Wir Ertrunkenen - Carsten Jensen - E-Book

Wir Ertrunkenen E-Book

Carsten Jensen

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Beschreibung

Carsten Jensen erzählt in „Wir Ertrunkenen“ von Menschen, deren Leben vom Meer bestimmt ist: von Männern, die ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer folgen, und von Frauen, die dem Meer, das ihnen die Männer und Söhne raubt, den Kampf ansagen.
Wir Ertrunkenen“ ist ein pralles, buntes Buch voller phantastischer, komischer und nachdenklicher Geschichten.

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Seitenzahl: 1365

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Für meine Mutter und meinen Vater

Inhaltsverzeichnis

WidmungI
DIE STIEFEL
Copyright

I

DIE STIEFEL

Laurids Madsen war im Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder heruntergekommen.

Er war nicht bis hoch zum Masttopp geflogen, eher so auf die Höhe der Großrahe eines Vollschiffs. Er hatte am Tor zum Paradies gestanden und den heiligen Petrus gesehen, doch es war nur der Arsch, den der Hüter der Pforte zum Jenseits ihm gezeigt hatte.

Laurids Madsen hätte tot sein sollen. Aber der Tod hatte ihn nicht gewollt, und so wurde er ein anderer.

Bevor Laurids Madsen wegen seines Besuchs im Himmel berühmt wurde, hatte man ihm vorgehalten, eigenhändig einen Krieg angezettelt zu haben. Mit sechs hatte Laurids seinen Vater, Rasmus, ans Meer verloren, und mit vierzehn war er mit der Anna aus Marstal in See gestochen. Drei Monate später war die Anna in der Ostsee untergegangen. Die Besatzung wurde von einer amerikanischen Brigg gerettet, seither hatte Laurids Madsen von Amerika geträumt.

Mit achtzehn hatte er in Flensburg sein Steuermannspatent bestanden und noch im selben Jahr bei Mandal vor der Küste Norwegens ein zweites Mal Schiffbruch erlitten; dort hatte er in einer kalten Oktobernacht auf einer Schäre gestanden, die von den Wellen überspült wurde, und Ausschau nach Rettung gehalten. Fünf Jahre war er über die Weltmeere gesegelt. Er hatte Kap Hoorn umrundet und in der pechschwarzen Nacht den Schrei des Pinguins gehört. Er hatte Valparaiso gesehen, die Westküste von Amerika und Sydney, wo die Bäume im Winter statt der Blätter die Borke verlieren und die Kängurus umherhüpfen. Er hatte ein Mädchen mit Augen wie Weintrauben getroffen, das auf den Namen Sally Brown hörte, und wusste von der Foretop Street, La Boca, Barbary Coast und der Tiger Bay zu berichten. Er hatte den Äquator überquert, Neptun gegrüßt und den Stoß gespürt, als das Schiff die Linie kreuzte. Er hatte aus diesem Anlass Salzwasser, Fischöl und Essig getrunken. Er war mit Teer, Lampenruß und Leim getauft und mit einem rostigen Messer mit schartiger Klinge rasiert worden, seine Schnitte hatte man mit Salz und Kalk versorgt. Er hatte die ockerfarbene Wange der pockennarbigen Amphitrite geküsst und die Nase in ihr Riechfläschchen voller abgeschnittener Nägel gesteckt.

Laurids Madsen war weit herumgekommen.

Wie so viele. Doch als Einziger war er mit der fixen Idee heimgekehrt, dass in Marstal alles zu klein und zu eng war, und um das zu beweisen, redete er ständig in einer Sprache, die er «amerikanisch» nannte. Ein Jahr war er auf der Kriegsfregatte Neversink gefahren und hatte dabei das fremde Idiom gelernt.

« Gevin nem belong mi Laurids Madsen», sagte er.

Er hatte drei Söhne und eine Tochter mit Karoline Grube aus der Nygade. Rasmus, genannt nach Laurids’ Vater, Esben und Albert. Das Mädchen hieß Else und war die Älteste. Rasmus, Esben und Else schlugen nach der Mutter; wie sie waren sie nicht sonderlich groß gewachsen und sagten nicht viel. Albert glich seinem Vater. Bereits als Vierjähriger war er ebenso groß wie der drei Jahre ältere Esben. Ständig kullerte er eine englische Kanonenkugel aus Gusseisen umher und versuchte wieder und wieder, sie hochzuheben. Er ging in die Knie und bekam einen verbissenen und stieren Blick, doch noch war sie zu schwer für ihn.

«Heave away, my jolly boys! Heave away my bullies!», spornte Laurids ihn an, wenn er die Versuche seines Jüngsten sah.

Die Kugel war 1807 während der englischen Belagerung von Marstal durch das Dach des Hauses in der Korsgade geschlagen. Großmutter hatte sich dermaßen erschrocken, dass sie Laurids mitten auf dem Küchenfußboden zur Welt gebracht hatte. Wenn Albert nicht gerade damit unterwegs war, hatte die Kanonenkugel ihren festen Platz in der Küche: Karoline benutzte sie dort als Stößel, um im Mörser Senf zu mahlen.

«Tja, genauso gut hättest du deine Ankunft auf diese Weise ankündigen können», hatte Rasmus einmal zu Laurids gesagt, «so groß, wie du warst, als du zur Welt kamst. Wenn der Storch dich verloren hätte, wärst du auch wie eine englische Kanonenkugel durchs Dach geschossen.»

«Finggu», sagte Laurids und hob den Finger.

Er wollte den Kindern die amerikanische Sprache beibringen.

Fut bedeutete Fuß. Er zeigte auf den Stiefel. Maus war der Mund.

Er rieb sich den Bauch, wenn er sich zu Tisch setzte, und bleckte die Zähne.

«Hanggre.»

So verstanden alle, dass er Hunger hatte.

Mutter hieß misis, Vater papa tru. Wenn Laurids nicht da war, sagten sie Mutter und Vater genau wie alle anderen Kinder, mit Ausnahme von Albert. Er war der besondere Liebling seines Vaters.

Für die Kinder gab es viele Bezeichnungen. Pikinini, bullies und hearties.

«Laikim tumas», sagte Laurids zu Karoline und spitzte die Lippen, als wollte er ihr einen Kuss geben.

Erst kicherte sie vor Verlegenheit, dann wurde sie böse.

«Führ dich nicht auf wie ein Narr, Laurids», sagte sie.

Am anderen Ufer der Ostsee kam es in Schleswig-Holstein zum Krieg mit den Deutschen. Man schrieb das Jahr 1848, und der alte Zollamtmann de la Porte erfuhr es als Erster, weil die provisorische Regierung der Aufständischen in Kiel ihm die Proklamation zusammen mit dem Ersuchen schickte, ihnen die Zollkasse auszuhändigen.

Ganz Marstal geriet in Aufruhr, und sofort beschlossen wir einstimmig die Bildung einer Landwehr. An der Spitze stand ein junger Lehrer aus Rise, den wir seither den General nannten. Überall auf den höchsten Punkten der Insel wurden Signalfeuer errichtet; Schwengel, die man an einer langen Stange anbrachte und an deren Ende eine mit altem Tauwerk und Teer gefüllte Tonne hing. Wenn der Feind kam, wurde die brennende Teertonne hochgezogen, um so zu signalisieren, dass der Krieg heransegelte.

Es gab Feuerzeichen auf dem Knasterbjerg und an der Steilküste bei Vejsnæs, und überall patrouillierten Strandwachen und spähten über das Wasser.

Laurids, der ohnehin vor nichts Respekt hatte, war das Kriegsspektakel leid. Eines Abends, als er auf der Heimreise aus der Eckernförder Bucht an Vejsnæs vorbeikam, segelte er dicht auf den Strand zu und brüllte, dass es über das Wasser gellte: «Der Deutsche ist hinter mir her!»

Wenige Minuten später brannte die Tonne auf dem Gipfel des Steilhangs. Dann wurde das Signalfeuer auf dem Knasterbjerg entzündet, und nun sprang das Feuer weiter über die Insel, bis nach Synneshøj, das beinahe zwanzig Kilometer entfernt lag; Ærø stand in Brand wie beim Mittsommernachtsfeuer.

Als die Feuer aufflammten, lag Laurids auf dem Wasser und amüsierte sich köstlich über das gewaltige Durcheinander, das er angerichtet hatte. Doch als er in Marstal anlegte, sah er überall Licht, und obwohl es schon später Abend war, wimmelte es auf den Straßen vor Menschen. Einige riefen unverständliche Befehle, andere weinten und beteten. Eine kampfbereite Gruppe stürmte bereits die Markgade hinauf, bewaffnet mit Sensen, Heugabeln und ein paar Gewehren. Junge Mütter liefen mit ihren schreienden Säuglingen auf dem Arm verschreckt durch die Straßen, überzeugt, dass der Deutsche ihre Nachkommen mit Bajonetten aufspießen würde. Am Brunnen an der Ecke Markgade und Vestergade stand die Frau eines Kapitäns und schimpfte mit ihrer Dienstmagd. Die Frau hatte die Idee, sich vor den Deutschen im Brunnen zu verstecken, und befahl nun dem Mädchen, als Erste in die schwarze Tiefe zu springen.

«Nach Ihnen», sagte das Mädchen.

