hatte recht. In den letzten Wochen war Hayley pausenlos damit beschäftigt gewesen, Formulare auszufüllen. Sie hatte geglaubt, ein Besuchervisum beantragen zu müssen, und die Anforderungen dafür waren sehr hoch. Es schien leichter zu sein, eine Blutprobe eines Einhorns zu besorgen, oder das Ende der nächsten Folge von Gameof Thrones verraten zu können. Warum hatte ihr niemand etwas über ESTA gesagt, bevor ihr Kopf beinahe explodiert wäre? New York – Weihnachtsferien für Angel und eine wichtige Mission für Hayley. In den letzten zwei Monaten hatte sie bei ihren Internetrecherchen oft so lange auf den Bildschirm gestarrt, bis ihr die Augen brannten. Und nun würde sie ihre Suche bald vor Ort persönlich fortsetzen können.

Hayley richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Angel.

»Er heißt Vernon. Abgekürzt Vern. Sie haben sich bei einer richtig coolen Party kennengelernt, zu der Onkel Dean eingeladen war.« Angel warf einen ihrer Zöpfe nach hinten. »Werden wir auch auf richtig coole Partys gehen?«

Hayleys Gedanken überschlugen sich. Ihr Bruder hatte einen neuen Freund, den er ihr gegenüber noch nicht erwähnt hatte. Gab es Yorkshire Pudding in Amerika? Musste sie noch ein Einhorn auftreiben? Eine Gepäckwaage – sie brauchte dringend eine Waage, um das Gepäck zu wiegen. Sie hatte keine Ganztagsbeschäftigung mehr!

»Das weiß ich nicht, Angel. Wir werden dort einiges zu tun haben, und …«

»Isst du den Burger noch auf?«

»Isst du deine Pommes nicht?« Angel drückte ihre Zungenspitze im Mund nach unten, schob sie gegen die Unterlippe und senkte das Kinn.

»Wenn du in Amerika eine solche Grimasse ziehst, ist das genauso schlimm wie fluchen«, warnte Hayley sie.

Angel hörte sofort damit auf, obwohl sie das nicht so recht zu glauben schien.

Hayley deutete mit dem Finger auf sie. »Reingelegt!«

»Das ist nicht fair!«, kreischte Angel. Sie griff über den Tisch, schnappte sich eine Fritte von Hayleys Schale und steckte sie sich rasch in den Mund.

Hayley lächelte, nahm sich selbst eine Fritte und tunkte sie in Ketchup. Wenn nur alles so einfach wäre wie Pommes Frites zu essen.

Sie warf einen Blick aus dem Fenster auf die Straße. Es war bereits dunkel, und die grauen Wolken am blauschwarzen Himmel schienen beinahe die Skyline der Stadt zu berühren. Die Leute hatten sich in Wollmäntel gehüllt und hasteten nach Hause oder eilten noch rasch zum Einkaufen, ihr Atem in der eisigen Luft deutlich sichtbar. In wenigen Tagen würden sie und Angel das alles hinter sich lassen und Tausende Kilometer über den Ozean fliegen, um Weihnachten im Big Apple zu verbringen. Bei Minustemperaturen im zweistelligen Bereich, mit vielen Weihnachtsmännern auf den Straßen, Musik von Michael Bublé und Zuckerstangen.

Hayley beobachtete eine Frau, die die Eingangstür aufschob, und streckte ihre Hand über den Tisch, um Angel auf den Arm zu tippen.

»Modealarm auf drei Uhr.« Hayley verstärkte ihren Druck auf Angels Arm. »Angel Walker, sag mir, wie du das Aussehen dieser Frau verbessern würdest, wenn du nur einen Schal und eine Haarklammer zur Verfügung hättest.«

»Oh, Mum …« Angel beobachtete die Frau, wie sie zur Theke hinüberging. »Ich finde, sie sieht gut aus.«

»Ich bitte dich! Cremefarbene Stiefel zu diesem grauen Mantel?«

Angel seufzte. »Welche Farbe hat der Schal, den wir uns vorstellen?«

Hayley grinste. »Welche Farbe sollte er deiner Meinung nach haben?«

»Rot?«

Hayley schüttelte den Kopf und verzog missbilligend das Gesicht.

»Braun?«

»Nein. Ein letzter Versuch?« Sie beobachtete ihre Tochter, wie sie die Frau von oben bis unten musterte.

»Punkte!«, rief Angel.

Hayley klatschte in die Hände. »Ja! Ich denke an ein Tuch im Dalmatiner-Druck, das sie sich um die Schultern schlingen könnte. Sie würde sich in einer Sekunde von einer Modebanausin in einen Modefreak verwandeln.«

»Sollen wir ihr das sagen?«, fragte Angel.

Hayley schüttelte lachend den Kopf. »Nein.«

Im Augenblick war das nur ein Spiel. Etwas, um den Bereich in ihrem Gehirn zu beschäftigen, der sich mit Modedesign befasste. Das war es, was sie immer hatte machen wollen. Mode für den Laufsteg kreieren, beobachten, wie Kleider zum Leben erwachten, ihre Modelle an exklusive Modegeschäfte auf der ganzen Welt liefern. Sie schluckte, als ihr Blick wieder auf Angel fiel. Das schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Ihr Leben hatte sich seitdem grundlegend verändert. Anstatt ihre Nächte mit dem Zuschneiden von Stoffen zu verbringen und viel Spaß mit ihren Freunden bei ein paar Gläsern Lambrini zu haben, musste sie plötzlich Windeln wechseln und ihr Kind füttern. Und ihre Modeleidenschaft konnte sie nur noch bei der Kleidung für ihre kleine Tochter ausleben, wobei sie sich einreden musste, dass Spuckflecken en vogue seien. Sie hatte sich dazu entschieden, Mutter zu werden, und Mütter mussten eben Opfer bringen. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

»Vernon hat einen Hund namens Randy«, platzte Angel heraus und riss sie aus ihren Gedanken.

Hayley verschluckte sich an einer Fritte und hustete. »Was?«

»Ich glaube, er hat ihn nach einem der Juroren von American Idol benannt.«

Hayley seufzte. »Wollen wir es hoffen.«

Balmoral Road, Salisbury, Wiltshire, Großbritannien

Seit sie die Stadt verlassen hatten, hatte Angel immer wieder Michael Boltons Version von »Santa Claus is Coming to Town« gesungen. Als sie parkten, setzte Angel lautstark zum Finale an, und normalerweise hätte Hayley eingestimmt – sie konnte die hohe, raue Stimme fast perfekt nachahmen und dabei schwungvoll ihr Haar zurückwerfen –, aber sie machte sich immer noch Sorgen, wie sie vor der Abreise alles, was noch anstand, erledigen sollte. Glücklicherweise musste sie nicht auch noch arbeiten. Aber klang das nicht irgendwie falsch?

Den größten Fehler hatte sie gemacht, als sie sich von dem Geschäftsführer Greg zu einem Drink hatte einladen lassen. Er hatte sie nicht nur ein- oder zweimal, sondern zwölfmal gefragt, bis sie sich schließlich hatte erweichen lassen. Aber als er ihr dann an der Dampfbügelmaschine zu nahe gekommen war, hatte es ihr gereicht. Sechs Monate lang Anzüge und fleckige Cocktailkleider zu reinigen war genug. Jetzt waren wieder alle Möglichkeiten offen. Sie würde sich noch größere Sorgen machen, wenn es ihr nicht gelungen wäre, mit ihrem Zweitjob als Eventplanerin ein wenig Geld zur Seite zu legen. Jetzt vor Weihnachten war viel zu tun gewesen, und sie hatte sogar von ihren reicheren Kunden hin und wieder zusätzlich etwas für ihre Dienste als Modeberaterin bekommen. Ihr Terminkalender war wieder aufnahmefähig, und die Reise war bezahlt, also konnte sie sich nun auf das konzentrieren, was wirklich wichtig war – die Suche.

Hayley schloss für einen Moment die Augen und umklammerte das Lenkrad. Obwohl sie sich Angel gegenüber begeistert gab und sich auch tatsächlich auf die Reise freute, hatte sie ebenso große Angst davor. Irgendwo in ihrem Hinterkopf war ihr bewusst, dass die Reise nach New York einer Flucht gleichkam. Dieser Gedanke wurde immer stärker, seit sie arbeitslos war. Vielleicht war die Reise eine Chance, um zu beurteilen, ob sie und Angel in Amerika leben könnten. Bei dem Gedanken daran schnürte es ihr die Kehle zu. Ein Neuanfang für sie und Angel, neue Horizonte, Donuts so groß wie Essteller und ausgedehnte Einkaufsbummel bei Barneys.

