Winterzauber in Notting Hill - Mandy Baggot - E-Book
oder
Beschreibung

Isla und Hannah Winters leben schon immer in Notting Hill. Seit ihre Eltern bei einem Autounfall starben, kümmert sich Isla um ihre an den Rollstuhl gefesselte Schwester. Überhaupt hält die gesamte Nachbarschaft zusammen wie eine große Familie. Vor allem zu Weihnachten, wenn die Häuser des Viertels in warmem Licht erstrahlen und köstliche Düfte vom Portobello-Markt herüberwehen. Umso schockierter sind alle über die zerstörerischen Pläne der Immobilienfirma, bei der Isla arbeitet. Und ausgerechnet Isla soll dem neuen CEO bei seinem Londonbesuch jeden Wunsch von den Lippen ablesen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:0


Buch

Isla Winters lebt schon immer in Notting Hill. Seit ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall starben, der ihre jüngere Schwester Hannah an den Rollstuhl fesselte, wohnen die Winters-Schwestern gemeinsam im elterlichen Haus. Sie und die gesamte, wundervolle Nachbarschaft halten zusammen wie eine große Familie, vor allem zu Weihnachten, wenn die bunten Häuser des Viertels in warmem Licht erstrahlen und köstliche Düfte vom Portobello-Markt herüberwehen. Umso schockierter sind sie, als sie von den Plänen der Immobilienfirma erfahren, bei der Isla arbeitet. Zum Glück wird gerade Isla damit beauftragt, Chase Bryan, dem neuen CEO aus New York und frisch geschiedenen Vater zweier Töchter im Teenageralter, bei seinem Londonbesuch jeden Wunsch von den Lippen abzulesen …

Autorin

Mandy Baggot ist preisgekrönte Autorin romantischer Frauenunterhaltung. Sie hat eine Schwäche für Kartoffelpüree und Weißwein, für Countrymusic, Reisen und Handtaschen– und natürlich für Weihnachten. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann, ihren beiden Töchtern und den Katzen Springsteen und Kravitz in der Nähe von Salisbury.

Mandy Baggot im Goldmann Verlag:

Winterzauber in Manhattan. Roman

Winterzauber in Paris. Roman

(auch als  E-Book erhältlich)

Mandy Baggot

Winterzauber in Notting Hill

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Laszlo

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »One Christmas Kiss in Notting Hill« bei Ebury Press, an imprint of Ebury Publishing, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung November 2018

Copyright © der Originalausgabe by Mandy Baggot

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

GettyImages / Vetta

Redaktion: Babette Leckebusch

MR · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-23017-3V001

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

KAPITEL EINS

Beaumont Square, Notting Hill, London

RUMMS! PENG! WUMMS!

Isla Winters riss die Augen auf und strich sich die vom Schlaf zerzausten rotbraunen Locken aus dem Gesicht. Es war noch dunkel, durch die Vorhänge schimmerte kein Licht … und vom Erdgeschoss drangen Geräusche an ihr Ohr. Schlurfende Schritte, eine Schublade wurde aufgezogen und dann … War das die Kühlschranktür, die zugeschlagen wurde? Wie spät war es? Welcher Tag? Sie öffnete die Augen noch weiter, in der Hoffnung, dadurch auch besser hören zu können. Aus ihrem Haar rieselte Glitzerstaub und fiel auf ihr Gesicht, auf das Kissen und das Betttuch … Das kam davon, wenn man Weihnachtskarten selbst bastelte.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und griff nach dem langen kirschroten Pullover, den sie am Abend zuvor auf den Stuhl neben ihrer Frisierkommode geworfen hatte. Es war eiskalt, und sie zitterte, während sie den Wollpulli über ihr Nachthemd zog. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie den Winter eigentlich mochte. Es war eine fröhliche Jahreszeit mit Schnee (na ja, manchmal), in der es in den Läden festlich verpackte Schokolade und neue Geschenkideen gab, die niemandem hätten einfallen dürfen. Es war die Zeit der Feste, in der alles funkelte und glitzerte. Aber ihr gefiel diese Zeit besser, wenn die Zentralheizung bereits lief, sie warm angezogen war und zwei Macchiato getrunken hatte. Sie warf einen Blick auf den Wecker auf ihrem Nachttisch: fünf Uhr. Um diese Zeit war Hannah niemals wach.

Im Erdgeschoss zog jemand eindeutig Schubladen auf. Aber sie würde nicht in Panik ausbrechen. Es musste Hannah sein, oder? Allerdings hatte sie den Treppenlift ihrer Schwester nicht gehört. Und den hörte sie sonst immer. Manchmal wachte sie sogar auf, weil sie glaubte, ihn zu hören. Ihr Unterbewusstsein war bis jetzt noch nicht davon überzeugt, sich nicht ständig überfürsorglich zu verhalten.

Isla schlich auf den Flur, trippelte elegant wie eine Balletttänzerin auf Zehenspitzen und so leise wie nur möglich auf dem eiskalten Holzboden zu Hannahs Zimmer und schob vorsichtig die Tür auf. Sie öffnete sich nur einen Spalt – nicht weit genug, um zu sehen, ob jemand im Bett lag. Also drückte Isla sie ein Stück weiter auf, und die Türangeln gaben ein Quietschen von sich, das an eine Hyäne im Maul eines Löwen denken ließ.

»Was ist passiert? Isla?«

Hannah versuchte, sich kerzengerade aufzusetzen. Sie brauchte drei oder vier Anläufe und verfing sich dabei mit den Armen in der Lichterkette und den Weihnachtsfähnchen, die über ihrem Bett hingen. Als sie es endlich geschafft hatte, stand Isla bereits vor ihr und legte die Finger auf die Lippen.

»Psst!«

Hannah blinzelte und lächelte sie verschlafen an. Ihr kurz geschnittenes hellbraunes Haar sah genauso aus wie beim Zubettgehen. »Ist bereits Weihnachten? War der Weihnachtsmann schon da?« Diesen Scherz machte sie seit Mitte November.

»Nein«, erwiderte Isla. »Aber irgendjemand ist im Erdgeschoss.«

»Was?« Hannahs Stimme klang jetzt klarer. »Jemand ist unten? Wie spät ist es?«

»Fünf Uhr.« Isla griff nach dem Telefon auf dem Nachttisch ihrer Schwester und fegte in ihrer Hast einige Loom-Bänder und Glaskugeln auf den Boden. »Ich rufe die Polizei.«

»Warte.« Hannah streckte den Arm aus und hielt Islas Hand fest. »Tu das nicht.«

»Hannah! Jemand ist in unserer Küche!«

»Ich weiß«, erwiderte Hannah. »Aber Mrs Edwards schläft in letzter Zeit sehr schlecht, und das bedeutet, dass sie die Polizei sehen wird, wenn sie kommt. Und als das letzte Mal die Polizei hier auftauchte, war es wegen Mr Edwards … du weißt schon … als sie glaubten, er sei unter verdächtigen Umständen ums Leben gekommen.« Hannah verdrehte die Augen. »Mit dem Stößel im Mörser.«

»Hannah, im Augenblick ist mir Mrs Edwards’ Gemütsverfassung nicht so wichtig. Hast du mir nicht zugehört? In unserer Küche ist jemand!«

»Okay.« Hannah atmete tief durch. »Gib mir eine Sekunde Zeit, um in den Rollstuhl zu kommen. Oder hilf mir auf den Boden, damit ich zum Treppenlift kriechen kann. Das geht schneller und ist viel leiser.« Sie schniefte. »Wir hätten doch wieder diese alten, laut klingenden Christbaumglocken von Mum und Dad über alle Türen hängen sollen. Sie sind besser als jede Alarmanlage.«

»Dieses Gebimmel weckt uns jedes Jahr bei dem geringsten Luftzug auf. Und außerdem weißt du genau, dass ich es nicht mag, wenn du über den Boden rutschst.«

»Pah!« Hannah tat das mit einer Handbewegung ab. »Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, also komm runter von diesem ›Menschen, die nicht laufen können, tun mir so leid‹-Getue.« Sie grinste. »Tatsächlich ist das Kriechen erstaunlich befreiend. Man entwickelt eine tiefe Empathie für Schnecken, und vor Kurzem habe ich ein kleines schwarzes Top unter meinem Bett gefunden, von dem ich gedacht habe, ich hätte es bei Creepy Neil’s liegen lassen.«

Ein Krachen ließ sie beide aufhorchen. Nun kam allmählich doch Panik auf. Isla sah sich rasch nach einem Gegenstand um, mit dem sie sich gegen den Einbrecher zur Wehr setzen konnte. Sie ließ das Telefon fallen und griff nach einer Hugh-Grant-Keramikfigur, die eine von Hannahs Stammkunden im Blumenladen ihr geschenkt hatte. Sie war etwa dreißig Zentimeter hoch und hart wie Ziegelstein – und mit Hugh Grants Nase konnte sie, falls nötig, jemandem ein Auge ausstechen.

