Wir sind bedient. - Alena Schröder - E-Book

Wir sind bedient. E-Book

Alena Schröder

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Beschreibung

Der Kunde ist König — und benimmt sich auch so

Sie sind immer in Eile, oft genervt und wissen alles besser. Weil sie dafür bezahlen, müssen andere ihren Dreck wegmachen, die Kinder hüten, Sonderwünsche erfüllen und stets zu Diensten sein. Und wenn was schiefläuft, dann meinen sie, nach allen Regeln der Kunst motzen zu dürfen. Kunden! Sie bringen selbst die geduldigste Verkäuferin auf die Palme, lassen die erfahrene Putzfrau an Mord denken und die kampferprobte Flugbegleiterin die Notlandung herbeiwünschen.

In dem Buch der BRIGITTE-Autorin Alena Schröder erzählen 26 Frauen aus ganz Deutschland die Wahrheit über ihren Job und erklären auch, warum Dienstleistung trotz allem immer wieder Spaß macht.

Skandalös, komisch, traurig — was Frauen erleben, wenn sie für andere arbeiten.

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Seitenzahl: 278

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
»Man weiß nie, wann Feierabend ist.«
»Ich träume von einer langen, langsamen Schiffsreise.«
»In der Mittagspause ist hier am meisten los.«
»Mit Krebs wird viel Geld verdient.«
»Wenn sich einer vor den Zug wirft, muss ich raus aufs Gleis.«
»Man ist halt die Putze.«
»Mich erstaunt immer wieder, wie skrupellos Männer fremdgehen.«
»Am schlimmsten sind die Beifahrerinnen.«
»Alle denken: Das bisschen Haareschneiden, das ist einfach.«
»Dieses Unausgesprochene macht mich fertig.«
»Für viele Männer ist man sowieso Freiwild.«
»Meinem Mann gefällt es, dass ich so schön nach Bockwurst rieche!«
»Länger als 40 Minuten hält keiner durch.«
»Den ganzen Tag über denke ich an die Stückzahl.«
»Bei diesem Job fällt jede Distanz.«
»Pflanzen sind schließlich auch bloß Menschen.«
»Viele sind dem Job psychisch nicht gewachsen.«
»Die Alten werden bei der Pflege beschissen.«
»In dieser Welt zählt jedes Gramm.«
»Wir Verkäuferinnen werden ständig kontrolliert.«
»Die Eltern meiner Schüler mag ich in den seltensten Fällen.«
»Es ist fast wie eine platonische Ehe.«
»Man entwickelt einen gewissen Galgenhumor.«
»Ich bin weder Psychologin noch ein Beichtstuhl.«
»Frauen wollen Balkone, Männer einen großen Keller.«
»Für mich ist das wie Brötchen verkaufen.«
Copyright
© Sabine Strehlow
VITA
Alena Schröder, 1979 geboren, hat Geschichte, Politik und Lateinamerikanistik studiert und ihr journalistisches Handwerk schließlich an der renommierten Henri-Nannen-Schule gelernt. Einige Jahre war sie Redakteurin der Zeitschrift BRIGITTE und lebt jetzt als freie Autorin mit Mann und Kind in Berlin.
FRAGEN AN DIE AUTORIN
In Ihrem Buch berichten 26 Frauen über ihren Berufsalltag. Sie strampeln sich ab, damit wir uns wohlfühlen. Was erleben diese Frauen?
Trauriges – wie die Krankenschwester, die todkranken Patienten nicht sagen darf, dass sie sterben werden. Komisches – wie die Putzfrau, die im Müll Pikantes aus dem Liebesleben ihres Arbeitgebers findet. Skandalöses – wie die Drogerieverkäuferin, die von ihrem Chef bespitzelt wird. Kurioses – wie die Depiladora, die ihren Kunden die Scham enthaart und dabei Beziehungstipps erteilen soll. Eins ist sicher: Jede Flugbegleiterin, Hebamme oder Sozialarbeiterin erlebt in ihrem Alltag mehr Dramen und Abenteuer als die meisten Vorstandschefs in ihrem ganzen Berufsleben.
Sind wir, die Dienstleistungen in Anspruch nehmen und oft nicht zu würdigen wissen, nur gedankenlos, oder fehlt der nötige Respekt?
Beides. Wahrscheinlich hat jeder schon mal nach einer halben Stunde in der Warteschleife eine Callcentermitarbeiterin angeschnauzt. Oder an der Supermarktkasse mit dem Handy am Ohr wortlos sein Kleingeld hingeknallt. Wir sollten uns alle ab und zu bewusst machen, wie abhängig wir von diesen Heldinnen des Alltags sind – und dass wir davon profitieren, sie gut zu behandeln.
Harte Jobs, die keiner machen will, oder?
Im Gegenteil! Alle Frauen, die ich interviewt habe, brennen für ihren Beruf und arbeiten gern für andere. Umso dankbarer sollten wir als Kunden, Patienten und Gäste für ihren Einsatz sein.
