Wir sind wie Schiffe auf dem Meer - Unser komplexes Navi - Irrfahrten und destruktive Manöver - Michael Pflaum - E-Book

Wir sind wie Schiffe auf dem Meer - Unser komplexes Navi - Irrfahrten und destruktive Manöver E-Book

Michael Pflaum

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Beschreibung

Der 2. Band von "Schluss mit dem alten Sünden-Christentum" gibt mit vier Gesamtschau-Perspektiven Erklärungszugänge, warum Menschen Irrfahrten und destruktive Manöver begehen. Denn wer den alten Sünden-Begriff kritisiert, muss alternative Erklärungen anbieten, warum Menschen nicht immer Gutes wirken und bewirken. Das Buch ist mit Beispielen reichlich gefüllt. Theologische, philosophische und psychologische Ansätze ergänzen sich fortwährend gegenseitig.

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Seitenzahl: 1146

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

VORWORT

DAS ANLIEGEN DER BEIDEN BÄNDE

DAS GANZE AUF EINEN BLICK JUGENDLICHEN ERKLÄRT

SOCKEL DER SÜNDEN: FILTER – VIELFALT – PROBLEMERFASSUNG

Filter

Vielfalt

Problemerfassung

Ignatianische Spiritualität: je nachdem

Zusammenfassung und Einordnung

VIELFÄLTIGE BEGRIFFE UND SYSTEMATISIERUNGSVERSUCHE

Verwirrung

Sammelbegriffe

Die Verwirrung durch Propaganda

Ideologie

Geschichtlichkeit vergessen –

Verluste und Pochen auf das Anrecht

Verschweigen

Unbewusste Verzerrungen – Biases entdecken

„Urteilt nicht!“: Tendenz zur Schwarz-Weiß-Malerei – Probleme mit Ambiguität und Nichtwissen

Die Wolfssprache und das Wolfsdenken

Zurückweisung der Gemeinschaft

Falsche Menschenbilder

Zu viel oder zu wenig und verdrehte Ausrichtung

Platon und Aristoteles in unserem Denken

Von arroganten Ignoranten zu bescheidenen Lernenden werden

Wer es nicht weiß, urteilt schnell moralisch mit Wesensaussagen

Bias Attributionsfehler

Das alte-Sündenchristentum – ein Attributionsfehler

Das alte Sünden-Christentum im neuen Gewand

Der Balken im eigenen Auge

Nachsicht mit anderen wachsen lassen

Was aus der Schieflage politisch werden kann

Arrogante Ignoranz von manchen Reichen

Die Wirkungen eines statischen Selbstbildes

Abschließende Bemerkungen

Anderer Straßengraben – zu viel Chaos

Der Übergang ist fließend

POLYVAGALSYSTEM UND TRAUMATISIERBARKEIT

Wir sind Schiffe auf dem Meer – und ein wenig Nixen im Meer

Entstehungsgeschichte Polyvagaltheorie

Die drei Lebensmodi

Einsichten aus der Polyvagaltheorie

Erstarrung ist ein Überlebensmodus und kein Mangel, keine Charakterschwäche.

Die Einschätzung, ob die Situation sicher oder gefährlich ist, geschieht zum größeren Teil unbewusst durch Neurozeption.

Das Nervensystem ist ein dyadisches System von Körper und Umwelt bzw. Mitmensch.

Das Hauptziel des Polyvagalsystems ist Sicherheit, Lebenssicherheit.

Die Vagusbremse ermöglicht geschmeidige Abstufung und Regulation.

Die drei Modi in Variationen

Die lange übersehene Variation bei sozial zugewandt

Aus den drei Modi ergeben sich soziale Lebensmodi bzw. Sozialkonstellationen

Ist der Mensch kooperationsfähig oder des anderen Menschen Wolf?

Es braucht für gesundes Leben und Lernen Wechsel und Rhythmen, ohne in Extreme zu verfallen

Die verschiedenen Bindungskonstellationen zwischen Eltern und Kindern ergeben sich auch aus dem Polyvagalsystem

Das Polyvagalsystem ist das nicht bekannte Fundament unseres Geistes – wir sind Nixen!

Geschwindigkeiten und Affizierungen im Zwischenmenschlichen

Eine neue Einsicht aus einem Coaching

Unbewusste Abwehrmechanismen sind nicht unbedingt Neid

Spinoza: Geschwindigkeiten und Affizierungen

Was triggert mich? Was bringt mich in einen Flow?

Affizierung zum Flow und archetypische Charismen

Positive Affizierung durch Mitmenschen

Der Kiesler-Kreis mit der Polyvagaltheorie betrachtet

Man kann freundlich UND dominant sein, als Chef und auch als Untergebener

Nachsichtig aus einer dominanten Position heraus sein

Körperliche Übergangsbrücken üben

Traumatisierung und Kultur

Kultur prägt die Reaktionsmuster des Polyvagal-systems

Kultur verlernt die natürlichen Lösungsmechanismen nach einem traumatischen Erlebnis

Verlust von Verbindung

Neurogenes Zittern

Alter Sündenbegriff und Polyvagalsystem

Sünde als absondern – Polyvagalsystem und Spinozas Philosophie

Ethische Fundierung mit der Traumatisierbarkeit des Menschen

Naturrecht heute?

Ethische Beurteilung von Sozialformen

Späte Einsicht in der deutschen Rechtsprechung bei sexueller Gewalt

UMGANG MIT RADIKALEN – FEINDESLIEBE KONKRET UMGESETZT

Die Ausgangsfrage

Der Zusammenhang des Themas mit der Polyvagaltheorie

Charlie Veitsch – der Verschwörungstheoretiker

Ausbruch aus der sektenhaften Kirche Westboro

Die Geschichte von Zach

Die Geschichte von Megan

Deep Canvassing

Die Entstehungsgeschichte von Deep Canvassing

Geschichten hören und erzählen – der Kern des Erfolges von Deep Canvassing

Sozial zugewandte Atmosphäre schaffen

Gemeinsam Reflektieren

Wie verlaufen diese Gespräche ganz konkret?

Deep Canvassing und gewaltfreie Kommunikation

Street Epistemology

Was ist Street Epistemology?

Street Epistemology die einzelnen Schritte

Beispiel eines Street Epistemology-Gespräches:

Chance für die Demokratie

LEBENSPHILOSOPHISCHE ETHIK

Das kindliche Gehirn und die kindliche Entwicklung

Die physiologische Grundlage

Guardinis Gegensatzphilosophie

Bergsons Moral- und Religionsphilosophie

Bergsons „Zeit und Freiheit“

Bergsons „Materie und Gedächtnis“

Deleuze „Differenz und Wiederholung“

Das Erhabene bei Kant und Deleuze

„Tausend Plateaus“ – ein lebensethisches Meisterwerk

PSI – EIN GESAMTMODELL DER PSYCHE

Die vier Persönlichkeitstypen anhand Josua, Saul, David und Salomon beschrieben

König Saul, der Ängstliche

König David, der Spontane

Josua, der Planer

König Salomo, der Weise

Lust und Unlust - Basisaffekte

Intuitive Verhaltenssteuerung (IVS)

Objekterkennungssystem (OES)

Intentionsgedächtnis (IG)

Extensionsgedächtnis (EG) und das Selbst

Modulationen: Wie wechsle ich die Systeme?

Intentionsgedächtnis und intuitive Verhaltenssteuerung

OES / Fehler-Zoom und EG / integriertes Selbst

Ruth und Noomi – von der Pflicht zur Freude und von der Klagenden zur weisheitlichen Ratgeberin

Extensionsgedächtnis und Intentionsgedächtnis

Wer dirigiert? Zentrale Stellung des Selbst

Bemerkungen zur PSI-Theorie

Faszination komplex austariertes, hochflexibles System

Auf die Zweitreaktion kommt es an

Ignatianische Spiritualität: Contra agere

Was ist „Sünde“ betrachtet aus der PSI-Theorie?

Illusion, dass man immer alles gleich richtig kann und müsse

Drei Anwendungen für alltägliche Lebensprobleme

Belohnungsflut

Wie sich motivieren?

Gefühle ungut unterdrücken

Einige Biases mit der PSI-Theorie erläutert

„Anleitung zur Selbstüberlistung“

Propaganda – Reduzierung der Zweitreaktion

Moralisches Bauchgefühl und ethische Reflexion

WARUM WIR MIT BERGSON UND WHITEHEAD ÜBER SPINOZA UND KANT HINAUSGEHEN

Spinoza und Nietzsche

Bergson, Whitehead und die immanente Transzendenz

Omri Boehms radikaler Universalismus in der Nachfolge von Kant

Kritik an Kants Freiheitsphilosophie

Martin Luther King und die Moral der Begeisterung

Die kleine alltägliche Bewegung hin zur Menschheitsliebe

Kamel, Löwe, Kind

Ronja Räubertochter

INNERES FAMILIENSYSTEM – IM INNENRAUM DES SCHIFFES – DIE MANNSCHAFT ENTSTEHT

Die Entstehungsgeschichte

Wie Menschen ihre inneren Teile entdeckten

Jeannette: Innere Kritiker und weitere Teile – ihre guten Absichten

Diane: Sich entschmelzen

Herr Wilk: Drei Kategorien

Das Selbst

Warum die Beschäftigung mit IFS erhellend ist

IFS und die Philosophie von Nietzsche und Leibniz

Meine Psyche ist mannigfaltig: Teile und Triebe

Moral nach Nietzsche

Der innere Kritiker als Ursprung des Ressentiments

Das Selbst und selbstähnliche Teile bei Nietzsche

Wandelbarkeit der Teile bei Nietzsche

Leibniz weiß um die Tiefendimension und Wandelbarkeit der Teile

Leibniz´ Monade hat einen Blickpunkt, ein Selbst

IFS – Systemische Betrachtungen und Störungen im System

Regeln in Systemen

Entwicklung, Gleichgewicht, Harmonie, Führung

Beispiel: Ampelkoalition – ein unharmonisches System

Beispiel: Grenzen setzen – Aufgabe der Leitung

Beispiel: Internationale Zusammenarbeit zur Bewältigung der Klimakrise

Traumatisierung mit der IFS beschrieben

Vergleich: Angriff auf ein Land

Wenn sich Traumata festsetzen

Verbannte

Feuerbekämpfer

Ethische Schlussfolgerungen

Verbannte, verwundete Teile – wie Lasten entstehen

Der ambivalente Lebensbeginn

Es gibt drei Hauptgründe, Teile zu verbannen

„Unsere Verbannten sind ein vergrabener Schatz, den wir wie Giftmüll erleben“

Extreme Glaubenssätze der Verbannten und ihre Wirkungen

Verbannte Teile verhalten sich wie bindungsgestörte Kinder

Sünde in der IFS-Logik: Disharmonie und Lasten

Heilungswege für verwundete und Lasten tragende Teile

Ethische Konsequenzen aus den Einsichten

Täterteile und Boshaftigkeit

IFS und Spiritualität – Unterscheidung der Geister

Zwiegespräch mit Gott und das Selbst im IFS

Möbiusband zwischen Beziehung zu Gott und Beziehung zu sich selbst – Gnade von außen und von innen

Das „Ego“ mit der IFS betrachtet

Selbstähnliche Teile

Unterscheidung der Geister, Aufdeckung und Heilung von spirituellem Missbrauch

Gesunde magis-Spiritualität bei Ignatius und bei der IFS

Konkrete Formen von spirituellem Missbrauch

IFS und Zwischenmenschliches

Die grundsätzliche Struktur

Wo kommt die gewaltfreie Kommunikation an ihre Grenzen?

