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Stellt euch vor, es gibt ein Land, in dem die unerfüllten Wünsche der Menschen gehütet werden. Kommt zusammen mit Lexi und Milo nach Everwish! Das magische Buch Libros ist verschwunden und ohne dieses Buch ist Everwish dem Untergang geweiht. Lexi und Milo müssen die größten Kostbarkeiten der Wunschwesen finden, um das Land der verborgenen Wünsche zu retten: eine Lavinafeder, eine Feuerschuppe, Rubintaft und Koro-Eis. Doch nur wenn es ihnen gelingt, auch den geheimnisvollen Raklis aufzuspüren, kann die Macht des Horroxers Tremoris für alle Zeiten gebrochen werden … Entdecke alle fantastischen Abenteuer der Wishkeeper: Band 1: Das Land der verborgenen Wünsche Band 2: Die Reise nach Silversands Band 3: In der Eiswelt von Eterna Ebenfalls von Barbara Laban: Mitternachtskatzen Band 1: Die Schule der Felidix Band 2: Die Hüter des Smaragdsterns Band 3: Der König der Federträger Band 4: Der Geisterkater von Bakerloo Adventskalender: Mr Mallorys magisches Weihnachtsgeheimnis
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2025
Als Ravensburger E-Book erschienen 2025 Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag GmbH © 2025, Ravensburger Verlag GmbH
Text © 2025 Barbara Laban Originalausgabe Cover- und Innenillustrationen: Alessia Trunfio Rahmen- und Typografiegestaltung: Alexander Kopainski Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg. Der Nutzung für Text- und Data-Mining wird ausdrücklich widersprochen.
ISBN 978-3-473-51292-8
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„Komm schon“, murmelte Lexi und starrte auf das winzige Stück Papier, das sie wieder und wieder glatt gezogen hatte. Es sah grau, unscheinbar und völlig zerknittert aus. Lexi presste angestrengt die Hände unter dem Schreibtisch zusammen. Draußen zogen die Wolken vor ihrem offenen Fenster hektisch über die Dächer der Häuser. Es war ein windiger Tag.
„Wo ist Libros?“, fragte Lexi erneut. Nichts geschah. „Ich weiß, du könntest mir antworten, wenn du nur wolltest“, murmelte sie enttäuscht und zuckte kurz darauf zusammen. Da! Hatte sich das Papier von selbst einen Millimeter bewegt, oder lag es nur am Londoner Sommerwind, der es jetzt auch bis in ihr Zimmer geschafft hatte?
„Du bist zu mir gekommen – nicht umgekehrt“, erinnerte sie den Zettel an den vergangenen Tag, als er ihr im Park entgegengeflattert war.
So verrückt es auch klang: Der Zettel hatte sie um Hilfe gebeten: Wo seid ihr? – Wishkeeper – findet mich – Wishkeeper?, hatte darauf gestanden. Es war ohne Zweifel eine Nachricht von Libros gewesen. Libros, dem lebendigen Buch aus Everwish, dem Land der verborgenen Wünsche.
Das Ganze war so unglaublich, dass Lexi unwillkürlich den Kopf schüttelte. Sie würde mit niemandem darüber sprechen können, außer mit ihren Freunden Milo und Talon. Genau wie Lexi waren die beiden auch Wishkeeper und konnten nach Everwish reisen. Dort halfen sie dabei, dass die Wünsche von Kindern zu Wunschwesen wurden und im Land der verborgenen Wünsche eine Heimat bekamen.
Lexi tastete den Zettel vorsichtig mit den Fingerspitzen ab. Sie spürte ein vertrautes Gefühl in ihrer Hand, das schwer zu beschreiben war. „Bist du etwa …“, sie stockte, „bist du etwa ein Teil von Libros? Ein Stück von einer seiner Seiten?“
Sie wusste nicht, worüber sie mehr erschrak. Darüber dass auf dem Zettel endlich Buchstaben erschienen, oder über die Tatsache, dass jemand offenbar dieses kleine Stück Papier aus Libros herausgerissen hatte, was ihr entsetzlich grausam vorkam.
Ja, stand da nur. Zwei einsame, krakelige Buchstaben, die sich immer wieder wiederholten, verschwanden und dann wieder auftauchten.
„Das tut mir schrecklich leid“, flüsterte Lexi mit zitternder Stimme. „Ich meine …“, sie rang nach den richtigen Worten und fuhr sich mit der Hand über ihre wilden Haare, die heute besonders schwer zu bändigen gewesen waren. „Mach dir keine Sorgen. Ich spreche mit Milo und Talon und dann finden wir Libros und dann …“
Was dann?, fragte sich Lexi. Konnte man den Zettel einfach wieder ins Buch kleben und alles war gut? Doch bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, gab es noch viel wichtigere Fragen, die sie klären musste: Warum war Libros verschwunden und wie sollten sie es nur wiederfinden?
Sie hatte sowohl Talon als auch Milo bereits eine Nachricht geschickt, aber beide hatten noch nicht reagiert.
„Lexi“, hörte sie ihren Vater aus dem Wohnzimmer rufen, „komm bitte mal!“ Er klang angestrengt.
Lexi überlegte kurz und platzierte den kleinen Zettel in einer mit Perlen bestickten Dose bei ihren Ketten. Nicht auszudenken, wenn jemand ihn für Müll halten und einfach wegwerfen würde. „Keine Angst!“, sagte sie und strich mit den Fingerkuppen über das Papier. Sie hätte schwören können, dass es ein wenig zitterte. „Du kannst dich auf mich verlassen!“
Lexi schloss den Deckel der Dose und lief zur Zimmertür. „Schon unterwegs!“, rief sie, als die Stimme ihres Vaters erneut erklang.
