Wir kamen mit der Mayflower - S.C. Bauer - E-Book

Wir kamen mit der Mayflower E-Book

S.C. Bauer

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Beschreibung

England 1620: Die 17-jährige Priscilla Mullins ist Teil jener Glaubensgemeinschaft, die man später die Pilgerväter nennen wird und die mit der Mayflower zu den Kolonien der Neuen Welt in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Obwohl ihr die katastrophalen Zustände auf dem Schiff und die zahlreichen Gefahren der Reise zusetzen, erlebt Priscilla den Zauber der ersten Liebe, zu dem charismatischen Militärkapitän Miles Standish. Doch auch John Alden, der zur Besatzung der Mayflower gehört, spielt eine maßgebliche Rolle in ihrem Leben. Als die Pilger endlich Neuengland erreichen wissen sie nicht, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht. Geplagt von Hunger und der ständigen Angst vor Übergriffen der Indianer, werden sie auch noch von einer schrecklichen Seuche heimgesucht, die zahlreiche Leben fordert. Inmitten der dramatischen Lebensumstände der frühen Siedler Amerikas, findet sich Priscilla plötzlich hin und hergerissen zwischen zwei imponierenden Männern, die sie zur Frau begehren.

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Wir kamen mit der Mayflower

Historischer Roman

S.C.Bauer

Erstausgabe: 07.November 2020

als Orange Cursor-eBook

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © 2021

S.C. Bauer/ Sabine Dittrich

1110 Wien, Österreich

Inhalt

Prolog

Reisevorbereitungen

1620, Die Mayflower

Southampton, die Saints

Die Speedwell

Leben an Bord

Der edle Ritter

Der Sturm

Oceanus

Mann über Bord

Der Vertrag

Muscheln und Mais

Expeditionen und Weidenrinde

Leben und Tod

Plymouth Harbour

Die Siedlung

Mr. Bradfords Lähmung

Vermisst

Die vielen Toten

Das Urteil

März 1621, Samoset

Der Indianerkönig

Der neue Gouverneur

Die erste Hochzeit

Nemasket

Thanksgiving

1621, Die Fortune

Die Werbung

Der Verrat

1622, Meine Entscheidung

Wessagusset

Das holländische Schiff

1623, Die Anne

Die Little james

Die Landverteilung

1624 Die Versöhnung

Ergänzungen der Autorin

Schlusswort

Quellenverzeichnis

Über die Autorin

Impressum

Prolog

Ok­to­ber 1619, Dor­king/ Sur­rey, Eng­land

Der Herbst ist mir schon im­mer die liebs­te Jah­res­zeit.

Ich fin­de es schön, wenn bun­te Blät­ter von den Bäu­men fal­len und die Welt am Mor­gen in Ne­bel ge­taucht ist. Da­bei er­in­ne­re ich mich mit woh­li­gem Schau­dern an die Ge­schich­ten der Feen und Erd­geis­ter, die über die dunk­le Zeit des Jah­res herr­schen.

Es ist eine mei­ner Eigen­schaf­ten, mir über sol­che Din­ge Ge­dan­ken zu ma­chen, und mei­ne Mut­ter Ali­ce schilt mich oft des­we­gen.

»Mäd­chen, was hast du nur im Sinn? Dei­ne Arbeit er­le­digt sich nicht durch träu­men«, meint sie und schüt­telt vor­wurfs­voll den Kopf.

Mein Va­ter gibt ihr Recht. Er ist ein stren­ger Mann und spart nicht mit Er­mah­nun­gen. Hin und wie­der greift er auch zur Ru­te, da­mit wir uns sei­ne Wor­te gut ein­prä­gen. Mein Bru­der Jo­seph und ich ge­ben uns gro­ße Mü­he ihn zu­frie­den­zu­stel­len. Es ge­lingt uns aber nur sel­ten.

Manch­mal be­su­chen wir Ver­wand­te in Lon­don, das nicht weit ent­fernt liegt. Wenn ich Zeit fin­de, ge­he ich zur Them­se und se­he mir die Schif­fe an. Dann stel­le ich mir vor, wie ich da­mit in fer­ne Län­der seg­le und zahl­rei­che Aben­teuer er­le­be.

Aber ich bin kein Jun­ge und so wird das nie­mals ge­sche­hen. Wie ge­sagt ich träu­me ger­ne.

»Unser Platz in die­ser Welt ist vor­her­be­stimmt. Al­les liegt in Got­tes Hand und nicht in unse­rem Er­mes­sen«, sagt mei­ne Mut­ter.

Uns geht es im Gegen­satz zu vie­len an­de­ren Fa­mi­lien recht gut.

Mein Va­ter Wil­liam fer­tigt so­li­des Schuh­werk an und das bringt uns ge­nug Brot auf den Tisch. Unser Glau­be ge­bie­tet uns je­doch, dass wir uns be­gnü­gen. So le­ben wir spar­sam und fas­ten häu­fig bei Was­ser und Brot.

Ich ha­be eine heim­li­che Lei­den­schaft für Sü­ßig­kei­ten, die ich be­kämp­fe, aber ich bin nicht im­mer er­folg­reich da­mit.

Ja­kob, der Sohn eines Bä­ckers aus der Nach­bar­schaft, bringt mir manch­mal Le­cke­rei­en. Es ist Ho­nig­ge­bäck und ich ge­be mich dem Ge­nuss hem­mungs­los hin, ob­wohl ich mich hin­ter­her da­für schä­me.

Mei­ne El­tern ha­ben mich Pri­scil­la ge­nannt und ich mag den Na­men. Außer mir ken­ne ich nie­man­den, der so heißt. Selbst in den Er­zäh­lun­gen von John Ly­ly und Tho­mas Kyd, die ich heim­lich le­se, kommt er nicht vor.

Mein Va­ter ver­bie­tet sol­ches Schrift­werk. »Wir ler­nen le­sen, um die Schrift des Herrn zu stu­die­ren«, sagt er. King James hat die Bi­bel aus dem La­tei­ni­schen in die eng­li­sche Spra­che über­set­zen las­sen, da­mit sie von al­len ge­lesen wer­den kann. Er ist das Ober­haupt der Kir­che Eng­lands, die den Leh­ren Mar­tin Lu­thers folgt.

Mein Freund Ja­kob kann we­der le­sen noch schrei­ben. Er ist Ka­tho­lik und tut, was der Papst in Rom von ihm ver­langt. »Wir sol­len das Wort des Herrn von den Pries­tern hö­ren, denn sie ver­ste­hen, es zu deu­ten«, er­klärt er mir vol­ler Über­zeu­gung.

Hier gibt es nur we­ni­ge Ka­tho­li­ken.

Mein Va­ter ver­ach­tet sie: »Sie sind gott­los und ver­dor­ben«.

Vie­le Eng­län­der sind sei­ner Mei­nung. Sie ste­hen treu zum ang­li­ka­ni­schen Glau­ben, im Gegen­satz zum Fest­land, wo die Ka­tho­li­ken in der Über­zahl sind.

Ich weiß, dass seit zwei Jah­ren ein Krieg tobt, im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich. Zu­erst er­schien ein Ko­met als bö­ses Vor­zei­chen am Him­mel und dann wur­den drei ho­he spa­ni­sche Her­ren in einer Stadt na­mens Prag aus dem Fens­ter ge­wor­fen. Zwei Ar­meen be­kämp­fen sich seit­dem bis aufs Blut, we­gen ihres unter­schied­li­chen Glau­bens. Sie ver­wüs­ten das Land und stür­zen die Be­völ­ke­rung in Ar­mut und Not.

In Eng­land herrscht zum Glück Frie­den.

Ich be­nei­de die Ka­tho­li­ken. Sie dür­fen sün­di­gen und wenn sie es ihrem Pfar­rer er­zäh­len, so spricht er sie von ihren Sün­den los und ihre See­le ist wie­der rein.

Wir müs­sen in je­der Stun­de unse­res Le­bens ein gott­ge­fäl­li­ges Da­sein füh­ren, um nicht der Ver­damm­nis an­heim­zu­fal­len. Je­der von uns ist durch sein Han­deln zum le­ben­di­gen Zeug­nis des Evan­ge­liums be­stimmt.

Der Kauf­mann soll ein ehr­li­cher Kauf­mann sein, die Mut­ter soll eine gu­te Mut­ter sein und ihr Kind nicht ver­nach­läs­si­gen oder ver­zie­hen. Der Va­ter soll ein auf­rich­ti­ger, treu­er Ehe­mann sein. So ge­ben wir Chris­tus die Eh­re und pre­di­gen durch unse­re Ta­ten. Selbst der Ge­dan­ke an Sün­de ist Sün­de.

Wir le­ben got­tes­fürch­tig und eh­ren den Höchs­ten mit unse­rer Hän­de Werk.

Mein Va­ter ist der An­sicht, dass man stets sei­ne Hän­de be­schäf­ti­gen muss, um sei­ne Ge­dan­ken zu zü­geln. Unser Haus ist sehr sauber und mei­ne Mut­ter putzt und scheu­ert un­ab­läs­sig. Ich bin für die Wä­sche ver­ant­wort­lich und bürs­te und schrub­be sie, bis mei­ne Fin­ger rau und wund sind. Wenn mein Va­ter nur einen ein­zi­gen Fleck da­rauf fin­det, wirft er al­les in den Schwei­ne­ko­ben und ich muss von vor­ne an­fan­gen.

Wir arbei­ten von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­unter­gang. »Mü­ßig­gang ist die Tu­gend des Teu­fels«, sagt mein Va­ter und Re­ve­rend Tho­mas gibt ihm recht.

Am Sonn­tag ruht die Arbeit und wir wid­men uns ganz dem Ge­bet. Wir be­su­chen mor­gens und abends den Got­tes­dienst, der ei­ni­ge Stun­den dau­ert.

Den rest­li­chen Tag ver­brin­gen wir im per­sön­li­chen Ge­bet. Unse­re Ge­mein­de ist klein, aber stark im Glau­ben. Mei­ne El­tern sind got­tes­fürch­ti­ge Leu­te. Sie ver­trau­en auf den Herrn und bit­ten um sei­ne Füh­rung. Wir sind an­ge­se­hen in unse­rer Ge­mein­de.

Den­noch füh­ren wir ein un­si­che­res Le­ben. Ins­ge­heim sind wir Pu­ri­ta­ner und leh­nen vie­le Ri­ten der Kir­che von Eng­land ab. Unse­re Ge­mein­de unter der Füh­rung von Re­ve­rend Tho­mas, will die ang­li­ka­ni­sche Kir­che von den ka­tho­li­schen Ele­men­ten säu­bern, die in der Hei­li­gen Schrift durch kein Wort be­legt sind.

»Lasst euch nicht ver­der­ben von den Irr­leh­ren, die nir­gend­wo in der Bi­bel be­zeugt wer­den: Das Kreuz­zei­chen ist heid­ni­scher Aber­glau­be und das Bi­schofs­amt ist eine Er­fin­dung des Teu­fels, die Män­ner un­na­tür­lich er­höht, die doch in De­mut und Be­schei­den­heit wir­ken sol­len«, er­mahnt uns Re­ve­rend Tho­mas. Er spricht von uns als den Ver­fech­tern des wah­ren Glau­bens.

Kö­nig James nennt uns je­doch Sek­tie­rer und lässt uns scharf ver­fol­gen.

Im Win­ter vor zwei Jah­ren ha­ben Sol­daten mei­nen Va­ter ge­holt und ihn ins Ge­fäng­nis ge­bracht. Wir hat­ten gro­ße Angst.

Ich ha­be nicht er­fah­ren, was man ihm vor­ge­wor­fen hat, aber ich den­ke, es hat­te mit unse­rem Glau­ben zu tun. Er war mehr als drei Mo­na­te fort, be­vor sie ihn auf Eh­ren­wort wie­der ent­las­sen ha­ben.

Seit­dem wird unser Haus über­wacht und wir müs­sen sehr vor­sich­tig sein, wenn wir uns mit unse­ren Glau­bens­brü­dern zum Got­tes­dienst tref­fen. Über­all lau­ern Spit­zel, die nur da­rauf war­ten, dass wir einen Feh­ler be­ge­hen und sie uns den Sol­daten mel­den kön­nen.