Hayley schlug die Augen wieder auf. Bei ihrer momentanen finanziellen Situation würden sie sich allerdings auf einen Schaufensterbummel beschränken müssen. Sie warf einen Blick zu Angel hinüber. Ihre Tochter hatte die Blende heruntergeklappt und zog vor dem Spiegel einen Schmollmund, als wollte sie für ein Selfie posieren.

Leider war Hayley ganz anders als ihr unglaublich cleverer Bruder, dem ein Headhunter seine Stellung bei Drummond Global vermittelt hatte. Sie hatte den Vereinigten Staaten keine außergewöhnlichen Fähigkeiten zu bieten. Nur eine hohe Arbeitsmoral und … na ja, das war’s schon. Sie und Millionen anderer waren auf der Suche nach einer Veränderung. In New York lag das Geld auf der Straße; es war eine Betonwüste, in der Träume wahr werden konnten.

»Soll ich es noch einmal laufen lassen?«

Angel hatte sich auf ihrem Sitz umgedreht, den Finger auf den CD-Player gelegt und schaute Hayley erwartungsvoll an.

»Nein! Nicht noch einmal!«

Angels Lachen verursachte Hayley eine Gänsehaut. Im Moment schien ihre Tochter völlig sorglos und unbeschwert zu sein, aber Hayley wusste es besser. Sie kannte die Gedanken und Hoffnungen, die Angel jeden Abend vor dem Zubettgehen durch den Kopf gingen, und sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihr zu helfen. New York könnte für sie beide Antworten auf viele Fragen bereithalten.

»Komm, wir zeigen Nanny deinen neuen Mantel.« Hayley öffnete die Autotür.

Sie stieg aus, schloss die Tür und steckte die Hände in die Manteltaschen. Die Bäume am Straßenrand warfen dunkle Schatten in den orangefarbenen Lichtkegeln der Straßenlampen. Frost überzog die Windschutzscheiben der geparkten Autos, und ein halbes Dutzend Häuser war an den Mauern und Dachrinnen mit funkelnder, blinkender Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. Hinter Gardinen sah man die Umrisse glitzernder Christbäume. Hayley ließ die Ruhe des englischen Vororts auf sich wirken und beobachtete eine Katze, die vor einem Nachbarhaus auf den Zaun sprang. In den folgenden Wochen würde sie sich in einer ganz anderen Umgebung befinden. War sie bereit für alles, was die Reise für sie bringen konnte?

Sie sah zu, wie Angel den Weg entlanglief, die Tüte mit ihrem neuen hellroten Dufflecoat fest in der Hand.

Hayley lehnte sich noch einen Moment lang gegen den Wagen und betrachtete das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Es hatte sich in den achtundzwanzig Jahren nicht verändert. Das kleine schwarze Eisentor hing immer noch schief in den Angeln, der Rasen war sorgfältig gemäht, aber die Rosenbüsche wirkten verwildert. Es war ein Durcheinander – manches war intakt, anderes vernachlässigt. Ein wenig so, wie bei den Menschen in diesem Haus. Dean war immer gehegt und gepflegt worden, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Sie hingegen hatte selbst das wuchernde Unkraut jäten müssen. Als selbstgenügsamer Mensch war ihr das nicht schwergefallen, aber dann war sie schwanger geworden und ihr Vater war gestorben.

Kälte stieg in ihr auf, und sie begann, innerlich zu zittern. Sie grollte ihrem Bruder nicht; sie liebte ihn von ganzem Herzen. Aber als Angel zur Welt kam, hatte sich alles verschlechtert. Ihre Mutter hatte sie ganz anders behandelt. Oft herrschte peinliches Schweigen zwischen ihnen, und die emotionale Nähe fehlte. Rita bot ihr zurückhaltend Hilfe an und war in praktischer Hinsicht immer für sie da, aber das war auch alles. Statt Liebe und Unterstützung gab es Geld und gute Ratschläge. Selbst jetzt war die Beziehung immer noch ein wenig oberflächlich.

»Mum!«, rief Angel. »Nanny sagt, wenn du nicht sofort reinkommst, muss ich die Tür zumachen. Sonst wird es hier drinnen kalt!«

Hayley verdrehte die Augen und nahm alle Kraft zusammen. Sie musste lächeln und sich heiter geben. Und vor allem durfte sie mit keinem Wort erwähnen, dass sie ihren Job verloren hatte.

»Rot? Ich dachte, du wolltest ihr einen pinkfarbenen Mantel kaufen. Das hast du zumindest gesagt.« Rita Walker drehte sich zu Hayley um und warf ihr einen strengen Blick zu.

Angel, die sich fröhlich im Kreis gedreht hatte, blieb abrupt stehen, die Arme ausgestreckt wie eine beleidigte Vogelscheuche. Ihre Freude über den neuen Mantel war bei Ritas Bemerkung sofort verflogen.

»Wir haben neun Mäntel in acht verschiedenen Läden anprobiert. Dieser hat Angel gefallen, und ich war, ehrlich gesagt, am Ende meiner Kräfte«, erwiderte Hayley. Warum hatte sie immer das Gefühl, ihre Entscheidungen verteidigen zu müssen? Sie ließ sich auf das Sofa fallen und hätte sich beinahe auf einen Stapel von Home & Country gesetzt. Warum ihre Mutter dieses Magazin abonniert hatte, würde sie nie verstehen. Aus diesem Haus würde nie ein Heim werden, wie man es in Downton Abbey zu sehen bekam.

»Du meinst, du hast aufgegeben.« Rita rümpfte die Nase. »Und dich mit einem Notbehelf zufriedengegeben.« Sie streckte den Arm aus und griff nach ihrer feinen, am Rand leicht angeschlagenen Porzellantasse.

Hayley nickte. »Es war außerdem ein Sonderangebot.« Sie senkte leicht die Stimme. »Es geht doch nichts über ein Schnäppchen in einem karitativen Secondhandshop.«

So schnell hatte sie ihre Mutter noch nie aufspringen sehen. Rita schoss aus ihrem Sessel wie ein Düsenjäger.

»Zieh das Ding aus, Angel.« Rita zupfte an einem Ärmel des Mantels und schüttelte dabei den Arm des Mädchens. »Schnell.«

»Nanny! Du tust mir weh!

»Mum, hör auf. Ich habe nur Spaß gemacht.«

Angel zog den Arm zurück und presste ihn an ihren Körper.

Rita drehte sich zu Hayley um und baute sich zornig vor ihr auf. »Warum sagst du so etwas?«

»Warum reitest du auf der Farbe des Mantels herum?«

Hayley sah, wie Angel die Hände auf die Ohren legte. Rita hatte es wieder einmal geschafft, sie in die Enge zu treiben. Und es war unfair, Angel mit hineinzuziehen. Sie mussten zwei Tage hierbleiben, weil ihr Vermieter während ihrer Abwesenheit renovieren wollte, und die damit beauftragte Firma schon damit beginnen musste. Sie sollte sich um Ruhe und Frieden bemühen und die Sticheleien einfach ignorieren. Schließlich war sie schon lange daran gewöhnt.

»Soll ich eine Kanne Tee machen?«, bot Hayley an und stand auf.

»Ich habe eine Hackfleischpastete gemacht. Angel, du bist sicher schon halb verhungert«, sagte Rita.

»Oh, wir haben schon gegessen«, erwiderte Angel und drehte sich wieder im Kreis.

»Ach ja?«

Hayley flüchtete rasch in die Küche, weil sie Angels Antwort vorhersah.

»Wir waren bei McDonald’s.«

Hayley spürte förmlich, wie die Temperatur im Haus sank. Nur noch zwei Nächte. Noch zweimal schlafen, und dann würden sie nach Amerika aufbrechen.