Im Wohnzimmer brannte eine Lampe, obwohl es helllichter Tag war. Manchmal hatte Lexi das Gefühl, dass ihr Vater im Moment nichts mehr fürchtete als die Dunkelheit. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Abends war ihre Mutter immer am traurigsten.
Jetzt saß sie auf dem Sofa: blass und mit gesenktem Kopf. Lexi hätte ihr gern über die Haare gestrichen, die rot waren wie ihre eigenen, nur etwas länger. Doch sie blieb stattdessen einfach im Türrahmen stehen.
Lexis Vater stand am Fenster. Er drehte sich um, als Lexi schon eine Weile gewartet hatte. Sie betrachtete erschrocken sein Gesicht, das heute nur aus Schatten zu bestehen schien. Schatten unter seinen Augen, seinen Wangenknochen und seinen Bartstoppeln. Sie lief zu ihm, schlang die Arme um ihn und drückte ihn so fest, wie sie nur konnte.
Benjamin Davis lachte ein wenig und schnappte nach Luft. „Wie viel Kraft du hast!“, sagte er und sie ließ ihn los.
„Ja!“, entgegnete Lexi stolz. Sie spürte selbst, wie gut ihr die Zeit in Everwish getan hatte. Sie konnte schneller laufen, konnte an der alten Gymnastikstange im Flur Klimmzüge machen und irgendwie war auch ihre Stimme lauter geworden. Selbstverständlich war es nicht möglich, ihren Eltern davon zu erzählen.
„Muss an den langen Sommerferien liegen“, sagte sie also. „Daran dass ich so viel Zeit im Park verbringe – an der frischen Luft.“ Und bald würde sie wieder aufbrechen. Vom Park aus konnte sie nämlich nach Everwish gelangen.
„Die Ferien sind fast vorbei“, sagte ihr Vater und sah zum Sofa. „Und deshalb müssen wir etwas besprechen.“ Er setzte sich neben ihre Mutter und deutete auf den Sessel.
„Was ist denn?“ Lexi gab sich Mühe, die Mundwinkel hochzuziehen. „Du siehst so ernst aus.“
Ein weiterer Schatten schien sich auf Papas Gesicht breitzumachen. Er senkte seinen Blick. Lexi wurde ganz komisch. Sie setzte sich und rutschte nach vorn, sodass sie nur noch die Kante des Sessels berührte.
„Ich muss in eine Klinik.“ Die Worte ihrer Mutter trafen Lexi völlig unerwartet. Lisa Davis sprach kaum noch. Schon gar nicht darüber, dass sie krank war. Eine Krankheit, die Lexi nicht wirklich verstand. Sie machte Mama traurig und schweigsam und verhinderte, dass sie jemals das Haus verließ. Und jetzt wo sie bereit war, vor die Tür zu gehen, wollte sie ausgerechnet in eine Klinik gehen!
„Nein!“, sagte Lexi. Das Wort war ihr einfach so rausgerutscht. „Es geht dir doch schon viel besser, seit Papa die ganze Zeit hier ist! Du musst nur deine Medizin nehmen und genug essen und Sport machen. Die neue Hausärztin sagt das auch …“ Sie bemerkte, dass sie immer lauter geworden war, und auf einmal stand sie neben dem Sofa. Sie ließ sich auf die Knie fallen, genau vor ihrer Mutter. „Bitte, geh nicht!“, flüsterte sie und spürte, wie Tränen über ihr Gesicht rollten.
Ihr Vater redete, aber Lexi hörte ihm nicht zu.
„Nein“, wiederholte Lexi und griff nach der kalten Hand ihrer Mutter. „Nein.“
Sie spürte, wie ihr Vater sie an der Schulter berührte. „Lexi“, sagte er, „komm schon, geh ans Telefon!“ Er hielt ihr das Handy vors Gesicht.
Lexi selbst hatte das Klingeln überhaupt nicht gehört. Eigentlich wollte sie Papas Arm zur Seite stoßen, aber sie nahm ihr Telefon in die Hand. Sie antwortete sogar und wischte sich hektisch mit dem Ärmel ihres Pullis übers Gesicht. „Hallo?“ Das Wort wollte kaum aus ihrem Mund kommen.
„Alles in Ordnung?“ Es war Milo. „Du klingst komisch.“
„Heuschnupfen“, murmelte Lexi.
„Kommst du in den Park? Talon ist schon unterwegs. Und bring den Zettel mit!“
Bevor Lexi zustimmen oder widersprechen konnte, hatte Milo aufgelegt.
Ihr Vater sah sie fragend an. „Deine Freunde?“
Lexi nickte.
„Geh schon!“, sagte Benjamin Davis. Er sah richtig erleichtert darüber aus, dass Lexi auf einmal etwas vorhatte. „Wir besprechen alles später. Du hast Zeit bist heute Nachmittag. Dann bringe ich Mama in die Klinik. Wir haben riesiges Glück, dass sie so schnell einen Platz bekommen hat.“
Es war der bittende Blick ihres Vaters, der Lexi davon überzeugte, zu gehen. Sie lief schnell in ihr Zimmer und kramte den Zettel aus der Dose.
Benjamin Davis wartete an der Wohnungstür auf sie. „Es ist das Beste“, sagte er noch und zog die Schultern hoch, so als wollte er seinen Kopf einziehen wie eine Schildkröte. „Ich habe mit der Ärztin gesprochen.“
Lexi schüttelte nur den Kopf. Ihr war völlig egal, was die Ärztin zu sagen hatte. Jemand, der Mama höchstens einmal in der Woche für ein paar Minuten sah, konnte unmöglich mehr über ihren Zustand wissen als Lexi.
