Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Wir wollten nichts. Wir wollten alles. - Sanne Munk Jensen

Lässt nicht los: Liebe, die absoluter nicht sein kann. Zwei Leichen werden aus dem Limfjord gezogen: Liam und Louise. Ihre Hände sind mit Handschellen aneinandergekettet. Alle Indizien weisen auf Selbstmord hin. Louises Eltern zerbrechen fast am Tod ihrer Tochter, doch ihr Vater klammert sich daran, die Wahrheit herauszufinden. Als er Louises Tagebuch findet, eröffnet sich ihm das Leben, das seine Tochter und Liam in den vergangenen Monaten geführt haben. Ein Roman, der unter die Haut geht: gewaltig und voller Sehnsucht mit einer Heldin voller Hingabe und einem Protagonist voller Widersprüche. In der Tradition der großen skandinavischen Autoren.

Meinungen über das E-Book Wir wollten nichts. Wir wollten alles. - Sanne Munk Jensen

E-Book-Leseprobe Wir wollten nichts. Wir wollten alles. - Sanne Munk Jensen

1. Teil

Als sie uns aus dem Limfjord ziehen, hängen wir noch immer aneinander. Ich weiß nicht, wie lange wir im Wasser gelegen haben, schwer zu sagen, man verliert irgendwie das Zeitgefühl. Eine Woche. Vielleicht zwei. Ich weiß es nicht. Der Gerichtsmediziner kann es auch nicht so genau bestimmen. Gern würde er die Handschellen entfernen, immer wieder erklärt er, es sei total schwierig, zwei Leichen zu untersuchen, die auf diese Weise zusammenhängen, vor allem, weil wir so aufgedunsen sind. Aber das darf man nicht. »Nicht, wenn es um Mord geht«, sagt der Polizist. Es ist der Dunkle mit der runden Brille, der mich mal abgeholt hat, und der auch gekommen ist, um mit uns zu reden, damals nach der Geschichte mit Jeppe. Jørgen heißt er. Es scheint ihm leidzutun; tunlichst vermeidet er es, uns anzusehen, wie wir da auf den beiden zusammengeschobenen Stahltischen liegen.

»Wie alt sind sie?«, erkundigt sich der Rechtsmediziner leise. Er hat beide Hände in die Kitteltaschen gesteckt und die Brille in die Stirn geschoben. Schwer zu sagen, wie alt er selbst ist. Vielleicht vierzig. Vielleicht sechzig.

»Neunzehn. Nicht mal.« Jørgen nickt in meine Richtung. »Das Mädel ist erst siebzehn.«

Der Rechtsmediziner seufzt. Das sind doch noch Kinder, sagt er.

»Es ist so sinnlos«, flüstert Jørgen, und der Arzt nickt, fügt aber hinzu, dass er nicht an einen Mord glaubt.

»Das hier hatte er in der Tasche.« Er streckt eine Faust aus. Öffnet sie.

Jørgen greift mit zwei Fingern nach dem kleinen Schlüssel und hält ihn gegen das Licht, beinahe so, als handele es sich um das Fundstück einer archäologischen Ausgrabung. Er schaut auf unsere zusammengeschlossenen Handgelenke, die in den Spalt zwischen den beiden Stahltischen gerutscht sind.

»Er passt«, erklärt der Arzt. »Ich hab’s überprüft.«

»Sie meinen also, dass sie selbst …?«

Der Rechtsmediziner nickt.

Jørgens Gesicht zieht sich zusammen, sein Blick flackert. Er atmet stoßweise. Er kann es einfach nicht glauben. Wenn es nur um Liam ginge, na ja, dann … vielleicht. Liam hat einiges verkraften müssen, sagt er und erzählt dem Arzt von Jeanette und Morten Jepsen. Wieder nickt der Rechtsmediziner. Er kann sich noch gut an alles erinnern.

»Aber dass das Mädchen mit ihm gesprungen sein soll, ist trotzdem eigenartig«, fügt Jørgen hinzu. »Tja, ich weiß es auch nicht. Das passt irgendwie nicht zusammen. Sie ist doch ein Mädchen aus dem Hasseris-Viertel. Gute Familien, keine Probleme. Hübsch. Und nett waren sie auch noch, ich kannte sie beide. Okay, so etwas hat’s durchaus schon mal gegeben, das ist mir klar, aber trotzdem. Es ist eigenartig.«

Er gibt dem Rechtsmediziner den Schlüssel zurück, der zuckt die Achseln. Was weiß er denn schon, wir könnten ebenso gut ermordet worden sein. Vielleicht hat Liam sich auch an mich gefesselt und mich dann gegen meinen Willen mitgerissen, nur sieht es unmittelbar nicht nach irgendwelchen Anzeichen von Gewalt aus. Oder auch nur Widerstand. Überhaupt nicht. »Allerdings sitzen die Handschellen jetzt auch ziemlich stramm um ihre Handgelenke«, sagt er. »Das liegt daran, dass sie so aufgedunsen sind.«

Jørgen nickt. Klar.

Der Arzt schaut auf den Schlüssel in seiner Hand.

»Ich schließe sie jetzt auf«, erklärt er und quetscht sich zwischen die Stahltische, doch Jørgen legt ihm eine Hand auf die Schulter.

»Nein, lassen Sie das«, sagt er. »Ich finde, sie sollten noch ein bisschen so liegen bleiben dürfen.« Er nickt feierlich. »Wenn sie es so wollten.«

Der Gerichtsmediziner steckt den Schlüssel in die Kitteltasche. Gut so.

Ich würde gern noch lange so liegen, zumindest eine Stunde oder so, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich von Liam getrennt werden soll, doch dann geht die Tür auf, und meine Eltern kommen herein. Meine Mutter bricht in der Ecke regelrecht zusammen. Schreit nur. Wie eine Wahnsinnige. Mein Vater befiehlt dem Rechtsmediziner, die Handschellen aufzuschließen. Ich soll mit diesem verdammten Schwein nicht zusammenhängen, ich sollte überhaupt nicht in seiner Nähe sein. Es ist alles seine Schuld. Er hat mich mitgezogen. Es ist seine Schuld, dass ich tot bin.

»Es gibt keinerlei unmittelbare Anzeichen von Gewalt«, wiederholt der Arzt, und mein Vater fragt drei Mal, was zum Teufel er damit meint, bevor der Rechtsmediziner ihm erklärt, dass es so aussieht, als hätte ich gemeinsam mit Liam sterben wollen. Und dann muss Jørgen meinen Vater festhalten, als der den Arzt anbrüllt, ob er wirklich behaupten wolle, er würde seine eigene Tochter nicht kennen?

»Meine Tochter hat keinen Selbstmord begangen!«, schreit er. Liam hätte mich umgebracht. Das wiederholt er wieder und wieder, auch als die Tür sich erneut öffnet und Liams Vater Ian hereinkommt. Mit Liams jüngerem Bruder, Jonathan. Es herrscht ein Höllenlärm. Mein Vater und Ian gehen auf den Flur, Jonathan weint und will Liam umarmen, der Arzt und der Polizist müssen ihn gemeinsam davon abhalten. Mein Vater schreit Ian auf dem Flur ins Gesicht, Liam hätte mich ermordet, und Ians dunkle Stimme dröhnt und vibriert und klingt fast genau wie Liams, wenn er nicht dieses gebrochene Irisch-Dänisch sprechen würde. Währenddessen hockt meine Mutter in der Ecke und schluchzt, und Liam und ich liegen einfach auf unseren Stahltischen, getrennt voneinander, regungslos. Gern würde ich meine Hand bewegen. Gern würde ich sie in Liams gleiten lassen, so wie wir es immer gemacht haben, und meiner Mutter sagen, dass sie aufstehen und mit der Heulerei aufhören soll. Gern würde ich all das sagen, was Liam mir gesagt hat, als wir in der Wohnung saßen, bevor wir zur Brücke gegangen sind. Gern würde ich von dem Sonnenaufgang erzählen, als wir dort oben standen, denn dadurch wurde es eigentlich erst schön. Und richtig. Sie und mein Vater sollen verstehen, warum. Gern würde ich die richtige Geschichte erzählen. Und Liam bitten, mich zu umarmen.