Vorwort
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was Ihre Putzfrau alles über Sie weiß? Was die Prostituierte denkt, während sie braven Familienvätern die Mittagspause versüßt? Wie sich die Callcenteragentin fühlt, an der Sie Ihren Ärger über Ihren Telefonanbieter auslassen? Wie es um die Wirtschaftselite unseres Landes bestellt wäre, gäbe es nicht fähige Sekretärinnen, die wissen, wie man einen Flug bucht, einen Rasierapparat repariert und unliebsame Anrufer abwimmelt? Mit welchen Tricks Ihre Bankberaterin Ihnen Versicherungen und Kredite schmackhaft machen muss? Und dass vielleicht niemand so gut über den Zustand Ihrer Ehe Bescheid weiß wie Ihre Friseurin oder die Wirtin Ihrer Lieblingskneipe?
Es gibt Frauen in diesem Land, die unser Leben weit mehr und unmittelbarer beeinflussen, als wir ahnen. Weil sie unsere Eltern pflegen, unsere Kinder versorgen, sich unsere Nöte anhören, unsere Sonderwünsche erfüllen. Weil sie dafür sorgen, dass wir einen schönen Abend erleben, besser aussehen und immer die richtige Wurst im Kühlschrank haben. Sie verkaufen, beraten, umsorgen, hören zu. Sie lassen sich beschimpfen, ausbeuten und werden oft schlecht bezahlt. Und in den allermeisten Fällen lieben sie ihren Job.
Es mag nicht besonders zeitgemäß sein, von »klassischen Frauenberufen« zu sprechen – schließlich leiten Frauen auch Konzerne, leisten Dienst an der Waffe, schuften auf dem Bau oder führen Koalitionsverhandlungen. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass Dienstleistung in Deutschland eine Frauendomäne ist. Wo der Mensch im Mittelpunkt steht, wo Einfühlungsvermögen, Engagement und Disziplin gefragt sind, sind weibliche Arbeitnehmer in der Mehrzahl. Und es sind genau diese Frauen, denen im Alltag mehr aufregende Geschichten widerfahren als den meisten männlichen Vorstandsvorsitzenden in ihrem ganzen Berufsleben.
In diesem Buch erzählen sechsundzwanzig Frauen aus ganz Deutschland die Wahrheit über ihren Job: Komisches, Trauriges, Ungewöhnliches, Skandalöses. Sie brechen Schweigepflichten, decken Missstände auf und riskieren Ärger mit ihren Arbeitgebern – deshalb sind ihre Geschichten anonym. Ausnahmslos alle machen ihren Job gerne, und dennoch ist ihnen eines gemein: der Wunsch nach ein bisschen mehr Anerkennung, sei es durch mehr Gehalt oder mehr Prestige. Oder dadurch, dass man ihnen wenigstens einmal kurz in die Augen guckt und Danke sagt.
»Man weiß nie, wann Feierabend ist.«
Annette, 38 Jahre, Hebamme, traut keinem, der sagt, er habe bei einer Geburt alles unter Kontrolle.
Ich mag Babys. Das klingt jetzt banal, aber ich musste erst richtig lernen, mir das zuzugestehen. In der Klinik, in der ich ausgebildet wurde, galt das fast als unprofessionell. Da sagte man auch nicht Baby, sondern »Kind« oder »Neugeborenes«, und die hießen dann nicht Lisa oder Leo, sondern »Kind Müller« oder so. Man hatte gar keine Zeit, richtig sein Herz zu öffnen, man war dazu da, um zu kontrollieren, ob es atmet und ob alle zehn Finger dran sind. Es war verpönt, die Babys süß zu finden, da hieß es dann: »Na, haste nicht genug mit Puppen gespielt, oder was?« Aber ich bin doch auch Vorbild für die Eltern. Wenn ich nicht liebevoll mit dem Kind umgehe, wie sollen die dann Antennen dafür entwickeln, wie man Kontakt zu einem Neugeborenen herstellt?
Ich kann mich noch gut an meine erste Geburt erinnern. Das war während meiner Ausbildung, ich hatte Nachtdienst und von nichts eine Ahnung. Ich stand also in meinem Kittel in der Gegend rum, als die Hebamme, die mir zugeteilt war, mich einfach zu einer Frau in den Kreißsaal reinschob und sagte: »So, mach mal.« Vorher hatte sie mir noch erklärt: »Je lauter man eine Frau anschreit unter den Wehen, umso besser. Wenn ich deine Stimme nicht am anderen Ende des Flures höre, dann bist du keine gute Hebamme.«
Tja, da stand ich dann. Ich hab natürlich nicht geschrien, sondern mit der Frau ein bisschen Small Talk gemacht. Das ging ganz gut, die hatte vorher ein Schmerzmittel bekommen und wenig gemerkt. Als sich das Baby dann aber endlich ankündigte, kam die Hebamme zum Glück wieder rein und hat übernommen. Und ja: Sie hat ordentlich gebrüllt, die Frau fand das, glaube ich, auch ganz gut, die hatte so ein Bild von einer forschen Hebamme. Ich stand dann nur noch stumm in der Ecke mit einem Mülleimer in der Hand und habe gestaunt. Zu sehen, wie ein Kind auf die Welt kommt, wie es seinen ersten Atemzug macht, ist für mich jedes Mal wieder eine spirituelle Erfahrung.
