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England 1620: Die 17-jährige Priscilla Mullins ist Teil jener Glaubensgemeinschaft, die man später die Pilgerväter nennen wird und die mit der Mayflower zu den Kolonien der Neuen Welt in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Obwohl ihr die katastrophalen Zustände auf dem Schiff und die zahlreichen Gefahren der Reise zusetzen, erlebt Priscilla den Zauber der ersten Liebe, zu dem charismatischen Militärkapitän Miles Standish. Doch auch John Alden, der zur Besatzung der Mayflower gehört, spielt eine maßgebliche Rolle in ihrem Leben. Als die Pilger endlich Neuengland erreichen wissen sie nicht, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht. Geplagt von Hunger und der ständigen Angst vor Übergriffen der Indianer, werden sie auch noch von einer schrecklichen Seuche heimgesucht, die zahlreiche Leben fordert. Inmitten der dramatischen Lebensumstände der frühen Siedler Amerikas, findet sich Priscilla plötzlich hin und hergerissen zwischen zwei imponierenden Männern, die sie zur Frau begehren.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wir kamen mit der Mayflower
Historischer Roman
S.C.Bauer
Erstausgabe: 07.November 2020
als Orange Cursor-eBook
Alle Rechte bei Verlag/Verleger
Copyright © 2021
S.C. Bauer/ Sabine Dittrich
1110 Wien, Österreich
Prolog
Reisevorbereitungen
1620, Die Mayflower
Southampton, die Saints
Die Speedwell
Leben an Bord
Der edle Ritter
Der Sturm
Oceanus
Mann über Bord
Der Vertrag
Muscheln und Mais
Expeditionen und Weidenrinde
Leben und Tod
Plymouth Harbour
Die Siedlung
Mr. Bradfords Lähmung
Vermisst
Die vielen Toten
Das Urteil
März 1621, Samoset
Der Indianerkönig
Der neue Gouverneur
Die erste Hochzeit
Nemasket
Thanksgiving
1621, Die Fortune
Die Werbung
Der Verrat
1622, Meine Entscheidung
Wessagusset
Das holländische Schiff
1623, Die Anne
Die Little james
Die Landverteilung
1624 Die Versöhnung
Ergänzungen der Autorin
Schlusswort
Quellenverzeichnis
Über die Autorin
Impressum
Oktober 1619, Dorking/ Surrey, England
Der Herbst ist mir schon immer die liebste Jahreszeit.
Ich finde es schön, wenn bunte Blätter von den Bäumen fallen und die Welt am Morgen in Nebel getaucht ist. Dabei erinnere ich mich mit wohligem Schaudern an die Geschichten der Feen und Erdgeister, die über die dunkle Zeit des Jahres herrschen.
Es ist eine meiner Eigenschaften, mir über solche Dinge Gedanken zu machen, und meine Mutter Alice schilt mich oft deswegen.
»Mädchen, was hast du nur im Sinn? Deine Arbeit erledigt sich nicht durch träumen«, meint sie und schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.
Mein Vater gibt ihr Recht. Er ist ein strenger Mann und spart nicht mit Ermahnungen. Hin und wieder greift er auch zur Rute, damit wir uns seine Worte gut einprägen. Mein Bruder Joseph und ich geben uns große Mühe ihn zufriedenzustellen. Es gelingt uns aber nur selten.
Manchmal besuchen wir Verwandte in London, das nicht weit entfernt liegt. Wenn ich Zeit finde, gehe ich zur Themse und sehe mir die Schiffe an. Dann stelle ich mir vor, wie ich damit in ferne Länder segle und zahlreiche Abenteuer erlebe.
Aber ich bin kein Junge und so wird das niemals geschehen. Wie gesagt ich träume gerne.
»Unser Platz in dieser Welt ist vorherbestimmt. Alles liegt in Gottes Hand und nicht in unserem Ermessen«, sagt meine Mutter.
Uns geht es im Gegensatz zu vielen anderen Familien recht gut.
Mein Vater William fertigt solides Schuhwerk an und das bringt uns genug Brot auf den Tisch. Unser Glaube gebietet uns jedoch, dass wir uns begnügen. So leben wir sparsam und fasten häufig bei Wasser und Brot.
Ich habe eine heimliche Leidenschaft für Süßigkeiten, die ich bekämpfe, aber ich bin nicht immer erfolgreich damit.
Jakob, der Sohn eines Bäckers aus der Nachbarschaft, bringt mir manchmal Leckereien. Es ist Honiggebäck und ich gebe mich dem Genuss hemmungslos hin, obwohl ich mich hinterher dafür schäme.
Meine Eltern haben mich Priscilla genannt und ich mag den Namen. Außer mir kenne ich niemanden, der so heißt. Selbst in den Erzählungen von John Lyly und Thomas Kyd, die ich heimlich lese, kommt er nicht vor.
Mein Vater verbietet solches Schriftwerk. »Wir lernen lesen, um die Schrift des Herrn zu studieren«, sagt er. King James hat die Bibel aus dem Lateinischen in die englische Sprache übersetzen lassen, damit sie von allen gelesen werden kann. Er ist das Oberhaupt der Kirche Englands, die den Lehren Martin Luthers folgt.
Mein Freund Jakob kann weder lesen noch schreiben. Er ist Katholik und tut, was der Papst in Rom von ihm verlangt. »Wir sollen das Wort des Herrn von den Priestern hören, denn sie verstehen, es zu deuten«, erklärt er mir voller Überzeugung.
Hier gibt es nur wenige Katholiken.
Mein Vater verachtet sie: »Sie sind gottlos und verdorben«.
Viele Engländer sind seiner Meinung. Sie stehen treu zum anglikanischen Glauben, im Gegensatz zum Festland, wo die Katholiken in der Überzahl sind.
Ich weiß, dass seit zwei Jahren ein Krieg tobt, im Heiligen Römischen Reich. Zuerst erschien ein Komet als böses Vorzeichen am Himmel und dann wurden drei hohe spanische Herren in einer Stadt namens Prag aus dem Fenster geworfen. Zwei Armeen bekämpfen sich seitdem bis aufs Blut, wegen ihres unterschiedlichen Glaubens. Sie verwüsten das Land und stürzen die Bevölkerung in Armut und Not.
In England herrscht zum Glück Frieden.
Ich beneide die Katholiken. Sie dürfen sündigen und wenn sie es ihrem Pfarrer erzählen, so spricht er sie von ihren Sünden los und ihre Seele ist wieder rein.
Wir müssen in jeder Stunde unseres Lebens ein gottgefälliges Dasein führen, um nicht der Verdammnis anheimzufallen. Jeder von uns ist durch sein Handeln zum lebendigen Zeugnis des Evangeliums bestimmt.
Der Kaufmann soll ein ehrlicher Kaufmann sein, die Mutter soll eine gute Mutter sein und ihr Kind nicht vernachlässigen oder verziehen. Der Vater soll ein aufrichtiger, treuer Ehemann sein. So geben wir Christus die Ehre und predigen durch unsere Taten. Selbst der Gedanke an Sünde ist Sünde.
Wir leben gottesfürchtig und ehren den Höchsten mit unserer Hände Werk.
Mein Vater ist der Ansicht, dass man stets seine Hände beschäftigen muss, um seine Gedanken zu zügeln. Unser Haus ist sehr sauber und meine Mutter putzt und scheuert unablässig. Ich bin für die Wäsche verantwortlich und bürste und schrubbe sie, bis meine Finger rau und wund sind. Wenn mein Vater nur einen einzigen Fleck darauf findet, wirft er alles in den Schweinekoben und ich muss von vorne anfangen.
Wir arbeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. »Müßiggang ist die Tugend des Teufels«, sagt mein Vater und Reverend Thomas gibt ihm recht.
Am Sonntag ruht die Arbeit und wir widmen uns ganz dem Gebet. Wir besuchen morgens und abends den Gottesdienst, der einige Stunden dauert.
Den restlichen Tag verbringen wir im persönlichen Gebet. Unsere Gemeinde ist klein, aber stark im Glauben. Meine Eltern sind gottesfürchtige Leute. Sie vertrauen auf den Herrn und bitten um seine Führung. Wir sind angesehen in unserer Gemeinde.
Dennoch führen wir ein unsicheres Leben. Insgeheim sind wir Puritaner und lehnen viele Riten der Kirche von England ab. Unsere Gemeinde unter der Führung von Reverend Thomas, will die anglikanische Kirche von den katholischen Elementen säubern, die in der Heiligen Schrift durch kein Wort belegt sind.
»Lasst euch nicht verderben von den Irrlehren, die nirgendwo in der Bibel bezeugt werden: Das Kreuzzeichen ist heidnischer Aberglaube und das Bischofsamt ist eine Erfindung des Teufels, die Männer unnatürlich erhöht, die doch in Demut und Bescheidenheit wirken sollen«, ermahnt uns Reverend Thomas. Er spricht von uns als den Verfechtern des wahren Glaubens.
König James nennt uns jedoch Sektierer und lässt uns scharf verfolgen.
Im Winter vor zwei Jahren haben Soldaten meinen Vater geholt und ihn ins Gefängnis gebracht. Wir hatten große Angst.