Aber das gehört offenbar zu den Dingen, die man nicht kann, wenn man tot ist.

Die richtige Geschichte beginnt vor etwas mehr als einem Jahr. Im Grunde begann sie natürlich schon sehr viel früher, mit meiner Geburt. Das ist siebzehn Jahre her, aber all das, was dem Tag vorausging, an dem ich Liam begegnete, ist vollkommen bedeutungslos. Da war ich nur ein Mädchen namens Louise und wohnte in einem weißen Haus in Hasseris; mit einem Handelsschullehrer als Vater und einer Mutter, die als Sekretärin in einem Krankenhaus arbeitete und nicht ganz richtig im Kopf war. So ganz stimmt das vermutlich nicht, aber sie war zum Beispiel der Typ, der Angst vor allen möglichen Krankheiten, vor Gewitter und vor Zugluft hatte. Einmal hatte sie einen Nervenzusammenbruch und schrie: »Wieso tust du mir das an?«, nur weil mein Vater in die Toilettenschüssel gekackt hatte, die meine Mutter gerade sauber gemacht hatte, weil Besuch kommen sollte. Irgendwie hatte sie einen Putzfimmel. Und Angst vor Bakterien. An diesem Punkt war sie auf jeden Fall nicht ganz richtig im Kopf.

Ich weiß nicht, was für ein Typ mein Vater war. Vermutlich so ein Akademiker-Nerd, für den Zahlen und Sachen, die man erklären kann, alles bedeuteten. Er heißt Gorm. Meine Mutter heißt Ulla. Gorm und Ulla. Und nach meiner Geburt bekam meine Mutter eine Unterleibserkältung und dann eine schwere Entzündung; sie musste alles entfernen lassen, aber das war wahrscheinlich auch egal. Denn ich war kein einfaches Kind. Im Gegenteil. In jedem Fall kein Kind, von dem man viele haben wollte. Gleich nach meiner Geburt hatte ich Koliken, und ich hörte auch nicht auf zu heulen und zu schreien, als ich älter wurde. Mein Vater hat das immer erzählt, aber er lächelte, wenn er davon sprach. Weil er wusste, dass ich mich nur zu Hause so benahm. Bei Elterngesprächen erkannten er und meine Mutter das kleine vorsichtige Mädchen überhaupt nicht wieder, von dem die Lehrer berichteten. Angeblich sagte ich nie einen Ton.

Vielleicht solltest du versuchen, es dir etwas besser einzuteilen, schlug mein Vater vor. Draußen den Mund häufiger aufmachen, und daheim etwas weniger. Allerdings funktionierte es nicht. Ich wusste nie, was ich mit mir anfangen sollte, wenn viele Menschen um mich herum waren, und selbst unter vier Augen konnte ich wie gelähmt dasitzen und hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich kam mit Menschen nicht gut klar. Jedenfalls nicht mit vielen. So war das einfach. Ich konnte generell nicht viel mit ihnen anfangen.

Bis ich Liam begegnete.

 

Es ist komisch, aber ich erinnere mich an nahezu alles, was an diesem Tag passiert ist – vom Aufstehen angefangen bis zum späten Abend, als ich in diesen Stoffpapierkorb kotzte, in dem keine Tüte war. Fast so, als wäre es irgendwie vorherbestimmt gewesen, dass es der Tag werden sollte. Vielleicht kann man sich gerade deshalb so genau an alles erinnern, weil im eigenen Leben etwas Bahnbrechendes passiert ist. So wie die Leute, die in den Sechzigern gelebt haben und immer sagen, dass sie sich erinnern können, was sie am Tag der Ermordung Kennedys gemacht haben. Oder am 11. September. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war wohl noch zu klein. Außerdem glaube ich nicht, dass es ein so großer, internationaler Erinnerungstag in meinem Leben geworden wäre. Ich habe nur meinen eigenen, ganz privaten Erinnerungstag. Meinen Liam-Tag.

Es war ein Freitag. Und ich war mit Cille unterwegs. Wahrscheinlich weil wir beide, garantiert als Einzige, auf keine Fete eingeladen waren. Seit Cille die Schule gewechselt hatte und in der Neunten in meine Klasse gekommen war, war es so gewesen. Und es änderte sich auch nicht, als wir aufs Gymnasium gingen. Irgendwie gehörten wir nicht dazu, es war komisch, aber wir hatten uns, und das war mehr, als jemand von uns beiden je gehabt hatte.

Nach der Schule gingen wir zu Cille nach Hause, tranken Mokaï und hörten Musik. Nicht, um irgendetwas Bestimmtes zu tun, sondern um überhaupt etwas zu tun. Und als ihre Mutter nach Hause kam und ihren Freund mitbrachte, den Cille wirklich hasste, packten wir unsere Mokaï-Dosen in eine Tüte und nahmen den erstbesten Bus, der vorbeikam. Als der Fahrer an der Endstation seine Tasche packte und sich erkundigte, ob wir uns gedacht hätten, im Bus zu übernachten, stiegen wir in einen anderen Bus und fuhren bis ans andere Ende der Stadt.

Ich erinnere mich, dass der hintere Teil des Busses im Dunklen lag, weil eine Lampe kaputt war, aber das war eigentlich ganz praktisch, denn so konnten wir in Ruhe trinken, ohne uns vor dem Fahrer verstecken zu müssen.

Abgesehen von uns war der Bus vollkommen leer, als Liam einstieg. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich natürlich noch nicht, wie er hieß. Er war zusammen mit Morten Jepsen, oder Jeppe, wie er genannt wurde. Sie setzten sich in die Mitte des Busses und bemerkten uns erst, als Cille ein bisschen zu laut über Liams Frisur zu kichern anfing, die in der Mitte hochgekämmt war und wie ein merkwürdiger Hut aussah. Aber er war natürlich total cool, drehte sich einfach um und fragte, was es denn zu lachen gebe?

»Was glaubst du denn?«, erwiderte Cille, und er hob die Schultern und sagte, das wisse er doch nicht, sonst hätte er ja nicht gefragt.

Er lächelte, während er das sagte, und ich erinnere mich, dass ich dachte, er hat die schönsten Zähne, die ich je gesehen habe. Und auch die angenehmste Stimme. Trotzdem konnte ich nicht aufhören zu lachen, weil das Ganze so schräg war.

Und dann stand er auf und kam zu uns. Ich dachte, ich würde sterben, und versuchte, mich in meinem Sitz zu verkriechen.

»Wo wollt ihr denn hin?«, erkundigte er sich, und obwohl Cille die Hübschere und Coolere von uns war und normalerweise auch immer das Wort führte, schaute er die ganze Zeit mich an, während er redete.