Die Arbeit im Krankenhaus ist wahnsinnig anstrengend. Man weiß einfach nie, was einen erwartet, wenn man durch die Tür kommt. Sitzen wir heute nur rum und stricken, oder bekommen vielleicht heute sieben Frauen gleichzeitig ihre Kinder? Das sind jede Menge Adrenalinstöße, im Kreißsaal ist alles möglich. Man weiß nie, wann Feierabend ist. Und wenn richtig viel los ist, müssen sogar die Hebammenschülerinnen fast vollwertig mitarbeiten. Zum Beispiel eine Frau beim Pressen ein bisschen zurückhalten, weil die richtige Hebamme noch nebenan ein anderes Kind holen muss.
Man braucht ein paar Jahre, bis man dieses ganze Puzzle »Geburt« wirklich durchschaut hat, manches bleibt einfach ein Mysterium. Deshalb wird mein Respekt vor Geburten eigentlich immer größer, weil ich schon so oft Dinge erlebt habe, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Wenn eine Frau plötzlich anfängt zu bluten, und man bekommt das nicht in den Griff, obwohl vorher alles so toll gelaufen war. Oder wenn ein Kind nach einer perfekten Geburt und unter andauernder Herztonüberwachung einfach nicht atmet, reanimiert werden muss und vielleicht sogar stirbt. Und auch, wenn man es anschließend untersucht, findet man dann nicht unbedingt einen Grund dafür, warum das jetzt so furchtbar schiefgelaufen ist.
Ich habe schon erfahrene Chefärzte weinen sehen, einfach, weil man es nicht versteht. Das ist für mich das Besondere an der Geburtshilfe: Man darf sich nie zu weit aus dem Fenster lehnen. Ärzte und Hebammen, die behaupten, alles hundertprozentig im Griff zu haben, sind mir suspekt.
Ich fand meine Ausbildung in der Klinik nicht wirklich befriedigend. Wir wurden kaum richtig angeleitet, das Tollste für uns Schülerinnen war, wenn man den Dammschutz übernehmen durfte. Also wenn das Köpfchen kommt, aufpassen, dass bei der Frau nichts reißt. Wenn man das gut gemacht hatte, waren das hundert Gummipunkte, und man durfte stolz sein. Aber mit der Geburt allein ist es ja nicht getan, ich wollte mehr über diesen ganzen Prozess lernen und eine Frau einmal wirklich durch die gesamte Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett betreuen.
Ich bin dann für ein Jahr nach Holland gegangen, wo die Frauen in der Regel ihre Kinder zu Hause bekommen. Dort haben Hebammen noch einen ganz anderen Status. Ich habe bei einer Hebamme hospitiert, die war eine Institution in ihrer Gegend. Sie war dreiundsechzig, kurz vor der Rente und hatte über achttausend Geburten begleitet, fast alle außerklinisch. Sie hatte eine wahnsinnig fürsorgliche und starke Ausstrahlung, man konnte richtig sehen, wie sich die Frauen in ihrer Gegenwart entspannten und sich in ihre Obhut begeben haben. Es war fast eine Ehre, ein Kind bei ihr zu bekommen.
Von ihr habe ich sehr viel gelernt, vor allem die Zuversicht: Das Kind kommt, es wird alles gut. Ich unterstütze die Frauen dabei, guter Hoffnung sein zu dürfen – diesen Ausdruck finde ich sehr passend. Von dieser Hebamme habe ich auch gelernt, besser annehmen zu können, wenn eine Geburt einmal nicht gut ausgeht. Zu akzeptieren, dass ich nicht alles in der Hand habe.
Ich hatte mal einen Fall, der mir noch sehr lange naheging. Da habe ich eine Frau und ihr Kind im Wochenbett betreut, und irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl. Ich konnte es nicht wirklich an etwas festmachen, aber ich habe gefühlt, dass dieses Kind noch nicht richtig in der Welt angekommen ist, obwohl körperlich alles in Ordnung war. Ich habe dann den Kinderarzt der Frau angerufen und ihn gebeten, sich das Baby doch noch mal anzuschauen. Zum Glück hat der das ernst genommen, es gibt viele, die denken: Ach, wieder so’ne Räucherstäbchen-Hebamme mit einem komischen Gefühl! Er hat das Kind noch einmal genau untersucht – und nichts gefunden. Am nächsten Tag war es tot, drei Tage nach der Geburt.
Ich musste dann dorthin und die Eltern betreuen, das war furchtbar. So was lernt man natürlich auch nicht in der Ausbildung: den Eltern in so einem Moment eine Stütze sein und selbst den eigenen Schock verarbeiten. Die Kriminalpolizei war auch da, sie ließ das Baby untersuchen, um die Todesursache festzustellen. Die Frau saß weinend im Wohnzimmer, der Mann hatte sich im Bad eingeschlossen. Ich habe ihn dann immerhin dazu gebracht, sich zu seiner Frau zu setzen, damit die beiden wenigstens gemeinsam weinen. Und dann bin ich vor die Tür und habe die Großeltern in Empfang genommen. Die waren nämlich mit einem Auto voller Geschenke angereist, um ihr frischgebackenes Enkelkind zu bestaunen, und wussten noch gar nichts, weil sie kein Handy hatten.
Mein Gott, wie sagt man so was dann? Die Kripobeamtin meinte, ich solle einfach ruhig und sachlich erzählen, was passiert ist. Und vor allem: keine dramatischen Pausen machen. Dann fangen die nämlich an, sich was auszumalen und durchzudrehen, man muss einfach weiterreden, ohne ihnen die Gelegenheit zu geben, ihr eigenes Kopfkino anzuwerfen.