Wir Männer kommandierten uns ebenfalls herum. Doch es gab einfach zu viele Kapitäne in unserer Stadt, als dass irgendjemand einem anderen gehorchen wollte, und so konnten wir uns lediglich darauf einigen, unter Hersagen vieler Eide feierlich zu schwören, dass wir unser Leben so teuer wie möglich verkaufen würden.

Als der Tumult auf den Pfarrhof in der Kirkestræde bis zu Pastor Zachariassen drang, der an diesem Abend Besuch hatte, fiel eine Dame vor Erschütterung in Ohnmacht, sein zwölfjähriger Sohn Ludvig hingegen griff zu einem Feuerhaken, um das Vaterland gegen den eindringenden Feind zu verteidigen. Daheim bei Lehrer Isager, der auch als Küster tätig war, bereitete sich die ganze Familie auf den bevorstehenden Angriff vor. Alle zwölf Söhne, die zu Hause waren, um den Geburtstag der dicken Frau Isager zu feiern, wurden von ihrer Mutter mit aschegefüllten Tonkrügen ausgestattet und bekamen die Ordre, dem Deutschen die Asche auf den Kopf zu schütten, wenn er sich erlauben sollte, die Küsterwohnung zu stürmen.

An der Spitze der Gruppe, die sich durch die Markgade in Richtung Reeperbahn bewegte, befand sich auch der alte Jeppe, der mit einer Forke fuchtelte und die Deutschen johlend herausforderte; sie sollten nur kommen, wenn sie es wagten. Der kleine Schreiner Laves Petersen musste wieder umkehren. Keck hatte er seine Flinte über der Schulter getragen, und seine Taschen beulten sich vor Kugeln, doch erst während des Eilmarsches bemerkte er, dass er sein Pulver zu Hause vergessen hatte.

An der Marstaler Mühle stand die schwergewichtige Müllerin Madame Weber mit einer Heugabel bereit und verlangte, mit in die Schlacht ziehen zu dürfen, und in der allgemeinen Verwirrung und vielleicht auch, weil sie imponierender daherkam als die meisten von uns Männern, öffneten wir ihr sofort unsere kriegslüsternen Reihen.

Laurids, der ein empfindsames Gemüt hatte, wurde von dem allgemeinen Kampfgeist derart gepackt, dass er nach Hause lief, um eine Waffe zu holen. Karoline und die vier Kinder hatten sich vor Angst unter dem Esstisch der guten Stube versteckt, als er hereinstürmte und munter rief: «Kommt Kinder, jetzt geht’s in den Krieg!»

Ein dumpfes Geräusch war zu hören, als Karoline mit dem Kopf an die Unterseite des Esstisches stieß. Mühsam kroch sie unter der Tischdecke hervor und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, wobei sie ihn völlig außer sich anschrie: «Bist du denn ganz von Sinnen, Madsen? Krieg ist nichts für Kinder!»

Rasmus und Esben fingen an, auf und ab zu hüpfen.

«Wir wollen mit! Wir wollen mit!», riefen sie im Chor. «Ach bitte, dürfen wir?»

Und der kleine Albert rollte bereits die Kanonenkugel heran.

«Seid ihr denn alle verrückt geworden?», schrie die Mutter und versetzte dem Nächststehenden eine Ohrfeige. «Seht zu, dass ihr wieder unter den Tisch kommt!»

Laurids lief in die Küche, um sich eine geeignete Waffe zu besorgen, doch er fand nichts Brauchbares.

«Wo ist denn die Bratpfanne?», rief er in die Stube.

«Nicht die», schrie Karoline zurück. «Meine Bratpfanne fasst du nicht an.»

«Na gut, dann nehm ich den Besen», teilte er mit und lief zurück in die Stube. «Jetzt kann sich der Deutsche aber auf etwas gefasst macht.»

Sie hörten, wie die Haustür hinter ihm zufiel.

«Hast du das gehört?», flüsterte Rasmus, der Älteste, Albert zu. «Vater hat nicht mal Amerikanisch geredet.»

«Dieser Verrückte», erklärte die Mutter und schüttelte den Kopf in der Dunkelheit unter dem Esstisch, wohin sie wieder Zuflucht gesucht hatte. «Zieht mit einem Besen in den Krieg.»

Allgemeiner Jubel brach los, als Laurids sich der kampfbereiten Truppe anschloss. Zwar stand er im Ruf, überheblich zu sein, doch er war groß und stark, und es konnte nicht schaden, ihn an der Seite zu haben. Dann fiel unser Blick auf den Besen.

«Hast du keine andere Waffe?»

«Für den Deutschen ist das gut genug», antwortete er und reckte den Besen in die Luft. «Damit fegen wir ihn aus dem Land.»

Wir waren übermütig und lachten über seinen Witz.

«Lasst ein paar Heugabeln zurück», sagte Lars Bødker. «Damit wir die Deutschen hinterher stapeln können, wenn sie alle tot sind.»

Wir kamen hinaus aufs offene Feld. Bis Vejsnæs war es ein Marsch von einer halben Stunde, und wir schritten zügig aus, noch immer mit Angriffslust im Blut. Wir erreichten die Hügel bei Drejet und sahen, wie die Feuer über die Insel flammten, ein Anblick, der unsere Kampfbereitschaft nur noch anstachelte. Dann hörten wir Hufschlag in der Dunkelheit und erstarrten. Nun kam der Feind!

Unsere Hoffnung war, die Deutschen am Strand zu überraschen, aber immerhin hatten wir noch das Terrain auf unserer Seite. Laurids stellte sich mit dem Besen in Kampfpositur, und wir anderen taten es ihm gleich.

«Wartet auf mich!», tönte es hinter uns.

Es war der kleine Schreiner, der uns nachlief, nachdem er zu Hause sein Pulver geholt hatte.

«Psst!», zischten wir. «Der Deutsche ist ganz in der Nähe.»

Die Hufschläge kamen näher, und nun hörten wir, dass es sich um lediglich ein Pferd handelte. Ein Reiter tauchte aus der Dunkelheit auf. Laves Petersen hob seine Flinte und zielte, doch Laurids legte eine Hand auf den Gewehrlauf.

«Das ist Kontrolleur Bülow», sagte er.

Der Kontrolleur saß rittlings auf einem schweißtriefenden Pferd, dessen schwarze Flanken nach dem scharfen Ritt zitterten. Er hob die Hand.

«Geht wieder nach Hause. Es gibt keine Deutschen bei Vejsnæs.»

«Aber die Tonnen brennen doch!», rief Laves.

«Ich habe mit der Strandwache gesprochen», sagte Bülow. «Es war falscher Alarm.»

«Und wir sind aus unseren warmen Betten gejagt worden. Wofür? Für nichts!»

Madame Weber verschränkte die Arme und sah sich mit einem missmutigen Blick unter uns um, als suchte sie jemanden, auf den sie sich nun stürzen konnte, da uns der Feind eine Abfuhr erteilt hatte.

«Wir haben bewiesen, dass wir vorbereitet sind», sagte der Kontrolleur schlichtend, «aber am allerbesten wäre es doch, wenn sie überhaupt nicht kämen.»

Wir brummten zustimmend. Und obwohl wir einsahen, dass der Standpunkt des Kontrolleurs vernünftig war, blieb es doch eine herbe Enttäuschung. Wir waren bereit, dem Deutschen und dem Tod in die Augen zu sehen, und nun war keiner von beiden auf Ærø an Land gegangen.

«Der Deutsche soll sich bloß vorsehen», sagte Lars Bødker.

Wir spürten die Müdigkeit und machten uns auf den Heimweg. Ein kühler Nachtregen fiel, und niemand sagte ein Wort, bis wir die Mühle erreichten, an der sich Madame Weber von unserer niedergeschlagenen Truppe trennte. Sie baute sich direkt vor uns auf und hielt die Heugabel in der Hand, als präsentierte sie ein Gewehr.

«Ich wüsste nur zu gern», sagte sie mit drohender Stimme, «wer der Spaßvogel war, der ehrbare Leute dazu bringt, mitten in der Nacht ihre Betten zu verlassen, um in den Krieg zu ziehen.»

Wir alle starrten Laurids an, der mit seinem Besen über der Schulter aus unserer Mitte herausragte.

Doch Laurids zog weder den Kopf ein, noch senkte er den Blick. Stattdessen schaute er uns an. Dann lehnte er sich zurück und begann, direkt in den Regen hineinzulachen.

Bald schon wurde es ernst mit dem Krieg. Wir wurden zur Marine eingezogen. Der Kriegsdampfer Hekla legte im Nachbarort Ærøskøbing an, um uns abzuholen. In einer Reihe standen wir am Pier und wurden einer nach dem anderen aufgerufen, bevor wir an Bord der Barkasse sprangen, die uns zu dem Dampfer bringen sollte. An jenem Abend im November hatten wir uns um den Krieg betrogen gefühlt, doch nun war die Wartezeit vorbei und der Mut groß.

«Ahoi, hier kommt ein Däne mit Leib und Seele, und der hat einen Seesack dabei!», schrie Claus Jakob Clausen.

Er war ein kleiner, sehniger Mann, der immer damit prahlte, dass ein Tätowierer in Kopenhagen, der auf den Namen Stichel-Frederik hörte, einmal zu ihm gesagt hatte, er habe den härtesten Arm, in den er jemals eine Nadel gestochen hätte. Clausens Vater, Hans Clausen, war wie sein Großvater vor ihm Lotse gewesen. Das war der Weg, den ganz sicher auch Claus Jakob gehen würde, denn in der Nacht vor der Einschiffung hatte er einen Traum gehabt, der ihm verkündete, dass er lebend aus dem Krieg zurückkäme.