Ich habe nicht erfahren, was man ihm vorgeworfen hat, aber ich denke, es hatte mit unserem Glauben zu tun. Er war mehr als drei Monate fort, bevor sie ihn auf Ehrenwort wieder entlassen haben.
Seitdem wird unser Haus überwacht und wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir uns mit unseren Glaubensbrüdern zum Gottesdienst treffen. Überall lauern Spitzel, die nur darauf warten, dass wir einen Fehler begehen und sie uns den Soldaten melden können.
Jakob kommt zu mir gelaufen und erzählt mir aufgebracht: »Die Soldaten waren bei uns. Man hat meinen Eltern eine Frist gesetzt, sich zur Kirche Englands zu bekennen. Sie haben meinem Vater angedroht in zu verhaften, wenn er sich weigert«.
Seine Stimme zittert vor Angst. »Ich will nicht, dass mein Vater wie William Dormner endet.«
Ich erinnere mich mit Schaudern an Mr. Dormner, den katholischen Schmied, der letzten Winter von den Soldaten geholt wurde. 6 Wochen später brachten sie ihn heim. Man hatte ihm alle Fingernägel ausgerissen und beide Beine mehrmals gebrochen. Nachdem seine Beine schwarz wurden, lebte er nur noch kurze Zeit unter großen Qualen, bevor er starb.
Meine Eltern sind in großer Sorge, dass auch mein Vater wieder ins Gefängnis kommt. Sie sind überzeugt, dass er dieses Mal nicht unversehrt zurückkehren wird. Doch trotz ihrer Angst wollen sie ihre Überzeugungen nicht aufgeben. Mein Vater sucht nach einem Ausweg und schließlich fasst er den Entschluss, dass wir England verlassen.
Mein Bruder Joseph ist jetzt den ganzen Tag draußen und hackt Brennholz klein für den Winter. »Das Haus muss mit Werg abgedichtet werden. Der Wind pfeift durch alle Ritzen«, meint meine Mutter.
Mein Vater schüttelt den Kopf: »Das lohnt sich kaum mehr«.
Er hat unser Haus vor kurzem an Mr. Bothell verkauft. Es dauert nun nicht mehr lange, bis wir fortgehen.
Ich belausche ein Gespräch meiner Eltern und erfahre, dass mein Vater zufrieden ist mit dem Verkauf. Er will die 280 Pfund, die er für unser Haus gekriegt hat, in eine Gesellschaft investieren, die von einer Gruppe von Kaufleuten gegründet wurde. Die Merchant Company finanziert unsere Reise.
Ich weiß nicht genau, wo wir hingehen und auch Joseph, mein jüngerer Bruder hat keine Ahnung. Wir haben nur erfahren, dass es ein Land ist, das sehr weit von England entfernt liegt. Wir sind beide neugierig und auch ein wenig ängstlich, weil wir nicht wissen, was uns dort erwartet.
Mein Vater nimmt Joseph mit auf den Markt, wo er zwei Ziegen und sechs Hühner kauft. Von unseren Schweinen hat er fast alle verkauft, nur vier junge Säue behalten wir. »Wir nehmen die Tiere mit, wenn wir aufbrechen«, sagt er.
Es wird unser letzter Winter in Dorking sein. Im nächsten Frühling fahren wir. Meine Mutter ist beschäftigt mit Packen. Wir müssen Werkzeuge, Kleidung und Hausrat mitnehmen. »Dort, wo wir hingehen, gibt es keinen Markt auf dem wir etwas kaufen können«, sagt sie.
Ich schaue sie ungläubig an.
Joseph hat von meinem Vater erfahren, wohin unsere Reise geht. »Wir segeln mit einem großen Schiff in die Kolonien, der Neuen Welt. Dort leben noch nicht viele Menschen und niemand stört sich an unserem Glauben«, erzählt er mir aufgeregt. Ich bin begeistert, dass sich mein Wunsch auf einem Schiff in ferne Länder zu segeln, nun doch erfüllen wird.
»Wie ist wohl das Leben in den Kolonien?«, frage ich Joseph. Er weiß es nicht und fragt meinen Vater danach. Mein Bruder erfährt, dass wir uns erst ein Haus bauen müssen und dass mein Vater jagen und fischen wird, damit wir zu essen haben. Wir nehmen auch Saatgut mit, sodass wir Getreide anpflanzen können.
Ich habe tausend Fragen, beherrsche mich aber. Meine Mutter bemerkt meine Neugierde. »Mach dir nicht so viele Gedanken, davon bekommst du Kopfweh. Vertrau lieber auf Gott den Herrn«, ruft sie mich zur Ordnung.
An einem Sonntag, nach dem Gottesdienst höre ich wie Reverend Thomas sich mit meinem Vater und einem großgewachsenen Mann mittleren Alters unterhält. Er heißt Christoper Martin und ist einer unserer Reisegefährten.
Er spricht sehr von oben herab mit meinem Vater und ich finde ihn nicht sehr sympathisch. Mein Vater scheint sich an seiner Arroganz aber nicht weiter zu stören und ich behalte meine Gedanken für mich.
»Mr. Mullins, ihr müsst endlich Mr. Weston kennenlernen. Er hat so viel für unser Unternehmen getan. Kommt doch mit nach London, wenn wir uns dort nächste Woche mit Robert Cushman und John Carver treffen«, lädt er meinen Vater ein.
Mr. Cushman und Mr. Carver sind die Vertreter einer puritanischen Gemeinschaft aus Leiden in Holland, die sich uns anschließen wird.
Langsam dämmert es mir, dass wir eine große Gruppe von Leuten sein werden, die auf zwei Schiffen in die Neue Welt segeln. Ich finde es beruhigend, dass die Puritaner aus Leiden, den gleichen Glauben haben, wie wir. Ich hoffe, dass wir uns gut verstehen und uns gegenseitig helfen werden.
Natürlich bin ich neugierig mehr über sie zu erfahren. Sobald mein Vater aus London zurückkehrt, lauschen Joseph und ich an der Tür, als er meiner Mutter von ihnen berichtet. »Stell dir vor Alice, es sind Separatisten. Wir denken, wir sind vermessen, weil wir verschiedene Inhalte unserer Kirche ablehnen. Aber diese Leute, die im Exil in Leiden leben, sind noch drastischer in ihren Ansichten. Sie wollen die Kirche Englands verlassen, wollen gar nicht zu einer zentralen Kirche gehören, sondern jede Gemeinde soll eine Kirche für sich sein. Sie denken, wir haben alle die gleichen Rechte und keiner steht über dem Anderen. Sie nennen sich selbst Saints, dazu auserwählt, Großes zu vollbringen im Namen Gottes.«
Die Antwort meiner Mutter ist zu leise, als dass ich sie verstehen kann. Ich habe fürs Erste genug gehört.
Dunkel erinnere ich mich daran, dass die Separatistenbewegung von Reverend Brown vor gut 40 Jahren gegründet wurde. Damals herrschte über England noch King James Vorgängerin die große Königin Elizabeth, die eine liberale Protestantin war. Doch die Lehren von Brown waren auch ihr zu radikal.
Die Separatisten lehnen nicht nur Weihnachten, Ostern und alle Heiligentage ab, sondern stellen die gesamte Kirchenhierarchie einschließlich aller Riten außer Abendmahl und Psalmen infrage. Selbst das »Vater unser« wollen sie nicht als bibeltreu gelten lassen.
Ihr Schicksal war schließlich besiegelt, als sie auch noch die Autorität der Königin als Kirchenoberhaupt anzweifelten. Queen Elizabeth ließ Brown und seine Anhänger, Barrow, Greenwood und Penry verhaften und wegen Hochverrats hinrichten.
Ich bin beunruhigt zu hören, dass unsere neuen Reisegefährten dieser extremistischen Lehre anhängen, und mache mir Sorgen, wie wir mit ihnen auskommen werden. Aber ich behalte meine Gedanken für mich. Meine Mutter hält Sorgen für überflüssigen Ballast, der unseren Geist verwirrt. »Die Wege des Herrn sind unabänderlich. Wir müssen uns seiner Führung beugen wie ein Blatt im Wind, sonst werden wir zerschmettert.«
Einige Wochen später begleiten wir meinen Vater, als er sich wieder nach London aufmacht und ich lerne Mr. Carver und Mr. Cushman kennen. Beide erscheinen mir freundlich und höflich und ich kann in ihrem Auftreten nichts Fanatisches erkennen, was mich eindeutig beruhigt. Die Gespräche führen die Männer anschließend alleine, während meine Mutter und ich Nadeln und Wolle in einem Laden am Hafen kaufen.
Auf der Rückfahrt von London wirkt mein Vater nachdenklich. Es hat damit zu tun, dass es Neuigkeiten wegen unseres Landpatentes gibt: »Das Patent wurde erteilt, gilt aber nur für das Gebiet an der Mündung des Hudson River.« Meinem Vater scheint nicht zu gefallen, dass unser Patent nur für eine begrenzte Region in der Neuen Welt gilt.
Schon im vergangenen Juni haben Mr. Cushman und Mr. Carver versucht von der London Company, die über Land in der Kolonie Virginia verfügt, ein Patent mit der Erlaubnis zu erhalten, dort zu siedeln. Aber die Bemühungen sind gescheitert und einige Holländer haben den beiden Agenten das Angebot gemacht, die Reise zu unterstützen. Davon hat wiederum die London Company erfahren und Thomas Weston ins Spiel gebracht.