Drummond Global, Downtown Manhattan, USA

Oliver Drummond ließ den Blick durch den Raum schweifen. Mackenzie, die Leiterin seiner Rechtsabteilung, verbreitete Langeweile von dem Moment an, in dem sie ihre scharlachroten Lippen geöffnet hatte. Regelung. Planung. Verhandlung. Zusammenarbeit. Und dann kam der Begriff, den er am meisten hasste: eine Strategie entwerfen. Das lag nicht in seiner Natur. Er war ein Macher. Er handelte instinktiv und meistens impulsiv. Das Nachgrübeln und Planen überließ er anderen, die er dafür bezahlte. Wenn sich seine Angestellten alle nur denkbaren Strategien ausgedacht und abgewägt hatten, brauchte er nur noch grünes Licht zu geben. Er war an der Ziellinie interessiert, am erfolgreichen Ausgang einer Sache, nicht an dem Prozess, der dazwischen stattfand. Seine Stärken lagen in der Kreation und Ausführung. Und wer von diesem Mantra nichts hielt, der bekam das schnell zu spüren.

Oliver wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Dutzend Mitarbeiter zu, die sich am Tisch des Konferenzraums in der achtzigsten Etage von Drummond Global versammelt hatten und nickte Mackenzie zu. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber er vertraute darauf, dass sie das Problem, wegen dem dieses Meeting einberufen worden war, kompetent lösen würde. Er würde sich die Mühe machen, die Sache zu verfolgen. Schließlich sollte er dar-über Bescheid wissen, wenn auch nur am Rande. Er drückte seinen silberfarbenen Kugelschreiber gegen die Lippen. In den letzten Monaten hatte er sich so stark auf den Globe konzentriert, dass er alles andere hatte schleifen lassen. Der Globe würde alles verändern. Dieses Tablet würde nicht nur in das Leben seiner Benutzer eingreifen, sondern auch seine Leidenschaft für die Firma wieder neu beleben. Und er würde sich heute auch noch anderen Projekten widmen … sobald er den Kater von letzter Nacht losgeworden war. Dafür machte er seinen besten Freund Tony verantwortlich.

Er rutschte auf seinem Ledersessel am Kopf des Tisches hin und her, als er plötzlich einen Schmerz im Brustkorb verspürte, beinahe so, als hätte jemand ein Gummiband darum geschlungen. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Dafür hatte er jetzt keine Zeit, also würde er es nicht zulassen. Er drehte den Kopf zur Seite und schaute aus dem bodentiefen Fenster auf den Kern von Manhattan hinaus. Schneeflocken fielen auf die Dächer der angrenzenden Gebäude und sanken auf den Boden. Er richtete seine haselnussbraunen Augen auf die Flocken und beobachtete sie, bis sie aus seiner Sicht verschwanden. In diesem Augenblick wünschte er sich, eine von ihnen zu sein. Schwerelos dahintreibend, leise durch die Luft schwebend, nichts um sich herum wahrnehmend. Über dem neugotischen Dach des Woolworth-Gebäudes lag eine weiße Schneedecke, und am Broadway hingen tropfende Eiszapfen an den Fassaden. Draußen verwandelte sich die Stadt in ein Winterwunderland; drinnen drohte eine Lawine abzugehen.

Die Ablenkung durch den Schnee war nicht groß genug – der Schmerz war immer noch da. Und er schien sich mit jeder Sekunde zu verstärken. Er unterdrückte eine Grimasse und spannte seine Kinnmuskulatur an, während Mackenzies monotone Stimme im Hintergrund weiterdröhnte.

Vielleicht hatte er sich beim Training einen Muskel gezerrt. Und dann diese verrückten Tanzschritte, zu denen Tony ihn am Abend zuvor gezwungen hatte. Er schluckte und lockerte seine dunkelgraue Krawatte ein wenig.

»Oliver.«

Der scharfe Tonfall, der an seine Ohren drang, zwang ihn dazu, sich wieder auf die Konferenz zu konzentrieren. Clara, seine persönliche Assistentin, warf ihm einen ihrer speziellen Blicke zu. Dabei zog sie die Augenbrauen bis fast hinauf zu ihrem mahagonifarbenen Haar, neigte den Kopf und straffte die Schultern, wobei ihre Brille in der Mitte des Nasenrückens saß. Für ihn besagte dieser Blick, dass er sich sofort zusammenreißen und sich auf das Meeting konzentrieren sollte, sonst würde sie kündigen. Und sie wusste, dass er davor eine Heidenangst hatte.

Oliver setzte sich auf seinem Stuhl auf, als ihm ein weiterer Stich durch die Brust fuhr. Das war nicht gut. Fing es etwa so an? Nein, er musste diesen Gedanken verdrängen, so wie er es immer getan hatte, wenn das passiert war. Er war nicht sein Vater. Er war auch nicht sein Bruder. Ihn betraf das nicht. Er schluckte. Er konnte einfach nicht glauben, dass er wohl der Nächste in der Reihe sein würde.

Rasch richtete er seinen Blick auf die messingfarbene Statement-Kette auf Claras etwas über fünfzigjährigem Dekolleté. Die Halskette repräsentierte alles, was an den Achtzigerjahren schlecht gewesen war. Wo kaufte sie nur solche Sachen? Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Das war gut. Sich auf Claras schlechten Geschmack bei Accessoires zu konzentrieren half tatsächlich. Er beugte sich ein wenig zu ihr vor und ignorierte sein Herzrasen und den Schweißausbruch in seinem Nacken. Dann verschwammen die glitzernden falschen Diamanten vor seinen Augen. Er schwankte leicht und stieß mit seiner Hand an Claras Ellbogen. Die Unterlagen, die sie festgehalten hatte, segelten in hohem Bogen zu Boden.

Mackenzie unterbrach ihren Vortrag. Oliver richtete sich schnell auf, blinzelte heftig und bemühte sich um einen Gesichtsausdruck, der, wie er hoffte, Zustimmung und Solidarität vermittelte. Er nickte, als Clara sich bückte, um ihre Papiere vom Boden aufzusammeln.

Oliver räusperte sich: »Fahren Sie fort, Mackenzie.«

»Was war denn da drin los, Oliver? Wenn ich nicht alt genug wäre, um Ihre Mutter zu sein, würde ich glauben, Sie wollten mich anmachen«, sagte Clara, als sie den Konferenzraum verließen.

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe mich gelangweilt und konnte es nicht mehr ertragen, Mackenzie anzuschauen. Sie will sich unbedingt wieder mit mir treffen, aber als ich sie das letzte Mal eingeladen habe, hat sie mich unter den Tisch getrunken.«

Clara drehte sich um und warf ihm einen schulmeisterlichen Blick zu.

»Ich weiß, ich weiß! Ich werde in Zukunft Arbeit und Privates auseinanderhalten.«

»Und Sie sind sich sicher, dass Sie jetzt alles wissen, was es über die geplante Übernahme von Regis Software zu wissen gibt?«

Er machte so große Schritte, dass sie in dem langen Korridor neben ihm herlaufen musste. Rasch bog er links ab und hastete auf die Aufzüge zu. Er wollte schnell in sein Büro zurückkehren und dort erst einmal durchatmen. Erst als ihm einfiel, dass Clara immer Mühe hatte, in ihren Schuhen zu laufen, verlangsamte er sein Tempo.

»Ich habe das Projekt gestartet, Clara. Mein Vater und Andrew Regis waren nicht nur alte Freunde, sondern beinahe wie Brüder. Er war bei jeder meiner Geburtstagsfeiern dabei, bis ich schließlich zu alt war für Clowns und Piñatas.« Er blieb stehen, drückte auf den Rufknopf für den Aufzug und versuchte zu verbergen, dass sich sein Adamsapfel ruckartig auf und ab bewegte. Er hatte keine Ahnung über die letzte Fassung des Vertrags mit Regis Software. Er hatte zwar die Grundzüge dafür zu Papier gebracht, aber was war danach geschehen? Stand die Sache kurz vor dem Abschluss? Was genau war ihm entgangen?

»Wenn ich davon ausgehe, nehme ich an, dass Sie sich nach dem Abendessen und ein paar Drinks verabschieden werden?« Claras Ton war jetzt sehr schroff. Hätte er nichts über ihren Hintergrund gewusst, hätte er darauf getippt, dass sie früher als Gefängniswärterin gearbeitet hatte.