»Nirgendwohin«, sagte Cille.

»Nirgendwohin?«, wiederholte er.

»Genau, aber das geht dich nichts an.«

Wieder musste ich kichern, obwohl es überhaupt nicht komisch war.

Er nickte Jeppe zu, der noch immer auf seinem Platz saß und aussah wie jemand, der nicht richtig wusste, wo er hingucken sollte.

»Wie schade. Wir sind nämlich auf dem Weg zu einer Würstchenparty.«

»Einer Würstchenparty?«, fragte Cille.

»Ja«, sagte Liam. »Einer Party mit einer Menge Jungs und viel zu wenigen Mädels.«

Er zuckte beiläufig die Achseln, drehte sich mit in den Taschen vergrabenen Händen um und ging zurück zu seinem Sitz. Total abgefahren.

Cille warf mir einen verzweifelten Blick zu und biss sich demonstrativ auf die Knöchel. Zischte zwischen den Zähnen, dass ich »etwas machen« sollte. Aber ich tat nichts, ich konnte es nicht. Ich starrte nur auf die lächerliche Frisur, die ich plötzlich für so ziemlich das Coolste hielt, was ich je gesehen hatte.

Bevor wir etwas sagen konnten, drückte Jeppe auf den Knopf. Der Bus hielt. Und die beiden Jungs stiegen aus, ohne uns eines Blickes zu würdigen.

Ich sah Cille an, als der Bus wieder anfuhr.

»Was machst du denn bloß, du blöde Kuh?«, fauchte ich.

»Was meinst du?«

Ich sprang auf, ohne zu antworten. Schoss durch den Bus und schrie dem Fahrer zu, dass er anhalten sollte. Cille lief mir nach.

»Ich kann doch nicht einfach hier halten«, begann der Fahrer.

»Bleiben Sie stehen, verflucht!«, schrie Cille mit ihrer schrillen Kreissägestimme, die sie manchmal einsetzte. Das funktionierte. Der Fahrer trat auf die Bremse, öffnete die Tür und sah uns kopfschüttelnd nach, als wir aus dem Bus sprangen und durch den Regen und die Dunkelheit davonliefen.

 

Sie rauchten unter dem Halbdach der Bushaltestelle und hoben den Blick, als hätten sie erwartet, dass wir angelaufen kommen.

»Na, habt ihr’s doch noch bereut?«, fragte Liam grinsend.

Jeppe rutschte ein Stück auf der Bank, um Platz zu machen, und Cille drückte sich hastig zwischen die beiden, sodass ich ganz außen neben Jeppe sitzen musste. Typisch von ihr. Und typisch für mich, dass ich mich sofort übergangen fühlte. Jeppe lächelte mich an und starrte auf meine Brüste, während er redete, wahrscheinlich weil er nicht wusste, wo er sonst hingucken sollte.

»Na, und?«, fragte er. »Jetzt seid ihr feucht geworden, oder?«

Liam brüllte vor Lachen.

»Danach fragt man doch nicht einfach so, Jeppe.«

Jeppe kapierte es nicht, es war doch eine ganz einfache Ja-oder-Nein-Frage.

Liam reichte ihm seine Zigarette, die selbst gedreht aussah, aber anders und besser roch als die Zigaretten, die in meiner Klasse geraucht wurden.

»Und was ist mit mir?«, sagte Cille und schnappte sich die Kippe.

Liam grinste und überließ sie ihr.

»Pass auf«, sagte er. »Das ist keine Prince Light.«

Cille schaffte es nicht, richtig zu inhalieren, und reichte die Zigarette hastig an Jeppe weiter, der einen langen Zug nahm und mit geschlossenen Augen dasaß, bis er den Rauch wieder ausstieß und die Zigarette an mich weitergab. Ich nahm sie, nicht, weil ich rauchen wollte, sondern weil ich dadurch die Gelegenheit hatte, sie Liam zurückzugeben.

Ich nahm meinen Mut zusammen, streckte den Arm hinter Cille und Jeppe aus und stupste ihn an der Schulter. Er schaute auf, nahm die Kippe und sah mir dabei lange genug in die Augen, um meine Blutkörperchen auf eine wüste Achterbahnfahrt zu schicken.

Ich glaube, nein, ich weiß, dass ich so etwas nie zuvor gefühlt hatte. Und Liam ging es genauso. Er hat es mir hinterher erzählt.

»Genau in diesem Moment wusste ich einfach, dass wir zusammengehören«, sagte er. Oft.

 

Cille war unglaublich nervig, als wir zu der Party kamen. Sie schmiegte sich wie eine hungrige Katze an Liam. Aber das Schlimmste war wohl, dass sie mich fragte, als wir zusammen auf die Toilette gingen, ob dieser Jeppe nichts für mich sei. Ganz ehrlich, ich hätte sie umbringen können. Sie stand mit dem Gesicht direkt vor dem Spiegel, legte Mascara auf und blinzelte hundertmal hintereinander. Zog das Kinn ein bisschen ein. Legte mehr Mascara auf. Ihre Augen stehen viel zu weit auseinander, dachte ich. An der Schule nannten einige sie »Koala«, ich hatte das nie richtig verstanden, aber als sie dort mit dem Mascara stand, den Mund zusammenzog, die Augen aufriss und sich im Spiegel zublinzelte, wurde mir klar, woher der Spitzname kam. Ich erwiderte nichts. Ging nur hinaus und fing an, mit den Jungs zu trinken, die auf dem ganzen Tisch Schnapsgläser aufgereiht hatten.

Ständig sah ich mich nach Liam um, aber er war nirgendwo zu sehen. Vor der Tür stand eine Gruppe und rauchte. Ich überlegte, hinauszugehen und dort nach ihm zu suchen, aber der Schnaps traf mich wie ein Hammer; ich war nicht sicher, ob meine Beine mich bis nach draußen tragen würden. Alles schwamm. Jeppe kam herein und glotzte mich mit einem dermaßen sehnsuchtsvollen Blick an, dass ich plötzlich nicht mehr sicher war, ob es an ihm oder am Schnaps lag, dass mir übel wurde. Als ich aus der Terrassentür rannte, kam er mir nach und hielt meine Stirn, als ich mich in ein Blumenbeet erbrach. Er war wirklich nett und aufmerksam. Hinterher half er mir in ein Zimmer, nahm die Jacken vom Bett und legte mir eine Decke über. Und als ich wieder zu würgen begann, fand er ganz schnell diesen Papierkorb, der sofort durchweichte. Es war total eklig, trotzdem blieb er und kümmerte sich um alles, und als ich kurz darauf wieder aufwachte, saß er noch immer am Bett und lächelte mich an. Er hatte alles richtig gemacht, aber ich dachte nur an Liam. Und an Cille, wo war sie jetzt wohl? Und daran, ob Jeppe nicht einfach verschwinden könnte.

Zum Glück tat er es.

Mitten in der Nacht stand Liam plötzlich vor mir. Das heißt, er saß neben mir, strich mir übers Haar und erkundigte sich, ob ich okay sei. Ja, sagte ich und richtete mich auf. Aber ich war offenbar noch immer so betrunken, dass ich es wagte, meinen Kopf an seine Schulter zu legen. Wir blieben lange so sitzen, und ich dachte nur, dieser Augenblick könnte gern der letzte in meinem Leben sein. Wenn jetzt eine Atombombe fiele, wäre es mir vollkommen egal. Dann würde ich glücklich sterben.