In Kopenhagen wurden wir für die Fregatte Gefion angemustert. Laurids wurde von uns Übrigen getrennt und kam als Einziger auf das Linienschiff Christian VIII., dessen Großmast so hoch war, dass der Kirchturm von Marstal anderthalbmal in den Abstand zwischen Masttopp und Deck gepasst hätte. Uns wurde schwindlig und wirr, wenn wir den Kopf in den Nacken legten, doch es war diese Art von Schwindel, die zu Stolz führt, denn wir begriffen, dass wir einberufen waren, um große Taten zu vollbringen.

Laurids blieb zurück und sah uns nach. Die Christian VIII. passte zu ihm. Er würde sich an Deck wie zu Hause fühlen, er, der einst ein Jahr auf dem amerikanischen Kriegsschiff Neversink gefahren war. Dennoch dachten wir, dass er sich einen Moment lang verlassen gefühlt haben musste, als er uns auf der Gangway der Gefion verschwinden sah.

Dann liefen wir aus, um in den Krieg zu ziehen. Palmsonntag segelten wir die Küste von Ærø entlang. Wir sahen die Steilküste bei Vejsnæs, wo Laurids die Insel völlig konfus gemacht hatte mit seinem: «Der Deutsche kommt!» Jetzt kam der Däne, und die Reihe war an den Deutschen, Teertonnen zu entzünden und wie kopflose Hühner umherzurennen.

Wir lagen vor Als und warteten. Am Mittwoch nahmen wir Kurs auf die Eckernförder Bucht und erreichten die Mündung am späten Nachmittag. Auf dem Achterdeck wurden wir zusammengerufen. Wir waren ein bunter Haufen in unseren Friespullovern und Tuchhosen in den unterschiedlichsten Farben, manche blau, andere schwarz oder weiß. Nur das Band mit dem Namen Gefion um unsere Mütze und die rot-weiße Kokarde verrieten, dass wir Matrosen auf einem Kriegsschiff des Königs waren. Der Kommandant, der seinen feinsten Uniformmantel mit Epauletten und Säbel trug, hielt eine Rede und forderte uns auf, wie tapfere Burschen zu kämpfen. Er schwang seinen Dreispitz und brachte ein dreifaches Hurra auf den König aus. Wir stimmten ein, so laut wir konnten. Dann befahl er, sämtliche Kanonen abzufeuern, damit wir erfuhren, wie es während eines Gefechts zuging. Niemand von uns hatte je einen Krieg erlebt. Erst donnerte es übers Meer, dann roch es scharf nach Pulver. Es hatte ziemlich aufgefrischt, und der blaue Rauch der Kanonen wurde vom Wind mitgerissen. Einige Minuten war es unmöglich, sich untereinander zu verständigen. Der Lärm der Kanonen hatte uns taub werden lassen.

Wir bildeten nun ein ganzes Geschwader. Zwei Dampfer waren dazugekommen, einen kannten wir seit der Verschiffung aus Ærøskøbing, es war die Hekla. Für den nächsten Tag bereiteten wir uns auf die Schlacht vor. In den Batteriedecks wurden die Kanonen klargemacht und Pumpen und Feuerspritzen so aufgestellt, dass sie jederzeit zum Einsatz kommen konnten, sollte an Bord ein Brand ausbrechen. Jede einzelne Kanone bekam ihre Kartätschen und Vollkugeln, die Zündröhrchen packten wir in Kisten. In den letzten Tagen hatten wir alles so oft exerziert, dass wir die zahlreichen Befehle beinahe auswendig dahersagen konnten. Wir waren elf Mann an jeder Kanone, und vom ersten Befehl «Klar überall!», gefolgt von «Wischer und Kartusche!» und «Zündrohr einlegen!» bis endlich zum Befehl zu schießen, rannten wir konfus umher, starr vor Angst, irgendetwas falsch zu machen. Wir waren gewohnt, zu dritt oder zu viert auf unseren kleinen Frachtseglern und Galeassen zu arbeiten, und nun waren wir plötzlich Herren über Leben und Tod.

Allzu oft blieben wir wie gelähmt stehen, wenn der Geschützführer sein «Nach dem Visier ausrichten!» oder «Einrichten!» brüllte. Was, zum Teufel, bedeutete das eigentlich? Jedes Mal, wenn es uns gelang, den verzwickten Weg bis hin zum letzten Befehl fehlerfrei zurückzulegen, wurden wir vom Geschützführer gelobt. Dann brachen wir in ein munteres Hurra! aus, und er schaute erst uns an, dann seine Kanone und schließlich hinunter auf Deck, während er den Kopf schüttelte.

«Ihr Jungspunde», sagte er, «verdammt noch mal, tut bloß euer Bestes! »

Wir wussten nicht so genau, auf wen wir eigentlich schießen sollten. Doch wohl kaum auf die alte Ilse mit der schiefen Hüfte, die Branntweinmutter, die uns im Hafen von Eckernförde den erquickenden Trank verkaufte, wenn wir mit unseren Schuten anlegten. Und auf den Kornhändler Eckhardt, mit dem wir manch guten Handel geschlossen hatten, sicherlich auch nicht. Dann gab es noch den Gastwirt vom Roten Hahn. Er hieß Hansen, ein Name, der ja urdänisch war. Wir hatten ihn nie mit einem Gewehr in der Hand gesehen. Niemand von ihnen war der Deutsche, soweit wir es beurteilen konnten. Aber der König wusste, wer der Deutsche war. Und der Kommandant, der so verwegen Hurra! gebrüllt hatte.

Wir nahmen Kurs auf die Bucht. Die feindlichen Batterien an der Küste fingen an zu donnern, aber wir waren außerhalb ihrer Reichweite, und schon bald wurde es wieder ruhig. Wir bekamen Branntwein anstelle des üblichen Tees. Um neun wurde der Zapfenstreich geblasen, nun war es Zeit, in die Kojen zu kriechen. Sieben Stunden später wurden wir geweckt, es war Gründonnerstag, der 5. April 1849. Wieder erhielten wir Branntwein statt Tee, und auf Deck stand bereits ein Fass Bier. Wir konnten trinken, so viel wir mochten, und unsere Laune war ausgezeichnet, als wir den Anker lichteten und uns der Bucht näherten.

Über die Verpflegung an Bord der Schiffe Ihrer Majestät konnten wir uns nicht beklagen, denn hatten wir daheim für uns zu sorgen, war die Kost mager. Über uns hieß es, bei einem Schiff aus Marstal würden nie Möwen im Kielwasser fliegen, und das hatte schon seine Richtigkeit. Bei uns wurde nichts vergeudet. Hier aber gab es außer Tee und Bier jeden Tag so viel Brot, wie wir nur essen konnten, zum Mittagessen ein Pfund frisches Fleisch oder ein halbes Pfund Speck, Erbsen, Grütze oder Suppe und am Abend vier Lot Butter und dazu einen Schnaps. Daher liebten wir den Krieg, lange bevor wir zum ersten Mal Pulverdampf rochen.

Wir hatten die Eckernförder Bucht erreicht. Das Ufer rückte näher, und die Kanonenstellungen an Land waren jetzt deutlich auszumachen. Kresten Hansen beugte sich hinüber zu Ejnar Jensen und vertraute ihm einmal mehr an, dass er die Schlacht nicht überleben werde.

«Ich hab’s gewusst, seit der Deutsche die Zollkasse verlangte. Ich sterbe heute.»

«Einen Scheiß wusstest du», erwiderte Ejnar. «Du hast doch nicht einmal geahnt, dass die Schlacht an Gründonnerstag stattfindet.»

«Doch, das wusste ich schon lange. Die Zeit ist gekommen, da wir erschossen werden!»

«Halt jetzt die Schnauze», sagte Ejnar gereizt. Er hatte sich das Gejammer anhören müssen, seit sie die Hängematten aufgerollt und die Stiefel geschnürt hatten.

Doch Kresten war nicht zu bremsen, sein Atem ging stoßweise, und er legte eine Hand auf den Arm des Freundes.

«Versprich mir, dass du meinen Seesack zurück nach Marstal bringst. »

«Du kannst deinen Plunder selbst nach Hause tragen. Hör jetzt auf, bevor du mir auch noch Angst einjagst.»

Ejnar warf einen beunruhigten Blick auf den Kameraden. Kresten war der Sohn von Kapitän Jochum Hansen, gleichzeitig Aufseher bei der Hafenbehörde, und Kresten hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater, von den Sommersprossen unter dem rotblonden Schopf bis zu seinem etwas einsilbigen Wesen. Noch nie hatten wir ihn in einem so seltsamen Zustand erlebt.

«Hier», sagte Ejnar und reichte ihm einen Krug Bier. «Nimm einen ordentlichen Schluck.»

Er hielt Kresten den Krug an den Mund. Der prustete und verschluckte sich am Bier. Seine Augen wurden glasig. Ejnar klopfte ihm auf den Rücken. Kresten schnappte so keuchend nach Luft, dass ihm das Bier aus den Nasenlöchern schoss.

«Du Fischkopf.» Ejnar lachte. «Wer hängen soll, ersäuft nicht», sagte er. «Fast hättest du dich selbst umgebracht. Du brauchst den Deutschen überhaupt nicht.»

Doch Krestens Blick war noch immer weit weg.