Zum Tor-mentor werden in der Beziehung

Die illusionierenden Abwehrmechanismen

Das Problem der Parrhesia - Differenzierungen

IST DER MENSCH VON SEINER NATUR AUS GUT?

Welche Antwortmöglichkeiten gibt es?

Nussbaums Kindheitsanalyse – ihre Konzeption des radikal Bösen

Faktoren für eine gute Entwicklung aus dem Königreich der Angst

Ist das „Gebot der Liebe“ überhaupt ein Gebot? – ins Zentrum des Anliegens dieses Buches

Großherzigkeit und Nachsicht

Spiel und Ritornell

Ekel und projektive Abscheu, Gruppenzwang und Autoritätshörigkeit und ihre Überwindung

Zehn Sternstunden für Familien

SCHULD UND SCHULDEN

ENNEAGRAMM – SÜNDE ALS UNHARMONISCHE DYNAMIK DES INNEREN SYSTEMS

Mit IFS das Enneagramm beschrieben

Die „3 x 3“ - Logik im Enneagramm

Reifung

Die neun Typen mit neun Predigten vorgestellt

Typ Eins: Der Perfektionist – Zorn

Typ Zwei: Der Helfer – Stolz

Typ Drei: Der Erfolgreiche – Lüge

Typ Vier: Der melancholische Andere – Neid

Typ Fünf: Der Wissende – Geiz

Typ Sechs: Der Skeptische – Angst

Typ Sieben: Der Glückliche – Maßlosigkeit

Typ Acht: Der Kämpfer – Schamlosigkeit

Typ Neun: Der Friedfertige - Trägheit

Rückblick auf die neun Enneagrammtypen

Die Entwicklung „von oben“ beschrieben

Vorbemerkung zu dieser „Abschlusspredigt“ zum Enneagramm

Abschlusspredigt: Die drei Schritte der Entfremdung und die Rückkehr zur heilenden Gegenwart Gottes

METAREFLEXION ZU GEFÜHLEN

Warum Gefühle beim Thema Sünde untersuchen?

Gefühle – ins Innere der Steuerung des Schiffes

Drei Welten – drei Ebenen – drei Gehirne

Zwei Wege, wie Gefühle entstehen

Kreuzungen – der Ort der Gefühle

Genese und Kritik der Gefühle, Transzendentaler Empirismus, Unterscheidung der Geister

GEFÜHLE IN UNSERER MODERNEN GESELLSCHAFT – EINE ETHISCHE HERAUSFORDERUNG

Gefühle in der Moderne

Liebe

Deleuze: Drei Arten von Linien

Die Liebe als Fluchtlinie und Überschreitung

Kapitalismus vereinnahmt die Liebes-Fluchtlinie

Die gesellschaftlichen Zeichen in der Liebe

Désir in „Anti-Ödipus“ – jenseits von Marx und Freud

Komplexität der modernen Liebe

Ethische Folgerungen

Eifersucht

„Der Andere als Ausdruck einer möglichen Welt“

Eifersucht in Prousts Welt

Eifersucht in der patriarchalen Welt

Verlustaversion und Gewalt

Zwei Ratschläge von Deleuze für Liebende

Exkurs: Philosophen über Zwischenmenschliches

Sartre: Der ertappte Voyeur

Levinas: Der ganz Andere als Gast

Husserl – viele Blickwinkel und eine identische Welt

Buber – das Zwischenmenschliche

Deleuze – Gewimmel möglicher Welten der Anderen

Ergänzung: Wenn Männer glauben, sie stehen über den Frauen

Die Ideologie, die zur Gewalt gegen Frauen führt

Taktiken der Täter

Strukturelle Sünden der Gesellschaft und Institutionen

Misogynie in der Politik wieder hoffähig geworden

Eine neue katholische Sexualmoral…

Enttäuschung

Kierkegaards Menschenbild und Enttäuschung

Die neuen Bedingungen in der Moderne

Madame Bovary und der endlose Kreislauf des Konsums

Meritokratie – ein Märchen geworden

Wie mit der Enttäuschung umgehen?

Hoffnung

Hoffnung und Neuschöpfung

Handlungsorientierte Emotion, die Geschichte vorantreibt

Notwendigkeit für die Demokratie

Der amerikanische Traum

Wenn Hoffnung Wandel verhindert

Die dunkle Seite des „Immer besser“

Wie eine Hoffnungsvision angesichts von Klimawandel und Artensterben entwickeln?

Nostalgie und Heimatlosigkeit

Diskordanz der Vermögen

Migration

Großstädte

Politische Umbrüche

Kapitalismus

Das bittersüße Versprechen auf Rückkehr in die Vergangenheit

Furcht

Furcht im Krieg

Furcht und Gemeinwesen

Liberalismus und seine Dialektik mit der Furcht

Furcht als politische Waffe

Furcht des fürsorgenden Staates

Das Weltbild der Demokraten und der Republikaner

Soziale Gefühle

Zorn: das Rätsel der Seele

Zorn – eine soziale und moralische Emotion

Bedürfnisurteil versus moralisches Urteil und Pharisäertum

„Zeitalter des Zorns“ und „Das Licht, das erlosch“

Ethische Frage nach der Unterscheidung der Geister beim Zorn

Zorn ist im Patriarchat männlich – unterdrückte Wut bei Frauen

Falsche Richtung der Wut

Lagerbildung und Zorn und die Frage nach der Überwindung derselben

Opferkultur und vulnerable Gesellschaft

Die drei Moralkulturen der heutigen Gesellschaft im Vergleich

Straßengräben in den Erziehungsstilen

Widersprüche der drei Moralkulturen

Populismus und Trumpismus und ihre Widersprüche

Ausweg aus der Eskalationsspirale

Ergänzung: Ethische Herausforderung Internet und soziale Medien

Scham und Stolz

Grenzen erleben, Scham und Unterscheidung der Geister

Soziale Unterdrückung

Scham in der Moderne

Beschämer und Beschämte

Beschämung im Internet

Von der Scham zum Stolz

Auch Stolz ist ambivalent

Neid

Kain und Abel, Othello und Jago

Demokratie, Kapitalismus und Neid

Neid, soziale Landkarten und soziale Realitäten

Wann wird Neid gefährliches Ressentiment?

Ressentiment

Primäre Ressentimentbildung

Sekundäre Ressentimentbildung

Voraussetzungen und Wirkungen des Ressentiments

Wichtige Differenzierungen

Wie die Populisten Ressentiment für ihre eigene Macht nutzen

SCHLUSSGEDANKEN

Philosophische Rückschau auf „Schluss mit dem alten Sündenchristentum“

Rückblick auf dieses Werk mit dem Buch „Erlösung aus Prägung“

Konzepte und die entscheidende Frage

Dynamiken, Kreisläufe

Probleme in der Theologie, Philosophie – Probleme in der Welt

Einige Tugenden und Übungswege

Naikan – Dankbarkeit, Liebe und Nachsicht

Trauern, Bedauern und Beichten

Verzeihen und Versprechen

Gemeinsamkeiten suchen und erkennen – Bedürfnisse und gewaltfreie Kommunikation

Zweitreaktion, Bias korrigieren – The Work

Gestaltung des Lebens mit aktiver und kontemplativer Seite der Freiheit – das kontemplative Gebet und das Staunen

Sich auf Selbstwirksamkeit fokussieren

Sinn finden

Dienend leiten

Nachsicht mit sich und anderen – IFS

LITERATURVERZEICHNIS

ANMERKUNGEN

Vorwort

Wichtiger Hinweis an alle Leserinnen und Leser: Inzwischen habe ich mit verschiedenen Menschen gesprochen, die den 1. Band gelesen haben. Von manchen bekam ich die Rückmeldung: Manche Passagen, gerade die philosophischen sind schwer zu lesen. Aber es sind sehr viele Beispiele aus dem Leben drin. Die sind wiederum verständlich. Auch in diesem 2. Band wechselt es ab. Viele Kapitel sind leichter zu lesen, enthalten viele verständliche Beispiele. Andere Passagen enthalten philosophische Reflexionen, die manchen schwer fallen, anderen dagegen sehr helfen, ihre Gedanken zu ordnen.

Deswegen die wichtige Empfehlung: Trauen Sie sich, Passagen, die für Sie schwierig sind, zu überspringen. Trauen Sie sich, einfach irgendein Kapitel zu lesen, dessen Thema Sie interessiert. Wenn Sie mal einen Satz nicht verstehen, lesen Sie einfach weiter. Es wäre schade, wenn Sie den Elan verlieren. Ich glaube: es gibt genug interessante, verständliche, lebensnahe Passagen für jeden in diesem Buch. Ein weiser Mann sagte einmal: Man sollte beim ersten Lesen das Buch im Sturm erobern und danach sich den Passagen widmen, die man noch nicht bewältigt hat. So wünsche ich Freude und neue Einsichten bei der Lektüre!

Sie können z. B. gleich das restliche Vorwort überspringen. Denn dieses Vorwort gibt einen groben Überblick über den Aufbau des Buches. Da dieser komplex ist, kann das Vorwort auch evtl. mehr verwirren als helfen. Dann überspringe man es einfach und beginne mit „Das Anliegen der beiden Bände“. Oder mit: „Das Ganze auf einen Blick Jugendlichen erklärt.“

Wer den alten Sünden-Begriff überwinden will, muss neue Erklärungen anbieten, warum Menschen immer wieder Irrfahrten begehen und destruktive Manöver vollziehen.