Ich denke, alles in allem habe ich das ganz gut hingekriegt, auch wenn ich nicht beurteilen kann, ob ich den Eltern in ihrer Trauer wirklich helfen konnte. Aber ich habe auch etwas gelernt dabei: Ich habe eine Intuition, auf die ich mich verlassen kann. Ich habe Antennen, die etwas aufnehmen, was nicht messbar ist. Das ist beruhigend. Es gibt eben doch so etwas wie die alte Hebammenkunst, für die man eine gewisse Erfahrung braucht.
Viele Jahre lang habe ich hauptsächlich Hausgeburten betreut. Das war eine tolle, aber auch sehr belastende Zeit. Sachen, die für andere ganz selbstverständlich waren, habe ich mir nicht erlaubt. Bin lieber nicht ins Kino, wenn eine Frau schon drei Tage überfällig war. Oder ich habe lieber nichts getrunken, weil ich dachte, wer weiß, ob ich später noch irgendwohin muss. Spontan mal wegfahren ging gar nicht. Ich musste ständig erreichbar sein.
Lange Zeit habe ich mir das schöngeredet, es ist schließlich eine unglaubliche Erfahrung, wenn ein Kind geboren wird. Ich dachte: Das gibt mir so viel, das will ich nicht aufgeben. Aber irgendwann war die Belastung einfach größer als die Freude, ich hatte zum Beispiel viel zu wenig Zeit für meine Tochter. Ich konnte ihr nichts versprechen, konnte immer nur sagen: »Vielleicht gehen wir am Wochenende in die Schwimmhalle. Aber wenn das Baby kommt, müssen wir das verschieben.« Das hat meine Tochter irgendwann nicht mehr hören wollen. Ich habe auch von ihrem Vater immer viel Verständnis erwartet. Schließlich muss doch jeder verstehen, dass man alles stehen und liegen lässt, wenn ein Kind geboren wird. Da habe ich beiden sicher sehr viel abverlangt.
Vor einem Jahr habe ich dann aufgehört mit der Geburtsbetreuung, und jetzt mache ich nur noch Nachsorge. Für Kolleginnen klingt das oft wie ein Abstieg. »Was? Die macht nur noch Nachsorge? Traut sie sich nicht mehr?« Vielen kommt das vor wie Drecksarbeit. Früher habe ich auch so gedacht: Wenn ich keine Geburten mache, bin ich keine richtige Hebamme. Dabei ist die Nachsorge fast das Wichtigste! Wenn das Wochenbett vorbei ist, fängt der Alltag ja erst richtig an. Die Mütter gehen am Stock, kommen nicht zum Essen, schlafen kaum. Viele leiden total unter der Präsenz ihres Kindes und haben plötzlich das Gefühl, den schlimmsten Fehler ihres Lebens gemacht zu haben.
Man sieht, wie Partner sich entfernen, nicht, weil sie sich nicht lieben, sondern weil sie keinen Weg finden, diesen Stress gemeinsam zu meistern. Da sitzen dann Paare mit viel Geld in perfekt eingerichteten Wohnungen und können mit ihrem Wunschkind einfach nicht glücklich sein. Dann da zu sein und diesen Eltern beizustehen, finde ich wahnsinnig wichtig.
Früher war ich ganz froh, wenn ich diese ersten Wochen mit dem neuen Kind nicht so mitbekommen habe. Die Geburten haben für mich so viel Raum eingenommen, dass ich es einfach zermürbend fand, immer wieder wegen Stillproblemen angerufen zu werden, während ich mehrere Frauen in den Wehen koordinieren musste. Ich musste einfach Prioritäten setzen, und die Wöchnerinnen kamen da immer zu kurz.
Wenn ich selbst kein Kind hätte, würde ich vielleicht immer noch so arbeiten. Diese Erfahrung am eigenen Leib war ganz wichtig: Meine Hebamme war eben auch nach zwei Wochen weg, und ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, die noch mal anzurufen. Das Kind hat tagsüber stundenlang geschrien, nachts nicht geschlafen und später schlecht gegessen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Als Hebamme hatte ich totale Hemmungen, mir Hilfe zu holen. Ich dachte: Was denken die von mir, ich bin doch Fachfrau, muss das doch allein in den Griff kriegen.
Jetzt weiß ich, wie Frauen sich fühlen, wenn Babys grundlos schreien. Ich weiß, wie man in diesen Strudel aus Angst gerät und an sich zweifelt, weil man sein Kind einfach nicht beruhigen kann. Lehnt es mich ab? Mag es mich als Mutter nicht? Da ist es so wichtig, dass da jemand von außen den Druck rausnimmt. Viele Frauen sind wahnsinnig dankbar, wenn ich sie darauf anspreche und ihnen erzähle, wie es mir damals ging.