«Die Zeit ist gekommen, da wir erschossen werden», wiederholte er mit dumpfer Stimme.

«Tja, ich werde jedenfalls nicht erschossen.»

Es war Lille Clausen, der sich ins Gespräch einmischte.

«Ich weiß es, weil ich es geträumt habe. Versteht ihr, ich ging den Møllevej hinunter, ich wollte in die Stadt. Zu beiden Seiten stand Militär, bereit zu schießen. Eine Stimme rief: ›Du sollst gehen!‹ Und ich ging. Die Kugeln sausten mir nur so um die Ohren, aber keine traf. Also werde ich heute nicht erschossen. Da bin ich mir sicher.»

Wir hielten Ausschau über die Bucht und die umliegenden Felder, die von einer Schicht Frühjahrsgrün bedeckt waren. In einem kleinen Wald knospender Lindenbäume versteckte sich ein Hof mit Reetdächern, zu dem ein mit Feldsteinen eingefasster Weg führte. Am Rande des Weges stand eine Kuh und graste. Sie hatte uns ihr Hinterteil zugewandt und schlug träge mit dem Schwanz; sie wusste nichts von dem Krieg, der sich draußen auf dem Wasser näherte.

Die Kanonenstellung auf der Landspitze an Steuerbord war nun sehr nahe. Wir sahen den Rauch, bevor wir den Knall über das Wasser rollen hörten wie ein Unwetter, das unversehens aufzog.

Kresten zuckte zusammen.

«Die Zeit ist gekommen», sagte er.

Ein Feuerstrahl schlug steuerbord aus dem Achterdeck der Christian VIII. Wir sahen uns ratlos an. War das Schiff getroffen?

Wir waren das Kriegführen nicht gewohnt und wussten nicht, welche Folgen ein Volltreffer haben konnte. Von dem Linienschiff kam keine Reaktion.

«Wieso schießen die nicht zurück?», fragte Ejnar.

«Sie liegen noch nicht querab zur Batterie», stellte Lille Clausen sachkundig fest.

Einen Moment später verkündete eine blaugraue Wolke aus Pulverdampf auf der Steuerbordseite der Christian VIII., dass sie die Salve beantworteten. Die Schlacht war in vollem Gang. Am Strand spritzten Feuer und Erde auf, und kleine Zinnsoldaten liefen durcheinander. Ein ordentlicher Wind blies aus östlicher Richtung, und kurze Zeit später war es an der Gefion, eine Breitseite zu liefern. Der Knall der großen Sechzigpfundkanonen ließ das gesamte Schiff erzittern; wir hatten das Gefühl, uns würde das Zwerchfell in die Hose rutschen. Wir pressten die Hände auf die Ohren und schrien in einer Mischung aus Furcht und Erschrecken, wie gelähmt von der Schlagkraft der Kanonen.

Jetzt bekam der Deutsche die volle Breitseite!

Einige Minuten ging es so weiter. Dann hörten die Schüsse der Batterie auf der Landspitze auf. Wir mussten uns auf das Urteilsvermögen unserer Augen verlassen, hören konnten wir nichts. Es sah aus wie eine Wüstenlandschaft. Schutt türmte sich in großen Haufen. Der schwarze Lauf eines Vierundzwanzigpfünders ragte in die Luft, als hätte er ein Erdbeben erlebt. Niemand rührte sich.

In einem stummen Siegestanz schlugen wir uns auf den Rücken. Sogar Kresten sah einen Moment so aus, als würde er seine düsteren Vorahnungen vergessen und sich der Ekstase ergeben: Der Krieg war ein Riesenspaß, ein Branntweinrausch, der direkt ins Blut ging. Nur war dieser Rausch größer und reiner. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, war die Luft vollkommen klar. Nie hatten wir die Welt so deutlich gesehen. Wir schnitten Fratzen wie Neugeborene. Takelage, Masten und Segel wölbten sich über uns wie das Laubwerk eines frisch ausgeschlagenen Buchenwalds. Und über all dem lag ein Glanz, wie wir ihn nie zuvor erlebt hatten.

«Mir wird ganz feierlich zumute», sagte Lille Clausen, als wir Sprache und Gehör wiedergefunden hatten. «Teufel auch, Teufel auch.»

Er konnte gar nicht mehr aufhören zu fluchen.

«Der Teufel soll mich holen, wenn ich so was schon mal gesehen habe.»

Den Kanonendonner hatten wir ja bereits während der Generalprobe am Abend zuvor gehört, aber Zeuge der Wirkung der Kanonen zu sein – das veränderte einen Mann.

«Nun ja», sagte Ejnar nachdenklich, «diese Kanonen, das ist schon etwas anderes als Pastor Zachariassens Predigten. Tja, was sagst du, Kresten?»

Kresten hatte einen geradezu frommen Gesichtsausdruck. «Denkt nur, dass ich so etwas erleben darf», sagte er leise.

«Dann glaubst du also nicht mehr, dass du erschossen wirst?»

«Doch, jetzt weiß ich es. Aber ich habe keine Angst mehr.»

Dies war allerdings noch nicht die Feuertaufe, denn die Sechzigpfundkanonen, die wir zu bedienen hatten, waren auf dem obersten Deck der Backbordseite stationiert, und bald würden wir an die Reihe kommen, spätestens, wenn wir weiter in Richtung Eckernförde segelten, wo zwei zusätzliche Batterien warteten, eine an jedem Ufer der Bucht. Aber mit diesem Gegner brauchte man ja nicht groß zu rechnen. Es war noch nicht einmal acht Uhr morgens und die Schlacht schon halb gewonnen. Wir machten uns Sorgen darüber, dass der Krieg vorbei sein würde, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Gerade waren wir ein wenig auf den Geschmack gekommen, da hatten wir die Deutschen bereits vor dem Mittagessen geschlagen.

Die Gefion erreichte das Ende der Bucht, die nördliche Batterie lag direkt voraus. Bloß zwei Kabellängen waren wir von der südlichen Batterie entfernt, als wir die Marssegel brassten und in den Wind stellten. Den Klüver holten wir ein und ließen backbord den Anker zusammen mit einem Schleppanker fallen, so dass wir die Breitseite ausrichten konnten, denn nun galt es zu schießen. Die Christian VIII. machte das Gleiche.

Unser Blut kochte. Wir waren wie Kinder, die ein chinesisches Feuerwerk erleben durften. Jegliche Furcht war verschwunden. Zurück blieb nur die Erwartung. Den bereits errungenen Sieg hatten wir noch nicht verarbeitet, da erwartete uns bereits ein neuer.

Die Gefion begann zu schwojen, der Schleppanker hielt nicht. Die Strömung war zu stark, und wir trieben auf die südliche Batterie zu. Wir sahen hinüber zur Christian VIII. Auch das große Linienschiff trieb dicht unter der Küste und lag bereits unter intensivem Beschuss. Sie ließen den schweren Anker fallen, um die Abdrift aufzuhalten, und antworteten mit einer gewaltigen Salve, die sich über die gesamte Längsseite vom Vordersteven bis achtern zog. Pulverdampf quoll aus einer Stückpforte nach der anderen, bis er in einer großen, rasch anwachsenden Wolke über die Bucht trieb. Doch die Schüsse lagen zu hoch und schlugen in den Feldern hinter der Batterie ein. Sie hatten keine Zeit gehabt, die Kanonen einzurichten, als sie wider Erwarten auf die Küste zutrieben.

Einen Augenblick später war die Reihe an uns. Wir lagen so dicht vor der Küste, dass wir in Reichweite der Gewehre gerieten. Die Strömung und der Wind spielten weiterhin mit uns. Wir lagen querab in der Bucht, und das bedeutete, dass unsere Breitseiten beide aufs offene Wasser zielten. Nur die vier Achterkanonen hatten eine Chance, das gewaltige Feuer der Batterie zu beantworten.

Der erste Treffer fegte elf Männer vom Achterdeck. Graue Erbsen nannten wir die Kanonenkugeln, doch es war keine Erbse, die hier in einem Hagel aus Holzsplittern auf Deck niederging und Schanzkleid, Stückpforten und Menschen auseinanderriss. Ejnar hatte die Kugel kommen sehen. Er registrierte jeden Meter ihres Flugs, als sie tief übers Deck strich. Einem Mann schlug sie die Beine weg – die Beine flogen in die eine Richtung, der Rest des Mannes in die andere. Sie erwischte eine Schulter und zerschmetterte einen Schädel. Knochensplitter, Blut und Haar klebten daran. Sie hielt auf ihn zu. Ejnar ließ sich hintenüberfallen und sah sie vorbeifliegen. Später sagte er, dass sie seinen Schnürsenkel mitgerissen hätte. So nah war sie ihm gekommen, bevor sie durch das Schanzkleid an Backbord krachte.

Für Ejnar war die Kanonenkugel ein Ungeheuer mit einem eigenen, freien Willen. Es zeigte ihm, was Krieg bedeutete, und das waren keine Strandbatterien, die in die Luft flogen, und keine Zinnsoldaten auf der Flucht. Ein Drache fauchte heiß auf sein blankes Herz.