Oliver atmete tief ein und wandte sich ihr zu. »Ist irgendetwas geschehen, wovon ich nichts weiß, Clara? Sie sind meine persönliche Assistentin. Wenn Ihnen irgendetwas zu Ohren gekommen ist, müssen Sie es mir sagen. Das ist Ihre Pflicht.«

Clara sah ihn verblüfft an. »Ich weiß von nichts.«

»Dann erlauben Sie mir eine Frage: Wer ist der Geschäftsführer von Drummond Global?«

Wen versuchte er eigentlich, hier zu imitieren? Donald Trump? König Midas? Er bemerkte, dass Clara eine Erwiderung unterdrückte. Sie machte ihre Arbeit gut, nein, sogar hervorragend. Also warum versuchte er gerade, sie runterzumachen? Er fuhr sich mit der Zunge durch den Mund und schluckte den bitteren Geschmack hinunter. Anstatt zu fliehen griff er sie an, weil sie ihn in die Enge gedrängt hatte. Wenn er nicht aufpasste, würde sie den Respekt vor ihm verlieren.

»Ich bin nicht mein Vater, Clara.« Er hielt inne, als er plötzlich keine Luft mehr bekam, und versuchte es dann erneut. »Ich muss nicht über jede unbedeutende Entscheidung, die hier getroffen wird, pausenlos informiert werden. Mein Ansatz ist etwas moderner.«

»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Oliver.« Clara schwieg einen Moment, bevor sie hinzufügte: »Ich mache mir Sorgen um Sie, das ist alles.«

»Bitte tun Sie das nicht.« Er befeuchtete seine Lippen. Der Schmerz war wieder da, noch stärker. Sein Herz trommelte wie eine Militärkapelle. Er konnte nicht mehr tief durchatmen. Sein Atem ging stoßweise. Er versuchte, sich zusammenzureißen. »Ich … ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie sich Sorgen um mich machen.«

Eine Hand schien sein Herz wie einen Schraubstock zu umklammern und unerbittlich zuzudrücken. Wo war der verdammte Aufzug? Die Stahltür vor seinen Augen begann sich zu verformen, und die Fensterscheiben zu seiner Rechten und Linken krümmten sich und brachen die Strahlen der Morgensonne. Der Boden unter seinen Füßen wurde plötzlich unerträglich heiß.

»Oliver, geht es Ihnen gut?«

Er öffnete den Mund, um eine Antwort zu geben, doch sein Kinn ließ sich nicht bewegen. Alles um ihn herum wurde mit einem Mal zusammengedrückt wie Abfall im Wagen der Müllabfuhr.

»Oliver«, wiederholte Clara.

Die Worte wollten sich einfach nicht formen lassen. Claras Halskette drehte sich vor seinen Augen, und bevor er irgendetwas tun konnte, fiel er zu Boden.

Balmoral Road, Salisbury, Wiltshire, Großbritannien

Ich habe gestern Abend jemanden kennengelernt. In einem richtig coolen Club mit dem Namen Vipers. Michel de Vos!!!! Ein Künstler!!!! Er sieht ein bisschen aus wie Johnny Depp und ist Ausländer. Exotisch!!!! Dean würde er sicher gefallen. Wir haben getanzt und uns unterhalten, und dann hat er mir von seinen Bildern und Fotografien erzählt. Er wird sie alle in coolen Galerien ausstellen – New York Life und Tilton. Solche fantastischen Möglichkeiten gibt es nur in New York – in Wiltshire läuft man nicht einfach einem sexy Künstler über den Weg.

Ich weiß nicht mehr, wie das Hotel hieß. Ich glaube, der Name fing mit einem »T» an. Ein hübsches Hotel. Wie das Hilton. Auf den Kopfkissen lagen Schokoladentäfelchen, und ich habe sie alle aufgegessen. Er hatte nichts dagegen. Und dann küsste er mich, und ich küsste ihn, und wir haben ALLES gemacht … zweimal. Und ich lag da und dachte, dass das einer der perfekten Momente ist, die ich nie vergessen werde. Ich in New York mit einem Künstler namens Michel.

Hayley schlug ihr zehn Jahre altes Tagebuch in Deans früherem Schlafzimmer zu. Sie hatte genug gelesen. Die Erinnerungen waren schön, aber sie hinterließen trotzdem ein unangenehmes Gefühl. Irgendwie fühlte sie sich … schmutzig. Sie schob das Tagebuch auf das Regal zwischen einen Roman von Jill Mansell und ein Buch von Jilly Cooper. Damit war sie nicht zufrieden, also schob sie rasch einen kleinen Spielzeugelefanten und ein halbes Dutzend Stofftiere vom Jahrmarkt davor.

»Mum!«, rief Angel aus dem Schlafzimmer nebenan.

Hayley schob zwei Stofftiere näher zusammen, sodass das Tagebuch nicht mehr zu sehen war, und warf einen prüfenden Blick auf das Regal. Machten die Plüschtiere das Tagebuch noch auffälliger? Oder unsichtbar?

»Mum!«, rief Angel noch einmal.

»Ich komme!«

Hayley konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie das andere Schlafzimmer betrat. Angel packte fleißig ihre Sachen, und ihre Zöpfe hüpften auf und ab, als sie im kleinsten Schlafzimmer des Hauses zwischen der Kommode und ihrem Koffer hin- und herlief.

Sie blieb stehen und hielt ein dickes Wörterbuch in die Luft. »Ich darf dreiundzwanzig Kilo einpacken, richtig?«

»Ja, Angel, aber mal im Ernst? Ein Wörterbuch?«

Es war ein gebundenes Buch, und Hayley sah, dass Angel es nur mit Mühe hochhalten konnte.

»Es ist aber mein Lieblingsbuch.«

Das Lieblingsbuch ihrer Tochter war ein Lexikon. Warum wusste sie das noch nicht? Jetzt spielte das Gewicht des Buchs keine Rolle mehr – Hayley empfand Mutterstolz. Sie setzte sich auf den Rand ihres früheren Betts. Die Tagesdecke von damals mit den Rüschen und dem wilden bunten Muster war längst durch ein glattes, in gedämpften Farben gehaltenes Modell ausgetauscht worden – ideal, falls die Queen oder Mary Berry jemals ein Bett für eine Nacht brauchen würden.

»In New York gibt es auch Bücher.« Hayley klopfte neben sich auf das Bett.

Angel stemmte ungehalten die Hände in die Hüften. »Heißt das, ich darf mein Lieblingslexikon nicht mitnehmen?«

Was sollte man zu einer Neunjährigen sagen, die sich in Pose stellte wie Beyoncé?

»Und wenn ich dann nicht weiß, was Bürgersteig heißt?«

»Aber du weißt es doch.«

»Darum geht es nicht.« Angel streckte ihren Kopf vor wie ein Strauß, der etwas Essbares erspähte. »Es gibt bestimmt einiges in Amerika, was ich nicht verstehe.«

»Dort spricht man auch Englisch, Angel.«

»Aber amerikanisches Englisch unterscheidet sich sehr stark von britischem Englisch. In den USA lässt man in vielen Wörtern das ›u‹ aus und schreibt ›z‹ anstatt ›s‹.«

»Siehst du, wie viel du schon weißt«, scherzte Hayley.

»Ich brauche mein Wörterbuch.« Angel zog einen Schmollmund, um den sie sogar Naomi Campbell beneidet hätte.

»Dein britisches Wörterbuch.«

Angel stieß einen knurrenden Laut aus, der an ein wütendes Tier in einem Dokumentarfilm erinnerte. Eher Bär als Vogel Strauß. »Ich wette, du nimmst dein dickes Tagebuch mit.«

Diese Bemerkung saß, aber Hayley gab sich Mühe, sich das nicht anmerken zu lassen.

Das Tagebuch, das sie soeben versteckt hatte, war wie eine noch nicht gezündete Granate. Sie wusste nicht einmal, warum sie es aufgehoben hatte. Die letzten Einträge bestanden nur aus ein paar Zeilen, oft nur aus ein paar Worten.

Angel ist ein Zahn herausgebrochen, als sie auf ein Bonbon gebissen hat. Mutter hat mal wieder eine Bemerkung über alleinstehende Mütter gemacht – wahrscheinlich wird sie demnächst die Kummerkastentante Denise Robertson für mich um Rat fragen. Greg hat mir einen Hot Dog mitgebracht; es wäre schön, wenn er nicht ständig versuchen würde, seinen Hot Dog zwischen mich und die Hosenpresse zu schieben.