»Was hast du mit Hugh vor?«, rief Hannah.

»Ich hoffe, dass ich damit den Eindringling verschrecken kann.«

»Die Figur ist sehr gelungen, also mach dich bitte nicht über Valeries künstlerische Fähigkeiten lustig. Sie wartet außerdem immer noch auf einen Termin für die Karpaltunneloperation.« Hannah schob sich an den Bettrand und setzte eine mitleidheischende Miene auf. »Hilf mir auf den Boden, damit ich kriechen kann.«

»Nein.« Isla wandte sich zur Tür. »Du bleibst im Bett. Und wenn ich dir nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten sage, dass alles in Ordnung ist, rufst du die Polizei, auch wenn sich Mrs Edwards dann aufregt. Hast du mich verstanden?«

Hannah nickte. »Verstanden. Isla?«

»Ja?«

»Sei vorsichtig. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde … Hugh.« Sie hielt sich die geblümte Bettdecke vors Gesicht, um ihr Kichern zu ersticken.

Isla ging kopfschüttelnd zurück in den Flur. Manchmal fragte sie sich, ob bei dem Unfall nicht nur Hannahs Wirbelsäule verletzt worden war. Die Vorstellung, dass jemand in ihr Haus eingedrungen war, schien sie in keiner Weise zu beunruhigen. Okay, wer immer es auch war, er ging nicht gerade wie ein Ninja vor, also war es wohl auch kein Serienmörder. Aber sie machte sich Sorgen, dass sich der vermeintliche Dieb mit ihrem MacBook aus dem Staub machen könnte, bevor sie unten angekommen war. Oder dass ein Überraschungsteam vom Fernsehen ihre Küche rotbraun gestrichen hatte.

Isla hielt den Atem an und tappte vorsichtig barfuß auf dem Läufer mit dem orientalischen Muster die Treppe hinunter. Sie achtete darauf, nicht auf die knarrende siebte Stufe von oben zu treten, und lauschte aufmerksam, von wo die Geräusche kamen. Geschirr klirrte, Besteck klapperte. Und war das die Kaffeemaschine? Wer brach denn in ein Haus ein und machte sich dann einen Espresso?

Vor jemandem, der ihre Krups zu schätzen wusste, hatte Isla schon ein bisschen weniger Angst, aber trotzdem umklammerte sie die schwere Hugh-Grant-Figur mit den Fingern der linken Hand und schlich sich langsam über den Flur zur im hinteren Teil des Hauses gelegenen Küche.

An der Tür blieb sie stehen und spähte in die Dunkelheit. Das einzige Licht kam von der blau leuchtenden Einfassung der Kaffeemaschine. Da war tatsächlich jemand in der Küche. Jemand, der eine Kappe und einen dicken Mantel trug. Was sollte sie jetzt tun? Ihn ansprechen? Hugh Grant sprechen lassen? Sie könnte auch das Licht anknipsen. Wenn sie vorsichtig die rechte Hand ausstreckte, konnte sie den Lichtschalter an der Wand neben der Küchentür erreichen. Mit der Tonfigur in der hocherhobenen linken Hand schob sie sich Zentimeter für Zentimeter voran und tastete mit der anderen Hand nach dem Schalter.

Als die Deckenstrahler grell aufleuchteten, stürmte Isla, von einem Adrenalinschub getrieben, in die Küche und zückte die Hugh-Grant-Figur wie ein Schwert.

»Ha!«

»Hilfe! Nicht schießen, nicht schießen! Ich bin’s! Ich bin’s nur!«

Islas Puls raste wie bei Mo Farah auf der Zielgeraden. Sie blieb stehen und starrte verblüfft auf Raj, den Postboten Anfang zwanzig, der seine Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Er stieß mit dem Ellbogen an die Tür des Küchenschranks, und zwei Weihnachtskarten, die Isla am Tag zuvor dort angebracht hatte, fielen auf die Arbeitsplatte.

»Raj!«, rief Isla. »Was tust du denn hier?« Sie stellte die Hugh-Grant-Figur ab und presste eine Hand auf die Brust, um ihr wild schlagendes Herz zu beruhigen.

»Ich wollte mir nur eine Tasse Kaffee machen … nur Kaffee«, stammelte er, heftig atmend. »Hannah hat gesagt, das wäre in Ordnung. Sie hat mir einen Schlüssel gegeben.«

Isla lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Ihre Schwester hatte dem Postboten einen Hausschlüssel gegeben … und ihr kein Wort davon gesagt. Sie schüttelte den Kopf. Das war typisch Hannah.

»Sie hat es dir wohl nicht gesagt«, mutmaßte Raj und hob die Hände. »Es tut mir leid, ich habe mich letzte Woche über den schlechten Kaffee im Verteilerzentrum beschwert und darüber, dass ich jetzt im Dezember noch früher anfangen muss – all die Karten und Päckchen, die der Paketdienst Yodel nicht für Amazon übernehmen kann, verstehst du? Und Hannah sagte, wenn ich Zeit hätte und in der Nähe wäre, dann könnte ich einfach reinkommen und mir einen Kaffee kochen, bevor ich mich an die Arbeit mache.«

So war Hannah. Obwohl eigentlich sie diejenige war, die alle beschützen wollten, hatte sie eine ausgeprägte Neigung, andere unter ihre Fittiche zu nehmen. Manchmal war das sehr liebenswert, aber hin und wieder auch ärgerlich. So wie jetzt, wenn der Postbote eine Menge Schneematsch in die Küche getragen und über den gesamten Fußboden verteilt und sie aufgeweckt hatte.

»Ich gehe jetzt«, verkündete Raj, machte einen Schritt rückwärts zur Tür und zog sich dabei seine Kappe tiefer ins Gesicht. »Ich kann mir auch in dem neuen Café einen Kaffee holen. Einen marokkanischen mit Orangenblüten … Der ist echt gut, Mann.«

»Raj …«, begann Isla. Sie kam sich ein wenig gemein vor.

»Schon okay, alles in Ordnung.« Raj hielt den Blick auf die Tonfigur gerichtet und wich mit erhobenen Händen weiter zurück.

»Raj! Geh nicht weg!« Hannahs Stimme drang lautstark nach unten. »Ich komme!«

»Ich sollte wirklich lieber gehen«, sagte Raj zu Isla.

»Nein«, seufzte sie. »Schon gut.« Wenn sie ihn jetzt gehen ließ, würde sie sich das ewig von Hannah vorwerfen lassen müssen. Sie hörte das Surren des Treppenlifts, was bedeutete, dass ihre Schwester auf dem Treppenabsatz dorthin gekrochen war, sich in den Sitz gehievt hatte und nun auf dem Weg nach unten war.

»Ich gieße noch ein bisschen Wasser in die Kaffeemaschine, okay?«, schlug Isla vor.