Zeit zum Nachdenken gab es nicht. Auf Deck herrschte ein einziges Durcheinander. Ein Offizier schrie Ejnar mit wirrem Blick an, er solle zusammen mit dem Steuermann und einem Soldaten zum Mast gehen. Irgendeinen Sinn hatte dieser Befehl nicht, aber Ejnar tat, was ihm befohlen wurde. In diesem Moment brach der Soldat in einer Blutlache zusammen. Es sah aus, als hätte es eine innere Sprengung gegeben. Ein Loch öffnete sich in der Brust, Blut quoll heraus. Ejnar sah, wie ein Auge rot explodierte und die Schädeldecke abgerissen wurde. Es war ein seltsamer Anblick, als die hellrote Gehirnmasse schutzlos vor ihm lag und herausspritzte, als würde jemand mit einer Kelle auf Grütze einschlagen. Ejnar wusste nicht, dass einem Menschen so etwas widerfahren konnte. Dann schoss eine weitere Kanonenkugel heran und riss den Leutnant mit sich. Ejnar wurde gleichzeitig heiß und kalt beim Anblick dieses Weltuntergangs, und vor lauter konfuser Erregung begann seine Nase zu bluten.

Ein anderer Offizier, dem ebenfalls Blut übers Gesicht lief, scheuchte ihn an die Kanone Nr. 7. Ejnar war an der Kanone Nr. 10 eingeteilt, doch die hatte in der Zwischenzeit einen Volltreffer erhalten und stand verkantet in ihrer Stückpforte. Rundum ein Wirrwarr regloser Körper, unter denen das Blut zu einem langsam immer größer werdenden See zusammenfloss. Dünne Ströme von Urin bildeten ein Delta zwischen den Beinen der Toten. Er konnte nicht erkennen, ob Kresten oder Lille Clausen unter ihnen waren. Ein Stück entfernt lag ein abgerissener Fuß. Wie die Toten hatte auch Ejnar das Wasser einfach laufen lassen. Der Kanonendonner hatte ein Erdbeben in seinen Eingeweiden ausgelöst, seine Hosen waren ebenfalls voll. Er wusste, dass Tote im Augenblick des Sterbens ihren Darm entleeren, aber dass so etwas auch den Lebenden passierte, hatte er sich nicht vorstellen können. Der Krieg sollte die Taufe des Mannesalters sein. Diesem Satz misstraute er in dem Moment, in dem er et-was Klebriges seine Schenkel hinunterrinnen spürte. Er fühlte sich halb wie ein Toter, halb wie ein Säugling, doch er begriff sehr schnell, dass er nicht der Einzige war. Ein Gestank wie aus einer umgestürzten Lokustonne trieb über das Deck. Und er kam nicht allein von den Getöteten. Der größte Teil der Kämpfenden hatte besudelte Hinterteile.

Der Geschützführer der Kanone Nr. 7 war noch am Leben. Er blutete aus einer Wunde über der Augenbraue, dort hatte ihn ein herumfliegender Holzsplitter getroffen. Er schrie Ejnar, der nichts hören konnte, irgendetwas zu, aber erst als der Kommandierende auf das Rohr zeigte, begriff er, dass er die Kanone laden sollte. Nur waren seine Arme nicht lang genug, und er musste halb aus der Stückpforte klettern, um die Kugel in den Lauf zu stopfen. Hier war er für die feindliche Batterie ein gut sichtbares, leichtes Ziel. Aber er dachte nur daran, dass eigentlich bald mal jemand mit Branntwein vorbeikommen müsste.

Unterdessen war es der Gefion gelungen, sich auf ihre Position in der Bucht zu manövrieren, so dass wir nun mit der Breitseite zur Batterie lagen; doch der Dampfer Geiser, der versucht hatte, mit einem Schlepptau zur Hilfe zu kommen, hatte einen Treffer in der Maschine abbekommen und musste den Rückzug antreten. Das Gleiche galt für die Hekla, deren Ruder zerschossen war. Der Wind kam direkt aus Osten, und der Verlust der beiden Dampfschiffe, die uns beim Manövrieren hätten unterstützen sollen, bedeutete, dass es uns nicht möglich sein würde zu fliehen, wenn alles schiefging.

Das Kriegsglück schien sich unterdessen zu wenden. Die nördliche Batterie bekam einen Volltreffer nach dem anderen, und am Strand sahen wir die Zinnsoldaten einfach davonrennen. Das war der halbe Sieg! Allerdings blieben ihre Kanonen unversehrt, und neue Soldaten liefen herbei, sie schossen praktisch ohne Unterbrechung zurück. Eine weitere Ration Branntwein wurde ausgeteilt. Der Quartermeister ging mit der Branntweinpütz herum. Wir nahmen den angebotenen Becher mit einer Feierlichkeit entgegen, als wären wir beim Abendmahl und würden aus dem Kelch trinken. Das Fass Bier war glücklicherweise nicht getroffen, wir suchten es häufig auf. Wir fühlten uns einfach verloren. Der ununterbrochene Beschuss und die Zufälligkeit, mit der der Tod unter uns auf Deck erntete, ließ uns merkwürdig müde werden, obwohl die Schlacht noch immer erst wenige Stunden alt war. Ständig rutschten wir in glitschigen Blutlachen aus, und die ganze Zeit hatten wir diese grässlich verstümmelten Leiber vor Augen. Nur die Taubheit, die sich längst als Folge des anhaltenden Kanonendonners eingestellt hatte, verhinderte, dass wir das Schreien der Verwundeten hörten.

Wir wagten kaum, uns umzuschauen, aus Angst, in das Gesicht eines Freundes zu sehen und von einem Blick gefangen zu werden, der um Linderung flehte, aber auch ganz plötzlich in Hass umschlagen konnte – als würden die Verletzten uns, die wir noch auf den Beinen standen, unser Glück vorwerfen und sich nichts mehr wünschen, als ihr Schicksal gegen unseres einzutauschen. Niemand konnte ein tröstendes Wort mit einem anderen wechseln, es wäre ungehört vom Lärm der Kanonen davongetragen worden. Eine Hand auf der Schulter musste reichen. Doch schon jetzt hatte es den Anschein, als würden wir, die wir noch immer unverletzt waren, die Gesellschaft der Privilegierten vorziehen und die Verwundeten meiden, die sicherlich ein wenig mehr Trost verdient hätten. Wir Lebenden verschworen uns gegen die bereits vom Tod Gezeichneten.

Noch einmal luden wir die Kanonen und zielten, wie es die Geschützführer befahlen, doch längst dachten wir nicht mehr an einen Sieg oder eine Niederlage. Wir kämpften hauptsächlich, um den Anblick der Toten zu vermeiden, denn in unseren Köpfen hörten wir eine Frage wie ein Echo auf all dieses Sterben um uns herum: Warum sie? Wieso nicht ich? Doch wir wollten diese Frage nicht hören. Wir wollten überleben und sahen eine Welt, die sich am Ende eines schwarzen Tunnels aus Eisen befand. Wir hatten die begrenzte Sicht des Kanonenrohrs.

Der Branntwein hatte seine segensreiche Wirkung getan. Wir waren betrunken und ergaben uns einer berauschenden Gedankenlosigkeit, deren Ursache Entsetzen war. Wir segelten durch ein schwarzes Meer und hatten nur ein Ziel: nicht hinuntersehen zu müssen und auf Grund zu sinken.

Ejnar kletterte aus der Stückpforte und kroch wieder zurück. Es war ein schöner Frühlingstag, und jedes Mal, wenn er sich im milden Sonnenschein zeigte, erwartete er eine Kugel in der Brust. Er brabbelte ununterbrochen vor sich hin, hatte jedoch keine Ahnung, welche Worte ihm über die Lippen kamen. Gefährlich sah er aus, so ruß- und blutverschmiert wie er war. Seine Nase blutete noch immer, und hin und wieder wischte er sich das Blut mit dem Ärmel aus der unteren Gesichtshälfte. Dann legte er den Kopf in den Nacken und hoffte, so die Blutung stoppen zu können. Und die ganze Zeit hatte er diesen bitteren Geschmack im Mund. Nur wenn er den Rachen mit Branntwein spülte, verschwand er, aber schon bald schmeckte er ihn erneut. Allmählich verwandelte sich seine Anspannung in Apathie, und seine Bewegungen wurden mechanisch. Er war nicht schlechter dran als wir Übrigen. Auch sein blutiges Äußeres und die besudelten Hosen unterschieden ihn nicht von uns. Niemand von uns hatte überhaupt noch irgendeine Ähnlichkeit mit einem Lebenden, eher mit Wiedergängern aus einer längst geschlagenen Schlacht, mit Toten von einem umgepflügten Schlachtfeld, auf dem wir wochenlang vergessen in strömendem Regen gelegen hatten.

Wir sahen, wie die Männer der nördlichen Batterie schon zum dritten Mal abgelöst wurden. Nicht einer der Schüsse der Zinnsoldaten schien sein Ziel zu verfehlen, und wir hatten den Eindruck, als würden die Batterien auf beiden Seiten der Bucht ihre Feuerkraft nun auf uns konzentrieren.

Um ein Uhr wurde eine Signalflagge im Topp des zusammengeschossenen Riggs der Gefion gehisst. Diese Botschaft war an die Leute auf der Christian VIII. gerichtet: Wir können nicht mehr. Viele unserer Kanonen waren unbesetzt, und die, die weiterhin schossen, waren sämtlich unterbesetzt. Diejenigen von uns, die sich noch auf den Beinen hielten, arbeiteten inmitten von Leichenbergen und Verwundeten, die in ihrer Verzweiflung nach uns griffen, als wollten sie uns in diesem Brei von Eingeweiden, Blut und entleerten Därmen um Gesellschaft bitten.