Ja­kob kommt zu mir ge­lau­fen und er­zählt mir auf­ge­bracht: »Die Sol­daten wa­ren bei uns. Man hat mei­nen El­tern eine Frist ge­setzt, sich zur Kir­che Eng­lands zu be­ken­nen. Sie ha­ben mei­nem Va­ter an­ge­droht in zu ver­haf­ten, wenn er sich wei­gert«.

Sei­ne Stim­me zit­tert vor Angst. »Ich will nicht, dass mein Va­ter wie Wil­liam Dorm­ner en­det.«

Ich er­in­ne­re mich mit Schau­dern an Mr. Dorm­ner, den ka­tho­li­schen Schmied, der letz­ten Win­ter von den Sol­daten ge­holt wur­de. 6 Wo­chen spä­ter brach­ten sie ihn heim. Man hat­te ihm al­le Fin­ger­nä­gel aus­ge­ris­sen und bei­de Bei­ne mehr­mals ge­bro­chen. Nach­dem sei­ne Bei­ne schwarz wur­den, leb­te er nur noch kur­ze Zeit unter gro­ßen Qua­len, be­vor er starb.

Mei­ne El­tern sind in gro­ßer Sor­ge, dass auch mein Va­ter wie­der ins Ge­fäng­nis kommt. Sie sind über­zeugt, dass er die­ses Mal nicht un­ver­sehrt zu­rück­keh­ren wird. Doch trotz ihrer Angst wol­len sie ihre Über­zeu­gun­gen nicht auf­ge­ben. Mein Va­ter sucht nach einem Aus­weg und schließ­lich fasst er den Ent­schluss, dass wir Eng­land ver­las­sen.

Reisevorbereitungen

Mein Bru­der Jo­seph ist jetzt den gan­zen Tag draußen und hackt Brenn­holz klein für den Win­ter. »Das Haus muss mit Werg ab­ge­dich­tet wer­den. Der Wind pfeift durch al­le Rit­zen«, meint mei­ne Mut­ter.

Mein Va­ter schüt­telt den Kopf: »Das lohnt sich kaum mehr«.

Er hat unser Haus vor kur­zem an Mr. Bot­hell ver­kauft. Es dau­ert nun nicht mehr lan­ge, bis wir fort­ge­hen.

Ich be­lau­sche ein Ge­spräch mei­ner El­tern und er­fah­re, dass mein Va­ter zu­frie­den ist mit dem Ver­kauf. Er will die 280 Pfund, die er für unser Haus ge­kriegt hat, in eine Ge­sell­schaft in­ves­tie­ren, die von einer Grup­pe von Kauf­leu­ten ge­grün­det wur­de. Die Mer­chant Com­pa­ny fi­nan­ziert unse­re Rei­se.

Ich weiß nicht ge­nau, wo wir hin­ge­hen und auch Jo­seph, mein jün­ge­rer Bru­der hat kei­ne Ah­nung. Wir ha­ben nur er­fah­ren, dass es ein Land ist, das sehr weit von Eng­land ent­fernt liegt. Wir sind bei­de neu­gie­rig und auch ein we­nig ängst­lich, weil wir nicht wis­sen, was uns dort er­war­tet.

Mein Va­ter nimmt Jo­seph mit auf den Markt, wo er zwei Zie­gen und sechs Hüh­ner kauft. Von unse­ren Schwei­nen hat er fast al­le ver­kauft, nur vier jun­ge Säue be­hal­ten wir. »Wir neh­men die Tie­re mit, wenn wir auf­bre­chen«, sagt er.

Es wird unser letz­ter Win­ter in Dor­king sein. Im nächs­ten Früh­ling fah­ren wir. Mei­ne Mut­ter ist be­schäf­tigt mit Pa­cken. Wir müs­sen Werk­zeu­ge, Klei­dung und Haus­rat mit­neh­men. »Dort, wo wir hin­ge­hen, gibt es kei­nen Markt auf dem wir et­was kau­fen kön­nen«, sagt sie.

Ich schaue sie un­gläu­big an.

Jo­seph hat von mei­nem Va­ter er­fah­ren, wo­hin unse­re Rei­se geht. »Wir se­geln mit einem gro­ßen Schiff in die Ko­lo­nien, der Neu­en Welt. Dort le­ben noch nicht vie­le Men­schen und nie­mand stört sich an unse­rem Glau­ben«, er­zählt er mir auf­ge­regt. Ich bin be­geis­tert, dass sich mein Wunsch auf einem Schiff in fer­ne Län­der zu se­geln, nun doch er­fül­len wird.

»Wie ist wohl das Le­ben in den Ko­lo­nien?«, fra­ge ich Jo­seph. Er weiß es nicht und fragt mei­nen Va­ter da­nach. Mein Bru­der er­fährt, dass wir uns erst ein Haus bau­en müs­sen und dass mein Va­ter ja­gen und fi­schen wird, da­mit wir zu es­sen ha­ben. Wir neh­men auch Saat­gut mit, so­dass wir Ge­trei­de an­pflan­zen kön­nen.

Ich ha­be tau­send Fra­gen, be­herr­sche mich aber. Mei­ne Mut­ter be­merkt mei­ne Neu­gier­de. »Mach dir nicht so vie­le Ge­dan­ken, da­von be­kommst du Kopf­weh. Ver­trau lie­ber auf Gott den Herrn«, ruft sie mich zur Ord­nung.

An einem Sonn­tag, nach dem Got­tes­dienst hö­re ich wie Re­ve­rend Tho­mas sich mit mei­nem Va­ter und einem groß­ge­wach­se­nen Mann mitt­le­ren Al­ters unter­hält. Er heißt Christ­oper Mar­tin und ist einer unse­rer Rei­se­ge­fähr­ten.

Er spricht sehr von oben he­rab mit mei­nem Va­ter und ich fin­de ihn nicht sehr sym­pa­thisch. Mein Va­ter scheint sich an sei­ner Ar­ro­ganz aber nicht wei­ter zu stö­ren und ich be­hal­te mei­ne Ge­dan­ken für mich.

»Mr. Mul­lins, ihr müsst end­lich Mr. Wes­ton ken­nen­ler­nen. Er hat so viel für unser Unter­neh­men ge­tan. Kommt doch mit nach Lon­don, wenn wir uns dort nächs­te Wo­che mit Ro­bert Cush­man und John Car­ver tref­fen«, lädt er mei­nen Va­ter ein.

Mr. Cush­man und Mr. Car­ver sind die Ver­tre­ter einer pu­ri­ta­ni­schen Ge­mein­schaft aus Lei­den in Hol­land, die sich uns an­schlie­ßen wird.

Lang­sam däm­mert es mir, dass wir eine gro­ße Grup­pe von Leu­ten sein wer­den, die auf zwei Schif­fen in die Neue Welt se­geln. Ich fin­de es be­ru­hi­gend, dass die Pu­ri­ta­ner aus Lei­den, den glei­chen Glau­ben ha­ben, wie wir. Ich hof­fe, dass wir uns gut ver­ste­hen und uns gegen­sei­tig hel­fen wer­den.

Na­tür­lich bin ich neu­gie­rig mehr über sie zu er­fah­ren. So­bald mein Va­ter aus Lon­don zu­rück­kehrt, lau­schen Jo­seph und ich an der Tür, als er mei­ner Mut­ter von ih­nen be­rich­tet. »Stell dir vor Ali­ce, es sind Se­pa­ra­tis­ten. Wir den­ken, wir sind ver­mes­sen, weil wir ver­schie­de­ne In­hal­te unse­rer Kir­che ab­leh­nen. Aber die­se Leu­te, die im Exil in Lei­den le­ben, sind noch dras­ti­scher in ihren An­sich­ten. Sie wol­len die Kir­che Eng­lands ver­las­sen, wol­len gar nicht zu einer zent­ra­len Kir­che ge­hö­ren, son­dern je­de Ge­mein­de soll eine Kir­che für sich sein. Sie den­ken, wir ha­ben al­le die glei­chen Rech­te und kei­ner steht über dem An­de­ren. Sie nen­nen sich selbst Saints, da­zu aus­erwählt, Gro­ßes zu voll­brin­gen im Na­men Got­tes.«

Die Ant­wort mei­ner Mut­ter ist zu lei­se, als dass ich sie ver­ste­hen kann. Ich ha­be fürs Ers­te ge­nug ge­hört.

Dun­kel er­in­ne­re ich mich da­ran, dass die Se­pa­ra­tis­ten­be­we­gung von Re­ve­rend Brown vor gut 40 Jah­ren ge­grün­det wur­de. Da­mals herrsch­te über Eng­land noch King James Vor­gän­ge­rin die gro­ße Kö­ni­gin Eli­za­beth, die eine li­be­ra­le Pro­tes­tan­tin war. Doch die Leh­ren von Brown wa­ren auch ihr zu ra­di­kal.

Die Se­pa­ra­tis­ten leh­nen nicht nur Weih­nach­ten, Os­tern und al­le Hei­li­gen­ta­ge ab, son­dern stel­len die ge­sam­te Kir­chen­hie­rar­chie ein­schließ­lich al­ler Ri­ten außer Abend­mahl und Psal­men in­fra­ge. Selbst das »Va­ter unser« wol­len sie nicht als bi­bel­treu gel­ten las­sen.

Ihr Schick­sal war schließ­lich be­sie­gelt, als sie auch noch die Au­to­ri­tät der Kö­ni­gin als Kir­chen­ober­haupt an­zwei­fel­ten. Queen Eli­za­beth ließ Brown und sei­ne An­hän­ger, Bar­row, Green­wood und Pen­ry ver­haf­ten und we­gen Hoch­ver­rats hin­rich­ten.

Ich bin be­un­ru­higt zu hö­ren, dass unse­re neu­en Rei­se­ge­fähr­ten die­ser ext­re­mis­ti­schen Leh­re an­hän­gen, und ma­che mir Sor­gen, wie wir mit ih­nen aus­kom­men wer­den. Aber ich be­hal­te mei­ne Ge­dan­ken für mich. Mei­ne Mut­ter hält Sor­gen für über­flüs­si­gen Bal­last, der unse­ren Geist ver­wirrt. »Die We­ge des Herrn sind un­ab­än­der­lich. Wir müs­sen uns sei­ner Füh­rung beu­gen wie ein Blatt im Wind, sonst wer­den wir zer­schmet­tert.«

Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter be­glei­ten wir mei­nen Va­ter, als er sich wie­der nach Lon­don auf­macht und ich ler­ne Mr. Car­ver und Mr. Cush­man ken­nen. Bei­de er­schei­nen mir freund­lich und höf­lich und ich kann in ihrem Auf­tre­ten nichts Fa­na­ti­sches er­ken­nen, was mich ein­deu­tig be­ru­higt. Die Ge­sprä­che füh­ren die Män­ner an­schlie­ßend al­lei­ne, wäh­rend mei­ne Mut­ter und ich Na­deln und Wol­le in einem La­den am Ha­fen kau­fen.

Auf der Rück­fahrt von Lon­don wirkt mein Va­ter nach­denk­lich. Es hat da­mit zu tun, dass es Neu­ig­kei­ten we­gen unse­res Land­pa­ten­tes gibt: »Das Pa­tent wur­de er­teilt, gilt aber nur für das Ge­biet an der Mün­dung des Hud­son Ri­ver.« Mei­nem Va­ter scheint nicht zu ge­fal­len, dass unser Pa­tent nur für eine be­grenz­te Re­gion in der Neu­en Welt gilt.

Schon im ver­gan­ge­nen Ju­ni ha­ben Mr. Cush­man und Mr. Car­ver ver­sucht von der Lon­don Com­pa­ny, die über Land in der Ko­lo­nie Vir­gi­nia ver­fügt, ein Pa­tent mit der Er­laub­nis zu er­hal­ten, dort zu sie­deln. Aber die Be­mü­hun­gen sind ge­schei­tert und ei­ni­ge Hol­län­der ha­ben den bei­den Agen­ten das An­ge­bot ge­macht, die Rei­se zu unter­stüt­zen. Da­von hat wie­de­rum die Lon­don Com­pa­ny er­fah­ren und Tho­mas Wes­ton ins Spiel ge­bracht.