Hayley zwang sich zu einem Lächeln. »Ich nehme es nicht mit.« Und natürlich musste sie sich jetzt daran halten.Angel ließ sich auf das Bett fallen und überkreuzte die Beine unter ihrem Körper auf eine Weise, die ihre Beweglichkeit zeigte und jeden Teilnehmer eines Pilateskurses neidisch gemacht hätte. »Du solltest dir ein neues Tagebuch zulegen.«

»Wozu? Das alte ist doch noch ganz in Ordnung.« Sie konnte nur hoffen, dass Angel es nicht gelesen hatte. Neben den beiläufigen Bemerkungen über Ereignisse in diesem Jahr hatte sie auch in den neun Jahren davor einiges aufgeschrieben. Auch in dem Jahr, in dem Angel geboren worden war. Und diese Einträge waren zwar widersprüchlich, hatten ihr aber bei den Reisevorbereitungen sehr geholfen.

»Du solltest dein Ideenbuch mitnehmen. Das mit deinen Zeichnungen und Entwürfen und Stoffproben«, schlug Angel vor.

Ihr Ideenbuch. Sie hatte in letzter Zeit so wenige Ideen gehabt, dass sie den hinteren Teil des Buchs für Notizen für ihre Eventplanung verwendet hatte. Die meisten Kunden wollten ein Gesamtangebot auf einer Website, aber hin und wieder fragte jemand nach einem etwas individuelleren Entwurf, und darauf stürzte sie sich dann wie eine halbverhungerte Löwin.

»Wofür sollte ich das brauchen?« Sie schluckte.

»Um deine Entwürfe zu notieren, die du für andere Menschen im Kopf hast.« Angel grinste. »So wie bei der Frau im McDonalds. Ein Schal, den du dir vorstellst.« Sie fuhr mit der Hand durch die Luft. »Kopfbedeckungen und Gürtelschnallen. In New York gibt es sicher jede Menge Anregungen.«

Hayley freute sich über Angels Begeisterung. »Du wechselst das Thema, junge Dame. Wir sollten uns auf unsere Reise vorbereiten.« Sie streckte die Finger aus, piekste Angel in die Rippen und kitzelte sie.

»Hör auf damit!«, quietschte Angel.

»Tut mir leid, ich verstehe dich nicht.«

»Mum!« Angel ließ sich kreischend auf das Bett fallen und versuchte, den Angriffen ihrer Mutter zu entkommen. »Gleich wird Nanny uns hören, und du weißt doch, wie sehr sie es hasst, wenn sie bei Coronation Street gestört wird.«

Hayley zog ihre Hände so schnell zurück, als hätte sie eine Mausefalle berührt. Ihre Mutter auf dem Kriegspfad war das Letzte, was sie jetzt brauchte.

Ihr Blick wanderte von Angel zu dem dicken Buch auf dem Bett. Sie nahm es in die Hand und schlug es auf.

»Ah, hier steht ein Wort, dessen Bedeutung ich gern wissen möchte.« Hayley räusperte sich. »Bodega – ein Kellerlokal oder ein Laden, in dem Wein und Essen verkauft wird, vor allem in einem spanischsprachigen Land.«

Angel riss das Lexikon wieder an sich und klappte es zu. »Ich hoffe, wir werden nicht ständig auf der Suche nach Prosecco sein.«

»Nein, sobald wir in der Nähe einen guten Weinhändler gefunden haben, bleiben wir dabei.«

Angel kreuzte die Beine wieder, legte das Buch auf ihren Schoß und sah Hayley aufmerksam an. »Glaubst du, dass Nanny an Weihnachten allein zurechtkommt?«

Diese Frage klang sehr ernst. Angel liebte Rita. Sie war die einzige andere Person, die immer für sie da gewesen war. Und das stimmte tatsächlich. Rita hatte sich immer um sie gekümmert, wenn auch eher im praktischen als im emotionalen Sinn.

Rita kam nicht mit, weil sie an Weihnachten ins Krankenhaus musste. Sie hatte über sechs Monate lang auf diesen Termin bei einem Spezialisten für Arthritis gewartet und wagte es nicht, ihn zu verschieben. Hayley fühlte sich gleich aus zwei Gründen schuldig. Erstens müsste sie eigentlich hier sein, um Rita zu begleiten, und zweitens war der Termin die perfekte Entschuldigung, um sie nicht bitten zu müssen, sie auf der Reise zu begleiten. Bei dem Gedanken daran schluckte sie heftig.

Hayley legte den Arm um ihre Tochter, zog sie an sich und küsste sie auf den Scheitel. »Nanny wird es gut gehen. Hast du den Lachs in der Gefriertruhe gesehen? Und ganz hinten in der Speisekammer hat sie eine Pralinenschachtel versteckt.«

»Die Minztäfelchen mit der dunklen Schokolade?«

»Genau. Die Schokoladentäfelchen, die an Weihnachten immer unter strenger Bewachung neben ihrem Sessel liegen.«

»Wenn ich mehr als drei davon esse, brennt mir der Mund.«

»Grund Nummer 49, warum Weihnachten in New York besser wird. Wir müssen unsere Schokolade nicht mit Nanny teilen.«

»Aber mit Onkel Dean, Vernon und Randy.«

»Bist du dir sicher, dass Randy ein Hund ist?«

»Ja …« Angel hielt kurz inne. »Ich habe beim Skypen im Hintergrund ein Bellen gehört. Und an dem Garderobenständer hinter Onkel Dean hing ein Lederhalsband.«

Hayley schluckte. »Hunde sind allergisch gegen Schokolade«, sagte sie rasch. »So wie Nanny allergisch gegen Kleidung aus einem karitativen Secondhandshop ist.«

Angel seufzte. »Nanny ist ein lieber Mensch. Sie ist einfach nur ganz anders als du.«

Dieser simple Satz aus dem Mund ihrer Tochter traf Hayley tief. Denn es war die Wahrheit. Ihre Mutter war kein Ungeheuer. Sie hatte sie nie geschlagen und sich immer um ihre materiellen Bedürfnisse gekümmert. Nur an spontaner emotionaler Zuwendung hatte es gefehlt. Aber das machte sie nicht zu einem schlechten Menschen. Sie waren eben einfach grundverschieden.

»Tut mir leid«, flüsterte Hayley kaum hörbar.

»Dann kann ich also mein Lexikon mitnehmen?« Angel klimperte mit den Wimpern, schob die Unterlippe vor und sah aus wie ein Ensemblemitglied von Annie.

»Du kannst das Buch mitnehmen, aber nur, wenn du nicht auch noch das alte Märchenbuch mit den Weihnachtsgeschichten mitschleppst. Ich ertrage es nicht mehr, jeden Abend vorlesen zu müssen, wie Alfie in die Spielzeugmaschine fällt.«

Sie schaute Angel an und wartete darauf, dass sie auf das Lexikon verzichtete. Die Miene ihrer Tochter war ausdruckslos.

»Okay.«

»Okay? Bist du sicher? Das muss wirklich ein besonderes Wörterbuch sein.«

»Ich nehme das Lexikon mit, und weil du eine so tolle Mum bist, hast du dir ein Glas Prosecco verdient.« Angel warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Es ist schon nach acht und beinahe Weihnachten.«

»Dann schnell los! Wo ist die nächste Bodega?« Hayley grinste. »Komm, es ist schon spät. Ab ins Bett mit dir.«

Vorsichtig hob sie den Koffer vom Bett und achtete darauf, dass nichts herausfiel und er nicht mit einem lauten Knall auf den Dielen landete. Heute Abend lief eine Doppelfolge von Coronation Street. Als sie sich wieder aufrichtete, schlüpfte Angel bereits unter die Bettdecke. Ihre Augen waren noch weit geöffnet, aber sie gähnte schläfrig.

»Schlafenszeit.« Hayley strich Angel über das Haar.

»Weißt du, eigentlich ist es mir egal, ob es in New York Yorkshire Pudding gibt.«

Hayley musterte ihre Tochter. In ihren großen blauen Augen lag ein Ausdruck der Besorgnis. Das gefiel ihr nicht. Was immer auch das Leben für sie beide bereithielt, es sollte Angel nicht belasten.

»Gute Neuigkeiten.« Hayley lächelte. »Google sagt, dass es ihn dort tatsächlich gibt. In New York nennen sie ihn Popovers.«

»Tatsächlich?« Angel schien nicht überzeugt zu sein.