Es war ein kodiertes Signal. Der Feind an der Küste der Eckernförder Bucht konnte es nicht verstehen, aber auf der Christian VIII. wurde es registriert.

Das Linienschiff hatte noch nicht diese großen Verluste zu verzeichnen. Früh am Morgen war ein Quartermeister aus Nyborg gefallen, seither hatte es zwei Verwundete gegeben, aber dem Schiff waren die großen, vernichtenden Volltreffer erspart geblieben. Kommandant Paludan konstatierte, dass das intensive Bombardement der Batterien vom nördlichen und südlichen Ufer keine großen Schäden angerichtet hatte. Die Schlacht dauerte nun schon über sechs Stunden, und es gab keinerlei Aussicht auf Sieg. Ein Rückzug war indes unmöglich, das war nicht schwer zu erkennen. Die Dampfer Hekla und Geiser waren außer Gefecht, und der Wind kam uns direkt entgegen. Kapitän Paludan beschloss daher, die Parlamentärsflagge zu hissen. Noch war es keine Kapitulation, nur eine Pause in der Schlacht.

Ein Leutnant wurde mit einem Brief an Land gerudert und kam umgehend mit dem Bescheid zurück, dass innerhalb einer Stunde mit einer Antwort gerechnet werden könne. Das Marssegel und das unterste Rahsegel wurden aufgegeit, die Mannschaft bekam Brot und Bier. Noch herrschte Ordnung an Deck, und obwohl alle taub vom Lärm der Kanonen waren, dachte niemand an Kapitulation. Allenfalls verspürten wir eine unbestimmte Unruhe über den Stand der Schlacht. Die Männer sahen, dass es um die Gefion übel stand, aber das blutige Chaos auf unserem Deck hätte ihnen niemand beschreiben können.

Laurids saß mit seinem Brot abseits, er war damit beschäftigt, seinen Hunger zu stillen. Noch kannte er sein Schicksal nicht.

Unterdessen waren Tausende von Menschen aus Eckernförde herbeigeeilt und standen dicht gedrängt an beiden Ufern. Laurids schaute zu ihnen hinüber, während er sein Brot kaute; er sah, dass nicht die Neugierde sie aus der Stadt getrieben hatte. Sie entzündeten große Feuer auf den Feldern und sammelten die Kanonenkugeln ein, die über den Strand verstreut lagen. Dann warfen sie die Eisenkugeln ins Feuer, erhitzten sie, bis sie glutrot waren, und brachten sie zu den Kanonenstellungen. Auf der Landstraße nach Kiel tauchte Landartillerie auf, gezogen von Pferden, und die Soldaten verteilten sich mit ihren Kanonen hinter den Einfriedungen aus Stein, die die umliegenden Felder begrenzten.

Laurids erinnerte sich an die Erzählung seines Vaters über den Krieg gegen die Engländer, damals, als Marstal angegriffen wurde. Zwei englische Fregatten hatten südlich der Stadt geankert. Sie waren gekommen, um Marstals Schiffe zu kapern, von denen ein halbes Hundert im Hafen lag. Drei Barkassen mit bewaffneten Soldaten hatten die Engländer ausgesetzt, doch zusammen mit den Grenadieren der 2. Jyske Kompagni war es den Marstalern gelungen, sie in die Flucht zu schlagen. Die Verteidiger der Stadt hatten ihren Augen kaum getraut, als die Engländer sich zurückzogen.

«Tja, eigentlich habe ich nie verstanden, worum es bei diesem Krieg wirklich ging», hatte sein Vater hinzugefügt, «die Engländer sind doch ausgezeichnete Seeleute. Ich habe nichts an ihnen auszusetzen. Doch für uns ging es bei dem Krieg ums Brot. Wenn sie uns die Schiffe genommen hätten, wären wir am Ende gewesen. Darum haben wir gewonnen. Was hätten wir denn sonst machen sollen?»

Nun saß Laurids auf der Christian VIII. unter der Parlamentärsflagge und betrachtete das Gewimmel von Menschen am Ufer. Er war sich nicht sicher, ob er den Krieg besser verstand als sein Vater. Sie kämpften für den Dannebrog gegen die Deutschen, und das sollte ihm eigentlich genügen. Und bis vor einem Moment war es ja auch noch so gewesen. Der Krieg war wie das Leben auf See. Man konnte die Wolken, die Windrichtung und die Strömungsverhältnisse genau beobachten, aber mit Bestimmtheit etwas über das unberechenbare Meer zu wissen war unmöglich. Es ging nur darum, sich einzurichten und lebend nach Hause zu kommen. Der Feind, das waren die Kanonenbatterien der Eckernförder Bucht. Wenn sie zum Verstummen gebracht werden konnten, war der Weg nach Hause offen. So war der Krieg für ihn. Er war kein Patriot, auch nicht das Gegenteil. Er nahm das Leben, wie es kam, und der Horizont, auf den er den Blick gerichtet hielt, war das Gewirr der Mastspitzen, der Mühlenflügel und des Dachreiters auf der Kirche. Es war Marstal, so wie die Stadt sich darbot, wenn wir uns an Bord eines Schiffs von See her näherten. Nun sah er, wie gewöhnliche Menschen in den Krieg zogen, nicht nur Soldaten, sondern Menschen aus der Stadt Eckernförde, einem Ort, den er oft mit seinen Kornlasten angesteuert hatte und aus dem er an jenem Abend gekommen war, als er ganz Ærø auf den Kopf gestellt hatte. Die Bürger aus Eckernförde standen zusammen am Ufer, so wie die Marstaler es einst auch getan hatten. Worum ging es also bei diesem Krieg?

Am Strand wurde ein Boot zu Wasser gelassen. An Bord befand sich der Leutnant der Christian VIII., der zum dritten Mal zu Verhandlungen an Land gewesen war. Jedes Mal war die Schlacht unterbrochen worden. Zweieinhalb Stunden hatte die Waffenruhe jetzt gedauert, es war halb fünf. Etwas Entscheidendes musste passiert sein. Die Matrosen legten sich in die Ruder. Dann brachen die Kanonen am Strand los, ohne jede Vorwarnung. Noch immer wehte die Parlamentärsflagge am Großtopp, dennoch hatte der Krieg wieder begonnen.

Die Kanonen der Christian VIII. beantworteten das Feuer sofort, während die Gefion, still wie ein Geisterschiff, versuchte, außer Reichweite der Schüsse zu gelangen. Wir hatten aufgegeben und benötigten unsere letzten Kräfte, um uns am Wurfanker voranzuziehen.

Der Feind änderte seine Taktik. Auf beiden Seiten der Bucht waren nicht mehr wir das Ziel der Batterien, sondern die Christian VIII. Sie wollten das große Schiff in Brand stecken. Viele Geschosse, die auf dem Schiff einschlugen, waren rotglühend, nachdem sie den halben Nachmittag in den Feuern auf den Feldern gelegen hatten. Die Bürger von Eckernförde hatten die Zeit gut genutzt.

Plötzlich war das Deck voller Gefallener und Verwundeter. Der Angriff kam vollkommen unerwartet. An mehreren Stellen flammte Feuer auf, und sofort wurden die Pumpen und Feuerspritzen eingesetzt. Der Tod sollte von Deck gespült werden, doch das knisternde Feuer hatte sich bereits festgefressen.

Kommandant Paludan erkannte, dass die Schlacht verloren war. Die Christian VIII. schwojte rund, um aus der Schusslinie zu kommen, doch der Wind blies noch immer direkt von vorn, und dem Linienschiff gelang es lediglich, querab zur Strömung zu gelangen; dabei verlor es den Vorteil, den Batterien mit der Breitseite gegenüberzuliegen. Die Deutschen am Strand errieten die Absicht des Kapitäns sofort und zielten auf Segel und Takelage. Sie wollten den Feind am Abzug hindern.

Das Hieven des schweren Ankers erfolgte unter großen Verlusten. Auf dem Vorschiff landeten Brandgeschosse, und zwischen den Beinen der armen Teufel, die am Gangspill arbeiteten, explodierten Granaten. Immer wieder mussten sie nach Ersatzmännern brüllen. Der Entsatz schob die Toten und Verwundeten mit den Stiefeln beiseite. Dann explodierte eine weitere Granate, und von einem der Spillspaken waren nur noch zerfetzte Stumpen geblieben, von den Händen, die ihn gedreht hatten, nur zermalmte Knochen und halbe Finger. Schließlich tauchte der Anker auf und hing mit den triefenden Resten des Meeresgrunds, mit Schlamm und Tang am Bug. Der Preis war das Glück von zehn Familien, Söhne und Väter, die nie wieder nach Hause kamen.

Dann wurden der Klüver vorgeschotet und die Marsschoten durchgeholt. Man setzte die Segel. Laurids war Toppsgast und enterte mit den anderen auf. Er wechselte auf die Rahe. Hier hatte er einen Überblick über den Kampf.

Am Horizont ging die Sonne unter und warf ihr weiches Licht über die Fördelandschaft. Wolkenfetzen breiteten sich fächerförmig über den sich rot färbenden Himmel aus. Nur wenige hundert Meter von der Bucht entfernt war alles friedlich und knospendes Frühjahr, das Ufer jedoch war schwarz von bewaffneten Menschen. Die Artillerie begann im Schutz der Steineinfriedungen zu schießen. In einer unablässigen Kanonade flogen aus der Strandbatterie die Feuerkugeln, und in der Volksmenge legten Tausende gleichzeitig die Büchsen an und zielten.