Wes­ton ist ein aal­glat­ter Eisen­händ­ler aus Lon­don, der nur sei­nen Pro­fit im Sinn hat. Er wit­tert die Ge­le­gen­heit auf ein gu­tes Ge­schäft und ver­spricht, sich bei der Lon­don Com­pa­ny da­für ein­zu­set­zen, dass doch noch die Ur­kun­de so aus­ge­stellt wird, dass wir in ganz Neu­eng­land sie­deln kön­nen. Zu­dem hat er an­ge­bo­ten, pri­va­te In­ves­to­ren für das Unter­neh­men zu ge­win­nen, und so ist es zur Grün­dung der Ge­sell­schaft der Kauf­leu­te ge­kom­men, die jetzt unse­re Rei­se fi­nan­ziert.

Als der Früh­ling da ist, steigt in mir die Auf­re­gung we­gen der be­vor­ste­hen­den Rei­se. Eines Nach­mit­tags kommt Mr. Mar­tin mit Tho­mas Wes­ton zu uns. Mei­ne Mut­ter und ich dür­fen blei­ben und hö­ren was die Män­ner mit mei­nem Va­ter be­spre­chen. Mr. Wes­ton ist sehr auf­ge­bracht. Of­fen­bar gibt es Schwie­rig­kei­ten we­gen des Ver­tra­ges mit den Kauf­leu­ten.

»Mr. Mul­lins, es ist ein Jam­mer. Ich war bei der Lon­don Com­pa­ny und konn­te er­wir­ken, dass ein wei­te­rer Punkt in das Land­pa­tent ein­ge­fügt wird, so­dass unse­re Sied­lungs­er­laub­nis für ganz Neu­eng­land gilt. Ich arbei­te noch da­ran, dass die Re­gie­rung die­ser Re­ge­lung zu­stimmt. Ich den­ke, wir krie­gen es durch. Aber es gibt Prob­le­me mit den Geld­ge­bern der Mer­chant Com­pa­ny. Sie mur­ren weil sich die Kos­ten der Rei­se bis­her auf fast 7000 Pfund be­lau­fen. We­gen der ho­hen Sum­me, die das Unter­neh­men ver­schlingt, woll­ten ei­ni­ge schon ab­sprin­gen. Ich muss­te Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen, da­mit sie wei­ter­hin ihr Ka­pi­tal in die Rei­se ste­cken. Es gibt jetzt eine Be­din­gung die ver­langt, dass al­le Sied­ler bis zur Be­glei­chung der Schul­den täg­lich arbei­ten müs­sen, um die In­ves­ti­tion mit Pro­fit zu­rück­zu­zah­len. Die ur­sprüng­li­che Be­din­gung, dass an zwei Ta­gen der Wo­che für eige­ne Er­trä­ge ge­wirt­schaf­tet wer­den kann, wur­de aus dem Ver­trag ge­stri­chen. Wie soll ich das den Leu­ten aus Lei­den bei­brin­gen? Sie wer­den da­mit nicht ein­ver­stan­den sein«, klagt Mr. Wes­ton.

Mir er­scheint die neue Klau­sel un­an­nehm­bar. Es be­deu­tet, dass wir uns al­le jah­re­lang ab­schuf­ten müs­sen, um unse­re Schul­den bei den Kauf­leu­ten zu be­glei­chen und kein eige­nes Ver­mö­gen auf­bau­en kön­nen. Mein Va­ter wirkt ge­nau­so ir­ri­tiert wie ich. »Ver­zeiht mir Mr. Wes­ton, aber auch ich fin­de, dass die ge­än­der­ten Be­din­gun­gen eine Zu­mu­tung sind. Ich wer­de so auch nicht unter­schrei­ben.«

Mr. Wes­ton kriegt einen hoch­ro­ten Kopf und ich se­he, wie ihm eine Ader an der Stirn an­schwillt vor Zorn. »Macht es bes­ser Mr. Mul­lins, wenn ihr könnt. Ich bin nicht im­stan­de die Geld­ge­ber um­zu­stim­men. Sie blei­ben bei ihren For­de­run­gen.«

Ich he­ge heim­lich den Ver­dacht, dass Tho­mas Wes­ton die neu­en Be­din­gun­gen gut heißt. Im­mer­hin hat er selbst sein Ka­pi­tal in die Unter­neh­mung ge­steckt und ist einer der füh­ren­den Per­so­nen der Ge­sell­schaft der Kauf­leu­te.

Mein Va­ter setzt zu einer schar­fen Er­wi­de­rung an, doch Mr. Mar­tin be­eilt sich zu be­schwich­ti­gen: »Aber bit­te mei­ne Her­ren! Wir sind doch Gent­le­men. Ge­wiss wer­den wir eine Lö­sung fin­den, die uns al­le zu­frie­den­stellt.«

Sie fin­den sie nicht und ei­ni­gen sich schließ­lich da­rauf, vor­erst die ge­än­der­ten Be­din­gun­gen für sich zu be­hal­ten und Mr. Car­ver und Mr. Cush­man da­von nichts zu er­zäh­len.

Ich ma­che mir Sor­gen, dass das Unter­fan­gen gänz­lich schei­tert. Mein Va­ter hat all sein Geld in das Unter­neh­men ge­steckt. Mr. Mar­tin, hat dop­pelt so viel, wie wir zu ver­lie­ren, da er noch viel mehr in­ves­tiert hat.

Im Ap­ril sol­len wir ab­rei­sen. Mr. Bot­hell rech­net da­mit, dass wir unser Haus, das jetzt ihm ge­hört bis da­hin ver­las­sen. Mein Va­ter kommt nach einer wei­te­ren Unter­re­dung mit Mr. Wes­ton be­sorgt nach Hau­se. Er wei­gert sich, Ein­zel­hei­ten zu er­zäh­len, weil er uns nicht noch mehr be­un­ru­hi­gen will, aber es ist klar, dass sich unse­re Ab­rei­se wie­der ver­zö­gern wird.

Mr. Bot­hell ist nicht er­freut, ver­län­gert aber die Frist, die wir noch im Haus blei­ben kön­nen.

Mei­ne äl­tere Schwes­ter Sa­rah und mein Bru­der Wil­liam, aus der Ehe mei­nes Va­ters mit sei­ner ers­ten Frau, kom­men uns be­su­chen. Es ist ein schmerz­li­cher Tag, denn kei­ner weiß, ob wir uns je wie­der­se­hen. Mein Va­ter ist be­drückt und ich wei­ne heim­lich im Stall in das Fell einer Zie­ge. Sie hält ganz still und ich füh­le mich et­was ge­trös­tet.

Der Som­mer steht nun vor der Tür und wir sind im­mer noch da. Mr. Bot­hell´s Ge­duld wird dünn und er setzt uns eine letz­te Frist, zu der wir das Haus ver­las­sen müs­sen.

Mein Va­ter ist sehr an­ge­spannt und mei­ne Mut­ter wird im­mer stil­ler. Mr. Cus­ham, kommt er­neut mit Mr. Car­ver aus Hol­land, um die Rei­se­vor­be­rei­tun­gen für die Lei­de­ner Grup­pe ab­zu­wi­ckeln. Mitt­ler­wei­le wis­sen die bei­den Agen­ten der Lei­de­ner Grup­pe von dem ge­än­der­ten Ver­trag und wei­gern sich wie er­war­tet, ihn zu unter­schrei­ben. Sie ver­su­chen, Mr. Wes­ton und die Lon­do­ner Kauf­leu­ten um­zu­stim­men, aber die Ver­hand­lun­gen schei­tern.

An­fang Ju­li er­fah­ren wir von Mr. Mar­tin, dass es nun doch los­geht, ob­wohl es noch im­mer kei­ne Ei­ni­gung we­gen des Ver­tra­ges gibt. Wir sind er­leich­tert und hof­fen, dass nun die Ab­rei­se wirk­lich be­vor­steht.

Mein Va­ter fährt vo­raus nach Lon­don, mit mei­nem Bru­der Jo­seph und Ro­bert Car­ter. Ro­bert ist der Lehr­ling mei­nes Va­ters und wird uns in die Neue Welt be­glei­ten. Ich kann ihn nicht be­son­ders gut lei­den, weil er mir gegen­über im­mer ziem­lich schnip­pisch ist. So­bald mein Va­ter je­doch in der Nä­he ist, be­han­delt er mich mit heuch­le­ri­scher Freund­lich­keit.

Mit zwei Fuhr­wer­ken bringt mein Va­ter unser ge­sam­tes Fracht­gut nach Lon­don zu dem Schiff. Das zwei­te Fuhr­werk fährt Ro­bert Car­ter.

Mei­ne Mut­ter und ich fol­gen ei­ni­ge Ta­ge spä­ter nach. Ein Cou­sin von mir, Pe­ter Brow­ne, den ich bis da­hin nicht ken­nen­ge­lernt ha­be, wird uns eben­falls auf unse­rer Rei­se be­glei­ten. Er bringt sei­ne rie­si­ge Mas­tiff-Hün­din Bir­die mit. Sie leckt mir die Hand und lässt sich von mir strei­cheln.

Pe­ter lacht. »Nun klei­ne Cou­si­ne, Bir­die scheint dich zu mö­gen«. Er um­armt mich herz­lich, was ihm einen stra­fen­den Blick mei­ner Mut­ter ein­trägt.

Pe­ter ist We­ber von Be­ruf und nur ein paar Jah­re äl­ter als ich. Er will, so­bald er ein Haus und einen Stall hat, Scha­fe aus Eng­land in die Ko­lo­nien brin­gen. »Du wirst se­hen Pri­scil­la, wir wer­den die bes­te Wol­le aus ihren Fel­len ma­chen, und wun­der­bar wei­che Stof­fe da­raus we­ben«, ver­traut er mir an. Sei­ne brau­nen Au­gen zwin­kern mir leb­haft zu. Ich mag ihn so­fort.

Wir ha­ben noch im­mer eine Men­ge Ge­päck, es sind unse­re per­sön­li­chen Sa­chen, die wir wäh­rend der Rei­se brau­chen und Pe­ter hilft uns, sie im Wa­gen zu ver­stau­en.

Als der Wa­gen los­fährt, schaue ich mich noch ein­mal um. Ich muss blin­zeln, da­mit ich nicht wei­ne, als ich das letz­te Mal das Haus se­he, in dem ich auf­ge­wach­sen bin.

Mei­ne Mut­ter stupst mich in die Sei­te und sieht mich vor­wurfs­voll an. Sie hat kein Ver­ständ­nis für Rühr­se­lig­kei­ten und fin­det sie un­an­ge­bracht.

1620, Die Mayflower

Wir kom­men in strö­men­den Re­gen in Lon­don an. Bis wir unse­re Hab­se­lig­kei­ten vom Wa­gen ge­la­den ha­ben, sind wir bis auf die Haut durch­nässt. Mein Va­ter hat zwei Zim­mer in einem Gast­hof ge­mie­tet, wo wir bis zur Ab­rei­se blei­ben kön­nen. Er teilt sich eines da­von mit Jo­seph, Pe­ter und Ro­bert. Ich be­kom­me mit mei­ner Mut­ter das an­de­re Zim­mer. Es ist nicht be­heizt und von den Wän­den läuft Was­ser. Die Stroh­sä­cke, auf denen wir schla­fen, schim­meln.

Das Zim­mer ist voll­ge­räumt mit unse­rer Ha­be für den täg­li­chen Ge­brauch.

Mei­ne Mut­ter be­steht da­rauf, die klei­ne Holz­kis­te mit­zu­neh­men, in der sie ihre ge­trock­ne­ten Kräu­ter und Wur­zeln auf­be­wahrt und der stets ein eigen­tüm­li­cher Ge­ruch ent­strömt.

»Sie wer­den dich noch be­vor wir ab­le­gen we­gen Hexe­rei ver­haf­ten«, wet­tert mein Va­ter auf­ge­bracht, als er die Kis­te be­merkt.

Doch mei­ne Mut­ter hält sie eigen­sin­nig um­klam­mert. »Ich ge­he nicht, oh­ne mei­ne Arz­nei­en«, er­klärt sie be­stimmt und mein Va­ter gibt zäh­ne­knir­schend nach. Mei­ne Mut­ter kennt sich gut aus mit Heil­mit­teln und mei­nem Va­ter ist nicht ganz wohl da­bei. Wir ha­ben vie­le Frau­en bren­nen ge­se­hen, die we­gen sol­cher Küns­te ver­urteilt wur­den.

