E-Book Verlag: Arena Hörbuch Verlag: Audio Media Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Wir beide in Schwarz-Weiß - Kira Gembri

Als Alex auf die quirlige Kunststudentin Kris trifft, glaubt er, seine Seelenverwandte gefunden zu haben. Denn auch Kris liebt die Herausforderung und den Nervenkitzel, besonders die Performancekunst hat es ihr angetan. Mit Kunst hat Alex zwar überhaupt nichts am Hut, aber für Kris würde er so ziemlich alles riskieren … selbst wenn er sich damit in große Gefahr bringt.

Meinungen über das E-Book Wir beide in Schwarz-Weiß - Kira Gembri

E-Book-Leseprobe Wir beide in Schwarz-Weiß - Kira Gembri

Kira Gembri

Wir beide in Schwarz- Weiß

1. Auflage 2016 © 2016 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com und photocase.de Dieses Buch wurde von der Literaturagentur erzähl:perspektive

(www.erzaehlperspektive.de) vermittelt. Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH ISBN 978-3-401-80592-4

Besuche uns unter: www.arena-verlag.dewww.twitter.com/arenaverlagwww.facebook.com/arenaverlagfans

Inhaltsverzeichnis

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Kris

Alex

Zwei Monate später

Kris

Alex

Nachwort

Alex

Der anstrengendste …

… Morgen seit Langem, und das will was heißen. Zwischen acht und zehn Uhr kriechen die Leute nämlich immer hier rein wie Zombies auf Gehirnentzug – mit dem kleinen Unterschied, dass sie nicht »Brains … brains … brains« stöhnen, sondern »Kaffee … Kaffee … Kaffee«. Würde ich in einem typischen Wiener Kaffeehaus arbeiten, könnte ich vermutlich meine schlechte Laune raushängen lassen, ohne dass es irgendwen juckt. Leider ist das hier aber so ein Öko-Hipster-Schuppen, und ich muss mich im Umgang mit den Gästen an einen ganzen Haufen bescheuerter Regeln halten: jeden innerhalb von dreißig Sekunden an seinem Tisch begrüßen, ihm in die Augen schauen, lächeln, Specials anbieten, mich nach dem Bestellvorgang bedanken. Zu schade, dass es keine Regeln für den Umgang mit einem genervten Barista gibt. Wie wäre es damit, für die Wahl zwischen tall und grande keine volle Minute zu brauchen? Wie wäre es mit ein bisschen Trinkgeld? Wie wäre es verdammt noch mal mit Zähneputzen, bevor man das Haus verlässt?

Aus dem Augenwinkel kriege ich mit, dass gerade wieder jemand hereinkommt. Im selben Moment wedelt ein Typ an Tisch sechs mit der Hand in meine Richtung, weil er es anscheinend keine Sekunde länger ohne Koffein-Dröhnung aushält. Ich verbrenne mir fast die Finger, während ich aufgeschäumte Milch auf einen Espresso-Shot gieße, sodass das vorgeschriebene Wirbel-Muster entsteht. Als ob der Typ auch nur einen Blick darauf werfen würde, ehe er sich das Zeug hinter die Binde kippt!

»Hey, kannst du die neue Kundin übernehmen, während ich die Sechs fertig mache?«, rufe ich zu Jenny hinüber, die seit einer gefühlten Ewigkeit mit einem Tuch am Tresen herumrubbelt. Ihr stur abgewandter Blick signalisiert mir, dass ich mich besser an den Spruch »Don’t fuck the company« gehalten hätte. Dabei wollte ich letzte Woche bloß den Kopf freikriegen und hatte danach keine Lust, mir mit ständigen Anrufen und SMS die Luft abschnüren zu lassen.

Anstatt auf meine Frage zu reagieren, fährt Jenny einfach damit fort, dem Tresen einen runterzuholen. Gerne würde ich ihr sagen, dass sie ihr Talent dafür nicht mehr unter Beweis zu stellen braucht, aber ich kann mich gerade noch zurückhalten. Wenn man bedenkt, dass sie die Nichte vom Café-Besitzer ist, hab ich mich sowieso schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Im Rekordtempo mache ich den verdammten Latte fertig und balanciere ihn zu Tisch sechs hinüber. Der Gast beäugt mich dermaßen angewidert durch seine Designer-Brille, als würde ich ihm den Kaffee in einem meiner Schuhe servieren. Zu spät bemerke ich, dass ein bisschen Milchschaum auf die Untertasse geschwappt ist.

»Und das darf ich jetzt auflecken, oder was?«, meckert der Typ ernsthaft.

»Ich bringe Ihnen gleich eine Serviette«, antworte ich mit zusammengebissenen Zähnen, während die neue Kundin immer noch auf dem Trockenen sitzt. Jenny bearbeitet nun die andere Seite der Theke – die Seite, auf der auch die Box mit dem Trinkgeld steht. Ganz toll. Garantiert wird sie sich nach Feierabend wieder einen Großteil davon unter den Nagel reißen. Bei meinem mickrigen Gehalt kann ich echt von Glück reden, dass ich ein zweites Standbein habe, auch wenn ich mich bei meinem Nebenjob nicht nur mit Koffein-Junkies herumschlagen muss …

»Sorry fürs Warten«, sage ich gehetzt, als ich endlich dazu komme, die neue Kundin zu bedienen.

»Bin noch nicht verdurstet«, gibt sie zurück, und da erst nehme ich sie genauer unter die Lupe. Sie ist etwas jünger als ich, vielleicht achtzehn oder neunzehn, hat glänzende schwarze Haare, die an einer Seite zu drei dünnen Zöpfen geflochten sind, und gar keine üble Figur. Als ich mich zu ihr vorbeuge, bilde ich mir ein, Jennys Blick zu spüren. Wahrscheinlich sollte ich sie nicht noch mehr provozieren (Nichte vom Chef und so weiter), aber an diesem beschissenen Morgen brauche ich nichts dringender als ein kleines Erfolgserlebnis.

»Na, ein Glück. Und … was kann ich dir jetzt Gutes tun?« Ich stütze mich mit einer Hand auf die Tischkante und schaue die Kleine direkt an. Okay, sie sieht nicht unbedingt so aus wie die Mädels, bei denen meine übliche Masche funktioniert – dafür hat sie zu wenig Make-up im Gesicht und zu viel Metall im linken Ohr. Außerdem kleidet sie sich wie eine Mischung aus Avril Lavigne und Kurt Cobain, aber einen Versuch ist es trotzdem wert.

Als Reaktion lächelt sie mich erst mal nur an und zeigt dabei ihre spitzen Eckzähne. Ich denke schon, dass es jetzt Zeit für den nächsten kaffeebezogenen Spruch wird – irgendwas Zweideutiges mit heiß und süß und auf Touren bringen –, da nickt sie plötzlich zu Tisch sechs hinüber.