KAPITEL ZWEI

»Die werden nicht lang hierbleiben.«

»Glaubst du? Aber sie sind erst seit einem Monat hier. Ich habe es noch nicht einmal geschafft, sie zum Abendessen einzuladen.«

»Die Nudeln würde ich mir sparen, Hannah. Aber du gehst immer aufs Ganze, richtig?«

»Aufs Ganze? Du meinst, ich lege mich mit allen an?«

»Du verstehst mich schon richtig.«

Isla zog im Wohnzimmer ihre Schuhe an und beobachtete dabei Raj und ihre Schwester, die es sich auf der gemütlichen Fensterbank bequem gemacht hatten. Das Erkerfenster bot einen guten Blick auf den Beaumont Square, ihr kleiner Bereich von Notting Hill. Und die weiche pflaumenblaue Auflage mit den flauschigen, perlfarbenen Kissen war der einzige Ort, den Hannah gern gegen ihren Rollstuhl eintauschte, um sich zu entspannen. Im Augenblick hielten die beiden den Blick auf die Hausnummer elf gerichtet, wo vor Kurzem neue Nachbarn – ein Pärchen Anfang dreißig – eingezogen waren. So viel dazu, dass Raj seine Runde früh hatte beginnen wollen. Es war bereits halb acht, und er hatte schon drei Tassen Kaffee getrunken.

»Was glaubst du, was er beruflich macht?«, fragte Hannah und nippte an ihrer Kaffeetasse.

»Er arbeitet bestimmt bei einer Versicherung«, erwiderte Raj.

»Woher willst du das wissen?« Hannah kicherte.

»Das sieht man an dem komischen Dreiteiler.«

»Hannah«, mahnte Isla. »Musst du nicht zur Arbeit?«

»Ja, ja, gleich.«

Isla warf wieder einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sieben Uhr vierunddreißig. Sie musste bald los, wenn sie rechtzeitig bei Breekers ankommen und nicht in der U-Bahn im täglichen Verkehrschaos stecken bleiben wollte. Außerdem befand sich auf dem Weg zur Bahn ein kleiner Laden, der im Schaufenster einen wunderschönen Christbaum mit glitzernden weißen Federn ausgestellt hatte. Sie hatten im Haus bisher kaum Weihnachtsdekoration angebracht und auch noch keinen Weihnachtsbaum besorgt. Dieser war zwar künstlich, aber sie fand ihn schön, und sie war sich sicher, dass er auch Hannah gefallen würde. Isla wollte ihn sich jetzt gleich noch einmal anschauen, dann vielleicht am Abend eine Anzahlung hinterlegen und ihn am Wochenende abholen. Es mochte klischeehaft klingen, aber die Winters-Schwestern liebten diese Zeit des Jahres!

»Han, ich muss gleich los«, sagte Isla. »Um neun habe ich einen Termin mit einem Kunden, und den Rest des Tages bin ich mit der Organisation der großen Feier beschäftigt.«

Das erregte Hannahs Interesse, und sie wandte sich rasch zu ihr um. »Kannst du mir schon das Thema der Party verraten?«

Isla lächelte. »Nein, du weißt doch, dass das immer bis eine Woche vorher streng geheim ist.«

Natürlich wusste Hannah das, aber es hielt sie nicht davon ab, jedes Jahr weitere Fragen zu stellen, um an Insider-Informationen über die von Breekers Construction ausgerichtete Weihnachtsfeier in London heranzukommen.

»James Bond?«, riet Hannah.

»Das hatten wir vor zwei Jahren schon.«

»Titanic?«

»Nein.« Aber das war keine schlechte Idee fürs nächste Jahr. Sie könnten einen Veranstaltungsraum zum Deck des angeschlagenen Schiffs umgestalten. Vor Islas geistigem Auge entstand das Bild einer riesigen, mit Eistrümmern bedeckten Kommandobrücke, wo man Fotos schießen und zeitgenössische Kleidung vorführen konnte. Mit Sicherheit eine gute Idee für eines der Moodboards, die sie für Pinterest entwarf.

Hannah wandte sich an Raj. »Wie war gleich noch der Name der Gang, von der du vor Kurzem gesprochen hast?«

»FX Crew? Oder die Needle Boys?«

Isla schloss die Augen, und das Wohnzimmer verwandelte sich in den Clubraum von Sons of Anarchy. Jeden Augenblick würde Raj ihr mehr darüber erzählen, aber »jemanden kaltmachen« hatte nicht unbedingt etwas mit der Titanic zu tun.

»Han … wenn du Hilfe brauchst, dann …«

»Ich brauche keine Hilfe«, erwiderte Hannah leichthin.

»Aber du musst dich für die Arbeit zurechtmachen, und …«

»Ronnie Kray ist ja bei mir.« Hannah schlug mit der Faust auf die Armlehne ihres Rollstuhls.

»So nennst du das Ding?« Raj grinste breit. »Cool.«

»Ich weiß«, begann Isla. »Aber …«

»Raj kann mir in den Stuhl und in den Treppenlift helfen. Den Rest schaffe ich auf dem Boden.«

»Han, du musst dich auch noch anziehen.«

»Hör endlich auf!«, rief Hannah. »Ich schaff das schon! Ich kann das! Du musst nicht ständig auf mich aufpassen!«

Isla schluckte bei dem verzweifelten Klang von Hannahs Stimme.

»Ähm, ich gehe jetzt besser.« Raj stand auf und suchte nach einem Platz, wo er seine Kaffeetasse hinstellen konnte. »Die vielen Briefe und Weihnachtskarten liefern sich nicht von selbst aus.«

»Du musst noch nicht gehen«, sagte Hannah und unterdrückte ihren verletzten Stolz.

»Wir sehen uns später, ihr Süßen.« Raj grinste Hannah an. »Vielleicht schaue ich sogar kurz im Blumenladen vorbei.«

»Bis dann, Raj«, sagte Isla, als der Postbote zur Tür ging. »Tut mir leid wegen des Missverständnisses … und wegen Hugh Grant.«

»Schon in Ordnung.« Raj hob seine Kappe kurz an. »Alles okay.«

Nachdem Raj die Küche verlassen hatte, herrschte eisiges Schweigen, bis die Haustür ins Schloss fiel. Isla wusste, was ihr jetzt bevorstand.

»Warum tust du das?«, brüllte Hannah. »Ständig tust du das, verdammter Mist!«

»Es tut mir leid«, begann Isla. »Ich … ich muss jetzt zur Arbeit, aber ich wollte dich wissen lassen, dass ich noch genügend Zeit habe, um dir zu helfen … falls du Hilfe brauchst.«

»Wenn ich deine Hilfe brauche, lasse ich dich es wissen«, erwiderte Hannah scharf. »Meine Stimme hat unter dem Unfall nicht gelitten.«

Isla schluckte. Selbst fünf Jahre nach dem Unfall wurde es nicht leichter. Sie hatten bei dem Autounfall ihre Eltern verloren, aber dass Hannah seitdem nicht mehr laufen konnte, war fast noch schlimmer. Isla war damals zwanzig gewesen und hatte geplant, von zu Hause auszuziehen und ihr eigenes Leben zu beginnen, und dann waren ihre Pläne plötzlich auf den Kopf gestellt worden. Mit einem Mal war sie verantwortlich für eine Fünfzehnjährige, die versuchte, mit ihrer Lähmung zurechtzukommen. Und trotzdem blieb ihre lebenslustige Schwester genauso, wie sie vorher gewesen war, nur dass Spitzentanz oder Inlineskating für sie nicht mehr infrage kamen.

»Nun, wir sollten darüber reden, wem du unseren Hausschlüssel gibst.« Isla wechselte rasch das Thema.

»Raj ist mein Freund.«

»Freunde bekommen nicht automatisch einen Schlüssel für die Vordertür.«

»Es war der Schlüssel für die Hintertür.«

Isla schüttelte den Kopf und seufzte.

»Was?« Hannah neigte den Kopf zur Seite. »Wunderst du dich immer noch darüber, wie nervtötend ich sein kann, obwohl ich meine Beine nicht mehr bewegen kann?«

»Han, hör auf damit«, bat Isla. »Ich versuche doch nur … alles richtig zu machen.«

Hannah schniefte und wandte sich wieder zum Fenster, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie emotional aufgewühlt war. Isla schwankte, ob sie einfach ihre Tasche nehmen und rasch zur Arbeit flüchten oder zu ihrer Schwester hinübergehen sollte, um die Sache zu klären.

»Hannah …«

»Was hältst du von dem Pärchen im Haus Nummer elf?«, unterbrach Hannah sie.

