Wir sind in Paris, Gruß Jennifer - Gisela Böhne - E-Book
Beschreibung

Jenny, Verkäuferin in einer Boutique, möchte ihr Studium für das Lehramt wiederaufnehmen, obwohl sie schwanger ist. Mitverantwortlich für den Studienabbruch waren Halluzinationen: Sie sieht ihren verschollenen Vater. Von dieser vermeintlichen, psychischen Störung hat sie ihrem Lebensgefährten Bastian nichts erzählt. Ehe sie ihn von ihrem Plan überzeugen kann, bekommt dieser einen Anruf, der ernsthafte Probleme nach sich zieht.

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Sammlungen



Wir sind in Paris, Gruß Jennifer

Gisela Böhne

edition oberkassel

Inhaltsverzeichnis

1. Der Anruf

2. Verena

3. Im TGV nach Paris

4. Im Künstlerviertel Montmartre

5. Vor dem Centre Pompidou

6. Rückweg nach Frankfurt

7. Unterschiedliche Pläne

8. Willkommener Besuch

9. Parkplatz-Abenteuer

10. Jennys Pantomime

11. Jenny in Schnatbach und Bielefeld

12. Keine Zeit zum Reden

13. Die Segway-Tour

14. Verordnete Ruhe

15. Geheimisse

16. An der Alten Wassermühle

17. Sommerferien in Schnatbach

18. Schuld sind nur die Zwiebeln

19. Potts Park

20. Jenny wehrt sich

21. Der uneinsichtige Dieb

22. Der Clown

23. Folgenschwere Nachrichten

24. Wo ist Bastian?

25. Missverständnisse

26. Ein Strauß goldgelber Rosen

27. Brennende Fragen

28. Im mexikanischen Regenwald

29. Unwetterwarnung

30. Schlaflose Nächte

31. Boarding Time

32. Auf der Sparrenburg

33. In den Kasematten

34. Mehr als tausend Worte

35. Was geschah in Mexiko?

36. Unerwartete Reaktion

37. Spontane Entscheidung

38. Überraschung am Heiligabend

39. Das Geständnis

40. Hoffnungsschimmer

41. Nur ein Zufall?

42. Taufe und ein Rosenstrauß

43. Bedenkzeit?

44. Wochenende in Paris

45. Die Entschuldigung

46. Da muss etwas passiert sein

47. Ein Jahr später

Danke!

Dank an die LeserInnen

Gisela Böhne

Impressum

Landmarks

Cover

Inhaltsverzeichnis

1. Der Anruf

Jenny schob einen Stuhl neben das Fenster, setzte sich und legte ihre Hände auf den Bauch. Sie trug eine Hose mit dehnbarer Taille, obwohl das noch nicht nötig war. Aber bald würde man erkennen, dass sie ein Baby erwartete. Sie liebte den Blick aus diesem Fenster auf den Stadtwald, die Eichen und Buchen und den Flieder am Rande des Waldes. Die Bäume sprachen mit ihr; sie wiegten ihre Wipfel bei Wind, neigten die Äste bei Sturm oder hielten ganz still. Heute konnten sie sich nicht entscheiden. Aprilwetter halt. Die weißen Blüten des Magnolienbaumes leuchteten in der Abendsonne.

Von hier aus konnte sie sehen, wenn Bastian nach Hause kam. Eigentlich schade, dass sie selten die Möglichkeit hatte, vor ihm da zu sein, denn sie arbeitete in ihrer Boutique. Ein freies Wochenende war ein Geschenk, das es zu genießen galt, und dieses Wochenende war besonders.

Gerade holte Bastian Evi bei Verena ab. Seine Ex wollte an diesem Freitagabend dienstlich nach London fliegen. Jenny hatte Spiele aus ihrer Kindheit hervorgeholt, die für ein siebenjähriges Mädchen passend waren. Evi hatte jedes Mal viel Spaß daran, vor allem, wenn sie gewann. Morgen und übermorgen würde sie ihren Papa ganz für sich alleine haben, denn Jenny hatte bereits die Fahrkarte für ein Wochenende bei ihrer Freundin in Paris.

Wenn Evi eingeschlafen war, würde der Abend ihr und Bastian gehören. Heute würde sie ihm endlich sagen, dass sie gerne ihr Studium wieder aufnehmen wollte. Er würde ihr bestimmt zu diesem Entschluss gratulieren, und außerdem mussten sie Abschied nehmen, weil sie zwei Tage in Paris sein würde. Im Schlafzimmer hatte sie Blütenblätter vom Magnolienbaum auf ihren Betten verteilt und überall Teelichter aufgestellt. Schon bei dem Gedanken daran spürte sie seine Nähe.

Bastians Wagen bog um die Ecke. Jenny ging in den Flur und zupfte vorm Spiegel an ihren kupferroten Locken. Sie hörte, wie er die Tür aufschloss. Evi kam angesprungen, umarmte Jenny und fragte: »Im Fernsehen kommt Lenas Ranch. Darf ich das gucken?«

»Darfst du«, sagte Jenny lachend, und schon war Evi im Wohnzimmer verschwunden. Bastian hängte seinen Mantel sorgfältig auf einen Bügel an der Garderobe. Dann sah er sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte, der jedoch ihre Haut prickeln ließ. Er beugte sich zum Begrüßungskuss zu ihr herab. Sie schlang beide Arme um seinen Hals und küsste ihn.

»Oh«, sagte Bastian, »das war mehr als nur ein Begrüßungskuss. Ist dieser Kuss typisch für eine werdende Mutter im vierten Monat?«

»Vielleicht, aber heute einfach nur, weil es ungewöhnlich ist, früh Feierabend zu haben und dabei zu wissen, dass du gleich kommst. Es ist so gar nicht selbstverständlich.«

Bastian sagte nichts dazu. Seine Augen strahlten, mehr als sonst, nein, anders als sonst. »Ich habe eine Überraschung für dich. Ich habe beantragt, mehr im Innendienst eingesetzt zu werden.«

»Und?«

»Der Chef hat es mir zugesagt.«

»Wirklich?«, fragte Jenny leise. Bastian nickte und nahm sie in die Arme. Es tat beinahe weh. Jenny liebte seine Kraft und seine Zärtlichkeit. Er erreichte sein Ziel, setzte sich durch. Sie wollte auch stark sein. Sollte sie es ihm jetzt sagen?

Sie holte Luft. »Bastian, ich …«

»Was ist? Raus mit der Sprache.«

»Ich möchte nun doch mein Studium beenden.«

»Das ist nicht dein Ernst?«

»Ich träume schon lange davon, Lehrerin zu werden. Und ich bereue es sehr, Alexander zuliebe kurz vor dem Examen aufgehört zu haben.«

»Das war ein Fehler, der schwer nachzuvollziehen ist.«

»Viele Kunden sind nur meinetwegen wiedergekommen. Deswegen brauchte mich Alexander in seiner Boutique. Bastian, ich möchte mein Studium jetzt endlich mit dem Master of Education abschließen.«

»Schatz, du erwartest ein Baby, pardon, wir erwarten ein Kind!«

»Wir sind sowieso davon ausgegangen, dass wir eine Möglichkeit finden, wie ich in der Boutique weiterarbeiten kann. Worin liegt der Unterschied? Wäre es eine finanzielle Frage, wenn mein Verdienst eine Zeit ausfallen würde?«

»Nein, natürlich nicht, aber …«

Bastians Handy klingelte. »Es ist Thomas«, murmelte er und nahm das Gespräch an. »Na, was gibt’s? … Oh, Hallo, Mama.« Binnen Sekunden veränderten sich seine Gesichtszüge. Jenny konnte nicht verstehen, was Bastians Mutter sagte. Sie redete offensichtlich ohne Pause. Bastian hörte konzentriert zu. Seine Mimik war wie versteinert.

»Auf der Intensivstation? Wo?«

Jenny wagte nicht, ihn zu unterbrechen. Offensichtlich war etwas mit seinem Vater.