»Könnte ich dasselbe bekommen, was der Mann dort hat? Und servierst du es bitte gleich an seinen Tisch?«

Mir sackt die Kinnlade fast bis zu meinem Namensschild. »Und warum, wenn ich fragen darf?!«

»Sieht einfach gut aus.«

»Der Typ oder sein Getränk?«

Wieder schenkt sie mir ihr katzenhaftes Lächeln, antwortet aber nicht.

»Einmal Latte macchiato, kommt sofort«, murmle ich und schlurfe zurück zum Tresen, wo Jenny sich ohne Zweifel an meinem Fail aufgeilt. Damit hat dieser Morgen wohl seinen Tiefpunkt erreicht. Mechanisch bereite ich den Kaffee zu und richte den Blick erst danach wieder auf Tisch sechs. Irgendetwas stimmt dort eindeutig nicht: Der Designerbrillen-Typ wirkt kein bisschen erfreut, dass sich das Katzenmädchen zu ihm gesellt hat. Als die Kleine auf seine Kaffeetasse deutet, scheint er sogar wütend zu protestieren. Leider kann ich über die Chill-Out-Musik und das Gebrabbel der anderen Gäste hinweg nicht verstehen, was er sagt, aber sein Gesicht verfärbt sich dunkelrot. Fluchend schnappe ich mir den fertigen Latte und steuere auf die beiden zu.

»Gibt es ein Problem?«

Das Mädchen kritzelt etwas in ein Notizbuch. »Oh, da kommt ja schon Ihr gewünschter Kaffee«, sagt sie dann zu dem Typen, der immer noch einen angepissten Eindruck macht. »Wenigstens ein guter Service hier. Schönen Tag noch!« Schwungvoll schiebt sie ihren Stuhl zurück, wirft einen Geldschein auf den Tisch und beginnt, sich in Richtung Tür durchzuschlängeln.

In letzter Sekunde verstelle ich ihr den Weg. »Kannst du mir erklären, was zur Hölle das gerade sollte?«, knurre ich sie an.

»Wieso?«, fragt sie und blinzelt nervös. Ihre Augen haben eine ungewöhnliche Form, vielleicht ein bisschen asiatisch. »Ist doch nichts passiert. Ich hab dem Mann nur weisgemacht, sein Latte sei entkoffeiniert gewesen, aber nun hat er ja ein neues Getränk bekommen, also gibt es keinen Grund, sich aufzuregen. Auch wenn er da anderer Meinung war.« Hastig steckt sie das Notizbuch in ihre Umhängetasche, bevor sie hinzufügt: »Es ist einfach interessant, wie Menschen reagieren, wenn man sie bei ihrer morgendlichen Routine stört.«

»Ach, und was wird das, wenn’s fertig ist? Ein beknacktes soziales Experiment?«

»Aber nein«, entgegnet sie und zieht die Mundwinkel hoch. »Kunst!«

Ehe ich ihr raten kann, diesen Scheiß gefälligst in eine Fußgängerzone zu verlegen oder meinetwegen auch in ein Museum, hat sie sich schon an mir vorbeigedrängt. Nur zwei Sekunden später ist sie samt Umhängetasche, wirbelnden Haaren und Katzenlächeln zur Tür hinaus.

Kris

Indigo

… ist ein Wort, das in meinen Ohren so klingt wie ein Zauberspruch. Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, bis ich von meiner Schwester Yuna einen riesigen Kasten Buntstifte geschenkt bekam. Die Farben trugen Namen, die einem simplen Rot oder Blau eine ganz neue Macht verliehen: Zinnober, Karmesin, Magenta, Cyan, Azur … und Indigo. Es ist der letzte erkennbare blaue Ton, bevor die Skala in Violett übergeht. Vielleicht fand ich deshalb, dass Indigo etwas Melancholisches an sich hat – das letzte Blau. Oder ich habe damals schlicht und einfach zu oft Indigo Girl von Watershed gehört, und die traurige Stimmung ist an dem Wort haften geblieben.

Jedenfalls hat dieser Junge die irrsten blauen Augen, die ich jemals gesehen habe. Anders als gestern wirken sie heute allerdings nicht gerade melancholisch. Eher so, als wollte er daraus am liebsten einen indigoblauen Laserstrahl abfeuern und mich in ein Häufchen Asche verwandeln.

Alles für die Kunst, Kris, sage ich mir streng, während Indigo Boy am Nachbartisch eine Bestellung aufnimmt. Trotzdem pocht mein Herz, als würde ich das Koffein direkt aus der dunstigen Luft in meine Poren saugen. Mein Notizbuch verrutscht in meiner schwitzenden Hand. Möglichst unauffällig schiele ich nach links, von wo die Worte zu mir dringen: »Einen White Chocolate Mocha Grande … mit fettarmer Milch.«

»Sahne?«

Verlegen hebt der Gast seine pummligen Schultern, murmelt: »Ja, bitte. Aber fettarm.«

Das Indigoblau verdreht sich exakt im selben Moment, als ich ebenfalls mit den Augen rolle. Zu gern würde ich dem komplexbehafteten Glatzkopf einen Chocolate-Chip-Cookie ausgeben, doch das geht natürlich nicht. Für das bestmögliche Ergebnis ist es wichtig, dass er mich jetzt noch gar nicht wahrnimmt. Nur so wird er zum idealen Objekt in der fünfzehnten Runde meiner Performance: Coffee Claim No. 15, wie ich hastig in mein Notizbuch schreibe. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, schon wieder jemandem den Start in den Tag zu vermiesen – vor allem, weil mir der Glatzkopf längst nicht so unsympathisch ist wie meine schlecht gelaunte »Zielperson« von gestern –, aber ich habe keine andere Wahl. Jeder Beitrag zum Kunstwettbewerb muss aus einer Serie von Werken bestehen, so steht es klipp und klar in den Teilnahmebedingungen. Außerdem ist es vielleicht ganz hilfreich, wenn ich mich langsam an meine wichtigste und härteste Performance herantaste …

Fast hätte ich den Stift fallen lassen, als eine geknurrte Frage ertönt. »Lass mich raten. Du willst dasselbe?«

Unbemerkt hat sich der Barista direkt vor meinem Tisch aufgebaut, das Kinn leicht vorgeschoben und die Augen verengt. Bestimmt weiß er, wie gut er aussieht. Seine blonden Haare sind wohl kaum zufällig so surferboymäßig verwuschelt, und als er gestern mit mir gesprochen hat, strotzte er regelrecht vor Selbstbewusstsein. Aber ob ihm auch klar ist, wie düster er wirken kann?

