Wir sehen uns beim Happy End - Charlotte Lucas - E-Book

Wir sehen uns beim Happy End E-Book

Charlotte Lucas

4,4
8,99 €

Beschreibung

Ella liebt Märchen. Aber noch mehr liebt sie Happy Ends. Schließlich gibt es schon genug Schlimmes auf der Welt, wer braucht da noch Geschichten mit schrecklichem Ausgang? Und so schreibt sie sie einfach um, gibt ihnen ein schöneres, nein, das richtige Ende. Oscar ist traurig. Aber er weiß es nicht einmal. Dann trifft er auf Ella, die möchte, dass auch bei ihm alles gut wird. Nur: Kann man das überhaupt? Einem anderen Menschen ein Happy End schenken? Und was tut man, wenn der das vielleicht gar nicht will? Ein zauberhafter Roman über das Schicksal, märchenhafte Begegnungen - und die Frage, ob jede Geschichte gut ausgehen muss.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 620




Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungZitatBetter Endings: Unterwegs nach Cold Mountain. Oder: Ich glaube, ich spinne!1Better Endings: Ist Heimat ein Ort?2345Better Endings: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss6789101112Better Endings: Träume werden Wirklichkeit?!1314151617181920Better Endings: Wie viele Geheimnisse erträgt die Liebe?2122232425Better Endings: Hänsel und Gretel – oder »Ding Dong, die Hex ist tot!«26272829303132Better Endings: … und zu Weihnachten sagt man die Wahrheit.33Danksagung

Über dieses Buch

Ella liebt Märchen. Aber noch mehr liebt sie Happy Ends. Schließlich gibt es schon genug Schlimmes auf der Welt, wer braucht da noch Geschichten mit schrecklichem Ausgang? Und so schreibt sie sie einfach um, gibt ihnen ein schöneres, nein, das richtige Ende.

Oscar ist traurig. Aber er weiß es nicht einmal. Dann trifft er auf Ella, die möchte, dass auch bei ihm alles gut wird. Nur: Kann man das überhaupt? Einem anderen Menschen ein Happy End schenken? Und was tut man, wenn der das vielleicht gar nicht will?

Ein zauberhafter Roman über das Schicksal, märchenhafte Begegnungen – und die Frage, ob jede Geschichte gut ausgehen muss.

Über die Autorin

Charlotte Lucas ist das Pseudonym von Wiebke Lorenz. Geboren und aufgewachsen in Düsseldorf, studierte sie in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaft und lebt heute in Hamburg. Gemeinsam mit ihrer Schwester schreibt sie unter dem Pseudonym Anne Hertz Bestseller mit Millionenauflage. Mit DEIN PERFEKTES JAHR eroberte sie auf Anhieb die Spiegel-Bestsellerliste, schon vor Erscheinen wurden die Übersetzungsrechte in zehn Länder verkauft.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Bettina Steinhage

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4776-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Schwester Frauke Scheunemann

Danke für all die Geschichten, die du früher für mich erfunden hast.

Am Ende wird alles gut.Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.

(Emilia Faust, geklaut bei Oscar Wilde)

Donnerstag, 3. Oktober, 04:23 Uhr

Unterwegs nach Cold Mountain. Oder: Ich glaube, ich spinne!

Liebe Netzgemeinde,

zu nachtschlafender Zeit noch ein Text von mir, aber ich habe mich heute – beziehungsweise gestern – Abend so dermaßen aufgeregt, dass ich sofort einen neuen Beitrag für Better Endings verfassen musste.

P. hat einen Film mit nach Hause gebracht, den er sich mit mir ansehen wollte. Unterwegs nach Cold Mountain mit Jude Law, Nicole Kidman und Renée Zellweger, und er hat Stein und Bein geschworen, dass die Geschichte gut ausgeht. Im Gegenteil, mein lieber Verlobter hat sogar behauptet, Cold Mountain wäre für eine Romantikerin wie mich genau das Richtige, ganz großes Kino mit noch größeren Gefühlen.

Tja, was soll ich sagen? Ich war entsetzt! Diejenigen von euch, die den Film kennen, wissen, warum: Da kämpft man sich zweieinhalb Stunden durch eine Story voller Angst, Elend, Trauer und Krieg – und kurz vor Schluss wird Jude Law nach nur einer einzigen Liebesnacht mit Nicole Kidman erschossen!

Ich meine, ERSCHOSSEN! Der Love Interest, knall, bumm, peng, tot. Viel schlechter kann ein Film doch gar nicht ausgehen!

Natürlich hat P. sich wortreich bei mir entschuldigt und erklärt, er hätte da in seiner Erinnerung etwas durcheinandergebracht. Davon hatte ich aber auch nichts mehr, dieses schreckliche Ende war und ist in meinem Kopf.

Und so sitze ich seit drei Stunden an meinem Rechner, um mir für Unterwegs nach Cold Mountain ein Happy End auszudenken. Das Ergebnis lade ich hier hoch und wünsche wieder gute – und vor allem schöne! – Unterhaltung damit.

Jetzt gehe ich ins Bett und hoffe, dass ich einigermaßen schlafen kann. Wenigstens ist morgen (heute) Feiertag, so dass ich nicht so früh rausmuss. Übrigens: Nächste Woche schreibe ich wieder mehr zu den Hochzeitsvorbereitungen. So langsam wird es ja ernst, und wir müssen uns demnächst entscheiden, wo wir feiern wollen, sonst ist bald alles ausgebucht. Ein paar schöne Locations hier oben im Norden habe ich bereits entdeckt, die werde ich euch dann alle vorstellen. Aber jetzt war Cold Mountain erst einmal wichtiger.

Euch allen eine gute Nacht! Und immer daran denken:

Am Ende wird alles gut.

Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.

In diesem Sinne alles Liebe von eurer

Ella Cinderella

Kommentare (256)

Sweet Mondträumerin, 07:33 Uhr

Oh Mann, Cold Mountain! Der hat mir damals auch wahre Albträume beschert, sooo furchtbar fand ich das Ende. Nein, eigentlich war der ganze Film furchtbar. Was hat P. sich dabei nur gedacht? Er ist doch sonst immer so aufmerksam und lieb!

Fühl dich ganz fest geknuddelt, liebe Ella. Und vielen Dank für dein Better End, das werde ich jetzt sofort mal lesen  

Glitzer-Elfe XXL, 07:38 Uhr

Schluck! Ich habe den Film nie gesehen, aber nach dem, was du hier schreibst, bin ich auch echt froh darüber. Wirklich blöd von P., da ist aber morgen mal ein fetter Blumenstrauß fällig! Schlaf gut und träum hoffentlich was Schönes. Du hast es dir verdient!

Loveisallaround_82, 07:41 Uhr

Danke, danke, DAAAAAANKE! Dieser Film spukt mir seit Jahren im Kopf herum, und nun gibt es dank dir ein neues Ende. Ella, du bist einfach spitze!

BLOXXXBUSTER, 08:11 Uhr

Was soll der Mist? Unterwegs nach Cold Mountain ist ein Jahrhundertwerk, und wer daran herumpfuscht, hat sie nicht mehr alle. Und außerdem viel zu viel Zeit. Echter Weiberkram eben.

Little_Miss_Sunshine_and_Princess, 08:17 Uhr

Halt die Klappe, Bloxxx! Wenn dir Ellas Seite nicht gefällt, musst du hier ja nicht mitlesen. Also verzieh dich gefälligst zu irgendeinem Action-Spiel auf deiner Playstation und pöbel den Fernseher an!

Ella Cinderella, 08:23 Uhr:

Danke, Miss Sunshine! ♥

Little_Miss_Sunshine_and_Princess, 08:24 Uhr

Du bist schon wieder wach? Musst doch tooodmüde sein!

Ella Cinderella, 08:28 Uhr:

Lach, bin ich auch  

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1

Wenn es eine Sache gab, die Emilia Faust, genannt »Ella«, mit absoluter Sicherheit wusste, dann die, dass eine Geschichte immer nur so gut ist wie ihr Ende.

Philip kannte diese Ansicht. Natürlich kannte er die, sie waren ja schon seit über sechs Jahren ein Paar, und er wusste, dass Ella es nicht ertrug, wenn ein Buch oder ein Film schlecht ausging. Deshalb war sie jetzt, während sie mit seinem Trenchcoat in der Reinigung in der Ottenser Hauptstraße stand und darauf wartete, dass die Kundin vor ihr endlich sämtliche Teile aus ihrem sehr großen Wäschesack herausgeholt und auf den Tresen gelegt hätte, immer noch ziemlich wütend auf ihn.

Die ältere Dame verrichtete ihre Aufgabe extrem umständlich. Jedes Hemd, jede Bluse und jede Hose kramte sie einzeln hervor, setzte ihre Lesebrille auf – die sie für die Suche nach dem nächsten Stück aus dem Beutel selbstverständlich zuerst wieder abnahm – und zeigte der Frau von der Reinigung mit unerbittlicher Akribie den jeweils zu entfernenden Fleck. Die Angestellte von Super & Sauber legte dabei eine Engelsgeduld an den Tag und beugte sich gemeinsam mit der Kundin über das betreffende Corpus Delicti.

Es war zum aus der Haut fahren. Jedenfalls für Ella, die die unschönen Rotweinspritzer auf Brusthöhe von Philips Mantel bereits zu Hause gut sichtbar mit auswaschbarem Markierstift angezeichnet hatte. So wie sie es auf der Hauswirtschaftsschule von ihrer Lehrerin Margarethe Schlommers, Gott hab sie selig, mal gelernt hatte.