Ich denke, es gibt für jeden Typ Frau die richtige Hebamme: Da gibt es die handfesten, die es wichtig finden, dass das Kind jeden Tag gebadet wird und dass alle Penaten-Produkte am Wickeltisch bereitstehen; die alles genau protokollieren, das Kind dreimal täglich wiegen und wissen, wo es gerade den besten Kinderwagen zu kaufen gibt. Und es gibt die Hebammen, die mit den schwangeren Frauen viel meditieren, damit sie schon mal Kontakt zu ihrem Baby im Bauch aufnehmen können. Ich komme am besten klar mit dem Typ dreiundvierzigjährige Akademikerin, die ihr erstes Kind bekommt, alles perfekt machen will und dabei völlig verkrampft. Da rollen andere Hebammen mit den Augen und sagen: »Oje, die ertrage ich nicht.«
Manchmal tausche ich auch mit Kolleginnen, wenn ich spüre, dass ich mit einer Frau nicht gut auskommen werde. Was ich zum Beispiel nicht gut kann, sind Familien, in denen man auch gleichzeitig den Sozialarbeiter spielen muss und gar nicht weiß, welches Kind man zuerst retten will. Andere können das super und sehen da genau ihre Bestimmung, arbeiten dann zum Beispiel eng mit dem Jugendamt zusammen. Aber ich kann das nicht, dieses Bevormunden. Müttern erklären, dass man die Breitbandglotze nicht auf volle Lautstärke dreht, wenn das Baby direkt danebenliegt. Oder dass man am Wickeltisch nicht raucht.
Manchmal habe ich so junge Frauen, Anfang zwanzig, die bekommen ihr fünftes Kind vom vierten Vater, sind allein und völlig überfordert. Die wissen dann nicht, wo sich ihr dreijähriger Sohn gerade aufhält, der spielt dann irgendwo unten allein auf der Straße. Und sie haben oft keine Ahnung von Verhütung, da verstaubt dann’ne Pillenpackung oben auf der Schrankwand, und die Frau sagt: »Ja, weiß nicht, soll ich die jetzt nehmen?« Und ich frage mich: Warum verschreibt der Frauenarzt der keine Spirale? Oder berät sie mal zum Thema Sterilisation? Das ist so ein Elend, und du weißt genau, nächstes Jahr kommt das nächste Kind. Zu sehen, was da alles schiefläuft, geht mir einfach zu nah.
Das ist das Besondere, aber eben auch das Anstrengende an diesem Beruf: Als Hebamme sitze ich wirklich bei den Leuten auf der Bettkante und höre mir ihre intimsten Geschichten an. Manchmal gruselt es mich, wenn ich schon so Vorahnungen bekomme: Die Beziehung wird das nicht aushalten. Die rennen doch direkt in die Katastrophe! Oder man bekommt plötzlich unterschwellige Mutter-Tochter-Konflikte präsentiert: Die Mutter will eigentlich helfen kommen nach der Geburt und sagt dann so Sätze wie: »Das arme Kind kann doch gar nicht satt werden, bei deinen kleinen Brüsten!«
Manche Frauen sehen mich auch als Freundinnen- oder Partnerersatz und vereinnahmen mich total. Die denken, ich übernachte auch bei ihnen und gehe mit den Kinderwagen aussuchen. Man muss als Hebamme lernen, sich abzugrenzen und genau zu überlegen, wie weit man sich in die Gruben anderer Leben stellt und versucht auszugleichen. Fast alle Hebammen haben ein Helfersyndrom und opfern sich gern auf. Sie brennen für ihren Beruf und brennen deswegen auch häufig aus.
Manchmal denke ich, ich habe den tollsten Job der Welt, weil ich eine so besondere Zeit im Leben anderer Menschen miterlebe, weil ich so oft »Danke« höre und meistens so willkommen bin. Und an anderen Tagen frage ich mich, ob es nicht auch etwas anderes hätte sein können. Vor der Ausbildung hatte ich angefangen, Medizin zu studieren. Vielleicht hätte ich das weitermachen sollen? Vielleicht habe ich auch ein bisschen Potenzial verschenkt. Als Hebamme kann ich nicht mehr aufsteigen, da habe ich alles gemacht und erreicht, was man in diesem Beruf erreichen kann.
Ein Traum von mir wäre es, Dokumentarfilme zu machen. Gar nicht groß durch die Welt reisen, sondern das kleine Glück und das große Elend hier vor der Haustür einfangen. Am liebsten würde ich einen Film darüber drehen, wie Paare mir die Geburt ihres Kindes erzählen. Da könnte ich mich jedes Mal wegschmeißen! Das sind immer zwei völlig unterschiedliche Geschichten, obwohl alles erst drei Tage her ist. Da sitzen dann beide da mit ihrem Heiligenschein, und sie sagt: »Also, um drei bin ich noch allein die Treppe hoch, und dann kam die erste Wehe.« Und er sagt: »Nein, Schatz, da lagst du gerade in der Badewanne, und ich war nicht da, weil ich uns was zu essen geholt habe, weißt du nicht mehr?« Und so geht das hin und her. Ich freu mich immer auf den ersten Besuch bei den Eltern und ihren Bericht. Eigentlich ist die Geschichte im Detail für mich natürlich langweilig, aber zu sehen, was für unterschiedliche Realitäten die Paare in dem Moment erleben, ist immer sehr amüsant.
In den letzten Jahren hat sich schon eine Menge verändert beim Thema Kinderkriegen. Die Frauen sind viel informierter. Fast alle haben mehrere Bücher zum Thema Schwangerschaft gelesen, leider aber auch die ganzen Horrorgeschichten aus dem Internet. Neuerdings wollen viele Frauen unbedingt akupunktiert werden, weil dadurch die Geburt angeblich schneller geht, das ist eine richtige Mode. Dabei ist eine Schwangerschaft ja eigentlich kein behandlungswürdiger Krankenzustand, kein Chinese würde eine schwangere Frau stechen. Und eine schnelle Geburt ist ja nicht auch unbedingt eine bessere oder eine leichtere.