Instinktiv richte ich mich ein wenig auf. »Ja, ganz genau. Und würdest du den Kaffee bitte direkt an den Nachbartisch …« Ich verschlucke mich fast am letzten Wort, als der Barista beide Hände auf die Tischplatte stemmt. Von einer Sekunde auf die andere ist sein Gesicht nur noch eine halbe Armeslänge von meinem entfernt.

»Jetzt pass mal auf«, sagt er gedämpft, wodurch es noch bedrohlicher klingt. »Wenn ich dir einen fettarmen Mocha bringe, möchte ich, dass du damit schön brav auf deinem Platz bleibst. Kapiert? Nur ein Schritt in Richtung Nachbartisch, und ich befördere deinen Arsch persönlich hier raus.«

»Das kannst du nicht machen«, protestiere ich ebenso leise, obwohl ich seine Genervtheit sogar irgendwie verstehe. »Ich bin eine zahlende Kundin!«

»Und ich bin der Typ mit der Schürze.«

Irritiert mustere ich seine Arbeitskleidung, wobei ich zum ersten Mal sein Namensschild bemerke. »Ein wirklich schickes Modell, Alex.«

Er schnaubt. »Jedenfalls macht es mich zu dem, der hier das Sagen hat, alles klar? Also hör auf, den anderen Gästen auf den Zeiger zu gehen, oder du trinkst deinen nächsten Kaffee bei McDonald’s.«

Natürlich hüte ich mich davor, ihm zu verraten, dass ich dort auch schon rausgeflogen bin. »Hör zu, ich will den Mann nicht belästigen, sondern ihn bloß mit zwei kleinen unangenehmen Nachrichten konfrontieren«, erkläre ich, und ein entschuldigender Ton schwingt in meiner Stimme mit.

Alex zieht die Brauen zusammen. »Und die wären …?«

»Zuerst sage ich ihm, dass die Produkte hier nicht wirklich Fair Trade sind, und danach behaupte ich, dass … keine Ahnung, vielleicht, dass du ihm seinen Kaffee mit Vollmilch serviert hast statt mit fettarmer. So wie ich dem Typen gestern gesagt habe, du hättest seinen Latte Macchiato versehentlich koffeinfrei gemacht.«

»Aber die Sachen hier sind Fair Trade!«, braust Alex auf. »Und ich werd es wohl noch schaffen, diesen beschissenen Job richtig zu erledigen!«

»Spielt gar keine Rolle, mich interessiert nur seine Reaktion.« Als wäre es ein Friedensangebot, lege ich mein winziges Notizbuch zwischen uns beiden auf den Tisch. »Das alles gehört zu einer Kunstperformance, die ich hinterher dokumentiere, verstehst du? Ich brauche das für einen Wettbewerb, an dem ich bald teilnehme.«

Das Indigoblau wandert in Zeitlupentempo nach unten. Schweigend fixiert der Barista das Notizbuch, während ich gespannt den Atem anhalte.

»Mir egal«, sagt er schließlich, »daraus wird nichts.«

Und dann schnellt seine Hand nach vorne. Ich bin viel zu perplex, um zu reagieren – schon wendet er sich ab und verschwindet mitsamt meinen Notizen hinter dem Tresen. Bevor ich mich von meinem Schreck erholt habe, taucht Indigo Boy allerdings wieder auf. Ein durchdringendes Klirren ertönt, als er etwas vor mir abstellt.

»Wohl bekomm’s!«

Nur mühsam löse ich mich von seinem herausfordernden Starren, um den Blick nach unten zu wenden. Ich sehe eine bauchige Tasse, jede Menge Sahne, Kakaopulver … und eine Ecke meines Notizbuchs. Alex hat wahrhaftig das ganze Ding im Kaffee versenkt.

Mein nächster Atemzug klingt wie ein unterdrückter Schrei. »Hhh! Ist dir klar, wie viel Mühe ich mir damit gemacht habe?!«

»Und ich erst. Man beachte das Kakao-Muster!«

Ich wirke vermutlich wie ein Fisch auf dem Trockenen, während ich – für mich völlig untypisch – nach einer Antwort suche. Normalerweise lasse ich mich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. Dann entscheide ich mich für etwas, das sogar noch weniger meiner Art entspricht: Ohne ein weiteres Widerwort ergreife ich die Flucht.

Alex

Das hässlichste …

… Gebäude in der Straße ist mein Zuhause. An den Mauern toben sich regelmäßig irgendwelche bescheuerten Sprayer aus, die weder das Anarchie-Zeichen noch das Hakenkreuz richtig hinkriegen, und in der Milchglasscheibe der Eingangstür klafft ein riesiger Sprung. Nicht, dass mich das besonders stören würde. Ich habe in den einundzwanzig Jahren meines Lebens schon in vielen abgeranzten Buden gewohnt, und in keiner davon habe ich mich so daheim gefühlt wie hier. Aber wahrscheinlich würde ich auch unter eine Brücke ziehen, solange mich meine beiden WG-Kumpels begleiten.

Flocke ist mit seinem Mini-Irokesen und seinem Dauerpech bei Frauen zwar eine ziemliche Witzfigur, aber trotzdem wie ein Bruder für mich, und Jay steht mir sogar noch näher. Ich schätze, ich verdanke es der Freundschaft mit ihm, dass ich mein Leben halbwegs auf die Reihe kriege.

Allerdings ist auch Jay nicht immun gegen Fehlentscheidungen. Den Beweis dafür habe ich direkt vor Augen, sobald ich die Wohnungstür öffne. Statt eines vertrauten Labyrinths aus Pizzakartons, Bierdosen und anderem Schrott erwartet mich im Flur eine nahezu abartige Leere. Unser gesamter Besitz steckt nämlich seit letzter Nacht in sorgfältig beschrifteten Kisten. Beim Reingehen stoße ich mir den Fuß an einer Box, die allen Ernstes den Titel Herrenmagazine trägt. Stöhnend schiebe ich Flockes Pornoheft-Sammlung beiseite und verziehe mich in mein Zimmer, bevor mir die Person über den Weg läuft, der wir diese neue Ordnung zu verdanken haben: Lea aka Jays adoptierte Psychoprinzessin.

Seit mein Kumpel beim Drogendealen erwischt wurde, muss er Sozialstunden in einer Klapsmühle ableisten. Unser Auftraggeber Mike war … na ja, nicht gerade erfreut darüber, dass seine Ware ausgerechnet zwei Polizisten in Zivil angeboten wurde. Noch dazu schuldet ihm Jay jede Menge Kohle. Um wenigstens einen Teil davon zurückzahlen zu können, hat er sich auf einen Deal mit einer Klinik-Patientin eingelassen und uns prompt ein neues WG-Mitglied beschert. Genau das fehlte uns schließlich noch zu unserem Glück: ein Mädel mit Zählzwang, das von Unordnung und Elektrogeräten Panikattacken bekommt.