»Ich fahr gleich los. Tschüs, Mama.«

Mit ungewohnt tonloser Stimme sagte Bastian: »Thomas hatte einen schweren Unfall mit dem Trecker.«

»Dein Bruder!«, sagte Jenny entsetzt.

»Ja. Er ist die Böschung unterhalb des Hofs hinuntergerutscht und umgekippt. Zum Glück ist er nicht unter den Trecker geraten, sondern hinausgeschleudert worden. Er lebt, aber Mama weiß nicht, wie schwer er verletzt ist. Er wurde mit dem Hubschrauber nach Bielefeld ins Krankenhaus gebracht. Seine Anja ist mit dem Auto hinterhergefahren.«

»Und deine Eltern und Lisa?«

»Sind auf dem Hof geblieben. Mama war schrecklich aufgeregt. Sie sagte, Papa könnte nicht telefonieren und die kleine Lisa würde nur weinen. Mein Gott, wenn Thomas ernsthaft verletzt ist und nicht wieder gesund wird oder gar … Ich muss sofort hinfahren. Ich hole meine Reisetasche.« Schon griff Bastian zum Kellerschlüssel.

Jenny hielt seine Hand fest und zog ihn in die Küche. »Und was ist mit Evi?«, fragte sie.

Mit einem Seufzer setzte sich Bastian an den Küchentisch, stützte den Kopf in eine Hand und sagte: »Kannst du bitte das Wochenende mit ihr verbringen?«

»Bastian, ich fahre morgen nach Paris zu meiner Freundin.«

»Ich wollte mit Evi in den Zoo gehen. Das kannst du auch.«

»Darum geht es nicht. Ich freue mich schon seit Monaten auf Paris und auf Claudia. Außerdem möchte ich ihre Tochter und den kleinen Philippe kennenlernen.«

»Und das kannst du nicht verschieben?«

»Claudia muss als Fotografin oft am Wochenende arbeiten, und ihr Mann ist zurzeit beruflich in Bangladesch. Gemeinsame freie Tage sind für uns eine große Seltenheit.«

»Und wenn du Evi mitnimmst?«

»Hältst du das für eine gute Idee? Wie wird Verena darauf reagieren? Du weißt, wie sie mir gegenüber ist.«

Bastian erwiderte: »Bitte, ich muss zu meinen Eltern und zu Thomas. Evi mag dich doch sehr.« Eben, das ist ja das Problem, ging es Jenny durch den Kopf. Aber sie sagte nur: »Okay, ich nehme sie mit, aber erklär es ihr bitte vorher. «

Mit den Worten: »Danke, du bist ein Schatz. Ich packe meine Sachen ein«, verschwand Bastian im Schlafzimmer. Jenny bereitete für ihn Brote und eine Thermosflasche Tee für unterwegs zu. Von Frankfurt bis Schnatbach würde er mindestens dreieinhalb Stunden brauchen.

Bastian kam wieder, gab ihr einen Kuss und sagte: »Du denkst an alles.«

Sie schaute ihn an. »Wie hat Evi reagiert?«

»Erst wollte sie unbedingt mit nach Schnatbach zu Lisa und Oma und Opa. Ich habe ihr erklärt, dass es dieses Mal nicht geht, und versucht, ihr Paris schmackhaft zu machen. Aber du kannst das bestimmt besser als ich. Ich habe ihr erzählt, dass deine Freundin eine Tochter hat.«

Jenny seufzte, mahnte ihn, vorsichtig zu fahren, und ging nachdenklich ins Wohnzimmer. Evi stand bereits am Fenster. Jenny legte den Arm um sie. Bastian stieg ins Auto, winkte und fuhr los. Die Sonne war inzwischen untergegangen. Evi schluchzte. Jenny drückte sie und sagte: »Die Tochter meiner Freundin in Paris ist nur zwei Jahre älter als du. Sie spricht Französisch und Deutsch, denn ihr Papa ist Franzose, aber ihre Mama ist Deutsche. Ihr werdet euch bestimmt verstehen.«

»Dann ist sie schon neun Jahre alt«, stellte Evi fest und wischte sich ihre Tränen ab. »Wie heißt sie?«

»Marie-Christine«, sagte Jenny.

»Cool. Dann heißen wir ja beide auch Marie.« Evi wandte sich wieder dem Fernseher zu und fragte: » Darf ich die Sendung zu Ende sehen?«

»Jawohl, Eva-Marie.« Jenny erlaubte es Evi, um mit Claudia ungestört telefonieren zu können.

Danach würde sie für Bastians Tochter da sein – und für ihr ungeborenes Baby. Ihr durfte jetzt nicht auch noch etwas passieren. Die Ärztin hatte gesagt: »Es ist alles okay. Das Ultraschallbild sieht gut aus. Denken Sie trotzdem daran, dass Sie mit 36 Jahren als Spätgebärende gelten, besonders weil es Ihr erstes Kind ist. Wenn Sie die Schwangerschaft entspannt angehen, sehe ich keine Probleme.«

Hoffentlich war es mit Thomas nicht so schlimm, wie es sich anhörte. Und Verena? Wenn Jenny an Bastians Ex dachte, wurde ihr mulmig. Eigentlich müsste sie Verena anrufen, aber irgendwie war es ein Glück, dass sie nicht ihre Handynummer hatte. Beruflich war Verena erfolgreich und eine klar denkende Physikerin, aber wenn es um ihre Tochter ging, war ihr Verhalten unvorhersehbar.

Zwei Stunden später wählte Jenny Bastians Nummer.

Er reagierte sofort: »Hallo, Schatz, hast du deine Freundin in Frankreich erreicht?«

»Ja, sie freut sich auf mich und Evi.«

»Ist Evi eingeschlafen?«

»Ja, sie liegt in deinem Bett. Auf diese Weise hat sie wenigstens etwas von dir, meinte sie.«

»Sie wollte nur neben dir schlafen.«

Jenny nickte unwillkürlich und fragte: »Ist viel Verkehr?«

»Mehr als sonst. Es ist Freitagabend.«

»Melde dich, wenn du angekommen bist.«

»Mach ich.«

»Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch. Grüß alle von mir und alles Gute für Thomas.« Jenny wusste nicht, ob Bastian die letzten Worte noch gehört hatte. Würde es ihm überhaupt möglich sein, mit seinem Bruder zu sprechen?

***

Die Autobahnabfahrt Kassel-Wilhelmshöhe lag hinter ihm. Bastians Gedanken kreisten um Thomas. Was wäre, wenn er den Unfall nicht überlebte? Er war noch so jung. Der Bruder – schwer verletzt im Krankenhaus. Unvorstellbar! Bastian erinnerte sich, wie sie zusammen Fußball gespielt hatten und … verdammt! Er musste scharf bremsen. Er sollte sich auf den Verkehr konzentrieren. Am liebsten würde er direkt zum Klinikum in Bielefeld fahren. Aber er musste erst seine Eltern aufsuchen. Wer machte die Arbeit auf dem Hof? Die Eltern halfen zwar mit, so gut es ging, und Anja natürlich auch, aber die Hauptlast lag bei Thomas. Kam morgen schon ein Dorfhelfer? Die Pferde mussten schließlich versorgt werden.

Die Fahrt kam ihm heute endlos vor, obwohl der Verkehr nachgelassen hatte. Endlich tauchte das Ortsschild von Schnatbach auf. Kurz darauf fuhr Bastian auf die erst kürzlich gepflasterte Hofeinfahrt. Er wollte gerade die Kurzwahltaste von Jenny drücken, da wurde seine Autotür aufgerissen und Lisa umarmte ihn. Sie zitterte am ganzen Körper. Er streichelte ihr über den Kopf und sagte: »Jetzt bin ich ja da. Alles gut. Alles gut.« Dabei dachte er: Wenn jemand es mit diesen Worten ausdrückt, dann will er trösten, und gar nichts ist gut. Da sah Bastian seine Mutter im Türrahmen stehen. Sie wirkte so klein, in sich zusammengesackt.