Der 1. Band hat den Schwerpunkt, eine immanente Lebens-Ethik für Christen in einer pluralen Welt zu skizzieren. Der 2. Band vertieft sich mehr in die Frage, warum Menschen Irrfahrten und destruktive Manöver vollziehen. Aber diese zwei Themen sind nicht sauber zu trennen, gerade wenn man davon ausgeht, dass wir die Orientierung immanent bestimmen müssen, weil wir Schiffe auf dem Meer ohne Leuchtturm sind. Deswegen waren Irrfahrten und destruktive Manöver auch im 1. Band Thema und die immanente Lebensethik ist auch im 2. Band Thema. Zusammengefasst kann man sagen: Der 1. Band ist im Schwerpunkt Ethik und 2. Band im Schwerpunkt Erforschung des Vermögens zur Ethik und Erforschung des Vermögens zu Irrfahrten und destruktiven Manövern.

Das Buch wird durch zwei Texte eröffnet: Der Essay „Anliegen der beiden Bände“ versucht, das Ganze und die eigentliche Intention beider Bände in den Blick zu nehmen. Der Essay „Das Ganze auf einen Blick Jugendlichen erklärt“ versucht, in einfacher Sprache, kompakt das Anliegen des ganzen Werks, also beider Bände, zu formulieren.

Das Kapitel „Der Sockel der Sünden: Filter – Vielfalt – Problemerfassung“ ergründet auf philosophisch sehr allgemeiner Betrachtungsweise, warum wir Menschen Mist machen. Er beschreibt den Grund, den „Sockel“, aus dem einzelne „Sünden“, destruktive Taten, entstehen.

Dann werden drei für mich äußerst erhellende psychologische Theorien vorgestellt und in ihrer ethischen Bedeutung erforscht: Die Polyvagaltheorie, die PSI-Theorie und das innere Familiensystem.

Die Unterkapitel bzw. Essays „Von arroganten Ignoranten zu bescheidenen Lernenden“, „Schuld und Schulden“ und „Ist das „Gebot der Liebe“ überhaupt ein Gebot? – ins Zentrum des Anliegens dieses Buches“ versuchen nochmals auf verschiedene Weise den Kern zu ergründen, warum wir das alte Sünden-Verständnis überwinden müssen.

Vier weitere philosophische Essays verteilen sich auf das ganze Buch:

Der Essay „Lebensphilosophische Ethik“ präsentiert einen philosophischen Rahmen, in dem die Gedankengänge des 2. Bandes stattfinden. Der Essay „Warum wir mit Bergson und Whitehead über Spinoza und Kant hinausgehen“ ist gewissermaßen die Schlussfuge des 1. Bandes, die Zusammenfassung und die Schlussfolgerung aus dem 1. Band. Der Essay „Ist der Mensch von seiner Natur aus gut?“ bezieht sich besonders auf die Philosophie von Martha Nussbaum und findet eine differenzierte Antwort auf die Frage. Der Essay „Metareflexion zu Gefühlen“ durchleuchtet die besondere Stellung von Gefühlen bei uns Menschen und ihre zentrale und auch ambivalente Bedeutung für ein ethisches Leben.

Nach den drei innerpsychischen Gesamtschau-Perspektiven, also der Polyvagaltheorie, der PSI-Theorie und der IFS, wechseln wir zur soziologischen Perspektive: Wie wirken soziale Strömungen und Kräfte auf uns und affizieren uns? Wie müssen wir diese Kräfte und unsere Reaktionen darauf ethisch beurteilen? Dabei ist besonders das Werk von Eva Illouz „Explosive Moderne“ Leitfaden unserer Analyse.

Die zwei Bände „Schluss mit dem alten Sünden-Christentum“ enthalten einige Texte, die ich schon veröffentlicht habe und nun etwas abgewandelt bzw. ergänzt eingebaut habe. Das liegt auch daran, dass diese zwei Bände Frucht einer Meta-Reflexion über die Bücher, die ich schon geschrieben habe, sind.

Das Anliegen der beiden Bände

Wir haben im 1. Band drei große Kritikpunkte am alten Sündenbegriff herausgearbeitet und uns dadurch drei Ziele uns dadurch gesetzt:

1. Kritik an der Definition: Sünde ist Übertretung des göttlichen Gesetzes. Das göttliche Gesetz ist transzendent.

1. Ziel: Wir sind Schiffe auf dem Meer ohne Leuchtturm. Wie kann eine immanente christliche Ethik ausschauen?

2. Kritik an der Überladung des Begriffs: Sünde ist ein zu allgemeiner Begriff, wie ein zu großmaschiges Netz.

2. Ziel: Eine Ethik, die uns Handwerkszeug gibt, um im Leben je nachdem zu beurteilen, was besser und was schlechter ist für alle Beteiligten.

3. Kritik in Bezug auf die Wirkung: Der alte Sündenbegriff wirkte und wirkt oft als Meta-Sünde. (Meta, also übergeordnete Ebene, weil der alte Sündenbegriff unser ganzes Denken, Fühlen, Handeln negativ beeinflusst.) Er baut einen übertrieben starken inneren Richter auf, der verzerrt urteilt. Er sondert die Person von möglichem Wachstum ab. (ab-sondern, vermindern, verzerren) Er kann unterdrückende Machtstrukturen fördern. Er vermindert das Tätigkeitsvermögen der Menschen.

3. Ziel: Eine aufbauende, fördernde Ethik. Im Christentum gab es schon immer untergründig eine immanente, aufbauende, je-nachdem-beurteilende Ethik. Man betrachte nur Jesu Ethik oder die Seelsorge großer Heiliger wie z. B. Ignatius von Loyola. (Um dies im Buch selbst an einigen Stellen deutlich zu machen, habe ich einige Einschübe „ignatianische Spiritualität“ eingefügt.) Aber mit Spinoza, Bergson, Whitehead und Deleuze können wir schärfer den Unterschied herausarbeiten und die Grundlagen für eine solche Ethik schaffen. Mit Polyvagalsystem, IFS oder Illouz´ Analyse der Gefühle will ich dieser Ethik Handwerkszeug beigesellen, damit man je nachdem auch beurteilen, entscheiden und handeln kann.

Relationales Verständnis: Was wir mit Whitehead, Werbick, Spinoza, GfK (gewaltfreie Kommunikation, siehe 1. Band ausführlich) und Nietzsche gelernt haben: Wenn wir in einer immanenten christlichen Ethik das Wort Sünde benutzen, dann muss Sünde immer relational verstanden werden: Eine Beziehung ist gestört und beeinflusst damit auch die anderen Beziehungen.

Die Beziehung zu mir selbst: Mein Tätigkeitsvermögen wird vermindert, die passiven Affekte dominieren. Wichtige Bedürfnisse von mir missachte ich bzw. missachten andere.

Die Beziehung zum anderen: Ich missachte ihre/seine Bedürfnisse. Ich finde nichts Gemeinsames, das Trennende dominiert.

Die Beziehung zu Gott: Ich höre nicht auf die leisen Anstöße, Impulse, die der Heilige Geist mir gibt.

Die Vielfalt der Irrwege und destruktiven Manöver erfasst man nicht mit dem einen Begriff Sünde. Man braucht viele Begriffe und viele Blickwinkel, verschiedene Betrachtungsebenen. Diese Vielfalt will ich in meinem Werk auffächern.

Vier Gesamtschau-Perspektiven Die Vielfalt präsentiere ich in diesem Werk nicht nur durch verschiedene Begriffe anstelle des einen Begriffs „Sünde“, sondern auch durch vier Gesamtschau-Perspektiven: Polyvagalsystem, PSI-Theorie, das innere Familiensystem und Illouz soziologische Analyse der Moderne. Warum diese vier Gesamtschau-Perspektiven?

Erstens gehe ich grundsätzlich mit Spinoza davon aus, dass wir für die ethische Reifung ein tieferes Verständnis von uns selbst und von menschlichen Gesellschaften bekommen müssen. Denn es läuft soviel unbewusst ab, in unserem Körper-Geist-System und zwischenmenschlich, sozial, dass wir ein tieferes Verständnis brauchen, um unsere spontanen Impulse und Gedanken als mögliche Irrfahrten und destruktive Manöver erkennen zu können.

Daraus folgt zweitens, dass wir nicht nur rein innerpsychisch unser Verständnis verbessern müssen, sondern eben auch das Körperliche und das Soziale mit einbeziehen müssen.

Sicherlich könnte man auch andere Gesamtschau-Perspektiven auswählen. Aber für mich sind die vier ausgewählten Gesamtschau-Perspektiven sehr erhellend und zusammengenommen sehr umfassend:

Die Polyvagaltheorie beschreibt die drei grundsätzlichen Lebens-Modi unseres Körper-Geist-Systems, die wir auch bei allen Säugetieren vorfinden. Die Polyvagaltheorie erfüllt auf ganz besondere Weise Spinozas Forschungsauftrag: „Freilich, was der Körper vermag, hat bisher noch niemand festgestellt.“1 Denn wir wechseln zwischen den drei Lebens-Modi immer unbewusst und tief körperlich hin und her. Wir werden sehen, wie wir mit den drei Lebens-Modi viele psychische und soziale Konstruktionen und Herausforderungen besser und tiefer verstehen.

Die PSI-Theorie vertieft das Verständnis der Logotherapie, dass wir nicht nur Getriebene unserer unbewussten Triebe sind, sondern dass wir uns immer auch bewusst dazu verhalten können, gerade in der Zweitreaktion.

Das innere Familiensystem offenbart unsere Psyche als vielfältig, mannigfaltig. Sie gibt uns neben den anderen zwei psychischen Gesamtschau-Perspektiven einen weiteren neuen Einblick in das komplexe Innere unseres „Navis“.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Unsere inneren Kämpfe, die sich in unseren Gefühlen zeigen, sind verursacht durch soziale Prozesse und deren Spannungen. Daraus folgt zweierlei: Manch einer mag so manches Gefühl als „Sünde“ ansehen: Wut, Neid, Angst usw. Aber wenn wir diese Gefühle nur unterdrücken, haben wir doppelt verloren: Erstens, weil wir innere Teile in uns verdrängen und zweitens, weil wir möglicherweise die sozialen Konflikte, die wichtige Ursache eines solchen Gefühls sein können, gar nicht registrieren! Nur wenn wir das tiefer verstehen, können wir auch bewusst gestaltend gesellschaftlich wirken. Spinoza schrieb seine Ethik, um Menschen zu mehr Einsicht zu verhelfen, so dass sie sich auch im Gemeinwesen aktiv für wirkliche Demokratie einsetzen! (Deswegen fasst Spinoza seine politische Philosophie, die er in „Theologisch-politischer Traktat“ und „Politischer Traktat“ entfaltet hat, im 4. Kapitel der Ethik in einigen Lehrsätzen kurz zusammen.) Um dieses Ziel auch bei unserem Projekt im Blick zu haben, ist Illouz´ Analyse äußerst hilfreich.