„Ich bin um zwei Uhr wieder hier“, sagte sie, so ruhig sie konnte. „Versprich mir, dass du Mama nicht vorher irgendwo hinfährst!“
„Natürlich nicht! Wir warten, bis du wieder zurück bist.“ Ihr Vater nahm sie in den Arm und Lexi fühlte sich sofort ein wenig leichter. Alles, was Lexi brauchte, war Zeit zum Nachdenken. Wie konnte sie ihre Eltern davon überzeugen, dass ihre Mutter nicht in eine Klinik gehörte, sondern hier nach Hause?
Lexi löste sich aus der Umarmung und steckte eine Hand in die Tasche ihrer Jeans, um sich zu vergewissern, dass sie den Zettel dabeihatte. „Und dann“, sagte sie zu ihrem Vater, „reden wir weiter …“
Sie ließ ihm keine Zeit zu antworten, sondern schlüpfte durch die Tür und rannte die Treppen hinunter. Der Geruch von Mrs Walters Eintopf stieg ihr in die Nase und sie wunderte sich, dass manche Dinge immer gleich blieben, auch wenn sich ihre ganze Welt in den letzten Wochen so sehr verändert hatte.
„Später!“, rief sie Mr Pawar zu, der vor seinem Laden stand und ihr mit einer Zeitschrift in der Hand zuwinkte, die sicher für Mama bestimmt war. Erst habe ich noch jede Menge Dinge zu erledigen, dachte sie.
Lexi erkannte Milo schon von Weitem. Er saß unweit vom Prinz Albert Memorial auf einer Bank und hörte Musik. Er bemerkte sie erst, als sie sich völlig außer Atem vom Laufen neben ihn fallen ließ.
„Das ging schnell!“, sagte er, nickte ihr anerkennend zu und nahm die Kopfhörer aus den Ohren. „Talon wird auch bald hier sein. Er muss nur irgendwie seinen Nachhilfelehrer loswerden.“ Milo grinste. Überhaupt schien er ziemlich zufrieden zu sein. Lexi vermutete, dass es an Buko lag, dem Wunschwesen, das zu Milos Vater gehörte.
Buko kam aus Everwish. Und in Everwish lebende Wunschwesen konnten in die Menschenwelt zurückkehren, wenn sie dort gebraucht wurden. Genau das hatte Buko getan. Denn Milos Vater hatte kaum noch Zeit mit seiner Familie verbracht und so schließlich all die wichtigen Dinge verpasst, die im Leben seiner drei Kinder passierten. Dabei war er sehr unglücklich geworden. Buko, sein Wunschwesen, hatte das in Everwish gespürt. Deshalb war er nun bei Milos Vater in der Menschenwelt.
Es war jetzt Bukos Aufgabe, Milos Vater zu helfen. In besonders schwierigen Zeiten konnten die verborgenen Wünsche der Menschen nämlich als Wunschwesen zu ihnen zurückkommen, um ihnen Mut zu machen. Sie blieben so lange, bis es den Menschen besser ging. Dann kehrten sie wieder zurück nach Everwish. So hatte Lexi es in der Wunschwelt erfahren.
Sie seufzte. Im Moment hatte sie wenig Lust, über Buko zu reden. In Gedanken war sie immer noch bei ihrer Mutter.
„Was ist los?“, fragte Milo. „Bist du sauer, weil ich nicht gleich auf deine Nachricht geantwortet habe? Mein Vater wollte, dass wir alle unsere Telefone weglegen. Na ja, ich, meine Mutter und er. Meine beiden Schwestern haben ja noch kein Handy. Erst fand ich das total komisch und unnötig. Aber irgendwie war es auch ziemlich schön. Nach dem Essen haben wir Karten gespielt. Katalina und mein Vater haben dauernd geschummelt und meine Mutter war beleidigt, weil ich ihr anscheinend immer ein schlechtes Blatt ausgeteilt habe, und am Ende habe ausgerechnet ich gewonnen. Ist noch nie vorgekommen …“
Milo unterbrach seinen Wortschwall. „Du siehst irgendwie nicht gut aus. Hast du was Komisches gegessen? Ich meine nur … sonst bist du nicht so still!“
„Meine Mutter will in eine Klinik“, platzte Lexi heraus – so laut, dass der Rabe vor ihnen auf der Wiese verärgert krächzte. „Aber das muss sie gar nicht“, fuhr Lexi etwas leiser fort. „Verstehst du?“ Sie zeigte auf das Denkmal mit der goldenen Statue, das genau vor ihnen lag. „Wenn ich nur Mamas Wunschwesen finden könnte! Bei deinem Vater hat das ja wohl auch geklappt mit Buko.“
„So einfach ist das nicht“, sagte jemand. Lexi drehte sich um und sah Talon hinter der Bank stehen. „Es funktioniert ja genau anders herum. Das Wunschwesen spürt, wenn es dir schlecht geht. Dann findet es dich. Wenn es also ein Wunschwesen für deine Mutter in Everwish gäbe, dann wäre es vermutlich schon längst bei ihr.“
Lexi spürte, wie kalt ihre Hände auf einmal waren. Sie holte tief Luft, aber bevor sie etwas erwidern konnte, sagte Talon schon ganz kleinlaut: „Tut mir leid. Vergiss einfach, was ich gesagt habe. Es gibt ja so vieles in Everwish, was wir nicht wissen. Hope zum Beispiel. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass mein Inkling mich nie verlassen hat. Er hat mich dann in Everwish gefunden, als ich Hilfe brauchte.“
Beim Gedanken an Hope, den kleinen Crimson mit den ungewöhnlichen lilafarbenen Haaren, wurde es Lexi sofort wärmer.