»Ja. Und es kommt noch besser – dort gibt es sogar eine Fertigbackmischung dafür zu kaufen.«

Angels Miene erhellte sich, und sie ballte aufgeregt die Hände zu Fäusten.

»Grund Nummer 84, warum Weihnachten in New York besser wird – es gibt Yorkshire Pudding.« Hayley lächelte. »Also fassen wir kurz zusammen. Wir wissen, was eine Bodega ist, und wir können voraussichtlich eine Backmischung für Yorkshire Pudding besorgen, während wir Prosecco kaufen.«

»Mum!« Angel schlug lachend nach Hayleys Arm.

Hayley lächelte weiter, atmete aber dabei tief ein und betrachtete den glücklichen Gesichtsausdruck ihrer Tochter. Sie machte diese Reise nur wegen Angel, aber das wusste ihre Tochter noch nicht.

Sie beugte sich vor und drückte Angel einen Kuss auf die Stirn. »Jetzt schlaf. Und du schlägst nicht mehr George Washington nach oder versuchst herauszufinden, wie viele Arten von Eichhörnchen es im Central Park gibt.«

»Nur eine. Sie sind grau, und ihr Bestand geht zurück. Anscheinend …«

Hayley legte einen Finger auf ihre Lippen, und Angel verstummte.

»Jetzt ist Schlafenszeit. Du kannst mir morgen alles über diese kleinen Viecher erzählen.«

Angel lächelte. »Gute Nacht, Mum.«

»Gute Nacht, Fräulein Superklug.« Hayley ging zur Tür und knipste das Licht aus.

Sie wartete ein paar Sekunden und genoss diesen Moment des Glücks, bevor sich alles in ihrem Leben ändern würde. Plötzlich hörte sie eine leise, kaum wahrnehmbare Stimme.

»Lieber Gott oder lieber Weihnachtsmann, egal, wer mir gerade zuhört … Ich wünsche mir so sehr, meinen Dad zu finden.«

St. Patrick’s Hospital, Manhattan, USA

Oliver hatte das Gefühl, den gesamten Inhalt einer Werkzeugkiste im Mund zu haben samt aller schmutziger Schraubenschlüssel. Auf seiner Zunge und auf den Innenseiten seiner Wangen lag ein widerwärtiger metallischer Geschmack. Er verursachte ihm Übelkeit, ebenso wie die ratternde Maschine neben seinem Bett, die jede Bewegung seines Herzens aufzeichnete. Die vielen Ärzte, die sich bei seiner Einlieferung um ihn geschart hatten, waren mittlerweile alle verschwunden. Er lag ausgestreckt auf dem Bett, und der Schmerz in seiner Brust war einem dumpfen Druck gewichen. Clara saß neben ihm und tippte, die Stirn sorgenvoll gekraust, auf ihrem Telefon herum. Hier konnte er nicht bleiben. Er konnte Krankenhäuser nicht ausstehen, außerdem musste er zurück in sein Büro und endlich alles über den Vorgang Regis Software herausfinden. Er versuchte, sich aufzusetzen.

»Wagen Sie es nicht, sich zu bewegen, Oliver. Die Schwester hat gesagt, Sie sollen ganz still liegen bleiben.« Clara ließ ihr Telefon in den Schoß fallen und griff nach seinem Unterarm.

»Ich wollte mir nur anschauen, was diese verdammte Maschine sagt, und dann verschwinde ich von hier.« Er reckte den Hals. »Was steht da?« Oliver versuchte, das Kurvenbild auf dem Bildschirm ins Auge zu fassen.

»Da steht, dass Ihre persönliche Assistentin die gemeinste Krankenschwester holen wird, die sie finden kann, wenn Sie sich nicht sofort wieder hinlegen«, erwiderte Clara. »Versuchen Sie, sich zu entspannen.«

»Hier? Machen Sie Witze?« Er ließ sich aufs Bett zurückfallen.

Er musste das Diagramm nicht näher betrachten, um zu wissen, was es aussagte. Alle diese Höhen und Tiefen, die Kurven, die nach oben und nach unten gingen, konnten nur eines bedeuten. Herzinfarkt. Daran hatte er keinen Zweifel. Das war sein Schicksal. Es stellte sich nicht die Frage, ob es ihn ereilen würde, sondern nur, wann. Das lag in den Genen seiner Familie, und alle männlichen Drummonds mussten damit rechnen. Herzprobleme und schließlich … Herztod.

Diese Erkenntnis lastete schwer auf seinen Schultern wie eine Schneeverwehung, aus der er sich nicht befreien konnte. Vielleicht war es in diesem Jahr so weit. Aus und vorbei, noch vor seinem dreißigsten Geburtstag. Wie bei seinem Bruder.

»Es ist kein Herzanfall.«

Anscheinend konnte seine persönliche Assistentin Gedanken lesen, aber von Medizin verstand sie offensichtlich nichts. Oliver starrte an die Decke und betrachtete die weißgrauen Fliesen. In einem Riss hing ein schlaffer silberner Lamettafaden. Da konnte wohl jemand Weihnachten ebenso wenig leiden wie er.

Er wollte Clara nicht in die Augen schauen. Sie versuchte nur, ihm Mut zu machen. Was blieb den Leuten in einer solchen Situation auch anderes übrig? Clara kannte seine Familiengeschichte und das unausweichliche Ende.

Der Druck auf seiner Brust war nicht mehr so stark, aber so würde es nicht bleiben. Es würde ihn immer wieder überfallen, wenn er nicht darauf vorbereitet war. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.

»Als mein erster Ehemann seinen ersten Herzanfall hatte, nahm sein Gesicht zuerst die Farbe einer reifen Pflaume an. Doch als er dann auf den Boden fiel, war er so blass wie ein Gespenst.«

Oliver schluckte rasch die aufsteigende Übelkeit hinunter. Er war nicht sicher, ob er das wirklich hören wollte.

»Sein zweiter Infarkt verlief ganz anders. Schweißausbrüche, Verwirrtheit … Er sagte, er habe das Gefühl, als würde eine Abrissbirne gegen seine Brust schlagen.«

»Gab es einen dritten?«

Clara nickte. »Am dritten ist er gestorben.«

Er hatte alles gehört, was er hören musste. Sein Todesurteil war gefällt, aber jetzt wollte er von hier weg. Er begann, die Elektroden von seiner Brust zu ziehen und ruderte mit den Armen, um sich aufzusetzen. »Mehr will ich darüber nicht hören.«

»Oliver, lassen Sie das.«

»Ich halte es hier nicht mehr aus.«

Er zerrte gerade den letzten runden Saugnapf von seiner Brust, als die Tür aufging und eine dunkelhaarige Frau in einem weißen Kittel und mit einem Klemmbrett in der Hand hereinkam. Sie war sehr hübsch. Asiatische Wurzeln, katzenartige Augen, volle Lippen. Oliver spielte mit der Klebeelektrode wie ein Kind, das mit der Hand im Bonbonglas erwischt worden war.

»Mr Drummond, es tut mir leid, ich musste dringend kurz weg.« Sie warf einen Blick auf seine Hand mit der Elektrode, die eigentlich auf seinem Brustkorb kleben sollte. »Wie ich sehe, sind Sie bereits ungeduldig geworden.« Sie verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln.

Sie ging mit festem Schritt zu der Maschine hinüber, drückte auf einige Knöpfe und machte sich Notizen auf ihrem Klemmbrett.

»Es tut mir leid, Frau Doktor, ich habe ihm gesagt, dass er ruhig liegen bleiben soll, aber mit Anweisungen kommt man bei ihm nicht weit«, warf Clara ein.

Die Ärztin beendete ihre Aufzeichnungen, bevor sie ihren Kugelschreiber wegsteckte und sich Clara zuwandte. »Ich habe viele solche Patienten.« Mit einem Blick auf Oliver fügte sie hinzu: »Und meistens handelt es sich dabei um Männer.«

Er schluckte. Das war eine Frau, die alles im Griff hatte. Das war berauschend, und einen Moment lang fühlte er sich vollkommen entwaffnet. Er musste sich wieder fassen. Rasch begann er, die Knöpfe an seinem Hemd zu schließen. Er war noch am Leben. Sein Herz hatte ihn in dieser Runde noch nicht geschlagen, und so schnell würde er das Handtuch nicht werfen. Es war wie beim Football – man musste alles geben. Dieses Gefühl musste er sich wieder ins Gedächtnis rufen.