»Keine Ahnung.« Isla ging zu Hannah hinüber, stellte sich neben sie – allerdings nicht zu nahe – und schaute auf die stille, noch winterlich dunkle Straße hinaus. »Ich glaube, ich bin ihnen nur einmal kurz begegnet.«

»Sie haben eine Katze«, fuhr Hannah fort. »Na ja, sie hatten eine. Als sie einzogen, haben sie sie in einem Korb mitgebracht, der aussah wie einer der Geschenkkörbe von Fortnum & Mason. Sie trug ein pinkfarbenes Halsband mit Glitzersternchen. Seitdem habe ich sie aber nicht mehr gesehen.«

»Vielleicht bleibt sie immer im Haus«, meinte Isla.

»Willst du damit sagen, so wie ich?«

Isla lächelte ihre Schwester an. »Hannah Winters, du bist viel öfter unterwegs als ich!«

»Immer mit einer Begleitperson, falls ich aus meinem Ronnie falle oder allein mitten ins Verkehrsgewühl fahre und dann als Ursache eines Staus in den Radionachrichten von Capital FM erwähnt werde.«

Das war ein Punkt, über den sie sich häufig stritten. Isla war immer unbehaglich zumute, wenn Hannah ganz allein loszog. Sie wusste, dass ihre Schwester großen Wert auf ihre Unabhängigkeit legte und diese brauchte, aber sie war so verletzlich. Vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang war keine junge Frau sicher, aber wenn sie noch dazu in einem Rollstuhl saß und sich nicht wehren konnte … da konnte alles Mögliche passieren.

Sie tätschelte Hannahs Schulter. »Komm, wir gehen nach oben, damit du fertig bist, wenn Poppy kommt.«

»Manchmal frage ich mich wirklich, was genau du bei Breekers machst«, meinte Hannah, während sie sich von ihrer Schwester in den Rollstuhl helfen ließ. »Denn deine Ausweichmanöver in Gesprächen kommen wirklich immer auf den Punkt genau.«

»Auf den Punkt genau? Sind sie nicht eher der absolute Hammer?« Isla imitierte mit verstellter Stimme Rajs Möchtegerngangster-Ausdrucksweise.

»Sprich nie wieder so«, protestierte Hannah und versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. »Du hörst dich an wie Keith Lemon, der versucht, Snoop Dogg nachzumachen.«

»Bereit?« Isla beugte sich vor, um ihre Schwester hochzuheben.

»Wenn es sein muss«, erwiderte Hannah seufzend.

»Cool.« Isla grinste.

»Hör endlich auf damit!«

KAPITEL DREI

The Royale, Hyde Park, London

Chase Bryan stieg aus dem schwarzen Taxi und verspürte sofort das Bedürfnis, auf seine Hände zu hauchen. Meine Güte, war das kalt. So kalt wie in New York, obwohl der Wetterbericht versprochen hatte, dass die Temperaturen in London bei ihrer Ankunft über dem Gefrierpunkt liegen würden. Er fuhr sich mit der Hand durch seinen hellbraunen Haarschopf und schaute sich um. Nun waren sie hier. In London, am Hyde Park.

In vielerlei Hinsicht glich der Hyde Park dem Central Park in New York – eine weite, jetzt schneebedeckte Grünfläche mitten in der grauen Stadt. Aber er war doch ganz anders – eben richtig britisch. Hübscher angelegt. Mit breiten, geschwungenen Pfaden und von Bäumen bestandenen Wegen und Bänken am Ufer des Serpentine. Als er das letzte Mal hier gewesen war, waren Boote auf dem See getrieben, die Besucher hatten auf dem Gras oder in gestreiften Liegestühlen den Sonnenschein genossen und gepicknickt, während Pferde vorbeigetrottet waren. Auch jetzt, mit einer leichten Schneeschicht bedeckt, war der Park wunderschön; Jogger und Pendler liefen an dem Löwen und dem Einhorn am Queen Elizabeth Gate vorbei.

Chase warf einen Blick zurück auf das Hotel, vor dem er stand. Die hell erleuchtete Fassade des Gebäudes stammte entweder noch original aus dem neunzehnten Jahrhundert oder war einfach schon ziemlich heruntergekommen. Ein bisschen wie er selbst – sehr müde. Er schob es auf den anstrengenden Flug vom John-F.-Kennedy-Flughafen hierher, dass er schlecht gelaunt war, und diese verflixte Kälte machte es auch nicht besser.

»Ich sterbe, Daddy … ich sterbe!«

Chase drehte sich zum Taxi um und reichte seiner neun Jahre alten Tochter Maddie die Hand. Ihre Finger fühlten sich an wie Eis, als er ihr aus dem Wagen auf den Gehsteig half.

»In Taxis in London ist es kalt«, stellte Maddie zähneklappernd fest. »In England ist es kalt.«

Er schob ihr lächelnd eine hellbraune Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrer regenbogenfarbenen Spange gelöst hatte. »Hey, was ist aus meiner New Yorkerin geworden? Bei uns zu Hause sind die Winter noch kälter als hier.«

Maddie rümpfte die Nase. »Bin ich denn noch eine New Yorkerin?«, fragte sie.

»Wer behauptet etwas anderes?«

»Na ja, zumindest wohnen wir jetzt nicht mehr in New York.«

Der Einwand kam von seiner ältesten Tochter. Die dreizehnjährige Brooke stieg mit der für Teenager typischen Lässigkeit aus dem Wagen, mit der sie ihre Unsicherheit überspielte und vorgab, schon viel älter zu sein, als sie war. Ihre braunen Locken fielen ihr auf die Schultern, das gestern aufgetragene Make-up hatte den Flug einigermaßen überstanden, und sie hatte rasch noch ein wenig Lipgloss aufgetragen. Sie sah genauso aus wie ihre Mutter.

»Hat Mom gesagt, dass ihr jetzt keine New Yorkerinnen mehr seid?«, wollte Chase wissen und bedauerte seine Bemerkung sofort. Die Scheidung war vorüber, und nun sollte es keinen Streit mehr geben. Sie hatten sich versprochen, ihren Kindern bessere Eltern zu sein. Allerdings musste sich Leanna nicht wie er um ein milliardenschweres Unternehmen kümmern, das ihn beinahe rund um die Uhr beschäftigte. Stattdessen lebte sie nun mit Colt in einem neuen Haus in Montgomery. Dieser… Kerl! Zorn und Verbitterung schwappten in ihm hoch, bevor er es verhindern konnte.

»Es ist immer alles Moms Schuld, richtig?« Brooke schüttelte ihr Haar nach links und nach rechts und rückte es dann zurecht, bevor sie ihr iPhone zückte, um ein Selfie zu machen.

»Ich weiß nicht, ob ich lieber eine Montgomery-in wäre«, meinte Maddie. »Das klingt irgendwie komisch.«

»Weil es komisch ist«, erwiderte Brooke.

»Ich möchte eben, dass alles wieder so ist wie früher.«

»Das kannst du vergessen«, sagte Brooke kalt.

»Das reicht jetzt«, mischte Chase sich ein.

»Ich will nicht in London bleiben«, beklagte sich Brooke. »Warum mussten wir mit dir kommen?«

Der Taxifahrer stellte ihr Gepäck auf den Gehsteig, und es schien noch kälter zu werden. Der Verkehr rauschte an ihnen vorbei. Es gab zwar keine gelben Taxis wie in New York, und es wurde auch nicht so häufig gehupt wie in Manhattan, aber auch hier waren viele Fahrzeuge unterwegs, darunter auch die in London berühmten roten Doppeldeckerbusse. Und man sah, dass die Weihnachtszeit angebrochen war. Die Geschäftshäuser waren mit glitzernden Tannenbäumen geschmückt, und überall hingen bunte Leuchttafeln mit der Aufschrift »Hört die Engel singen« und »Fröhliche Weihnachten«.

»Das weißt du doch«, erwiderte Chase seufzend. »Aus zwei Gründen. Mom muss sich nach der Operation um eure Oma kümmern, und …«

»Ich verstehe nicht, warum Großvater das nicht tun kann«, unterbrach Brooke ihn.