Das Schiff auf dem Meer ohne Leuchtturm ist ein Bild für die Moderne. Kant hat dies deutlich erkannt: „Der Mensch ist ganz auf sich allein gestellt, ohne eine ihm übergeordnete göttliche Instanz kann er Gewissheit nur noch bei und in sich selber finden. Die endlichen Aspekte seines Daseins werden ihm endgültig bewusst: Er ist sich eben nicht nur selbstbegründende Instanz, sondern zugleich auch sterblich, anfällig für Krankheiten, er kann sich irren und nicht alles wissen, und auch das Unbewusste entzieht sich seiner Kontrolle.“2 Aufklärung verabschiedet die Bevormundung durch Autoritäten, wie z. B. religiöse Doktrinen. Aber man darf – nun auf sich allein gestellt – nicht in Selbstzweifel verfallen. Kant will mit Selbstreflexion diese Gefahr überwinden. Dafür aber meint er, dass er ein einheitliches Bewusstsein behaupten müsse.

Sowohl Adorno als auch Deleuze aber kritisieren Kant, dass er damit sein kritisches Projekt nur halbherzig durchgeführt hat. Man muss das Subjekt jenseits der Identität, jenseits von Einheit denken. Ich bin nie der gleiche, ich bin im Prozess und vieles in mir ist mir unbewusst. So kann man das Projekt der Aufklärung, das Kant begonnen hat, mit Adorno und Deleuze konsequent weiterführen.3 Mein Buchprojekt ist in diesem Kontext einzuordnen. Es ist der Versuch einer Vertiefung der Moderne auf der Ebene der Theologie und der christlichen Ethik.

Dabei hat gerade das Kapitel zur Prozessphilosophie im 1. Band gezeigt, dass man den christlichen Gott sehr gut auch im Kontext der Moderne denken kann: Gott durchläuft auch die Risse und Brüche und Divergenzen der Welt. Gerade in den Rissen des Subjekts kann Gott gemäß Whitehead immer wieder förderliche Impulse geben.

Der fehlende Schritt der Kritik nach dem II. Vatikanum Ich will nun innerkirchlich auf die Entwicklung nach dem II. Vatikanum schauen. Das Konzil verabschiedete in wichtigen Punkten das alte Sünden-Christentum. Viele begeisterte Pfarrer suchten nach neuen Wegen, den christlichen Glauben jenseits des alten Sünden-Christentums zu verkünden. In der universitären Theologie wurde das alten Sünden-Christentum kritisiert und neue Würfe von Theologie entstanden: Anthropologische Wende, autonome Moral, Befreiungstheologie, Prozesstheologie, historisch-kritische Exegese usw.

Es ist schwierig, die kritische Auseinandersetzung mit dem alten Sünden-Christentum und neue Theologie auch vielen Gläubigen nahe zu bringen. In der Erwachsenenbildung ist das sicherlich teilweise gelungen. Aber in der Sonntagsverkündigung ist man Großteils einen anderen Weg gegangen. Knapp und überspitzt formuliert: Man verkündete und verkündet einen lieben, barmherzigen Gott und dass alle Menschen eigentlich gut sind. Man meidet Wörter wie Hölle, Erbsünde usw. klärt aber nicht auf, wie eine Theologie jenseits des alten Sünden-Christentums ausschauen könnte und wie man diese alten Begriffe aus dem alten Sünden-Christentum kritisieren kann. Erschwerend kommt hinzu, dass das alte Sünden-Christentum mit seinen Begriffen in vielen Texten des Messbuchs weiterlebt. Die Gläubigen bekommen also einen Mischmasch präsentiert: altes Sünden-Christentum vermischt mit einem modernen Christentum. Der Schritt der ausführlichen Kritik des alten Sünden-Christentums ist bei vielen Gläubigen ausgefallen! Die zwei Bände wollen einen kleinen Beitrag leisten, eine solche Kritik zu verbreitern. Ich habe nun schon mehrere Vorträge zum ersten Band gehalten. Die meisten ZuhörerInnen sind erleichtert, diese Kritik zu hören, weil sie diesen Mischmasch von alten Sünden-Christentum und irgendeinem modernen Christentum dumpf spüren und für unbefriedigend empfinden. Aber ihnen fehlt das Hintergrundwissen, die Kritik zu formulieren, auf den Begriff zu bringen. Das alte Christentum, nicht klar kritisiert und überwunden und mit „Wohlfühl“-Christentum vermischt – das spüren die Menschen und ist ein weiterer Grund für diese Menschen, aus der Kirche auszutreten.

Ich werde mit meinen Büchern nicht viele Menschen erreichen. Aber für die paar LeserInnen hoffe ich, dass ich den fehlenden Schritt der Kritik nach dem II. Vatikanum nachhole. In Vortragsabenden zu „Schluss mit dem alten Sünden-Christentum“ habe ich immer wieder erlebt, wie befreiend und erleichternd für viele die Kritik am alten Sünden-Christentum ist.

Ein prominentes Beispiel für den Ausfall der Kritik: Anselm Grün ist gerade deswegen so erfolgreich, weil er ein modernes Christentum lehrt, das das alte Sünden-Christentum überwunden hat, das für viele Menschen lebenshilfreich ist und gleichzeitig viele gute Einsichten von Kirchenvätern und Heiligen aus der ganzen Kirchengeschichte aufgreift. Aber was bei ihm völlig zu kurz kommt, ist der Schritt der Kritik. Im Kontrast dazu: Drewermann z. B. hat den Schritt der Kritik in seinen Schriften. Aber er schimpft mir zu viel in einer oberflächlichen Weise über die Kirche. Kritik wird meines Erachtens wirksamer, wenn sie sich wirklich auf den grundlegenden Denkrahmen richtet und hier eine Alternative anbietet. Die hier angebotene Alternative ist durch verschiedene Philosophien, Theologien und psychologischen und soziologischen Einsichten entstanden. Ich will mit meinen zwei Bänden einerseits zwischen beiden stehen, zwischen Grün und Drewermann, und andererseits in der Kritik tiefer gehen und dabei trotzdem lesbar und positiv bereichernd für Gläubige sein.

Verschiedene Schnitte Dieses durchaus anspruchsvolle Ziel erforderte es, verschiedene Schnitte durch den Themenkomplex zu machen. Bei dem Thema kann ich nicht nur eine Argumentationslinie ablaufen bzw. darlegen. Man muss verschiedene Ebenen anschneiden, um die Vielfalt des Themenkomplex einigermaßen einzufangen. Es ist vergleichbar mit einem Kegel, den man an mehreren Stellen in verschiedenen Winkeln durchschneiden kann, so dass mal ein kleiner oder großer Kreis oder ein Oval oder eine Parabel aus dem Schnitt hervorgeht.

Sowohl im ersten wie im zweiten Band präsentiere ich deswegen verschiedene Themen in unterschiedlicher Form, Darstellung und „Schwierigkeitsgrad“. Die einzelnen Kapitel werden darum erst in der Rückschau ein Gesamtbild ergeben und verschiedene Querverbindungen zeigen sich nicht gleich von Anfang an. Ich hoffe trotzdem, dass sich im Leseprozess ein Gesamtbild zeigt, das sich erst durch die verschiedenen Perspektiven auf den Themenkomplex ergibt.

Das nun abgeschlossene Projekt in zwei Bänden ist zwar fertig, aber deckt bestimmt nicht alle möglichen Themen ab. Jemand anderes hätte das Thema sicherlich anders aufgezogen. Manche Passagen sind einfacher zu lesen, manche schwieriger, manche setzen das bereits Gelesene voraus. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, dass es sich lohnt, die zwei Bände zu erkunden – als Hilfe, um das Leben, sich selbst und andere Menschen besser zu verstehen und mit sich und anderen und dem Leben mit Gottes Hilfe besser umzugehen.

Das Ganze auf einen Blick Jugendlichen erklärt

Vielleicht habt Ihr schon mal solche Szenen zwischen Eltern und Kindern beobachtet bzw. erlebt. (Ich hoffe, dass Ihr es so nicht selbst erlebt habt. Und wenn, dann bitte ich Euch mit meiner Analyse das Erlebte neu zu durchdenken und vielleicht hilft das, das Erlebte zu verarbeiten.)

Es gibt Eltern, die mit folgenden Sätzen versuchen zu erziehen:

„Wenn Du das tust (nicht tust), dann bist Du ein böses Kind!“

„Wenn Du das tust (nicht tust), hat Dich Mama (Papa) nicht mehr lieb!“

„Du hast das getan (nicht getan), deswegen musst Du nun bestraft werden!“

Das können Schläge sein, Zimmerarrest, Nichtbeachtung und Ausgrenzung, beschämende Aufgaben erledigen usw.

Diese Sätze kann man auch heute noch hören! Das Problematische an diesen Sätzen ist insbesondere: Dem Kind wird eingeredet, dass es in seinem Wesen falsch sein kann. Und wenn es falsch ist, wird es (zeitweise) aus der Liebesgemeinschaft ausgeschlossen. Durch Strafe kann es vielleicht wieder in die Gemeinschaft zurückkehren. Aber da das Kind nicht weiß, ob es nicht auch weiterhin falsch ist, kann Ausschluss und Strafe immer wieder passieren.

Kinder, die mit solchen Eltern groß werden, können seelisch schwer verletzt werden. Ihr Urvertrauen ist sicherlich mehr oder weniger beschädigt. Letztlich ist das seelischer Missbrauch, den Eltern an ihren Kindern mit diesen Sätzen ausüben.

Das alte Sünden-Christentum hat nun dieses gestörte Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, das durch diese Sätze ausgedrückt bzw. geschaffen wird, auf das Verhältnis zwischen Menschen und Gott übertragen.

Gott sagt zu uns nach dem alten Sünden-Christentum:

„Wenn Du das tust (nicht tust), dann bist Du ein sündiger Mensch!“

„Wenn Du das tust (nicht tust), hat Dich Gott nicht mehr lieb!“

„Du hast das getan (nicht getan), deswegen musst Du nun bestraft werden!“

Nun mag man gleich einwenden. Nein, wir sind doch erlöste Sünder: Jesus Christus kommt nun uns Menschen zu Hilfe. Er nimmt die Strafe für uns auf sich. Durch die Sakramente, besonders die Taufe und die Beichte, werden wir von dem Dreck der Sünde befreit. In der Kommunion erleben wir wieder die Liebe Gottes. (Aber vorher beichten, denn man muss rein sein, damit man diese Liebe verdient.)