Bastian nahm Lisas kleine Hand in seine große und folgte seiner Mutter in die Wohnküche. Dort stand sein Vater neben einem Küchenstuhl, auf dessen Lehne er sich abstützte. Bastian umarmte seine Eltern herzlich und fragte: »Was hört ihr von Thomas?«

»Er ist operiert worden und liegt auf der Intensivstation. Kannst du hinfahren und Anja ablösen? Lisa braucht jetzt ihre Mutter, und dein Vater will unbedingt mit zu Thomas.«

»Ich will auch zu Papa«, sagte Lisa. Bastian sah in die verweinten Augen seiner Nichte. Er hockte sich hin, sodass er mit Lisa auf Augenhöhe war, und erklärte ihr: »Ich fahre jetzt mit Opa zu deinem Papa, und du darfst mit Oma aufbleiben, bis deine Mama hier ist. Danach geht ihr alle zusammen schlafen. Jetzt ist es draußen dunkel und für kleine Mädchen viel zu spät für einen Besuch im Krankenhaus.« Bastian gab sich Mühe, beruhigend und bestimmt zu sprechen. Es half. Lisa nahm ihren Teddy, kuschelte sich in Opas Ohrensessel und sagte: »Ich warte auf Mama.« Ihr fielen die Augen zu. Sie würde gleich einschlafen.

Bastian lehnte das Angebot seiner Mutter, ihm den Eintopf vom Mittagessen aufzuwärmen, ab, und sagte zu seinem Vater: »Ich bringe nur eben die Reisetasche auf mein Zimmer.« Dort angekommen, teilte er Jenny in einer SMS mit, dass er auf dem Hof war und nun mit dem Vater ins Krankenhaus fahre. Als Bastian wieder in die Küche kam, schlief Lisa im Sessel und seine Mutter saß mit gefalteten Händen daneben. Sein Vater hatte bereits den Mantel an und wartete.

Es hatte aufgehört zu regnen. Bastian fuhr langsamer als gewöhnlich, denn sein Vater mochte es nicht, wenn er zügig fuhr.

»Weißt du, wie es passiert ist?«

»Mama hat den Aufprall gehört. Sie ist sofort hinausgelaufen. Ich habe den Notruf gewählt. Dann bin ich auch raus. Der Trecker war umgestürzt, weil der Straßenrand wegen des Dauerregens aufgeweicht war. Thomas lag neben dem Trecker. Er stöhnte. Der Kopf war voller Blut.« Der Vater konnte nicht weitersprechen.

Nach einer Weile fragte er: »Muss Jenny morgen arbeiten?«

»Es ist Evi-Wochenende. Evi ist bei Jenny. Verena musste zu einem Termin nach London.«

Am Klinikum angekommen, fuhr Bastian vor den Haupteingang, ließ den Vater aussteigen und sagte: »Du kannst schon reingehen. Ich suche inzwischen einen Parkplatz.« Sein Vater ging mit schleppenden Schritten zum Eingang. Bastian konnte sehen, dass er dringend eine neue Hüfte brauchte, aber der Vater schob die Operation immer wieder auf.

Als Bastian auf der Intensivstation ankam, öffnete ihm eine Krankenschwester die Tür zu einem Raum, an dessen gegenüberliegender Seite eine große Glasscheibe war. Davor standen sein Vater und Anja. Hinter der Scheibe lag Thomas mit Halskrause, an Schläuche angeschlossen. Der Kopf war verbunden und fixiert. Er hatte die Augen geschlossen. Bastian nahm seine Schwägerin in den Arm. Anja flüsterte unter Tränen: »Er hat Rippenbrüche, die heilen, aber die Folgen der Kopfverletzung können sie nicht einschätzen. Die Operation hat er überstanden. Sie sagen, er wird nicht querschnittsgelähmt sein.« Der Vater atmete schwer. Mit rauer Stimme fügte er hinzu: »Hoffen wir, dass es so ist.«

2. Verena

Jenny schreckte hoch. Das Handy klingelte. »Hallo, Bastian.«

»Hab ich dich geweckt?«

»Nein. Ich habe auf deinen Anruf gewartet. Ich muss eingeschlafen sein. Wie geht’s Thomas?«

»Sie mussten Thomas am Kopf operieren. Sie haben gesagt, er wäre stabil und würde auf der Intensivstation ständig überwacht. Dazu, ob alles wieder in Ordnung kommt, wollte der Arzt sich nicht äußern. Wir können jetzt nichts für ihn tun. Dir geht es doch gut trotz der ganzen Aufregung?« Seine Stimme klang besorgt.

Jenny stand auf und ging im Zimmer auf und ab. »Lieb, dass du fragst. Ich bemühe mich, ruhig zu bleiben.« Ihr Blick fiel auf ein Foto, das im Regal stand. Es zeigte Bastian und Evi. Sie hatten darauf beide das gleiche strahlende Lachen. In ein paar Monaten würde sie auch ein Foto von Bastian und ihrem Baby aufstellen können. Sie ließ sich in einen Sessel fallen. Sie wusste, welche Frage jetzt kommen musste.

»Jenny, hast du Verena angerufen?«

»Das musst du tun. Mir wollte sie ihre Handynummer nicht geben. Außerdem war sie im Flieger nach London, als deine Mutter anrief. Wir mussten entscheiden, was wir mit Evi machen.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Ich werde morgen früh versuchen, Verena zu erreichen.«

»Ich sollte ihre Nummer haben. Du musst sie davon überzeugen.«

Jenny hörte, dass Bastian seufzte. Dann sagte er: »Ich versuch’s. Du kennst ihre Einstellung.«

»Bastian, ich glaube, Evi ist wach. Wir telefonieren morgen wieder. Alles Gute für Thomas!«

»Danke. Schlaf gut.«

Jenny klappte ihr Handy zu. Diese Notlüge musste sein. Zu einer Diskussion über Verena hatte sie heute Abend keine Lust mehr. Zu genau hatte sie Verenas Worte im Ohr: »Du brauchst meine Nummer nicht. Du hast nichts mit Eva-Marie zu tun. Ich bin ihre Mutter.«

***

»Bastian, du kannst jetzt ins Bad.« Dieser Satz und die Stimme seiner Mutter klangen vertraut. Viele Jahre lang waren das die ersten Worte gewesen, die er am Morgen hörte.

»Danke, Mama«, rief Bastian unwillkürlich zurück, genau wie früher, und reckte sich. Dann wurde ihm die aktuelle Situation wieder bewusst.

Schlagartig war er hellwach.

Während er sich rasierte, dachte er daran, dass er Verena unbedingt anrufen musste, bevor er mit seiner Mutter ins Krankenhaus fuhr. Begann ihr Kolloquium früh, weil es sich um eine Tagung handelte, oder lag die Betonung darauf, dass es ein Festkolloquium zu Ehren eines Professors war? Verena hatte so etwas gesagt, aber er interessierte sich nicht mehr für ihre beruflichen Ambitionen.

Zurück in seinem Zimmer tippte Bastian auf ihre Kurzwahltaste. Nun geh ran, dachte er. Es dauerte. Er wollte keine SMS schreiben. Die Situation ließ sich mündlich besser erklären.

»Hallo, Bastian, lässt du schon lange klingeln? Ich war gerade unter der Dusche. Wir treffen uns nämlich gleich zum gemeinsamen Frühstück. Du glaubst gar nicht, was hier für interessante Leute sind! Geht es Evi gut? Gib sie mir. Hallo, Evi, meine Süße …«

»Eva-Marie ist nicht bei mir«, unterbrach Bastian ihren Redeschwall.