»Weil Opa ein kaputtes Bein hat«, erinnerte Maddie ihre Schwester. »Vom Krieg.«

»Wie konnte ich das vergessen? Er redet ja ständig nur über Vietnam«, schnaubte Brooke. Sie hob mit einer Hand ihren Rucksack und mit der anderen ihren Koffer auf. »Ich hoffe nur, dass wir ein großes Zimmer haben. Und einen ausgezeichneten Zimmerservice.«

»Brooke, warte«, sagte Chase, während der Teenager sich bereits auf den Weg zum Hoteleingang machte. Es gab noch einen zweiten Grund, warum sie hier waren – er wollte sie bei sich haben. Es war schon so lange her, dass er genügend Zeit für sie gehabt hatte. Sein Job bestimmte seit einiger Zeit sein ganzes Leben, und dagegen hatte er nichts tun können. Aber nun wollte er von Neuem beginnen. Ein weiterer Anfang. Er hatte schon so oft von vorn beginnen müssen, dass er sich fragte, wie häufig er wohl noch auf die Rückstelltaste würde drücken dürfen. Er presste die Fingernägel in seine Handfläche. Er war immer noch da. Es ging ihm gut. Sein Leben war okay. Seine Kinder verbrachten die Ferien bei ihm, und sobald er das neue Projekt ins Rollen gebracht hatte, würde er sich nur noch ihnen widmen. Im Grunde genommen hatte alles, was er jemals getan hatte, jede Entscheidung, die er getroffen hatte, ihrem Schutz dienen sollen.

»Mom sagt, wir sollen sie lieber in Ruhe lassen, wenn sie so ist«, erklärte Maddie, immer noch zähneklappernd.

»Wenn sie wie ist?«, fragte Chase. »So wie sie jeden Tag ist?«

Maddie zuckte die Schultern. »Soll ich meinen Koffer tragen, Daddy?«

»Nein, mein Schätzchen, er ist zu schwer für dich … aber vielen Dank.« Er streckte die Arme aus, zog Maddies Mantel an beiden Enden zusammen und schloss die Druckknöpfe. »Du gehst mit deiner Schwester ins Hotel, ich bezahle den Taxifahrer und bringe unser Gepäck mit.«

»Okay, Daddy.« Maddie machte sich auf den Weg. Er sah ihr kurz nach und richtete dann den Blick auf das Hotel auf der anderen Straßenseite. Im Gegensatz zum Royale, wo er ihre Zimmer gebucht hatte, wirkte es modern, und seine glatte schwarze Fassade versuchte einen luxuriösen Eindruck zu vermitteln. Aber irgendetwas daran gefiel ihm nicht. Außerdem war es sehr klein. Es bestärkte ihn nur darin, dass seine Vision, die er an Breekers verkauft hatte, die richtige war, um die Firma nach vorne zu bringen und in ein neues, aufregendes Segment vorzustoßen. Es würde ein Neubeginn für die Firma und eine dringend erforderliche Ablenkung für ihn sein. Sobald er erst einmal den versäumten Schlaf nachgeholt hatte.

KAPITEL VIER

Notting Hill, London

»Siehst du«, begann Hannah, während sie die Räder ihres Ronnie Kray vorwärtsschob, »das ist ein klassisches Beispiel für jemanden, der zwar seine beiden Beine benutzen kann, aber trotzdem nicht mit dem Leben in London zurechtkommt.«

Sie bezog sich auf Poppy vom Gemeindezentrum, die heute nicht erschienen war, um Hannah zur Arbeit zu begleiten. Hannah traf sich in der Gruppe Lebenshilfe an ein paar Abenden in der Woche im Gemeindezentrum mit Freunden, die ähnliche Herausforderungen zu meistern hatten wie sie. Das Gebäude war ziemlich heruntergekommen, und dort gab es immer noch die Originalausgabe von Trivial Pursuit mit mittlerweile abgegriffenen Spielkarten und Twister (was ziemlich ironisch war, weil die meisten der Besucher im Rollstuhl saßen), und die Musik kam von einem CD-Kassettenrekorder. Als Hannah mit fünfzehn, voll Zorn über ihren Zustand, zum ersten Mal dort gewesen war, hatte sie alles furchtbar gefunden, aber Gabby – ein sehr lautes, aber unglaublich lustiges Mädchen mit einer Spina bifida – hatte Hannah unmissverständlich gefragt, ob sie sich zu gut für diese Gruppe halte, und irgendwie hatte sich daraus eine Freundschaft zwischen den beiden entwickelt.

Isla bezahlte Poppy dafür, dass sie Hannah die paar Straßen weiter zu ihrem Arbeitsplatz, dem Blumenladen Portobello Flowers, brachte. An diesem Morgen hatte Poppy jedoch angerufen und erzählt, dass eine Gasleitung in ihrer Straße geplatzt sei, doch als sie sich dann näher über die Reparaturarbeiten und intelligente Zähler ausließ, kam Isla der Verdacht, dass sie ihr etwas von der Website der britischen Gasgesellschaft vorlas, während sie noch im Bett lag und gemütlich frühstückte.

»Du musst mich nicht die gesamte Strecke begleiten«, fuhr Hannah fort.

»Schon in Ordnung«, erwiderte Isla. »Der Laden liegt sowieso fast auf meinem Weg.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr – wenn sie vor neun im Büro sein wollte, musste sie sich beeilen.

»Halt!«, rief Hannah und bremste die Räder ab.

»Was ist los?« Isla rutschte beinahe mit einem Bein auf dem Schneematsch aus.

»Dort drüben.«

Hannah deutete auf die Bänke, die sich gegenüber der schwarzen Gitterstäbe vor dem Park befanden. Auf einer hatte sich ein Pärchen niedergelassen, das nur Augen füreinander hatte. Um sie herum tobte das Leben – Fahrradfahrer kurvten um parkende Wagen, Jogger wichen Briefkästen aus, Fußgänger hielten ihr Handy ans Ohr gepresst und trugen Aktenkoffer oder Einkaufstaschen mit sich. Hundebesitzer führten ihre Lieblinge Gassi –, aber das nahmen die beiden alles nicht wahr. Und dann geschah es. Isla konnte nicht beurteilen, wer sich zuerst vorgebeugt hatte, doch plötzlich waren sie eins, und ihre Lippen trafen sich zu einem filmreifen Kuss.

»Das ist das erste Pärchen in dieser Jahreszeit«, sagte Hannah seufzend. »Streich den Tag im Adventskalender an und iss das Stück Schokolade.«

»Oh, Han«, sagte Isla. »Das muss aufhören.«

»Ach ja? Soll ich das auch auf die Liste der Dinge setzen, die ich nicht tun kann?« Hannah schob ihren Rollstuhl wieder an. »Ich kann doch auch nichts dafür, dass alle Leute um mich herum ein besseres Liebesleben haben als ich … nein, überhaupt ein Liebesleben.« Sie schniefte. »Abgesehen von dir.«

»Das wird sich schon alles ergeben, wenn die Zeit dafür reif ist, Han.«

»Das sagt die Frau, die jeden Mann haben könnte, wenn sie nur wollte.«

»Warum sagst du das?« Isla hatte seit einem Jahr keine Verabredung mehr gehabt. Ihr letztes Date hatte Hannah für sie arrangiert. Er hieß Ptolemy, und eigentlich hatte Hannah ihn toll gefunden. Aber sie hatte gedacht, dass er sich nicht für sie interessierte, weil sie im Rollstuhl saß. Und so war es auch gewesen. Und das lag nicht an der bezaubernden Hannah, sondern daran, dass er offensichtlich ein oberflächlicher Hohlkopf ohne Persönlichkeit war, der ihre Schwester gar nicht verdient hatte.