Meine Genervtheit erreicht ein neues Level, als ich meinen Laptop einschalten will und der sich tot stellt. Dabei hatte ich ihn heute Morgen extra ans Kabel gehängt, aber die Psychoprinzessin muss den Stecker aus der Dose gezogen haben. Offensichtlich macht sie nicht mal vor meiner Zimmertür halt. Ich spüre, dass sich etwas durch meine Beherrschung bohrt wie eine glühende Nadel. Mit geballten Fäusten kämpfe ich dagegen an – so eine Kleinigkeit muss mir wirklich nicht den restlichen Tag versauen. Ich suche nach irgendetwas, um mich abzulenken, und erinnere mich plötzlich an das Notizbuch in meinem Rucksack. Keine Ahnung, warum ich das sahneverschmierte Ding mitgeschleppt habe, aber das ist mir im Moment scheißegal. Nachdem ich das Ladekabel wieder angeschlossen habe, ziehe ich das Buch hervor, wickle es aus der Serviette und schlage es auf.

Die meisten Seiten sind total verklebt. Hier und da gibt es ein paar Flecken, die vielleicht Zeichnungen waren, und an manchen Stellen kann ich ein paar Silben entziffern, aus denen ich nicht wirklich schlau werde. Immer wieder erkenne ich allerdings die Worte »Coffee Claim«. Ohne darüber nachzudenken, tippe ich sie in die Google-Suchleiste ein und lande damit gleich einen Volltreffer: Auf einer Homepage mit dem Titel »Kris-Cross Art« finde ich im Menü einen Unterpunkt, der genau diesen Namen trägt. Als ich den Link anklicke, erscheint eine Tabelle mit zwei Spalten. Auf der linken Seite lautet die Überschrift: Wie Menschen auf die Nachricht reagieren, dass ihr Fair-Trade-Aufschlag veruntreut wird. Diese Spalte füllt sich allmählich mit Zitaten: »Das ist ja unfassbar!«, »Frechheit!«, »Ich werde mich beschweren!« … und zwischen all diesen Kommentaren erscheinen Skizzen von den sauren Mienen der Versuchspersonen.

Dann geht es auf der rechten Seite weiter – Wie Menschen auf die Nachricht reagieren, dass ihr bestelltes Getränk nicht fett- oder zuckerfrei ist: »Oh, tatsächlich?«, »Da kann man wohl nichts machen«, »Schade …« Die Gesichter dazu wirken eher verschlossen und desinteressiert, genau so, wie ich mich selbst gerade fühle. Ich bin schon nahe dran, das Fenster wegzuklicken, als der Bildschirm kurz finster wird und die Tabelle dann wieder aufleuchtet. Erst nach mehreren Sekunden kapiere ich, dass sich ein entscheidendes Detail verändert hat: Die Überschriften haben die Plätze getauscht.

Okay. Irgendwie clever.

Trotzdem genügt das nicht, um mich länger zu fesseln. Als ich das Notizbuch gerade in den Papierkorb befördern will, rutscht allerdings ein zusammengefalteter Flyer zwischen den Seiten hervor. Wie hypnotisiert starre ich auf die bunten Lettern, während meine rechte Hand bereits nach meinem Smartphone tastet. Mit angehaltenem Atem schreibe ich eine SMS an Jay: »Farewell-Party im Studentenheim. Dein Typ ist gefragt.«

Nur langsam sickert die Erkenntnis in mein Hirn, dass die heutige Party nicht nur eine nette Geldquelle für meinen Kumpel sein könnte. Sie bietet auch mir die ideale Gelegenheit, mal wieder meinen Zweitjob auszuüben.

Kris

Cremefarben

… leuchtet es im Inneren der Keramikschüssel, die meine Mutter auf den Tisch stellt. Allein der Anblick dieser weichen, von Dampf vernebelten Farbe lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Nach jahrelanger Übung kann meine Mutter Gy za wie eine echte Japanerin zubereiten – das jedenfalls behauptet mein Vater immer, der ihr das Geheimrezept seiner Familie verraten hat. Noch während Papa Sojasoße in Schälchen füllt, schnappe ich die erste Teigtasche und stopfe sie mir gierig in den Mund.

Meine Mutter seufzt. »Wieso kannst du nicht warten, Kristina?«, fragt sie, und das ist ihre typische Art, mich zurechtzuweisen. Nie würde sie mir irgendetwas direkt verbieten, sondern ich darf immer begründen, warum ich dieses oder jenes mache. Vermutlich habe ich deshalb gelernt, wie ein Wasserfall zu quasseln, seit ich zwei Jahre alt war.

»Tut mir leid, aber ich brauche das als Nervennahrung«, erkläre ich mit vollen Backen. »Und wenn ich schon dabei bin, kann ich gleich noch den Grundstein für meine alternative Karriere als Schwergewichtsboxerin legen, weil es mit meinem momentanen Berufsziel eher düster aussieht.«

Die Stäbchen meines Vaters stoppen auf halbem Weg zwischen der Schüssel und seinem Mund. »Dein Kunstprojekt?«, erkundigt er sich.

Ich ziehe eine Grimasse. »Bingo.«

»Nun, du hast dir natürlich nicht den einfachsten Beitrag zu diesem Wettbewerb ausgesucht, Kristina-chan. Aber dafür wird es etwas ganz Besonderes. Alle anderen Teilnehmer treten sicher mit Gemälden, Fotografien oder Skulpturen an, nicht wahr?«

»Außerdem ist es ja die besondere Qualität von Performance Art, dass sie ortsgebunden und vergänglich ist«, springt meine Mutter ein. »Du stehst also vor einer speziellen Herausforderung. Die Frage, ob diese Form der Kunst überhaupt dokumentiert und ausgestellt werden kann, wird immer noch kontrovers –«

»Mamilein?«, unterbreche ich sie. »Hi, ich bin’s: deine Tochter. Keine von deinen Studentinnen.«

Das ist mal wieder so ein Moment, in dem ich froh bin, Angewandte Kunst zu studieren und nicht etwa Kunstgeschichte, die meine Mutter unterrichtet. So gut ich mich mit Mama auch verstehe, es wäre doch irgendwie gruselig, sie als Professorin zu haben. Überhaupt können kunstverrückte Leute wie meine Eltern ab und zu etwas anstrengend sein. Deshalb bin ich – eine nicht weniger kunstverrückte Person – bei der ersten Gelegenheit in ein Studentenheim gezogen. Trotzdem besuche ich meine Familie mindestens einmal pro Woche, ausgehungert nach etwas anderem als Tütensuppen und, ehrlich gesagt, auch nach elterlichen Ratschlägen. Mit den beiden kann ich über alles reden … na ja, fast. Heute verspüre ich allerdings nicht die geringste Lust, über die neue Kunstrichtung zu diskutieren, die ich vor ein paar Monaten eingeschlagen habe.