»Wie, ist nicht bei dir. Wo bist du denn?«

»Bei meinen Eltern in Schnatbach.«

»Du hast unsere Tochter bei Jenny zurückgelassen und besuchst deine Eltern?«

»Thomas hatte einen lebensgefährlichen Unfall und liegt im Krankenhaus. Ich musste sofort hierher fahren.«

»Und jetzt vergnügt sich Jenny mit Evi in Frankfurt.«

»Nein. Sie sind mit dem TGV nach Paris gefahren.«

»Evi und Jenny sind in Paris!« Bastian konnte hören, wie Verena die Luft einzog, bevor sie rausplatzte: »Also, das war das letzte Mal, dass ich dir Eva-Marie …«

»Verdammt noch mal, jetzt reicht’s! Verena, jetzt hörst du mir mal zu. Jenny hatte für dieses Wochenende einen Besuch bei ihrer Freundin in Paris geplant.«

»Und dann hat sie Evi einfach mitgenommen, ohne mich zu fragen?«

»Du warst auf dem Weg nach London.«

»Jenny hätte ihre Fahrt nach Paris verschieben können. Das hat sie sich ja raffiniert ausgedacht.«

»Rede nicht so einen Unsinn. Wenn Thomas keinen Unfall gehabt hätte, wäre ich mit Evi in den Zoo gegangen.«

»Wer’s glaubt!«

Nach kurzem Anklopfen steckte Bastians Mutter den Kopf zur Tür rein. »Bastian, kommst du zum Frühstück?«

Bastian nickte, wartete, bis seine Mutter die Tür wieder geschlossen hatte und sagte mit fester Stimme: »Wäre es dir lieber gewesen, wenn Jenny das Wochenende allein mit Evi in Frankfurt verbracht hätte? Jennys Freundin hat eine Tochter in ihrem Alter. So war es die beste Lösung.«

»Wann ist Evi wieder in Frankfurt?«

»Morgen Abend.«

»Sie verbringt noch einen Tag mit Evi in Paris! Das nutzt sie wirklich ….« Verena brach mitten im Satz ab. Bastian hörte eine Stimme im Hintergrund, als wäre jemand bei ihr im Zimmer.

»Verena, Jenny war mit ihrer Freundin verabredet, schon vergessen?« Bastians Stimme war energischer geworden.

Da sagte Verena in einer verstellt freundlichen Tonlage, die sicher für die Person in ihrem Zimmer gedacht war: »Ich werde zum Frühstück abgeholt. Gib mir mal Jennys Handynummer, damit ich meine Tochter anrufen kann.«

»Du hättest ihre Nummer haben können. Ich gebe ihr deine Nummer. Sie wird dir eine SMS schicken. Dann kannst du sie anrufen und mit Evi sprechen.«

»Es ist d e i n Evi-Wochenende. Mein Flieger geht am Montagvormittag. Ich werde Evi – wie verabredet – von der Schule abholen.«

»Tu das«, sagte Bastian, steckte sein Handy weg und schloss mit einem Knall das Fenster seines Zimmers, das er zum Lüften geöffnet hatte. Sie denkt wie immer nur an sich, dachte er, stürmte in die Küche, murmelte ein »Guten Morgen« und setzte sich an den Tisch. Seine Eltern musterten ihn. Dann fragte seine Mutter: »Schlechte Nachricht von Thomas?«

»Nein, nein, ich habe nicht mit dem Krankenhaus gesprochen.«

»Und mit wem hast du telefoniert?«, fragte sie und goss ihm Kaffee ein. Bastian biss in sein Brot, ohne zu antworten. Das Thema »Verena« wollte er jetzt nicht anschneiden.

»So verärgert, wie er wirkt, hat er mit Verena telefoniert«, stellte sein Vater fest.

»Ihr wart so ein gut aussehendes Paar«, sagte die Mutter.

»Ja, auf dem Hochzeitsfoto«, brummelte der Vater.

»Eben, und ich soll es nicht aufstellen«, beschwerte sich die Mutter mit einem Seitenblick auf Bastian und fügte hinzu: »Eva-Marie hat die gleichen blonden Haare wie ihre Mutter.«

»Bastian ist jetzt mit Jenny zusammen«, rügte der Vater in einem Tonfall, dem Bastian anmerkte, dass es diese Diskussion schon häufiger gegeben hatte.

»Du kannst ein Bild von Verena und Evi hinstellen. Es muss ja nicht das Hochzeitsfoto sein«, sagte Bastian, stand auf, nahm seine Jacke, half seiner Mutter in den Mantel und ging mit ihr zum Auto.

»Von dir und Jenny gibt es kein Hochzeitsfoto«, bemerkte die Mutter beiläufig.

Aha, dachte Bastian, daher weht der Wind.

»Wenn wir heiraten, erfährst du es als Erste, versprochen.« Bastian hielt seiner Mutter die Wagentür auf.

»Ja, wenn«, seufzte sie beim Einsteigen.

3. Im TGV nach Paris

Jenny und Evi saßen im TGV nach Paris.

»Wann sind wir da?«, fragte Evi.

»Es dauert noch. Wir sind doch gerade erst losgefahren.«

»Der Zug fährt aber schnell. Hält der überhaupt nicht an?«

»Nein, das ist eine sogenannte Sprinterverbindung zwischen Frankfurt und Paris, die ist ohne Zwischenhalt«, sagte Jenny. Die Reise würde vier Stunden dauern. Das war lange für ein kleines Mädchen.

Evi holte wie selbstverständlich einen Nintendo aus ihrem Rucksack. Blitzschnell begann sie, mit ihren Fingern auf dem Videospiel herumzuklicken. Sie schaute kurz auf und sagte: »Ich habe von Mama ein neues Spiel bekommen. Ich kann es schon ganz gut, aber ich muss noch besser werden.«

Jenny zweifelte, ob dieses Videospiel das Richtige für eine Siebenjährige war oder nur bequem für die Person, die auf das Kind aufpassen sollte. Was wäre, wenn sie Evi den Nintendo wegnehmen würde? Nein, das ging nicht, jedenfalls nicht gleich.

Jenny nahm ihr Buch »Sauve-moi« von Guillaume Musso aus der Tasche und begann zu lesen. Der Titel »Rette mich« und der Klappentext hatten sie angesprochen. Sie hatte es sich extra für diese Fahrt gekauft – wie immer, wenn sie französische Autoren las, in der Originalfassung. In der deutschen Übersetzung hieß das Buch »Eine himmlische Begegnung« und war gerade als Taschenbuch herausgekommen. Mal sehen, welcher Titel besser passte.

Jenny und Evi saßen einander gegenüber, Jenny in ihr Buch vertieft und Evi in ihr Videospiel. Eine ganze Zeit später schaute sie hoch.

»Ist dein Buch spannend?«

»Ja, sehr.«

»Liest du mir was vor?«

»Gern, aber nicht aus diesem Buch.«

»Weil es kein Buch für Kinder ist?«

»Auch, aber vor allen Dingen, weil es auf Französisch geschrieben ist.«

»Und das kannst du lesen?«

»Ja, Evi, das kann ich – schon lange.« Jenny zog das Jugendbuch, das sie in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft hatte, aus der Tasche. »Möchtest du selbst lesen? Im zweiten Schuljahr kann man doch schon lesen, oder?«

»Du sollst lesen. Es klingt immer so schön, wenn du das machst.«

»Aber heute muss ich leiser lesen als sonst, damit wir die anderen Passagiere nicht stören.«

Jenny las mit ihren angeborenen schauspielerischen Fähigkeiten. Ein fremdes Mädchen schaute um die Ecke und fragte, ob es zuhören dürfe. Seine Mutter kam und wollte ihre Tochter zurückholen. Jenny lud beide ein, sich auf die freien Plätze zu setzen, und las weiter vor. Die Kinder lauschten fasziniert.

Später holte Jenny Papier und Buntstifte hervor. Die Mädchen malten. Danach spielten sie mit den mitgebrachten Spielen. So ging die Zugfahrt kurzweiliger vorbei als erwartet.

Der TGV kam pünktlich in Paris an. Der Zugführer wünschte den Passagieren auf Französisch, Deutsch und Englisch einen angenehmen Aufenthalt. Evi setzte ihren Rucksack auf, aus dem ihr Teddy etwas zerknautscht herausschaute, und zog ihren bunten Trolley, den Verena immer gewissenhaft für die Evi-Wochenenden packte, hinter sich her. Jenny wollte ihren Koffer aus dem Gepäcknetz heben. Ein Passagier kam ihr zuvor.