Es wird auch häufiger geklagt, wenn Kinder nicht gesund auf die Welt kommen, das ist aus den USA hier rübergeschwappt, die Forderung nach Schmerzensgeld. Ich muss als Hebamme alles genau protokollieren, um da nicht angreifbar zu sein. Nach diesem Fall mit dem Kind, das im Wochenbett gestorben ist, stand bei mir auch die Kripo vor der Tür und wollte meine Aufzeichnungen sehen.
Was sich sehr positiv verändert hat, das sind die Väter. Die trauen sich endlich zuzugeben, dass sie sich engagieren. Viele wollten das früher sicher auch, konnten da aber aus ihrer Männerrolle nicht so ausbrechen. Jetzt sitzen sie oft dabei, wenn ich zum Hausbesuch komme, gucken und stellen Fragen, haben auch viel mehr Achtung vor dem, was die Frauen leisten bei Schwangerschaft und Geburt. Die Übelkeit, die Schmerzen! Aber es gibt auch Männer, die ganz enttäuscht sind, weil sie bei der Geburt gar nicht so zum Einsatz gekommen sind, wie sie sich das vorgestellt hatten. Da stehen auch die Väter ganz schön unter Druck, es wird ja heute erwartet, dass sie bei der Geburt dabei sind. Und hier in Berlin wird in manchen Kreisen auch davon ausgegangen, dass Väter in jedem Fall Elternzeit nehmen.
Ich bin immer sehr gerührt, wenn ich sehe, dass Väter sich zu Gruppen zusammentun und gemeinsam mit dem Kinderwagen losziehen. Und was bestellen sie, wenn sie dann im Café sitzen? Das absolute Trendgetränk für stillende Mütter: Caro-Milchkaffee.
Rund 680 000 Babys kommen jedes Jahr in Deutschland zur Welt, davon werden nur etwa 8 500 zu Hause oder in einem Geburtshaus – also außerklinisch – geboren. +++ Für eine Geburt in der Klinik darf eine freiberufliche Hebamme 224 Euro abrechnen, wobei so ein Einsatz durchschnittlich elf Stunden dauert. +++ Viele freiberuflich tätige Hebammen kämpfen um ihre Existenz. Vor allem die steigenden Haftpflichtprämien von jährlich mehr als 3 500 Euro sind bei einem monatlichen Durchschnittsverdienst von 1 200 Euro kaum noch bezahlbar. +++ Seit Jahren warnt der Bund Deutscher Hebammen vor einer personellen Zuspitzung in den Kreißsälen. Frei werdende Stellen würden gesperrt oder nicht mehr nachbesetzt. +++ Der Hebammenmangel führt auch dazu, dass eine Hebamme mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen muss. +++ Hebammenarbeit erfolgt heute schon zu 50 % während der Nacht, aber auch die Wochenenden sind in die normale Arbeitszeit eingebunden.
»Ich träume von einer langen, langsamen Schiffsreise.«
Christine, 45 Jahre, Flugbegleiterin, über Futterneid in der Kabine und warum Männer im Anzug die schlimmsten Passagiere sind.
Es gibt drei Sorten von Passagieren, die mir besonders unangenehm sind: Blauhemden, Ferienhausbesitzer und Proleten.
Die Blauhemden, das sind die Geschäftstypen. Vielflieger. Die glauben allesamt, sie hätten das Fliegen erfunden. Meistens sind sie sogar ganz nett, aber unglaublich dreist. Kommen grundsätzlich in der letzten Minute ans Gate, bringen garantiert ihren Koffer mit, weil sie keine Lust haben, später am Gepäckband anzustehen. Und fangen dann an zu diskutieren, wenn man sie bittet, den Koffer nicht oben in die Gepäckfächer zu tun: »Wieso? Den packe ich immer da rein, das ist mir ja noch nie passiert, dass das nicht möglich ist …« Blablabla.
Man muss sich immer auseinandersetzen, die haben überhaupt keinen Respekt mehr. Aber wer mal erlebt hat, wie so ein Koffer mitten im Flug von oben runtersaust und einer Passagierin ein Loch in den Kopf haut und der Flieger dann irgendwo über Grönland runtermuss, damit die Frau ärztlich versorgt werden kann, der lässt sich da auf keine Diskussionen ein.
Ich bin keine Saftschubse, wie es immer so schön heißt, ich bin für die Sicherheit an Bord zuständig. Darauf bin ich trainiert: mehrere Hundert Passagiere in neunzig Sekunden aus einem Flugzeug zu evakuieren, wenn es darauf ankommt. Früher musste man nicht so viel diskutieren, da hatten die Passagiere Flugbegleitern gegenüber noch mehr Respekt.