Ella blickte unauffällig auf ihre Armbanduhr, um weder die betagte Dame noch die Angestellte zu brüskieren. Seit geschlagenen zehn Minuten stand sie nun schon hier herum, und das nur, weil sie schnell Philips Trench hatte abgeben wollen, bevor sie sich an die restlichen Erledigungen des heutigen Tages machte.

»Und sehen Sie hier«, erklärte die Kundin vor ihr nun empört. »Dieser Gulaschfleck, der ist selbst bei sechzig Grad nicht rausgegangen. Nie will mein Mann sich eine Serviette umbinden, dabei habe ich ihm schon tausendmal gesagt …«

Ella überlegte, ob sie den Laden einfach wortlos verlassen sollte. Nur hätte sie die zwei Damen dann doch brüskiert und darüber hinaus die bereits verstrichenen zehn Minuten sinnlos vergeudet. Außerdem brauchte Philip seinen beigefarbenen Mantel gerade jetzt so bald wie möglich zurück. Sie schrieben schließlich den 4. Oktober, und der Übergangsmantel hatte vor allem in Herbst und Frühjahr seinen Zweck zu erfüllen.

Um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben, begann Ella darüber nachzusinnen, was genau eigentlich ein Übergangsbekleidungsstück auszeichnete und von welchem Übergang dabei die Rede war. Von der Zeit vom Sommer zum Winter und vom Winter zurück zum Sommer, demnach Herbst und Frühling, so viel war nach gängiger Meinung klar. Aber galten dafür feste Termine? Waren der 22./23. September beziehungsweise der 20./21. März unumstößlich definierte Daten, zu denen die Übergangsjacken und -mäntel aus den Mottenkisten hervorzuholen waren?

Diese Gesetzmäßigkeit schien nicht ernsthaft zu greifen, denn Philip trug seinen Trench bis auf im Winter fast das gesamte Jahr hindurch, zuletzt erst gestern Abend, als er darin zu einem Essen mit einem Mandanten entschwunden war. Trotz Feiertag hatte er das getan, und Ella hatte dieser Umstand (das Entschwinden, nicht das Tragen des Mantels) einigermaßen erzürnt, mehr noch als das Cold-Mountain-Debakel von vorgestern.

Sie lenkte ihre Gedanken zurück zum Thema der Übergangsbekleidung, denn sie verspürte nur wenig Lust, sich über ihren Verlobten aufzuregen. Sie würden nächstes Jahr heiraten, am 21. August. Eindeutig ein Datum für ein luftiges Sommerkleid. Jedenfalls hoffte Ella das, im regnerischen Hamburg konnte man da nie ganz sicher sein.

»Ja, bitte?«

Ella zuckte zusammen und blickte in das auffordernde Gesicht der Frau hinterm Annahmetresen. Kurz konnte sie ihr Glück kaum fassen, die alte Dame hatte unbemerkt von ihr die Reinigung verlassen, und nun war Ella an der Reihe.

»Der Mantel hat einen Rotweinfleck«, erklärte sie und händigte den Trenchcoat aus. »Ich habe die Stelle bereits markiert.«

»Sehr gut«, sagte die Frau. »Dann bekomme ich 14 Euro.«

»Stimmt so.« Ella reichte ihr Zehner und Fünfer, die sie in der Hand hielt, rüber. »Wann kann ich ihn abholen?«

»Nächsten Dienstag.«

»Geht’s auch schneller? Wir bräuchten ihn dringend.«

Die Frau nickte mit dem Kopf Richtung Schaufenster, draußen regnete es in Strömen, die Tropfen klatschten in Sturzbächen aufs Pflaster. »Bei dem Wetter empfehle ich eher was anderes.«

»Ab heute Nachmittag soll’s wieder besser werden«, erwiderte Ella, entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. Und schob hinterher: »Wir wollen ein paar Tage verreisen.« Was nicht stimmte, aber theoretisch sein könnte. Ein kleiner Trip ans Meer, geplant von Philip als romantische Überraschung, nur er und sie in einer reetgedeckten Kate an der Lübecker Bucht … Wenn jetzt gleich ein neuer Kunde reinkommt, klappt es, dachte Ella und blinzelte dreimal fest mit beiden Augen.

Die Ladenglocke bimmelte, sie drehte sich um und erblickte einen Teenager, der mit einer Plastiktüte unterm Arm die Reinigung betreten hatte. Dann wandte sie sich wieder dem Tresen zu.

»Na gut.« Die Angestellte lächelte sie an. »Ich nehme ihn noch kurz dazwischen, Sie können ihn morgen Vormittag abholen.«

»Das ist toll, da wird sich mein Mann freuen!« Das »Mann« ging ihr mühelos über die Lippen, denn sie nannte Philip schon lange so. Mit zweiunddreißig Jahren noch von »Freund« zu sprechen, erlaubte sie sich höchstens in Gedanken, nach außen hin käme ihr das kindisch und unwürdig vor. »Verlobter« schien ihr zu antiquiert, so bezeichnete sie ihn nur in ihrem Weblog Better Endings. Seit Philips Antrag vor einem halben Jahr fieberte die Netzgemeinde Woche um Woche bei ihren Berichten über die Hochzeitsvorbereitungen mit, worum Ella ihre Fans natürlich nicht betrügen wollte. Und so schrieb sie über ihren Verlobten P. oder nannte ihn auch mal GöGa, die national anerkannte Abkürzung für »Göttergatte«, auch, wenn er das ja erst werden sollte.

»Prima«, sagte die Frau und reichte Ella den grünen Abholschein, »dann sehen wir uns morgen früh ab zehn.«

»Danke.« Ella wandte sich zum Gehen. »Einen schönen Tag Ihnen noch!«

Sie hatte ihre Hand schon auf der Klinke der Eingangstür liegen, als die Frau sie noch einmal rief.

»Warten Sie! Da steckte was in der Innentasche.«

Ella drehte sich überrascht zu ihr um und ging zurück. »Ach ja? Ich dachte, ich hätte alles herausgenommen.«

»Das hier haben Sie übersehen.« Sie wedelte mit einem zusammengefalteten Stück Papier.

»Vielen Dank«, sagte Ella und nahm es entgegen. »Da hab ich wohl nicht gründlich genug nachgeschaut.«

»Ist ja kein Problem.« Sie lächelten sich an, von Frau zu Frau. Dann ließ Ella das Briefchen in der Tasche ihres eigenen Übergangsmantels verschwinden, wünschte erneut einen schönen Tag und verabschiedete sich.

Draußen, unter der Markise der Reinigung, spannte Ella ihren Knirps auf und eilte durch den Regen rüber zur Sparkasse, wo sie ein paar Überweisungen einwerfen und am Automaten die Kontoauszüge vom September ausdrucken wollte.

In Bankangelegenheiten war sie altmodisch und hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber jeglicher Form der Onlinegeschäfte. Trotz des Umstandes, dass sie seit der Gründung ihres Blogs vor vier Jahren mittlerweile ein ziemlicher Internet-Profi war, fühlte sie sich bei dem Gedanken, so empfindliche Daten wie Bankverbindung und Kontostand ins World Wide Web zu pusten, einfach nicht wohl. Philip machte sich oft lustig darüber und nannte sie paranoid. Aber da es ausschließlich Ellas Aufgabe war, sich um ihre gemeinsamen Finanzen und das gesamte tägliche Leben zu kümmern, ließ er sie machen, wie sie es für richtig hielt.

So hatten er und sie sich überhaupt erst kennengelernt: Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin und ein paar Jahren Berufserfahrung in einem Krankenhaus, einer Tagungsstätte und zum Schluss in einem Privathaushalt mit drei Kindern hatte Ella mit ihrer vormals besten Freundin Cora eine Agentur namens Die gute Fee gegründet. Ziel war es, zahlungswilligen und vom Leben gestressten Kunden den kompletten Haushalt zu managen. Vom täglichen Einkauf über die Verwaltung aller Privatangelegenheiten (Rechnungen überprüfen und anweisen, Strom-, Gas- und Wasserzähler ablesen, Auto in die Werkstatt bringen, Urlaube buchen und, und, und) bis hin zur Organisation, Einarbeitung und Überwachung von Kinderbetreuern oder Reinigungskräften – Cora und Ella boten als »gute Feen« ihre professionellen Dienste an, damit ihre Auftraggeber sich voll und ganz auf ihren Job konzentrieren konnten und nicht mehr gezwungen waren, an so lästige Dinge wie den achtzigsten Geburtstag von Tante Inge oder das anstehende Hockey-Turnier der Jüngsten denken zu müssen.

Die gute Fee – Agentur für ein zauberhaftes Leben, hatten sie in geschwungenen Lettern oben auf ihr neu entworfenes Firmenbriefpapier drucken lassen. In der festen Überzeugung, damit in einer Stadt wie Hamburg, einer Metropole mit jeder Menge gestressten Unternehmern, einen immensen Erfolg zu haben.