Laurids hatte südlich von Kap Hoorn während eines wütenden Sturms am äußersten Ende der Rah gehangen, mit Händen, die zu Eisklumpen gefroren waren. Er hatte zurück zum Mast klettern müssen, während er sich mit Armen und Beinen an die Rah klammerte, aber er hatte niemals Angst gehabt. Nun zitterten seine Hände, dass er nicht einmal den einfachsten Knoten lösen konnte.

Segel, Masten und Takelage wurden von den Schüssen zerfetzt. Um ihn herum fiel ein Matrose nach dem anderen von den Masten, den Rahen und aus dem Rigg, getroffen vom speergroßen Splitter eines angeschossenen Mastes, von einer Granate oder einer Feuerkugel; sie schlingerten zwischen nur zur Hälfte gehissten Segeln, Tauwerk und Fallen herab, bis sie tief unten auf Deck aufschlugen oder mit einem Klatschen im Wasser verschwanden. Da gab er auf und sah zu, dass er zurück zum Rigg kam.

Auf Deck herrschte ein immer größer werdendes Chaos. Kein Segel ließ sich noch setzen, die Fallen und Brassen waren zerschossen. Eine Gruppe zerrte am Kreuzsegel und hatte es beinahe schon oben, als die Blöcke und Schoten auf sie herabstürzten; so schwer waren sie, dass sie einen Mann erschlugen, der von ihnen getroffen wurde.

Sämtliche Versuche, die Christian VIII. aus der Schusslinie zu bringen, schlugen fehl. Ein geordnetes Setzen der Segel war unmöglich, und der Wind stand direkt auf Land. Es hatte zu einer steifen Brise aufgefrischt, und das mächtige Schiff trieb auf die Küste zu, wo es unmittelbar östlich der südlichen Batterie auf Grund lief. Nun wurde das Feuer auf das wehrlose Schiff intensiviert. In dieser Position waren nur die Achterkanonen noch einzusetzen, allerdings krängte das Schiff gewaltig, und nichts wollte mehr an seinem Platz stehen bleiben.

Dann erklang ein Schrei: «Feuer im Schiff!»

Was sie vorher für Feuer gehalten hatten, war im Vergleich hiermit falscher Alarm gewesen. Unter der inneren Batterie hatte eine glühende Kugel eingeschlagen und war steuerbords in den Frachtraum gedrungen. Rasch breitete sich das Feuer aus und drohte, die Pulverkammer in Brand zu stecken. Auch an anderen Stellen brannte es. Die Männer arbeiteten an den Pumpen, doch vergeblich. Das Feuer hatte die Oberhand gewonnen.

Um sechs Uhr wurde die Flagge gestrichen und das Feuer auf der Christian VIII. eingestellt. Der Beschuss des Schiffs setzte sich allerdings noch eine Viertelstunde lang fort; dann war der unersättliche Feind endlich mit dem Umfang der Niederlage zufrieden, die er einem Kriegsschiff zugefügt hatte, das nur wenige Stunden zuvor unbezwingbar erschien.

Als Zeichen der Kapitulation wurde Kommandant Paludan an Land gerudert, und nun sank der Mut der Männer. Sie gaben den Kampf gegen das Feuer auf. Übel riechend und verdreckt standen sie da und ließen den Kopf hängen. Ihre Seemannschaft wurde nicht mehr gebraucht, und weder mit dem Krieg noch mit einer Niederlage hatten sie irgendwelche Erfahrungen. Sie hatten geglaubt, der Krieg sei ein Fest, doch nun waren ihre Köpfe mit Ausnahme des Echos der Kanonendonner leer und ihre Seelen jeglicher Energie beraubt. Anderthalb Stunden hatte der letzte Teil dieser beschämenden Schlacht gedauert, für sie hätten es aber auch anderthalb Leben sein können. Sie sahen keinerlei Zukunft mehr, sie waren vollkommen erschöpft.

Manche setzten sich mitten auf Deck in das Flammenmeer, als wären die Predigten des Pastors in Erfüllung gegangen und die Verschiffung ins Höllenfeuer hätte bereits stattgefunden. Andere starrten bloß regungslos vor sich hin. Das Uhrwerk war zerbrochen. Leutnant Ulrik, Leutnant Stjernholm und Leutnant Corfitz rannten herum und schrien sie an. Wenn die Katastrophe vermieden werden und der Stolz des Vaterlands nicht in die Luft fliegen sollte, sozusagen als letzter Paukenschlag einer Schlacht, die ihnen nicht gerade zur Ehre gereichte, dann brauchte man sie mehr denn je. Doch die Kanonen hatten sie taub werden lassen. Nur auf Stöße und Tritte reagierten sie.

Laurids ließ sich in die achterste Pulverkammer schicken, aber es dauerte eine gewisse Zeit, um all das Pulver ins Meer zu schütten. Sie waren nur zu fünft, und jedes Mal, wenn weitere Männer hinunter in die Kammer gejagt wurden, rannten sie sofort wieder hinauf.

Plötzlich erklang der Schrei: «Alle Mann an Deck!»

Sie wussten sofort, was das bedeutete. Sie sahen sich an, ließen Munition und Pulvertonnen fallen und kletterten hastig die Leiter empor.

Auf Deck liefen Schafe, Kälber, Schweine, Hühner und Enten zwischen den Beinen der entsetzten Seeleute herum. Ein Schwein wühlte mit blutigem Rüssel in den Eingeweiden auf Deck. Hin und wieder schmatzte es irgendetwas in sich hinein.

Jeder lief in eine andere Richtung, alle hatten irgendein nicht aufschiebbares Anliegen. Einige suchten ihre Sachen und den Seesack. Andere krabbelten auf das Schanzkleid, als würden sie ernsthaft erwägen, sich ins kalte Wasser zu stürzen. Keiner dachte an die Verwundeten, die auf Deck im Weg lagen und sich in dem allgemeinen Durcheinander damit abfinden mussten, dass auf ihnen herumgetrampelt wurde. Ihre Schmerzensschreie hörte niemand. Die meisten waren nach den vielen Stunden der intensiven Kanonade noch immer taub.

Laurids lief hinunter ins Lazarett. Er wollte nicht glauben, dass die Verwundeten im Stich gelassen werden sollten. Rauch stieg zwischen den schweren Eichenplanken auf. Er hielt die Hand vor den Mund und tat ein paar Schritte in den völlig verqualmten Raum. Ein Sanitäter mit einem Lappen vor dem Gesicht kam auf ihn zu.

«Kommt jemand?»

Laurids hörte die Worte. Sein Gehör war zurückgekehrt.

«Wir müssen die Verwundeten an Deck bringen! Wir ersticken hier unten!»

«Ich hole Hilfe!», brüllte Laurids.

Auf Deck fand er keinen der Offiziere, die zuvor mit Tritten und den flachen Seiten ihrer Säbelklingen auf die Besatzung losgegangen waren. Er bemerkte einen Auflauf an der Fallreepspforte und lief dorthin. Die Evakuierung war bereits in vollem Gang. Sein Blick fiel auf einige Leutnants, die mit gezogenen Säbeln kämpften, um die Pforte zu erreichen. Der erste Offizier des Schiffs, Kapitän Krieger, stand daneben und betrachtete alles mit einem merkwürdig abwesenden Blick. Unter dem Arm trug er in einem vergoldeten Rahmen das Porträt seiner Frau. Sein Fernrohr hatte er sich über den Rücken gehängt. Als Laurids näher kam, hörte er ihn wieder und wieder dieselben Sätze sagen, wobei er den Arm zu einem Gruß hob, als wollte er diesen verzweifelten Haufen vor sich segnen.

«Ihr habt euch als brave Männer erwiesen, ihr habt eure Pflicht getan, ihr seid alle meine Brüder.»

Niemand nahm Notiz von ihm. Alle hatten den Blick auf den Rücken ihres Vordermanns gerichtet, dem wichtigsten Hindernis auf dem Weg zur rettenden Fallreepspforte.

Laurids kämpfte sich bis dicht an den Kapitän heran und schrie ihm ins Gesicht: «Die Verwundeten, Kapitän Krieger, die Verwundeten!»

Der Kapitän drehte sich zu ihm um. Sein Blick war noch immer gleich fern. Er legte eine Hand auf Laurids’ Schulter, der spürte, wie sie zitterte, die Stimme des Kapitäns jedoch war ruhig, fast schläfrig.

«Mein Bruder, wenn du an Land kommst, musst du mich besuchen, und wir werden uns unterhalten wie Brüder.»

«Den Verwundeten muss geholfen werden!», brüllte Laurids noch einmal. «Das ganze Schiff fliegt bald in die Luft!»

Die Hand des Kapitäns ruhte noch immer auf Laurids’ Schulter.

«Ja, die Verwundeten», sagte er in dem gleichen unverändert ruhigen Tonfall, «die Verwundeten sind meine Brüder. Wenn sie an Land sind, werden wir allesamt wie Brüder miteinander sprechen.»

Seine Stimme erstarb in einem Murmeln. Dann begann er seine Epistel aufs Neue.

«Ihr habt euch als brave Männer erwiesen. Ihr habt eure Pflicht getan. Ihr seid alle meine Brüder.»