Wir zie­hen uns tro­cke­ne Sa­chen an und ge­hen nach unten in den Gast­raum. Es gibt Ham­mel­ein­topf, der einen star­ken Bei­ge­schmack hat. Mei­ne Mut­ter rümpft die Na­se: »Das Fleisch ist ver­dor­ben.« Ich kann nur we­ni­ge Bis­sen da­von es­sen.

Am nächs­ten Mor­gen scheint die Son­ne und es ist herr­lich warm. In al­ler Frü­he be­glei­ten wir, mei­nen Va­ter zum Dock. Er will uns die May­flo­wer zei­gen, das Se­gel­schiff, das uns in die neue Hei­mat bringt.

Unser Fracht­gut ist be­reits an Bord. Mein Va­ter hat über 100 Paar Schu­he und ein Dut­zend Stie­fel mit­ge­bracht. Da­zu zahl­rei­che Mö­bel, Tru­hen, ge­pols­ter­te Ses­sel und Kis­ten vol­ler Wä­sche, Werk­zeu­ge, Sä­cke vol­ler Saat­gut und noch et­li­ches mehr. Unse­re Tie­re, die Zie­gen, Schwei­ne und Hüh­ner und na­tür­lich Pe­ters gro­ße Hün­din Bir­die, kom­men auch noch mit.

Die May­flo­wer ist ein gro­ßes, wuch­ti­ges Se­gel­schiff, mit einem schna­bel­arti­gen Vor­der­teil, und ho­hen Auf­bau­ten an Heck und Bug. Ich zäh­le drei ge­wal­ti­ge Mas­ten ver­teilt auf dem Deck und einen klei­ne­ren hin­ten am Heck, an denen die Se­gel jetzt ein­ge­holt und fest­ge­zurrt sind. Sie wer­den sich wohl mäch­tig bau­schen, so­bald sie ge­hisst sind und der Wind sich in ih­nen fängt.

Ob­wohl das Schiff be­ein­dru­ckend ist, bin ich ein we­nig ent­täuscht. Die May­flo­wer wirkt alt und ab­ge­nutzt.

Pe­ter sieht mei­nen skep­ti­schen Blick. »Was ist los?«, fragt er mich.

»Ich fin­de, das Schiff, sieht ein we­nig schä­big aus«, flüs­te­re ich ihm zu.

Er lacht. »Lass dich nicht vom be­schei­de­nen Aus­se­hen der May­flo­wer täu­schen. Sie ist sehr zu­ver­läs­sig und hat sich auf vie­len Rei­sen kreuz und quer über die Mee­re, bes­tens be­währt«, er­klärt er mir.

Ein kräf­ti­ger blon­der Mann, mit wet­ter­ge­gerb­tem Ge­sicht, der un­ge­fähr im Al­ter mei­nes Va­ters ist, be­grüßt uns freund­lich. Er stellt sich als Chris­to­pher Jo­nes vor und ist einer der vier Eigen­tü­mer des Schif­fes und Ka­pi­tän der May­flo­wer. Die Mer­chant Com­pa­ny hat ihn mit Schiff und Be­sat­zung für die Rei­se an­ge­heu­ert.

»Mei­ne May­flo­wer ist ein gu­tes Mäd­chen. Wir ha­ben eben eine La­dung von 180 Fäs­sern bes­ten Wei­nes aus Por­tu­gal her­ge­bracht. Mei­ne Sü­ße lag 12 Fuß tief im Was­ser und sie war den­noch pfeil­schnell«, er­zählt Mr. Jo­nes stolz.

Wir dür­fen an Bord ge­hen und er zeigt uns die Decks.

»Ka­pi­tän Jo­nes, wo wer­den wir schla­fen?«, fragt mei­ne Mut­ter. Es ist eine ty­pisch weib­li­che Fra­ge und die Män­ner tau­schen nach­sich­ti­ge Bli­cke.

Ka­pi­tän Jo­nes führt uns auf das Zwi­schen­deck, wo auch die Ka­no­nen ver­staut sind. Ich se­he fast ein Dut­zend mas­si­ger Ar­til­le­rie­ge­schüt­ze, und mein Va­ter weist ei­tel da­rauf hin, dass vier da­von unse­rer Com­pa­ny ge­hö­ren und uns in der Neu­en Welt zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den.

»Hier Ma­dam, wird eu­er Schlaf­platz sein«, er­klärt Ka­pi­tän Jo­nes und mei­ne Mut­ter und ich schau­en ihn er­schro­cken an. Schon jetzt ist es sehr be­engt dort, ob­wohl noch kei­ne Pas­sa­gie­re an Bord sind. Die Män­ner ste­hen in leicht ge­bück­ter Hal­tung und wä­re ich nicht so klein, wür­de auch ich nicht auf­recht ste­hen kön­nen. Die Luft riecht muf­fig und dringt nur durch eine schma­le Lu­ke he­rein, die auf das Ober­deck führt. Dort­hin ge­langt man über eine wa­cke­li­ge Strick­lei­ter.

Ich fra­ge mich, wie wir hier zwei Mo­na­te le­ben sol­len, wa­ge aber nicht mich laut zu äu­ßern. Mei­ne Mut­ter at­met tief durch und presst die Lip­pen auf­ei­nan­der, aber sie sagt kein Wort da­zu.

»In zwei Ta­gen bre­chen wir auf«, er­klärt Ka­pi­tän Jo­nes.

Wir ver­las­sen das Schiff und ge­hen zu dem Gast­hof zu­rück. Dort kommt eben die Fa­mi­lie Mar­tin an. Mr. Mar­tin hat noch mehr Ge­päck da­bei als wir. Sei­ne Frau Ma­ry ist wort­karg, in ihren Au­gen liegt der glei­che über­heb­li­che Aus­druck, wie bei ihrem Mann. Sie ha­ben Mrs. Mar­tins Sohn aus ers­ter Ehe, So­lo­mon Pro­wer und einen Die­ner, John Long­mo­re, bei sich, die bei­de im Al­ter mei­nes Cou­sins Pe­ter Brow­ne sind.

Es schickt sich nicht für mich, mit ih­nen zu re­den, und so unter­hal­ten sich die Män­ner eine Wei­le, wäh­rend wir Frau­en da­ne­ben ste­hen und zu­hö­ren. Pe­ter ver­liert je­doch bald die Lust an den Ge­sprä­chen und macht einen Spa­zier­gang mit sei­ner Mas­tiff-Hün­din. Ich den­ke, dass auch er nicht sehr an­ge­tan ist von der Fa­mi­lie Mar­tin.

Mein Va­ter hört sich ge­dul­dig die wort­rei­chen Kla­gen von Mr. Mar­tin über Ro­bert Cush­man, den Agen­ten der Lei­de­ner Grup­pe, an.

»Die­ser arm­se­li­ge, be­ten­de Wicht, der von Ge­schäf­ten kei­ne Ah­nung hat, wagt es tat­säch­lich, von mir Re­chen­schaft we­gen der Buch­füh­rung zu ver­lan­gen! An­geb­lich ver­misst er eine Spen­de von 700 Pfund in den Auf­zeich­nun­gen der Ge­sell­schaft und nun will er von mir wis­sen, wo das Geld ge­blie­ben ist«, be­schwert er sich em­pört.

Mein Va­ter be­eilt sich, den er­bos­ten Mr. Mar­tin zu be­schwich­ti­gen: »Je­der weiß, dass ihr ein Eh­ren­mann seid, Mr. Mar­tin.«

Ich ha­be da so mei­ne Zwei­fel, hal­te aber na­tür­lich mei­nen Mund.

Mei­ne Mut­ter und Ma­ry Mar­tin wech­seln kein Wort mit­ei­nan­der und ver­mei­den es, sich an­zu­se­hen. Ich den­ke, sie wer­den kei­ne be­son­ders gu­ten Freun­din­nen. Ich hof­fe, dass unse­re Schlaf­plät­ze auf der May­flo­wer, weit von­ei­nan­der ent­fernt lie­gen. Doch ich be­zweif­le, dass es in der En­ge mög­lich sein wird, den Mar­tins aus dem Weg zu ge­hen.

Mr. Wes­ton ist ge­kom­men, um sich von uns zu ver­ab­schie­den und uns eine gu­te Rei­se zu wün­schen. Ich weiß, dass er ver­stimmt ist, weil wir den ge­än­der­ten Ver­trag mit den Kauf­leu­ten nicht unter­schrie­ben ha­ben. Mr. Wes­ton macht so­gleich deut­lich, dass er haupt­säch­lich am wirt­schaft­li­chen Er­folg der Unter­neh­mung in­te­res­siert ist. »Nehmt das Land und arbei­tet flei­ßig, dass wir bald unser Geld zu­rück­ha­ben und nicht be­reu­en müs­sen, in euch in­ves­tiert zu ha­ben.« Mein Va­ter sieht ihn be­frem­det an, aber Mr. Mar­tin stimmt me­ckernd in sein über­heb­li­ches La­chen ein.

Pe­ter freun­det sich mit einen jun­gen stil­len Pas­sa­gier, na­mens John Good­man an, der sei­nen Spa­niel Buck mit an Bord bringt. Buck nä­hert sich schweif­we­delnd Bir­die, die ihm das Ge­sicht leckt. John hat bis­her in Lei­den ge­lebt und ist gut be­kannt mit den Se­pa­ra­tis­ten. Er schifft sich mit uns von Lon­don aus ein, da er mit Gil­bert Winslow, einem Mit­glied der Lei­de­ner Grup­pe, in einer An­ge­le­gen­heit hier­her kam, über die er nichts ver­ra­ten will. Gil­bert Winslow ist be­reits zu sei­nem Bru­der Ed­ward nach Lei­den zu­rück­ge­kehrt, wäh­rend John be­schlos­sen hat hier­zu­blei­ben um auf der May­flo­wer nach Sou­thamp­ton zu se­geln. Dort wer­den wir uns der Grup­pe aus Lei­den an­schlie­ßen.

Pe­ter und ich sind so­fort be­gie­rig da­rauf, mehr zu er­fah­ren über die Se­pa­ra­tis­ten aus Hol­land und vor al­lem über die ge­hei­me Mis­sion, über die John Good­man nicht re­den will.

»Jetzt komm schon, wir ver­ra­ten es auch kei­nem«, drängt Pe­ter ihn, sein Ge­heim­nis preis­zu­ge­ben, als wir einen Spa­zier­gang mit den Hun­den ma­chen.

Good­mans Lä­cheln ver­schwin­det und er setzt eine ver­schlos­se­ne Mie­ne auf. »Ich wer­de be­stimmt nichts sa­gen. Die­se An­ge­le­gen­heit ist ge­fähr­lich für je­den, der da­von weiß.«

Da­mit macht er es nur noch span­nen­der, aber er sieht nicht so aus, als wür­de er uns ein­wei­hen wol­len.

»Gut, dann er­zäh­le uns doch we­nigs­tens et­was über die Leu­te aus Lei­den, die mit uns zu den Ko­lo­nien fah­ren. Schließ­lich müs­sen wir mit ih­nen le­ben, da wä­re es gut, wenn wir wis­sen, was auf uns zu­kommt.« Mei­ne Wor­te klin­gen wun­der­bar ver­nünf­tig.

John Good­man über­legt. Schließ­lich nickt er. »Wa­rum nicht? Ein paar Din­ge kann ich euch ru­hig er­zäh­len.

Pe­ter wirft mir einen an­erken­nen­den Blick zu und ich läch­le selbst­zu­frie­den.