So jedenfalls der Plan. Philip Drechsler, als Partner einer großen Anwaltskanzlei genau so ein Kandidat, wie sie ihn sich vorgestellt hatten, war einer ihrer ersten Kunden gewesen. Und hatte die junge Partnerschaft der zwei Feen beendet, bevor sie auch nur richtig hatte beginnen können. Denn er hatte sich in Ella verliebt und sie sich in ihn, so dass sie binnen sechs Wochen zu ihm in sein schönes Häuschen im Othmarschener Philosophenweg gezogen war, um dort fürderhin exklusiv und privat für ihn all die Dinge zu erledigen, die sie und Cora erst drei Monate zuvor als Angebotsportfolio für ihre eigens erstellte Firmenhomepage zusammengeschrieben hatten. Ella hatte noch versucht, Philip zu überzeugen, dass sie trotzdem weiterhin mit ihrer Freundin die Agentur aufbauen könnte, aber er hatte sie quasi auf Knien angefleht, ab sofort seine ureigene Alltagsmanagerin zu werden. Wie hätte sie da nein sagen können? Zumal Ella, wenn sie ganz ehrlich war, die Vorstellung, sich nur noch um ihr gemeinsames Leben zu kümmern, sehr schön fand. Romantisch, irgendwie.

Cora war sauer gewesen. Ziemlich sauer. Fuchsteufelswild. »Verräterin« hatte sie Ella genannt. »Treulose blöde Kuh« und derlei Beschimpfungen waren noch viele mehr gefallen, als Ella ihrer Freundin hatte mitteilen müssen, dass sie bei der Guten Fee zugunsten der Liebe aussteigen würde.

Sie hatte Cora verstehen können, natürlich hatte sie das, aber so weit, dass sie ihr persönliches Lebensglück opfern wollte, um sich nicht den Zorn ihrer Geschäftspartnerin zuzuziehen, war Ellas Verständnis eben doch nicht gegangen.

Gleichzeitig war sie von Coras Entsetzen auch enttäuscht gewesen, wusste ihre beste und tatsächlich einzige Freundin doch, dass Ella schon immer von der großen, von der allumfassenden Liebe geträumt hatte. Dass sie ihr mit Philip begegnet war, hätte Cora wenigstens ein kleines bisschen freuen können, bei aller Verärgerung. Doch im Gegenteil, von Empathie keine Spur, Cora hatte die Verbindung sogar in den Schmutz gezogen.

»Wie kannst du nur so bescheuert sein, dich von einem einzigen Menschen abhängig zu machen und alles aufzugeben, für das wir so sehr gekämpft haben?«, hatte Cora Ella bei ihrer letzten Unterredung fast schon resigniert gefragt. »Das ist doch verrückt! Wenn du mich jetzt echt für einen blöden Kerl im Stich lässt, bist du die Enttäuschung meines Lebens.«

»Ich weiß, dass du das nicht verstehst«, hatte sie erwidert. »Aber ich bin sicher, dass er der Richtige für mich ist. Und ich möchte nun mal ganz für ihn da sein.«

»Wart’s nur ab!«, hatte ihre Freundin gesagt, »jetzt denkst du vielleicht, du hast deinen Traumprinzen gefunden – aber das Schicksal wird sich irgendwann fürchterlich rächen und dir beweisen, dass Philip Drechsler in Wahrheit nur ein quakender Frosch ist.«

Das war ihr letztes Gespräch gewesen. So klar und deutlich wie unerfreulich. Ella hatte sofort gewusst, dass es kein Zurück mehr gab; sie war daraufhin wieder in ihre bis zu diesem Zeitpunkt längst überwunden geglaubte Angewohnheit zurückgefallen, auf dem Bürgersteig niemals auf eine Fuge zwischen zwei Steinen zu treten. Sie hatte es nicht verhindern können, dass eine innere Stimme sie dazu zwang, peinlich genau darauf zu achten, ihre Füße stets nur noch mittig auf eine Gehwegplatte zu setzen, weil damit der »Fluch der bösen Fee« wirkungslos verpuffen würde. Unsinnig, das wusste sie selbst, aber ein paar Wochen lang war sie gegen diese Marotte aus Kindheitstagen machtlos gewesen.

Heute konnte sie über diesen Rückfall in alte Verhaltensmuster nur lachen, denn Cora hatte mit ihrer düsteren Prophezeiung absolut falschgelegen. Das Leben an der Seite von Philip war alles, was Ella sich nur wünschen konnte, und in noch nicht einmal einem Jahr würden sie in einer feierlichen Zeremonie den Bund fürs Leben besiegeln. Für immer und ewig glücklich, bis ans Ende ihrer Tage. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, trat Ella jetzt sogar mit voller Absicht auf eine dieser früher unheilvollen Rillen, denn an Flüche von bösen Feen glaubte sie schon lange nicht mehr: Sie hatte ihr Leben und ihr Schicksal selbst in der Hand! Und für Cora, das konnte Ella dank Internet aus der Ferne beobachten, hatte sich letztlich auch alles zum Positiven gewendet, denn die Agentur lief ausgezeichnet und beschäftigte mehrere Angestellte. So stand ihre zukünftige Ehe mit Philip also in jeder Hinsicht unter einem guten Stern.

Als Ella jetzt vor dem Kontoauszugdrucker wartete und in angenehmer Trance dabei zusah, wie das Gerät unter monotonem Rattern Seite um Seite ausspuckte, ließ sie Philips und ihr Kennenlernen noch einmal Revue passieren. In der Mensa der Universität Hamburg war es passiert. Während sie und Cora aus monetären Gründen – ihr neu gegründeter Firmensitz mit einem kleinen Büro in der Schlüterstraße war teuer genug – zu Mittag stets in der Studentenkantine direkt nebenan aßen, hatte Philip den Tag in der Bibliothek verbracht, um sich für einen besonders komplizierten Fall schlauzulesen. Damals hatten sie ihr Essen miteinander vertauscht. Genauer gesagt hatte Ella vor lauter Gedanken über die Agentur aus Versehen Philips Tablett mit Currywurst und Pommes anstelle ihres Griechischen Salats mitgenommen (eine Verwechslung, über die Philip sich bis heute königlich amüsierte), und als er an ihrem und Coras Tisch aufgetaucht war und sie in gespielter Empörung gefragt hatte, ob sie eigentlich immer so abwesend sei, hatte es bei beiden sofort »Klick« gemacht.

Ella hatte schon den ersten großen Bissen von der Currywurst im Mund gehabt, Philip schuldbewusst angesehen und sich noch kauend in seine blauen Augen, den blonden Lockenkopf, die eine Million Sommersprossen auf seiner Nase und sein spöttisch-jungenhaftes Grinsen verliebt.

Und als er sich dann auch noch achselzuckend zwischen sie und Cora gequetscht und mit einem »Na ja, was soll’s, das hier ist eh viel gesünder« über ihren Salat hergemacht hatte, war es um sie komplett geschehen gewesen, sie war ihm tatsächlich wie im Märchen auf den ersten Blick verfallen. Ihm war es, wie er ihr später offenbart hatte, nicht anders ergangen. »Eine Frau, die den Unterschied zwischen Junkfood und Grünzeug nicht bemerkt, ist überaus faszinierend«, hatte er erklärt.

Damals, bei ihrem Kennenlernen, waren sie sofort miteinander ins Plaudern geraten, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Cora hatte nur sprachlos danebengesessen, zur Statistin degradiert, und dabei zugehört, wie ihre Freundin diesem vollkommen fremden Mann begeistert von ihrer frisch gegründeten Agentur erzählt hatte – wohingegen besagter Mann spontan einen Auftrag erteilt hatte, denn als Partner einer großen Kanzlei für Familienrecht fehle ihm die Zeit, sich um seinen »Privatkram« zu kümmern. Keine Viertelstunde später waren Telefonnummern ausgetauscht worden, kurze Zeit darauf war Ella in sein Haus gezogen, und vor einem halben Jahr hatte es den Heiratsantrag gegeben. Und das, obwohl Ella Philip mittlerweile längst gestanden hatte, dass sie im Gegensatz zu ihm keine Kinder wollte. Das hatte sie ihm in der anfänglichen Verliebtheit, als er noch von »kleinen Philips und Ellas« geschwärmt hatte, zunächst vorenthalten, ihm irgendwann aber die Wahrheit gesagt. Zu schäbig wäre sie sich vorgekommen, ihm das zu verheimlichen.

Er hatte ihr das zuerst nicht geglaubt, vor allem, weil Ella selbst so oft von ihrer glücklichen Kindheit und ihrer starken Bindung zu ihrer leider bereits verstorbenen Mutter Selma Faust sprach (ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, aber er hatte ihr auch nicht gefehlt). Und weil sie darüber hinaus von ihrer Zeit als Haushälterin bei einer Familie mit zwei kleinen Töchtern und einem Jungen regelmäßig ins Schwärmen geriet, von ihren »hübschen Mäusen« erzählte und ihm sogar Fotos gezeigt hatte, auf denen sie mit den dreien ausgelassen rumtobte und die der sichtbare Beweis dafür waren, wie sehr sie Kinder liebte. Da hatte er noch ein paar Mal nachgehakt, weshalb sie dieses Glück für sich selbst so kategorisch ausschloss, sich letztlich aber mit ihrem »Ich kann’s mir halt für mich nicht vorstellen« zufriedengegeben. Und es dann mit ihrem Hinweis auf einen »Hund, den wir uns ja irgendwann mal kaufen können« akzeptiert.