Auch die Sache mit den Handys ist schwierig: Das kann doch nicht zu viel verlangt sein, die einfach während des Fluges auszulassen. Aber letztlich kann ich ja auch nicht jeden ständig kontrollieren. Wenn Passagiere an ihren Handys rumspielen und man sie dann fragt: »Entschuldigung, was machen Sie da?« – »Ja, ich wollte nur mal gucken, ob ich hier oben Empfang hätte.« Ich meine, da sitzen zweihundert Leute mit an Bord. Die gehen alle mit drauf, wenn die Bordelektronik anfängt zu spinnen, weil da einer mal kurz eine SMS schreiben will.
Wenn die Blauhemden es nicht darauf anlegen, verstecken sie sich meistens hinter einer Zeitung und halten nur wortlos den Kaffeebecher hin zum Nachschenken – und das ist auch nicht so schön. Keine Kommunikation, nichts. Man wird nicht einmal angeguckt, geschweige denn, dass einer mal »Bitte« oder »Danke« sagt.
Die zweite Sorte Passagiere, die ich nicht besonders mag, sind die Ferienhausbesitzer. Flugziel Malaga oder Faro. Die lassen gern durchblicken, dass sie viel Zeit zum Golfen haben, mehrmals im Jahr in den Süden fliegen und jetzt hier an Bord erst mal einen tipptopp Service erwarten. Denen ist nichts gut genug. Und meistens sind sie genauso dreist wie die Blauhemden: Bringen garantiert ihren Koffer mit ans Gate und trödeln dann beim Einsteigen.
Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie ärgerlich das ist, wenn der Flieger seinen Slot verpasst. Das ist die uns zugewiesene Zeitspanne von vielleicht fünf Minuten, in der die Maschine auf der Startbahn stehen muss. Man braucht ja für den gesamten Flug sozusagen eine grüne Welle. Und wenn man diesen Korridor verpasst, muss erst wieder ein neuer Slot in Brüssel beantragt werden. Das kann aber auch mal zwei Stunden dauern, es bringt den ganzen Flugplan durcheinander, und die Passagiere regen sich auf.
Dann gibt es noch die Proleten, die sich heimlich ihre Wodkaflasche mit an Bord nehmen und dann die ganze Reihe vollkotzen. Oder keine Ruhe geben, heimlich auf der Toilette rauchen und rumpöbeln. Frauenkegelclubs sind da besonders anstrengend, mit denen ist nicht zu reden. Bei Männerrunden kann ich mir immer noch einen greifen und ihm sagen: »Du, pass mal hier ein bisschen auf deine Kumpels auf, sonst lassen wir euch nach der Landung allesamt von der Polizei abholen.« Und meistens wirkt das auch.
Zur Not haben wir auch Handschellen an Bord, und ich habe auch mal gelernt, wie man sie benutzt. Ob das dann im Ernstfall auch funktionieren würde, ist eine andere Frage. Es gab mal einen Flug, da hat sich ein Passagier derart danebenbenommen, dass er schließlich von den anderen Passagieren ruhiggestellt wurde. Und zwar auf so heftige Weise, dass wir zwischenlanden mussten, um den auszuladen, weil wir Angst hatten, der überlebt das nicht bis zum Zielflughafen.
Ich bin seit zwanzig Jahren Flugbegleiterin, ich habe bei verschiedenen Airlines gearbeitet und habe wirklich schon viel gesehen. Und ich muss sagen: Am liebsten sind mir immer noch die Charter-Maschinen in ein Urlaubsland. Nicht mit Ferienhausbesitzern, sondern mit ganz normalen Leuten an Bord. Die sind aufgeregt und aufgekratzt. Natürlich ist es auch mal stressig, aber das ist mir immer noch lieber als diese abgeklärten Vielflieger, für die das Fliegen genau dasselbe ist wie Busfahren.
Ich freue mich immer, wenn ich mal jemanden an Bord habe, der zum allerersten Mal fliegt. Für den das noch etwas wirklich Besonderes ist, ein Abenteuer. Das hat früher ja auch ein bisschen das Flair dieses Berufes ausgemacht, da war die Fliegerei deutlich bunter. Aber heutzutage, wo alle so mobil sind, geht das immer mehr verloren.
Neulich hatte ich mal ein über achtzigjähriges Ehepaar an Bord. Und es war für beide der erste Flug. Die waren so rührend und haben sich ganz süß umeinander gekümmert, so was finde ich immer schön.
Was mit den Jahren wirklich schlimmer geworden ist: Die Leute haben verlernt, vernünftig miteinander zu sprechen. Es ist natürlich eine spezielle Situation, auf engstem Raum mit so vielen Menschen zehntausend Meter über dem Erdboden in einer Druckkabine eingepfercht zu sein und die Kontrolle über sein Leben in die Hände eines Piloten zu legen. Umso wichtiger ist es doch, dass man Konflikte freundlich löst. Dem anderen nicht gleich die Sitzlehne vors Gesicht knallt, höflich darum bittet, ob man mal vorbeidarf, anstatt gleich rumzublaffen.
Es gibt auch immer mal ein paar B- oder C-Promis an Bord, die sich wirklich furchtbar aufführen und permanente Sonderbehandlungen verlangen. Die stehen auch den ganzen Flug über im Gang rum, damit sie auch ja jeder sieht. Und dann gibt es richtige Promis, die wirklich sehr nett sind. Michael Douglas ist mal mit uns geflogen, der saß ganz entspannt auf einem Mittelplatz und hat gar kein Aufhebens um sich und seine Person gemacht. Und sogar Dieter Bohlen, den ich im Fernsehen wirklich nicht toll finde, ist an Bord ein sehr angenehmer, entspannter Gast.