Er sah die Ärztin an. »Wie lautet Ihr Urteil? Geht es mir gut genug, um Sie heute Abend zum Essen einladen zu können?«

Er war wieder da. Wieder im Spiel. Sie lächelte belustigt, und in ihren Augen lag ein Funken Anerkennung.

»Um Himmels willen, Oliver.« Clara stieß verärgert den Atem aus.

Die Ärztin musterte ihn von oben bis unten, von seinen Lederschuhen über seine Designerhose bis zu dem maßgeschneiderten Hemd, das er sich soeben zuknöpfte. »Sie hatten eine Panikattacke.«

Ihre Worte vernichteten seine Libido wie ein über die Straßen walzender Schneepflug. Ohne sich dessen bewusst zu sein, schüttelte er heftig den Kopf. Eine Panikattacke? Panik? Schwäche. Verzweiflung. Ein kleiner Penis.

Was gingen ihm da für Gedanken durch den Kopf? Das war gut! Es war kein Herzinfarkt! Das war großartig. Er atmete tief aus.

»Sie hatten die klassischen Symptome von Hyperventilation«, fuhr die Ärztin fort.

»Nein.« Oliver schüttelte wieder den Kopf. Es mochte kein Herzanfall sein, aber Panik war es ganz sicher auch nicht. Panik lag nicht in der Natur der Drummonds. »So war es nicht.« Er warf Clara einen Blick zu. »Ich habe nicht nach Luft geschnappt wie ein Asthmatiker, und ich bin auch nicht in Panik geraten.«

»Mr Drummond, es ist nicht so, wie sich die meisten Menschen das vorstellen. Hyperventilation ist eine komplexe Reaktion des Körpers, um alles ein wenig herunterzufahren.«

Das ergab keinen Sinn. Was immer auch geschehen war, ließ sich auf seine Familiengeschichte zurückführen und hatte nichts damit zu tun, dass er ein Schwächling war.

»Alles herunterzufahren liegt mir nicht, Frau Doktor …« Er warf einen Blick auf ihr Namensschild, das an einem Band um ihren Hals hing. »Frau Doktor Khan. Ich leite ein globales Unternehmen.«

»Oliver.« Clara schlug den beruhigenden Ton an, den sie immer verwendete, wenn sie der Ansicht war, dass er in einem Meeting zu weit gegangen war und sich eine hitzige Bemerkung zu viel erlaubt hatte. Nun, in diesem Fall lag sie falsch. Er würde sich von einer jungen Ärztin nicht anhören, dass sein Zusammenbruch von etwas herrührte, das Teenager bei einem Taylor-Swift-Konzert erlitten.

»Mr Drummond, ich kann mir vorstellen, dass Ihre Position sehr großen Stress mit sich bringt. Wie alle Menschen in dieser Lage sind Sie anfällig für alle möglichen Erkrankungen, die nicht immer sofort augenfällig sind.«

Sie mochte sehr hübsch sein, aber er würde sich von ihr nicht weismachen lassen, dass er eine Panikattacke gehabt hatte. Er hatte noch nie in seinem Leben Panik empfunden. Er war sich nicht einmal sicher, ob er wusste, wie sich das anfühlte.

»Sie kennen meine Familiengeschichte?«

»Ja, ich habe einen Blick auf Ihre Krankenakte geworfen. Möchten Sie, dass ich …«

»Sie sind sich sicher, dass es sich nicht um einen Herzinfarkt handelt?«, unterbrach er sie. Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Die Ärztin nickte. »Ihr Blutdruck ist leicht erhöht, aber alles andere ist genau so, wie es sein sollte. Zu Ihrer Beruhigung würde ich vorschlagen …«

Er hievte sich aus dem Bett, richtete sich zu seiner vollen Größe von eins dreiundachtzig auf und nahm seine Krawatte vom Tisch. »Danke, aber wenn ich heute noch nicht sterben muss, dann ist die Sache hier für mich erledigt.« Er lächelte Doktor Khan an, als er seine Fassung wiedererlangt hatte und glaubte, wieder Herr der Lage zu sein, und griff in seine Hosentasche.

»Hier meine Karte.« Er reichte sie ihr. »Falls Sie meine Einladung zum Abendessen doch noch annehmen wollen.«

Er konnte praktisch spüren, wie Clara die Augen verdrehte.

Mancinis Restaurant, 10th Avenue, Manhattan, USA

Wenn soeben das ganze Leben an seinem geistigen Auge vorbeigezogen war, nahm man alles viel intensiver wahr. Oliver konnte die wenigen Male, die ihm das passiert war, an einer Hand abzählen, aber er wusste, es würde noch öfter geschehen. Das war so unvermeidlich wie Weihnachten und der Beginn eines neuen Jahres. Aber in diesem Augenblick herrschte Klarheit. Jetzt bot sich die Chance, Bilanz zu ziehen, alles neu zu bewerten, gründlicher zu betrachten.

Oliver hob das Glas mit dem zarten Stiel an die Nase und genoss das Aroma des Merlot. Eiche, dunkle Beeren, bis zur Perfektion gereift. Der teuerste Rotwein auf der Karte. Er schloss die Augen, legte seine Lippen an den Rand des Glases und ließ den Wein vorsichtig damit in Berührung kommen. Erst dann öffnete er den Mund, sodass die Flüssigkeit auf seine Zunge floss. Der Wein war vollmundig, dicht, wie Samt, der sich sanft auf die Haut legte.

Schließlich schluckte er, stellte das Glas wieder auf den Tisch und schaute sich im Restaurant um. Es war voll besetzt, und von seinem günstig gelegenen Platz aus konnte er sehen, wie Leute an der Eingangstür abgewiesen wurden. Sein Status in der Geschäftswelt ermöglichte ihm einen Stammtisch in einem der exklusivsten Restaurants in dieser Gegend – er brauchte nur anzurufen, gleichgültig, wie spät es war. Nur war er heute allein. Er hatte Tony angerufen und ihn gefragt, ob sie ihre Feier vom Abend zuvor fortsetzen wollten, aber anscheinend war seine Einladung nicht so verlockend wie eine Nacht mit einem polnischen Mädchen namens Erica. Das konnte er seinem Freund nicht übelnehmen. Verdammt, wenn diese Ärztin Khan seine Einladung zum Abendessen angenommen hätte, hätte er Tony gar nicht anrufen müssen.

Oliver schaute aus dem von schweren, goldmelierten Vorhängen und einer wertvoll aussehenden Kette mit Weihnachtsglöckchen halb verdeckten Fenster. Es schneite stärker, und da die Temperatur fiel, blieb der Schnee auf dem Gehsteig liegen. Ein Pärchen tauchte auf, warm eingepackt mit Schals, Mützen und Handschuhen. Unter der Mütze der Frau lugte dunkles Haar hervor. Sie schrie auf, als der Mann sie mit einem Schneeball bewarf. Ihre Silhouetten tanzten schwankend vor den roten und grünen Lichtern eines glitzernden Christbaums vor einem angrenzenden Gebäude. Die Frau bückte sich und hob so viel wie möglich von dem pulvrigen Schnee auf, um sich zur Wehr zu setzen. Sie verfehlte jedoch ihr Ziel, und der Schneeball landete auf der Windschutzscheibe eines parkenden Wagens. Kreischend flüchtete sie vor ihrem Partner, der sie erneut unter Beschuss nahm. Oliver beobachtete, wie die beiden die Straße hinunterliefen, bis er ein Räuspern hörte.

Er schaute auf. Neben ihm stand ein Kellner in der im Mancini üblichen Kleidung: cremefarbener Smoking mit rotbrauner Weste und einer dazu passenden Fliege.

»Bitte entschuldigen Sie die Störung, Mr Drummond. Darf ich fragen, ob Sie zum Dinner Gesellschaft erwarten?«

Oliver nickte. Ja, genau das brauchte er jetzt, um über diese unangenehme Geschichte im Krankenhaus hinwegzukommen. Seine Gedanken wanderten zurück zu Doktor Khan. Sie hatte ihm praktisch befohlen, sich zu entspannen. Vielleicht war es an der Zeit, den Anordnungen der Ärztin Folge zu leisten.