So waren sie glücklich zu zweit, gingen Hand in Hand durchs Leben, ein eingespieltes Team. Sein Heiratsantrag war für Ella dennoch überraschend gekommen, besser gesagt die Art und Weise, wie er vorgebracht worden war: Am Morgen nach dem Frühjahrsfest von Philips Kanzlei war es passiert. Verkatert hatte ihr Freund am Frühstückstisch gesessen und zwischen »Kann ich bitte mal die Butter haben?« und »Willst du noch einen Tee?« die alles entscheidende Frage gestellt. Nicht gerade Romantik pur (auf Better Endings hatte Ella den Sachverhalt dann auch ein kleines bisschen anders dargestellt und kurzerhand von einer nächtlichen Kanufahrt über die Alster mit feierlicher Ring-Überreichung berichtet), aber trotzdem hatte sie sofort ja gesagt. Manchmal konnte sie kaum fassen, wie viel Glück ihr das Leben bescherte.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild in der großen Fensterscheibe der Bank und lächelte sich versonnen zu. Ja, Philip und sie waren das perfekte Paar, sogar optisch passten sie zusammen wie Jorinde und Joringel, Schneeweißchen und Rosenrot, Aristo und Cats. Er: großgewachsen, aber mit jungenhaftem Charme. Ella: nur knapp 1,60 Meter, schlank, kugelrunde braune Rehaugen und flachsblonde Haare, die sie oft in zwei geflochtenen Zöpfen trug, so dass sie selbst jenseits der Dreißig gelegentlich nach ihrem Ausweis gefragt wurde. Meist von Menschen mit Sehschwäche, aber immerhin.

Selma Faust hatte von jeher steif und fest behauptet, man könne ihrer Tochter den Krebs-Aszendenten ansehen, weil kindliche Gesichtszüge für dieses Sternzeichen so typisch seien. Das allerdings hielt Ella aus zweierlei Gründen für ausgemachten Unsinn: Erstens, weil Astrologie in ihren Augen per se Unsinn war, nur etwas für Leute mit drohendem Realitätsverlust. Und zweitens hatte ihre Mutter diese Feststellung zum ersten Mal getätigt, als Ella vielleicht acht oder neun Jahre alt – demnach also durchaus noch Kind! – gewesen war.

Ob nun Unsinn oder nicht, Ella betrachtete ihr Spiegelbild und konnte den tiefen Seufzer, der ihr dabei entfuhr, nicht verhindern. Kurz überkam sie Traurigkeit darüber, dass ihre Mutter den schönsten Tag ihres Lebens, wenn sie und Philip heirateten, nicht miterleben würde. Dass sie nicht dabei sein konnte, wenn ihre »Cinderella« endlich den Prinzen bekam, von dem sie beide so oft gesprochen hatten. Ja, diese Vorstellung brachte Ella beinahe zum Weinen, und es gab nicht viel, was bei ihr diese Reaktion auslöste. Warum auch? Sie lebte ja in ihrem persönlichen Happy End!

Gut, auch der Gedanke an Cora, das unschöne Ende ihrer Freundschaft und der Umstand, dass sie seither nie mehr jemanden gefunden hatte, der ihrer besten Freundin auch nur ansatzweise das Wasser hätte reichen können, betrübte sie bis heute. Aber dafür hatte sie Philip, er war das Zentrum ihres Universums, und sie war seins. Die Liebe hört niemals auf …

Ella straffte die Schultern, nahm die gedruckten Kontoauszüge und ging zum Ausgang. Jetzt würde sie noch schnell rüber ins Mercado flitzen, wo sie ein paar Einkäufe erledigen wollte: Neue Boxershorts für Philip, Waschpulver, Reinigungsmittel und Entkalker für den Kaffeeautomaten, Briefumschläge und Tesafilm bei Budnikowsky, Obst und Gemüse an den Marktständen, Biohuhn fürs Abendessen und noch ein paar weitere Besorgungen standen auf der Liste, die sie am Morgen nach dem Frühstück und nach Inventur der Bestände geschrieben hatte. Sie zog die große Glastür der Sparkasse auf, spannte den Regenschirm und patschte dann mit einem Fuß aufs nasse Pflaster, direkt auf eine Fuge zwischen zwei Platten.

Drei Minuten später hatte sie den Stand vom Bio-Geflügelhof erreicht und holte ihre Liste hervor, um nachzusehen, ob sie vierhundert oder dreihundert Gramm Hähnchenbrust brauchte.

Lieber Philip,

du darfst Ella nicht heiraten!

Das war sie gar nicht, Ellas Einkaufsliste. Es war der Zettel, den ihr die Frau aus der Reinigung aus Philips Mantel gegeben hatte.

Freitag, 4. Oktober, 18:06 Uhr

Ist Heimat ein Ort?

Liebe Netzgemeinde,

ja, heute gibt’s einen nachdenklichen Eintrag von mir, aber mir ist gerade danach. Ich habe den halben Nachmittag damit verbracht, im Netz nach einer passenden Location für P.s und meine Hochzeitsfeier zu suchen. Dabei kam mir ein seltsamer Gedanke: Ist Heimat ein Ort? Oder nicht vielmehr ein Mensch?

Klingt jetzt verwirrend, ich weiß, deshalb will ich es erklären. Während ich so über die Seiten surfte und viele Veranstaltungsorte entdeckte, von denen einer schöner als der andere war (die Links zu meinen drei Favoriten findet ihr hier – ihr dürft gern abstimmen!), habe ich mir bei jedem einzelnen vorgestellt, wie unsere Feier dort sein würde. Und mich dann unweigerlich gefragt, ob es nicht egal ist, WO man heiratet, weil es doch nur darum geht, WEN man heiratet. Das ist vermutlich keine besonders tiefschürfende Erkenntnis, aber der Gedanke ging mir trotzdem nicht mehr aus dem Kopf.

Wenn es der Richtige ist, stört einen auch das Standesamt in einem runtergerockten Plattenbau mitten im sozialen Brennpunkt nicht, mit anschließender Feier am Bahnhofskiosk bei Würstchen, Kartoffelsalat und Jägermeister. Auch ohne einen einzigen Gast und nur zu zweit, wenn man der Liebe seines Lebens das Jawort gibt, spielen die Umstände keine Rolle.

Weil NICHTS eine Rolle spielt, wenn man seinen Lebensmenschen an seiner Seite weiß. Auch nicht, wo man mit diesem Menschen dann, genau!, lebt. Das kann im abgelegensten Winkel von Kirgisistan sein, mit sieben Kindern in einer Jurte und einer klapprigen Ziege als Haustier. Andererseits sind weder das schönste Schloss noch unendliche Reichtümer nur das Geringste wert, wenn die Person, neben der du abends einschläfst und morgens wieder aufwachst, nicht der Partner ist, der wirklich zu dir gehört – selbst, wenn es in der besten aller Welten abends wie morgens derselbe ist. Ihr seht, ich habe bei aller Nachdenklichkeit meinen Humor noch nicht verloren.

Heimat. Das war das Wort, das mir bei meinen pseudophilosophischen Betrachtungen als Nächstes einfiel. Wenn man den Richtigen gefunden hat, fühlt es sich an, als wäre man in der Heimat. Wo auch immer die dann ist.

Ich hoffe, jetzt versteht ihr, wie es zu der Frage oben über meinem Beitrag kam. Heimat ist für mich kein Ort, sondern ein Mensch. Und diesen Menschen habe ich mit P. getroffen, er ist derjenige, mit dem ich alt werden möchte, ob in einer Jurte oder sonstwo. Natürlich freue ich mich RIESIG auf unsere Hochzeit. Und auch, wenn es nach der Logik meines heutigen Posts ja egal sein müsste, wo sie stattfindet – eure Meinungen in Sachen Location würde ich trotzdem gern lesen    Was P. zu meiner Auswahl meint, werde ich euch später berichten, versprochen!

Als kleines Vorab-Dankeschön für eure Votes habe ich heute noch ein ganz besonderes Happy End für euch. Hoch exklusiv und nur bei Better Endingshier ein neues Finale von Jojo Moyes’ Ein ganzes halbes Jahr!

Ihr habt mich ja schon öfter darum gebeten, die Geschichte von Louisa und Will neu zu schreiben, aber lange Zeit habe ich mich da nicht herangetraut (aus vermutlich nachvollziehbaren Gründen, denn das ist einfach ein wunderbarer Roman; bis auf das traurige Ende, versteht sich).

Nun ist es so weit: Ich habe in den vergangenen Wochen allen Mut zusammengenommen und für euch aufgeschrieben, was mein Herz so hergibt. Ich wünsche euch damit gute und vor allem romantische Unterhaltung! Meinem GöGa in spe hat es jedenfalls ziemlich gut gefallen  

Wie immer verabschiede ich mich mit meinem Leitspruch, und ja, auch der ist wie ein Stück Heimat:

Am Ende wird alles gut.

Wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende.

Eure Ella Cinderella

Kommentare (422)

Loveisallaround_82, 18:10 Uhr

Nehmt auf jeden Fall das Ahrensburger Schloss! Mal ehrlich, wo sollte Cinderella denn sonst heiraten? Ich weiß zwar nicht, wie du aussiehst, aber ich kann mir dich ganz wunderbar in einem märchenhaften Kleid vorstellen, mit deinem P. (P. wie Prinz? Hi, hi!  ) an deiner Seite. Also: das Schloss, das Schloss, das Schloss! AUFJEDENFALLDASSCHLOSS!

Glitzer-Elfe XXL, 18:15 Uhr

Sehe ich anders, Lovi, mir gefällt das Kai 10 am besten, das ist mal eine total stylishe Location! Ein Schloss ist mir zu … altbacken irgendwie. Außerdem voll unpraktisch, wenn die Gäste von Hamburg aus erst alle nach Ahrensburg gurken müssen. Neee, ich bin für den gläsernen Ponton auf der Elbe!