»Die Ge­mein­de in Lei­den wird an­ge­führt von Pas­tor John Ro­bin­son. Ihre Mit­glie­der stam­men ur­sprüng­lich aus Eng­land, wo sie we­gen ihres Glau­bens hart ver­folgt wur­den. Als sie er­fuh­ren, dass zahl­rei­che In­haf­tier­te in Lon­don in den Ge­fäng­nis­sen ver­hun­gern, er­schien ih­nen Hol­land als pas­sen­de Zu­flucht, da es be­kannt ist für sei­ne li­be­ra­le Re­gie­rung. So ver­lie­ßen sie Eng­land und sie­del­ten sich in Lei­den an. Vie­le von ih­nen muss­ten bei ihrer Flucht aus Eng­land ihr Ver­mö­gen zu­rück­las­sen und ver­din­gen sich jetzt in der Woll­pro­duk­tion, in schlecht be­zahl­ten An­stel­lun­gen«, er­fah­ren wir von John.

»Trotz der har­ten Arbeit ge­fiel es ih­nen bis­her in Lei­den gut, denn sie konn­ten ihren Glau­ben un­ge­stört aus­le­ben«, fährt John fort. »Aber jetzt läuft der Frie­dens-Ver­trag zwi­schen Hol­land und dem ka­tho­li­schen Spa­nien aus und sie fürch­ten, dass die Hol­län­der re­li­giö­se Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen müs­sen an die Spa­nier. Dann wird es vor­bei sein mit der Re­li­gions­frei­heit in Hol­land. Sie sind zu­dem nicht ein­ver­stan­den, dass ihre Kin­der sich an die frei­zü­gi­ge Le­bens­wei­se der Hol­län­der an­pas­sen und ihren El­tern und de­ren Über­zeu­gun­gen im­mer kri­ti­scher gegen­über ste­hen. So sind sie zu dem Ent­schluss ge­langt, die ge­fähr­li­che Rei­se in die Neue Welt zu wa­gen, um dort eine Ko­lo­nie nach ihren Grund­sät­zen und ihren re­li­giö­sen Über­zeu­gun­gen zu er­rich­ten.«

Für mich klingt das nach sehr ver­nünf­ti­gen Leu­ten, die um­sich­tig ihre Zu­kunft pla­nen.

»Im Grun­de sind sie nicht sehr ver­schie­den von uns. Auch wir wol­len in Frie­den und Frei­heit nach unse­ren Vor­stel­lun­gen le­ben«, meint Pe­ter und ich ni­cke zu­stim­mend.

Am Tag unse­rer Ab­rei­se sind wir auf den Bei­nen, noch be­vor die Son­ne auf­geht. Wir brin­gen unse­re rest­li­chen Hab­se­lig­kei­ten, wie Klei­dung, Koch­ge­schirr, Kamm, Schwäm­me und Bett­zeug, an Bord. Es dau­ert ei­ni­ge Zeit, weil wir nicht die Ein­zi­gen sind, die ihren Kram ver­stau­en und sich einen gu­ten Platz auf dem Schiff su­chen, um sich da­rin häus­lich ein­zu­rich­ten.

Es herrscht ge­schäf­ti­ges Trei­ben rund um mich. Stau­nend se­he ich zu, wie die See­leu­te ein in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­leg­tes, rie­si­ges Boot, mit dem man Se­geln und Ru­dern kann auf das Schiff brin­gen. Es bleibt nicht die ein­zi­ge wuch­ti­ge Fracht. Äch­zend zie­hen die Mat­ro­sen eine ton­nen­schwe­re me­tal­le­ne Schrau­be, über die Schiffs­plan­ken. Es ist ein Jack­screw, eine Art Win­de, mit der man schwe­re Las­ten heben kann. Ich fra­ge mich, wo sie das al­les bloß ver­stau­en wol­len.

In den letz­ten bei­den Ta­gen sind die Mit­glie­der unse­rer Grup­pe aus Eng­land ein­ge­trof­fen. Es sind Fa­mi­lien und al­lein­ste­hen­de Män­ner, die von den Kauf­leu­ten an­ge­wor­ben wur­den. Sie kom­men aus Lon­don, Es­sex, Sur­rey, und einem gu­ten Dut­zend wei­te­rer Graf­schaf­ten, und ha­ben Kin­der, Die­ner und je­de Men­ge Ge­päck bei sich. Die meis­ten von ih­nen ha­ben wie wir, all ihr Geld in das Unter­neh­men ge­steckt.

Es schei­nen recht­schaf­fe­ne Leu­te zu sein. Da ist ein al­tes Ehe­paar, die Rigs­da­les. Sie ha­ben kei­ne Kin­der, aber ein jun­ger Mann, Ed­mund Mar­ges­son scheint mit ih­nen gut be­kannt zu sein. Sie plau­dern an­ge­regt mit­ei­nan­der.

Ein wei­te­rer jun­ger Mann geht mit sei­ner hüb­schen brü­net­ten Frau und einem Ba­by an Bord. Sie ni­cken mir zu und lä­cheln. Es sind Fran­cis und Sa­rah Ea­ton, die in dem­sel­ben Gast­hof wie wir ab­ge­stie­gen sind. Sie ha­ben ihren klei­nen Sohn Sa­muel da­bei, der ge­ra­de mal ein hal­bes Jahr alt ist. Wir ha­ben uns beim Abend­es­sen in der Wirts­stu­be ken­nen­ge­lernt und Mr. Ea­ton hat uns er­zählt, dass er Zim­mer­mann von Be­ruf ist. Ich grü­ße freund­lich zu­rück.

Ih­nen fol­gen wei­te­re Pas­sa­gie­re, die wir aus unse­rem Gast­hof ken­nen. Ri­chard Clar­ke, ein jun­ger mit­tel­lo­ser Ha­fen­arbei­ter, der sich ein bes­se­res Le­ben in der Neu­en Welt er­hofft.

Mr. War­ren, ein Fa­mi­lien­va­ter, der Frau und Kin­der vor­erst hier lässt, bis es in der neu­en Hei­mat si­cher für sie ist.

Ri­chard Brit­te­rid­ge ein wort­kar­ger Mann im bes­ten Al­ter, der knapp er­wähnt hat, al­lein­ste­hend zu sein.

Eine Fa­mi­lie die wir noch nicht ken­nen, weckt be­son­ders mein In­te­res­se. Die Frau ist nicht mehr ganz jung und gu­ter Hoff­nung. Ihr Bauch wölbt sich deut­lich, die Schwan­ger­schaft ist weit fort­ge­schrit­ten. Sie ist groß, dun­kel­haa­rig und at­trak­tiv. Ein Mäd­chen im Al­ter mei­nes Bru­ders Jo­seph und ein Jun­ge, der et­was jün­ger zu sein scheint, drän­gen sich an ihrer Sei­te. Auf dem Arm trägt sie ein klei­nes Kind von 1-2 Jah­ren.

Ihr Mann ist gut aus­se­hend auf eine et­was her­be Art und wirkt ver­we­gen und ener­gisch. Er lä­chelt viel und schüt­telt eif­rig Hän­de. Of­fen­bar ist er mit ei­ni­gen der Mit­rei­sen­den be­kannt.

Plötz­lich taucht mei­ne Mut­ter neben mir auf. »Was stehst du hier so un­tä­tig he­rum und gaffst? Fin­dest du dir kei­ne Be­schäf­ti­gung?«, fährt sie mich an. Sie wirkt ge­reiz­ter als sonst und ich se­he hin­ter ihr den Grund der üb­len Lau­ne. Mrs. Mar­tin. Ich schaue in ihre bla­sier­te Mie­ne und mei­ne Mut­ter tut mir leid.

Mein Va­ter kommt mit Mr. Mar­tin zu uns. Mr. Mar­tins Blick fällt auf die Fa­mi­lie mit der schwan­ge­ren Frau. »Mrs. Hop­kins, Eli­za­beth!« ruft er über­schwäng­lich und winkt ihr mit aus­ge­streck­tem Arm zu. Sie schaut in unse­re Rich­tung und für einen kur­zen Mo­ment se­he ich, wie sich ihre Mund­win­kel nach unten sen­ken. Dann hat sie sich in der Ge­walt und nickt Mr. Mar­tin lä­chelnd zu.

Auf­ge­räumt wen­det er sich an mei­nen Va­ter. »Kommt, mein Freund, ich ma­che euch mit den Hop­kins be­kannt. Ste­phen Hop­kins braut das bes­te Bier in ganz Eng­land und hat­te bis vor Kur­zem eine gut be­such­te Ta­ver­ne hier im Ha­fen«. Mr. Mar­tin zieht mei­nen Va­ter am Är­mel zu der Fa­mi­lie hin und wir Frau­en fol­gen ih­nen.

Mr. Hop­kins be­grüßt uns und Mrs. Hop­kins lä­chelt uns freund­lich zu. Sie schüt­telt kühl Mrs. Mar­tin die Hand und wen­det sich dann an mei­ne Mut­ter. »Was für eine Hit­ze heu­te«, be­ginnt sie zu plau­dern, »aber an die wer­den wir uns wohl ge­wöh­nen müs­sen. Ich ha­be ge­hört, dass es an dem Ort, an den wir ge­hen, viel hei­ßer ist, als in Lon­don.«

Mei­ne Mut­ter ist er­leich­tert, Mrs. Mar­tin zu ent­kom­men, und er­greift die Ge­le­gen­heit zu einer be­lang­lo­sen Unter­hal­tung wie einen ret­ten­den Stroh­halm.

»Ach, das wuss­te ich noch gar nicht. Ist es wirk­lich so heiß dort?«

»Ja, und es gibt die­se wil­den In­dia­ner. Teil­wei­se ge­ben sie sich sehr krie­ge­risch, aber mit man­chen kann man auch han­deln.«

»Ihr seid wirk­lich gut in­for­miert, Mrs. Hop­kins.«

»Das kommt da­her, dass mein Mann be­reits ei­ni­ge Zeit in der Neu­en Welt ge­lebt hat. Es gibt dort seit mehr als 10 Jah­ren eine Ko­lo­nie, na­mens James­town. Er ge­lang­te nach einer schreck­li­chen See­rei­se dort­hin, bei der er Schiff­bruch er­litt und das Le­ben in James­town war auch nicht ein­fach. Im­mer wie­der wur­de die Sied­lung von In­dia­nern an­ge­grif­fen und die Leu­te lit­ten unter Hun­ger und Krank­hei­ten. Den­noch blieb Ste­phen ei­ni­ge Jah­re in James­town und hat den Leu­ten dort ge­hol­fen die Sied­lung auf­zu­bauen.«

Der Stolz in Eli­za­beth Hop­kins Stim­me ist nicht zu über­hö­ren und wir lau­schen ge­bannt ihren Wor­ten. Es ist das ers­te Mal, dass wir et­was über die Neue Welt er­fah­ren. Bis­her ha­ben wir kei­ne Ah­nung, was uns dort er­war­tet und die Un­si­cher­heit, macht vor al­lem uns Frau­en zu schaf­fen.

Wir ken­nen auch nie­man­den, der schon unter den In­dia­nern ge­lebt hat. Ob­wohl wir be­reits In­dia­ner ge­se­hen ha­ben, die als Skla­ven nach Lon­don ge­bracht wur­den, wis­sen wir we­nig über sie. Die meis­ten von ih­nen ster­ben rasch hier. Ih­nen be­kommt we­der das eng­li­sche Wet­ter noch das raue Le­ben als Skla­ven. Sie er­zäh­len nichts von ihrer Hei­mat, so sie über­haupt unse­re Spra­che spre­chen.

Mr. Hop­kins kommt in Be­glei­tung sei­ner bei­den Die­ner, Ed­ward Do­ty und Ed­ward Leis­ter zu uns. Es sind der­be Män­ner mit har­ten Ge­sich­tern, die nicht sehr ver­trau­ens­er­we­ckend aus­se­hen. »Wir müs­sen los, Eli­za­beth«, drängt Ste­phen Hop­kins sei­ne Frau, an Bord zu ge­hen.

Auch für uns wird es Zeit. Die Mat­ro­sen tref­fen be­reits An­stal­ten aus­zu­lau­fen. Mei­ne Mut­ter nutzt die Ge­le­gen­heit, von den Mar­tins fort­zu­kom­men, und be­glei­tet Mrs. Hop­kins ins Zwi­schen­deck. Sie hilft ihr, sich dort ein­zu­rich­ten.

Das Mäd­chen an Eli­za­beth Hop­kins Sei­te, das im Al­ter mei­nes Bru­ders ist, schließt sich mir an und wir ge­hen nach draußen auf das Vor­deck. Sie heißt Cons­tan­ce und ist Mr. Hop­kins Toch­ter aus ers­ter Ehe.