Wir unterhielten uns auch ein bisschen. Und plötzlich küsste er mich, einfach so, ohne Weiteres, ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Ich dachte nur daran, ob ich nach Kotze roch, aber er sagte Nein. Und dann küssten wir uns noch einmal, bis er plötzlich aufsprang und fragte, ob ich Lust hätte, etwas ganz Phantastisches zu sehen.

 

Wir nahmen den Frühbus in die Innenstadt. Die Sonne ging auf, allerdings nur ganz allmählich. Wir liefen zum Hafen, zu einem hohen Kran.

Liam nahm meine Hand, schaute hinauf und fragte, ob ich mitkäme.

»Was?«, sagte ich. »Da rauf? Das kann man doch nicht einfach so machen.«

»Natürlich kann man das. Es passiert nichts. Ich hab das schon mal gemacht«, sagte er und sah mich mit diesem unwiderstehlichen Lächeln an. »Das Führerhaus steht offen. Man kann sich einfach reinsetzen.«

»Das ist wohl so ein Ort, wo du alle Mädchen mit hinschleppst?«, entfuhr es mir. Im Grunde wollte ich es gar nicht sagen, Cille würde so etwas sagen, es flutschte mir einfach so heraus, und nun stand er mit einem vollkommen verwirrten Gesichtsausdruck da. Eigentlich wollte ich gar keine Antwort hören. Aber er antwortete.

»Du bist die Erste«, sagte er ernst. »Normalerweise klettere ich da hoch, wenn ich allein sein will. Und denken.«

Ich lächelte und wandte den Blick ab. Und denken. Natürlich war er auch der Typ, der so etwas tat. Denken. Und dazu setzte er sich auf einen Kran.

Er zog mich an der Hand.

»Komm schon«, forderte er mich auf.

Und dann saßen wir dort und schauten auf die Lichter der Stadt, während die Sonne im Osten aufging und den Limfjord gelb und rot anmalte, orangefarben und einladend. Und redeten. Über alles und nichts. Und selbst wenn wir über nichts redeten, hatte ich das Gefühl von einer Tiefe in all dem, was er sagte, die ich noch nie bei einem Menschen erlebt hatte. Es war, als könnte er hinter alles sehen.

»Ich will mal einen Roman schreiben«, sagte er und erzählte von dem Buch, das davon handeln sollte, wie oberflächlich alles war. Und wie lächerlich die Menschen ihr Leben lebten. Ohne richtige Werte und ohne etwas, für das sie sich wirklich begeisterten. Und ich dachte an meine Mutter, an all die Erwachsenen, die ich kannte, an die Schule, und ich verstand ihn sofort, nickte und sagte, das Buch würde ich sehr gern lesen.

Etwas später, nachdem wir uns lange geküsst hatten, fragte ich nach Cille, und er sagte bloß: »Cille? Welche Cille? Diese Freundin von dir?« Er grinste. »Sie hat total genervt. Ich wurde sie kaum los. Ich dachte nur daran, wie ich zu dir kommen könnte.«

Ich hätte ihn gern gefragt, warum, wusste aber genau, dass es dumm klingen würde. Ich wollte wirklich gern wissen, warum er sich ausgerechnet in mich verguckt hatte. Er schien jemand zu sein, der alle bekommen konnte.

Aber ich brauchte gar nicht zu fragen.

»Als du dahinten im Bus gesessen hast, konnte ich deinem Lachen einfach nicht widerstehen«, sagte er. »Du hast wirklich das lustigste Lachen, das ich kenne.«

»Findest du? Klingt aber irgendwie nervig.«

»Überhaupt nicht. Es ist absolut phantastisch.« Wieder küsste er mich. »Außerdem fand ich dich unglaublich süß und hübsch. Und das finde ich immer noch.«

Ich gab ihm auch einen Kuss, und fast wären mir die Tränen gekommen, denn alles war so perfekt. Von mir aus konnte die Atombombe jetzt explodieren. Gut, dass sie nicht schon am Bett in die Luft gegangen war, als ich den Kopf an seine Schulter legte und all dies noch vor mir hatte, aber jetzt war es okay.

Meine Mutter will umziehen. Sie will, dass irgendjemand das ganze Haus ausräumt, sie sollen einfach alles mitnehmen. Und dann will sie mit meinem Vater wegziehen. Weit weg. Vielleicht sogar in ein anderes Land, Hauptsache fort. Sie hält es nicht mehr aus, sagt sie. Sie hält es in unserem Haus und in Aalborg nicht mehr aus.

Es ist vier Tage her, seit sie uns im Limfjord fanden, und sie hat in meinem Zimmer bereits zwei Mal staubgesaugt. In der Zwischenzeit ist niemand dort gewesen, nur sie hat sich eine Nacht hineingeschlichen und auf mein Bett gesetzt. Sie hat einfach nur dagesessen und vor sich hin gestarrt. Zehn Minuten oder so. Dann ist sie aufgestanden und wieder gegangen. Sie hat die Überdecke glatt gestrichen, sodass man überhaupt nicht sehen konnte, dass jemand im Zimmer gewesen ist.

»Ich kann sie nicht spüren«, hat sie am Morgen zu meinem Vater gesagt. Als ob sie alles überstanden hat. »Und gleichzeitig ist es auch ein bisschen so, als ob sie nie richtig hier gewesen ist.«

Mein Vater findet ihr Gerede eigenartig. »Geschwätz« hat er es genannt, das hätte sie doch eh nur wieder aus irgendwelchen Zeitschriften, und meine Mutter hat versucht, es ihm zu erklären, aber dadurch wurde alles nur noch komplizierter. Es ging darum, dass wir nie richtig zusammengepasst hätten, sie und ich. Auch als Familie hätten wir nicht zusammengepasst. Sie hat mich nicht verstanden.

»Hör schon auf, Ulla«, hat mein Vater erwidert. »Halt einfach den Mund, und hör auf mit diesem Geschwätz.«

Sie fing an zu weinen und erklärte, es sei ihre Schuld, oder ihre gemeinsame, auch die meines Vaters, sie hätten sich einfach nicht genug um mich gekümmert, und mein Vater schrie, an meinem Tod sei einzig und allein Liam schuld, und sie solle jetzt auf der Stelle die Schnauze halten.

Er fuhr zur Arbeit und knallte beim Verlassen der Wohnung die Tür hinter sich zu, und meine Mutter legte sich aufs Sofa und heulte in ein Kissen. Lange lag sie dort. Dann klopfte sie das Kissen zurecht, stand auf, ging ins Schlafzimmer und legte sich richtig ins Bett. Seither haben sie nicht mehr über mich geredet, bis jetzt. Sie essen in der Küche Spaghetti carbonara, und meine Mutter hat gerade erklärt, dass sie wegziehen will.

Mein Vater schüttelt den Kopf.

»Wir müssen hierbleiben, Ulla«, sagt er. Er redet mit vollem Mund. Das hat er schon immer getan. Wie ein Hamster schiebt er sich das Essen in die Backe, dann redet er. Wenn er isst, redet er tatsächlich nur, wenn er etwas im Mund hat, meine Mutter hasst es. Normalerweise kommentiert sie es, aber diesmal hat sie noch nichts gesagt. »Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Es wird nicht besser dadurch, dass wir umziehen.«

Meine Mutter lehnt sich auf dem Stuhl zurück und schaut mit leerem Blick in den Raum. Sie seufzt.