»Ich krieg das schon hin«, sage ich und klinge dabei zuversichtlicher, als ich mich fühle. »Die erste Performance war vielleicht nicht das Gelbe vom Ei, aber mit der nächsten lege ich noch eine ganz schöne Schippe drauf.«

Ich verschweige meinen Eltern, worin genau meine nächste Performance bestehen wird. Schließlich hat es keinen Zweck, sie damit zu beunruhigen. Während des restlichen Abendessens plaudere ich also über irgendwelche Belanglosigkeiten und versuche dabei, das mulmige Gefühl in meinem Bauch mit Gy za zu dämpfen. Leider wirkt das nur so lange, bis ich etwas später im Bus sitze und in die samtschwarze Nacht hinausstarre. Kunst muss nicht schön sein, sondern kann auch wehtun, das hat mein großes Vorbild, Marina Abramovi, immer wieder unter Beweis gestellt. Bei ihren Performances hat sie sich beispielsweise öffentlich ausgepeitscht und mit einem Rasiermesser die Bauchdecke aufgeritzt. Ihr ging es darum, Dinge zu tun, vor denen sie Angst hatte. So gesehen bin ich mit meiner nächsten Aktion auf genau dem richtigen Weg. Warum nur fühlt es sich dann so falsch an?

Gedankenverloren steige ich aus dem Bus und laufe im fahlen Licht der Straßenlaternen auf das Studentenheim zu. Erst als ich die dumpfen Bässe wahrnehme, fällt mir wieder ein, was heute Nacht auf dem Programm steht. Dabei habe ich höchstpersönlich den Flyer für diese Party gestaltet, mit der ein sorgenfreier Sommer eingeläutet werden soll – jedenfalls für die Glücklichen, die nicht so blöd waren, sich in der Ferienzeit einen Wettbewerb aufzuhalsen. Schon der Eingangsbereich des Heims ist von heiteren und zweifellos auch angeheiterten Kommilitonen bevölkert, und plötzlich kann ich mir nichts Verlockenderes vorstellen als einen Pappbecher lauwarmes Ein-Euro-Bier. Kurz entschlossen biege ich nicht in den Flur zu meinem Zimmer ab, sondern hüpfe stattdessen die Treppe zum Partykeller hinunter.

Die Luft dort drin würde selbst einen Regenwaldbewohner in Schnappatmung verfallen lassen. Ich habe das Gefühl, in ein Duftgemisch aus Parfum, Schweiß und Zigarettenqualm einzutauchen wie in ein Schwimmbecken. Um mich herum wird gelacht, getrunken und getanzt, die meisten tun alles gleichzeitig, und nur eine Person tut gar nichts davon: meine neue Zimmernachbarin Emilia, die etwas verloren an der Bar steht. Mit ihrem honigblonden Lockenkopf und den himmelblauen Augen sieht sie unheimlich süß aus, allerdings auch wie das Mädel vom Lande, das sie nun mal ist. Lächelnd dränge ich mich bis zu ihr durch.

»Na, machst du die Tanzfläche unsicher?«, rufe ich über den Lärm hinweg, und sie wird ein bisschen rot.

»Die Musik ist irgendwie nicht mein Fall«, antwortet sie verlegen, und ich stoppe kurz, um den wummernden Elektro-Klängen zu lauschen. Ganz offensichtlich darf sich hier ein sehr frischer David-Guetta-Jünger austoben – oder jemand desinfiziert gerade das DJ-Pult.

»Musik? Was für Musik denn?«, entgegne ich fröhlich und greife nach Emilias Hand. »Komm schon, wir zwei verschaffen uns jetzt trotzdem mal ein bisschen Bewegung. Oder sollen wir dir vielleicht einen netten Tanzpartner suchen?«

Emilia schüttelt heftig den Kopf. »Oh nein. Ich glaub nicht, dass … Also, da ist keiner für mich dabei.«

»Wieso nicht? Die Jungs hier sind doch …«

Danach ist einige Sekunden lang nichts anderes zu hören als die Dubstep-Version einer Sperrmüllzerkleinerung.

»… sind doch was?«, fragt Emilia verwirrt.

»Nicht mein Fall«, presse ich mühsam hervor, und prompt flüchtet Emilia sich erleichtert zurück an die Bar. Meine Augen beginnen schon zu brennen, so verbissen starre ich in Richtung Tanzfläche. Genau dort, grinsend und flirtend und offensichtlich ganz in seinem Element, steht der kaltblütige Mörder meines Notizbuchs.

Alex

Der geilste …

… Part an so einem Abend ist eindeutig der Moment, in dem das Adrenalin zu fließen beginnt. Zuerst beschleunigt sich nur mein Puls, wie um meinen Körper wach zu rütteln, meine Sinne schärfen sich und meine Muskeln spannen sich an. Das alles passiert meistens, während wir auf dem Weg zu unserem »Einsatzort« sind. Immerhin ist es schon einigermaßen gefährlich, mit einem Rucksack voller Marihuana einfach nur Bus zu fahren oder eine Straße entlangzulaufen. Ich merke, wie sich die vielen losen Enden in mir drin zusammenziehen, weil ich mich ganz darauf konzentrieren muss, möglichst unauffällig zu wirken. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu dem Augenblick, in dem es richtig losgeht. Sobald ich zum ersten Mal im Gedränge meine Hand nach unten halte und spüre, wie der Kunde ein Baggie gegen Geldscheine tauscht, trifft es mich wie ein Stromstoß. In Sekundenschnelle wird der ganze Mist aus meinem System gebrannt: der beschissene Job, meine Geldprobleme, die Langeweile, die mich wahnsinnig macht, und alles, alles andere, das wie schwarzer Schlamm durch meine Adern kriecht. Jetzt zählen nur noch die Ware in meiner Tasche, das Hämmern in meiner Brust und Jay an meiner Seite.

Nur schade, dass mein Kumpel die Sache ganz anders sieht. Für ihn ist das hier eine lästige Pflicht, die er nur so lange durchziehen wird, bis er die Schulden bei Mike abbezahlt hat. Mit ein bisschen Glück könnte es sogar schon heute klappen, denn die Studenten reißen uns das Zeug geradezu aus den Händen.