Weston ist ein aalglatter Eisenhändler aus London, der nur seinen Profit im Sinn hat. Er wittert die Gelegenheit auf ein gutes Geschäft und verspricht, sich bei der London Company dafür einzusetzen, dass doch noch die Urkunde so ausgestellt wird, dass wir in ganz Neuengland siedeln können. Zudem hat er angeboten, private Investoren für das Unternehmen zu gewinnen, und so ist es zur Gründung der Gesellschaft der Kaufleute gekommen, die jetzt unsere Reise finanziert.
Als der Frühling da ist, steigt in mir die Aufregung wegen der bevorstehenden Reise. Eines Nachmittags kommt Mr. Martin mit Thomas Weston zu uns. Meine Mutter und ich dürfen bleiben und hören was die Männer mit meinem Vater besprechen. Mr. Weston ist sehr aufgebracht. Offenbar gibt es Schwierigkeiten wegen des Vertrages mit den Kaufleuten.
»Mr. Mullins, es ist ein Jammer. Ich war bei der London Company und konnte erwirken, dass ein weiterer Punkt in das Landpatent eingefügt wird, sodass unsere Siedlungserlaubnis für ganz Neuengland gilt. Ich arbeite noch daran, dass die Regierung dieser Regelung zustimmt. Ich denke, wir kriegen es durch. Aber es gibt Probleme mit den Geldgebern der Merchant Company. Sie murren weil sich die Kosten der Reise bisher auf fast 7000 Pfund belaufen. Wegen der hohen Summe, die das Unternehmen verschlingt, wollten einige schon abspringen. Ich musste Zugeständnisse machen, damit sie weiterhin ihr Kapital in die Reise stecken. Es gibt jetzt eine Bedingung die verlangt, dass alle Siedler bis zur Begleichung der Schulden täglich arbeiten müssen, um die Investition mit Profit zurückzuzahlen. Die ursprüngliche Bedingung, dass an zwei Tagen der Woche für eigene Erträge gewirtschaftet werden kann, wurde aus dem Vertrag gestrichen. Wie soll ich das den Leuten aus Leiden beibringen? Sie werden damit nicht einverstanden sein«, klagt Mr. Weston.
Mir erscheint die neue Klausel unannehmbar. Es bedeutet, dass wir uns alle jahrelang abschuften müssen, um unsere Schulden bei den Kaufleuten zu begleichen und kein eigenes Vermögen aufbauen können. Mein Vater wirkt genauso irritiert wie ich. »Verzeiht mir Mr. Weston, aber auch ich finde, dass die geänderten Bedingungen eine Zumutung sind. Ich werde so auch nicht unterschreiben.«
Mr. Weston kriegt einen hochroten Kopf und ich sehe, wie ihm eine Ader an der Stirn anschwillt vor Zorn. »Macht es besser Mr. Mullins, wenn ihr könnt. Ich bin nicht imstande die Geldgeber umzustimmen. Sie bleiben bei ihren Forderungen.«
Ich hege heimlich den Verdacht, dass Thomas Weston die neuen Bedingungen gut heißt. Immerhin hat er selbst sein Kapital in die Unternehmung gesteckt und ist einer der führenden Personen der Gesellschaft der Kaufleute.
Mein Vater setzt zu einer scharfen Erwiderung an, doch Mr. Martin beeilt sich zu beschwichtigen: »Aber bitte meine Herren! Wir sind doch Gentlemen. Gewiss werden wir eine Lösung finden, die uns alle zufriedenstellt.«
Sie finden sie nicht und einigen sich schließlich darauf, vorerst die geänderten Bedingungen für sich zu behalten und Mr. Carver und Mr. Cushman davon nichts zu erzählen.
Ich mache mir Sorgen, dass das Unterfangen gänzlich scheitert. Mein Vater hat all sein Geld in das Unternehmen gesteckt. Mr. Martin, hat doppelt so viel, wie wir zu verlieren, da er noch viel mehr investiert hat.
Im April sollen wir abreisen. Mr. Bothell rechnet damit, dass wir unser Haus, das jetzt ihm gehört bis dahin verlassen. Mein Vater kommt nach einer weiteren Unterredung mit Mr. Weston besorgt nach Hause. Er weigert sich, Einzelheiten zu erzählen, weil er uns nicht noch mehr beunruhigen will, aber es ist klar, dass sich unsere Abreise wieder verzögern wird.
Mr. Bothell ist nicht erfreut, verlängert aber die Frist, die wir noch im Haus bleiben können.
Meine ältere Schwester Sarah und mein Bruder William, aus der Ehe meines Vaters mit seiner ersten Frau, kommen uns besuchen. Es ist ein schmerzlicher Tag, denn keiner weiß, ob wir uns je wiedersehen. Mein Vater ist bedrückt und ich weine heimlich im Stall in das Fell einer Ziege. Sie hält ganz still und ich fühle mich etwas getröstet.
Der Sommer steht nun vor der Tür und wir sind immer noch da. Mr. Bothell´s Geduld wird dünn und er setzt uns eine letzte Frist, zu der wir das Haus verlassen müssen.
Mein Vater ist sehr angespannt und meine Mutter wird immer stiller. Mr. Cusham, kommt erneut mit Mr. Carver aus Holland, um die Reisevorbereitungen für die Leidener Gruppe abzuwickeln. Mittlerweile wissen die beiden Agenten der Leidener Gruppe von dem geänderten Vertrag und weigern sich wie erwartet, ihn zu unterschreiben. Sie versuchen, Mr. Weston und die Londoner Kaufleuten umzustimmen, aber die Verhandlungen scheitern.
Anfang Juli erfahren wir von Mr. Martin, dass es nun doch losgeht, obwohl es noch immer keine Einigung wegen des Vertrages gibt. Wir sind erleichtert und hoffen, dass nun die Abreise wirklich bevorsteht.
Mein Vater fährt voraus nach London, mit meinem Bruder Joseph und Robert Carter. Robert ist der Lehrling meines Vaters und wird uns in die Neue Welt begleiten. Ich kann ihn nicht besonders gut leiden, weil er mir gegenüber immer ziemlich schnippisch ist. Sobald mein Vater jedoch in der Nähe ist, behandelt er mich mit heuchlerischer Freundlichkeit.
Mit zwei Fuhrwerken bringt mein Vater unser gesamtes Frachtgut nach London zu dem Schiff. Das zweite Fuhrwerk fährt Robert Carter.
Meine Mutter und ich folgen einige Tage später nach. Ein Cousin von mir, Peter Browne, den ich bis dahin nicht kennengelernt habe, wird uns ebenfalls auf unserer Reise begleiten. Er bringt seine riesige Mastiff-Hündin Birdie mit. Sie leckt mir die Hand und lässt sich von mir streicheln.
Peter lacht. »Nun kleine Cousine, Birdie scheint dich zu mögen«. Er umarmt mich herzlich, was ihm einen strafenden Blick meiner Mutter einträgt.
Peter ist Weber von Beruf und nur ein paar Jahre älter als ich. Er will, sobald er ein Haus und einen Stall hat, Schafe aus England in die Kolonien bringen. »Du wirst sehen Priscilla, wir werden die beste Wolle aus ihren Fellen machen, und wunderbar weiche Stoffe daraus weben«, vertraut er mir an. Seine braunen Augen zwinkern mir lebhaft zu. Ich mag ihn sofort.
Wir haben noch immer eine Menge Gepäck, es sind unsere persönlichen Sachen, die wir während der Reise brauchen und Peter hilft uns, sie im Wagen zu verstauen.
Als der Wagen losfährt, schaue ich mich noch einmal um. Ich muss blinzeln, damit ich nicht weine, als ich das letzte Mal das Haus sehe, in dem ich aufgewachsen bin.
Meine Mutter stupst mich in die Seite und sieht mich vorwurfsvoll an. Sie hat kein Verständnis für Rührseligkeiten und findet sie unangebracht.
Wir kommen in strömenden Regen in London an. Bis wir unsere Habseligkeiten vom Wagen geladen haben, sind wir bis auf die Haut durchnässt. Mein Vater hat zwei Zimmer in einem Gasthof gemietet, wo wir bis zur Abreise bleiben können. Er teilt sich eines davon mit Joseph, Peter und Robert. Ich bekomme mit meiner Mutter das andere Zimmer. Es ist nicht beheizt und von den Wänden läuft Wasser. Die Strohsäcke, auf denen wir schlafen, schimmeln.
Das Zimmer ist vollgeräumt mit unserer Habe für den täglichen Gebrauch.
Meine Mutter besteht darauf, die kleine Holzkiste mitzunehmen, in der sie ihre getrockneten Kräuter und Wurzeln aufbewahrt und der stets ein eigentümlicher Geruch entströmt.
»Sie werden dich noch bevor wir ablegen wegen Hexerei verhaften«, wettert mein Vater aufgebracht, als er die Kiste bemerkt.