»Kennst du die Fa­mi­lie Til­ley?«, fragt sie mich und deu­tet auf ein äl­te­res Ehe­paar, bei denen ein dun­kel­haa­ri­ges Mäd­chen steht, das et­was jün­ger ist als ich, un­ge­fähr in Cons­tan­ces Al­ter. Ich schütt­le lä­chelnd den Kopf.

»Das Mäd­chen bei den al­ten Leu­ten ist nicht ihre En­ke­lin, son­dern ihre Toch­ter Eli­za­beth. Stell dir vor ihre Mut­ter ist schon über ein hal­bes Jahr­hun­dert alt«, er­zählt mir Cons­tan­ce fas­sungs­los.

Ich muss la­chen. »Nun dann war es ein Wun­der, dass sie so spät noch ein Kind ge­kriegt hat«, er­wi­de­re ich amü­siert.

Cons­tan­ce wirft mir einen ver­schwö­re­ri­schen Blick zu und beugt sich flüs­ternd zu mir. »Die Leu­te mei­nen, Mrs. Til­ley ist eine He­xe und hat einen Pakt mit dem Teu­fel ge­schlos­sen, da­mit sie Eli­za­beth emp­fan­gen konn­te.«

Ich hal­te nicht viel von sol­chen Ge­schich­ten und schaue Cons­tan­ce un­gläu­big an. »Aber das sind doch wüs­te Schau­er­mär­chen, die man klei­nen Kin­dern er­zählt.«

»Ja und wenn es doch wahr ist?«, fragt mich Cons­tan­ce mit erns­ter Mie­ne.

»Dann wird sie uns al­le ver­he­xen und wir wer­den als Frö­sche in der Neu­en Welt le­ben«, flach­se ich.

Wir la­chen bei­de über die­se Vor­stel­lung.

Ich fin­de Cons­tan­ce ab­ge­se­hen von ihrem Aber­glau­ben, sehr sym­pa­thisch. Sie hat ein freund­li­ches of­fe­nes We­sen, und viel Ge­duld mit ihrer klei­nen Schwes­ter Da­ma­ris, die erst ein Jahr alt ist, und ihr stän­dig am Rock­zip­fel hängt.

Wir se­hen zu, wie die letz­ten Pas­sa­gie­re an Bord ge­hen, und blei­ben auch dort, als die May­flo­wer schließ­lich ab­legt. Die ers­te Etap­pe unse­rer gro­ßen Rei­se führt uns nach Sou­thamp­ton, wo wir uns mit den Leu­ten aus Lei­den tref­fen wer­den. Ich ha­be ein flau­es Ge­fühl im Ma­gen, als wir uns vom Ufer ent­fer­nen und er­grei­fe spon­tan Cons­tan­ces Hand. Sie scheint sich da­rü­ber zu freu­en und um­fasst mei­ne Fin­ger mit leich­tem Druck.

So ste­hen wir Hand in Hand und se­hen auf die Leu­te, die am Kai zu­rück­blei­ben und win­ken.

Southampton, die Saints

Die Fahrt nach Sou­thamp­ton dau­ert nicht lan­ge.

Wir se­geln die Them­se hi­nunter an der Süd­küs­te Eng­lands ent­lang und ich ge­nie­ße das sanf­te Schau­keln der May­flo­wer und den fri­schen Wind an Deck. Wir kom­men frü­her als die Grup­pe aus Lei­den an, die erst am 22. Ju­li in Delfts­ha­ven in Hol­land an Bord ihres Schif­fes ge­hen wird. Sie se­geln mit der Speed­well, einem Schiff, das wir al­le ge­mein­sam fi­nan­ziert ha­ben und das bei uns in den Ko­lo­nien blei­ben soll.

Wir nut­zen die Zeit, wäh­rend wir auf sie war­ten, um uns mit fri­schem Pro­viant für die Rei­se ein­zu­de­cken. Die Kauf­leu­te Sou­thamp­tons sind er­freut und je­der ver­sucht, mit uns ein gu­tes Ge­schäft zu ma­chen. Mr. Mar­tin, der unse­re Fi­nan­zen ver­wal­tet, kauft wahl­los ein und zahlt die über­teu­er­ten Prei­se der Händ­ler, oh­ne zu feil­schen.

Das er­weckt den Un­mut ei­ni­ger Mit­rei­sen­den. »Er gibt unser Geld zu leicht­fer­tig aus«, mel­det auch mein Va­ter Be­den­ken an. Kei­ner wagt je­doch, ihm Ein­halt zu ge­bie­ten. Al­le wol­len war­ten, bis Mr. Car­ver und Mr. Cush­man da sind, die mit der Grup­pe aus Lei­den kom­men.

Wir ken­nen sie mitt­ler­wei­le als klu­ge, ge­wis­sen­haf­te Gent­le­men auf die wir ver­trau­en kön­nen. Ge­mein­sam ha­ben sie in Lon­don und Can­ter­bu­ry um­sich­tig Schiffs­zwie­back, ge­sal­ze­nes Schwei­ne-und Rind­fleisch, ge­trock­ne­te Erb­sen und Boh­nen und Bran­dy be­sorgt und auf die May­flo­wer brin­gen las­sen. Mit der Speed­well kom­men noch Werk­zeu­ge und Han­dels­wa­ren, wie Glas­per­len, für die In­dia­ner, so­wie noch mehr Pro­viant. In Sou­thamp­ton kauft jetzt Mr. Mar­tin fri­sche Le­bens­mit­tel wie Bier und But­ter, Kä­se und Früch­te, die ge­ne­rell teu­er sind.

Es ist ein war­mer Som­mer­tag, als die Speed­well an­kommt und ich ma­che mit Cons­tan­ce eben einen Spa­zier­gang an Land.

Wir pflü­cken Blu­men, als Cons­tan­ce mich ruft und auf das Schiff deu­tet, das lang­sam in den Ha­fen ein­fährt. Ich bin er­staunt, dass die Speed­well viel klei­ner ist, als die May­flo­wer. »Wie vie­le Leu­te pas­sen wohl auf die­ses Schiff? Sie sieht im Gegen­satz zur May­flo­wer ge­ra­de­zu win­zig aus«, fra­ge ich Cons­tan­ce. Sie zuckt mit den Ach­seln.

Lang­sam schlen­dern wir zum Kai, um die Neu­an­kömm­lin­ge zu be­grü­ßen. Ei­ni­ge unse­rer Rei­se­ge­fähr­ten von der May­flo­wer er­war­ten be­reits vol­ler Auf­re­gung ihre An­kunft. Sie sind teil­wei­se be­kannt mit den Leu­ten aus Lei­den und die Til­le­ys ha­ben so­gar Ver­wand­te auf der Speed­well. Freu­dig be­grüßt John Til­ley sei­nen Bru­der Ed­ward mit sei­ner Frau Ag­nes. Sie trägt ein klei­nes Mäd­chen auf dem Arm und ein jun­ger Mann in mei­nem Al­ter folgt ih­nen.

»Die Til­le­ys aus Lei­den ha­ben kei­ne eige­nen Kin­der. Der gro­ße Bur­sche und das klei­ne Kind sind Nef­fe und Nich­te von ih­nen«, klärt mich Cons­tan­ce auf.

»Wahr­schein­lich ha­ben sie zu­we­nig ge­hext«, zie­he ich Cons­tan­ce in An­spie­lung auf ihre Aus­sa­ge vom Vor­tag auf und sie grinst mir zu.

Ro­bert Cush­man sieht mich am Pier ste­hen, als er von Bord geht. Er er­kennt mich und nickt mir freund­lich zu. Hin­ter ihm geht Mr. Car­ver mit sei­ner Frau Kat­her­ine an Land. Ich ha­be ihn bei sei­nen Be­su­chen, als er Ro­bert Cush­man bei den Rei­se­vor­be­rei­tun­gen unter­stützt hat, nur ein paar Mal ge­se­hen, aber ich ken­ne kei­nen Men­schen, dem das Gu­te so ins Ge­sicht ge­schrie­ben steht, wie John Car­ver. Im­mer wenn ich ihn an­schaue, geht mir das Herz über, vor Zu­nei­gung, denn nie zu­vor ha­be ich einen mit­lei­di­ge­ren Men­schen ge­kannt als ihn.

Je­dem Bet­tel­kind hat er ein Geld­stück ge­ge­ben, für je­den den er traf, hat­te er ein gu­tes Wort. Er kauf­te Pro­viant, nur um ihn gleich wie­der einer ar­men Fa­mi­lie zu schen­ken. Na­tür­lich hat er aus eige­ner Ta­sche, die feh­len­den Le­bens­mit­tel er­setzt. Er ist ein Eh­ren­mann und sehr wohl­ha­bend. Einen Groß­teil sei­nes Ver­mö­gens hat er in das Rei­se­pro­jekt ge­steckt. Ich fürch­te, er ist zu gut für die­se Welt. Ich ha­be im­mer das Be­dürf­nis ihn zu be­schüt­zen, ob­wohl er mehr als dop­pelt so alt ist, wie ich.

Spon­tan tre­te ich zu ihm und über­rei­che ihm die Blu­men, die ich ge­pflückt ha­be. Er lä­chelt mich aus sei­nen gü­ti­gen Au­gen an. »Vie­len Dank mein lie­bes Kind«, sagt er warm­her­zig.

Wie ich da so ste­he und be­wun­dernd Mr. Car­ver an­star­re, füh­le ich mich plötz­lich be­ob­ach­tet. Ich schaue mich su­chend um und mein Blick fällt auf einen Mann, der bei einer klei­nen Grup­pe von Leu­ten steht und mich an­sieht. Als sich unse­re Bli­cke tref­fen, durch­fährt mich ein Blitz. Ich kann, mei­ne Au­gen nicht von ihm ab­wen­den. Da­bei schaut er nicht ein­mal be­son­ders gut aus. Er ist nicht sehr groß, mus­ku­lös, hat dunk­les lo­cki­ges Haar und einen dich­ten kur­zen Bart.

Aber die­se Au­gen! Sie schei­nen mich zu durch­drin­gen und bis in die tiefs­ten Tie­fen mei­ner See­le zu schau­en.

Ich ha­be das Ge­fühl, er kennt al­le mei­ne Ge­dan­ken, so­gar die Ge­heims­ten und will gleich­zei­tig weg­lau­fen und zu ihm hin­ge­hen. Cons­tan­ce fällt mein star­rer Blick auf und sie stupst mich an. »Pri­scil­la, was hast du denn?«

Ich schütt­le den Kopf und end­lich ge­lingt es mir den Blick von ihm los­zu­rei­ßen. Ich fra­ge mich ernst­haft, ob ich när­risch ge­wor­den bin, aber ich wa­ge nicht, noch ein­mal in die Rich­tung des Man­nes zu se­hen. »Komm, wir ge­hen und se­hen, ob unse­re Müt­ter Hil­fe brau­chen«, for­de­re ich Cons­tan­ce barsch auf und sie folgt mir mit ver­dutz­ter Mie­ne zu­rück auf die May­flo­wer.

Mei­ne Mut­ter und Eli­za­beth Hop­kins sind beim Ko­chen an einem klei­nen Koh­le­be­cken, das auf Sand ge­bet­tet ist. »Nut­ze die Ge­le­gen­heit die Wä­sche zu wa­schen, wer weiß wann wir wie­der da­zu kom­men«, trägt mir mei­ne Mut­ter auf. Ich samm­le unse­re schmut­zi­gen Klei­dungs­stü­cke und wer­fe sie in einen Korb. Cons­tan­ce nimmt ihrer Mut­ter, die klei­ne Schwes­ter Da­ma­ris ab, die quen­ge­lig ist. Zu dritt ge­hen wir wie­der an Land. Es gibt einen Fluss ganz in der Nä­he, in dem ich die Wä­sche wa­schen kann. Ich schrub­be und rei­be ener­gisch an den Klei­dungs­stü­cken und ver­su­che mei­ne Ge­dan­ken zu klä­ren. Der Mann mit dem ver­we­ge­nen Blick will mir nicht aus dem Sinn ge­hen.