Und das neue Ende von Ein ganzes halbes Jahr ist wieder nur … seufz! Danke, liebe Ella!

BLOXXXBUSTER, 18:23 Uhr

Oh Mann, ich krieg hier noch die Krise. Feier von mir aus, wo du willst, aber lass bitte die Finger von bereits geschriebenen Büchern! Dein gesamter Blog ist nicht nur respektlos gegenüber jedem Autor – er ist auch komplett sinnlos. Und wenn ich dann noch dein Geschwafel über »Heimat ist kein Ort, sondern ein Mensch« lese, wird mir echt schlecht.

Little_Miss_Sunshine_and_Princess, 18:26 Uhr

Sag mal, Bloxxx, schreibst du vielleicht selbst? Oder warum regt dich das hier immer so auf?

BLOXXXBUSTER, 18:27 Uhr

Nein, liebe Miss Dummschein, tue ich nicht. Ich bin nur Realist und halte es mit dem Motto: »Wir sind hier nicht bei ›Wünsch dir was‹, wir sind hier bei ›So isses‹.«

Little_Miss_Sunshine_and_Princess, 18:29 Uhr

Lass stecken! Nur, weil Ella glücklich ist und du offenbar echt unzufrieden, musst du hier nicht rumpöbeln. Ich wiederhole es noch einmal: Meld dich doch einfach ab und lass uns andere in Ruhe.

BLOXXXBUSTER, 18:32 Uhr

Ein frustrierter Haufen Happy-End-süchtiger Hausfrauen, die in rosarotem Heititei leben wollen? Das stellst du dir unter »glücklich« vor? Na denn: gute Nacht!

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Um kurz nach zehn saß Emilia Faust noch immer vor ihrem Notebook und las zum etwa hundertsten Mal die Kommentare von Bloxxx. Philip hatte ihr am Mittag per SMS mitgeteilt, dass er erst spät von einem Geschäftstermin zurückkehren würde. Die Vorbereitungen fürs Abendessen fielen also aus, ihr selbst reichte ein Toast mit Hüttenkäse. Zum Glück, denn sie hatte im ersten Schreck über den Zettel total vergessen, das Biohuhn zu kaufen und auch die anderen Besorgungen schlicht Besorgungen sein lassen; zu Hause angekommen hatte sie über ihre panische Reaktion gelacht: darüber, wie sie auf einen unsinnigen Wisch hereingefallen war.

Sie hatte den Brief – besser gesagt, diesen schlechten Scherz – auf Philips Schreibtisch deponiert, schnell die restliche Hausarbeit erledigt und sich dann mit ihrem Laptop und einer guten Tasse Tee aufs Sofa im Wohnzimmer verzogen. Dort hatte sie den freien Nachmittag dazu nutzen wollen, nach passenden Veranstaltungsorten für ihre Hochzeit zu gucken.

Doch als Ellas Gedanken auch bei der Recherche wieder und wieder zu diesem dämlichen Brief und der Frage abgewandert waren, wer um Himmels willen ihrem Verlobten (ja, an dieser Stelle hatte sie »Verlobter« gedacht) eine derartige Geschmacklosigkeit zugesteckt haben konnte (Ein Kollege? Der Anwalt einer gegnerischen Partei? Ein Mandant? Aber warum?), hatte sie die Location-Suche nach einer Weile aufgegeben und sich stattdessen einer Tätigkeit gewidmet, die sie immer und mit hundertprozentiger Sicherheit voll und ganz absorbierte und keinen Platz für irgendwelche Grübeleien ließ: ihr Weblog.

Sie hatte die Datei mit dem neuen Ende von Ein ganzes halbes Jahr geöffnet, an dem sie bereits seit Wochen schrieb, und beschlossen, den Text nun zu vollenden. Was keine leichte Arbeit war, denn die Logik der Geschichte durfte dabei keinen Schaden nehmen. Gleichzeitig musste der Stil der Original-Autorin erhalten bleiben, das war entscheidend, nur dann würden Ellas Leser ihre Schlussversion des Buches auch akzeptieren. Und gerade bei einem so erfolgreichen Roman war das natürlich immens wichtig, wollte sie sich damit nicht in die Nesseln setzen.

Beschwingt hatte sie vor sich hin getippt und das Geräusch der klackernden Tasten genossen, das sich mit dem Heulen des Sturmes draußen vor dem Haus vermischt hatte. Hin und wieder hatte eine Böe einen Schwung Regenwasser gegen die Fensterscheiben gefegt, die unter der Salve prasselnd erzittert waren, als wollte der Oktoberbeginn unter Beweis stellen, was er so draufhatte. Tatsächlich: kein Wetter für eine Übergangsjacke.

Ella mochte die heimelige Geborgenheit hier in ihren vier Wänden, während die Außenwelt anscheinend unterging. Eine Philosophin im Philosophenweg, so kam sie sich dann vor: Den Laptop auf den Knien, eine brennende Kerze und eine Tasse heißen Tee auf dem Couchtisch, vor der Tür der tosende Sturm – so fühlte sie sich ganz besonders wohl, lebendig.

Seit jeher war sie mehr für Herbst oder das stürmische Frühjahr zu begeistern gewesen. Der Sommer mit seiner unausgesprochenen Aufforderung, sich lachend mit Freunden im Freien vergnügen zu müssen (ob man wollte oder nicht), ging ihr immer ein wenig auf die Nerven. Den Winter fand sie mit all seiner weihnachtlichen Gefühlsduseligkeit recht überbewertet, außerdem hatte sie nichts übrig für Schnee. Herbst und Frühjahr waren ehrlich, voller Energie und meist angenehm temperiert. Genau wie ihr Freund Philip, wie sie oft dachte, das traf seinen Charakter ziemlich genau; wenn man »angenehm temperiert« mit »ausgeglichen« ersetzte.

Nachdem sie mit ihrem Romanende fertig und zufrieden gewesen war, hatte sie noch einen Blogeintrag verfasst, der ihrer Meinung nach außerordentlich gut gelungen war, und ihn dann zusammen mit dem neuen Ende eingestellt. Die Zeit, die sie benötigt hatte, um sich aus der Küche einen neuen Tee zu holen und wieder vor ihrem Notebook Platz zu nehmen, hatte ausgereicht, um die ersten User zu einem Kommentar zu bewegen. Ella hatte sich gefreut, Better Endings fand beinahe täglich neue Fans.

Und jetzt das? UNDJETZTDAS! Sie war erbost. Sehr erbost. Und es juckte sie in den Fingern, den Eintrag zu löschen und Bloxxx zu sperren – nur betrieb sie auf Better Endings prinzipiell keine Zensur, das widersprach ihrer Auffassung von Meinungsfreiheit.

Aber sie könnte diesem Idioten eine Antwort tippen, die sich gewaschen hatte. Doch auch das ließ sie bleiben, denn selbst der blutigste Blog-Anfänger sollte mittlerweile das wichtigste Gesetz des Internets kennen: »Don’t feed the trolls!«

Es brachte nichts, sich mit solchen Leuten, die ganz offensichtlich auf Krawall gebürstet unterwegs waren, auf Diskussionen einzulassen. Denn eine Einsicht konnte man dabei mit keinem noch so guten Argument erzwingen, so etwas führte nur zu einem endlos langen Thread, in dem sich zum Schluss alle User gegenseitig beschimpften und nicht wenige sogar virtuelle Türen knallend für immer den Weblog verließen. Schon jetzt prügelten sich Bloxxx, Miss Sunshine und ein paar andere, die Wellen schlugen hoch. Wenn Ella da nun auch noch mitmischte, würde der Server bald zusammenbrechen.

Dabei hätte sie diesem Bloxxx durchaus etwas zu sagen, eine ganze Menge sogar. Nämlich, dass sie ihren Blog nicht ins Leben gerufen hatte, damit die Leute sich hier streiten konnten. Im Gegenteil, Better Endings sollte die Welt ein bisschen schöner, ein wenig besser machen.

Sie hatte einen Ort erschaffen wollen, an dem sie mit Gleichgesinnten ihre größte Leidenschaft teilen konnte: Seit frühester Kindheit hatte Ella die Angewohnheit – manche Menschen würden es »Macke« nennen –, Erzählungen, Büchern, Filmen oder Serien mit unglücklichem Ausgang ein eigenes Happy End zu verpassen.

Dr. Schiwago, Die Brücken am Fluss, Vom Winde verweht, Jenseits von Afrika, Sturmhöhe, Bambi, Moulin Rouge, Die Dornenvögel, Salz auf unserer Haut, Legenden der Leidenschaft –das waren die echten Horrorstorys, der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Ersonnen von sadistischen Autoren, die ihre Leserinnen und Leser ohne Not in tiefe Verzweiflung stürzten, denn bei ausgedachten Storys gab es ja überhaupt keinen Grund, sie schlecht enden zu lassen. Das war das Gegenteil von »so isses«, Bücher und Filme waren fiktional, da musste man sich im Gegensatz zum wahren Leben nicht mit einem Bad End abfinden. Und eben solche gemeinen Geschichten ließen Ella keine Ruhe, wühlten sie so dermaßen auf, beschäftigen sie Tag und Nacht, so dass sie gar nicht anders konnte, als ein neues, ein besseres Ende zu ersinnen und zu Papier zu bringen.