Doch meine Mutter hält sie eigensinnig umklammert. »Ich gehe nicht, ohne meine Arzneien«, erklärt sie bestimmt und mein Vater gibt zähneknirschend nach. Meine Mutter kennt sich gut aus mit Heilmitteln und meinem Vater ist nicht ganz wohl dabei. Wir haben viele Frauen brennen gesehen, die wegen solcher Künste verurteilt wurden.
Wir ziehen uns trockene Sachen an und gehen nach unten in den Gastraum. Es gibt Hammeleintopf, der einen starken Beigeschmack hat. Meine Mutter rümpft die Nase: »Das Fleisch ist verdorben.« Ich kann nur wenige Bissen davon essen.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne und es ist herrlich warm. In aller Frühe begleiten wir, meinen Vater zum Dock. Er will uns die Mayflower zeigen, das Segelschiff, das uns in die neue Heimat bringt.
Unser Frachtgut ist bereits an Bord. Mein Vater hat über 100 Paar Schuhe und ein Dutzend Stiefel mitgebracht. Dazu zahlreiche Möbel, Truhen, gepolsterte Sessel und Kisten voller Wäsche, Werkzeuge, Säcke voller Saatgut und noch etliches mehr. Unsere Tiere, die Ziegen, Schweine und Hühner und natürlich Peters große Hündin Birdie, kommen auch noch mit.
Die Mayflower ist ein großes, wuchtiges Segelschiff, mit einem schnabelartigen Vorderteil, und hohen Aufbauten an Heck und Bug. Ich zähle drei gewaltige Masten verteilt auf dem Deck und einen kleineren hinten am Heck, an denen die Segel jetzt eingeholt und festgezurrt sind. Sie werden sich wohl mächtig bauschen, sobald sie gehisst sind und der Wind sich in ihnen fängt.
Obwohl das Schiff beeindruckend ist, bin ich ein wenig enttäuscht. Die Mayflower wirkt alt und abgenutzt.
Peter sieht meinen skeptischen Blick. »Was ist los?«, fragt er mich.
»Ich finde, das Schiff, sieht ein wenig schäbig aus«, flüstere ich ihm zu.
Er lacht. »Lass dich nicht vom bescheidenen Aussehen der Mayflower täuschen. Sie ist sehr zuverlässig und hat sich auf vielen Reisen kreuz und quer über die Meere, bestens bewährt«, erklärt er mir.
Ein kräftiger blonder Mann, mit wettergegerbtem Gesicht, der ungefähr im Alter meines Vaters ist, begrüßt uns freundlich. Er stellt sich als Christopher Jones vor und ist einer der vier Eigentümer des Schiffes und Kapitän der Mayflower. Die Merchant Company hat ihn mit Schiff und Besatzung für die Reise angeheuert.
»Meine Mayflower ist ein gutes Mädchen. Wir haben eben eine Ladung von 180 Fässern besten Weines aus Portugal hergebracht. Meine Süße lag 12 Fuß tief im Wasser und sie war dennoch pfeilschnell«, erzählt Mr. Jones stolz.
Wir dürfen an Bord gehen und er zeigt uns die Decks.
»Kapitän Jones, wo werden wir schlafen?«, fragt meine Mutter. Es ist eine typisch weibliche Frage und die Männer tauschen nachsichtige Blicke.
Kapitän Jones führt uns auf das Zwischendeck, wo auch die Kanonen verstaut sind. Ich sehe fast ein Dutzend massiger Artilleriegeschütze, und mein Vater weist eitel darauf hin, dass vier davon unserer Company gehören und uns in der Neuen Welt zur Verfügung stehen werden.
»Hier Madam, wird euer Schlafplatz sein«, erklärt Kapitän Jones und meine Mutter und ich schauen ihn erschrocken an. Schon jetzt ist es sehr beengt dort, obwohl noch keine Passagiere an Bord sind. Die Männer stehen in leicht gebückter Haltung und wäre ich nicht so klein, würde auch ich nicht aufrecht stehen können. Die Luft riecht muffig und dringt nur durch eine schmale Luke herein, die auf das Oberdeck führt. Dorthin gelangt man über eine wackelige Strickleiter.
Ich frage mich, wie wir hier zwei Monate leben sollen, wage aber nicht mich laut zu äußern. Meine Mutter atmet tief durch und presst die Lippen aufeinander, aber sie sagt kein Wort dazu.
»In zwei Tagen brechen wir auf«, erklärt Kapitän Jones.
Wir verlassen das Schiff und gehen zu dem Gasthof zurück. Dort kommt eben die Familie Martin an. Mr. Martin hat noch mehr Gepäck dabei als wir. Seine Frau Mary ist wortkarg, in ihren Augen liegt der gleiche überhebliche Ausdruck, wie bei ihrem Mann. Sie haben Mrs. Martins Sohn aus erster Ehe, Solomon Prower und einen Diener, John Longmore, bei sich, die beide im Alter meines Cousins Peter Browne sind.
Es schickt sich nicht für mich, mit ihnen zu reden, und so unterhalten sich die Männer eine Weile, während wir Frauen daneben stehen und zuhören. Peter verliert jedoch bald die Lust an den Gesprächen und macht einen Spaziergang mit seiner Mastiff-Hündin. Ich denke, dass auch er nicht sehr angetan ist von der Familie Martin.
Mein Vater hört sich geduldig die wortreichen Klagen von Mr. Martin über Robert Cushman, den Agenten der Leidener Gruppe, an.
»Dieser armselige, betende Wicht, der von Geschäften keine Ahnung hat, wagt es tatsächlich, von mir Rechenschaft wegen der Buchführung zu verlangen! Angeblich vermisst er eine Spende von 700 Pfund in den Aufzeichnungen der Gesellschaft und nun will er von mir wissen, wo das Geld geblieben ist«, beschwert er sich empört.
Mein Vater beeilt sich, den erbosten Mr. Martin zu beschwichtigen: »Jeder weiß, dass ihr ein Ehrenmann seid, Mr. Martin.«
Ich habe da so meine Zweifel, halte aber natürlich meinen Mund.
Meine Mutter und Mary Martin wechseln kein Wort miteinander und vermeiden es, sich anzusehen. Ich denke, sie werden keine besonders guten Freundinnen. Ich hoffe, dass unsere Schlafplätze auf der Mayflower, weit voneinander entfernt liegen. Doch ich bezweifle, dass es in der Enge möglich sein wird, den Martins aus dem Weg zu gehen.
Mr. Weston ist gekommen, um sich von uns zu verabschieden und uns eine gute Reise zu wünschen. Ich weiß, dass er verstimmt ist, weil wir den geänderten Vertrag mit den Kaufleuten nicht unterschrieben haben. Mr. Weston macht sogleich deutlich, dass er hauptsächlich am wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmung interessiert ist. »Nehmt das Land und arbeitet fleißig, dass wir bald unser Geld zurückhaben und nicht bereuen müssen, in euch investiert zu haben.« Mein Vater sieht ihn befremdet an, aber Mr. Martin stimmt meckernd in sein überhebliches Lachen ein.
Peter freundet sich mit einen jungen stillen Passagier, namens John Goodman an, der seinen Spaniel Buck mit an Bord bringt. Buck nähert sich schweifwedelnd Birdie, die ihm das Gesicht leckt. John hat bisher in Leiden gelebt und ist gut bekannt mit den Separatisten. Er schifft sich mit uns von London aus ein, da er mit Gilbert Winslow, einem Mitglied der Leidener Gruppe, in einer Angelegenheit hierher kam, über die er nichts verraten will. Gilbert Winslow ist bereits zu seinem Bruder Edward nach Leiden zurückgekehrt, während John beschlossen hat hierzubleiben um auf der Mayflower nach Southampton zu segeln. Dort werden wir uns der Gruppe aus Leiden anschließen.
Peter und ich sind sofort begierig darauf, mehr zu erfahren über die Separatisten aus Holland und vor allem über die geheime Mission, über die John Goodman nicht reden will.
»Jetzt komm schon, wir verraten es auch keinem«, drängt Peter ihn, sein Geheimnis preiszugeben, als wir einen Spaziergang mit den Hunden machen.
Goodmans Lächeln verschwindet und er setzt eine verschlossene Miene auf. »Ich werde bestimmt nichts sagen. Diese Angelegenheit ist gefährlich für jeden, der davon weiß.«
Damit macht er es nur noch spannender, aber er sieht nicht so aus, als würde er uns einweihen wollen.
»Gut, dann erzähle uns doch wenigstens etwas über die Leute aus Leiden, die mit uns zu den Kolonien fahren. Schließlich müssen wir mit ihnen leben, da wäre es gut, wenn wir wissen, was auf uns zukommt.« Meine Worte klingen wunderbar vernünftig.
John Goodman überlegt. Schließlich nickt er. »Warum nicht? Ein paar Dinge kann ich euch ruhig erzählen.
Peter wirft mir einen anerkennenden Blick zu und ich lächle selbstzufrieden.
»Die Gemeinde in Leiden wird angeführt von Pastor John Robinson. Ihre Mitglieder stammen ursprünglich aus England, wo sie wegen ihres Glaubens hart verfolgt wurden. Als sie erfuhren, dass zahlreiche Inhaftierte in London in den Gefängnissen verhungern, erschien ihnen Holland als passende Zuflucht, da es bekannt ist für seine liberale Regierung. So verließen sie England und siedelten sich in Leiden an. Viele von ihnen mussten bei ihrer Flucht aus England ihr Vermögen zurücklassen und verdingen sich jetzt in der Wollproduktion, in schlecht bezahlten Anstellungen«, erfahren wir von John.