»Hey«, rufe ich über die grottenschlechte Musik hinweg. »Denkst du, wenn du das mit Mike geklärt hast, können wir die Psychoprinzessin wieder loswerden?«

»Lea?«, fragt Jay, und ich weiß nicht – irgendetwas an seinem Tonfall, wenn er ihren Namen sagt, geht mir mächtig gegen den Strich. Das Flirren in meinen Adern wird ein bisschen schwächer, als hätte ich Sand ins Getriebe bekommen, aber ich richte meine Konzentration mit aller Gewalt zurück aufs Hier und Jetzt. Auf die wummernden Bässe, die Hitze, das Plastiksäckchen in meiner Faust. Alles okay.

»Ja, genau«, antworte ich schnell. »Vielleicht kannst du noch ein, zwei Deals annehmen und ihr das Geld zurückzahlen, das sie dir gegeben hat. Dann musst du dich nicht länger mit ihr herumschlagen.«

Jay schaut mich von der Seite an, und die Narbe in seinem Gesicht – ein kleines Andenken an seinen miesen Dad – wird von der Discobeleuchtung zum Flackern gebracht. »Ich glaub eher nicht, Alter«, sagt er nach einer kurzen Pause. »Bin froh, wenn ich mit dieser Scheiße fertig bin. Lieber lasse ich die kleine Nash noch ewig bei uns wohnen, als dass ich mit Mike weiter Geschäfte mache.«

Damit bestätigt er meine Befürchtungen: Unsere gemeinsamen Adrenalin-Trips sind nach dem heutigen Abend Geschichte.

»Wie wär’s, wenn wir das Zeug zwischen uns aufteilen?«, schlage ich mit einem gefakten Grinsen vor. »So werden wir bestimmt schneller fertig.«

»Gute Idee«, antwortet mein Kumpel, ohne zu schnallen, was mit mir los ist. Manchmal frage ich mich echt, wie andere Leute dermaßen begriffsstutzig sein können. Ich merke sofort, wenn mir jemand was vorspielt, aber diese Fähigkeit ist oft mehr Fluch als Segen.

Wir verdrücken uns auf die Toilette, wo Jay den Inhalt seines Rucksacks halbiert. Meinen Anteil verstaue ich in der Bauchtasche meines schwarzen Hoodies, den ich bei solchen Anlässen immer trage – Affenhitze hin oder her. Dann zieht Jay mit seiner Portion in Richtung Bar ab, weil er dort ein paar alte Bekannte entdeckt hat, und ich kämpfe mich zur Tanzfläche durch. Stammkunden interessieren mich nicht, die sind keine Herausforderung. Um meine Stimmung oben zu halten, muss ich jetzt den riskantesten Weg gehen, der mir einfällt. Und das bedeutet: Gras an ein paar völlig Fremde zu verticken.

Die Kunst bei der Sache ist, eine Person auszuwählen, die zwar unschuldig aussieht, aber doch nicht zu sehr. Weder brav noch abgebrüht genug, um mich zu verpfeifen. Zum Glück trifft diese Beschreibung hier auf mehrere Mädels zu: Entweder, sie haben endlich das Unisemester hinter sich gebracht und wollen so richtig einen draufmachen, oder sie sind eben erst ins Studentenheim gezogen und fühlen sich total erwachsen und verrucht.

Das Kribbeln in meinen Adern wird wieder stärker, als ich mich einem Mädchen in einem engen roten Kleid nähere. Sie tanzt alleine und wirft dabei immer wieder unsichere Blicke nach allen Seiten. Studienanfängerin, ganz klar. Wie zufällig streife ich ihren Arm, und sie wendet sich zu mir. Nachdem sie mich der Länge nach abgecheckt hat, verhakt sich ihr Blick mit meinem. Ich kenne das schon – irgendwas haben die Mädchen mit meinen Augen. Automatisch ziehe ich einen Mundwinkel hoch, und als sie zurücklächelt, weiß ich, dass das hier ein Kinderspiel wird. Wir müssen nur wenige Sätze miteinander wechseln, schon springt sie auf meinen Vorschlag an, heute mal »besonders viel Spaß« zu haben. Während sie mir drei Zehner in die Hand drückt, scheint sie sich weniger über das Gras zu freuen als darüber, dass wir jetzt ein Geheimnis teilen. Ihre Wangen glühen, und in meinem Kopf blitzt die Frage auf, wie sich ihre Haut wohl an meiner anfühlen würde. Spontan beschließe ich, zu ihr zurückzukommen, nachdem ich alles verkauft habe. Wäre gut, später nicht alleine zu sein. Dann reicht das Adrenalin vielleicht für die ganze Nacht.

Mit der Ausrede, noch ein paar Freunde begrüßen zu wollen, werde ich sie aber erst mal wieder los und schiebe mich weiter durch das Gedränge. Als nächste Zielperson wähle ich ein Mädchen mit Dreadlocks aus, das eine Bierflasche durch die Luft schwenkt. Okay, mit der wird es vermutlich noch einfacher. Ich greife schon nach einem der Baggies in meiner Tasche, als mich jemand von hinten am Arm packt.

»Was treibst du denn hier, du Verbrecher?«

Erneut schnellt mein Puls in die Höhe, aber diesmal nicht auf gute Weise. Die Bässe vermischen sich mit dem Dröhnen in meinen Ohren. Ich fahre herum und schaue in ein Paar schräg stehende, wütend blitzende Augen.

»Äh, wie bitte?«

Äh, wie bitte? Was bin ich nur für ein Vollidiot! Viel zu spät ziehe ich die Hand aus meiner Tasche, und meine Gedanken rotieren. Sag was. Lenk sie irgendwie ab, sofort!

»Ich hab keine Ahnung, wovon du redest«, bringe ich endlich hervor. Scheiße, ich kann nicht fassen, dass ich auf frischer Tat ertappt worden bin. Und dann auch noch von einem Mädchen, das mich bestimmt nur zu gerne auffliegen lässt!

Als sie meine lahme Ausrede hört, zieht die Kleine ihre Augenbrauen noch enger zusammen. »Soll das heißen, du hast schon vergessen, dass du heute Morgen mein Eigentum mutwillig zerstört hast?«

Vor Erleichterung fange ich beinah an zu lachen. »Ach so, du meinst dein Notizbuch! Sag bloß, dein persönliches Special hat dir nicht geschmeckt? Dabei war das zu hundert Prozent Fair Trade, Ehrenwort!«

Mit drohender Miene macht sie einen Schritt auf mich zu, was ganz schön witzig aussieht, weil sie mir kaum bis zum Kinn reicht. Überhaupt kommt mir das alles gerade total lächerlich vor. Wie konnte ich nur so schnell die Nerven verlieren? Jetzt bin ich wieder obenauf, und meine Adern summen wie Hochspannungsleitungen.