„Was ist nun mit dem Zettel?“, unterbrach Milo sie ungeduldig. „Denkst du wirklich, der gehört zu Libros?“
Lexi konnte nicht glauben, dass sie den Zettel fast vergessen hatte. Eilig zog sie ihn aus der Hosentasche und legte ihn auf ihre Handfläche.
„Sieht immer noch einfach nur aus wie ein altes Stück Papier“, sagte Talon enttäuscht.
„Wart’s ab“, murmelte Lexi. Sie begann, den Zettel mit den Fingerkuppen zu streicheln, so wie schon vorher in der Wohnung. Nichts passierte. Lexi schüttelte den Kopf. Warum stellte sich der Zettel auf einmal so stur?
„Kann ja sein, dass sich der Zettel gern bitten lässt“, sagte Milo. „Würde doch passen, wenn er wirklich zu Libros gehört.“ Er wollte wohl aufmunternd klingen, aber Lexi hörte die Zweifel in seiner Stimme.
Talon dagegen war auf einmal völlig abgelenkt. Er lief von der Bank weg und sah in Richtung des Denkmals. Von der Sonne geblendet, hielt er seine rechte Hand schützend über die Augen und zeigte mit der linken in die Luft. „Seht ihr das auch?“, rief er laut.
Lexi blieb sitzen, aber Milo lief hinter Talon her. „Ja!“, rief er. „Was für ein Glück! Lexi – schau mal. Da sind lauter Inklinge!“
Lexi folgte den Blicken der Jungs. Vor dem hellen Sommerhimmel sah sie eine Gruppe tanzender Punkte. Inklinge – tatsächlich! Und das Beste war: „Sie sind bunt!“, rief sie und sprang auf.
Das konnte nur bedeuten, dass sie Tremoris wirklich ein für alle Mal vertrieben hatten. Der Horroxer, ein verwünschtes Wesen aus Everwish, war nämlich in die Menschenwelt entkommen und hatte dort die farbigen, neuen Inklinge verwünscht. So waren diese nicht zu Wunschwesen geworden, sondern ebenfalls zu Horroxern, bis Lexi, Milo und Talon einen Weg gefunden hatten, diesen verwünschten Wesen zu helfen.
„Sie fliegen zum Denkmal!“, rief Talon begeistert. „Ich hoffe, ihr habt Zeit!“
Lexi hielt kurz inne. Wie viel Zeit hatte sie? Sie rechnete, denn heute konnte sie unmöglich zu spät nach Hause kommen. Vier Stunden in der Menschenwelt wären zehn Tage in Everwish, denn dort verging die Zeit viel langsamer. Würden die Tage im Land der verborgenen Wünsche ausreichen, um Libros zu finden? So oder so: Lexi musste nach Everwish. Denn hier in der Menschenwelt würde sie so schnell keine Hilfe für ihre Mutter finden. Aber in der Heimat der Wunschwesen war alles möglich.
Lexi sah, dass Talon und Milo bereits über den Zaun des Denkmals geklettert waren, und sie begann zu rennen. Den Zettel hielt sie dabei fest in der Hand.
Zwischen den kleinen weißen Statuen, die das Denkmal umgaben, trat nun gleißendes weißes Licht hervor. Die Inklinge waren nur noch als bunte Punkte zu erkennen. Lexi hatte Milo erreicht. Talon war bereits im Licht verschwunden.
Sie warf einen letzten Blick auf den Zettel in ihrer Hand. Das gab es ja wohl nicht! Ausgerechnet jetzt erschienen Buchstaben auf dem Papier. Lexi trat mit einem Fuß ins Licht. Vorsicht!, las sie. Gefahr! Siepresste den Zettel mit Daumen und Zeigefinger zusammen, um ihn nicht zu verlieren. Dann zog der Sog der Rutschen von Radinia sie nach unten. Es war zu spät, um umzukehren.
Lexi genoss die wilde Fahrt nach unten heute überhaupt nicht, denn sie war komplett damit beschäftigt, auf den Zettel aufzupassen. Seine Warnung hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt, auch wenn sie überhaupt nicht verstand, wo denn diese Gefahr lauern sollte. In der Menschenwelt? Oder in Everwish?
Voller Grauen erinnerte sie sich daran, wie sie Tremoris, dem schlimmsten Horroxer von allen, hier auf den Rutschen von Radinia begegnet waren. Zum Glück hatten sie ihn schließlich vertreiben können. Lexi kniff die Augen zusammen, als könnte sie die Erinnerung an den Kampf gegen Tremoris so verdrängen. Doch dann fiel ihr etwas ein. Genau hier hatte der Horroxer Libros von ihr gefordert. Natürlich hatte sie nicht eingewilligt. Aber was, wenn Tremoris das Buch doch irgendwie in seine Gewalt bekommen hatte?
Lexi spürte, wie es plötzlich noch steiler nach unten ging. Gerade noch rechtzeitig konzentrierte sie sich und war zum Sprung bereit. Als sie auf dem federnden Boden zwischen den Statuen von Everwish landete, nutzte sie den Schwung, um mit einem Sprung genau vor Cascadia aufzukommen. Endlich konnte sie den Zettel in ihrer Hosentasche verstauen.