»Weil es wahr ist.«

»Meine letzte Verabredung hatte ich mit Ptolemy.«

»Das stimmt nicht.«

»Doch, Han.«

»Meine Güte, tatsächlich?«

»Ja! Und ich habe mich nur deinetwegen mit ihm getroffen.«

»Er war wohl ein ziemlicher Loser.«

»Allerdings.«

Hannah holperte über die Bordsteinkante und rollte rasch über die Kreuzung zu der nächsten abgeflachten Stelle des Bürgersteigs. »Aber es ist doch nicht zu viel verlangt, oder? Ein filmreifer, perfekter Kuss in Notting Hill. Nur einer. So wie in der Szene, in der Julia Roberts Hugh Grant zum ersten Mal küsst.« Hannah seufzte und riss dann die Augen weit auf. »Vielleicht könnte ich jemanden dafür bezahlen … jemanden, der so richtig heiß ist … so wie …«

»Gerard Butler?«

»Ihh! Stehst du etwa immer noch auf ältere Schauspieler?«

»Dann vielleicht Danny Dyer?«

»Danny Dyer gefällt mir, aber er ist auch schon vierzig! Komm schon, Isla, wir brauchen einen geeigneten Mann in den Zwanzigern!«

»Taylor Lautner.«

»Zu große Zähne.«

»Liam Hemsworth.«

»Chris ist heißer.«

»Du bist ziemlich wählerisch, aber das ist gar nicht schlecht.« Isla wich einem Lieferanten mit einem großen Karton in den Händen aus. »Aber du weißt doch genauso gut wie ich, dass es kein perfekter Kuss in Notting Hill wäre, wenn du dafür bezahlen oder dir irgendeinen Fremden aussuchen würdest. Es wäre lediglich ein peinlicher Kuss in Notting Hill, und das wünscht sich niemand.« Sie legte ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter. »Perfekt ist ein Kuss nur, wenn ihn sich zwei Menschen, die einander zugetan sind, in einem besonderen Moment geben.« Sie schluckte. Wie kam sie denn jetzt darauf? Schließlich war nicht sie diejenige, die von einem filmreifen Kuss träumte …

»Wahrscheinlich sollte ich mir das einfach abschminken«, sagte Hannah mürrisch. Sie schob ihren Rollstuhl mit Absicht über einen leeren Plastikbecher.

»Han, was ist los mit dir? Es ist Dezember, unser Lieblingsmonat, die Jahreszeit, in der wir uns richtig wohlfühlen. Weihnachten steht vor der Tür, und wir haben einiges zu tun. Du bist im Blumenladen beschäftigt, die Weihnachtsfeier im Gemeindezentrum steht bevor und natürlich die bei Breekers. Außerdem wollen wir zur Wein- und Käseverkostung am Beaumont Square …«

»Ich mag Raj.«

Isla schluckte, schüttelte den Kopf und hoffte, die Worte ihrer Schwester wären vielleicht im Lärm des vorbeifahrenden Müllwagens untergegangen oder von ihm erfasst und in einer anderen Form wieder ausgespuckt worden. Plötzlich sehnte sie sich nach einem weiteren Koffeinschub – möglichst in Form eines dreifachen Espressos.

»Und schon herrscht wieder Schweigen.« Hannah schob ihren Rollstuhl noch schneller voran.

»Nein«, erwiderte Isla rasch. »Kein Schweigen. Nur …« Was tat sie da? Wollte sie das nun aufarbeiten? Das klang viel zu negativ. »Du magst Raj also.« Toll, nun hatte sie den Satz einfach nur wiederholt.

»Was ist daran so komisch?«, wollte Hannah wissen.

»Nichts. Das wollte ich damit nicht sagen.« Oder doch? »Wann … wann hast du denn bemerkt, dass du ihn magst?«

Hannah zuckte die Schultern. »Er ist witzig. Er bringt mich zum Lachen. Und er sieht gut aus.«

Isla sah, dass sich die Wangen ihrer Schwester leicht röteten. Hannah mochte Raj tatsächlich, zweifellos. Das war bisher noch nie der Fall gewesen. Und wenn doch, hatte sie Isla nichts davon erzählt.

»Findest du auch, dass er gut aussieht?« Hannah hielt ihren Rollstuhl an.

»Na ja …« Was sollte sie jetzt sagen? »Er hat hübsche Augen.«

»Ich weiß«, sagte Hannah verträumt. »So dunkel und geheimnisvoll.«

Isla hatte sich Rajs Augen noch nie genauer angesehen. Sein Gesicht war fast immer zur Hälfte von seiner Kappe bedeckt. Er roch gut, aber war das alles, was ihr zu ihm einfiel? Nein, das auf keinen Fall!

»Du kannst jetzt gehen.« Hannah schwang Ronnie so herum, dass er vor der Rampe stand, die in den Blumenladen führte.

Isla ignorierte die geringschätzige Bemerkung und atmete stattdessen tief den berauschenden Duft der blühenden Blumen in den Kübeln auf dem Gehsteig ein. Weiße Lilien, pralle gelbe Rosen und köstlich duftende rote, pinkfarbene und violette Freesien quollen aus einem zinnernen Pflanzenkübel. Nelken in zarten Pastellfarben, helle Gerberas und winzige Kiefernzapfen warteten in Weihnachtspapier eingewickelt auf Käufer.

»Sie sind herrlich«, sagte Isla und sog noch einmal den Duft der Blumen ein. »Vielleicht sollte ich ein paar für mein Büro mitnehmen.«

»Du musst in diesem Laden keine Blumen kaufen, nur weil ich hier arbeite«, erwiderte Hannah, wie sie es jedes Mal tat, wenn Isla davon sprach. »Hol dir ein paar billige aus dem Supermarkt.«

»Mir gefallen Claudias Blumen«, verteidigte Isla sich. »Und sie halten auch länger.«

Hannah hatte bereits die halbe Strecke der Rampe zurückgelegt. Ihre Schwester war sicher an ihrem Arbeitsplatz gelandet, und nun musste Isla rasch zur U-Bahn laufen und hoffen, dass es keine Verspätungen gab. Um den Weihnachtsbaum aus weißen Federn würde sie sich auf dem Heimweg kümmern müssen.

»Bis heute Abend«, rief sie Hannah zu. »Es gibt Lasagne.«

»Vielleicht können wir das Pärchen aus Nummer elf einladen«, rief Hannah zurück. »Falls Raj sich nicht getäuscht hat und sie sich ständig streiten, könnte ihnen ein Abendessen mit neuen Freunden guttun.«

Isla lächelte. »Wir können ja hinübergehen und uns vorstellen.«

»Bis später«, sagte Hannah, als Claudia ihr die Tür öffnete.

»Mach’s gut.«

KAPITEL FÜNF

Breekers London, Canary Wharf

Zehn Minuten nach neun! Isla war zu spät dran, und in der U-Bahn war sie gegen Leute gepresst worden, denen sie sich normalerweise, wenn sie es sich hätte aussuchen können, nicht einmal auf eine Entfernung von hundert Metern genähert hätte. Trotz des Winds, den man eher in der Arktis vermutet hätte, schwitzte sie, und ihr Haar brauchte ganz dringend einen guten Friseur. Sie schob sich durch die Glastüren von Breekers London und hastete zum Lift, während sie in Gedanken die wichtigsten Punkte des Ridgepoint-Hospital-Projekts durchging, über das sie bereits um neun Uhr hätte sprechen sollen. Es handelte sich um ein großes Projekt und war ihr ebenso wichtig wie ihr allererster Kunde, den sie betreut hatte. Dieser erste Erfolg hatte ihr bei Breekers den Weg nach oben geebnet. In wenigen Jahren war sie von der persönlichen Assistentin zur Bereichsleiterin aufgestiegen. Sie hatte bereits einiges erreicht, seit sie noch eine verzweifelte, aber hoffnungsvolle Zwanzigjährige gewesen war, frisch vom College und dazu noch mit der Betreuung ihrer Schwester befasst. 9.13Uhr.

»Guten Morgen, Isla.«

»Guten Morgen, Denise«, grüßte sie die freundliche Rezeptionistin und holte tief Luft. »Robert Dunbar ist wohl nicht zu spät dran, oder? Anscheinend gibt es in der Stadt irgendein Problem mit den Gasleitungen.« Poppy hatte sie diese Ausrede keine Sekunde lang geglaubt, aber es war einen Versuch wert.

»Robert ist bereits seit acht Uhr hier.« Denise schob ihre Brille zurecht.