»Was du hier treibst, hab ich dich gefragt«, wiederholt die Kleine stur. »Soweit ich weiß, bist du kein Bewohner dieses Studentenheims!«

»Ich dokumentiere Reaktionen, genau wie du. Und zwar die Reaktionen von jungen Studentinnen auf zu viel Billigbier«, gebe ich zurück. Dabei mustere ich sie schnell von Kopf bis Fuß. Sie hat ein ziemlich hübsches Gesicht, das muss man ihr lassen, und auch ihr Körper ist nicht ohne, aber irgendwas läuft bei ihr trotzdem verkehrt. Genau wie heute Morgen schleppt sie eine buttongespickte Umhängetasche mit sich herum, und anstatt sich wie die anderen Mädchen in – möglichst wenig – Schale zu schmeißen, hat sie zerfetzte Jeans und ein wirklich hässliches Oberteil angezogen.

Ich nicke in Richtung ihrer Brust. »Was ist das da auf deinem T-Shirt?«

Mit immer noch verengten Augen hält sie meinem Blick stand. »Ein Kätzchen, das E-Gitarre spielt.«

»Und wieso zum Teufel hast du das an?«

»Wieso nicht?«

»Weil es totaler Mist ist! Ich meine, das Vieh hält die Gitarre sogar verkehrt herum!«

»Natürlich«, antwortet sie spitz. »Es ist ein Kätzchen.« Anscheinend ohne es zu wollen, zupft sie das ausgebleichte Shirt zurecht. Vielleicht hat sie erraten, was ich gerade denke: dass sie so wirkt, als wollte sie um keinen Preis angebaggert werden. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand an eine Crazy Cat Lady heranwagt, wenn deutlich einladendere Frauen anwesend sind. Und um genau die sollte ich mich jetzt wieder kümmern.

Ich mache Anstalten, mich an der Kleinen vorbeizudrängen, aber sie verstellt mir mit einem Seitwärtsschritt den Weg. Oh Mann, das brauche ich ungefähr so dringend wie ein drittes Knie.

»Sehnst du dich nach ein bisschen Körperkontakt?«, frage ich provozierend, aber davon lässt sie sich nicht verunsichern.

»Ich warte auf eine Entschuldigung für heute Morgen.«

»Tja, viel Spaß dabei, Kittycat.«

Die Musik wird schneller, lauter, und die Lichter flackern im selben Rhythmus. In einer Serie von einzelnen Bildern sehe ich, wie die Kleine ihre Hand hebt und eine Haarsträhne von ihrem verschwitzten Hals streicht. Ich folge der Bewegung, dann schaue ich ihr wieder ins Gesicht. Die Scheinwerfer spiegeln sich in ihren dunklen Augen. Warum stehe ich eigentlich immer noch da wie festgefroren?! Als der Möchtegern-DJ den Beat droppt, reiße ich mich endlich los und bahne mir einen Weg zum anderen Ende des Raumes. Ich wette, dass die Frau mit den Dreadlocks ähnlich begeistert auf mich reagieren würde wie ein Kind auf den Weihnachtsmann, aber sobald ich einen weiteren Schritt in ihre Richtung mache, spüre ich ein merkwürdiges Brennen im Nacken. Ich drehe mich halb um, und meine Hand ballt sich in der Tasche zur Faust. Fuck, die Kleine beobachtet mich immer noch! Wie zur Hölle soll ich auf diese Art etwas verkaufen? Auf einmal erscheint mir der Partykeller winzig, jedenfalls viel zu klein, um diesem Starren zu entkommen. Meine Glückssträhne ist eindeutig vorbei. Völlig nutzlos stehe ich zwischen den tanzenden Leuten, bis Jay wieder bei mir aufkreuzt.

»Hierherzukommen war die genialste Idee ever«, ruft er mir ins Ohr. »Ich bin alles losgeworden, jedes einzelne verfluchte Gramm!«

In diesem Moment spuckt mein Hirn leider eine weitere geniale Idee aus: so zu tun, als wäre es bei mir ebenfalls gut gelaufen. Mechanisch hebe ich den Arm und stoße meine Faust gegen die meines Kumpels. »Was jetzt, Alter?«, frage ich, um Zeit zu gewinnen. »Hast du Lust, den Erfolg zu begießen?«

»Nope, die Kohle liefere ich am besten gleich ab, ich sollte mein Glück nicht überstrapazieren. Aber du kannst gern hierbleiben, ich hab sowieso was mit Mike zu besprechen.«

Also will er heute wirklich all seine Schulden zurückzahlen, und er hat keinen Schimmer, dass ihm dafür noch knapp zweihundert Euro fehlen. Ganz kurz spiele ich mit dem Gedanken, Jay doch die Wahrheit zu sagen, aber das kriege ich einfach nicht hin. Vielleicht will ich ihm beweisen, dass er sich auf mich verlassen kann – mehr als auf irgendein Mädchen aus der Klapsmühle. Zähneknirschend hole ich meine Geldbörse heraus und überreiche ihm meinen gesamten Lohn für eine Woche.

»Okay, ich … ich warte hier auf Flocke, der wollte später noch vorbeikommen.«

»Danke für deine Hilfe, Mann«, sagt Jay und schlägt mir zum Abschied auf den Rücken. Benommen bleibe ich stehen, die Tasche voller Gras, und kann immer noch nicht fassen, wie glorreich ich an diesem Abend versagt habe. Erst nach einer ganzen Weile realisiere ich die Veränderungen um mich herum: Die Leute haben aufgehört zu tanzen, Stimmen werden laut, und plötzlich stoppt die Musik. Mein Magen sackt eine Etage tiefer. Hastig scanne ich die Menschenmenge, um zu sehen, ob vielleicht eins der Mädchen umgekippt ist oder so, aber die Leute scharen sich gar nicht um einen bestimmten Platz im Raum. Sie drängen alle nur zum Ausgang.

Als ein Wirbel glänzender schwarzer Haare an mir vorbeihuscht, fasse ich instinktiv nach vorne und erwische die Trägerin einer gewissen Umhängetasche. »Hey, was ist hier los?!«, blaffe ich die Kleine an.

Genervt wirft sie den Kopf in den Nacken, und ihr Blick wandert zur Tür. »Ich schätze, die Polizei ist da«, antwortet sie knapp.

Dann gehen alle Lichter an.

Kris

Schwefelgelb

… erfüllt mein gesamtes Blickfeld. Nur langsam gewöhne ich mich an die Helligkeit, und ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass jemand die Deckenlampen eingeschaltet hat.

Der Effekt ist erstaunlich: Jeder im Raum erstarrt, den Kopf eingezogen, als wären wir von einem plötzlichen Regenguss getroffen worden. Das grelle Licht wirkt aber auch ähnlich ernüchternd. Was vorhin eine glamouröse Party-Location war, entpuppt sich als schäbiger Hobbyraum, und wer eben noch geflirtet hat, sieht sich nun einem verschwitzten, wenig anziehenden Kommilitonen gegenüber.