Er übergab ihr den Koffer mit einer Verbeugung und den Worten »Bon voyage, madame.« Jenny lächelte. So waren sie, die Franzosen, natürlich charmant.

Auf dem Bahnsteig nahm Jenny Evi an die Hand und sagte: »Lass uns einen Moment warten, bis die meisten Passagiere weitergegangen sind. Dann findet uns meine Freundin schneller. Sie wollte uns auf jeden Fall am Zug abholen.«

Evi entdeckte eine lebhaft winkende Frau, die einen Buggy mit einem Jungen vor sich herschob, und ein Mädchen, das von einem Bein aufs andere hüpfte. Jenny und Claudia umarmten sich und begrüßten sich mit »französischen Küsschen« auf die Wange, rechts und links. Marie-Christine stellte ihren kleinen Bruder vor: »C’est Philippe, mon petit frère. Er ist acht Monate alt.« Eva-Marie sagte spontan: »Ich kriege auch bald einen Bruder.« Dabei zeigte sie auf Jennys Bauch.

»Prima, dass dein Besuch bei mir noch vor der Geburt eures Kindes geklappt hat«, sagte Claudia mit einem Augenzwinkern. »Geht es dir gut bei der Aufregung?«

»Alles okay«, versicherte Jenny. »C’est si bon. Es ist herrlich, hier zu sein.«

Philippe machte sich lautstark bemerkbar.

»Kommt, lasst uns schnell zum Auto gehen. Philippe kann sehr energisch werden, wenn er Hunger hat«, sagte Claudia.

Als sie wenig später unterwegs waren, hatten es die Mädchen geschafft, Philippe mithilfe von Evis Teddy abzulenken. Jenny las eine SMS von Bastian: »Hallo, Schatz, seid ihr gut angekommen? Verena habe ich heute früh informiert. Heute Vormittag war ich mit Mama bei Thomas. Er war wach und hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Ich komme morgen Abend nach Hause. Küsschen, dein Bastian«.

Jenny antwortete: »Wir sind in Paris. Claudia hat uns abgeholt. Wir melden uns, wenn wir bei ihr zu Hause sind, Kuss ­Jenny«.

Claudia steuerte ihren Peugeot routiniert durch den Wahnsinnsverkehr. Einen Augenblick hielt Jenny den Atem an, denn ihre Freundin bog trotz roter Ampel noch rechts ab, aber das schien hier keinen zu stören.

Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen am Tisch in der Wohnküche der Familie Garnier, die Mädchen auf einer roten Bank und die Mütter auf grünen Küchenstühlen. »Prinz Philippe« thronte im Hochstuhl am Kopfende.

Jenny klappte ihr Handy auf. Evi sah es, sprang sofort auf und rief: »Papa, ich habe eine neue Freundin. Sie heißt auch Marie, nur mit Christine dahinter.« Da überließ Jenny ihr das Smartphone und half Claudia, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.

»Ich bin froh, dass die Mädchen so gut miteinander auskommen. Bastian hat schon genug Sorgen«, sagte Jenny und beschrieb Claudia in Kurzform ihre augenblickliche Situation zu Hause.

»Oh, du Ärmste. Ich wünsche dir bonne chance, viel Glück. Wo sollen wir heute hinfahren? Hast du einen bestimmten Wunsch?«

»Nach Montmartre auf den Place du Tertre oder vielleicht zum Centre Pompidou«, antwortete Jenny.

»Super Idee«, rief Marie-Christine aus. »In Montmartre sind sooo viele Maler.«

»Und zum Centre Pompidou fahren wir dann morgen«, sagte Claudia.

Jenny freute sich. Wie oft fragte sie in der Boutique nach den Wünschen der Kunden und bemühte sich herauszufinden, was sie tatsächlich wollten. Heute war sie es, die sich etwas wünschen durfte.

4. Im Künstlerviertel Montmartre

In der Metro war Evi nicht von Jennys Seite gewichen, aber in Montmartre auf dem Platz mit den vielen Malern ließ sie Jennys Hand los. Bei jedem Porträtmaler blieben die beiden Mädchen stehen und berieten kichernd, welche der Touristinnen, die sich dort porträtieren ließen, am schicksten war: die rundliche Spanierin mit dem im Nacken geknoteten schwarzen Haar oder die Frau mit dem engen Kostüm, den bequemen Stiefeln und dem großen lila Hut? Claudia und Jenny standen mit Philippe im Buggy etwas hinter den Mädchen und den jeweiligen Malern und waren versucht, das Spiel der Kinder mitzumachen.

»Du hast dich vorhin spontan für diesen Platz entschieden«, sagte Claudia. »Das hätte ich mir fast denken können. Du bist damals schon immer gerne hierhergegangen.«

»Ja, ich wollte von den Malern lernen.«

»Die hätten von dir lernen können. Deine Zeichnungen waren genial.«

»So wie deine Fotos.«

»Ich habe mein Hobby zu meinem Beruf gemacht und bin Fotografin geworden. Und du wolltest Lehrerin werden.«

»Lass uns heute Abend darüber reden. Ich genieße die Atmosphäre auf diesem Platz. Sie ist zu heiter für ernste Gespräche.«

»Stimmt. Wenn ich die beiden Mädchen so sehe, bereue ich, dass ich den Fotoapparat zu Hause gelassen habe.«

»Gutes Stichwort«, sagte Jenny und zückte ihr Smartphone. Die Kinder waren sofort einverstanden. Marie-Christine legte ihren Arm um Evi und beide Mädchen strahlten in die Kamera. Jenny und Claudia waren sich einig: Frankreichs nächste Topmodels waren eindeutig die beiden Maries, die eine »vorne mit Eva«, die andere »hinten mit Christine«.

Plötzlich stutzte Jenny. »Schau mal«, sagte sie, »da vorne, ist das nicht Pierrot? Er sitzt an der gleichen Stelle wie damals. Ich muss ihn begrüßen. Vielleicht kennt er mich noch.«

»Lauf hin«, erwiderte Claudia, »ich komme langsam mit den Kindern nach.«

Als Jenny bei dem alterslosen, bärtigen Pierrot ankam, blickte er auf, sah Jenny gefühlte sieben Sekunden an, sprang auf, breitete die Arme aus und rief: »La duchesse! Ah voilà, que tu es belle.«

Dann umarmte er sie, Küsschen links, Küsschen rechts, und das gleich zweimal. La duchesse, wie lange war sie nicht mehr so angeredet worden. Und er hatte sie sofort erkannt! Ganz selbstverständlich begann sie ein Gespräch mit Pierrot in französischer Sprache. Es fiel ihr leicht und klang vertraut, als wäre sie zu Hause.

Als Marie-Christine hinzukam, fragte sie: »Warum nennt dich der Mann Duchesse? Du bist doch gar keine Herzogin.«

»Weil ich Jennifer Herzog heiße. Als ich hier in Paris wohnte, nannte man mich Herzogin, also Duchesse – nur so als Spitzname.«

»Sprichst du Französisch, weil du hier gewohnt hast?«

»Auch und weil …« Jenny zögerte kurz, dann ergänzte sie: »Weil ich eine französische Großmutter habe.«

Christine zog die Stirn kraus und dachte angestrengt nach. »Ist das die Mutter von deinem Papa oder deiner Mama?«

»Gute Frage«, sagte Jenny, »von meinem Papa.«

»Hmmm«, sagte Marie-Christine. »Dann ist dein Papa halb französisch, so wie ich halb deutsch bin. Meine Kinder sollen auch mal beide Sprachen sprechen können.« Unwillkürlich musste Jenny lachen bei dieser so ernsthaft vorgetragenen Zukunftsprognose. Dann wurde sie nachdenklich. Warum nur hatte sie nicht einfach gesagt: Weil mein Papa Franzose ist? Fiel es ihr immer noch schwer, über ihn zu sprechen?