Wie bei einer Melodie, die abrupt endet, mitten im Takt, unaufgelöst. Ein Missklang, der uns im Kopf herumspukt und fast in den Wahnsinn treibt, bis wir ihn zumindest gedanklich zu einem harmonischen Schlussakkord gebracht haben.

Romeo und Julia: flitterten bei Ella in Venedig. Titanic: In der Version von Ella retteten Jack und Rose im Alleingang das Schiff und bekamen fünf Kinder, zwei Mädchen, drei Jungs. Casablanca: Selbstverständlich entschied sich Ilsa Lund für Rick und ließ ihren Gatten Victor allein in die USA reisen, wo er sich an der Seite seiner neuen Frau in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. So war Ellas Welt: schön und heiter. Und vor allen Dingen übersichtlich.

Schon möglich, dass, wie Hermann Hesse dereinst geschrieben hatte, jedem Anfang ein Zauber innewohnt – aber Ella war der festen Überzeugung, dass es einzig auf das Ende ankam. Da konnte der Anfang noch so zauberhaft sein, ein schlechter Ausgang ruinierte alles. Um bezüglich dieses Missstandes Abhilfe zu schaffen, hatte sie vor vier Jahren Better Endings ins Leben gerufen.

Philip hatte auf ihre Ankündigung, ab sofort eine Internet-Community an ihren Geschichten teilhaben zu lassen, zunächst verhalten reagiert und angeregt, sie solle doch lieber ein Studium beginnen, wenn sie sich langweile, wozu habe sie »schließlich Abitur«? Aber das war nicht das, was Ella wollte. Nachdem die Idee zu ihrem Weblog erst einmal geboren war, brannte sie darauf herauszufinden, ob es da draußen noch mehr Menschen gab wie sie, die tragische Enden regelrecht quälten. »Okay, meine kleine Cinderella«, hatte Philip irgendwann gesagt, »dann wünsche ich gutes Gelingen!«

Also schrieb sie alles um, was ihr in die Finger kam; sie schrieb und schrieb und schrieb, tippte an gegen all die Traurigkeit, die andere in unsere Köpfe setzen. Wie ein begnadeter Chirurg, der im Operationssaal stundenlang um das Leben eines bereits Verlorenen ringt, der all sein Können, all seine Fertigkeiten, sein Herz und seinen Verstand zum Einsatz bringt, um der Nulllinie zu entgehen; um dem gnadenlosen Punkt, der am Ende eines jeden Daseins steht, der da nun mal stehen muss, ein Semikolon abzutrotzen, hinter dem es noch ein bisschen weitergeht. Dem Tod ein Schnippchen schlagen, hinaus aus der Sackgasse der Verzweiflung, das war Ellas einzige Aufgabe im Reich der Fantasie und Fiktion; sie führte den schier aussichtslosen Kampf wie ein Schiffbrüchiger mit Eierbecher gegen die einbrechenden Wassermassen in den leckgeschlagenen Bug, ließ nicht ab von einer Geschichte, ehe Held und Heldin davonritten in den Sonnenuntergang, Hand in Hand und bis in alle Ewigkeit glücklich miteinander vereint. Puh!

Die vielen Page Impressions, die Better Endings mittlerweile zu verzeichnen hatte – es waren etwa dreißigtausend pro Monat, dazu gab es zweihundert sehr regelmäßige Leser und Kommentatoren – gaben ihr recht. Die Menschen da draußen sehnten sich nach jemandem, der ihnen ein gutes Gefühl vermittelte. Was Bloxxx so abfällig als »rosarotes Heititei« bezeichnete, war nichts Geringeres als Ellas Versuch, so viel schlechtes Gedankengut wie möglich aus dem kollektiven Unbewussten zu entfernen. Mochten User wie er auch noch so sehr ätzen – für Ella gab es keinen vernünftigen Grund, der dagegensprach, sich die Welt ein wenig schönzureden. Im Gegenteil: Konsequentes Schönreden führte ihrer Meinung nach dazu, dass irgendwann dann auch alles schön wurde. Auf dieser Theorie fußte letztlich die gesamte Idee zu Better Endings, sie empfand das, was sie tat, als eine Art Gedankenhygiene. Immerhin hatten Neurowissenschaftler längst herausgefunden, dass das menschliche Gehirn nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Anders gesagt: Es ist egal, ob wir eine schlimme Geschichte selbst erleben oder nur darüber lesen, in unserem Kopf startet sofort ein Stressprogramm, das sich gegen negative Gefühle wehren will, ob sie nun Dichtung oder Wahrheit sind.

Und genau deshalb hielt Ella ihre Aufgabe für groß und wichtig. So wichtig, dass sie bisher nicht einmal der Versuchung erlegen war, den Erfolg ihres Blogs in bare Münze umzuwandeln, was Philip schon öfter angeregt hatte. Denn hatte Walt Disney nicht bereits vor Jahren gezeigt, wie so etwas geht? Und zwar mit Arielle, die Meerjungfrau: Der Film war ein Mega-Hit gewesen und hatte das Studio nach mehreren Flops wieder auf Gewinnkurs gebracht – und das nur, weil die Leute von Disney der kleinen Seejungfrau von Hans Christian Andersen genialerweise ein gutes Ende verpasst hatten. Zerschellte sie in der Originalversion zum Schluss nämlich zu Schaum auf dem Meer, konnte Arielle im Finale die Meerhexe besiegen und ihren Prinzen Eric heiraten. Ende gut, alles gut – das liebten die Leute.

Somit hätte Ella also gute Chancen gehabt, quasi der Walt Disney des Internets zu werden. Doch das wollte sie gar nicht. Nein, keine Werbung, keine bezahlten Links, keine Gebühren für einen Premiumzugang à la Better Endings Plus, nichts davon sollte sich auf ihrem Blog breitmachen.

Das hier war für Emilia Faust eine Frage des Karmas. Und der Ehre.

»Liebling, ich bin da!« Philips Stimme ließ sie aus ihren Überlegungen hochschrecken. Sie legte das Notebook beiseite und sprang vom Sofa auf. Auf dem Weg zum Flur fuhr sie sich mit beiden Händen über den Kopf, um ihre Frisur zu richten, denn inzwischen hatte sie ihre Zöpfe gelöst, so dass ihr blondes Haar – hoffentlich! – schimmernd über ihre Schultern fiel.

Zu dumm, dass sie Philips Auto nicht schon in der Auffahrt oder das Surren des Garagentors gehört hatte, sonst hätte sie schnell noch Lipgloss aufgetupft, ein wenig Rouge und Wimperntusche nachgelegt. So aber konnte sie sich nur noch in beide Wangen kneifen und ihre Lippen mit der Zunge benetzen. Nicht, dass sie jeden Abend für ihren Freund so einen Aufwand betrieb, dafür waren sie schon zu lange zusammen. Aber nachdem sie den ganzen Tag gedanklich mit ihm, ihrer Hochzeit und nicht zuletzt mit diesem blöden Zettel aus seinem Mantel verbracht hatte, war es Ella ein Bedürfnis, heute besonders gut für ihn auszusehen.

Philip stand im Flur, den Blick nachdenklich auf die Garderobe gerichtet, in der rechten Hand baumelte seine braune Aktentasche, in der linken seine grüne Winterjacke. Die sonst so wilden Locken klebten ihm am Kopf, an seiner Nasenspitze hing ein dicker Wassertropfen, und sein Anzug sah aus, als hätte er darin gebadet.

»Hallo, Schatz!«, begrüßte sie ihn und hätte ihn umarmt, wäre er nicht so pitschnass. »Warte, ich hol dir ein Handtuch«, sagte sie und war im Begriff, sich umzudrehen.

»Wo ist denn mein Trenchcoat?«, hielt er sie zurück.

»In der Reinigung«, erwiderte sie. »Da waren Rotweinflecken drauf.«

»Ich weiß«, sagte er und starrte noch immer auf den leeren Bügel, auf dem der Mantel sonst hing. »Aber …« Er unterbrach sich und sah Ella nun an, sein Gesichtsausdruck war seltsam … seltsam.

»Aber was?«

»Ich hatte die Taschen noch nicht leergeräumt«, erklärte er.

»Warum auch?«, fragte sie verwundert. »Das mache ich doch sowieso immer.«

»Natürlich, sicher.« Noch immer wirkte er eigenartig. Verspannt. Nervös.

»Stimmt etwas nicht?«

»Doch, doch«, kam es gedehnt zurück. »Ich wollte nur … ich hatte … Wo sind denn die Sachen aus dem Mantel?«

»Auf deinem Schreibtisch«, sagte sie. Und fügte hinzu: »Aber es war bloß ein einziger Zettel.«

Bei diesen Worten stürzte Philip an ihr vorbei und rannte Richtung Arbeitszimmer, sodass Ella ihm nur noch ein »Darüber wollte ich eh mit dir reden!«, hinterherrufen konnte.

Mit dem Brief in der Hand kam er zwei Sekunden später zu ihr zurück. »Hast du den hier gelesen?«

Sie nickte. »Ja, hab ich. Aus Versehen, hab’s für meine Einkaufsliste gehalten.«

»Ella …«, sagte er.

»Das ist ja wohl echt ein Ding!«, unterbrach sie ihn.

