Witwe werden ist nicht schwer … - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Daß eine Frau ihren geschiedenen Mann wiederhaben will, weil er inzwischen Millionär geworden ist, versteht jeder. Daß einer ihrer Freunde um jeden Preis an diesen Millionen teilhaben will, ist schon eine andere Sache. Besonders, wenn er bereit ist, sie dafür zur Witwe zu machen ... (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:197


Mignon G. Eberhart

Witwe werden ist nicht schwer …

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Maria Lampus

FISCHER Digital

Inhalt

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1

Durchdringendes Heulen zerriß die Stille der Nacht. Es klang wie Spottgelächter. Mady fuhr aus dem Schlaf

hoch. Da begriff sie, daß es die Präriewölfe waren. Craig Wilson, ihr Mann, hatte sie darauf vorbereitet und gesagt, sie solle sich nicht ängstigen.

Trotzdem klang es unheimlich, wenn sie sich – besonders vor dem nahenden Winter – an die Ranch heranpirschten. Aber der Hofhund vertrieb sie wieder.

Auch jetzt hörte sie sein wütendes Bellen, und bald verlor sich das Spottgelächter der Wölfe in der Ferne. In der sternklaren Nacht konnte Mady die altspanischen Möbel erkennen. Sie fühlte sich einsam in Craigs riesigem Bett. Er war am Vortag für ein oder zwei Tage nach San Francisco gefahren. Sie vermißte seine beruhigende Nähe. Mit Guy Cassos unverständlichem und irgendwie erschreckendem Besuch am Nachmittag hätte er sicher kurzen Prozeß gemacht. Sie schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen war das Wetter so mild und still, daß niemand – am wenigsten Mady – ahnen konnte, daß das die Stille vor dem Sturm war. Sie fuhr nach Wilson City, um Besorgungen zu machen. Am Nachmittag beschloß sie, zum ersten Mal ohne die Begleitung von Joe einen langen Ritt über die Ranch zu unternehmen. Als sie auf den Pfad entlang dem trockenen Flußbett einbog, fand sie Guy Casso.

Nellie, die nervöse kleine Stute, die Craig ihr geschenkt hatte, begann plötzlich zu schnauben und zu scheuen. Mady brachte sie zum Stehen. Das Pferd zitterte und warf den Kopf hoch. Da erst sah Mady einen Mann im Gestrüpp liegen. Ganz am Rande des Trockenbetts, neben dem der Pfad verlief. Sie glaubte, er sei vom Pferd gestürzt.

Aber es war kein Pferd, kein Wagen, kein Jeep zu sehen. Nur Sand und Steppengras, die Kette der Sierra Nevada im Westen, davor die kahlen Hügel. Es war am Spätnachmittag, bald ging die Sonne unter, dann würde es unvermittelt Nacht werden in Nevada. Von hier aus konnte sie die Ranch nicht sehen. Bis auf Nellie und den stillen, stummen Mann neben dem Pfad war sie ganz allein.

Instinktiv wußte sie, daß sofortige Hilfe lebenswichtig war. Sie saß ab und rutschte den steilen Hang zum Flußbett hinunter. »Kann ich Ihnen helfen?« fragte sie. Da erst sah sie es. Der Mann war tot, sein Schädel zertrümmert. Es war Guy Casso.

Sie erkannte ihn an der eleganten Stadtkleidung, an den sorgfältig manikürten Händen. Sie war ihm zwar erst einmal begegnet, aber das war erst gestern gewesen.

Und im gleichen Moment sah sie noch etwas. Es lag neben ihm: das Stück Eisenbahnschiene von einem der Tische im Wohnzimmer des Ranchhauses.

Craig hatte ihr davon erzählt. Als die erste Eisenbahn quer über den amerikanischen Kontinent gebaut wurde und sich die Bahnlinien aus Ost und West in der Mitte trafen, wurde ein großes Fest gefeiert. Man verband die beiden Schienenstränge mit einem goldenen Stift.

Das war vor fast genau hundert Jahren gewesen, am 9. Mai 1869.

Im Laufe der Zeit mußten die ursprünglichen Gleise ausgewechselt werden. Dabei kam irgendein pfiffiger Arbeiter auf die Idee, sie in kleine Stücke zu zerschneiden, in Messing zu fassen und als Souvenirs zu verkaufen. Craigs Vater hatte auf der einen Seite seinen Namen, auf der anderen die Worte Golden Spike Rail eingravieren lassen.