»Trotz der harten Arbeit gefiel es ihnen bisher in Leiden gut, denn sie konnten ihren Glauben ungestört ausleben«, fährt John fort. »Aber jetzt läuft der Friedens-Vertrag zwischen Holland und dem katholischen Spanien aus und sie fürchten, dass die Holländer religiöse Zugeständnisse machen müssen an die Spanier. Dann wird es vorbei sein mit der Religionsfreiheit in Holland. Sie sind zudem nicht einverstanden, dass ihre Kinder sich an die freizügige Lebensweise der Holländer anpassen und ihren Eltern und deren Überzeugungen immer kritischer gegenüber stehen. So sind sie zu dem Entschluss gelangt, die gefährliche Reise in die Neue Welt zu wagen, um dort eine Kolonie nach ihren Grundsätzen und ihren religiösen Überzeugungen zu errichten.«
Für mich klingt das nach sehr vernünftigen Leuten, die umsichtig ihre Zukunft planen.
»Im Grunde sind sie nicht sehr verschieden von uns. Auch wir wollen in Frieden und Freiheit nach unseren Vorstellungen leben«, meint Peter und ich nicke zustimmend.
Am Tag unserer Abreise sind wir auf den Beinen, noch bevor die Sonne aufgeht. Wir bringen unsere restlichen Habseligkeiten, wie Kleidung, Kochgeschirr, Kamm, Schwämme und Bettzeug, an Bord. Es dauert einige Zeit, weil wir nicht die Einzigen sind, die ihren Kram verstauen und sich einen guten Platz auf dem Schiff suchen, um sich darin häuslich einzurichten.
Es herrscht geschäftiges Treiben rund um mich. Staunend sehe ich zu, wie die Seeleute ein in seine Einzelteile zerlegtes, riesiges Boot, mit dem man Segeln und Rudern kann auf das Schiff bringen. Es bleibt nicht die einzige wuchtige Fracht. Ächzend ziehen die Matrosen eine tonnenschwere metallene Schraube, über die Schiffsplanken. Es ist ein Jackscrew, eine Art Winde, mit der man schwere Lasten heben kann. Ich frage mich, wo sie das alles bloß verstauen wollen.
In den letzten beiden Tagen sind die Mitglieder unserer Gruppe aus England eingetroffen. Es sind Familien und alleinstehende Männer, die von den Kaufleuten angeworben wurden. Sie kommen aus London, Essex, Surrey, und einem guten Dutzend weiterer Grafschaften, und haben Kinder, Diener und jede Menge Gepäck bei sich. Die meisten von ihnen haben wie wir, all ihr Geld in das Unternehmen gesteckt.
Es scheinen rechtschaffene Leute zu sein. Da ist ein altes Ehepaar, die Rigsdales. Sie haben keine Kinder, aber ein junger Mann, Edmund Margesson scheint mit ihnen gut bekannt zu sein. Sie plaudern angeregt miteinander.
Ein weiterer junger Mann geht mit seiner hübschen brünetten Frau und einem Baby an Bord. Sie nicken mir zu und lächeln. Es sind Francis und Sarah Eaton, die in demselben Gasthof wie wir abgestiegen sind. Sie haben ihren kleinen Sohn Samuel dabei, der gerade mal ein halbes Jahr alt ist. Wir haben uns beim Abendessen in der Wirtsstube kennengelernt und Mr. Eaton hat uns erzählt, dass er Zimmermann von Beruf ist. Ich grüße freundlich zurück.
Ihnen folgen weitere Passagiere, die wir aus unserem Gasthof kennen. Richard Clarke, ein junger mittelloser Hafenarbeiter, der sich ein besseres Leben in der Neuen Welt erhofft.
Mr. Warren, ein Familienvater, der Frau und Kinder vorerst hier lässt, bis es in der neuen Heimat sicher für sie ist.
Richard Britteridge ein wortkarger Mann im besten Alter, der knapp erwähnt hat, alleinstehend zu sein.
Eine Familie die wir noch nicht kennen, weckt besonders mein Interesse. Die Frau ist nicht mehr ganz jung und guter Hoffnung. Ihr Bauch wölbt sich deutlich, die Schwangerschaft ist weit fortgeschritten. Sie ist groß, dunkelhaarig und attraktiv. Ein Mädchen im Alter meines Bruders Joseph und ein Junge, der etwas jünger zu sein scheint, drängen sich an ihrer Seite. Auf dem Arm trägt sie ein kleines Kind von 1-2 Jahren.
Ihr Mann ist gut aussehend auf eine etwas herbe Art und wirkt verwegen und energisch. Er lächelt viel und schüttelt eifrig Hände. Offenbar ist er mit einigen der Mitreisenden bekannt.
Plötzlich taucht meine Mutter neben mir auf. »Was stehst du hier so untätig herum und gaffst? Findest du dir keine Beschäftigung?«, fährt sie mich an. Sie wirkt gereizter als sonst und ich sehe hinter ihr den Grund der üblen Laune. Mrs. Martin. Ich schaue in ihre blasierte Miene und meine Mutter tut mir leid.
Mein Vater kommt mit Mr. Martin zu uns. Mr. Martins Blick fällt auf die Familie mit der schwangeren Frau. »Mrs. Hopkins, Elizabeth!« ruft er überschwänglich und winkt ihr mit ausgestrecktem Arm zu. Sie schaut in unsere Richtung und für einen kurzen Moment sehe ich, wie sich ihre Mundwinkel nach unten senken. Dann hat sie sich in der Gewalt und nickt Mr. Martin lächelnd zu.
Aufgeräumt wendet er sich an meinen Vater. »Kommt, mein Freund, ich mache euch mit den Hopkins bekannt. Stephen Hopkins braut das beste Bier in ganz England und hatte bis vor Kurzem eine gut besuchte Taverne hier im Hafen«. Mr. Martin zieht meinen Vater am Ärmel zu der Familie hin und wir Frauen folgen ihnen.
Mr. Hopkins begrüßt uns und Mrs. Hopkins lächelt uns freundlich zu. Sie schüttelt kühl Mrs. Martin die Hand und wendet sich dann an meine Mutter. »Was für eine Hitze heute«, beginnt sie zu plaudern, »aber an die werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Ich habe gehört, dass es an dem Ort, an den wir gehen, viel heißer ist, als in London.«
Meine Mutter ist erleichtert, Mrs. Martin zu entkommen, und ergreift die Gelegenheit zu einer belanglosen Unterhaltung wie einen rettenden Strohhalm.
»Ach, das wusste ich noch gar nicht. Ist es wirklich so heiß dort?«
»Ja, und es gibt diese wilden Indianer. Teilweise geben sie sich sehr kriegerisch, aber mit manchen kann man auch handeln.«
»Ihr seid wirklich gut informiert, Mrs. Hopkins.«
»Das kommt daher, dass mein Mann bereits einige Zeit in der Neuen Welt gelebt hat. Es gibt dort seit mehr als 10 Jahren eine Kolonie, namens Jamestown. Er gelangte nach einer schrecklichen Seereise dorthin, bei der er Schiffbruch erlitt und das Leben in Jamestown war auch nicht einfach. Immer wieder wurde die Siedlung von Indianern angegriffen und die Leute litten unter Hunger und Krankheiten. Dennoch blieb Stephen einige Jahre in Jamestown und hat den Leuten dort geholfen die Siedlung aufzubauen.«
Der Stolz in Elizabeth Hopkins Stimme ist nicht zu überhören und wir lauschen gebannt ihren Worten. Es ist das erste Mal, dass wir etwas über die Neue Welt erfahren. Bisher haben wir keine Ahnung, was uns dort erwartet und die Unsicherheit, macht vor allem uns Frauen zu schaffen.
Wir kennen auch niemanden, der schon unter den Indianern gelebt hat. Obwohl wir bereits Indianer gesehen haben, die als Sklaven nach London gebracht wurden, wissen wir wenig über sie. Die meisten von ihnen sterben rasch hier. Ihnen bekommt weder das englische Wetter noch das raue Leben als Sklaven. Sie erzählen nichts von ihrer Heimat, so sie überhaupt unsere Sprache sprechen.
Mr. Hopkins kommt in Begleitung seiner beiden Diener, Edward Doty und Edward Leister zu uns. Es sind derbe Männer mit harten Gesichtern, die nicht sehr vertrauenserweckend aussehen. »Wir müssen los, Elizabeth«, drängt Stephen Hopkins seine Frau, an Bord zu gehen.
Auch für uns wird es Zeit. Die Matrosen treffen bereits Anstalten auszulaufen. Meine Mutter nutzt die Gelegenheit, von den Martins fortzukommen, und begleitet Mrs. Hopkins ins Zwischendeck. Sie hilft ihr, sich dort einzurichten.
Das Mädchen an Elizabeth Hopkins Seite, das im Alter meines Bruders ist, schließt sich mir an und wir gehen nach draußen auf das Vordeck. Sie heißt Constance und ist Mr. Hopkins Tochter aus erster Ehe.