In meinem Fall ist das allerdings anders. Die Augen, in die ich starre, kommen bei Licht erst so richtig zur Geltung.

»Bullen?«, stößt Alex hervor. »Wieso das denn?«

Ehe ich antworten kann, erscheinen zwei Uniformierte oben an der Kellertreppe. »So, meine Herrschaften, die Party ist beendet«, ruft einer der beiden über das allgemeine Stöhnen hinweg. »Bei uns ist eine Beschwerde wegen nächtlicher Ruhestörung eingegangen, und jetzt haben wir auch noch erfahren, dass die Nutzung des Partykellers gar nicht genehmigt wurde.«

»Schon gar nicht heimfremden Personen!«, ergänzt Faulbär, der hinter den Polizisten hervorlugt und eigentlich Franz Maulbeer heißt. Im Grunde ist er der schusseligste und somit angenehmste Heimleiter aller Zeiten, aber das ändert sich schlagartig, wenn er in Verdacht gerät, seine Aufsichtspflicht zu vernachlässigen. Wahrscheinlich hatte er trotz Partylärm einen gemütlichen Abend und spielt bloß vor den »Hütern des Gesetzes« eine Autoritätsperson.

»Okay, dann mal raus hier«, kommandiert ein Polizist, und der andere winkt uns die Treppe hinauf. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als wie begossene Pudel aus dem Raum zu schleichen. Während ich in die Eingangshalle trete, beobachte ich Alex möglichst unauffällig von der Seite. Seine Bewegungen wirken eckig, und mir scheint, als sei jeder Muskel seines Körpers zum Zerreißen gespannt. Verwirrt folge ich seinem Blick bis zu einer Menschentraube, die sich an der Haustür gebildet hat. Offenbar muss dort jeder, der das Heim verlässt, seinen Ausweis vorzeigen, und die Polizisten führen eine routinierte Taschenkontrolle durch.

»Wir haben immer wieder Ärger mit Minderjährigen, die unbefugt den heimeigenen Feierlichkeiten beiwohnen«, erklärt Faulbär dramatisch. »Und am Ende bin ich verantwortlich, wenn jemand von ihnen zu viel trinkt und etwas passiert. Deshalb gehen Sie bitte auf Nummer sicher!«

Es ist klar, dass die Beamten diesen Aufwand für übertrieben halten. Wahrscheinlich haben sie Besseres zu tun, als eine Horde beschwipster junger Leute zu disziplinieren.

»Heimbewohner bitte in ihre Zimmer«, dröhnt die Stimme eines der Polizisten durch das allgemeine Chaos. »Die anderen bilden eine Schlange, damit wir das schnell hinter uns bringen können.«

Ich schaue mich um und entdecke Emilia, die artig in Richtung unseres Zwei-Zimmer-Apartments davonhuscht.

Neben mir knurrt Alex etwas mit zusammengebissenen Zähnen.

»Was?«, zische ich zurück.

»Nimm mich mit«, wiederholt er ernsthaft. »Ich kann da jetzt nicht durch!«

»Und warum nicht? Sag bloß, du bist noch unter achtzehn.«

»Ja genau, ich bin ein Vierzehnjähriger auf Substral.« Alex reibt sich mit beiden Händen über das Gesicht. In seinem schwarzen Kapuzensweater muss ihm viel zu warm sein, und er macht einen beinah fiebrigen Eindruck auf mich. »Hör zu, das da vorne ist meine Exfreundin«, erklärt er schnell. »Die Frau hat echt einen an der Waffel, kapiert? Ich hab ihr zwar heute gesagt, sie soll sich von mir fernhalten, aber wenn sie mich jetzt erwischt, werde ich sie nicht mehr los.«

Er deutet mit dem Kinn zur Tür, und ich fange den Blick eines Mädchens in einem kurzen roten Kleid auf. Es stimmt, ich habe Alex im Partykeller mit ihr reden gesehen, und während sie langsam zur Ausweiskontrolle vorrückt, schaut sie sich immer wieder mit verbitterter Miene nach uns um. Gegen meinen Willen male ich mir aus, was es wohl zu bedeuten hat, wenn Alex seine Exfreundin nicht mehr loswird. Erst mit einem heftigen Kopfschütteln schaffe ich es, diesen Gedanken zu verscheuchen.

»Kein Wunder«, antworte ich zu spät, aber mir gelingt immerhin ein spöttischer Tonfall. »Ich wette, deine charakterliche Mischung aus Charme und Zerstörungswut ist unwiderstehlich.«

»Wenn ich dich auf dein Zimmer begleiten darf, beweise ich’s dir.«

Darauf fällt mir keine passende Antwort mehr ein. Der Typ hat vielleicht Nerven! Zum Glück bemerkt genau in diesem Moment einer der Polizisten, dass wir noch zwischen den Apartments und der Haustür herumlungern. »Hey, ihr zwei«, ruft er uns zu. »Wird’s bald? Alle externen Personen vor der Tür in eine Reihe, bitte sehr!«

Wortlos drehe ich mich zur Seite und bin schon drauf und dran, einfach loszulaufen, da werde ich mit einem harten Griff ums Handgelenk gestoppt. Ein Ruck geht durch meinen Arm, und für den Bruchteil einer Sekunde schaue ich direkt in Alex’ Augen. Seine Pupillen sind riesig inmitten der leuchtend blauen Ringe.

Im nächsten Moment pressen sich seine Lippen auf meinen Mund.

Ich bin so perplex, dass ich zuerst gar nicht auf die Idee komme, mich zu wehren. Auch Alex bewegt sich nicht – das Ganze hat nichts mit einem Kuss zu tun, sondern ist einfach nur ein fester, unnachgiebiger Druck. Nachdem ich mich ein wenig von meinem Schreck erholt habe, nehme ich zum ersten Mal Alex’ Geruch wahr, irgendetwas Holziges und frischer Schweiß, und ich spüre einen warmen Luftzug, als er durch die Nase ausatmet. Dann werden seine Lippen weich, schmiegen sich beinahe sanft gegen meine. Als wäre seine Anspannung verflogen, lockert sich nun auch sein Griff.

Das genügt, um mich vollends aus meiner Starre zu lösen. Mit aller Kraft reiße ich mich los, stoße mit der flachen Hand gegen Alex’ Brust und könnte vor Wut schreien, weil er sich trotzdem keinen Millimeter vom Fleck rührt.

»Sorry für die Sache mit deinem Notizbuch, Kris«, höre ich ihn gedämpft sagen. Dann wendet er sich ab und verschwindet in der wartenden Menge.

Alex

Der dümmste …