»Wenn es jemanden gibt, der umziehen sollte, dann der da«, fügt mein Vater hinzu und zeigt mit seiner Gabel aus dem Fenster; und obwohl er den Namen nicht ausspricht, weiß meine Mutter ganz genau, dass von Ian die Rede ist.

 

Liams Vater Ian stammt aus Irland, kam aber im Alter von knapp neunzehn, zwanzig Jahren nach Dänemark. Er arbeitete ein halbes Jahr irgendwo am Hafen, und wenn er nicht arbeitete, setzte er sich in eine der Kneipen in der Jomfru Ane Gade und trank Guiness. Allein. Kein Mensch hat sich je an ihn gewandt, das hat er selbst erzählt. Bis eines Abends zwei Mädchen hereinkamen. Die eine hatte dunkles Haar, die andere war blond und trug eine Hose mit Leopardenmuster; und die mit der Leopardenhose kam zu ihm und fragte ihn, ob sie von ihm eine Zigarette schnorren könnte. Ich heiße Jeanette, sagte sie, dann wollte sie wissen, wie er hieß und was die Tätowierung auf seinem Unterarm bedeutete. Vielleicht lag es daran, dass sie die Einzige war, die seit mehreren Monaten etwas zu ihm gesagt hatte, jedenfalls hatte er sich dermaßen gefreut, dass er sie fragte, ob sie tanzen wolle. Obwohl es nur Musik aus der Musikbox und nicht einmal ein richtiges Tanzparkett gab – und obwohl er noch nie in seinem Leben mit irgendjemandem getanzt hatte und gar nicht wusste, wie es ging. Aber sie sagte Ja. Und sie tanzten. Hinterher spendierte er ihr ein Bier nach dem anderen, und ihre dunkelhaarige Freundin wurde wütend und ging nach Hause. Und als die Jukebox noch einmal den Song spielte, den sie schon drei Mal gehört hatten, und der Wirt brüllte, das wäre jetzt aber das letzte Mal gewesen, legte er ihr eine Hand in den Nacken und küsste sie. Irish-Style, behauptete er, was immer das sein mochte. So wurden sie ein Paar, sie wurde schwanger, und er war eben hier hängen geblieben.

Ich habe Jeanette nie kennengelernt, denn sie erkrankte an Brustkrebs und starb, zwei Jahre bevor ich Liam begegnete, aber ich habe Fotos von ihr gesehen. Sie war als junges Mädchen hübsch, fand ich. Sie hatte perfekte weiße Zähne, ein riesengroßes Lächeln und sah aus wie jemand, der immer fröhlich ist. Aber so war es nicht, hat mir Liam erzählt. So sah sie nur aus, wenn Fotos gemacht wurden. In Wahrheit war sie die meiste Zeit sehr deprimiert.

Ich weiß nicht, wie Liams Vater war, bevor Jeanette starb, aber in der Zeit, als ich ihn kannte, hatte er jedenfalls überwiegend schlechte Laune. Wenn er nicht arbeitete, schlief er bis weit in den Nachmittag hinein, ansonsten schrie er nach Liam und seinem jüngeren Bruder, sobald er wach und dazu fähig war. Ich habe ihn noch immer im Ohr, wie er mit dieser total irren, verrosteten Stimme grölte, die klang, als würde er vom Grund eines Brunnens brüllen: »Ljam? Ljam? Jon?« Dann folgte eine Menge aufgeregtes Zeug auf Irisch. Ich verstand es nie ganz genau, aber Liam verstand ihn und schrie dann irgendetwas zurück. Meist so etwas wie »fuck« oder »shut up«.

Einmal hat er Liam geschlagen. Mit der flachen Hand. Und Liam hat ihn angespuckt und immer wieder geschrien »Is that what you want!?«, dabei hat er auf den weinenden Jonathan gezeigt, dem ich die Ohren zuhielt.

Ein andermal, als Ian am Küchentisch frühstückte, drehte er sich um und goss eine Schale mit Milch und Cornflakes über Liam, weil er meinte, Liam »was being disrespectful« und »needed a lesson«.

Andererseits konnte er auch richtig nett sein. Vor allem, wenn er ein bisschen getrunken hatte, aber nicht zu viel, oder wenn er gerade Geld bekommen hatte oder das Wetter schön war, so was halt. Dann erzählte er Geschichten aus Irland. Von damals, als er und seine Kameraden betrunken aufs Land fuhren und in einen Zaun krachten, sodass Hunderte Schafe ausbrachen und sie vor dem Bauer über die Felder davonlaufen mussten. Oder über seine Großmutter, die ihr achtes Kind auf dem Weg über den Hofplatz zur Welt brachte. Sie hat sich einfach gebückt, ihren Rock hochgezogen und das Kleine aufgehoben.

»Jeanette screamed for seventeen hours when she gave birth to you«, sagte er und zeigte auf Liam. »Irish women … I’m telling you, Liam, that’s what you want.« Und dann lächelte er mich an und zwinkerte, denn natürlich meinte er nicht, was er sagte, und man konnte seinen Augen und seinem Lächeln ansehen, dass er mich mochte. Ich mochte ihn auch, obwohl es manchmal einfach zu viel mit ihm wurde, wenn er sich jeden Tag zehn Mal mehr aufregte als mein Vater über mich. Mein Vater und Liams Vater waren eigentlich wie Tag und Nacht, und mein Vater konnte Liams Vater auch nicht ausstehen. Überhaupt nicht.

 

Eigentlich fing alles ziemlich gut an. Jedenfalls fast. Meiner Mutter gefiel es, dass ich einen Freund gefunden hatte. Zumindest sagte sie das, als ich mich endlich entschied, es ihr zu erzählen. »Aber, das ist doch wunderbar, Louise«, sagte sie und schaute hinüber zu meinem Vater. »Findest du nicht, Gorm?« Er nickte und sagte, ja, sicher. Sehr schön. Und als niemand es weiter kommentierte, fand ich das auch okay. Jetzt hatte ich es zumindest gesagt.

Aber als wir zu Abend aßen, wollte meine Mutter doch ein bisschen mehr wissen. Was ist das für einer, dieser Freund?

»Er heißt Liam«, sagte ich. Ich glaube, ich habe sogar tief durchgeatmet, bevor ich seinen Namen laut und langsam aussprach, beinahe ein wenig feierlich.

»Aha? Li-am«, wiederholte sie, als müsste sie dem Namen nachschmecken. Ich wusste genau, was sie dachte: »Ist er … Ausländer?«

Ihr Blick flackerte zwischen meinem Vater und mir hin und her, und obwohl ich meinen Vater nicht anguckte, spürte ich, dass er mich ansah.

»Woher kommt er?«, wollte sie wissen, bevor ich überhaupt irgendetwas sagen konnte, und vergeblich versuchte sie zu verbergen, wie erleichtert sie war, als ich antwortete, er sei bloß halber Ire, durch seinen Vater, habe aber sein ganzes Leben in Dänemark verbracht.

»Ach so, na ja, mein Gott«, schwadronierte sie, und ganz plötzlich bekam dieser halb ausländische Freund beinahe etwas Exotisches; dort auf der Insel sollte es doch so schön sein, hatte sie gehört.

»Und was macht sein Vater hier in Aalborg?«, fragte meine Mutter weiter, und ich antwortete, das wüsste ich wirklich nicht so genau. Irgendetwas am Hafen, glaube ich, aber das ist doch im Grunde auch völlig egal.