»Kennst du die Familie Tilley?«, fragt sie mich und deutet auf ein älteres Ehepaar, bei denen ein dunkelhaariges Mädchen steht, das etwas jünger ist als ich, ungefähr in Constances Alter. Ich schüttle lächelnd den Kopf.
»Das Mädchen bei den alten Leuten ist nicht ihre Enkelin, sondern ihre Tochter Elizabeth. Stell dir vor ihre Mutter ist schon über ein halbes Jahrhundert alt«, erzählt mir Constance fassungslos.
Ich muss lachen. »Nun dann war es ein Wunder, dass sie so spät noch ein Kind gekriegt hat«, erwidere ich amüsiert.
Constance wirft mir einen verschwörerischen Blick zu und beugt sich flüsternd zu mir. »Die Leute meinen, Mrs. Tilley ist eine Hexe und hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, damit sie Elizabeth empfangen konnte.«
Ich halte nicht viel von solchen Geschichten und schaue Constance ungläubig an. »Aber das sind doch wüste Schauermärchen, die man kleinen Kindern erzählt.«
»Ja und wenn es doch wahr ist?«, fragt mich Constance mit ernster Miene.
»Dann wird sie uns alle verhexen und wir werden als Frösche in der Neuen Welt leben«, flachse ich.
Wir lachen beide über diese Vorstellung.
Ich finde Constance abgesehen von ihrem Aberglauben, sehr sympathisch. Sie hat ein freundliches offenes Wesen, und viel Geduld mit ihrer kleinen Schwester Damaris, die erst ein Jahr alt ist, und ihr ständig am Rockzipfel hängt.
Wir sehen zu, wie die letzten Passagiere an Bord gehen, und bleiben auch dort, als die Mayflower schließlich ablegt. Die erste Etappe unserer großen Reise führt uns nach Southampton, wo wir uns mit den Leuten aus Leiden treffen werden. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, als wir uns vom Ufer entfernen und ergreife spontan Constances Hand. Sie scheint sich darüber zu freuen und umfasst meine Finger mit leichtem Druck.
So stehen wir Hand in Hand und sehen auf die Leute, die am Kai zurückbleiben und winken.
Die Fahrt nach Southampton dauert nicht lange.
Wir segeln die Themse hinunter an der Südküste Englands entlang und ich genieße das sanfte Schaukeln der Mayflower und den frischen Wind an Deck. Wir kommen früher als die Gruppe aus Leiden an, die erst am 22. Juli in Delftshaven in Holland an Bord ihres Schiffes gehen wird. Sie segeln mit der Speedwell, einem Schiff, das wir alle gemeinsam finanziert haben und das bei uns in den Kolonien bleiben soll.
Wir nutzen die Zeit, während wir auf sie warten, um uns mit frischem Proviant für die Reise einzudecken. Die Kaufleute Southamptons sind erfreut und jeder versucht, mit uns ein gutes Geschäft zu machen. Mr. Martin, der unsere Finanzen verwaltet, kauft wahllos ein und zahlt die überteuerten Preise der Händler, ohne zu feilschen.
Das erweckt den Unmut einiger Mitreisenden. »Er gibt unser Geld zu leichtfertig aus«, meldet auch mein Vater Bedenken an. Keiner wagt jedoch, ihm Einhalt zu gebieten. Alle wollen warten, bis Mr. Carver und Mr. Cushman da sind, die mit der Gruppe aus Leiden kommen.
Wir kennen sie mittlerweile als kluge, gewissenhafte Gentlemen auf die wir vertrauen können. Gemeinsam haben sie in London und Canterbury umsichtig Schiffszwieback, gesalzenes Schweine-und Rindfleisch, getrocknete Erbsen und Bohnen und Brandy besorgt und auf die Mayflower bringen lassen. Mit der Speedwell kommen noch Werkzeuge und Handelswaren, wie Glasperlen, für die Indianer, sowie noch mehr Proviant. In Southampton kauft jetzt Mr. Martin frische Lebensmittel wie Bier und Butter, Käse und Früchte, die generell teuer sind.
Es ist ein warmer Sommertag, als die Speedwell ankommt und ich mache mit Constance eben einen Spaziergang an Land.
Wir pflücken Blumen, als Constance mich ruft und auf das Schiff deutet, das langsam in den Hafen einfährt. Ich bin erstaunt, dass die Speedwell viel kleiner ist, als die Mayflower. »Wie viele Leute passen wohl auf dieses Schiff? Sie sieht im Gegensatz zur Mayflower geradezu winzig aus«, frage ich Constance. Sie zuckt mit den Achseln.
Langsam schlendern wir zum Kai, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Einige unserer Reisegefährten von der Mayflower erwarten bereits voller Aufregung ihre Ankunft. Sie sind teilweise bekannt mit den Leuten aus Leiden und die Tilleys haben sogar Verwandte auf der Speedwell. Freudig begrüßt John Tilley seinen Bruder Edward mit seiner Frau Agnes. Sie trägt ein kleines Mädchen auf dem Arm und ein junger Mann in meinem Alter folgt ihnen.
»Die Tilleys aus Leiden haben keine eigenen Kinder. Der große Bursche und das kleine Kind sind Neffe und Nichte von ihnen«, klärt mich Constance auf.
»Wahrscheinlich haben sie zuwenig gehext«, ziehe ich Constance in Anspielung auf ihre Aussage vom Vortag auf und sie grinst mir zu.
Robert Cushman sieht mich am Pier stehen, als er von Bord geht. Er erkennt mich und nickt mir freundlich zu. Hinter ihm geht Mr. Carver mit seiner Frau Katherine an Land. Ich habe ihn bei seinen Besuchen, als er Robert Cushman bei den Reisevorbereitungen unterstützt hat, nur ein paar Mal gesehen, aber ich kenne keinen Menschen, dem das Gute so ins Gesicht geschrieben steht, wie John Carver. Immer wenn ich ihn anschaue, geht mir das Herz über, vor Zuneigung, denn nie zuvor habe ich einen mitleidigeren Menschen gekannt als ihn.
Jedem Bettelkind hat er ein Geldstück gegeben, für jeden den er traf, hatte er ein gutes Wort. Er kaufte Proviant, nur um ihn gleich wieder einer armen Familie zu schenken. Natürlich hat er aus eigener Tasche, die fehlenden Lebensmittel ersetzt. Er ist ein Ehrenmann und sehr wohlhabend. Einen Großteil seines Vermögens hat er in das Reiseprojekt gesteckt. Ich fürchte, er ist zu gut für diese Welt. Ich habe immer das Bedürfnis ihn zu beschützen, obwohl er mehr als doppelt so alt ist, wie ich.
Spontan trete ich zu ihm und überreiche ihm die Blumen, die ich gepflückt habe. Er lächelt mich aus seinen gütigen Augen an. »Vielen Dank mein liebes Kind«, sagt er warmherzig.
Wie ich da so stehe und bewundernd Mr. Carver anstarre, fühle ich mich plötzlich beobachtet. Ich schaue mich suchend um und mein Blick fällt auf einen Mann, der bei einer kleinen Gruppe von Leuten steht und mich ansieht. Als sich unsere Blicke treffen, durchfährt mich ein Blitz. Ich kann, meine Augen nicht von ihm abwenden. Dabei schaut er nicht einmal besonders gut aus. Er ist nicht sehr groß, muskulös, hat dunkles lockiges Haar und einen dichten kurzen Bart.
Aber diese Augen! Sie scheinen mich zu durchdringen und bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele zu schauen.
Ich habe das Gefühl, er kennt alle meine Gedanken, sogar die Geheimsten und will gleichzeitig weglaufen und zu ihm hingehen. Constance fällt mein starrer Blick auf und sie stupst mich an. »Priscilla, was hast du denn?«
Ich schüttle den Kopf und endlich gelingt es mir den Blick von ihm loszureißen. Ich frage mich ernsthaft, ob ich närrisch geworden bin, aber ich wage nicht, noch einmal in die Richtung des Mannes zu sehen. »Komm, wir gehen und sehen, ob unsere Mütter Hilfe brauchen«, fordere ich Constance barsch auf und sie folgt mir mit verdutzter Miene zurück auf die Mayflower.
Meine Mutter und Elizabeth Hopkins sind beim Kochen an einem kleinen Kohlebecken, das auf Sand gebettet ist. »Nutze die Gelegenheit die Wäsche zu waschen, wer weiß wann wir wieder dazu kommen«, trägt mir meine Mutter auf. Ich sammle unsere schmutzigen Kleidungsstücke und werfe sie in einen Korb. Constance nimmt ihrer Mutter, die kleine Schwester Damaris ab, die quengelig ist. Zu dritt gehen wir wieder an Land. Es gibt einen Fluss ganz in der Nähe, in dem ich die Wäsche waschen kann. Ich schrubbe und reibe energisch an den Kleidungsstücken und versuche meine Gedanken zu klären. Der Mann mit dem verwegenen Blick will mir nicht aus dem Sinn gehen.