»Ding?«

»Dass dir jemand sowas zusteckt! Was soll der Unsinn?«

»Hm«, murmelte Philip und schlug die Augen nieder. Als er wieder aufblickte; als er sie aus seinen großen blauen Jungsaugen ansah, den Mund zu einem traurigen Lächeln verzogen; als er seufzte und die Hand mit dem Brief sinken ließ; als er sie bat, mit ihm ins Wohnzimmer zu kommen, weil er mit ihr reden müsse – da stieg in Ella ein Gefühl auf, von dem sie geglaubt hatte, dass sie es nicht mehr in sich trug. Schon seit langer, sehr langer Zeit nicht mehr.

»Ich wollte es dir von mir aus erzählen, das schwöre ich«, sagte er, nachdem sie sich hingesetzt hatten. Sie auf der Couch, er in dem Sessel gegenüber. Das taten sie sonst nie, ihre Plätze waren auf dem Sofa, nebeneinander. Philip drehte das zusammengefaltete Blatt Papier in einer Hand hin und her.

»Du warst gestern Abend nicht mit einem Mandanten essen.« Eine Feststellung, keine Frage.

»Nein. Das war sie. Sie wollte reden, ich nicht, da hat sie mir diesen Brief in die Hand gedrückt. Damit bin ich dann stundenlang durch die Stadt gerannt.«

»Warum …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Warum bist du denn nicht nach Hause gekommen? Zu mir?«

»Fragst du das ernsthaft?« Er sah sie unglücklich an.

Sie schüttelte den Kopf, kam sich selbst dumm vor. »Und heute Abend? War das wirklich ein geschäftlicher Termin? Oder hast du da auch sie gesehen?«

»Nein. Ich war bei einem Kumpel. Ich musste mit jemandem reden.«

»Kumpel? Reden?« Sie geriet einen Moment in Aufruhr. »Für wie blöd hältst du mich?«

»Ich war bei Bernd, okay? Er findet, dass ich mit dir sprechen muss. Reinen Tisch machen und alles klären, so was in der Art. Dass du den Brief allein findest, wollte ich nicht.«

»Habe ich aber.«

»Es tut mir leid.«

»Und dabei«, sie schluckte schwer und sprach dann tonlos weiter, »war ich überzeugt davon, dass das nur ein sehr übler Scherz sein kann. Ein sehr, sehr übler. Mir ist beim Lesen richtig schlecht geworden, und hätte ich auch nur geahnt … Hätte ich mir auch nur ansatzweise vorstellen können, dass du tatsächlich …« Sie konnte den Satz nicht vollenden.

Erneut senkte Philip den Blick. »Es tut mir leid«, wiederholte er.

Ella atmete ein paar Mal tief ein und aus. Und sagte dann sehr ruhig: »Gib ihn mir bitte.«

»Was denn?«

»Was schon? Den Brief!« Sie streckte fordernd die Hand danach aus. Und als Philip sich nicht rührte, fuhr sie ihn fast an: »Gib mir sofort diesen verdammten Brief!«

»Nein, Ella, bitte … Warum willst du dir das antun und es noch einmal lesen?«

»Her damit!«

Er reichte Ella das Blatt Papier, sie faltete es auseinander und begann erneut zu lesen.

Lieber Philip,

du darfst Ella nicht heiraten! Nicht nach allem, was zwischen uns war. Bitte, tu das nicht aus falsch verstandenem Pflichtgefühl, es geht doch um den Rest deines Lebens! Seit unserer Nacht nach dem Frühjahrsfest geht mir nicht mehr aus dem Kopf, was du über sie gesagt hast. Dass sie so eine Träumerin ist und du nicht sicher bist, ob ihr auf Dauer wirklich gut zueinander passt, dass du so gern Kinder hättest und sie nicht, dass du dir wünschst, sie wäre eigenständiger, selbstbewusster, und dass dir immer irgendwas fehlt, dass du gar nicht richtig an sie herankommst. Natürlich, du warst sehr betrunken, als du mir das alles erzählt hast – aber du weißt ja, was man über Kinder und Betrunkene sagt, oder? Bis heute kann ich nicht begreifen, warum du sie dann trotzdem gebeten hast, deine Frau zu werden – und ich werde es auch nie verstehen. Und dabei sehe ich doch jeden Tag, wie unglücklich du wirkst, so, als würdest du diese Entscheidung bereuen. Deswegen, lieber Philip: Sag diese Hochzeit ab! Nicht für mich, darum geht es mir nicht, und ich habe auch schon verstanden, dass du mich vermutlich nicht willst. Aber, bitte, tu es für dich!

Deine C.

Ella ließ den Zettel sinken und zu Boden fallen.

»Das ist«, setzte sie an, kam aber nicht weiter, weil ihr die Stimme versagte. Sie beugte sich vor und nahm einen Schluck von ihrem mittlerweile lauwarmen Tee. »Das ist also gar kein Versuch, dich reinzulegen? Das ist alles wahr?«

Er nickte und sah sie verzweifelt an.

»An dem Morgen, an dem du mich gefragt hast, ob ich dich heiraten will, hast du in der Nacht zuvor …« Wieder blieb ihr die Stimme weg.

»Mit einer anderen Frau geschlafen«, bestätigte er, was sie nicht hören wollte.

»Warum?«

»Ich war betrunken, im totalen Rausch, und sie hat …«

»Das meine ich nicht«, unterbrach sie ihn. »Warum du am nächsten Tag um meine Hand angehalten hast, das will ich wissen.«

»Weil ich«, er machte eine Pause, rang mit sich, »durcheinander war. Komplett durch den Wind, orientierungslos. Und beschämt.«

Sie zuckte bei seinen Worten zusammen. Denn ein »Weil ich dich liebe« war nicht dabei.

»Was ist mit den Dingen, die sie hier schreibt? Hast du das alles über mich gesagt?«

»Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.«

»Ist es denn das, was du denkst?«

»Nein«, gab er eilig zurück. »Auf gar keinen Fall! Natürlich nicht!«

»Und warum sollte ich dir das glauben? Offenbar hast du mich ja schon eine ziemlich lange Zeit belogen.« Sie schluckte, merkte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte. »Selbst dein Heiratsantrag war nur eine Lüge. Das Ergebnis eines moralischen Katers.«

»Nein!«, widersprach er heftig, gestikulierte dabei mit den Händen. »Das stimmt so nicht, es war …«

»Was war es?«

Statt einer Antwort ließ er die Hände wieder sinken.

Wortlos beugte Ella sich vor, klaubte den Brief vom Boden, um ihn auf den Couchtisch zu legen und sich dann vom Sofa zu erheben.

Philip sah sie überrascht an. »Wo willst du denn hin?«

»Weg«, sagte Ella. »Einfach nur weg.«

Er folgte ihr nicht, als sie draußen im Flur ihren Regenmantel überzog, in ein paar wetterfeste Stiefel schlüpfte und nach ihrem Schlüsselbund griff. Er rief ihr auch nicht hinterher, nicht einmal das.

Aber es ist gut so, dachte Emilia Faust. Sie würde nun allein sein und nachdenken müssen. Allein. Und zwar ziemlich lange.

3

Ihr Auto sprang nicht an. Natürlich nicht. Wie sollte es auch an solch einem Abend – draußen strömender Regen, in Ellas Herz ein Gemisch aus Lava und Eis – anspringen können?

Sie saß hinterm Steuer ihres VW Touareg, trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, drehte den Schlüssel wieder und wieder, aber nicht mal ein müdes Stottern des Motors ertönte. Noch nie hatte sie dieses protzige Auto gemocht, hatte Philip um etwas Kleines, Wendiges gebeten. Und vor allem um etwas, das fuhr! Und in diesem Moment, in der Garage neben Philips und ihrem Haus, dem Haus im Othmarscher Philosophenweg (!) und auf dem Fahrersitz eines Wagens, den sie nie hatte haben wollen – da mochte sie den VW nicht nur nicht, nein, da hasste sie ihn. Weil er sie gefangen hielt. Gefangen in einer Situation, der sie unbedingt entkommen wollte, entkommen musste.

Was sollte Emilia Faust nun tun? Zurück ins Haus gehen und Philip noch einmal begegnen kam nicht in Frage. Die Nacht in der Garage verbringen ebenfalls nicht. Irgendwann würde ihr Freund, ihr Verlobter, sie hier finden, und sie sah sich außerstande, mit ihm zu reden.

Sie wollte dringend zu ihrem »geheimen Ort«. Dorthin, wo sie früher, vor Philip, so oft gewesen war, wenn sie ihre Gedanken hatte ordnen müssen. Ein Taxi schied aus, denn in der Eile hatte sie ihre Tasche mit Portemonnaie und Handy im Haus vergessen, und zurück konnte sie aus besagten Gründen nicht. Bis zur nächsten S-Bahn-Station nach Bahrenfeld waren es knapp zwei Kilometer, und ob um diese Uhrzeit, um kurz vor elf, noch ein Bus von der näher gelegenen Haltestelle abfuhr, wusste sie nicht. Aber selbst wenn, hätte sie in jedem Fall schwarzfahren müssen, wobei sie dies in Anbetracht der Umstände als lässliche Sünde, als einen Akt der Notwehr erachten würde.

Dann eben zu Fuß, dachte sie, öffnete die Autotür und stülpte sich grimmig die Kapuze ihres Regenmantels über. Sie betätigte die Fernbedienung für das automatische Rolltor der Garage, als ihr Blick auf Philips Rennrad fiel. Sein sehr schnelles, sehr großes und vor allem sehr teures Fahrrad, mit dem er im Frühjahr immer für den Triathlon im Sommer trainierte. Es war nicht abgeschlossen, warum auch, es stand ja hier sicher verwahrt.