„Supersprung!“, sagte Milo anerkennend und auch Talon nickte beeindruckt mit dem Kopf.
„Hallo, Cascadia!“, rief Lexi und trat ein paar Schritte nach vorn. Der Baum umhüllte sie sofort mit seiner ganzen Pracht: den bunten herzförmigen Blättern, den schlanken Zweigen, die bis auf den Boden hingen, und dem Duft nach Honig und Gräsern.
Cascadias Augen, die sich im Stamm befanden, öffneten sich nur langsam.
„Warum schläft sie denn am helllichten Tag?“, flüsterte Talon Milo zu.
Lexi ging ganz dicht an Cascadia heran und legte ihre Hand auf den mächtigen Stamm. Sofort spürte sie den ruhigen, friedlichen Herzschlag des Baums. „Bist du wach?“, fragte sie.
Cascadias Augen blieben nur halb geöffnet, als sie schließlich zu sprechen begann. Lexi erinnerte sich daran, wie verwirrt und erschrocken sie gewesen war, als sie zum ersten Mal Cascadias Stimme gehört hatte. Jetzt dagegen war sie erleichtert, den etwas verschlafenen Gruß zu hören.
„Oh! Hallo!“, sagte der Baum. „Da bin ich doch tatsächlich …“ Sie lachte und ihre Blätter vibrierten. „Wie unhöflich von mir! Willkommen!“
Voller Freude umarmte Lexi den Baum, obwohl sie natürlich nicht einmal bis zur Hälfte mit ihren Armen um den Stamm reichte. „Wir sind zurück!“, sagte sie glücklich. „Ist alles in Ordnung hier? Sind die neuen Wunschwesen in ihren Regionen angekommen? Haben Hope, Sirabelle und Baxter es geschafft, sie dorthin zu führen? Ich war mir nicht sicher, ob sie das hinbekommen.“
„Hope kann alles schaffen“, sagte Talon und ließ sich auf den Boden fallen. Er klang sehr stolz und völlig überzeugt.
„Baxter auch“, sagte Milo.
Natürlich vertraute auch Lexi den Wunschwesen – vor allem Sirabelle! Immerhin war Sirabelle eine Lumix und so etwas wie ihre engste Vertraute in Everwish geworden. Sie und Sirabelle verstanden sich mindestens so gut wie Talon und Hope oder wie Milo und Baxter, der mutige Fireflash.
„Sag schon, Cascadia!“, drängte Lexi. „Wir wissen ja nicht, was in letzter Zeit hier passiert ist. Und wir machen uns Sorgen. Du kannst doch in deinen Wurzeln spüren, was in den unterschiedlichen Regionen von Everwish vor sich geht! Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?“
„Nun ja“, sagte Cascadia zögerlich. „Mir ist eigentlich nichts aufgefallen. Außer, dass ich die meiste Zeit ziemlich müde bin. Einsam fühle ich mich auch manchmal. Irgendwie hatte ich früher mehr Gesellschaft, glaube ich.“
Lexi drehte sich um. Nicht weit von Cascadia entfernt stand der Kreis der Statuen. Sie ähnelten denen am Denkmal, waren aber lebensgroß. Die Statuen waren nicht immer besonders freundlich, doch sie unterhielten sich gern und häufig mit Cascadia. Jetzt dagegen waren sie einfach stumm und hatten sich noch nicht ein Mal gerührt.
„Wir haben gute Nachrichten!“, sagte Talon und hob den Kopf, um die flatternden Wesen in der Luft zu betrachten. „Schau mal! Die Inklinge sind wieder bunt!“
Milo fasste zusammen, was sie alle dachten: „Das bedeutet, dass Tremoris vertrieben ist. Ich hoffe wirklich, er hat sich in der Menschenwelt in Luft aufgelöst. Er und die anderen vier Horroxer, die mit ihm entkommen sind!“
Lexi fühlte sich frei und erleichtert. Je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer erschien es auch ihr, dass Tremoris ihnen keine Schwierigkeiten mehr machen konnte.
Aber sie hatten ein anderes Problem. Wahrscheinlich sollten sie Cascadia am besten gleich davon erzählen. „Wir sind so schnell zurückgekommen, weil …“, begann Lexi und stockte. „Du hattest mir gesagt, dass ich gut auf Libros aufpassen soll. Weißt du noch? Aber dann …“ Lexi merkte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Es fiel ihr nicht leicht, Cascadia zu gestehen, was passiert war. „Ich hatte das Buch die ganze Zeit bei mir, doch dann war es plötzlich weg.“ Ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie hoffte, dass Cascadia ihr nicht böse sein würde. „Jedenfalls habe ich diesen Zettel gefunden.“ Sie legte ihn wieder auf ihre offene Handfläche, um ihn Cascadia zu zeigen. „Wir denken, dass Libros vielleicht unsere Hilfe braucht. Weißt du etwas darüber?“
Cascadia raschelte nachdenklich mit den Blättern, aber sie schwieg. Lexi befürchtete für einen Augenblick, dass der Baum gleich mit ihr schimpfen würde, schüttelte den Gedanken jedoch schnell wieder ab. Cascadia war einfach immer freundlich.
„Was ist eigentlich mit dem Toffeetee los?“, fragte Milo. „Ich habe mir jetzt schon dreimal eine Tasse gewünscht und stattdessen nur das hier bekommen.“ Er hielt einen leeren, zerknitterten Pappbecher in der Hand. „Das gibt es doch gar nicht!“
Talon verzog das Gesicht und sah Milo ungläubig an. „Weißt du etwa nicht mehr, wie man sich etwas wünscht?“, fragte er. „Pass auf!“ Er streckte seine Hand aus und starrte darauf. Sofort erschien ebenfalls ein leerer Becher darin.