»So, ihr Lieben«, sagte Claudia, »es ist schon halb sieben. Ab nach Hause. Ich habe Quiche Lorraine vorbereitet.«

Eine Dreiviertelstunde später war diese Spezialität aus Lothringen im Backofen und Claudia damit beschäftigt, Philippe ins Bett zu bringen. Da rief Bastian an. Er nannte Jenny Verenas Handynummer und bat darum, dass sie ihr eine SMS schickte. Dann überließ Jenny Evi das Smartphone. Evi rief begeistert: »Papa, Paris ist super!«

Als Jenny die gewünschte SMS mit den Worten: »Wir sind in Paris, Gruß Jennifer« an Verena schickte, war es ihr eine Genugtuung, dass Bastian ihre Nummer nicht einfach an Verena weitergegeben hatte.

Nach dem Abendessen – die Mädchen hatten bereits den Auftrag, ihren Schlafanzug anzuziehen – meldete sich Verena und verlangte, sofort Evi zu sprechen, weil sie wenig Zeit hätte. Bei ihrem Dinner würde gleich der nächste Gang aufgetragen. Angeberin!

Während die Mädchen sich in Marie-Christines Zimmer noch unterhielten, machten es sich Claudia und Jenny im Wohnzimmer gemütlich. Claudia holte zwei Gläser, eine Flasche Merlot und Traubensaft für die werdende Mama.

»Was hörst du von deinem Mann?«

»Frédéric ist planmäßig in Bangladesch angekommen. Seine Firma lässt dort nähen. Das ist billiger als bei uns. So ist das eben heutzutage. Die Oberhemden können hier einfach nicht so günstig hergestellt werden.«

»Ich weiß«, sagte Jenny, »habe lange genug in der Boutique von Alexander gearbeitet.«

»Jetzt hast du aber ein Geschäft für Kindergarderobe?«

»Ja, ich bin quasi Mitinhaberin in einer Boutique für Kindermode, das heißt, Nicole hat die Boutique von ihrer Tante geerbt. Sie lässt mich nie spüren, dass sie die Chefin ist. Im Gegenteil, sie bespricht die wichtigen Entscheidungen mit mir und gibt mir immer das Gefühl, mitverantwortlich zu sein.«

»Du hast bestimmt ein Gespür für Farben und Formen.«

»Ja, und auch dafür, ob die Kleidungsstücke kindgerecht und praktisch sind.«

»Aber du brennst nicht für diesen Beruf. Warum hast du damals dein Studium kurz vor dem Examen abgebrochen?«

»Der Liebe wegen.« Jenny erklärte: »Ich habe während des Studiums in einem Geschäft für Damenmode gejobbt. Dort habe ich mich in meinen Chef verliebt. Als Alexander in Münster – das liegt gut hundert Kilometer von Bielefeld entfernt – eine eigene Boutique übernehmen konnte, wollte er unbedingt, dass ich mitkomme.«

»Was heißt unbedingt?«

»Ich habe einen Blick dafür, was den Kunden steht.«

»Dann hat er dich fürs Geschäft haben wollen?«

»Nicht nur. Er konnte sehr charmant sein.«

Claudia goss ein weiteres Glas Traubensaft ein. »Hast du es eigentlich bereut, dein Studium aufgegeben zu haben?«

Das Gekicher der Mädchen wurde lauter. Claudia stand auf. »Ich glaube, ich muss da mal ein kleines Donnerwetter loslassen.«

Als sie wieder zurück war, fragte sie mit Blick auf Jennys Glas: »Musst du dir Mut antrinken für die Antwort auf meine Frage?« Da merkte Jenny erst, dass sie das zweite Glas Saft bereits ausgetrunken hatte.

»Ja, ich habe es oft bereut, das Examen nicht gemacht zu haben, aber als ich mit Alexander zusammen war, wollte ich das nicht wahrhaben«, antwortete Jenny. »Heute denke ich, dass Alexanders Bitte, mit ihm nach Münster zu kommen, nicht der Hauptgrund war, meine Examensarbeit abzusagen.«

»Warum? Hattest du Prüfungsangst?«

»Nein, das nicht. Es hängt mit meinem Vater zusammen. Er hat uns verlassen, als ich sechs Jahre alt war. Das habe ich ihm nie verziehen. Er hatte als Schauspieler irgendein tolles Engagement bekommen und glaubte, Karriere machen zu können. Ich hörte nichts von ihm, und, soviel ich weiß, meine Mutter auch nicht. Geld kam von meinem Vater sowieso nicht.«

»Er hat sich niemals bemüht, dich zu treffen?«

»Doch, einmal. Da war ich vierzehn und in der Pubertät. Ich habe ihn bewusst weggeschickt. Ich glaube, das war schlimmer, als ihn anzuschreien.«

»Hast du später versucht, ihn zu finden?«

»Ich habe nach ihm Ausschau gehalten, ihn aber nicht richtig gesucht. Nach unserer Zeit in Paris bin ich auch noch als Au-pair-Mädchen nach Australien gegangen, damit diese unwillkürliche Ausschau nach meinem Vater ein Ende hatte.«

»Was hat das mit deinem Examen zu tun?«

»Ich liebe die französische Sprache. Ich habe sie in den ersten sechseinhalb Lebensjahren genauso viel gesprochen wie Deutsch und habe immer den wunderbaren Klang im Ohr, den mein Vater ihr als Schauspieler gab. Mein Aufenthalt in Australien und damit verbunden die Entscheidung für Englisch als erstes Fach war gewissermaßen ein Protest gegen das Verhalten meines Vaters. Als ich die Examensarbeit in Englisch schreiben sollte, hat sich alles in mir dagegen gesträubt. Es kam mir wie ein Verrat an meiner Liebe zu meiner Vatersprache vor.«

»Heute würdest du Französisch als erstes Fach wählen und deine Arbeit in Französisch schreiben?«

»Ja, und das mit großem Vergnügen. Ich war vorhin so glücklich, als ich mich mit Pierrot unterhalten habe. Und ich lese alle französischen Autoren immer im Original.«

»Darf ich dir noch ein Glas Saft einschenken?«, fragte Claudia.

Jenny schüttelte den Kopf. »Ich würde gerne schlafen gehen. Danke, dass du mir zugehört hast. Ich habe bisher mit niemandem darüber gesprochen.«

»Auch mit Bastian nicht?«

»Über meinen Vater schon. Er meint, ich solle ihn suchen.«

»Vielleicht hat er recht. Gute Nacht, Jenny, und träum was Schönes.«

»Am besten auf Französisch«, kicherte Jenny. Doch als sie im Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Zu sehr hatte sie dieses Gespräch aufgewühlt.

***

Als Bastian zum Abendessen die Küche betrat, warteten die Eltern bereits mit Stippgrütze auf ihn. Die war nirgends so gut gewürzt wie hier. Aber heute aßen sie ohne Appetit. Lisa wollte wissen, wann der Papa wieder gesund sein würde, und weil keiner eine Antwort darauf wusste, bestand sie trotzig darauf, ihrem Pony gute Nacht sagen zu müssen. Die Erwachsenen ließen sie gewähren.

Die Frauen räumten den Tisch ab. Der Vater schlug Bastian vor, mit ihm »ums Haus« zu gehen. Früher hatten sie manchmal am späten Abend einen solchen Männerspaziergang um den Hof, das Haus, die Scheune, die Ställe gemacht. Männerspaziergang nannten sie das, weil sie nur die notwendigsten Dinge besprachen und ansonsten schweigend nebeneinander hergingen.