Das waren sie, Ellas Siebenmeilenstiefel. Mit dem Rad würde sie ihr Ziel zwar immer noch nass, aber dafür vor Anbruch der Morgendämmerung erreichen. Sie schnappte es sich, wartete darauf, dass der Weg nach draußen frei wurde – und als wäre das alles nicht schon Zeichen genug, hörte der Regen, kaum dass Ella unter dem Tor hindurchgeschlüpft war, schlagartig auf. Zum ersten Mal seit einer halben Stunde wurde ihr das Herz wieder etwas leichter, sie blinzelte zum Dank dreimal fest mit den Augen – und stieg dann in die Pedale.

Es fühlte sich zwar etwas wackelig an, und sie musste wegen der Größe des Rads und der Mittelstange im Stehen fahren, aber sie würde die knapp fünf Kilometer trotzdem ganz radeln und nicht zwischendurch in die S-Bahn umsteigen. Die frische Luft würde ihr guttun, ihr helfen, einen klaren Kopf zu bekommen – und ihr außerdem das Schwarzfahren ersparen. Vorsichtig holperte sie über das Kopfsteinpflaster des Philosophenwegs runter zur Hauptstraße, die sie entlang der Elbe auf dem kürzesten Weg zu ihrem Ziel bringen würde. Sie ließ die gediegenen Häuser zu ihrer Rechten, den Tennisclub Rolandsmühle zu ihrer Linken hinter sich zurück, sog die feuchte Luft tief in ihre Lunge ein und strampelte dann los, als ginge es um ihr Leben.

Eine weitere halbe Stunde später stand Ella direkt hinterm Hotel Hafen Hamburg und sah hinunter auf die Landungsbrücken. Mittlerweile hatte wieder ein leichter Regen eingesetzt, aber das machte ihr nichts aus. Sie liebte die Aussicht, die man von hier oben aus hatte: Elbe, Schiffe und Löschkräne, die Cap San Diego und die Rickmer Rickmers, die berühmte gelbe Musical-Muschel vom König der Löwen und die Elbphilharmonie. Die Tuffsteingebäude der alten Landungsbrücken lagen zu ihren Füßen, majestätisch und erhaben, von warm-gelbem Licht illuminiert. Die Uhr des Pegelturms zu Ellas Linken zeigte Viertel vor zwölf, dementsprechend hatte sie diesen Ort ganz für sich allein. Zumal das Wetter auch nicht gerade Spaziergänger dazu einlud, sich hier zu tummeln.

Bei der Erholung – so hieß der Weg, der unterhalb der Reeperbahn die gesamte St. Pauli Hafenstraße entlangführte. »Ein hübscher Name, nicht wahr?«, hatte ihre Mutter Selma vor Jahrzehnten zu ihr gesagt, als sie ihr als kleines Mädchen bei einem Ausflug in die große Stadt diesen »geheimen Ort« gezeigt hatte. »Hier habe ich früher oft gestanden und meinen Gedanken nachgehangen. Habe davon geträumt, wie es wäre, mit einem der Schiffe wegzufahren.«

»Wo wolltest du denn hin, Mami?«, hatte Ella damals wissen wollen.

Selma Faust hatte mit den Schultern gezuckt. »Egal wohin. Einfach nur fort, ganz weit fort.«

»Aber warum denn? Es ist doch so schön hier!«

Ihre Mama hatte sich vor sie hingekniet, sie ganz fest in den Arm genommen und sie an sich gedrückt. »Seit ich dich habe, Cinderella«, hatte sie ihr ins Ohr geflüstert, »ist jeder Ort der schönste auf der Welt, wenn du nur bei mir bist.«

Aus der Ferne wehte das Tuten eines Schiffshorns zu Ella herüber. Gedankenverloren strich sie sich mit Zeige- und Ringfinger über die Tätowierung an ihrem linken Handgelenk, ertastete die kaum merklich erhabene Stelle mit dem Semikolon, das dort seit über fünfzehn Jahren prangte. Gestochen nach einer durchheulten Nacht, in der sie mit sich selbst und ihrem Schicksal gehadert hatte. Als Erinnerung daran, dass der Satz nach einem Semikolon noch nicht zu Ende ist, sondern dass er weitergeht. Weiter und weiter. Auf Philips Frage zu Beginn ihrer Beziehung, was ihr Tattoo bedeuten sollte, hatte sie damals nur lapidar erwidert, das Semikolon sei ein vom Aussterben bedrohtes Satzzeichen, weshalb sie es bewahren wollte. Natürlich war das gelogen gewesen. Es war mehr als das. Viel mehr. Aber das hatte sie ihm nicht verraten wollen. Einzig Cora hatte sie einmal beschwipst erzählt, wofür das Zeichen stand. Als sie wieder nüchtern gewesen war, hatte sie sich dafür ein wenig geschämt und die Freundin darum gebeten, diese etwas gefühlsduselige Erklärung zum Strichpunkt und seinem »weiter, weiter« am besten zu vergessen.

Heimat, ging es ihr nun durch den Kopf. Heimat ist kein Ort, sondern ein Mensch. Sie schloss die Augen. Und als sie sie wieder öffnete, fiel ihr Blick erneut auf die Uhr des Pegelturms. Sie stand jetzt auf drei Minuten vor zwölf. Mitternacht, die Stunde, in der Zauber und Fluch enden. In diesem Moment ging Emilia Faust mit sich selbst eine Wette ein: Wenn ich es schaffe, bis zum letzten Glockenschlag die Mauer des Turms zu berühren, kommt das mit Philip und mir wieder in Ordnung. Ich weiß noch nicht, wie – aber irgendwas wird passieren, damit alles wieder gut wird.

Kaum hatte sie das gedacht, schulterte sie Philips Rad und lief hinüber zur Willi-Bartels-Treppe, die auf kürzestem Weg runter zur Hafenstraße führt. Natürlich wäre es einfacher ohne das Rennrad, aber sie hatte keinen Schlüssel für den Sicherungsbügel und wollte nicht riskieren, dass es hier auf St. Pauli gestohlen würde.

Sie behielt die Zeiger der Uhr fest im Blick, während sie so schnell und gleichzeitig vorsichtig wie möglich die regennassen Treppenstufen hinunterstieg. Noch zwei Minuten, das konnte sie schaffen. Sie musste es schaffen, ihr weiteres Leben hing davon ab. Mit Beginn ihres Wettlaufs hatte der Himmel erneut seine Schleusen geöffnet, aus dem Regen war eine wahre Sintflut geworden, aber das empfand Ella als eine Herausforderung, die sie in ihrem Willen nur noch bestärkte. »Der Ruf des Helden« hieß so etwas in Märchen, Erzählungen, Romanen und Filmen; eine Prüfung, die die Hauptfigur überstehen muss, ehe sie ihr Ziel erreicht. Den Drachen töten, die drei Rätsel lösen, Rumpelstilzchens Namen erraten – oder eben bei orkanartigem Sturm rechtzeitig eine verdammte Turmuhr erreichen. Ellas Atem ging schwer, Schweiß mischte sich mit Regenwasser, zwei- oder dreimal rutschte sie in ihren Stiefeln auf den glatten Stufen ab, hätte das Rad beinahe fallen lassen.

Sie war fast am Fuß der Treppe angelangt, als wie aus dem Nichts direkt vor ihr eine dunkle Gestalt auftauchte. Das erschrockene Gesicht eines Mannes starrte sie an, ein Schrei erklang – ob von ihm oder ihr vermochte Ella nicht zu sagen –, und im nächsten Moment verlor sie jeglichen Halt, stürzte kopfüber und mit geschultertem Rad auf ihr Gegenüber hinunter und nahm im Fallen noch seine nackten Füße wahr.

Barfuß?, war das Letzte, was Emilia Faust dachte, bevor sie von Dunkelheit umfangen wurde. Warum ist der Kerl barfuß?

Das Erste, was Ella bemerkte, als sie wieder zu sich kam, war, dass der Regen aufgehört hatte. Das Zweite ein immenser Kopfschmerz, der sich pochend von ihrer linken Schläfe bis zur Mitte ihrer Stirn hinzog. Das Dritte, nachdem sie sich aufgesetzt hatte und hinüber zur Turmuhr sah, dass der große Zeiger auf fünf Minuten nach zwölf stand. Resigniert ließ sie die Schultern sinken. Sie hatte es nicht geschafft.

Eine Sekunde später kam ihr in Erinnerung, was gerade passiert war, und wie überaus unsinnig es war, sich um die Uhrzeit zu sorgen. Ein Mann! Da war ein Mann gewesen, auf den sie mitsamt Fahrrad gestürzt war. Hektisch blickte sie sich um, ihr Kopf quittierte die schnelle Bewegung mit stechenden Schmerzen. Aber das war ihr egal. Sie hatte einen Passanten verletzt! Sie war mit voller Wucht und Philips Rad auf einen Menschen gefallen, bestimmt hatte er sich alle Knochen gebrochen und lag hier irgendwo hilflos auf den nassen Steinen.

Doch nirgends war jemand zu entdecken, sosehr sie sich auch den Hals verrenkte. Ella saß allein und verlassen am unteren Ende der Treppe, nichts zeugte davon, dass hier soeben ein Unfall geschehen war. Bis auf das Rad ihres Freundes, das zwei Meter entfernt von ihr halb auf die Straße gerutscht war. Ein LKW