Ärgerlich denke ich, dass meine Mutter recht hat, wenn sie meint, ich träume zuviel. Es war nur ein Mann, der mich angestarrt hat. Kein Grund, mir weiter den Kopf darüber zu zerbrechen! Die Arbeit hilft mir. Als die Wäsche endlich sauber ist, fühle ich mich wieder wie ich selbst. Wir gehen zurück und ich schleppe gemeinsam mit Constance den schweren Korb mit den nassen Kleidern. Die kleine Damaris stolpert neben uns her. Als sie hinfällt und kreischt, nimmt Constance sie auf den Arm. Ich muss den Korb nun alleine tragen.
Das geht ganz gut, bis ich zu dem Fallreep gelange das auf die Mayflower führt. Ich habe an diesem Tag meine neuen Schuhe, mit den hübschen Schnallen an, die mir mein Vater gemacht hat. Sie haben einen kleinen Absatz und sehen sehr elegant aus. Meine Mutter hat nicht gesehen, wie ich sie angezogen habe, sonst hätte sie sicher mit mir geschimpft wegen meiner Eitelkeit.
Auf der rutschigen Planke werden mir die Absätze zum Verhängnis. Ich verhake mich in eine der groben Holzstreben und es fehlt nicht viel, dass ich mitsamt der Wäsche ins Wasser falle. Im letzten Moment, als ich schon die dunkle Nässe des Hafenbeckens auf mich zurasen sehe, fangen mich starke Arme auf und halten mich fest. Ich umklammere noch immer den Wäschekorb und mir schlägt das Herz bis zum Hals vor Schreck.
Der junge Mann, der mich aufgefangen hat, ist blond und sehr groß. Er hält mich noch immer fest, besorgt, dass ich erneut ausgleiten könnte. »Vielen Dank Sir, ihr habt mich vor einem schlimmen Unglück bewahrt«, sage ich erleichtert und senke verlegen meinen Blick.
Er lässt mich los und nimmt mir den Korb ab. »Erlaubt mir Miss, dass ich ihn trage.«
Ich nicke dankbar und beeile mich an Bord zu gelangen.
Er folgt mir und stellt den Korb neben mir ab. Mit einer kleinen Verbeugung und einem freundlichen Lächeln stellt er sich vor. »Mein Name ist John Alden. Ich bin als Küfer hier auf der Mayflower.«
Der Küfer gehört zu den Versorgungsoffizieren an Bord und hat die wichtige Aufgabe sich um die Instandhaltung der Fässer zu kümmern, in denen Wasser, Bier und Lebensmittel aufbewahrt werden. Ein durchaus angesehener Beruf, schießt es mir durch den Kopf.
»Priscilla Mullins«, antwortete ich und erwidere zögernd sein Lächeln. Plötzlich steht meine Mutter vor mir.
Sie wirft John Alden einen missbilligenden Blick zu und er tippt an seinen Hut und entfernt sich. »Was soll das Priscilla? Wer war der junge Hirsch, mit dem ich dich hier plaudernd vorfinde, als hättest du keine Arbeit?«, zischt sie mir scharf zu.
»Mr. Alden gehört zur Crew und hat mich vor einem bösen Sturz ins Wasser bewahrt. Sonst war nichts«, erkläre ich trotzig.
»Wenn du die Augen offenhalten würdest, kämst du nicht in Gefahr zu fallen«, schimpft sie verdrießlich.
Ich muss ihr recht geben. Es ist nicht mein bester Tag.
Ich bin auf dem Zwischendeck und versuche, so gut es geht unsere Betten in Ordnung zu bringen. Für jedes Mitglied unserer Familie steht nur ein schmaler Strohsack zur Verfügung. Wir liegen dicht gedrängt, alle nebeneinander. Um uns ein wenig abzugrenzen, von unseren Mitreisenden, haben Peter und Robert meinem Vater geholfen einige Bretter vor unsere Schlafplätze zu nageln. Dadurch ist es wie in einer feuchten Höhle darin und die Luft wird noch stickiger.
Die meisten anderen Passagiere haben nicht viel mehr Platz. Es gibt etwas bessere Abschnitte, für die Familie Martin, nahe an der Strickleiter, die zur Luke auf das Oberdeck führt. Hier ist es luftiger. Auch die Hopkins haben dort ihre Schlafplätze, weil man Rücksicht nimmt auf Mrs. Hopkins Schwangerschaft und sie mit den Martins bekannt sind.
Peter kommt und berichtet mir aufgeregt, was sich im Poop House, der Kabine von Kapitän Jones zugetragen hat. Die Mannschaft hat bequemere Quartiere auf dem Oberdeck, wo auch die Kabine von Kapitän Jones liegt, die der einzige wirklich komfortable Raum auf dem Schiff ist. Peter, der wenig zu tun hat, im Gegensatz zu uns Frauen, langweilt sich und treibt sich nach seinen Landgängen gerne bei den Offizieren und Matrosen herum. Dabei hat er gerade eben eine heftige Auseinandersetzung mitangehört, die in der Kapitänskabine ausgetragen wurde.
Mr. Cushman hat Mr. Martin zur Rede gestellt, wegen der verschwenderischen Nachlässigkeit, mit der er das Geld aus unserer Reisekasse verprasst. Mein Vater und einige andere Männer aus der Leidener Gruppe waren ebenfalls dabei und stimmten Mr. Cushman zu.
»Wie du dir vorstellen kannst, hat sich Mr. Martin entschieden gegen die Anschuldigungen gewehrt und geschrien, dass sie alle undankbar sind und seine Arbeit nicht zu schätzen wissen«, erzählt mir Peter. »Er war sehr aufbrausend und anmaßend und beschimpfte die Männer aus Leiden, als arme Schlucker, die froh sein durften überhaupt mit dabei zu sein. Mr. Carver, der wie du weißt, sehr wohlhabend ist und sein Vermögen in diese Reise gesteckt hat, überhörte seine Beleidigungen und versuchte, ihn sanftmütig zur Vernunft zu bringen. Doch er wurde von Mr. Martin angebrüllt, dass niemand das Recht hätte sich zu beschweren außer ihm selbst.«
Ich bin sehr erbost, als ich höre, wie Mr. Martin mit meinem verehrten Mr. Carver umgeht. »Wie kann er so mit ihm reden? Ich bedauere es, kein Mann zu sein, denn ich würde ihm gewiss Manieren beibringen.«
Peter lacht, als ich das sage und meint: »Die Indianer müssen sich wohl vor dir in Acht nehmen, so kriegerisch wie du bist.«
Das bringt auch mich zum Lachen. Ich bin sehr froh, dass Peter uns begleitet auf unserer Reise, denn ich verstehe mich sehr gut mit ihm.
Da Peter viel Zeit bei der Mannschaft des Schiffes verbringt, erfahre ich von ihm auch mehr über die Seeleute. Wir haben einen jungen Arzt an Bord, Giles Heale, der bei einem Mr. Blanie eben seine Lehre als Baderchirurg beendet hat. Kapitän Jones hat seinen jungen Verwandten Richard Gardinar eingestellt und einen weiteren Verwandten für die Reise angeheuert. Es ist John Alden, der Küfer, der mich vor dem Sturz bewahrt hat. Ich erwähne mit keinem Wort, dass ich bereits seine Bekanntschaft gemacht habe.
In den folgenden Tagen scheint es, als hätten die Leute aus Leiden ihre Streitereien mit Mr. Martin beigelegt. Mr. Cushman hält jetzt ein wachsames Auge auf Mr. Martins Ausgaben. Darüber sind auch die Mitreisenden aus unserer Gruppe erleichtert, allen voran mein Vater. Wir haben eine Menge zu verlieren, das Geld ist knapp und wir können es uns nicht leisten, es zu verschleudern.
In Southampton gehen noch mehr Passagiere an Bord der Speedwell. Mr. Cushman und Mr. Carver nehmen vier fremde Kinder in ihre Obhut. Es handelt sich um die Söhne und Töchter des adeligen Mr. More aus Shropshire, die aus einer ehebrecherischen Beziehung seiner Frau stammen. Er will sie nicht in seinem Haus haben und verfügt, dass sie in die Kolonien geschickt werden.
»Wir werden gut für sie sorgen«, tröstet der gutherzige Mr. Carver, ihre aufgelöste Mutter, die absolut nicht mit der Entscheidung ihres Ehemannes einverstanden ist.
Ich sehe zu, wie man die ängstlich wirkenden Kinder an Bord der Speedwell bringt.
Wahrscheinlich haben sie in den Kolonien bessere Chancen auf ein anständiges Leben, als wenn sie in London in einem Waisenhaus aufwachsen, denke ich im Stillen.
Eine Familie namens Billington fällt unangenehm auf, als sie an Bord der Speedwell gehen. Es sind gewöhnliche Leute, ein Mann und eine Frau in mittleren Jahren, die von ihren zwei heranwachsenden Söhnen begleitet werden. Die Frau redet laut und vulgär. Ihr Kleid hat Flecken und als ich verstohlen zu ihr hinsehe, nimmt sie eben ihre Haube ab, schnäuzt sich geräuschvoll hinein und setzt sie wieder auf. Ich schüttle mich.
Ihr Mann scheint betrunken zu sein. Er lacht sehr laut und grölt. Seine Söhne haben schlechte Manieren und stoßen sich gegenseitig rüpelhaft an, als sie an uns vorüber gehen.