„Siehst du!“, rief Milo.
Lexi steckte den Zettel weg. Wie überaus seltsam! Auch sie wünschte sich eine Tasse Tee, wie sie es immer bei Cascadia tat, und der dritte leere Becher erschien.
„Tee, sagtet ihr?“, fragte der Baum hastig, so als wäre er froh, nicht mehr über Lexis Worte nachdenken zu müssen. „Ihr seid sicher durstig nach der langen Reise. Ich verstehe. Aber da hinten fließt, glaube ich, ein Bach. Ich kann ihn hören!“
„Klar!“, rief Lexi. „Der flüsternde Bach. Aber aus dem trinken wir doch nie! Wir wünschen uns einfach etwas, wenn wir bei dir sind.“
„Aha!“, sagte Cascadia. „Interessant. Wie praktisch! Sagtest du Libros?“, fuhr sie im Plauderton fort, so als würde sie sich mit einem Fremden übers Wetter unterhalten. „Das ist ja ein schöner Name.“
„Was ist denn nur mit ihr los?“, flüsterte Milo und stand auf. Er ging langsam um den Baum herum. „Sieht alles aus wie immer“, murmelte er.
Auch Talon sah Cascadia skeptisch an. „Geht es dir gut?“, fragte er fürsorglich. „Fühlst du dich gesund?“
„Oh ja!“, rief der Baum. „Mir geht es ausgezeichnet! Die Sonne scheint, meine Rinde ist frisch, meine Blätter sind voller Leben. Aber wie schon gesagt: Ein bisschen müde fühle ich mich. Ich könnte Tag und Nacht schlafen. Wo ich gerade daran denke …“ Langsam schlossen sich die Augen in Cascadias Stamm.
„Nein!“, protestierte Lexi. „Du kannst doch jetzt nicht schlafen! Wir müssen noch Dinge mit dir besprechen. Also, was Libros angeht …“
„Da kann ich euch leider nicht helfen“, sagte der Baum schläfrig. „Ich habe noch nie zuvor von Libros gehört, auch wenn mir der Name ausgezeichnet gefällt. Das ist also ein Buch, sagtest du?“
„Ist nicht doch irgendetwas passiert, Cascadia?“, fragte Talon und sah beunruhigt in die dichten Zweige und Blätter des Baums hinauf. „Ich meine, alles war doch in Ordnung, als wir dich das letzte Mal gesehen haben. Ist dir etwas aufgefallen? War jemand hier? Horroxer vielleicht?“
Cascadia raschelte mit den Blättern, aber es klang kraftlos und erschöpft. „Beim letzten Mal?“, fragte sie. „Ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal getroffen haben. Hoffentlich bin ich jetzt nicht unhöflich, aber ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung, wer ihr seid. Bitte verzeiht einem alten Baum. So nett es auch mit euch ist, ich muss jetzt schlafen!“ Mit einem Schlag fielen Cascadias Augen zu und ihre Äste hörten auf, sich zu bewegen.
„Cascadia!“, rief Lexi und klopfte sanft gegen den Baumstamm. „Wach wieder auf! Du musst dich doch an uns erinnern. Wir sind Wishkeeper! Wir bringen die Inklinge zum Wishing Green. Und anschließend begleiten wir die neuen Wunschwesen nach Mira, Silversands, Flavia und Eterna, wo sie dann wohnen.“ Ihre Stimme wurde immer lauter. Sie sah zu Milo und Talon.
„Helft mit!“, rief Lexi ihnen zu. „Wir müssen Cascadia aufwecken!“
Talon ließ seinen Blick in die Ferne schweifen, als er sprach. „Ich glaube nicht, dass das was bringt.“ Er deutete mit dem Finger auf die Gegend hinter dem Baum. „Da hinten bei den rollenden Hügeln – seht ihr das?“
Milo lief ein Stück zur Seite, um besser sehen zu können. „Alles wie immer“, sagte er. „Ich habe keine Ahnung, was du meinst!“
„Schau dir mal die Wolken an!“, rief Talon.
Für Lexi sahen die paar Wolken am blauen Himmel genauso aus wie sonst: Sie waren rund und hatten freundliche Farben. Aber je länger sie eine der Wolken fixierte, desto seltsamer kam sie ihr vor. „Die bewegen sich nicht!“, stellte sie schließlich fest.
„Genau“, rief Talon, „als wären sie eingeschlafen. So wie Cascadia!“
„Und die Statuen!“ Milo lief zum Kreis der weißen Statuen und betrachtete diese mit schief gelegtem Kopf. Er streckte sogar die Hand aus, um eine der Statuen zu berühren.
„Lass das!“, rief Lexi erschrocken. Sie war einfach zu sehr daran gewöhnt, dass die Statuen sich über sie beschwerten. Sicher fanden sie es gar nicht gut, von den Wishkeepern angefasst zu werden.
Milo lief ein Stück weiter und rief: „Wenigstens die Waage ist in Ordnung.“
Eine der Statuen, die einen Mann mit Bart darstellte, hielt die Waage von Everwish. Tremoris hatte sie mit seiner Flucht aus dem Gleichgewicht gebracht, aber die Wishkeeper hatten das Schlimmste verhindert. Kam die Waage von Everwish aus dem Gleichgewicht, begann die Zerstörung der Wunschwelt.