Ich war etwas gereizt, und meine Mutter sagte »Ja, ja, um Himmels willen« und machte eine betont gleichgültige Handbewegung, aber dass es sie irritierte, sah ich. Sie fühlte sich erst wohl, wenn sie wusste, was die Leute machten. Wusste sie es nicht, war ihr nicht recht klar, was sie von ihnen halten sollte.

»Wir werden ihn schon irgendwann kennenlernen, dann kannst du ihn ja selbst fragen«, mischte mein Vater sich ein und zwinkerte mir zu.

Ich zwinkerte zurück.

 

Es war auch ungefähr die erste Frage, die meine Mutter Ian stellte, als sie sich kennenlernten. Eines Abends, an dem ich versprochen hatte, um zehn zu Hause zu sein, bestand Ian darauf, mich zu fahren, denn ein so junges Mädchen wie ich sollte um diese Uhrzeit nicht allein auf der Straße sein, meinte er. Ich hörte ihm an, dass er getrunken hatte, und auch Liam sagte: »But you’re drunk?«

Ian wurde ein bisschen sauer und brummte »Don’t talk shit like that«, er sei keineswegs besoffen. Er hätte seit dem Nachmittag nichts mehr getrunken und könne auf jeden Fall fahren. Und irgendjemand müsse schließlich Liams Damenbekanntschaften nach Hause bringen, zumal Liam ja keinen Führerschein hätte.

Er hielt mir die Autotür auf.

»Get in, luv«, sagte er, und ich stieg ein. Kein Grund, nervös zu sein, sagte er, bevor er die Beifahrertür zuwarf. Er würde schon vorsichtig fahren.

Das tat er auch. Er klebte geradezu an der Frontscheibe, und ich glaube nicht, dass die Tachonadel irgendwann fünfundvierzig Stundenkilometer überschritt.

»So. Are you in love with my son?«, fragte er, als der Wagen langsam die Bordsteinkante vor unserer Einfahrt entlangrollte und er den Motor abstellte.

Ich nickte ernst.

»Don’t be. He’s such an asshole!«

Ich sah ihn erschrocken an, doch dann brach er in ein Gelächter aus, dass man sein Zahnfleisch sehen konnte und seine Augen vollkommen in seinem Gesicht verschwanden. So sah Liam auch aus, wenn er lachte, und ich liebte es.

»No, he’s alright. He might not be all this«, sagte Ian und zeigte auf die großen Reihenhauskästen und die schnurgeraden Hecken, die sich an der Straße aufbauten. »But Liam’s a good boy. He really is.«

Ich nickte und wollte eigentlich noch etwas sagen. Irgendetwas in der Richtung, dass er mehr wäre als nur ein »good boy«, er war ein »fantastic boy«, und »all this« war vollkommen egal, mir war »all this« jedenfalls scheißegal. Ich hätte Katzenfutter gegessen und in einem Haus aus Pappe gewohnt, Hauptsache, ich war zusammen mit Liam und er würde immer so lachen, wie er lachte. Und mich auf diese besondere Weise ansehen, wenn er den Kopf schief legte, seine Augen zu Schlitzen wurden und ich das Gefühl hatte, als würde alles in mir gleichzeitig schmelzen und explodieren.

Doch dann klopfte es plötzlich am Fenster, und meine Mutter stand in einer langen Strickjacke und mit Flipflops neben dem Wagen. Sie winkte, lächelte und versuchte, Ian dazu zu bewegen, das Fenster herunterzulassen, aber das war bei diesem Seitenfenster nicht mehr möglich, es hatte sich schon vor langer Zeit verklemmt, daher musste er die Tür öffnen und den Kopf herausstrecken.

»Hej«, grüßte meine Mutter und streckte die Hand aus. Ian schüttelte sie. »Ich bin, ja, ich bin Louises Mutter«, sagte sie. Und sie vermutete, dass er Liams Vater sein müsste. Und wie nett, mich nach Hause zu fahren, das musste sie schon sagen; und dann fragte sie, ob er auf eine Tasse Kaffee mit hineinkommen würde. Nur schnell eine Tasse?

Ian hatte sich kaum aufs Sofa gesetzt, als sie sich schon erkundigte: »Und was machen Sie so, Ian? Where do you work?«

 

»Wir hätten Louise doch auch abholen können«, sagte mein Vater immer wieder. Das nächste Mal sollte Ian einfach anrufen. Und Ian erwiderte ein ums andere Mal, überhaupt kein Problem, er hätte nichts dagegen, Auto zu fahren. Er sei ein vorsichtiger Fahrer, und ich nickte, das konnte ich bestätigen, er war sehr vorsichtig.

»Aber beim nächsten Mal hole ich sie ab«, erklärte mein Vater entschieden und hielt Ians Blick auf eine wirklich insistierende Art und Weise fest. Und erst jetzt begriff ich, dass es ihm nicht nur um Höflichkeit ging. »Verstanden?«

Ian nickte. Fine by him.

»Und du hast das auch verstanden, Louise? Beim nächsten Mal rufst du an, dann komme ich und hole dich ab. Sonst gibt es überhaupt kein nächstes Mal mehr. Klar?«

Ich nickte und blickte zu Boden.

Ian bedankte sich für den Kaffee.

Mein Vater bedankte sich ebenfalls, blieb aber auf dem Sofa sitzen. Meine Mutter begleitete Ian hinaus, und als sie zurückkam, wiederholte sie mehrfach, dass wir seiner Ansicht nach ein wirklich tolles Haus hätten, aber wahrscheinlich wäre es verdammt teuer, hier zu wohnen.

»Der hat wahrscheinlich noch nie etwas von Grundsteuern gehört!«, lachte sie und schüttelte den Kopf. »Ich glaube kaum, dass er so etwas kennt.«

»Halt endlich den Mund, Ulla!!«, rief mein Vater, und meine Mutter zuckte zusammen. »Herrgott, ist doch vollkommen egal, wie viel er verdient. Er soll nur nicht mit Louise herumkutschieren, wenn er besoffen ist.«

Meine Mutter nickte ernst. Genau das war auch ihre Meinung. Das ging einfach nicht.

»Leck mich«, sagte ich zu ihr, und mein Vater zeigte auf mich und sagte »Hey«, ich solle anständig reden, aber ich dachte nicht daran, ich starrte meine Mutter nur an und sagte noch einmal, und dieses Mal lauter: »Leck. Mich!«

»Es ist doch nicht die Schuld von Liams Vater«, sagt meine Mutter und seufzt, aber mein Vater ist eiskalt.

»Ist es verdammt noch mal doch. Er hat nichts unter Kontrolle. Nicht einmal sich selbst. Er lässt sich gehen und säuft, er …« Mein Vater schüttelt den Kopf. »Er hatte doch nie auch nur die geringste Ahnung, was seine Bengel gerade trieben.«

Meine Mutter holt tief Luft. Atmet aus.

Mein Vater legt seine Gabel beiseite.

Und dann sagt sie es.

»Das hatten wir auch nicht, Gorm. Oder? Wir haben keine Ahnung, wer sie gewesen ist. Und jetzt ist sie nicht mehr …« Sie hebt die Schultern und sagt es noch einmal, wie eine Feststellung: »Wir haben keine Ahnung, wer sie gewesen ist.«

Wusste ich überhaupt selbst, wer ich war? Ich war vermutlich niemand, so richtig. Ganz im Ernst. Nur irgendeine unsichere Tussi aus Hasseris, die nie wusste, auf welchem Bein sie eigentlich stehen sollte. Was ich an Identität besaß, verschmolz blitzschnell mit Liams. Für mich gab es nichts anderes. Nur das hatte Bedeutung. Es war so richtig. So perfekt. Also, Liam und ich, alle haben gesagt, wir wären wie füreinander geschaffen.