»Das war ja klar«, murmelte Isla. Nach Robert konnte man die Uhr am Big Ben stellen. Sie überlegte, ob sie die Treppe hinauflaufen sollte, anstatt den Aufzug zu nehmen. Oh, da stand ja ein Weihnachtsbaum. Wann war der wohl aufgestellt worden? Sie hielt kurz inne. Er war wunderschön und echt. Sie atmete tief den Duft nach Fichtennadeln und Holz ein, und ihr Puls wurde sofort langsamer, beinahe so, als hätte sie ein Beruhigungsmittel gegen die Hektik in der Stadt zu sich genommen.

»Er kommt heute«, verkündete Denise. Den letzten Teil des Satzes flüsterte sie so leise, als würde sie ihr ein Staatsgeheimnis verraten, das irgendetwas mit dem Papst zu tun hatte.

»Er?«, fragte Isla interessiert und wandte sich von dem Christbaum ab. »Der Weihnachtsmann? Oder Richard Branson schon wieder?«

»Er ist berühmt-berüchtigter als diese beiden«, erwiderte Denise.

»Batman?«

Denise beugte sich über die glänzende Granitplatte am Empfang. »Chase Bryan.«

Musste sie auf Anhieb wissen, wer das war? Wäre Denise nicht schon Anfang fünfzig, hätte sie vermutet, dass es sich um einen der heißen Schauspieler um die zwanzig handelte, über die Hannah so gern redete. Möglich war es trotzdem. Hatte Denise nicht im letzten Jahr monatelang von Zac Efron geschwärmt?

»Ähm … kommt er aus La La Land?« 9.17Uhr.

»Fast.« Denise machte eine kurze Pause. »Aus New York.«

Isla zerbrach sich den Kopf nach einem passenden Filmtitel. »Hm … Sully aus US-Airways-Flug 1549?«

»Er ist Ihr Boss. Und meiner auch. Und praktisch der Boss der ganzen Welt.«

»Ich dachte, das sei Stephen Hawking.«

»Chase Bryan ist der neue Geschäftsführer von Breekers International.«

Was? Seit wann gab es in der Firma einen neuen Geschäftsführer? War das denn nicht immer noch »Big« Bill Wartner? Big Bill mit seinem dichten, gemütlichen Bart, dem breiten Lächeln, bei dem man seine perlweißen Zähne sah, dem grau melierten Haar, das ein wenig an Zuckerwatte erinnerte. Er sprach so, als wäre er gerade einem Western entsprungen, und sie hatte sich immer vorgestellt, dass er an einem Freitag, wo alle in Freizeitkleidung kamen, mit einer Lederweste und Chaps erscheinen würde. War er in den Ruhestand gegangen?

Aber anstatt sich nach Big Bill zu erkundigen, sprudelte Isla vor anderen Fragen über. Was? Warum? Würde er zur Weihnachtsparty kommen? Hatte sie in seinen Augen vielleicht in diesem Jahr zu viel Geld für Lebensmittel ausgegeben? Sollte sie den Hummer lieber kurzfristig gegen Krabben eintauschen? Es war verdächtig, dass sie von der Cateringfirma nichts mehr darüber gehört hatte. Vielleicht sollte sie ihnen gleich eine weitere E-Mail schicken …

»Ich dachte, Sie hätten es gewusst. Schließlich gehören Sie ja zur oberen Liga«, begann Denise. »Niemand, mit dem ich darüber geredet habe, scheint zu wissen, warum er hierherkommt. Ich habe auch erst heute Morgen von Liz aus dem vierten Stock davon erfahren … und dann haben wir diese E-Mail bekommen.«

Hatte Denise etwas von der oberen Liga gesagt? Gehörte sie tatsächlich dazu? Wenn sie Roberts Job hätte, wäre sie dort wohl angekommen, aber sie wusste auch, wie viele Stunden er arbeitete, und sie musste sich immerhin noch um Hannah kümmern.

»Dann hat man es Ihnen also nicht gesagt … vor der E-Mail?«, fuhr Denise fort.

Isla warf wieder einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich weiß nur, dass ich viel zu spät dran bin und anscheinend dringend meine E-Mails lesen sollte«, sagte Isla und wollte sich auf den Weg machen.

»Oh«, sagte Denise. »Merkwürdig.«

Sie blieb abrupt stehen und drehte sich wieder um. Irgendetwas an Denise’ Stimme kam ihr seltsam vor. »Denise, was genau hätte ich wissen sollen, bevor ich diese E-Mail lese?«

»Nun, ich bin überrascht, dass Sie das noch nicht wissen.« 9.20Uhr.

»Denise!«, rief Isla. »Was sollte ich wissen?«

»Na ja …« Denise atmete tief durch. »Sie sind seine persönliche Assistentin. Die Ansprechperson für alle.«

Was? Was hatte sie gerade gesagt? Isla schluckte. »Seine was?«

»Wie es heißt, sollen alle Nachrichten oder Anrufe für den Geschäftsführer während seines Aufenthalts über Sie laufen.«

Was? Sie sollte die Sekretärin für jemanden spielen, von dem sie nicht einmal wusste, dass er zur Firma gehörte? Wie konnte das passieren? Denise hatte gerade gesagt, sie gehöre der oberen Liga an. Warum betreute ihn nicht eine der tatsächlichen persönlichen Assistentinnen? Und sollte jemand, der einen neuen Job bekam, nicht persönlich darüber informiert werden, bevor es die gesamte Firma wusste? Sie war sprachlos. Und was genau sollte sie für ihn tun? Protokoll führen, tippen und seine Telefonate entgegennehmen?

»Ich muss nach oben«, erklärte Isla mit einem weiteren Blick auf ihre Uhr. 9.22Uhr. Mit einem Mal hatte sie ein flaues Gefühl im Magen, und der Christbaum roch ein bisschen zu stark nach Olbas Öl.

»Sie wissen also auch nicht, wann genau Chase Bryan eintreffen wird?«, fragte Denise. »Wenn er erst am Nachmittag kommt, könnte ich in der Mittagspause noch rasch zum Friseur gehen.«

Isla schloss kurz die Augen, bevor sie zum Aufzug ging. Noch vor zehn Minuten hatte sie nichts von der Existenz dieses Mannes gewusst. Und nun schien er sie für den gesamten Dezember in Beschlag zu nehmen.

KAPITEL SECHS

The Royale, Hyde Park

Chase fühlte sich, als hätte ihn ein wütender Konkurrent – oder seine Exfrau – mit einem Allradwagen überfahren und dann auch noch den Rückwärtsgang eingelegt. Und dann dieser Lärm! Ein Surren und Piepsen und ein weiteres Geräusch, das klang, als würde Adam Levine versuchen, einen hohen Ton zu treffen. Er hob den Kopf vom Kissen – er fühlte sich an, als hätte ihn jemand durch einen riesigen Marshmallow ersetzt.

»Maddie, du machst das nicht richtig.«

»Ich drücke auf den Knopf, so fest ich nur kann.«

»Aber so geht das nicht. Lass mich das machen.«

»Das ist nicht fair. Ich will selbst spielen.«

»Aber du kannst es nicht.«

»Kann ich doch.«

»Maddie, gib’s einfach auf.«

»Nein! Gib mir den Controller zurück!«

Die Zankerei wirkte wie ein Eimer kaltes Wasser auf seinem Gesicht. Chase warf die Bettdecke zurück, griff nach seinem T-Shirt und zog es sich über den Kopf, bevor er zur Tür ihrer Suite ging.

»Gibt ihn mir zurück!«, kreischte Maddie. »Wenn du ihn kaputt machst, kriegen wir Ärger!«

»Wenn er kaputt ist, sage ich, dass es deine Schuld war«, erwiderte Brooke.

»Hey!«, mischte Chase sich ein. Er hatte genug gehört, ging zu seinen Töchtern hinüber und musterte sie. Beide waren beim Klang seiner Stimme verstummt. Brooke hielt einen Xbox-Controller in der rechten Hand und versuchte mit der linken, Maddie abzuwehren. Maddie wirkte blass, erschöpft und den Tränen nahe. Das Piepsen kam vom Fernseher, wo computeranimierte Autos und schlumpfähnliche Wesen über den Bildschirm hüpften.