„Sie sieht fast genauso aus wie zu dem Zeitpunkt, als wir Everwish verlassen haben. Jetzt kommt es mir so vor, als wäre sie völlig im Gleichgewicht“, stellte Talon fest. „Wenn ihr mich fragt, dann sind auch die Statuen samt der Waage eingeschlafen. So wie Cascadia und die Wolken.“
„Aber was heißt das denn?“, rief Lexi. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrem Körper breit.
„Das müssen wir wohl herausfinden …“, murmelte Talon und er klang nicht mehr ganz so ruhig.
„Wir haben nichts zu essen und zu trinken dabei und anscheinend können wir uns auch nichts wünschen“, stellte Lexi fest und legte sich die Hand auf den Bauch, denn ihr Magen knurrte. Dabei war sie noch gar nicht richtig hungrig!
Talon öffnete seinen Rucksack. Er hielt zwei Wasserflaschen und eine Packung Kekse in die Höhe. „Ich habe noch mehr“, sagte er. „Meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich etwas mitnehme. Sie meinte, dass wir uns ja immer stundenlang im Park herumtreiben würden!“
Lexi seufzte erleichtert auf. „Was für ein Glück!“ Aber gleichzeitig dachte sie daran, dass Stunden in der Menschenwelt Tage in Everwish waren und so lange würden diese Vorräte sicher nicht reichen.
Milo hob seinen Rucksack auf und schwang ihn über die Schulter. „Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Wishing Green und bei den Wunschwesen etwas finden.“ Talon hielt ihm einen Keks hin, aber er winkte ab. „Besser, wir beeilen uns“, murmelte er.
Zumindest die Inklinge schienen bester Dinge zu sein. Sie flatterten den Wishkeepern zielsicher voraus, ihrer Verwandlung auf dem Wishing Green entgegen.
Lexi, Milo und Talon liefen den flüsternden Bach entlang und es kam Lexi so vor, als wäre sein Rauschen viel leiser geworden. Selbst die Blumen schienen zu schlafen. Sonst verfolgten sie die Wishkeeper mit wachen Augen und manchmal sprachen sie sogar ein paar Worte. Doch davon war heute nichts zu erkennen. Sie sahen aus wie ganz gewöhnliche Blumen.
Lexi eilte neben Milo her und sie sprachen darüber, was wohl passiert sein konnte. „Verwünschte Wesen, ganz sicher“, sagte Milo immer wieder. „Vielleicht einfach Confussler, die alle verwirrt haben.“
Lexi presste die Lippen zusammen und dachte nach. Confussler waren Nebelwesen, die sich um ihre Opfer legten und sie mit Zweifeln lähmten, aber das konnten sie nur für kurze Zeit. Außerdem verschwanden die Zweifel mit den Confusslern und sie hatte bei Cascadia weit und breit keines der Wesen spüren können.
„Oder Irritati oder Flippanti oder …“, Milo schüttelte sich ein wenig. „Oder Horroxer …“, sagte er düster.
Die Irritati lähmten mit Zorn, die Flippanti mit übergroßer Freude und Albernheit und die Horroxer mit Angst. Doch wenn sie anwesend waren, fand man das schnell heraus. Lexi fürchtete sich zwar vor den Nebelwesen, aber sie war sich sicher, dass hier etwas anderes geschah. Außerdem belästigten die verwünschten Wesen normalerweise nur die Wishkeeper. Es sei denn …
„Tremoris …“, sagte sie vorsichtig.
„Tremoris ist in der Menschenwelt! Der kann nicht mehr zurück nach Everwish“, behauptete Milo so bestimmt, dass Lexi keine Lust hatte, ihm zu widersprechen. Doch Tremoris, das wusste sie genau, war unberechenbar. Er war der mächtigste Horroxer, den es gab. Er hatte es geschafft, einen Wishkeeper zu entführen. Er konnte die Gestalt eines Menschen annehmen und er hatte es mit einem miesen Trick geschafft, in die Menschenwelt zu entkommen. Tremoris war alles zuzutrauen!
Ihr Magen knurrte weiter, aber nun war Lexi sich sicher, dass es nicht Hunger, sondern ihre Sorgen waren, die in ihr rumorten. Jeder schwere Schritt der Wishkeeper erinnerten Lexi wieder und wieder daran, was heute alles nicht stimmte. Normalerweise hätten sie sich wunderbare federnde Schuhe gewünscht, mit denen das Laufen so viel schneller ging.
Milo lief nun voraus.
„Was sollen wir nur tun?“, fragte Lexi und sah sich um. Dann zog sie wieder das kleine Stück Papier aus ihrer Tasche. „Wo könnten wir anfangen?“
Sie blieb stehen und starrte auf den Zettel zwischen ihren halb geöffneten Fingern, auf dem sich Buchstaben bildeten. Wie schon zuvor wiederholte der Zettel immer wieder seine Botschaft: Findet Libros, findet Libros, findet Libros, stand dort in krakeliger Schrift.
„Milo! Talon!“, schrie Lexi. „Wartet!“
Sie schloss zu den beiden auf, die bereits ein ganzes Stück von ihr entfernt waren.
„Du bist heute ganz schön langsam“, stellte Talon fest und klang ein wenig besorgt.
Lexi ignorierte die Bemerkung und streckte noch ganz außer Atem ihre Hand aus. Das kleine Stück Papier lag flach und unscheinbar darauf.
„Findet Libros“, las Milo und ihm blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen.
„Du hattest recht“, sagte Talon und griff vorsichtig nach dem Papier. Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, streckte seine Hand in Richtung der Sonne aus und inspizierte es wie ein seltsames Insekt.