Sie passen nicht wirklich zu den übrigen Leuten aus Leiden die ruhig und höflich erscheinen und ich frage mich, wie sie zu der Gruppe gekommen sind. Ihre Mitreisenden werfen ihnen scheele Blicke zu, doch niemand ermahnt sie wegen ihres Betragens.
Ich bin mit meinem Vater und Joseph an Land, da mein Vater für uns frisches Obst besorgt hat. Gemeinsam tragen wir die Früchte jetzt zu unserem Schiff. Als wir eben an Bord gehen wollen erregt eine Prügelei unsere Aufmerksamkeit. Einer der Billington Jungen schlägt sich mit einem anderen Jüngling ganz in unserer Nähe. Mr. Bradford, ein Drucker aus Leiden, den wir schon kennengelernt haben, steht an der Reling der Speedwell und ruft einen weiteren Mann zu Hilfe, bevor sie über die Planken laufen, um die Streithähne zu trennen.
Mein Herz setzt für einen Moment aus, um dann wie wild weiter zu schlagen. Der Mann bei Mr. Bradford ist jener Fremde, der mich durch seinen intensiven Blick so aus der Fassung gebracht hat.
An diesem Tag trägt er einen leichten Brustpanzer über seinem Wams und er sieht sehr entschlossen aus, als er die Raufbolde grob voneinander trennt. Offenbar ist er kampferprobt und es ist gar nicht notwendig, dass ihm Mr. Bradford behilflich ist.
»Verzieh dich, Kleiner«, schickt er den Bengel der nicht zu unsern Leuten gehört mit befehlsgewohnter Stimme weg. Den jungen Billington hält er am Kragen gepackt. »Hör zu Bürschchen! Benimm dich, oder ich verpasse dir die Prügel deines Lebens«, droht er ihm und schüttelt ihn bekräftigend durch.
Mr. Bradford sieht, wie wir mit großen Augen dastehen und gebannt auf die Szene starren, die sich vor uns abspielt. Er kommt zu uns und lächelt beschwichtigend. »Ich bedaure diesen Vorfall, Mr. Mullins und kann euch versichern, dass so etwas nicht wieder vorkommt«, entschuldigt er sich bei meinem Vater.
»Nun ich hoffe, es gibt nicht noch mehr gewalttätige Leute unter euch«, meint mein Vater peinlich berührt. Ich habe ähnliche Sorgen. Es würde sich als schwierig erweisen mit solchen Menschen zusammenzuleben, an einem Ort wo jeder auf den anderen angewiesen ist.
Der junge Billington wischt sich seine blutige Nase und trollt sich zurück auf das Schiff. Mr. Bradford ruft den Mann in dem Brustpanzer und winkt ihn zu uns heran, um ihn meinem Vater vorzustellen. Mir klopft das Herz bis zum Hals, als er nun zu uns rüber kommt. Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist, aber ich kann meine Augen nicht von ihm lassen.
»Mr. Mullins, das ist Captain Miles Standish. Er sorgt dafür, dass die Ordnung aufrecht bleibt«, stellt ihn Mr. Bradford zuversichtlich lächelnd vor. Wir erfahren, dass Captain Standish ein erfahrener Offizier ist, der in der königlichen Armee gedient hat. Die Leidener Gruppe hat ihn angeworben, damit er unser militärischer Leiter in der Neuen Welt wird.
Er drückt meinem Vater kräftig die Hand. Dann fällt sein Blick auf mich und er lächelt mir zu. Wieder habe ich das Gefühl, dass er mir bis in die Seele schaut und merke, wie ich rot werde. Schnell hefte ich meine Augen auf meine Schuhspitzen und murmle einen Gruß. Seine Stimme ist voll und dunkel, er wirkt sehr selbstbewusst. Mein Vater findet ihn offenbar recht sympathisch, und sie beginnen sich zu unterhalten.
Ich wage es nicht, meine Augen, zu heben, bis ich die sanfte Stimme einer Frau höre. Sie ist klein und zierlich, hat große blaue Augen und feines blondes Haar. »Miles? Ich suche dich schon seit einer ganzen Weile«, sagt sie ein wenig verzagt und schaut ihn dabei vorwurfsvoll an. Captain Standish lächelt ihr nachsichtig zu und nimmt ihren Arm. »Darf ich euch meine Gemahlin, Rose, vorstellen, Mr. Mullins?«, wendet er sich an meinen Vater.
Sie ist jung und hübsch und ich verspüre einen Hauch von Enttäuschung, als Miles Standish sie, als seine Frau vorstellt. Mein Vater plaudert noch ein wenig mit ihnen, doch ich wünsche mir nur, zurück auf das Schiff zu gehen, und starre wieder auf meine Schuhspitzen. Schließlich wendet sich mein Vater zum Gehen und ich schaue auf, um mich zu verabschieden, wie es die Höflichkeit vorschreibt.
Als ich in Miles Standish Gesicht blicke, glitzern seine Augen und um seinen Mund liegt ein zufriedenes Lächeln. Ich bin überzeugt, dass er meine Enttäuschung bemerkt hat, als Rose aufgetaucht ist. Wir gehen mit meinem Vater an Bord der Mayflower.
»Du bist ungewöhnlich still heute, Priscilla«, merkt meine Mutter am Abend verwundert an. Erst da fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag über kaum ein Wort gesagt habe.
Es ist nun Anfang August und wir haben genügend Vorräte gekauft und sind gerüstet für die Fahrt. Am 5. August brechen unsere Schiffe, die Mayflower und die Speedwell gemeinsam von Southampton auf.
Wir sind noch nicht weit gekommen, als uns von der Speedwell, die in unserer Nähe segelt, Zeichen gegeben werden. Kapitän Jones steuert die Mayflower backbord an das kleinere Schiff heran.
»Sie säuft sich mit Wasser voll und unten im Frachtraum gibt es mehrere Lecks«, erklärt Mr. Reynolds, der Kapitän der Speedwell.
»Die vielen Masten belasten den Rumpf«, knurrt Kapitän Jones geringschätzig. Er macht keinen Hehl daraus, dass er von der Seetüchtigkeit der Speedwell wenig hält. Seine Bemerkung trägt ihm einen wütenden Blick von Kapitän Reynolds ein, aber Christopher Jones hat sich bereits abgewandt.
Eine Weiterreise in diesem Zustand ist für die Speedwell undenkbar. Hinter uns liegt Dartmouth und wir kehren um und steuern mit beiden Schiffen den Hafen an, damit die Speedwell repariert werden kann.
Peter und ich nutzen die Zeit an Land und bearbeiten John Goodman, um ihm sein Geheimnis zu entlocken. »Wir sind schon auf dem Weg zu den Kolonien, am anderen Ende der Welt. Wem kann es schaden, zu erfahren, was du in London angestellt hast?«, dringt Peter hartnäckig auf John ein.
John wirkt verunsichert und schaut Peter gequält an. »Ich habe versprochen, nichts zu sagen.«
»Dann sag uns wenigstens, wovor du Angst hast, wenn wir es erfahren«, hake ich nach.
»Es könnte die Beteiligten ins Verderben stürzen. Noch haben wir England nicht verlassen und hier gibt es genügend Leute, die nur zu gerne einige von uns im Gefängnis sehen würden.«
Ich wechsle einen vielsagenden Blick mit Peter. Fast tut mir John Goodman leid, als wir ihn so bedrängen, aber seine Worte bewirken, dass wir beide noch neugieriger werden.
»Hör mal John, wir sitzen hier Mutterseelenalleine auf einer Wiese im Nirgendwo von Dartmouth. Keiner hört, was wir reden und wir verraten bestimmt nicht unsere eigenen Leute. Sind wir denn jetzt nicht alle eine Gemeinschaft? Es ist Zeit, dass wir einander vertrauen.«
Ich nicke Peter anerkennend zu. Das hat er wirklich gut gesagt.
John Goodman überlegt einen Moment. Schließlich seufzt er: »Also gut. Aber ihr müsst bei eurem Leben schwören, dass ihr es niemandem sagt.« Wir legen die rechte Hand aufs Herz und schwören feierlich.
»Unser Kirchenältester, Mr. Brewster hat mit Mr. Brewer in Leiden Pamphlete geschrieben. Darin wird die Regierung von King James mit scharfen Worten kritisiert und es wird verlangt, dass die Kirche von England erneuert wird und King James nicht länger ihr Oberhaupt sein soll«.
Ich hole tief Luft. Das ist Hochverrat. Dafür würden sie die beiden hängen, wenn die Soldaten der Krone sie zu fassen kriegen.
Peter fängt sich schneller als ich. »Es gehört großer Mut dazu, seine Ansichten so unverblümt auszusprechen«, sagt er beeindruckt.
John Goodman fühlt sich durch Peters Worte bestärkt fortzufahren. »Die Pamphlete wurden in Leiden in der Druckerei von Mr. Bradford gedruckt und Mr. Winslow und sein Bruder Gilbert, die ebenfalls in Leiden lebten, haben sich bereit erklärt, die Schriften in England zu verteilen, was auch eine Zeit lang gut ging«.
Er unterbricht seine Erzählung und schaut unsicher von Peter zu mir. »Was ist dann geschehen?«, dränge ich ihn, gespannt mehr zu erfahren.