Merkt ihr? Jesus Christus hat uns erlöst von unseren Sünden. Und wir bekommen die Gnade. Alles scheint wunderbar. Aber im Hintergrund droht: Du kannst in die Sünde zurückfallen. Dann kommst Du nicht in den Himmel.

Das alte Sünden-Christentum bot eine Lösung in 1. Ordnung an: Jesus Christus hat Dich von Deiner Schuld erlöst. Bei einer Lösung 1. Ordnung bleibt der Denkrahmen unhinterfragt. Aber wir sollten zu einer Lösung 2. Ordnung schreiten. Eine Lösung 2. Ordnung schaut immer über den Tellerrand hinweg. Für unser Thema heißt das: Der Denkrahmen von Sünde und Schuld in der alten Bedeutung muss selbst überwunden werden.

Wir überwinden das alte Sünden-Christentum nur, wenn wir mindestens drei Vorstellungen korrigieren:

➢ Gott gab uns Gebote, an die wir uns halten müssen. FALSCH: Gott wirft keine Gebote vom Himmel herab, die wir einfach befolgen sollen.

➢ Die Sünde des Adam zerstört das Gute, das Göttliche in uns. FALSCH: Wenn wir Mist machen, dann verändert sich dadurch nicht unser tiefstes Wesen, nämlich dass wir Kinder Gottes sind und dass der Heilige Geist in uns trotzdem wirkt.

➢ Wenn wir die Gebote nicht einhalten, kommen wir in die Hölle. FALSCH: Eine Hölle auf ewig wäre die Totalkapitulation der unendlichen Liebe Gottes.

Wie schaut dann ein Christentum aus, jenseits der alten Sündenvorstellung?

Beginnen wir damit, die Tat vom Menschen selbst zu unterscheiden. In der Erziehung bedeutet das, dass die Eltern sagen: „Das, was Du getan hast, war nicht gut, weil es die und die negativen Folgen hatte. Aber nichtsdestotrotz: Du bist weiterhin unser geliebtes Kind.“ Mit dieser Botschaft kann das Kind dazu lernen und sein Urvertrauen wird nicht beschädigt.

Als nächstes: Die Eltern müssen erklären, warum eine Regel Sinn macht. Sie geben Regeln nicht einfach vor. Die Eltern müssen auch Lernwege aufzeigen, die zum Vermögen des Kindes passen. Auch das können wir auf Gott und Mensch allgemein beziehen: Wenn es keine himmlischen Gebote gibt, dann sind wir Menschen erst einmal auf uns gestellt. Wir müssen selbst überlegen, was in dieser oder jener Situation besser oder schlechter ist. Ich verdeutliche das gerne mit dem Bild: Wir Menschen sind wie Schiffe auf dem Meer ohne Leuchtturm. (Die himmlischen Gebote wären ein solcher Leuchtturm.)

Nicht wenige Menschen haben Angst vor dieser Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Deswegen flüchten sie gerne in Lehren, die ihnen wieder einen sicheren Halt geben. Aber ich halte das für unredlich.

Wenn wir Schiffe auf dem Meer des Lebens ohne Leuchtturm sind, wie können wir die Seefahrt des Lebens gut schaffen?

Es sind zwei Einsichten, die uns weiterhelfen:

1.) Der Heilige Geist wirkt in mir, in den anderen Menschen, in der ganzen Welt. Statt eines Leuchtturms, den ich außen sehe, ist er der „innere Kompass“.

2.) Ich verstehe immer mehr, wie sehr mein Körper-Geist-System ein hochkomplexes, differenziertes „Schiff“ ist, das einerseits oft sehr gut auf verschiedene Herausforderungen reagieren kann, das andererseits auch störanfällig ist, Macken entwickeln kann, und darüber hinaus lernfähig ist.

Wir müssen uns klar machen, dass 1.) und 2.) wie zwei Seiten einer Medaille sind. Der Heilige Geist führt mich durch das Meer des Lebens durch, mit und in dem Körper-Geist-System.

Wenn wir also als Christen jenseits des alten Sünden-Christentums fragen: Warum machen Menschen Mist? Warum verhalten sich Menschen nachteilig für sich und andere, ja sogar zerstörerisch? Dann müssen wir uns selbst, unser Körper-Geist-System besser verstehen. Wir müssen auch besser verstehen, wie wir Menschen als soziale Wesen untereinander vernetzt sind.

Im zweiten Band präsentiere ich besonders drei Theorien aus der Psychologie, die aus drei verschiedenen Richtungen betrachtet jeweils ein Modell für das Körper-Geist-System anbieten. Mit diesen drei Modellen lernen wir sehr viel über uns und erkennen, wie sehr unser Körper-Geist-System erstaunlich, bewundernswert komplex und flexibel ist, wie er auch anfällig sein kann und wie er lernfähig ist und bleibt, wenn man richtige Impulse ihm gibt.

Alle drei Modelle zeigen, dass wir innerlich vielfältig sind und dass es nicht reicht, einfach zu sagen: Sei vernünftig! Denn in uns wirken viele unbewusste Dinge, die wir wenigstens in Ansätzen verstehen müssen, damit wir mit uns besser umgehen können.

So sind beide Bände eine Einladung zu einem Lernweg. Dieser Lernweg ist gewissermaßen die bewusste Reflexion zweier anderer Lernwege, eines individuellen und eines geschichtlichen.

Individuell: Als Kind halte ich mich an die Gebote der Eltern (oder auch nicht), als Teenager emanzipiere ich mich und versuche als Erwachsener mehr oder weniger bewusst meinen Vorstellungen, Werten usw. zu folgen.

Geschichtlich: Die Menschheit hat mit der Aufklärung auch einen Lernweg beginnen. Nicht mehr Priester oder andere Autoritäten sagen, was richtig und falsch ist, sondern ich habe (mit den Worten des Philosophen Kant) Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen.

Der Mist, den wir Menschen machen, ist dann mit dieser neuen Sichtweise nicht mehr Sünde als Übertretung eines göttlichen Gesetzes, sondern eine Konstellation in und zwischen den Schiffen auf dem Meer, die negative Wirkungen zeitigen. Die neue Sichtweise offenbart uns also: Der Satz „Das ist Übertretung eines göttlichen Gesetzes!“ erklärt nichts und hilft somit auch nicht weiter. Wenn ich es besser verstehe, warum etwas schief läuft, kann ich auch einwirken und mit der Kraft des Heiligen Geistes etwas ändern.

Die bewusste Reflexion ist wertvoll. Denn wir merken an allen Ecken und Enden, dass unser Körper-Geist-System nicht selten überfordert ist und deswegen auch Mist macht. Wir wissen um Klimawandel und Artensterben und tun zu wenig dagegen. Menschen wählen Trump oder die AfD, obwohl deren Verlogenheit offensichtlich ist. Und auch im Kleinen läuft vieles zerstörerisch: Ehen zerbrechen, Gewalt wird ausgeübt, Jugendliche werden gemobbt usw.

Einsicht und tieferes Verstehen kann uns weiterhelfen, als Schiff im Meer hier besser navigieren zu können. Was könnten die grundsätzlichen „Dinge“ sein, die man verstehen sollte, um mit der Kraft des Heiligen Geistes das Leben besser zu meistern? Diese Frage will besonders der 2. Band beantworten.

Dazu ein weiteres Bild, das unser Verhältnis zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein verdeutlichen soll: In einer größeren Firma kennt der Chef keineswegs alle Mitarbeitenden. Er bespricht sich mit seinen Abteilungsleitern, aber weiß nichts vom einfachen Arbeiter, seiner Arbeit und seinen Ansichten. Unser Körper-Geist-System ist wie eine größere Firma. Unser Bewusstsein ist wie der Chef in der größeren Firma. Unser Bewusstsein weiß nichts darüber, wie es der Leber und seinen Zellen geht oder welche inneren Teile im Unbewussten wirken, welche Abwehrmechanismen untergründig ablaufen usw. Wenn ich z. B. mich dazu verleiten lasse, bei einer Party mich voll laufen zu lassen, dann merke ich nur indirekt, wieviel Zellen unter meinem Alkoholgenuss gelitten haben.

Wir halten Chefs, die in den Chefetagen hocken und keine Ahnung von ihren Mitarbeitenden haben, für arrogante, ignorante Säcke. Aber wir sind im Bezug auf unser Unbewusstes und auf unseren Körper öfters auch arrogante, ignorante Säcke. Wir glauben, dass wir klar und vernünftig handeln, haben aber keinen blassen Schimmer, wie unbewusste Kräfte, innere Anteile, Abwehrmechanismen und eingefleischte Verzerrungen uns lenken. Wir spüren Müdigkeit oder irgendwo Schmerzen, überforderte Zellen und Organe melden sich. Aber eigentlich soll der Körper funktionieren. Mit ein wenig Arznei oder Salbe geht’s schon wieder. Das Bild vom Chef in der obersten Etage, der nichts davon weiß, was unter ihm abläuft, ist für mich eine treffende Beschreibung für zwei Illusionen: Die theoretische Hybris und Illusion, dass ich mit meinem Bewusstsein mein Leben voll lenke. Und die praktische Egozentrik: Das bewusste Ich entscheidet und handelt und hat wenig Ahnung, obwohl es sich für toll hält.

Wenn so viel unbewusst abläuft und unser Bewusstsein nur die Spitze des Eisbergs ist, dann hilft für ein besseres Leben, den Eisberg unter der Spitze etwas besser kennenzulernen. Das ist ein zentrales Ziel der zwei Bände!

Wenn wir Mist machen, dann hat – im Firma-Bild gesprochen – nie der Chef ganz allein entschieden und Mist gemacht. Evtl. haben Abteilungsleiter wichtige Infos nicht weiter gegeben, der Chef wurde ungünstig beraten, andere Mitarbeiter hatten nie die Chance, mit dem Chef zu sprechen usw.