»Was ist hier los?«, wollte er wissen.

Die beiden sagten kein Wort und rührten sich nicht von der Stelle.

Er seufzte. »Ich dachte, wir wollten ein wenig Schlaf nachholen.«

Brooke ließ Maddies Hand los, verschränkte die Arme vor der Brust und schob eigensinnig das Kinn vor.

»Es ist zu hell draußen«, beklagte sich Maddie. »Es ist Tag.«

»Das weiß ich, und wir alle versuchen, mit der Zeitumstellung fertigzuwerden, aber wir sind auch alle hundemüde.«

»Ich bin nicht müde«, verkündete Brooke.

»Ich auch nicht«, schloss Maddie sich ihr an.

Offensichtlich fühlte nur er sich so, als hätte man ihm während des Flugs sämtliche Organe entnommen und an falscher Stelle wieder eingepflanzt.

»Okay, also was sollen wir jetzt tun?« Er ging zu dem bodentiefen Fenster hinüber. Auf den geschäftigen Straßen spielte sich das hektische Alltagsleben ab, aber trotzdem spürte er eine gewisse Gelassenheit, die er im Gewühl von Manhattan nie empfunden hatte. Dort unten liefen einige Leute mit dampfenden Kaffeebechern vorbei. Er hätte jetzt alles für einen Latte macchiato caramel gegeben.

»Wir könnten zu McDonalds gehen«, schlug Maddie vor.

»Machst du Witze?« Chase sah sie entsetzt an.

»Ich mag McDonalds«, entgegnete Maddie.

»Die Burger sind furchtbar. Einfach widerlich«, erklärte Brooke.

»Wir sind nicht den weiten Weg hierhergekommen, um den gleichen Mist zu essen wie zu Hause«, sagte er. Gegen einen kurzen Besuch bei Starbucks hätte er allerdings nichts einzuwenden gehabt. Aber da ging es ja nur um Kaffee, und Kaffeegenuss folgte anderen Regeln.

»Daddy!«, empörte sich Maddie. »Du hast MIST gesagt!«

Brooke kicherte. Zum ersten Mal, seit sie den Flughafen in New York verlassen hatten, zeigte sich so etwas wie ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

»Tut mir leid, Maddie.« Er räusperte sich. »Wenn ihr Hunger habt, sollten wir vielleicht etwas Britisches essen.«

»Was isst man denn hier so?«, fragte Maddie.

»Ich weiß, dass man hier viel Tee trinkt«, warf Brooke ein. »Tyler hat einen Cousin, der in einem Ort namens Leighton Buzzard wohnt.«

»Süßen Tee? So wie Oma ihn macht?«, fragte Maddie.

»Nein, er ist nicht süß, und man gibt Milch dazu«, antwortete Chase.

»Können wir ihn probieren?«

»Natürlich.« Chase’ Gedanken kreisten immer noch um Milchschaum und Arabica-Kaffee. »Ich werde mich jetzt anziehen, und dann fahren wir in die Stadt und trinken Tee.«

»Cool«, sagte Maddie begeistert.

»Können wir irgendwohin gehen, wo es Wi-Fi gibt?«, fragte Brooke seufzend.

»Klar«, versicherte Chase. »Ich bin in einer Minute fertig.«

Die Controller für die Spielkonsole landeten auf der Couch. Maddie sauste in ihr Schlafzimmer, und Brooke zog wieder einen Schmollmund und ließ sich auf das Sofa fallen. Chase ging in sein Zimmer zurück, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Türrahmen. Er schloss die Augen. Was ihm zu schaffen machte, war nicht nur Erschöpfung oder Jetlag – er hatte Angst. Er brauchte diesen Job mehr als etwas anderes je zuvor, aber vielleicht war er der Sache nicht gewachsen. Wie sollte man seine Vision plausibel machen und alle Fragen beantworten können, wenn man ausgebrannt war? Aber ein Zurück an diesen dunklen Ort gab es nicht mehr – nicht noch einmal. Jetzt gab es nur eine Lösung: Er musste alles versuchen, so wie er es seit dem Tag tat, an dem Leanna ihm gesagt hatte, dass sie ihn verlassen würde. Er würde sich anstrengen, sein Bestes geben und den Schein aufrechterhalten. Nur tat er das schon so lange …

»Das ist eine einmalige Gelegenheit«, flüsterte er sich selbst zu. »Vermassle sie nicht.« Er öffnete die Augen und blinzelte in den Spiegel über dem Bett. »Es gibt keine schlechten Entscheidungen«, sagte er laut. »Eine Entscheidung ist nur dann schlecht, wenn du dir den Erfolg entgehen lässt.« Er atmete tief aus und konzentrierte sich auf sein Inneres: »B-D-Z. Bestimme deine Zukunft.«

KAPITEL SIEBEN

Breekers London, Canary Wharf

»Also stell dir diese Szene vor.«

Islas Kollege Aaron fuhr mit den Händen durch die Luft, als wollte er einen Regenbogen beschreiben, und kam näher an ihren Schreibtisch heran.

»Und schon bin ich in diesem Countryclub in Soho gelandet. Frag mich nicht, warum. Und dann … Scheibenhonig. Da kommt plötzlich dieser unglaublich heiße Typ, mit dem ich schon den ganzen Abend an der Bar Blickkontakt hatte, zu mir rüber … Und er trägt eine unglaublich enge Jeans – und ich meine damit richtig eng –, und da ich schon mehr Flaschen Sol getrunken habe, als das ganze Land Mexiko in einem Monat produziert, halte ich mich natürlich für den größten Glückspilz auf Erden …« Er legte eine dramatische Pause ein. »Und nun rate mal, was dann passiert?«

Aaron roch immer noch nach den vielen Flaschen von diesem Bier und nicht nach dem Scheibenhonig, den er immer erwähnte, wenn er das Wort »Scheiße« nicht sagen wollte. Isla lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, um ihn besser anschauen zu können und um seiner Fahne zu entkommen.

»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte sie. »Aber ich hoffe, er behielt die enge Jeans an, zumindest bis ihr aus dem Club in ein Hotel gegangen seid.«

»Er küsst wie ein Mädchen!«, rief Aaron, als hätte Mr Enge Jeans einen Massenmord begangen.

»Oh.«

»Oh?« Aaron setzte sich auf ihren Schreibtisch und sah sie entsetzt an. »Der Typ ist schwul! Schwuler als schwul. Schwuler als Ian McKellen … und mit Sicherheit heißer. Ein bisschen wie Matt Bomer, wenn ich ihn mit jemandem vergleichen müsste, und …« Er seufzte. »Und ich habe wirklich gedacht, da könnte etwas draus werden, aber …«

»Aaron, hat die Geschichte noch eine Pointe?«, fragte Isla. »Oder können wir ein anderes Mal darüber reden? Vielleicht in einer Bar, wenn ich nicht gerade versuche herauszufinden, warum ich anscheinend nicht genügend Blini für die Weihnachtsfeier bestellt habe oder warum die Caterer nicht auf meine E-Mails antworten.« Dass sie anscheinend auf das Sekretärinnenniveau herabgestuft worden war, ignorierte sie einfach. Sie hatte wichtigere Dinge zu erledigen … und Blini waren sehr wichtig, wenn es bereits Dezember war!

Aaron stand auf und stieß mit seinem dunklen Schopf gegen einen der glitzernden Pompons, die wohl weihnachtliche Stimmung verbreiten sollten. Ethel, die Reinigungskraft, hatte sie gebastelt und wahllos an der Decke befestigt. Er trat einen Schritt zurück und knöpfte sein Jackett zu. Offensichtlich war er ein wenig verstimmt, und Isla tat es sofort leid, dass sie ihm nicht richtig zugehört hatte. Die Geschichte von dem schwulen Kerl, der angeblich wie ein Mädchen küsste, war für Aaron anscheinend mehr als nur eine Anekdote, über die sie sich noch in den folgenden Jahren amüsieren würden.

ENDE DER LESEPROBE