Das Gleisstück hatte scharfe Kanten und für seine Größe ein erstaunliches Gewicht. Zu Craigs Erbteil gehörte das Ranchhaus, also auch der Golden Spike Rail. Böse glitzerte er in der untergehenden Sonne, blutbefleckt und furchterregend. Ohne Zweifel die Mordwaffe.

Nellie bäumte sich auf und schnaubte verängstigt. Mady wußte, daß Pferde Blut wittern und sich davor fürchten. Sie selbst fürchtete sich vor dem Mann zu ihren Füßen und dem Golden Spike Rail. Sie handelte instinktiv. Mit ihren dicken Reithandschuhen hob sie vorsichtig das Gleisstück aus dem Busch und rieb es mit Sand ab. Dabei blickte sie sich verstohlen nach allen Seiten um. Es war niemand zu sehen. Als sie glaubte, die Spuren beseitigt zu haben, ging sie wieder zu Nellie. Sie machte nicht einmal den Versuch aufzusitzen, denn das konnte sie ohne Hilfe noch nicht. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als Nellie am Zügel zu führen. Sie wollte möglichst ungesehen ins Haus kommen, das Gleisstück gründlich mit Seifenlauge abwaschen und wieder auf den Tisch stellen, bevor sie die Polizei anrief, um den Mord an Guy Casso zu melden.

Es dämmerte stark, und Nellie war noch immer so unruhig, daß Mady sie laufen ließ. Als aber die Stute in einer Staubwolke in Richtung der Koppeln verschwand und Mady plötzlich ganz allein war, packte sie die Angst.

Sie begann schneller zu laufen und blickte sich dauernd nach allen Seiten um. Es bewegte sich nichts. Sie sagte sich zwar, daß ein Mörder selbstverständlich so rasch wie möglich das Weite suchen würde, trotzdem keuchte sie beim Besteigen des kleinen Hügels, als sei er ein steiler Berg.

Es war gut, daß sie Nellie hatte laufen lassen, überlegte Mady. Das gab ihr eine glänzende Ausrede, wenn sie verspätet und zu Fuß nach Hause kam: Nellie hatte sie eben abgeworfen. Wäre sie zu Pferd an der langen Veranda angekommen, dann hätte Manuel sie gesehen, ihr beim Absitzen geholfen und Nellie in die Pferdekoppel geführt, so aber konnte sie unbemerkt ins Haus gelangen.

Durch den Schock war Mady noch ganz verwirrt. Unsicher stolperte sie über den rauhen Pfad. Nur eines war ihr klar: Das Gleisstück schuf einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Casso und der Ranch, das hieß und Craig. Guy Casso war ein »sehr guter Freund« – wie sich die Presse ausdrückte – von Craigs erster Frau Rhoda gewesen. Sie waren zusammen auf Reisen gewesen, als die Scheidung ausgesprochen wurde und Craig das Sorgerecht für seine Tochter Susan erhielt. Und gestern hatte dieser Casso Mady besucht, hatte sich unmöglich aufgeführt und war im Haus gesehen worden. Dann wurde er auf dem Gelände der Ranch erschlagen – und zwar mit jenem unverwechselbaren Gegenstand, den Mary jetzt mühsam nach Hause schleppte.

Logisch, daß der erste Verdacht auf Craig fallen mußte. Mady und ihr Mann waren nicht ineinander verliebt. Was sie beide verband, war eine langjährige Freundschaft und jetzt auch die Ehe.

In ihrer gewohnten Reitkleidung – Bluejeans, Sporthemd, Reitstiefel – mühte sie sich schwitzend den Hang hinauf. Endlich kam das Haus in Sicht. Sie ging an den beiden Gästehütten unter den Pappeln vorbei und kam zum Haupteingang.

Überall brannten Lichter. Sie sah, daß Manuel in seinem weißen Jackett im Eßzimmer den Tisch deckte.