Auch Liam hat das gesagt. Ständig. Wenn er mich neuen, zum Teil ziemlich merkwürdigen Freunden vorstellte, sagte er: »Das ist Loui. Meine Seelenverwandte.« Und ich bekam einen roten Kopf, und die Leute lachten, weil er immer so übertreiben musste – aber wenn ich ihn ansah, wusste ich, dass er es ernst meinte.

Ich liebte alles an ihm. Auch all seine schwachsinnigen Einfälle. Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, stand er eines Tages vor dem Gymnasium und warf kleine Steinchen ans Fenster des Englisch-Klassenzimmers. Karlskov, unser Lehrer, reagierte als Erster. Er ging ans Fenster und fragte, ob jemand von uns den Penner kennen würde, der unten im Hof stand und mit Steinen warf. Wir rannten natürlich sofort ans Fenster, und auf dem Hof stand Liam und grinste blöd. Es war ihm völlig egal, dass alle glotzten und dachten, er wäre total bescheuert. Ich sagte nicht, dass ich ihn kannte, verließ aber das Klassenzimmer, sobald ich die Gelegenheit dazu hatte.

Ich schwänzte fast täglich, um mit Liam nach Hause zu gehen und zu vögeln. Es war der einzige Zeitpunkt, an dem die Wohnung leer war und wir sicher sein konnten, dass wir unsere Ruhe hatten. Glaubten wir. Einmal kam Ian früher von der Arbeit nach Hause, damals, als er sich einen Finger in einer Maschine gebrochen hatte. Wir lagen in Löffelchenstellung im Bett, und Liam nahm mich von hinten, als plötzlich die Klinke heruntergedrückt wurde. Blitzschnell zog Liam die Bettdecke über uns. Ian kam herein und zeigte uns stolz seinen verbundenen Finger, machte es sich auf einem Stuhl bequem und fing an, von dem Kollegen zu erzählen, der den Unfall verschuldet hatte, ein fucking wanker, der nicht aufpassen konnte. Andererseits war es seiner Meinung nach gar nicht so schlimm, dass er jetzt ein paar Wochen zu Hause bleiben und es sich gut gehen lassen konnte.

Liam blieb einfach liegen, sein Schwanz steckte noch in mir. Manchmal bewegte er seinen Unterleib, damit er steif blieb, aber schließlich gab er auf, seufzte tief und sagte in seinem lustigen Irisch, das er nur benutzte, wenn er mit seinem Vater sprach, betrunken war oder mit Jonathan schimpfte: »Dad, could you please fuck of? I’ve got my cock in Loui’s cunt.«

Mir war noch nie im Leben etwas so peinlich. Ever. Aber Ian platzte beinahe vor Lachen.

 

Generell gab es eigentlich bei Liam zu Hause nicht so viel zu lachen. Oder doch, es gab eine Menge Dinge, die zum Lachen waren. Wir lachten ziemlich viel. Entweder war es unglaublich lustig oder es herrschte ein riesiges Hickhack. Sie brüllten, schrien sich an und beschimpften sich mit den übelsten Ausdrücken, aber alles auf Irisch, sodass ich nur knapp die Hälfte verstand. Vor allem Liam und Ian. Jonathan trödelte meist für sich allein herum. Es herrschte ein einziges Chaos. Die drei Wochen, in denen Ian wegen des Fingers zu Hause blieb, waren die reine Hölle. Am Ende konnten er und Liam sich buchstäblich nicht mehr sehen. Damals beschloss Liam, sich eine eigene Wohnung zu suchen.

Es geht meinem Vater nicht mehr aus dem Kopf. Tag und Nacht. Er kann nachts nicht schlafen, sondern starrt in die Dunkelheit, während meine Mutter von Schlaftabletten betäubt schnarcht. Er geht zur Arbeit, steht am Lehrerpult, redet über Wirtschaft und Statistiken, ist aber nicht wirklich bei der Sache. Das Einzige, woran er denken kann ist, warum. Ich spüre, wie es ihn innerlich auffrisst, dieses Schuldgefühl. Und ich würde ihm so gern helfen. Ihm erzählen, dass es nicht seine Schuld ist, dass tatsächlich niemand Schuld hat, auch Ian nicht. Es ist am Ende einfach so geschehen. Ich lehne mich an ihn, streiche ihm übers Haar und hoffe, er merkt, dass der Luftzug, den er an Hals und Nacken spürt, mein Atem ist, wenn ich ihm ins Ohr flüstere.

Er glaubt nicht an so etwas. Tot ist tot, es gibt nichts danach, sagt er zu meiner Mutter. Und sie nickt und gibt ihm recht, wenn er erklärt, meine Oma glaube nur an ein Leben nach dem Tod, weil sie den Gedanken nicht ertragen könne, dass ganz plötzlich einfach definitiv Schluss sein soll. Aber in Wahrheit geht es meiner Mutter genauso wie Oma. Auch sie will nicht so denken wie er. Und doch scheint es, als würden meine Eltern jeder auf seine Weise versuchen, mich noch ein bisschen am Leben zu erhalten. Am meisten mein Vater. Er hat seine eigenen kleinen Nachforschungen begonnen. Allein und heimlich. Er will der Sache auf den Grund gehen, sagt er. Oder vielleicht auch nur das Puzzle zusammensetzen, das mein Leben war. Es verstehen. Eine andere Form von Sinn schaffen.

Abends läuft er durch die Stadt. Redet mit Leuten. Auch mit Leuten, die ich kaum gekannt habe. Sie schauen ihn verwundert an. Ein bisschen ängstlich, als ob der Tod persönlich durch die Straßen wandert. Er ist eine tragische Gestalt. Bleich und dürr. Die Klamotten hängen an ihm herab. In den letzten Wochen hat er ziemlich abgenommen, dabei war er ohnehin schon lang und dünn.

Eines Tages besucht er Cille. Er klopft an ihre Tür, die sie nur einen Spaltbreit öffnet, weil sie Angst hat, nachdem Mawi zu ihr gekommen ist.

»Ich weiß nichts«, sagt sie.

»Irgendetwas musst du doch gehört haben«, erwidert mein Vater barsch. »Ihr wart doch Freundinnen.«

Sie zuckt die Achseln. Er tut ihr leid, aber sie findet ihn auch ziemlich unangenehm. Er starrt sie so an. Schnappt beinahe nach ihr, wenn er seine Fragen stellt.

Sie möchte ihm gern etwas geben. Irgendetwas, das ihn beruhigt. Damit er wieder geht.

Cille denkt einen Moment nach, dann lächelt sie und sagt: »Ich glaube, sie hat angefangen, Tagebuch zu schreiben.«

Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.

»Tagebuch?«, wiederholt mein Vater. »Das … glaube ich nicht. Von einem Tagebuch ist nie die Rede gewesen.«

»Nein, man erzählt ja auch nicht alles seinen Eltern«, antwortet Cille.

Er sieht sie an und lächelt, ohne aber wirklich zu lächeln.