Laurids ließ ihn stehen und wandte sich einer Gruppe von Männern zu, die sich verbissen kämpfend zur Fallreepspforte vorarbeiteten. Er packte einen von ihnen an der Schulter, dann einen anderen, drehte sie um und schrie seine Botschaft heraus, dass man dringend den Verwundeten helfen müsse. Der Erste reagierte, indem er Laurids mit der Faust aufs Kinn schlug. Der Nächste schüttelte verständnislos den Kopf und riss sich los, um sich mit frischer Energie in den Kampf um die Fallreepspforte zu stürzen.

Unterdessen verlief die Evakuierung jetzt zügiger. Fischerboote stießen vom Ufer in See, um der Besatzung des Kriegsschiffs zu Hilfe zu kommen, das sie noch ein paar Stunden zuvor beschossen hatte. Die Schaluppe des Kapitäns segelte ununterbrochen zwischen Schiff und Strand hin und her. Laurids lehnte sich über die Reling und sah, wie das Feuer aus den achtersten Stückpforten prasselte. In diesem Moment wusste er, dass es nicht mehr lange dauern konnte.

Rauch stand in allen Luken. Das Atmen auf Deck fiel ebenso schwer wie unter Deck. Noch einmal lief er die Leiter zum Lazarett hinunter, doch den Plan, hier durchzukommen, musste er aufgeben. So dicht und erstickend war der Rauch inzwischen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass dort unten noch irgendjemand am Leben war.

«Ist hier jemand?», brüllte er, erhielt aber keine Antwort.

Der Qualm brannte ihm in den Lungen. Er bekam einen Hustenanfall, die Tränen liefen ihm über die Wangen. Dann rannte er zurück auf Deck. Er kniff die brennenden Augen vor Schmerz zusammen und war einen Moment lang blind. Er rutschte auf den von menschlichen Absonderungen und zerfetzten Organen verschmierten Planken aus. Seine Hand steckte in etwas Blutigem, Feuchtem, und sofort kam er wieder auf die Beine, wobei er seine Handfläche entsetzt an der bereits besudelten Hose abwischte. Er ertrug den Gedanken nicht, dass seine Hand das Blut und die Eingeweide eines anderen Menschen berührt haben sollte. Er hatte das Gefühl, ihm würde die Seele verbrannt.

Er taumelte an die Reling, wo der Rauch nicht ganz so dicht war, und versuchte, sein Sehvermögen wiederzuerlangen. In einem Schleier aus Tränen sah er, wie die Schaluppe auf einer Sandbank auf Grund lief. Die Leute mussten ins Wasser springen und an Land waten. Am Ufer standen die feindlichen Soldaten und erwarteten sie. Die Schaluppe kam frei und nahm sofort wieder Kurs auf die Christian VIII. Einige Fischerboote hielten sich ganz in der Nähe des Schiffs auf, doch plötzlich legten sie die Ruder aus. Sie ruderten zurück an Land. Auch die Schaluppe kehrte um. Von der Fallreepspforte war ein Schrei des Protestes zu hören.

Laurids trat einen Schritt von der Reling zurück, hinein in die wallenden Rauchwolken.

«Ich habe Laurids gesehen», behauptete Ejnar danach immer. «Ich schwöre, ich habe ihn gesehen.»

Ejnar stand am Ufer, als die Christian VIII. in die Luft flog. Er war mit einer Eskorte von der Gefion an Land gebracht worden und wartete nun mit den Überlebenden der Fregatte auf den Abtransport. Der Sieg hatte die deutschen Soldaten überrascht, und zunächst sah es so aus, als wüssten sie nicht, was sie mit uns anfangen sollten. Nach und nach erreichten die Männer der beiden besiegten Kriegsschiffe das Ufer, unsere Zahl wurde ständig größer.

Dann waren vom Wasser her Warnrufe zu hören.

Die meisten von uns hatten mutlos und erschöpft im Sand gesessen und vor sich hin gestarrt, während die Soldaten mit Bajonetten auf uns zielten, die in ihren Händen zitterten. Nun blickten wir auf. Es begann am Heck des Linienschiffs, aus dem eine Feuersäule mit durchdringendem Knall in die Luft schoss. Feuersäule auf Feuersäule brach nun durch das Deck – jedes Mal, wenn eine weitere Pulverkammer sich entzündete. Masten und Rahen sahen von einem Moment auf den anderen aus wie abgebrannte Zündhölzer. Die Segel flatterten als verkohlte Aschefahnen davon. Der große Rumpf aus massivem Eichenholz war nichts als ein Spielzeug in den brutalen Händen des Feuers und der Zerstörung. Doch wir hatten noch nicht das Ende vor Augen. Denn durch die enorme Hitze wurden die Kanonen des verlorenen Schiffs gezündet, die seit dem Augenblick der Kapitulation schussbereit gewartet hatten und nun ihre todbringende Ladung in einer einzigen Salve ans Ufer schickten.

Auf dem überfüllten Strand erhob sich ein Schrei des Entsetzens, als die Kugeln zwischen uns einschlugen. Der Tod unterscheidet nicht. Kriegsgefangene, Soldaten und holsteinische Zivilisten wurden gemeinsam zerschmettert. Vom Himmel regnete es brennende Wrackteile, die überall dort, wo sie niedergingen, Tod und Verderben brachten. In der Stunde des Sieges waren von überall her Klageschreie zu hören. Es war der letzte Gruß des sterbenden Schiffs an Sieger und Besiegte, eine mörderische Breitseite, die keinen Unterschied zwischen Freund und Feind kannte. Mit diesem Feuerkranz auf der Eckernförder Bucht zeigte der Krieg sein wahres Gesicht.

Einen Augenblick sah es so aus, als wären alle am Strand tot.

Überall lagen Menschen. Nicht ein Einziger stand aufrecht. Viele lagen mit dem Gesicht im Sand, die Arme ausgestreckt, als würden sie zu dem Feuer dort draußen auf See beten. Hier und da brannte ein Stück des Wracks im Sand. Dann begannen einige der liegenden Gestalten sich langsam aufzurichten, wobei sie das brennende Schiff ängstlich im Auge behielten. Vom Wasser her hörte man Rufe. Einige Boote, die der Besatzung des Schiffs bei der Rettung geholfen hatten, waren getroffen und brannten. Leutnant Stjernholm hatte sich auf einer Jolle mit vier Mann und der Schiffskasse auf den Weg gemacht, doch das Heck des Rettungsboots wurde weggeschossen, als die Christian VIII. explodierte. Die Schiffskasse ging verloren, der Leutnant konnte sich indes an Land retten. Er wurde von einem der Männer aus der Jolle begleitet, als er tropfnass das Ufer erreichte. Die anderen waren ertrunken.

Am Strand herrschte Stille, abgesehen vom leisen Gejammer der Verwundeten und dem Knistern des Feuers in den brennenden Wrackresten, als plötzlich eine laute Stimme über den Strand und das Wasser gellte.

«Ich habe Laurids gesehen! Ich habe Laurids gesehen!»

Wir hoben die Köpfe und schauten uns um. Wir erkannten Ejnars Stimme, und die meisten von uns dachten, dass der arme Kerl den Verstand verloren hätte. Jetzt brach am ganzen Strand Chaos aus. Alle schrien durcheinander. Es schien, als müssten sich die Männer dieses verstörten Haufens beweisen, dass sie noch immer am Leben waren, indem sie so viel Lärm wie möglich machten. In der allgemeinen Verwirrung hätten wir unseren Wächtern durchaus entkommen können, doch wir hatten den Mut verloren und mit ihm auch unsere Tatkraft; wir begnügten uns damit, dankbar zu sein, dass wir noch lebten. Weiter reichten unsere Kräfte nicht.

Sehr viel besser ging es unseren Wächtern allerdings auch nicht. Als sie uns vom Strand führten, geschah dies mit starrer Miene, der man den Tod ansah, dem sie selbst nur mit knapper Not entronnen waren. Es sah nicht aus wie ein organisierter Gefangenenabmarsch, eher nach einer gemeinsamen Flucht vom Schauplatz des Krieges.

Der Tag hatte den Deutschen einen überwältigenden Sieg beschert, doch Triumph war ihren Gesichtern nicht abzulesen. Das Entsetzen über die ungeheuren Kräfte, die der Krieg freisetzte, hatte Sieger und Besiegte vereint.

Wir wurden in die Kirche von Eckernförde gebracht, deren Boden mit Stroh bedeckt war, damit wir uns hinlegen und unseren erschöpften Körpern Ruhe gönnen konnten. Wir alle waren nass bis auf die Haut und zitterten vor Kälte. Der Aprilabend wurde kühl, als die Sonne unterging. Diejenigen unter uns, die ihren Seesack gerettet hatten, begannen ihre Kleider zu wechseln, und den weniger glücklichen Kameraden borgten wir, was ihnen fehlte. Es dauerte nicht lange, bis wir mit Essen versorgt wurden. Jeder bekam eine Ration grobes Brot, Bier und Räucherspeck zugeteilt. Das Essen hatte man bei den Kaufleuten der Stadt gesammelt, denn niemand war davon ausgegangen, dass die Stadt Kriegsgefangene beherbergen musste. Im Gegenteil, alle hatten sich darauf eingestellt, dass in den Straßen von Eckernförde dänische Soldaten patrouillieren würden, noch bevor der Tag zu Ende ging. Doch statt sie zu bewachen, wurden wir nun von den Einwohnern der Stadt bewirtet.