Auf Zehenspitzen schlich sie durch die Halle zum Waschraum unter der Treppe. Dort seifte sie das schwere Gleisstück ab und wischte es mit Papierhandtüchern trocken. Sie war ganz stolz, daran gedacht zu haben, daß Blutflecken in den Leinenhandtüchern entdeckt werden könnten. Nach einiger Zeit glaubte sie, alle Spuren beseitigt zu haben. Selbst die Kante, mit der ein Schädel zertrümmert worden war, glänzte wieder. Jetzt mußte sie, ohne daß Manuel sie sah, ins Wohnzimmer gelangen. Manuel war zwar treu und ergeben, er hatte schon Craigs Vater auf der Ranch gedient, aber er war schlau genug, einen Zusammenhang mit dem Mord zu vermuten, wenn er das Stück in ihrer Hand sah.

Vorsichtig trat sie auf den Flur. Manuel und Inez stritten wie immer in der Küche. Schnell lief sie ins Wohnzimmer. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Alle Lichter brannten. Mady kam sich vor wie auf einer Bühne, wo sie jeder sehen konnte. Rasch legte sie das Gleisstück an seinen gewohnten Platz.

Dann sah sie auf ihre schweinsledernen Handschuhe. Sie waren naß und mußten noch verdächtige Flecken haben. Nur konnte man Handschuhe nicht so leicht verschwinden lassen wie Papierhandtücher. Erst müßte man sie verstecken, später vielleicht irgendwo eingraben. Mady hörte Gläserklirren – vermutlich kam Manuel mit den Cocktails. Hastig schob sie die Handschuhe in die Tasche, trat vom Tisch weg und wartete.

Als Manuel mit dem Tablett eintrat, sagte sie: »Manuel, da ist ein Mann – ich glaube, er ist tot. Er liegt neben dem Weg am Rand des westlichen Arroyo.«

Manuel stellte das Tablett ab. Er war Mexikaner: klein, dunkel, untersetzt. Ein älterer Mann, aber noch nicht ergraut. »Setzen Sie sich, Mrs. Wilson«, sagte er. »Am besten, Sie nehmen erst mal einen Drink.« Er füllte ein Glas und brachte es ihr. Da erst merkte sie, daß sie am ganzen Leib zitterte.

»Was sollen wir tun?« fragte sie.

»Joe wird sich darum kümmern. Schlimm, daß Sie ihn finden mußten. Bitte, Madam, zittern Sie doch nicht so. Vielleicht lebt er ja noch.«

Craig hatte nicht genau sagen können, wann er zurückkäme. Sie wollte sich vergewissern, daß er noch nicht da war. »Hat Mr. Wilson angerufen?« fragte sie.

Auf halbem Weg zur Tür drehte Manuel sich um. »Ja, während Sie weg waren. Das Büro in San Francisco hat Ihnen ausrichten lassen, daß er erst morgen kommt.«

Das war also in Ordnung. Wenn Craig am Nachmittag in San Francisco war, konnte niemand annehmen, daß er heimlich nach El Rancho zurückgekehrt wäre, Guy Casso in das Flußbett gelockt, ihn dort mit dem Gleisstück ermordet hätte und dann wieder nach San Francisco zurückgeflogen sein könnte – nicht einmal mit seiner privaten Düsenmaschine hätte er das geschafft.

»Joe wird sich um alles kümmern. Vielleicht holt er einen Arzt«, sagte Manuel.

Was konnte ein Arzt anderes tun, als den Tod feststellen? Tod durch Einschlagen des Schädels mit einem schweren, scharfen Gegenstand, der nicht aufzufinden war.

Aufgeregt stürzte Inez herein. »Das ist ja furchtbar, Madam! Kann ich etwas für Sie tun?« Sie sah reizend aus in ihrer mexikanischen Tracht.

Mady wollte verhindern, daß das Mädchen die Handschuhe sah, die ihre Tasche ausbeulten. Sie dankte Inez und sagte, sie wolle ein Bad nehmen. Noch immer ganz durcheinander, stieg sie die Treppe hinauf und schloß sich in dem kleinen Zimmer ein, das Craig so freundlich für sie eingerichtet hatte. Es lag neben seinem Ankleidezimmer und hatte eine eigene Tür zum Vorraum. Sie zog sich aus. Was sollte sie nur mit den Handschuhen anfangen? Schließlich schob sie das nasse, verräterische Bündel in die Aktentasche, mit der sie früher ihre Arbeit für Craig zwischen seinem New Yorker Büro und seiner Wohnung hin und her getragen hatte. Sie war drei Jahre lang Craigs Sekretärin gewesen.

Als sie schon in der Badewanne saß, fiel ihr plötzlich ein, daß Craigs Tante Mirabel und seine Tochter Susan am Abend zurückerwartet wurden.