»Tja, da hast du wohl recht.«

»Hör mal«, sagt Cille. »Mir tut das total leid. Es ist absolut irre … also … all das, was passiert ist. Es ist furchtbar, und ich fühle wirklich mit euch. Aber ich …«

»Weißt du, wo sie es versteckt hat?«, unterbricht er sie.

»Was?«

»Das Tagebuch? Weißt du, wo sie es versteckt hat?«

Cille schüttelt den Kopf.

Im Wohnwagen, sage ich. Von dem ich dir damals in derSMS geschrieben habe. Unter dem Sitz.

»Nee«, sagt sie. »Keine Ahnung.«

Er zieht seine Brieftasche hervor und reicht Cille eine Karte mit seinem Namen, der Adresse und der Telefonnummer. Ich habe sie ihm mal zum Geburtstag geschenkt. Weil ich es immer so cool fand, die Visitenkarte so herauszuziehen. Wie im Film. Ich glaube, er hat sie nie richtig benutzt. Tatsächlich glaube ich, diese Visitenkarten waren ihm unglaublich peinlich, und er hatte nur ein paar Stück in seinem Portemonnaie, um mich nicht zu enttäuschen.

»Ruf mich an, wenn dir noch etwas einfällt«, sagt er zu Cille.

Sie nickt: »Ich speichere die Nummer gleich. So eine Karte ist doch schon weg, wenn man die Tür zugemacht hat.«

Sie tippt seine Telefonnummer in ihr Handy und gibt ihm die Karte zurück.

»Ich hab sie unter Louis Vater gespeichert.«

»Gut«, sagt er.

»Übrigens. Du könntest ja mal in Liams Wohnung nachsehen.«

 

Mein Vater schiebt die Tür auf und steigt über eine umgekippte Mülltüte. Grätscht zu dem kleinen umgefallenen Regal, ein Fuß ist abgebrochen. Typisch, dass Ian die Wohnung noch nicht ausgeräumt hat, denkt er. In gewisser Weise sagt das doch alles über den Mann. Er ist nicht imstande, irgendetwas zu Ende zu bringen. Seit unserem Verschwinden ist mein Vater jetzt das dritte Mal in der Wohnung, und er zweifelt, ob Ian überhaupt je hier gewesen ist.

Er stellt sich an die Tür zum Wohnzimmer und tritt vorsichtig gegen einen Stapel Papier, er hebt den Schuh auf, der darunter liegt. Es ist mein Schuh. Ein orangeroter New-Balance-Sneaker. Lange hält er ihn in den Händen, dreht ihn hin und her, schlägt ihn gegen seine Handfläche und starrt auf die Klamotten, die umgeschmissenen Möbel und das zerschlagene Glas, als würde er nach dem zweiten Schuh suchen.

Er hat mir diese Schuhe geschenkt. Meine Mutter wollte sie mir nicht kaufen, weil ich ein Paar hatte, das genauso aussah, allerdings in Grau. Wir haben schließlich keinen Goldesel, hat sie gesagt. Aber im Grunde war sie bloß sauer, weil ich nie zu Hause war. Als ich am Küchenfenster vorbeiging, habe ich gehört, wie sie zu meinem Vater sagte: »Wieso sollen wir ihr Schuhe kaufen, wenn wir ihr sowieso vollkommen egal sind?«

Weil wir ihre Eltern sind, versuchte es mein Vater, und wenn sie sich die Schuhe doch so sehr wünscht …

Auf keinen Fall, erwiderte Mutter. Sie würde sich doch nicht auch noch mit ihrem eigenen Geld lächerlich machen lassen.

Am Abend klopfte es an der Tür von Liams Wohnung, und ich öffnete, weil Liam im Bad war. Vor der Tür stand mein Vater mit einer Sportmaster-Tüte in der Hand. Er gab sie mir.

»Hier«, sagte er nur. »Und sag deiner Mutter nichts.«

Ich nahm die Tüte und fragte, was ist das, aber er wiederholte nur, dass meine Mutter nichts davon wissen sollte. Ich könnte sie ja hier tragen.

Ich guckte in die Tüte. Blickte auf. Mein Vater zuckte die Achseln. Er war einfach der Meinung, dass ich sie haben sollte.

Ich grinste breit. Auch er lächelte.

»Willst du nicht einen Moment hereinkommen?«, fragte ich, aber das wollte er nicht. Er wollte lediglich die Schuhe abliefern.

»Geh ruhig wieder rein«, sagte er. Er müsse weiter. Er hätte meiner Mutter gesagt, er würde tanken fahren, sie hatte schon zweimal angerufen.

»Okay.«

»Aber komm bald nach Hause«, sagte er und kniff mich in die Wange. »Ja?«

Ich nickte.

Der andere Sneaker liegt unter dem Bett, das ebenfalls umgekippt wurde, mein Vater kann ihn jedoch von der Stelle, an der er steht, nicht sehen. Er legt den Schuh auf den Fernseher. Er fällt herunter, und er legt ihn wieder darauf. Tätschelt ihn. Mein Vater blickt über die verwüstete Wohnung. Als er dort steht, geht ihm durch den Kopf, dass er wissen muss, was dahintersteckt. Er muss wissen, was passiert ist. Und warum. Weshalb wurde die Wohnung verwüstet? Er muss dieses Tagebuch finden, und obwohl ich nicht einmal versuche, ihm etwas zu sagen, spürt er, dass es nicht in der Wohnung ist. Dies ist kein Ort, an dem man Tagebuch schreiben will.

Mit gespreizten Beinen steigt er über die Stehlampe, die zwischen Wohnzimmer und Flur liegt. Und schließt die Tür sorgfältig hinter sich.

Die Wohnung war unser Palast. Meiner und Liams. Ein Wohnzimmer, eine kleine Küche, eine Toilette mit Bad, der Flur. Mehr nicht, aber es reichte, und sie gehörte uns. Obwohl es eigentlich nur Liams Wohnung war. So hat er das selbst allerdings auch nicht gesehen. Ich konnte kommen und gehen, wann ich wollte. Tun, was mir gefiel. Ich durfte die Wohnung auch einrichten. Wir fuhren zu IKEA und kauften ein Doppelbett, das die Hälfte des Wohnzimmers ausfüllte. Hinterher teilten wir den Raum mit einem Badevorhang, der mit pastellfarbenen Fischen bedruckt war. Total schlechter Geschmack, aber irgendwie sah es ziemlich gut aus, und Liam sagte: »Das ist unser Stil. Es gibt garantiert niemanden sonst auf der Welt, der etwas so Hässliches hat.«

Es wurde fast so etwas wie ein Mantra, dass alles total hässlich und kitschig sein musste, nichts durfte dem ähnlich sein, was andere hatten. Das Sofa bestand aus ein paar alten Paletten mit einer Matratze darauf. Und einem ganzen Haufen Kissen in allen Farben. Auf diesem Sofa hatten wir die wüstesten Kissenschlachten. Und Sex. Jede Menge Sex. Den Tisch hatte Liam selbst gebaut. Beim Werkunterricht in der Grundschule. Ich hatte so einen Tisch im Leben noch nicht gesehen, total windschief.

»Ich bin Künstler, kein abgefuckter Handwerker«, sagte er, als er ihn aus dem Keller seines Vaters hochschleppte. Ich bin fast gestorben vor Lachen.

Wir haben ihn dann gelb angestrichen, weil im Keller eine Dose mit gelber Farbe stand.

Ich erinnere mich daran, wie Ian uns das erste Mal besuchte.

»Jesus-fucking-Christ! What a dump«, sagte er nur.