Är­ger­lich den­ke ich, dass mei­ne Mut­ter recht hat, wenn sie meint, ich träu­me zu­viel. Es war nur ein Mann, der mich an­ge­starrt hat. Kein Grund, mir wei­ter den Kopf da­rü­ber zu zer­bre­chen! Die Arbeit hilft mir. Als die Wä­sche end­lich sauber ist, füh­le ich mich wie­der wie ich selbst. Wir ge­hen zu­rück und ich schlep­pe ge­mein­sam mit Cons­tan­ce den schwe­ren Korb mit den nas­sen Klei­dern. Die klei­ne Da­ma­ris stol­pert neben uns her. Als sie hin­fällt und kreischt, nimmt Cons­tan­ce sie auf den Arm. Ich muss den Korb nun al­lei­ne tra­gen.

Das geht ganz gut, bis ich zu dem Fall­reep ge­lan­ge das auf die May­flo­wer führt. Ich ha­be an die­sem Tag mei­ne neu­en Schu­he, mit den hüb­schen Schnal­len an, die mir mein Va­ter ge­macht hat. Sie ha­ben einen klei­nen Ab­satz und se­hen sehr ele­gant aus. Mei­ne Mut­ter hat nicht ge­se­hen, wie ich sie an­ge­zo­gen ha­be, sonst hät­te sie si­cher mit mir ge­schimpft we­gen mei­ner Ei­tel­keit.

Auf der rut­schi­gen Plan­ke wer­den mir die Ab­sät­ze zum Ver­häng­nis. Ich ver­ha­ke mich in eine der gro­ben Holz­stre­ben und es fehlt nicht viel, dass ich mit­samt der Wä­sche ins Was­ser fal­le. Im letz­ten Mo­ment, als ich schon die dunk­le Näs­se des Ha­fen­be­ckens auf mich zu­ra­sen se­he, fan­gen mich star­ke Ar­me auf und hal­ten mich fest. Ich um­klam­me­re noch im­mer den Wä­sche­korb und mir schlägt das Herz bis zum Hals vor Schreck.

Der jun­ge Mann, der mich auf­ge­fan­gen hat, ist blond und sehr groß. Er hält mich noch im­mer fest, be­sorgt, dass ich er­neut aus­glei­ten könn­te. »Vie­len Dank Sir, ihr habt mich vor einem schlim­men Un­glück be­wahrt«, sa­ge ich er­leich­tert und sen­ke ver­le­gen mei­nen Blick.

Er lässt mich los und nimmt mir den Korb ab. »Er­laubt mir Miss, dass ich ihn tra­ge.«

Ich ni­cke dank­bar und be­ei­le mich an Bord zu ge­lan­gen.

Er folgt mir und stellt den Korb neben mir ab. Mit einer klei­nen Ver­beu­gung und einem freund­li­chen Lä­cheln stellt er sich vor. »Mein Na­me ist John Al­den. Ich bin als Kü­fer hier auf der May­flo­wer.«

Der Kü­fer ge­hört zu den Ver­sor­gungs­of­fi­zie­ren an Bord und hat die wich­ti­ge Auf­ga­be sich um die In­stand­hal­tung der Fäs­ser zu küm­mern, in denen Was­ser, Bier und Le­bens­mit­tel auf­be­wahrt wer­den. Ein durch­aus an­ge­se­he­ner Be­ruf, schießt es mir durch den Kopf.

»Pri­scil­la Mul­lins«, ant­wor­te­te ich und er­wi­de­re zö­gernd sein Lä­cheln. Plötz­lich steht mei­ne Mut­ter vor mir.

Sie wirft John Al­den einen miss­bil­li­gen­den Blick zu und er tippt an sei­nen Hut und ent­fernt sich. »Was soll das Pri­scil­la? Wer war der jun­ge Hirsch, mit dem ich dich hier plau­dernd vor­fin­de, als hät­test du kei­ne Arbeit?«, zischt sie mir scharf zu.

»Mr. Al­den ge­hört zur Crew und hat mich vor einem bö­sen Sturz ins Was­ser be­wahrt. Sonst war nichts«, er­klä­re ich trot­zig.

»Wenn du die Au­gen of­fen­hal­ten wür­dest, kämst du nicht in Ge­fahr zu fal­len«, schimpft sie ver­drieß­lich.

Ich muss ihr recht ge­ben. Es ist nicht mein bes­ter Tag.

Ich bin auf dem Zwi­schen­deck und ver­su­che, so gut es geht unse­re Bet­ten in Ord­nung zu brin­gen. Für je­des Mit­glied unse­rer Fa­mi­lie steht nur ein schma­ler Stroh­sack zur Ver­fü­gung. Wir lie­gen dicht ge­drängt, al­le neben­ei­nan­der. Um uns ein we­nig ab­zu­gren­zen, von unse­ren Mit­rei­sen­den, ha­ben Pe­ter und Ro­bert mei­nem Va­ter ge­hol­fen ei­ni­ge Bret­ter vor unse­re Schlaf­plät­ze zu na­geln. Da­durch ist es wie in einer feuch­ten Höh­le da­rin und die Luft wird noch sti­cki­ger.

Die meis­ten an­de­ren Pas­sa­gie­re ha­ben nicht viel mehr Platz. Es gibt et­was bes­se­re Ab­schnit­te, für die Fa­mi­lie Mar­tin, na­he an der Strick­lei­ter, die zur Lu­ke auf das Ober­deck führt. Hier ist es luf­ti­ger. Auch die Hop­kins ha­ben dort ihre Schlaf­plät­ze, weil man Rück­sicht nimmt auf Mrs. Hop­kins Schwan­ger­schaft und sie mit den Mar­tins be­kannt sind.

Pe­ter kommt und be­rich­tet mir auf­ge­regt, was sich im Poop House, der Ka­bi­ne von Ka­pi­tän Jo­nes zu­ge­tra­gen hat. Die Mann­schaft hat be­que­me­re Quar­tie­re auf dem Ober­deck, wo auch die Ka­bi­ne von Ka­pi­tän Jo­nes liegt, die der ein­zi­ge wirk­lich kom­for­tab­le Raum auf dem Schiff ist. Pe­ter, der we­nig zu tun hat, im Gegen­satz zu uns Frau­en, lang­weilt sich und treibt sich nach sei­nen Land­gän­gen ger­ne bei den Of­fi­zie­ren und Mat­ro­sen he­rum. Da­bei hat er ge­ra­de eben eine hef­ti­ge Aus­ei­nan­der­set­zung mit­an­ge­hört, die in der Ka­pi­täns­ka­bi­ne aus­ge­tra­gen wur­de.

Mr. Cush­man hat Mr. Mar­tin zur Re­de ge­stellt, we­gen der ver­schwen­de­ri­schen Nach­läs­sig­keit, mit der er das Geld aus unse­rer Rei­se­kas­se ver­prasst. Mein Va­ter und ei­ni­ge an­de­re Män­ner aus der Lei­de­ner Grup­pe wa­ren eben­falls da­bei und stimm­ten Mr. Cush­man zu.

»Wie du dir vor­stel­len kannst, hat sich Mr. Mar­tin ent­schie­den gegen die An­schul­di­gun­gen ge­wehrt und ge­schrien, dass sie al­le un­dank­bar sind und sei­ne Arbeit nicht zu schät­zen wis­sen«, er­zählt mir Pe­ter. »Er war sehr auf­brau­send und an­ma­ßend und be­schimpf­te die Män­ner aus Lei­den, als ar­me Schlu­cker, die froh sein durf­ten über­haupt mit da­bei zu sein. Mr. Car­ver, der wie du weißt, sehr wohl­ha­bend ist und sein Ver­mö­gen in die­se Rei­se ge­steckt hat, über­hör­te sei­ne Be­lei­di­gun­gen und ver­such­te, ihn sanft­mü­tig zur Ver­nunft zu brin­gen. Doch er wur­de von Mr. Mar­tin an­ge­brüllt, dass nie­mand das Recht hät­te sich zu be­schwe­ren außer ihm selbst.«

Ich bin sehr er­bost, als ich hö­re, wie Mr. Mar­tin mit mei­nem ver­ehr­ten Mr. Car­ver um­geht. »Wie kann er so mit ihm re­den? Ich be­daue­re es, kein Mann zu sein, denn ich wür­de ihm ge­wiss Ma­nie­ren bei­brin­gen.«

Pe­ter lacht, als ich das sa­ge und meint: »Die In­dia­ner müs­sen sich wohl vor dir in Acht neh­men, so krie­ge­risch wie du bist.«

Das bringt auch mich zum La­chen. Ich bin sehr froh, dass Pe­ter uns be­glei­tet auf unse­rer Rei­se, denn ich ver­ste­he mich sehr gut mit ihm.

Da Pe­ter viel Zeit bei der Mann­schaft des Schif­fes ver­bringt, er­fah­re ich von ihm auch mehr über die See­leu­te. Wir ha­ben einen jun­gen Arzt an Bord, Gi­les Hea­le, der bei einem Mr. Bla­nie eben sei­ne Leh­re als Bader­chi­rurg be­en­det hat. Ka­pi­tän Jo­nes hat sei­nen jun­gen Ver­wand­ten Ri­chard Gar­di­nar ein­ge­stellt und einen wei­te­ren Ver­wand­ten für die Rei­se an­ge­heu­ert. Es ist John Al­den, der Kü­fer, der mich vor dem Sturz be­wahrt hat. Ich er­wäh­ne mit kei­nem Wort, dass ich be­reits sei­ne Be­kannt­schaft ge­macht ha­be.

In den fol­gen­den Ta­gen scheint es, als hät­ten die Leu­te aus Lei­den ihre Strei­te­rei­en mit Mr. Mar­tin bei­ge­legt. Mr. Cush­man hält jetzt ein wach­sa­mes Au­ge auf Mr. Mar­tins Aus­ga­ben. Da­rü­ber sind auch die Mit­rei­sen­den aus unse­rer Grup­pe er­leich­tert, al­len vo­ran mein Va­ter. Wir ha­ben eine Men­ge zu ver­lie­ren, das Geld ist knapp und wir kön­nen es uns nicht leis­ten, es zu ver­schleu­dern.

In Sou­thamp­ton ge­hen noch mehr Pas­sa­gie­re an Bord der Speed­well. Mr. Cush­man und Mr. Car­ver neh­men vier frem­de Kin­der in ihre Ob­hut. Es han­delt sich um die Söh­ne und Töch­ter des ade­li­gen Mr. Mo­re aus Shrops­hi­re, die aus einer ehe­bre­che­ri­schen Be­zie­hung sei­ner Frau stam­men. Er will sie nicht in sei­nem Haus ha­ben und ver­fügt, dass sie in die Ko­lo­nien ge­schickt wer­den.

»Wir wer­den gut für sie sor­gen«, trös­tet der gut­her­zi­ge Mr. Car­ver, ihre auf­ge­lös­te Mut­ter, die ab­so­lut nicht mit der Ent­schei­dung ihres Ehe­man­nes ein­ver­stan­den ist.

Ich se­he zu, wie man die ängst­lich wir­ken­den Kin­der an Bord der Speed­well bringt.

Wahr­schein­lich ha­ben sie in den Ko­lo­nien bes­se­re Chan­cen auf ein an­stän­di­ges Le­ben, als wenn sie in Lon­don in einem Wai­sen­haus auf­wach­sen, den­ke ich im Stil­len.

Eine Fa­mi­lie na­mens Bil­ling­ton fällt un­an­ge­nehm auf, als sie an Bord der Speed­well ge­hen. Es sind ge­wöhn­li­che Leu­te, ein Mann und eine Frau in mitt­le­ren Jah­ren, die von ihren zwei he­ran­wach­sen­den Söh­nen be­glei­tet wer­den. Die Frau re­det laut und vul­gär. Ihr Kleid hat Fle­cken und als ich ver­stoh­len zu ihr hin­se­he, nimmt sie eben ihre Hau­be ab, schnäuzt sich ge­räusch­voll hi­nein und setzt sie wie­der auf. Ich schütt­le mich.

Ihr Mann scheint be­trun­ken zu sein. Er lacht sehr laut und grölt. Sei­ne Söh­ne ha­ben schlech­te Ma­nie­ren und sto­ßen sich gegen­sei­tig rü­pel­haft an, als sie an uns vo­rü­ber ge­hen.