»Natürlich, Ricco.« Oliver ließ den Blick über die anderen Gäste schweifen. Die Pärchen, die über den Tisch hinweg Händchen hielten, die Geschäftsleute und die über Vierzigjährigen kamen nicht in Frage. Wer blieb noch übrig? Ein paar Tische weiter saßen vier Frauen, zwei Blondinen und zwei Brünette. Sie benahmen sich nicht zu laut, hatten noch nicht mit dem Essen begonnen und waren alle tadellos gekleidet. Dann entdeckte er sie. Sie saß an einem Tisch am anderen Ende des Raums in einer Ecke, nah genug, sodass er alles sehen konnte, was er sehen wollte. Honigfarbenes Haar, die Finger um ein Glas Weißwein gelegt, schwarzes Cocktailkleid.

»Ricco, bringen Sie der Dame dort drüben ein Glas Champagner und fragen Sie sie, ob Sie mir beim Essen Gesellschaft leisten möchte.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Tisch in der Ecke.

»Ja, Sir.«

Als der Kellner sich zum Gehen wandte, fügte Oliver rasch hinzu: »Ach, und Ricco.«

»Ja, Mr Drummond?«

»Wir nehmen beide den Lachs.«

»Wie Sie wünschen, Sir.«

Oliver lehnte sich in seinem Stuhl zurück, trank einen Schluck Wein und wartete ab. Im Grunde genommen wusste er bereits, wie es weitergehen würde. Welche Frau würde eine Einladung zu Champagner und einem Abendessen mit einem Milliardär ablehnen?

Plötzlich zog sich etwas in seiner Brust zusammen, und sofort durchströmte ihn Angst. Er schluckte und versuchte, sich auf die Hintergrundmusik zu konzentrieren – schmalziges Weihnachtsgedudel, das er nicht ausstehen konnte. Es funktionierte nicht, und in seinem Kopf begann es zu pochen. Nein, das durfte nicht passieren. Er würde das nicht zulassen, egal was es war. Das ist ein Herzinfarkt. Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Du wirst sterben.

Er schüttelte den Kopf, um sein Unterbewusstsein auszuschalten. Die Diagnose der hübschen Ärztin kam ihm wieder in den Sinn, während er beobachtete, wie Ricco der Frau mit dem honigblonden Haar auf einem Silbertablett ein Glas Champagner brachte. Er hatte keine Zeit für Stress oder Tod. Er musste kämpfen, durfte nicht aufgeben, wie sein Vater und sein Bruder es getan hatten.

Oliver zog den Bauch ein, richtete sich auf und ignorierte das Stechen in seiner Brust. Die Frau nahm das Glas Champagner entgegen und sah zu ihm herüber. Mit einem schüchternen Lächeln prostete sie ihm zu. Er schluckte den Schmerz hinunter. Dadurch würde er sich auf keinen Fall den Abend verderben lassen. Er war im Spiel.

Ihr Name war Christa. Sie war nur zwei Tage in New York, und das war bereits ihr zweiter Abend. Das war perfekt. Sie war zu einer Konferenz hier, wohnte im Bryant Park Hotel, und ihr Boss hatte den Tisch für sie reserviert. Christa arbeitete in der Kosmetikbranche für eine nationale Firma namens Cuticle und beschäftigte sich mit Nagellack und etwas, was sie Acrylfarben nannte. Sie sprach sehr viel, und nach dem dritten Glas Champagner hörte man ihr deutlich an, dass sie aus Idaho stammte. Sie war genau die Ablenkung, die er jetzt brauchte.

»Tut mir leid, Oliver, ich langweile Sie. Sie wollen sicher nichts über französische Maniküre und die neuesten Nagellacke hören.« Christa stellte ihr Glas auf den Tisch und warf es dabei beinahe um.

»Ich hatte keine Ahnung, dass Nagelpflege so kompliziert sein kann«, erwiderte er. »Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich bei einer Frau nicht zuerst auf die Nägel achte.« Er sah sie unverwandt an und wurde mit einem weichen Lächeln belohnt.

»Ach ja?« Sie legte eine Hand auf den Tisch und strich mit den Fingern über das Tischtuch. »Verraten Sie mir, was Sie bei Frauen besonders anzieht?«

Sie warf ihm einen koketten Blick zu, und das gefiel ihm. Entspannt beugte er sich leicht zu ihr vor. »Nun, Christa, was glauben Sie denn?« Er neckte sie, und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen genoss sie jeden Augenblick.

»Das Lächeln?«, riet sie. »Oder vielleicht die Augen?«

Er zögerte einen Moment lang und schenkte ihr Champagner nach. »Nein.« Lächelnd schüttelte er den Kopf.

»Haben Sie eine Vorliebe für Blondinen?« Christa hob ihr Glas an die Lippen und trank einen Schluck.

Er schüttelte wieder den Kopf und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Das war der Teil, den er am liebsten mochte. Die Fragen, die arglose Erwartungshaltung. Noch nicht wissen, was als Nächstes geschehen würde. Er war aufgeregt wie früher auf dem Footballfeld, oder wie manchmal, wenn er für Drummond Globe einen Vertrag abschloss. Obwohl er das in letzter Zeit nicht oft getan hatte. Rasch schob er diesen negativen Gedanken beiseite und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Das war sein Abend. Er lebte hier und jetzt, ohne Grenzen. Und seine kurze Lebenserwartung spielte in diesem Moment keine Rolle.

Er beugte sich wieder zu ihr vor. »Es geht um die Aura«, flüsterte er ihr zu.

Der Klang seiner Stimme schien sie zu fesseln, beinahe zu hypnotisieren. Sie stützte den rechten Ellbogen auf den Tisch und griff mit der Hand nach einem ihrer goldenen Ohrstecker in Form eines Herzens. Er hatte keine Gewissensbisse wegen der kleinen Lüge. Schließlich profitierte sie von alldem ebenso viel wie er – wenn nicht sogar mehr.

»Die Aura«, wiederholte sie leise.

Er nickte und schob seine Hand an den Gewürzen vorbei über den Tisch. Seine Finger befanden sich nun nur noch wenige Zentimeter von ihren entfernt.

Und dann lachte Christa auf – laut und hart. »Das ist wirklich witzig!« Sie nippte an ihrem Champagner und verschüttete dabei ein paar Tropfen. »Eine Aura!« Sie stellte das Glas wieder hin und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Für einen kurzen Moment verlor er die Fassung. Damit kriegte er sie sonst immer, egal ob sie daran glaubten oder nicht. Sie sollte sich jetzt geschmeichelt fühlen, glauben, dass sie für ihn etwas Besonderes war. Er musste der Sache eine andere Wendung geben. Er lächelte sie an.

»Was? Glauben Sie etwa, dass das nicht wahr ist?« Oliver zwang sich zu einem Lachen. »Glauben Sie, ich würde das jeder Frau erzählen, die ich kennenlerne?«

»Ich bin nicht so dumm, etwas anderes anzunehmen«, erwiderte Christa und trank noch einen Schluck Champagner. »Aber …« Sie stellte das Glas auf den Tisch und schob ihre Hand näher an seine heran. »Das stört mich nicht.«

Oliver war sich nicht sicher, was er von diesem Richtungswechsel halten sollte. Normalerweise war er derjenige, der die Zügel in der Hand hielt und bestimmte, wo es langging. Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, dass Christa jetzt den ersten Schritt machte. Er lächelte breit. Es war an der Zeit, die Sache wieder in die Hand zu nehmen.

Er schob seine Finger zwischen ihre und drückte sie fest. Sie stöhnte leise. Es war so weit.

»Wünsch dir etwas«, flüsterte er und sah ihr dabei in die Augen.

»Was?«

Er bemerkte, dass sie kurz den Atem anhielt und sich dann ihre Brust nur noch so leicht hob und senkte, dass es kaum zu sehen war.

Bevor er fortfuhr, befeuchtete er sich die Lippen. »Wenn du dir heute Abend etwas wünschen dürftest, jetzt sofort, was wäre das?«

Sie kicherte, offensichtlich nervös und aufgeregt, obwohl ihre Vernunft ihr sagte, dass das Unsinn war.

»Du bist verrückt«, erwiderte sie.

»Wünsch dir etwas, Christa. Und Geld spielt dabei keine Rolle.« Er drückte ihre Hand. »Wenn du jetzt irgendetwas tun könntest, irgendwohin gehen könntest, etwas unternehmen könntest, was du dir schon immer gewünscht hast, was wäre es?«