Ich denke jedes Mal, wenn ich in den Flieger steige, übers Abstürzen nach. Man verdrängt das dann natürlich während der Arbeit, aber der Gedanke ist schon immer da. Je älter ich werde, umso mehr. Wenn man jung ist, geht man noch viel unbefangener an die Sache ran. Und tatsächlich passiert ja auch wirklich sehr selten etwas. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich diese Angst nicht kenne.
Ich habe Kolleginnen, die mit dem Alter richtige Flugangst entwickelt haben. Die waren quasi berufsunfähig, und das erkennt natürlich keine Berufsunfähigkeitsversicherung der Welt an. Das ist furchtbar. Ich bin Mitte vierzig, wenn ich nicht mehr fliegen könnte, was käme dann noch für mich infrage?
Auf Geräusche an Bord achte ich jedenfalls immer. Man bekommt ja auch eine gewisse Erfahrung, was sich normal anhört und was nicht. Und wenn ich etwas höre, was mir suspekt ist, dann melde ich das vorn im Cockpit. Neulich erst, bei einem Flug aus der Türkei zurück nach Deutschland, gab es beim Abheben einen Knall. Und ich dachte sofort: Da ist uns ein Reifen geplatzt! Hab ich auch so nach vorne gemeldet, und die haben dann auch vor der Landung gesagt: »Verstaut mal lieber alles besonders sicher, wer weiß, was noch passiert.«
Das ist ein Horror, so was. Wobei ein geplatzter Reifen noch nichts Schlimmes ist. Aber ich weiß aus den Trainings, was mit einem Flugzeug passieren kann, wenn beim Aufsetzen noch ein paar mehr Reifen platzen. Muss natürlich nicht sein, kann aber böse ins Auge gehen. Ist zum Glück alles gut gegangen, und die Passagiere haben das gar nicht groß mitbekommen. Und am Ende hat sich herausgestellt, dass es kein Reifen war, sondern ein Vogel, der uns voll gegen die Flügelwurzel geknallt war. Da war eine richtige Beule drin. Der hätte auch im Triebwerk landen können, dann hätten wir vielleicht ein kaputtes Triebwerk gehabt. Passiert übrigens gar nicht so selten, und wäre weitaus schlimmer gewesen …
Bei sehr starken Turbulenzen geht mir schon manchmal ein bisschen die Muffe, das darf ich vor den Passagieren natürlich nicht zeigen. Die achten auf jede Kleinigkeit, und wenn man da seine Mimik nicht im Griff hat, sorgt man nur für Unsicherheit. Da muss ich absolut professionell bleiben und vor allem dafür sorgen, dass die Trolleys schnell und sicher verstaut werden. Wenn plötzlich große Luftlöcher kommen, dann knallt so ein achtzig Kilo schweres Teil auch mal an die Decke. Ich bin einmal mit meinem Wagen richtig hinten in die Küche gesemmelt, das gab ordentlich blaue Flecken.
Ich weiß natürlich, dass die Maschinen alle für extreme Belastungen ausgelegt sind und Turbulenzen eigentlich nicht schlimm sind. Aber ich traue da den älteren Maschinen fast mehr als den ganz neuen. Früher wurde einfach robuster gebaut.
Es gibt Flugkapitäne, die fliegen wie die Piepmätze, die haben das schon mit der Muttermilch aufgesogen. Und andere, die lernen es nie. Das ist wie beim Autofahren auch: Es gibt gute und schlechte Autofahrer, und genauso gibt es gute und schlechte Piloten. Für Passagiere ist das nicht zu erkennen, viele glauben ja, eine besonders harte Landung sei keine gute Landung. Aber das ist Unsinn, im Gegenteil, bei bestimmten Wetterverhältnissen ist es sogar sicherer, hart aufzusetzen. Bei mir ist es einfach ein Bauchgefühl, das ich mit den Jahren bekommen habe. Und man hört natürlich auch die Geschichten über manche Kandidaten da vorn.
Ich bin immer froh, wenn eine altersgemischte Crew an Bord ist, ich finde, das wirkt auch seriöser. Manchmal, wenn ich diese Kapitäne sehe, die so Mitte zwanzig sind, denke ich: Oh, Junge, hast du überhaupt schon den Führerschein? Na ja, die können in den neuen Maschinen sicherlich besser mit der ganzen Computertechnik umgehen als die älteren Piloten, aber ich fühle mich trotzdem besser, wenn da auch jemand mit Erfahrung vorne sitzt. Und beim Kabinenpersonal ist es auch nicht anders.
Es ärgert mich, dass die Airlines nur noch junge Mädchen suchen, denen sie dann Zweijahresverträge geben. Die fliegen alle so harte Touren, dass sie das ohnehin nur für eine Weile machen und dann wieder aussteigen und vielleicht studieren gehen. Die Airlines sparen sich so natürlich Übergangsversorgung und Schwangerschaften. Und die Mädchen haben alle Schiss, ihre befristeten Verträge nicht verlängert zu bekommen – also mucken sie nie auf. Das ist aber auch für die Sicherheit an Bord relevant. Manchen Passagieren muss man einfach ein bisschen was entgegensetzen, da darf man keinen Ärger scheuen.