Was folgt daraus? Man darf daraus nicht folgern, dass man gar keine Freiheit besäße. Es folgt viel mehr daraus, dass man bescheiden wenigstens ein bisschen erforschen muss, wie der Eisberg unterhalb der Oberfläche ausschaut. Ein Chef in der Firma kann anfangen, mit Mitarbeitern zu sprechen, mit denen er noch nie geredet hat. Nun kann ich als „Chef“ meines Körper-Geist-Systems nicht direkt meine Zellen befragen: „Wie geht’s Euch? Was wollt ihr mitteilen.“ Aber ich kann zweierlei tun: Ich kann mit guten Theorien allgemein besser verstehen, was in mir vorgeht. (Hier im 2. Band werden besonders drei Theorien vorgestellt.) Und ich kann mit größerer Achtsamkeit mit meinen feinen Regungen umgehen. Ich kann ins Lauschen kommen. Durch leise Regungen zeigen sich innere Anteile, Tendenzen, die eher zurückhaltend sind, aber mir vielleicht viel geben können.

Dadurch wächst mein Freiheitsvermögen. Auch das will ich durch den Vergleich mit der Firma verdeutlichen. Wenn ein Abteilungsleiter mir empfiehlt: „Hier müssen Sie sofort handeln!“, dann kann ich dieser Empfehlung folgen. Ich kann ihm aber auch erwidern: „Ich höre mir noch paar andere Meinungen an und entscheide dann!“ Ich höre mir also noch ein paar andere Meinungen aus anderen Abteilungen an und entscheide dann aufgrund neuer Einsichten ganz anders.

Es gibt auch in uns Tendenzen und Kräfte, die in bestimmten Situationen vorpreschen und drängen: „Hier musst Du sofort handeln!“ Aber ich kann auch da kurz inne halten und überlegen. Ich kann andere innere Anteile zu dem Thema hören, ich kann auch mit einem guten Freund über das Thema reden. Und dann erst entscheiden. Julius Kuhn nennt das die „Zweitreaktion“. Ich muss nicht der „Erst-reaktion“ folgen. Im Verlauf des Zögerns kann sich meine Ansicht über die Alternativen verändern. Und wenn ich mein angeeignetes Wissen über den Eisberg unter der Oberfläche einfließen lasse, kann ich oft auch sinnvoller reagieren.

Zu diesen Lernprozessen lädt diese immanente Ethik, die ich hier in Skizzen vorlege, ein! (Und alles wird noch komplizierter, weil wir ja immer auch in Interaktionen mit anderen Menschen sind, die ebenso wenig wie wir selbst die unbewussten Vorgänge bei sich und beim anderen völlig durchschauen.)

Bei all dem Ergründen, was dabei alles schief laufen kann, sollte aber auch gleichzeitig ein Staunen, ein Respekt wachsen. Unser unbewusstes Navi im Schiff „Körper-Geist“, unsere vielen unbekannten Mitarbeiter sind erstaunlich komplex, flexibel, sensibel in der Feinjustierung.

Sockel der Sünden: Filter – Vielfalt – Problemerfassung

Ein Buch in der Theologie oder in der Philosophie schreiben bedeutet im besseren Fall nicht, dass man am Anfang weiß, was man in das Buch hineinschreiben will. Es zeugt eher von mangelnder Tiefe und mangelnder Lernbereitschaft, wenn man als Autor am Anfang schon genau weiß, auf was das Buch hinauslaufen will und wie man dahin kommt. Bei einem naturwissenschaftlichen Werk muss man vorher experimentieren und kann danach gewisse Hypothesen als belegt oder widerlegt aufzeigen und darüber ein Buch schreiben. In der Theologie oder in der Philosophie bedient man sich natürlich auch verschiedener Quellen. Aber hier kann sich im Schreiben selbst eine Reflexion einschieben, eine neue Betrachtungsebene, eine Sicht aus der Metaperspektive, so dass sich neue Einsichten ergeben. Nun muss der Autor nicht unbedingt den Text, in dem er die neue Einsicht darlegt, an die Stelle setzen, an die er diese Einsicht hatte. Vielmehr lohnt es sich manchmal, diese Meta-Einsicht an eine frühere Stelle des Textes einzubauen, um die LeserInnen in ihrem Leseprozess von Anfang an mit dieser Sichtweise zu bereichern, die der Autor sich erarbeitet hat.

Ganz konkret: Ich kämpfe mich in diesem Buch durch die verschiedensten Irrfahrten und destruktive Manöver von Menschen und versuche diese zu erkunden, auch jene, die die klassische katholische Lehre zu wenig beachtet hat. Dabei will ich auch den Eisberg unterhalb der Meeresoberfläche erkunden. Es soll keine Aufzählung verschiedener Sündentaten werden, ohne deren Grund, deren Untergrund zu erkunden. Wenn ich so unterschiedliche Theorien und Betrachtungsweisen wie Bergsons und Whiteheads Philosophien, wie gewaltfreie Kommunikation und Demokratieprozesse nach Forst überblicke, ebenso wie die Einsichten von Polyvagaltheorie, Traumatheorien, PSI-Theorie, Inneres Familiensystem, die soziologische Analyse der Emotionen von Illouz usw., ergibt sich für mich ein Sockel, aus dem das Gute oder das Schlechte, das Förderlich wie das Destruktive erwächst. (Sockel besagt als Bild dasselbe wie der Eisberg unter der Meeresoberfläche.) Es scheint mir, dass in den verschiedensten Anwendungsbereichen es durchgehend entscheidend um drei Aspekte geht. Vielleicht decken diese drei Aspekte auch alles Entscheidende auf einer sehr allgemeinen Betrachtungsebene ab. Der Sockel mit den drei Aspekten ist der Grund, aus dem „Sünden“ entstehen.

Unter den Begriffen Filter, Vielfalt und Problemerfassung kann man sich natürlich ohne Erläuterung nichts vorstellen. Das wird aber sicherlich durch die Beispiele nun verständlicher.

Filter

Was und wieviel und wann kommt in ein System etwas hinein und hinaus? Das ist entscheidend für das Wohl und Wehe eines jeden Systems. Die Frage ist also: Wie filtert der Filter?

Bei biologischen Systemen ist schnell einsichtig, warum diese Frage zentral ist. Ein Organismus muss gezielt Nährstoffe aufnehmen, Abfälle ausscheiden, Angreifer abwehren. Das gilt im Kleinen: Eine Zelle nimmt Sauerstoff auf und leitet CO2 aus, sie braucht Nährstoffe und leitet Abfälle aus. Sie muss Gleichgewichte immer wieder fließend herstellen. Sie kann durch Botenstoffe mit anderen Zellen kommunizieren und sie muss sich vor Viren z. B. schützen. Was die Zellmembran im Kleinen ist, ist die Haut im Großen. Kurz: Das Leben ereignet sich, wenn es eine Membran gibt, wenn es ein dynamisches Innen-Außen-Verhältnis gibt. Krankheit entsteht oft, wenn diese Dynamik ins Schleudern kommt, wenn etwas Schädliches eindringt, wenn Abfall nicht abtransportiert wird, wenn Balancen nicht mehr eingehalten werden können. Krankheiten können entstehen, wenn die Filter nicht passend filtern!

Bei politischer Leitung ist die Frage nach den Filtern ebenso entscheidend. Nehmen wir einen Präsidenten bzw. einen Kanzler eines Landes. Welche Informationen über den Zustand des Landes und die Probleme des Landes und der Menschen „schaffen“ es, den Regierungschef zu erreichen? Nehmen wir an, dass der Präsident nur „Wohlgesinnte“ um sich geschart hat. Dann fehlt es in seiner Nähe an kritischen Geistern, die ihn immer wieder konstruktiv herausfordern. Natürlich kommt es auch auf seine eigene offene Haltung an: Ist er auch bereit und fähig, die Vielfalt an Fragen, Informationen und Sichtweisen aufzunehmen und zu verarbeiten und dann zur rechten Zeit darauf zu reagieren? Als Assad von Syrien den Bürgerkrieg entfachte, warnten NGOs die europäischen Mächtigen, dass die Flüchtlingslager im Nahen Osten schlecht ausgerüstet sind. Wenn dieser miserable Zustand anhalte, werden die Menschen weiterwandern. Diese Warnung kam nicht bei den Regierenden an, so dass sie 2015 „erstaunt“ waren, dass so viele Flüchtlinge nach Europa kamen. Ein anderes Beispiel: Die ehemalige Vorsitzende der Grünen Ricarda Lang bedauerte im Rückblick, wie schwierig es im schnelllebigen Politikbetrieb es ist, Input zu verarbeiten. Man bekommt bei vielen Terminen Kontakt mit vielen kompetenten Menschen, mit Experten, mit guten Ideen und Vorschlägen und Argumenten, hat aber zu wenig Zeit, dies alles gut zu verarbeiten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Filter in vierfacher Hinsicht unpassend sein können. Es gibt zu viel oder zu wenig Filter, verzerrte und verquerte Filter. Und es gibt verschiedene Kombinationen dieser vier Möglichkeiten.

Zu viel durchlassen kann das System überfordern.

Zu wenig durchlassen kann das System verarmen.

Verzerrt durchlassen, z. B. Informationen werden verzerrt gefiltert.

Verquer durchlassen. Das ist eine wichtige Kombination von zu viel und zu wenig. Das Passende wird nicht (oder zu wenig) durchgelassen und das Unpassendes, z. B. das Schädliche wird durchgelassen.

Unbewusste Filter Wichtig ist die Einsicht, dass die meisten Filter schon unbewusst wirken. Es braucht ein gewisses Maß an Selbstreflexion, die verzerrten unbewussten Filter bei sich zu erkennen. Und es braucht Übung und Ausdauer, die unbewussten Filter bewusst zu verändern. Es beginnt immer damit, dass wir in der bewussten Zweit-Reaktion korrigierend eingreifen.

Vor-urteile, Verzerrungen, Biases geschehen also oft unbewusst. Sie gehören zum Sockel einer bewussten sündigen Tat, wie z. B. verletzend und hinterhältig und gemein zu jemand zu sein. Diesen Sockel hat die klassische Definition von Sünde nicht im Blick: „Freiwillige Abweichung vom göttlichen Gesetz.“ Wenn wir im Schuldbekenntnis sprechen „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken“, wird uns die Deutung suggeriert, dass wir Gedanken frei und bewusst ändern könnten. Aber wir alle wissen, dass viele Gedanken Produkte unbewusster Filterprozesse sind. Wir können uns zu jedem Gedanken in der Zweitreaktion verhalten. Aber wir haben unsere Gedanken nicht völlig souverän im Griff. Unbewusste Filter ändern ist nicht einfach und braucht Zeit, Reflexion, bewusstes Gegensteuern und Übung.