„Klar hatte ich recht!“, rief Lexi. „Ich bin mir übrigens ganz sicher, dass dieser Zettel zu Libros gehört oder zumindest aus ihm entstanden ist.“
„Ein Baby?“, fragte Milo und grinste für einen Moment. „Wenn Libros einen Teil einer Seite verloren hat“, sagte er dann ernst, „steht es wahrscheinlich schlecht um es. Ich meine, so was würde das Buch doch nie freiwillig tun …“
Alle drei schwiegen betreten und Lexi versuchte, die Gedanken an zerrissene Seiten und ein verletztes Buch zu verdrängen. „Wo kann Libros nur sein?“, fragte sie, um die Stille zu vertreiben. Sie dachte wieder an Tremoris und schluckte. Statt den Horroxer zu erwähnen, sagte sie jedoch: „Sonst wartet das Buch ja immer auf dem Wishing Green auf uns. Vielleicht haben wir Glück!“
Lexis Beine fühlten sich schwer wie Blei an. Auch der Anblick der schillernden Inklinge in der Ferne konnte sie nicht aufheitern. Die letzten Male war ihr nicht aufgefallen, wie beschwerlich der Weg durch die rollenden Hügel wirklich war.
„Kommt schon, wir schaffen das!“, rief Talon ab und zu, um Lexi und Milo, aber vermutlich auch sich selbst, Mut zu machen.
Es ging auf und ab, die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel und die kleinen Steinchen unter ihren Füßen stoben bei jedem ihrer Schritte heftig zur Seite. Ab und zu wich Lexi auf den Wegesrand aus, an dem Fluffybloom wuchs – ein zuckerwatteähnliches Gewächs in hellblauer Farbe. Doch heute kam es ihr klebrig vor und es knirschte, wenn sie darauftrat. Es machte überhaupt keinen Spaß, darüber zu laufen.
Lexi hielt Milo die Hand hin, nachdem sie einen steinigen Abhang hinaufgeklettert war, denn Milo rutschte immer wieder ab.
„Danke“, murmelte er und zog angestrengt die Mundwinkel hoch. „So lang ist mir der Weg noch nie vorgekommen.“
Als die Sonne bereits ziemlich tief stand, erkannte Lexi endlich den See, der vor dem Wishing Green lag.
Da durchbrach ein Geräusch die Stille: „Lexiiiii!“
Woher kam die Stimme? Lexi drehte sich um die eigene Achse und hielt Ausschau.
„Lexiiii!“, tönte es von oben.
Lexi legte den Kopf in den Nacken und sah die ausgebreiteten silbernen Flügel hoch über sich am Himmel. „Da ist Sirabelle!“, rief sie voller Freude und plötzlich strömte neue Kraft in ihre schweren Beine.
Auch die Jungs hatten angehalten und winkten der Lumix zu, die nun viel tiefer flog. Weil alle nach oben starrten, bemerkte niemand den goldenen Fireflash, der in Wahnsinnsgeschwindigkeit auf sie zurannte, sodass Funken aus seinen Hinterpfoten sprühten. Er stieß mit Milo zusammen und riss ihn dabei zu Boden.
„Was? Wie? Au!“, rief Milo. Doch dann begriff er endlich. „Baxter!“, rief er überglücklich. „Du bist hier! Das gibt es ja gar nicht!“
Der Fireflash stand nun auf Milos Bauch und presste seine Vorderpfoten an Milos Brust.
„Wir wussten, dass ihr kommt!“, jubelte er. „Wir haben es gefühlt! Endlich – endlich seid ihr da!“
„Freunde!“, schrie da auf einmal jemand und Lexi sah sich nach allen Seiten um. „Freunde sind zurück!“ Die Stimme kam aus einem riesigen Büschel Fluffybloom. Talon hatte es als Erster erkannt. Er stürzte auf das Gewächs zu und fischte voller Erwartung mit den Händen darin herum. Es dauerte keine Sekunde, da hielt er Hope, den Crimson mit den lilafarbenen Haaren, auf dem Arm.
„Talon ist mein Freund! Ich vermisse Talon!“, sagte Hope stolz und kuschelte sein Gesicht an das von Talon, der vor Aufregung und Freude ganz rote Wangen hatte.
Nun landete auch Sirabelle genau vor Lexis Füßen. Die Lumix wiederzusehen, fühlte sich unbeschreiblich schön an. Lexi kniete sich auf den Boden und streichelte über Sirabelles glänzendes Fell, immer darauf bedacht, nicht deren zarte Flügel zu berühren – so zerbrechlich sahen sie aus.
„Was für ein Glück“, sagte Sirabelle und fixierte Lexi mit ihren violetten Augen. „Wie gut, dass ihr endlich hier seid!“
Die Wishkeeper und die Wunschwesen liefen den Rest des Wegs gemeinsam. Während Hope und Baxter aufgeregt erzählten, fand Lexi Sirabelles Schweigen unerträglich. Sie wusste genau, dass die Lumix schlechte Nachrichten zurückhielt.
Auch als sie endlich das Wishing Green erreicht hatten, rückte Sirabelle nicht sofort mit der Sprache heraus. „Ich muss kurz etwas nachschauen“, sagte sie leise und schwang sich in die Luft, nur um gleich darauf auf einem der Bäume mit den silbernen Blättern zu landen.
„Was hat Sirabelle denn?“, fragte Milo, während sie Hope und Baxter beim ausgelassenen Rennen über die Wiese und deren kleine Hügel zusahen.
Lexi zuckte mit den Schultern. „Hast du schon versucht, dir etwas zu wünschen?“, stellte sie eine Gegenfrage.