Sie pas­sen nicht wirk­lich zu den üb­ri­gen Leu­ten aus Lei­den die ru­hig und höf­lich er­schei­nen und ich fra­ge mich, wie sie zu der Grup­pe ge­kom­men sind. Ihre Mit­rei­sen­den wer­fen ih­nen schee­le Bli­cke zu, doch nie­mand er­mahnt sie we­gen ihres Be­tra­gens.

Ich bin mit mei­nem Va­ter und Jo­seph an Land, da mein Va­ter für uns fri­sches Obst be­sorgt hat. Ge­mein­sam tra­gen wir die Früch­te jetzt zu unse­rem Schiff. Als wir eben an Bord ge­hen wol­len er­regt eine Prü­ge­lei unse­re Auf­merk­sam­keit. Einer der Bil­ling­ton Jun­gen schlägt sich mit einem an­de­ren Jüng­ling ganz in unse­rer Nä­he. Mr. Brad­ford, ein Dru­cker aus Lei­den, den wir schon ken­nen­ge­lernt ha­ben, steht an der Re­ling der Speed­well und ruft einen wei­te­ren Mann zu Hil­fe, be­vor sie über die Plan­ken lau­fen, um die Streit­häh­ne zu tren­nen.

Mein Herz setzt für einen Mo­ment aus, um dann wie wild wei­ter zu schla­gen. Der Mann bei Mr. Brad­ford ist je­ner Frem­de, der mich durch sei­nen in­ten­si­ven Blick so aus der Fas­sung ge­bracht hat.

An die­sem Tag trägt er einen leich­ten Brust­pan­zer über sei­nem Wams und er sieht sehr ent­schlos­sen aus, als er die Rauf­bol­de grob von­ei­nan­der trennt. Of­fen­bar ist er kampf­erprobt und es ist gar nicht not­wen­dig, dass ihm Mr. Brad­ford be­hilf­lich ist.

»Ver­zieh dich, Klei­ner«, schickt er den Ben­gel der nicht zu unsern Leu­ten ge­hört mit be­fehls­ge­wohn­ter Stim­me weg. Den jun­gen Bil­ling­ton hält er am Kra­gen ge­packt. »Hör zu Bürsch­chen! Be­nimm dich, oder ich ver­pas­se dir die Prü­gel dei­nes Le­bens«, droht er ihm und schüt­telt ihn be­kräf­ti­gend durch.

Mr. Brad­ford sieht, wie wir mit gro­ßen Au­gen da­ste­hen und ge­bannt auf die Sze­ne star­ren, die sich vor uns ab­spielt. Er kommt zu uns und lä­chelt be­schwich­ti­gend. »Ich be­dau­re die­sen Vor­fall, Mr. Mul­lins und kann euch ver­si­chern, dass so et­was nicht wie­der vor­kommt«, ent­schul­digt er sich bei mei­nem Va­ter.

»Nun ich hof­fe, es gibt nicht noch mehr ge­walt­tä­ti­ge Leu­te unter euch«, meint mein Va­ter pein­lich be­rührt. Ich ha­be ähn­li­che Sor­gen. Es wür­de sich als schwie­rig er­wei­sen mit sol­chen Men­schen zu­sam­men­zu­le­ben, an einem Ort wo je­der auf den an­de­ren an­ge­wie­sen ist.

Der jun­ge Bil­ling­ton wischt sich sei­ne blu­ti­ge Na­se und trollt sich zu­rück auf das Schiff. Mr. Brad­ford ruft den Mann in dem Brust­pan­zer und winkt ihn zu uns he­ran, um ihn mei­nem Va­ter vor­zu­stel­len. Mir klopft das Herz bis zum Hals, als er nun zu uns rü­ber kommt. Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was mit mir los ist, aber ich kann mei­ne Au­gen nicht von ihm las­sen.

»Mr. Mul­lins, das ist Cap­tain Mi­les Stand­ish. Er sorgt da­für, dass die Ord­nung auf­recht bleibt«, stellt ihn Mr. Brad­ford zu­ver­sicht­lich lä­chelnd vor. Wir er­fah­ren, dass Cap­tain Stand­ish ein er­fah­re­ner Of­fi­zier ist, der in der kö­nig­li­chen Ar­mee ge­dient hat. Die Lei­de­ner Grup­pe hat ihn an­ge­wor­ben, da­mit er unser mi­li­tä­ri­scher Lei­ter in der Neu­en Welt wird.

Er drückt mei­nem Va­ter kräf­tig die Hand. Dann fällt sein Blick auf mich und er lä­chelt mir zu. Wie­der ha­be ich das Ge­fühl, dass er mir bis in die See­le schaut und mer­ke, wie ich rot wer­de. Schnell hef­te ich mei­ne Au­gen auf mei­ne Schuh­spit­zen und murm­le einen Gruß. Sei­ne Stim­me ist voll und dun­kel, er wirkt sehr selbst­be­wusst. Mein Va­ter fin­det ihn of­fen­bar recht sym­pa­thisch, und sie be­gin­nen sich zu unter­hal­ten.

Ich wa­ge es nicht, mei­ne Au­gen, zu heben, bis ich die sanf­te Stim­me einer Frau hö­re. Sie ist klein und zier­lich, hat gro­ße blaue Au­gen und fei­nes blon­des Haar. »Mi­les? Ich su­che dich schon seit einer gan­zen Wei­le«, sagt sie ein we­nig ver­zagt und schaut ihn da­bei vor­wurfs­voll an. Cap­tain Stand­ish lä­chelt ihr nach­sich­tig zu und nimmt ihren Arm. »Darf ich euch mei­ne Ge­mah­lin, Ro­se, vor­stel­len, Mr. Mul­lins?«, wen­det er sich an mei­nen Va­ter.

Sie ist jung und hübsch und ich ver­spü­re einen Hauch von Ent­täu­schung, als Mi­les Stand­ish sie, als sei­ne Frau vor­stellt. Mein Va­ter plau­dert noch ein we­nig mit ih­nen, doch ich wün­sche mir nur, zu­rück auf das Schiff zu ge­hen, und star­re wie­der auf mei­ne Schuh­spit­zen. Schließ­lich wen­det sich mein Va­ter zum Ge­hen und ich schaue auf, um mich zu ver­ab­schie­den, wie es die Höf­lich­keit vor­schreibt.

Als ich in Mi­les Stand­ish Ge­sicht bli­cke, glit­zern sei­ne Au­gen und um sei­nen Mund liegt ein zu­frie­de­nes Lä­cheln. Ich bin über­zeugt, dass er mei­ne Ent­täu­schung be­merkt hat, als Ro­se auf­ge­taucht ist. Wir ge­hen mit mei­nem Va­ter an Bord der May­flo­wer.

»Du bist un­ge­wöhn­lich still heu­te, Pri­scil­la«, merkt mei­ne Mut­ter am Abend ver­wun­dert an. Erst da fällt mir auf, dass ich den gan­zen Tag über kaum ein Wort ge­sagt ha­be.

Es ist nun An­fang Au­gust und wir ha­ben ge­nü­gend Vor­rä­te ge­kauft und sind ge­rüs­tet für die Fahrt. Am 5. Au­gust bre­chen unse­re Schif­fe, die May­flo­wer und die Speed­well ge­mein­sam von Sou­thamp­ton auf.

Die Speedwell

Wir sind noch nicht weit ge­kom­men, als uns von der Speed­well, die in unse­rer Nä­he se­gelt, Zei­chen ge­ge­ben wer­den. Ka­pi­tän Jo­nes steuert die May­flo­wer back­bord an das klei­ne­re Schiff he­ran.

»Sie säuft sich mit Was­ser voll und unten im Fracht­raum gibt es meh­re­re Lecks«, er­klärt Mr. Rey­nolds, der Ka­pi­tän der Speed­well.

»Die vie­len Mas­ten be­las­ten den Rumpf«, knurrt Ka­pi­tän Jo­nes ge­ring­schät­zig. Er macht kei­nen Hehl da­raus, dass er von der See­tüch­tig­keit der Speed­well we­nig hält. Sei­ne Be­mer­kung trägt ihm einen wü­ten­den Blick von Ka­pi­tän Rey­nolds ein, aber Chris­to­pher Jo­nes hat sich be­reits ab­ge­wandt.

Eine Wei­ter­rei­se in die­sem Zu­stand ist für die Speed­well un­denk­bar. Hin­ter uns liegt Dart­mouth und wir keh­ren um und steu­ern mit bei­den Schif­fen den Ha­fen an, da­mit die Speed­well re­pa­riert wer­den kann.

Pe­ter und ich nut­zen die Zeit an Land und be­arbei­ten John Good­man, um ihm sein Ge­heim­nis zu ent­lo­cken. »Wir sind schon auf dem Weg zu den Ko­lo­nien, am an­de­ren En­de der Welt. Wem kann es scha­den, zu er­fah­ren, was du in Lon­don an­ge­stellt hast?«, dringt Pe­ter hart­nä­ckig auf John ein.

John wirkt ver­un­si­chert und schaut Pe­ter ge­quält an. »Ich ha­be ver­spro­chen, nichts zu sa­gen.«

»Dann sag uns we­nigs­tens, wo­vor du Angst hast, wenn wir es er­fah­ren«, ha­ke ich nach.

»Es könn­te die Be­tei­lig­ten ins Ver­der­ben stür­zen. Noch ha­ben wir Eng­land nicht ver­las­sen und hier gibt es ge­nü­gend Leu­te, die nur zu ger­ne ei­ni­ge von uns im Ge­fäng­nis se­hen wür­den.«

Ich wechs­le einen viel­sa­gen­den Blick mit Pe­ter. Fast tut mir John Good­man leid, als wir ihn so be­drän­gen, aber sei­ne Wor­te be­wir­ken, dass wir bei­de noch neu­gie­ri­ger wer­den.

»Hör mal John, wir sit­zen hier Mut­ter­see­len­al­lei­ne auf einer Wie­se im Nir­gend­wo von Dart­mouth. Kei­ner hört, was wir re­den und wir ver­ra­ten be­stimmt nicht unse­re eige­nen Leu­te. Sind wir denn jetzt nicht al­le eine Ge­mein­schaft? Es ist Zeit, dass wir ei­nan­der ver­trau­en.«

Ich ni­cke Pe­ter an­erken­nend zu. Das hat er wirk­lich gut ge­sagt.

John Good­man über­legt einen Mo­ment. Schließ­lich seufzt er: »Al­so gut. Aber ihr müsst bei eu­rem Le­ben schwö­ren, dass ihr es nie­man­dem sagt.« Wir le­gen die rech­te Hand aufs Herz und schwö­ren fei­er­lich.

»Unser Kir­chen­äl­tes­ter, Mr. Brews­ter hat mit Mr. Bre­wer in Lei­den Pam­ph­le­te ge­schrie­ben. Da­rin wird die Re­gie­rung von King James mit schar­fen Wor­ten kri­ti­siert und es wird ver­langt, dass die Kir­che von Eng­land er­neu­ert wird und King James nicht län­ger ihr Ober­haupt sein soll«.

Ich ho­le tief Luft. Das ist Hoch­ver­rat. Da­für wür­den sie die bei­den hän­gen, wenn die Sol­daten der Kro­ne sie zu fas­sen krie­gen.

Pe­ter fängt sich schnel­ler als ich. »Es ge­hört gro­ßer Mut da­zu, sei­ne An­sich­ten so un­ver­blümt aus­zu­spre­chen«, sagt er be­ein­druckt.

John Good­man fühlt sich durch Pe­ters Wor­te be­stärkt fort­zu­fah­ren. »Die Pam­ph­le­te wur­den in Lei­den in der Dru­cke­rei von Mr. Brad­ford ge­druckt und Mr. Winslow und sein Bru­der Gil­bert, die eben­falls in Lei­den leb­ten, ha­ben sich be­reit er­klärt, die Schrif­ten in Eng­land zu ver­tei­len, was auch eine Zeit lang gut ging«.

Er unter­bricht sei­ne Er­zäh­lung und schaut un­si­cher von Pe­ter zu mir. »Was ist dann ge­sche­hen?«, drän­ge ich ihn, ge­spannt mehr zu er­fah­ren.