Vom allgemeinen Übel zur Sünde Wir wiederholen hier, was wir schon im 1. Band besprochen haben: Wir haben alle ein begrenztes Vermögen, anderes aufzunehmen. Diese Begrenzung ist nach Whitehead ein allgemeines Übel. Es kann nur teilweise durch Vermehrung des Vermögens verkleinert werden. Aber auch diese Vermehrung ist begrenzt. Whitehead hat dies in seinem allgemeinen Prozessschema verdeutlicht. Außer Gott kann ein actual entity nur begrenzt viele andere actual entities „verarbeiten“. Werbick geht bei seiner Definition von Sünde auch vom Filter aus: „Menschliche Autonomie setzt Perspektivität, verdankt sich der Fähigkeit, Mittel-Zweck-Hierarchien zu entwerfen und durchzusetzen. Diese Fähigkeit macht menschliche Kreativität aus und kann sie – wie wir heute zu Genüge wissen – zur gegenschöpferischen Macht werden lassen.“4 Wie jedes actual entity, so der Mensch im besonderen Maße hat eine Perspektive und kann nicht alles gleichermaßen einbeziehen, sondern hierarchisiert und siebt aus. Diese Notwendigkeit, das begrenzte Vermögen ist für Werbick selbst noch keine Sünde. Es gehört zur Ambivalenz menschlicher Autonomie. „Sünde wäre vielmehr – nach dem Gesagten – jene Wirklichkeit, in der diese Ambivalenz dazu geführt hat, dem anderen das eigene „Gesetz“ aufzuerlegen, ihm die eigenen selektiven Mittel-Zweck-Hierarchien aufzuzwingen. Der Schritt von der vor-sündlichen Ambivalenz der Autonomie – der sie unvermeidlich mitkonstituierenden Selektivität – zur sündigen Selektion ist theologisch entscheidend, aber in empirischer Betrachtung kaum identifizierbar.“5 Also wie bei Whitehead hat für Werbick die Sünde bzw. das Böse den Aspekt, dass unpassend und destruktiv gefiltert wird: „Selbstsetzung als Verdrängung; Vorkommenwollen, das zum Nicht-vorkommen-lassen-Wollen der anderen, zur Missachtung und Bestreitung ihrer Präsenz, ja zu ihrer „Eliminierung“ verführt.“6

Filtergrad und Zeitfaktor Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass Menschen den Filtergrad bewusst regulieren können. Die Frau eines Notfallsanitäters beschrieb mir einmal, wie sie ihren Mann erlebt, wenn er an einen Unfall kommt. Er wird sehr strikt, fokussiert, er gibt klare Ansagen, für Höflichkeiten ist kein Platz mehr. Denn es kommt nun auf Sekunden an, um ein Leben zu retten. Da kann er auch inkompetente Ärzte am Unfallort harsch zurechtweisen. Er stellt seinen Filtergrad gemäß dem Zeitfaktor ein.

Demokratische Entscheidungsprozesse und Bürokratie Das Beispiel „Handeln am Unfallort“ verdeutlicht die Situation der extremen Zuspitzung. Ein Menschenleben kann gerettet werden, wenn einer den Filtergrad entsprechend fokussieren kann. Auch in der Politik geschehen solche Zuspitzungen. Am Anfang des Ukrainekriegs konnte Wirtschaftsminister Habeck in kürzester Zeit ein Gasterminal errichten. Die Not ermöglichte, die gesetzlichen Filter, also Vorschriften, Kontrollmechanismen, massiv zu reduzieren.

Der Ruf nach Bürokratieabbau ist die berechtigte Forderung, die Filter zu reduzieren bzw. zu verändern, so dass nicht so oft wertvolle Zeit verstreicht. Demokratische Entscheidungsprozesse sind also zwischen gegensätzlichen Anforderungen eingezwängt: Einerseits sollten viele mit einbezogen werden, andererseits sollte es schnell gehen. Politik muss hier immer neu den Filtergrad festlegen – und sie wird es damit nie allen recht machen können.

Internet und soziale Medien Algorithmen filtern Beiträge im Internet. Welche Beiträge erscheinen bei Google ganz oben, welche erst nach einigem Blättern? Hier sieht man: Wer die Filter bestimmt hat Macht! Die Algorithmen der sozialen Medien bieten als nächstes Video bevorzugt eines an, das die Emotionen wachhält. So sind die Algorithmen programmiert, damit die User länger dran bleiben. Der negative Effekt für die demokratische Meinungsbildung: Nicht differenzierende Videos, sondern aufputschende werden bevorzugt. Ein Filterproblem!

Vielfalt

Beim Thema Vielfalt kann man folgende Fragen stellen: Welche Vielfalt herrscht vor? Ist die Vielfalt groß oder klein, gut vermischt, förderlich oder hinderlich? Auch den Aspekt Vielfalt können wir an vielen Beispielen durchspielen. Wieder zeigt sich wie beim Filter: Wie die Vielfalt ausschaut, gehört zum „Sockel“ von „Sünde“:

Vielfalt in der Teamarbeit „Das jüngste Forschungsergebnis kommt passenderweise von einem internationalen Team aus japanischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern. Sie gingen in einem Online-Experiment der Frage nach, welche Bedingungen die kollektive Ideenfindung besonders fördern. Dazu ließen sie Gruppen von je 20 Studierenden in verschiedenen Konstellationen kreative Aufgaben bearbeiten: Sie sollten Werbeslogans für einen neuen Laptop entwickeln oder fiktionale Geschichten schreiben. Das Ergebnis, veröffentlicht im Journal npj Complexity: Die kreativsten Slogans entstehen, wenn Probanden mit unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten zusammengewürfelt werden – allerdings dürfen die Gruppe und die Unterschiede auch nicht zu groß sein.“7

Schon dieses Beispiel zeigt Wichtiges, was es bei diesem Aspekt zu beachten gilt: Tendenziell ist eine größere Vielfalt bereichernd für alle Beteiligte. Aber eine zu große Vielfalt, eine zu große Menge kann auch überfordern.

Große Vielfalt beim Essen ergibt große Vielfalt in der Darmflora Die Forschungen von Tim Spector und seinem Team fanden heraus, dass eine große Vielfalt von Pflanzen in der Nahrung eine große Vielfalt in der Darmflora bewirken. Als Faustregel gab er an, dass man ca. 30 verschiedene Pflanzen pro Woche essen sollte, um die Vielfalt und damit die Effektivität der Darmflora auf hohem Niveau halten zu können. Eine gesunde, vielfältige Darmflora ist wesentlich für die Gesundheit des Menschen. Die gesunde Vielfalt hält auch die schädlichen Mikroben im Schach.

Allgemein haben wir bei diesem Bereich kein Problem von zu großer Vielfalt. Jedoch sollten Menschen, die eine geringe Vielfalt an Pflanzenarten essen, sich langsam umstellen und schrittweise die Vielfalt erhöhen, damit die Verdauung sich daran gewöhnt.

Ökosysteme Ökosysteme wie ein Wald, ein See, ein Garten sind ebenfalls umso stabiler, umso vielfältiger ihre Bewohner sind. Monokulturen sind dagegen viel anfälliger für Eindringlinge wie den Borkenkäfer. Kakao wird in Westafrika in Plantagen angebaut. Dafür wird Regenwald gerodet, Artenvielfalt zerstört. Man kann aber auch Schokolade mit dem traditionellen Anbausystem „Chakra“ gemeinsam mit weiteren Früchten, Pflanzen und Kräutern im Urwald kultivieren (genauso wie Mais, Yucca und Kaffee), sodass ein widerstandsfähiges System mit hoher Artenvielfalt entsteht. Dafür brauchen die Bauern weder Pestizide, noch müssen Bäume gefällt werden.

Auch im Pflanzenbereich gibt es dominante Pflanzen, die sich ausbreiten und andere verdrängen. Gerade invasive Pflanzen aus fernen Ländern und Kontinenten vermehren sich schnell, weil sie weder Fressfeinde noch Krankheiten oder Parasiten fürchten müssen. Sie gehören nicht zu unseren Ökosystemen, verdrängen und schaden unseren heimischen Pflanzen. Unsere Insekten sind auf einheimische Pflanzen eingestellt. Deswegen brauchen sie besonders eine Vielfalt von einheimischen Pflanzen, um sich zu ernähren. Wenn man nicht-einheimische Pflanzen einsetzt, muss man schauen, dass sie nicht invasiv sind und wenigstens für einige Insekten einen Wert haben. (Borretsch z. B. ist nicht heimisch, aber wertvoll für Insekten.)

Man muss also auch fragen: Welche Vielfalt besteht? Manche „Teilnehmer“ muss man in Schach halten, weil sie Vielfalt bedrohen.

Die schweigende Mehrheit im Großen wie im Kleinen

Bei Mobbing in der Schule sind die schweigende Mehrheit und die leisen Sympathisanten entscheidend. Vergleichende Forschungen haben gezeigt: Jedes Kind kann Mobbingopfer werden. Es ist ein Fehler, wenn Opfer meinen, sie seien nicht cool genug oder ähnliches. Wie wir bei dem Kapitel über Täterteile sehen werden, gibt es Menschen, die ihre eigenen schwachen, verletzten inneren Teile dadurch verdrängen, dass sie andere Menschen demütigen. Solche Menschen suchen sich irgendein Opfer für ihre Attacken und bauen sich ein Netz an Anhängern auf, die sie bewundern. Aber insgesamt ist Mobbing ein Problem einer ganzen Schulklasse. Denn wenn die schweigende Mehrheit eingreift und zum Opfer steht, dann verlagern sich die Kräfte, dann wird der Angreifende einen Rückzieher machen.

Das Gleiche passiert auch im großen Stil: Putin und Co. konnten nur deswegen so viel Korruption durchführen, weil im Westen, in den demokratischen Staaten Banken und Firmen mitgemacht haben.8

Übergroßer Reichtum und Monopolisierung in der Wirtschaft Als Pfarrer von Herzogenaurach konnte ich bei einer Jubiläumsfeier vernehmen: Inzwischen sagen die Manager von adidas und von Puma, dass die Konkurrenz untereinander beiden geholfen hat, sich immer neuen Herausforderungen intensiv zu stellen. Monopole sind in der Wirtschaft genauso nachteilig wie bei den Ökosystemen. „Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Das Kartellamt kann deswegen bedenkliche Zusammenschlüsse von Unternehmen verbieten, marktbeherrschenden Unternehmen missbräuchliche Verhaltensweisen untersagen und bei Kartellabsprachen Geldbußen verhängen.