Plötzlich unterbrach der Vater die Stille. »Bist du bei euch in der Spedition eigentlich nur im Büro tätig?«

»Ja, meistens, ich kümmere mich um den Papierkram, den reibungslosen Ablauf, die Organisation, eben die betriebswirtschaftlichen Aufgaben.«

»Und deine Arbeit macht dir Spaß?«

»Ja. Ich trage viel Verantwortung, gerade das reizt. Die für uns wichtigen Kunden akzeptieren mich ebenso wie unsere Fahrer.«

Der Vater blieb stehen, holte tief Luft und fragte: »Musst du auch mal aushelfen, wenn einer der Lastwagenfahrer ausfällt?«

»Eher selten«, antwortete Bastian, »aber es kommt schon mal vor, wenn Not am Mann ist.«

»Hm«, brummte der Vater. Dann fügte er hinzu: »Du warst genauso stolz wie Thomas, als du zum ersten Mal den riesigen Mähdrescher gefahren hast.« Bastian nickte. Ob es sein Vater sehen oder nur spüren konnte, war nicht klar, denn es wurde dunkel, und die Mondsichel kam zum Vorschein. Als sie wieder vor der Haustür angekommen waren, war der Mond hinter einer Wolke verschwunden.

5. Vor dem Centre Pompidou

Jenny biss genussvoll in ihr zweites Croissant. Das französische Frühstück war nicht so üppig wie ein deutsches, aber es schmeckte herrlich nach Frankreich. Die beiden Mädchen aßen schnell ihr Croissant und verzogen sich in Marie-Christines Zimmer, denn sie hatten eine Idee. Sie spielten Modenschau mit der Garderobe der kleinen Französin. Mit dem Smartphone ihrer Mutter machte Marie-Christine Fotos von Eva-Marie. Damit ahmte sie ihre Mutter nach, denn Claudia war von Beruf Modefotografin.

Wenig später zeigte sie die Fotos ihrer Mutter, die sie gebührend bewunderte. Evi wollte auch fotografieren und bettelte: »Jenny, darf ich dein Handy haben?« Marie-Christine versicherte: »Ich zeige ihr, wie man lustige Fotos macht.« Daraufhin gab Jenny dem französischen Mädchen ihr Smartphone.

Marie-Christine sagte: »Ich probiere es mal aus. Stellt euch bitte zusammen.« Evi schmiegte sich sofort begeistert an Jenny, und die Französin fotografierte mit Jennys Handy. Claudia schaute ihrer Tochter über die Schulter und stellte fest: »Das ist eine gelungene Aufnahme mit großer Aussagekraft.« Begeistert verschwanden die beiden Mädchen wieder im Kinderzimmer.

Claudia goss Jenny eine Tasse Kaffee ein und schnappte sich ihren Sohn, um ihn mit einer frischen Windel reisefertig zu machen. Jenny trank ihren Kaffee in kleinen Schlucken und fühlte sich wohl. Als Claudia mit dem zufrieden dreinschauenden Philippe wiederkam, rief sie die Mädchen und verkündete: »Auf geht’s zum Centre Pompidou.«

Da zeigte Evi Jenny stolz, dass sie mithilfe ihrer neuen Freundin das Bild von sich und Jenny per WhatsApp an ihre Mutter geschickt hatte. Jenny starrte auf das Foto. Verena bekam dieses liebevolle Bild von ihr und der anschmiegsamen Eva-Marie von ihrem Smartphone und das ohne Kommentar. Was dachte Verena jetzt von ihr?

Claudia sagte nur: »Oh là là!«, sah Jenny an und verstand die Situation. Ein solches Foto ohne Worte an die Ex des Mannes, das war gemein.

Die Kinder sagten nichts. Sie schienen zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Claudia beugte sich zu ihnen hinunter und erklärte: »Man darf mit einem fremden Handy zwar fotografieren, aber die Fotos nicht abschicken. Das darf nur derjenige, dem das Handy gehört.«

»Werden wir jetzt bestraft?«, fragte Evi erschrocken.

»Nein, nein«, antwortete Claudia. »Ihr solltet das nur für die Zukunft wissen.«

Auf dem Weg zur Metro sagte Jenny leise: »Claudia, ich war nicht die Ursache für die Scheidung. Bastian und Verena waren schon getrennt, als ich Bastian kennenlernte.«

»Schon gut, aber Verena ist trotzdem eifersüchtig.« Unwillkürlich zuckte Jenny mit den Schultern, nickte gleichzeitig und fragte: »Soll ich Verena anrufen und erklären, dass Evi das Foto ohne mein Wissen geschickt hat?«

»Kannst du machen. Aber wenn sie dich jetzt für gemein hält, dann ist das nicht das Problem. Damit kann sie leben. Die Botschaft, die das Foto ausstrahlt, ist es. Sie zeigt deutlich, wie sehr ihre Tochter dich mag. Das schmerzt.«

Die Metro kam. »Einsteigen!«, rief Claudia.

Eine halbe Stunde später waren sie an Jennys Wunschziel, den Straßenkünstlern vor dem Centre Pompidou, angekommen. Der Platz vor diesem modernen Gebäude aus Glas und Stahl war voller Menschen. Für die Museen, Ausstellungen von berühmten Kunstwerken und die riesige Bibliothek, die sich in dem Bauwerk befanden, war keine Zeit, aber die rote Treppe, die außen an dem sieben Stockwerke hohen Gebäude hinaufführte, reizte natürlich. Claudia schlug vor, einige Stufen hinaufzusteigen, damit die Kinder den tollen Blick von oben auf den turbulenten Platz hatten und sich an die vielen Menschen gewöhnten. Sie nahm Philippe auf den Arm und ließ den Buggy am Fußende der Treppe stehen. Nach zwei Stockwerken vibrierte Jennys Handy in ihrer Jackentasche. Sie zog es heraus und sagte: »Es ist Verena.«

Claudia schaltete sofort und schlug den Mädchen vor, zu den Stelzenläufern hinunterzugehen. »C’est cool«, rief Marie-Christine und begann als Erste mit dem Abstieg.

Jenny meldete sich unwillkürlich offiziell: »Jennifer Herzog«, und hielt sich ein Ohr zu, obwohl es hier oben unter dem Glasdach, das die Treppe überspannte, nicht so laut war wie unten auf dem Platz.

»Hallo, Jennifer. Hier ist Verena. Hörst du mich?«

»Hier ist es ziemlich laut. Wir sind auf dem Platz vor dem Centre Pompidou.«

»Der Sonntagnachmittag ist also auch in Paris kein Tag zum Shoppen gehen?« Wie kam Verena jetzt auf shoppen?

»Verena. Das Foto hat die Tochter meiner Freundin …«

»Auch wenn du eine Verkäuferin aus der Modebranche bist, weißt du schon, dass es nicht deine Aufgabe ist, Eva-Marie neu einzukleiden?« Ach du liebe Zeit. Verena hatte auf dem Foto gesehen, dass Evi Sachen anhatte, die Verena nicht gekauft hatte. Wenn das ihr einziges Problem war …

»Jennifer, bist du noch dran? Kannst du überhaupt auf Evi aufpassen und gleichzeitig telefonieren?«

»Am besten meldest du dich heute Abend in Frankfurt. Unser Zug kommt gegen 19 Uhr dort an. Dann kannst du Evi sprechen. Im Augenblick unterhält sie sich mit einer menschlichen Sonnenblume auf Stelzen. Dabei wird sie sprachlich von ihrer neuen Freundin unterstützt.«

»Ach, jetzt suchst du auch schon ihre Freundinnen aus. Das wird ja immer besser.«

Jenny ballte in ihrer Tasche eine Faust und zwang sich zu einer ruhigen Stimme. »Die Freundinnen sucht sich ein siebenjähriges Mädchen alleine aus.«

»Du musst es ja wissen. Ich rufe heute Abend an, wenn Bastian in Frankfurt ist, und spreche mit ihm.« Das letzte Wort betonte Verena, als wollte sie damit ihr Anrecht auf den Vater ihres Kindes unterstreichen. Jenny legte ihre Hände auf ihren Bauch und fühlte. In einem halben Jahr würde sie ebenfalls ein Baby haben – mit Bastian zusammen. Warum ließ sie sich von Verena so reizen? Bastian gehörte doch jetzt zu ihr.

Da sah sie Evi fröhlich winken. Sie winkte zurück und beeilte sich, zu Claudia und den Kindern zu kommen. Kurz bevor sie die Stelzenläufer erreicht hatte, wischte sie sich ein paar Tränen ab. Nein, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Sie hatte sich so auf Paris gefreut.