Aber auch die übermäßige Konzentration von Vermögen und Geld ist eine Reduzierung von Vielfalt, die nachteilig ist. Deutschland übertragen auf ein Dorf mit 1000 Einwohner hat folgende Verteilung: eine Person ist extrem reich, sie besitzt 20 % des Dorfvermögens. 9 Personen sind sehr reich, sie besitzen zusammen 15 % des Dorfvermögens. 90 Personen sind reich, sie besitzen weitere 32 % des Dorfvermögens. 10 % der Gesamtbevölkerung besitzt also 67% des Gesamtvermögens von Deutschland. Die ärmsten 500 Personen dagegen besitzen zusammen gerade 3 % des Dorfvermögens. Eine solche übermäßige Ungleichverteilung ist destruktiv für alle Beteiligten. Abgesehen von den humanitären und sozialen Gründen gilt: „Wer die krankende Wirtschaft zukunftsfähig erhalten will, muss die massive Ungleichverteilung von Vermögen in unserer Gesellschaft angehen.“9

Superdiversität Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat mit dem Begriff „Superdiversität“ beschrieben, dass viele Schulen mit der Vielfalt an Kindern überfordert sind.10 Da gibt es Schulklassen mit 60 Prozent Migrationshintergrund, das türkische Mädchen in der vierten Generation in Deutschland nicht mitgerechnet, insgesamt 12 Muttersprachen in einer Klasse. Diese Vielfalt kann sowohl die Lehrkraft als auch die Kinder überfordern. Das Beispiel zeigt: Ein System kann auch durch eine zu große Vielfalt überfordert werden. Aber liegt das nur an der Quantität? Wir werden bei der Problemerfassung auf diese Frage zurück kommen.

Filter, Vielfalt prozessphilosophisch betrachtet Der Aspekt Filter richtet sich – prozessphilosophisch betrachtet – auf die Innenseite der actual entities: Welche Einflüsse filtert ein actual entity in welcher Weise? Was wird ausgesiebt, was wird beachtet? Der Aspekt Vielfalt richtet sich – prozessphilosophisch betrachtet – auf die Außenseite der actual entities. Diese bilden ja größere Zusammenhänge. Viele Pflanzen und Tiere bilden ein Ökosystem, mehrere Schüler bilden eine Schulklasse, viele Firmen sind „Player“ in einer Volkswirtschaft usw. Bei diesen größeren Zusammenhängen gilt nun, dass tendenziell Vielfalt besser ist als Monokultur, dass Vielfalt gefährdet wird durch dominante invasive „Player“, dass zu krasse Ungleichheiten ebenso nachteilig sind, und dass es auch zu viel Vielfalt geben kann, die dann den Zusammenhang belastet.

Problemerfassung prozessphilosophisch betrachtet Was ist dann Problemerfassung – prozessphilosophisch betrachtet? Auf ein actual entity bezogen bedeutet Problemerfassung das Wie der Filtereinstellung. (Werbick bezeichnet dies als Perspektivität und Mittel-Zweck-Hierarchien. Aus der Perspektive, die das einzelne actual entity auf die anderen actual entity hat, entwickelt das actual entity Hierarchien, z. B. was wichtig, weniger wichtig und was unwichtig ist.) Auf ein Netz von vielen actual entities bezogen (z. B. ein Ökosystem) bedeutet Problemerfassung die innere Konstitution dieses Netzes erfassen samt seiner Potentialen.

Problemerfassung

Ein weiterer zentraler Aspekt des „Sockels“ von „Sünde“: Eine unpassende Problemerfassung.

Problem in Deleuzes Philosophie Ich verwende hier den Begriff „Problem“ im Sinne von Deleuzes Philosophie und will mich hier auf das für uns Entscheidende beschränken. (ausführliche Erläuterungen zu Deleuzes Problem-Begriff in „Deleuze für Einsteiger 1. Band“) Deleuze unterscheidet die virtuelle Problemebene von den einzelnen aktuellen Lösungen. (Was mit virtuell und aktuell Deleuze meint, erkläre ich gleich.) Deleuze verwendet somit den Begriff „Problem“ und „Lösung“ anders als der alltägliche Sprachgebrauch. Im üblichen Denken ist ein Problem vorhanden, wenn etwas anders ist, als es sein soll. Z. B. ein Kind ist ein „Problemkind“, weil es nicht ruhig im Unterricht sitzen kann oder weil es öfters durch Schlägerei auffällt. Die „Lösung“ ist erreicht, wenn das Kind im Unterricht stillsitzen kann bzw. aufhört, im Pausenhof zu schlägern.

Deleuze würde nun sagen, dass das alles keine gute Problemerfassung ist. Wenn ich dem unruhigen Kind Tabletten gebe, dann habe ich nicht die eigentliche Ursache bearbeitet. Wenn der Direktor übersieht, dass der schlägernde Junge aus einem Elternhaus kommt, in dem der Vater die Mutter schlägt und der Junge seinen kleinen Bruder vor anderen Schülern schützen will, erkennt er das eigentliche Problem nicht. So etwas bezeichnet Deleuze als Dummheit: „die Dummheit schließlich ist das Vermögen zu falschen Problemen, belegt eine Unfähigkeit zur Konstitution, Erfassung und Bestimmung eines Problems als solchen.“11 (Das erinnert an die arroganten Ignoranten.)

Man versteht ein Problem alltäglich auch als Frage, deren Antwort man noch nicht herausgefunden hat. Wieviel muss ich monatlich sparen, um mir in drei Jahren ein Auto zu kaufen? Die Lösung kann ich berechnen, wenn ich genügend Daten wie Preis des Autos, vermuteter Zins in den nächsten Jahren usw. zusammengetragen habe. Deleuze unterscheidet Irrtum und Dummheit. Beim Errechnen der monatlichen Sparrate kann ich mich irren. Dann habe ich eine falsche Lösung errechnet. Aber das ist keine Dummheit. Dumm ist für Deleuze der Direktor, der die entscheidenden Faktoren im kranken Familiensystem des schlägernden Jungen übersieht und der meint, Tabletten gegen ADHS seien die passende Lösung für den unruhigen Schüler. Deleuze versteht somit als Problemerfassung, wenn man die „Verteilungen von ausgezeichneten und gewöhnlichen Punkten“12 richtig erfassen kann. Ich muss z. B. beim schlägernden Schüler das ganze Familiensystem betrachten: Der „ausgezeichnete Punkt“, der entscheidende Faktor ist dann der schlägernde Vater, nicht der schlägernde Sohn. Mit diesem Beispiel nähern wir uns Deleuzes Verständnis des „Problematischen“. Aber wir müssen noch einen Schritt weiter gehen: Das aktuelle Familiensystem, in dem der Vater die Mutter schlägt und der Sohn im Pausenhof schlägert, ist eine Aktualisierung, eine aktuelle „Lösung“. Das Familiensystem könnte auch anders ausschauen, es könnte andere aktuelle Ausgestaltungen annehmen. Deleuze geht es nicht um theoretische und unrealistische Möglichkeiten. Sondern für ihn umfasst das Problematische einen realen Potentialraum, der verschiedene Aktualisierungen, die real möglich sind, virtuell enthält. Eine gute Therapie eröffnet der Familie Wege, wie sie ihre aktuelle Ausgestaltung, ihre aktuell schlechte „Lösung“ überschreitet und den Potentialraum wenigstens etwas erkundet, um neue bessere Lösungen zu finden bzw. zu erfinden und aktuell umzusetzen.

Problemerfassung bei komplexen Systemen – Beispiel Politik Politik hat es immer mit komplexen Systemen zu tun. Wenn eine Regierung Steuern erhöht, ein neues Gesetz erlässt, neue Zuschüsse beschließt usw., dann haben diese neuen Regeln nie eine eineindeutige Wirkung, weil komplexe Systeme eben komplex auf Veränderungen reagieren. Es kann Rückkopplungseffekte geben, Menschen können versuchen, Regeln zu hintergehen usw. So kann eine neue Regel manchmal das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich intendiert war. Die ZEIT analysierte die ambivalenten Wirkungen des neuen Cannabis-Gesetzes: „Die Cannabis-Freigabe sollte Kriminelle schwächen. Doch jetzt scheffeln Banden Millionen, foltern Drogenkuriere, erpressen Spediteure. Und feiern Karl Lauterbach.“ Wie konnte diese nicht intendierte Negativentwicklung geschehen? „Die Idee dahinter: Wenn all diejenigen, die kiffen, sich selbst versorgen, dann braucht es keine Dealer. Schön harmonisch soll es zugehen in der neuen Welt der Drogen. Wenn da nicht die Prinzipien der Marktwirtschaft wären, die auch auf dem Schwarzmarkt gelten. Denn angesichts der Menge, die hierzulande gebraucht wird, ist schwer vorstellbar, dass die Anbaugemeinschaften die Nachfrage bedienen können. Ist der Konsum also legal, der Handel aber verboten, woher soll dann der Stoff kommen? So viel vorab, es sind Gangs wie die aus München, die dafür sorgen, dass in Deutschland die Joints nicht ausgehen. „Das Gesetz ist ein gigantisches Konjunkturprogramm für die organisierte Kriminalität“, sagt Jan Reinecke, Kripobeamter aus Hamburg und Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter.“13 Deleuze würde sagen: Der Gesetzgeber hat sich nicht geirrt. Irrtum wäre, wenn der Finanzminister einen Schuldenposten vergessen hätte zu berücksichtigen. Der Gesetzgeber hat eher dumm gehandelt, weil er die Komplexität des Problems nicht hinreichend erfasst hat. Problemerfassung bei komplexen Systemen – Beispiel Wirtschaft Ein weiteres Beispiel verdeutlicht das: Paul Krugman hat immer wieder das wirtschaftliche Minimodell der Babysitting-Kooperative herangezogen, um in seinen Büchern die verschiedensten ökonomischen Probleme verständlich kompakt zu verdeutlichen. (Siehe Deleuze für Einsteiger 3. Band) Dabei hat er immer gerne süffisant darauf hingewiesen, dass die Juristen mit ihrer Sichtweise das Problem der Babysitting-Kooperative nicht gut gelöst hätten. Um was geht es? Es gab in den siebziger Jahren einen Zusammenschluss von 150 Paaren zu einer Babysitting-Kooperative von Capitol Hill. Damit jedes beteiligte Paar auch seinen fairen Arbeitsanteil übernahm, musste man sich ein Organisationssystem überlegen. Die Organisation verlief über Kupons, Berechtigungsscheine: ein Kupon bedeutete eine Stunde einen Babysitter. Wer ausgehen wollte, zahlte Kupons an das Paar, das auf das eigene Baby aufpasste. Wer ein Kind für eine Stunde betreute, bekam einen Kupon.