»Pardon«, entschuldigte sie sich, »dass ich euch so lange alleine gelassen habe, aber ich habe von Weitem gesehen, dass ihr euch mit der großen Sonnenblume unterhalten habt.«

»Ja«, sagte Evi, »und ich habe ihr auf Französisch gesagt: Ich bin Evi. Je suis Evi. Marie-Christine bringt mir nämlich Französisch bei.«

»Salut«, riefen die fantasievoll verkleideten Blumen aus drei Metern Höhe und stolzierten weiter.

Claudia fragte Jenny leise: »War es schlimm?« Jenny nickte. »Irgendwie ganz blöd.«

»Versteh ich, aber du schaffst das schon.« Ihre Worte taten Jenny gut.

Sie kamen zu den Jongleuren. Philippe quietschte vor Vergnügen, als er die vielen bunten Bälle sah. Zwei Frauen jonglierten mit beeindruckend vielen Reifen.

Eine Band spielte Rockmusik und drei Paare tanzten dazu Rock‘n’Roll. Auf der anderen Seite der Esplanade rappte ein Junge gekonnt. Die Zuschauer klatschten Beifall.

Ein Clown fiel besonders auf. Er imitierte perfekt den Gang anderer Passanten, ohne dass diese es merkten. Jenny zuckte es in den Füßen. Sollte sie auch? Warum eigentlich nicht? Es war doch ein Spaß! Und dann hielt sie nichts mehr zurück. Sie ging hinter fremden Personen her und ahmte deren Gang und ihre Haltung nach. Claudia stellte bewundernd fest: »Du kannst das genauso gut wie der Clown.«

Jenny erklärte: »Die Begabung dazu habe ich von meinem Vater.«

Der Clown drehte sich um und war blitzschnell in der Menschenmenge verschwunden. Jenny hatte das Gefühl, dass er unmittelbar nach dem Umdrehen bewusst untergetaucht war, oder bildete sie sich das nur ein? Ihre Augen suchten die Menge ab. Da, hatte er dort drüben nicht gerade hinter dem Stelzenläufer hervorgeschaut?

»Jenny, du bist ja ganz blass. Ist dir nicht gut?«, fragte Claudia.

»Nein, nein, es geht schon wieder. Ich hatte nur gerade wieder eine Halluzination.«

»Gerade wieder? Kommt das häufiger vor?« Jenny nickte kaum merklich und sagte leise: »Manchmal bilde ich mir ein, meinen Vater zu sehen.«

»Du sehnst dich nach ihm«, stellte Claudia fest.

»Die ersten sechseinhalb Jahre meines Lebens war er meine wichtigste Bezugsperson, denn er lernte zu Hause seine Rollen, während meine Mutter für die Kostüme im Theater zuständig war. Und dann war er auf einmal weg. Eine Scheidung gab es nicht, weil meine Eltern nie verheiratet …«

»Philippe!« Ein Rapper war dem Buggy gefährlich nahe gekommen, sodass er fast umgefallen wäre. Claudia konnte ihn gerade noch vor dem Umkippen festhalten.

Entschlossen sagte sie: »Ich glaube, wir sollten nach Hause fahren, damit ihr noch eine Kleinigkeit essen könnt und anschließend pünktlich euren Zug bekommt.«

»Bringen wir Evi und Jenny zum Bahnhof? Bitte«, bettelte Marie-Christine.

»Machen wir«, sagte Claudia. »Um kurz nach zwei brechen wir auf.«

6. Rückweg nach Frankfurt

Der Braten war ein perfektes Sonntagsessen, einschließlich Schokoladenpudding.« Bastian schob den Teller ein Stück zur Mitte und lehnte sich zurück, als wollte er zeigen, wie satt er war.

»Wenn man ein paar Stunden im Stall gearbeitet hat, weiß man das Mittagessen zu schätzen«, sagte die Mutter. Der Vater fügte hinzu: »Danke für deine Hilfe. Es ist gut, dass du da bist. Morgen wird der Dorfhelfer da sein. Wirst du wiederkommen?« Die Eltern und Anja sahen ihn gespannt an.

»Ja, am nächsten Wochenende«, antwortete Bastian und fügte hinzu: »Jetzt fahre ich erst zu Thomas und von dort nach Frankfurt. Ich möchte Eva-Marie noch sprechen.« Mit den Worten: »Danke für das leckere Essen« stand er auf und drückte seine Mutter.

Als er Lisa zum Abschied in den Arm nahm, fragte sie: »Bringst du Eva-Marie mit?«

»Das nächste Mal nicht, aber bestimmt mal wieder, versprochen.«

Er verabschiedete sich von seinem Vater mit einem festen Händedruck. Seine Eltern wünschten ihm eine gute Fahrt und ließen Jenny herzlich grüßen. Anja begleitete ihn zum Auto und bedankte sich, dass er sofort gekommen war.

Als er auf der Intensivstation eintraf, sagte die Krankenschwester: »Nur ein paar Minuten.«

Thomas war wach. Aus müden, verzweifelten Augen sah er Bastian an und sagte: »Hallo, Bastian. Ich habe starke Kopfschmerzen. Ich kriege Schmerzmittel, damit ich es aushalten und schlafen kann. Am Mittwoch wollen sie ein MRT machen. Drück mir die Daumen.«

»Es geht bestimmt gut. Sie sagen, dass du Glück gehabt hast.« Bastian versuchte, zuversichtlich zu wirken.

»Bitte kümmere dich um die Eltern, Anja und Lisa, wenn ich es nicht kann.« Das Sprechen fiel Thomas sichtlich schwer, aber er fügte noch hinzu: »Und um den Hof. Er ist doch unsere Lebensgrundlage.«

Bastian berührte Thomas leicht und sagte: »Mach ich. Versprochen.«

»Danke«, sagte Thomas und schloss die Augen. Das war heute schon das zweite Mal, dass er etwas versprach.

Würde er seine Versprechen halten können?

Er blieb noch eine Weile bei seinem Bruder, bis er sicher war, dass Thomas eingeschlafen war.

Auf dem Weg zum Auto kam er an einem Kaffeeautomaten vorbei.

Er zog sich einen Pappbecher mit Kaffee und stellte sich an ein Fenster mit Blick auf einen Rasen mit Maulwurfshügeln und Krokussen. Wie lange musste Thomas im Krankenhaus bleiben? Würde er wieder gesund werden? Und wenn ja, wann? Wie würde die Arbeit auf dem Hof weitergehen? Der Dorfhelfer übernahm die nötigsten Arbeiten, aber würde er auch die Sportplätze mähen und den Mähdrescher fahren, der in der Erntezeit zum Einsatz kam? Diese und ähnliche Zusatzaufgaben sicherten die Existenz des Hofes. Von der Pferdepension und der Versorgung der Tiere allein konnten sie nicht leben.

Bastian schrieb Jenny eine SMS: »Hallo, ihr beiden. Ich fahre jetzt aus Bielefeld los. Ohne Stau müsste ich es schaffen, euch vom Zug abzuholen. Bis nachher, Bastian und Papa«.

***

Jenny und Evi saßen nebeneinander im TGV von Paris nach Frankfurt. Der Zug war gut besetzt, zumal im gleichen Wagen eine Gruppe Jugendlicher Platz genommen hatte. Sie waren schätzungsweise um die sechzehn Jahre alt, hatten offensichtlich super Tage in Paris verbracht und mit unterschiedlichem Erfolg versucht, ihre Sprachkenntnisse anzuwenden. Sie wurden begleitet von einer jungen Frau und einem Mann mittleren Alters.

Jennys Handy brummte, eine SMS von Bastian. Sie zeigte Evi die SMS. Evi las sie langsam vor und sagte: »Also holt Papa uns ab?« Jenny nickte.

»Und was ist, wenn er einen Stau hat?«

»Dann fahren wir beide zu uns, und dein Papa kommt später nach Hause.«