Craig und sie waren erst vor zehn Tagen von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt. Mirabel hatte darauf bestanden, das junge Paar erst einige Zeit in El Rancho allein zu lassen, weil sie vermutlich ohnehin bald nach New York, wo sich Craigs Hauptbüro befand, ziehen würden. Also hatte Mirabel Susan mit zur Nachbarranch genommen, die Craigs Bruder Boyce gehörte. Gleich nach ihrer Rückkehr waren Craig und Mady zum Dinner auf Boyces Ranch gewesen. Seine Frau Edith hatte alles mögliche versucht, um Mady zu verunsichern, doch ohne Erfolg.

Das weitläufige, im spanischen Stil erbaute Haus hatte es Mady angetan. Eigentlich hieß die Ranch El Rancho del Rio, nach dem Rio Grande, dem großen Fluß, der sich träge durch das weite Gebiet der Ranch wand, aber jeder nannte sie nur El Rancho. Nach dem Tode ihres Vaters hatten die beiden Brüder den riesigen Besitz untereinander aufgeteilt. Boyce als der ältere durfte wählen. Er nahm den Teil mit den besseren Weideplätzen, Craig das übrige Land, mit dem dazugehörigen Haus.

Eines Tages entdeckte er zufällig ein Mineral auf seinem Besitz, in der felsigen Hügelkette, wo sich früher eine Silbermine befunden hatte. Er nannte es »Wilsonit«. Durch eine Laune des Schicksals und durch seinen Fleiß und seine Tüchtigkeit wurde er innerhalb weniger Jahre zu einem bekannten und mächtigen Mann. Unversehens war er Millionär geworden.

Er war kein Verschwender, er machte von seinem Geld vernünftigen Gebrauch. Eine eigene Düsenmaschine sparte ihm Zeit und Kraft. In New York hatte er ein Haus gemietet, in San Francisco ein Büro und eine Zimmerflucht im Hotel. In seinem Herzen aber war er Rancher geblieben, der sein Land, seine Herden – und El Rancho – liebte.

Nun würden die unvermeidlichen Schlagzeilen über den Mord an Casso erscheinen. Man würde sich daran erinnern, daß Rhodas Weltreise mit ihm einer der Gründe war, weshalb man Craig das Sorgerecht für ihre gemeinsame Tochter übertragen hatte.

Schaudernd dachte Mady an Cassos überraschendes Erscheinen gestern nachmittag, an die widerliche Szene, bei der sie von Mirabel und Susan überrascht worden waren. Casso ging ihr nicht aus dem Sinn: sein fast zu hübsches Gesicht, das schwarze Haar, sein spöttischer Blick, seine schlanke Figur – ein Gigolo.

Dann fragte sie sich, ob Joe wohl daran denken würde, die Leiche bis zur Ankunft der Polizei unberührt liegen zu lassen. Während sie sich ankleidete, beschloß sie, Craig nichts von dem Gleisstück zu erzählen – weder wo sie es gefunden, noch was sie damit getan hatte. Dagegen würde sie ihm selbstverständlich von der Szene mit Casso berichten.

Sie sah in den Spiegel und merkte, daß sie automatisch ein Pariser Modellkleid aus dem Schrank genommen hatte. Craig hatte lachend behauptet, sie müsse sich jetzt kleiden wie die Frau eines reichen Mannes.

In Paris hatte er ihr bei Cartier ganz nebenbei einen herrlichen Saphirring und eine Perlenkette gekauft. Das alles war für Mady eine neue, unbegreifliche Welt.

Unbegreiflich war ihr auch die Welt, die sich heute vor ihr aufgetan hatte. Denn Mord wird erst dann zur Realität, wenn man ihm begegnet – ein Toter im Steppengras.

Es begann ihr wieder übel zu werden. Sie öffnete die Tür und hörte, daß Susan und Mirabel gekommen waren. Dann ertönte Craigs Stimme: »Sag den Boys, sie sollen den Toten unberührt liegen lassen, Manuel. Ruf den Sheriff, während ich mit Mrs. Wilson spreche.«

Er lief die Treppe hinauf. »Mady, man sagte mir, du hättest ihn gefunden.«

»Ja.«

»Und es sei Guy Casso. Joe fand den Ausweis in seiner Brieftasche.«

»Ja. Es ist Casso. Aber wieso … die haben doch aus dem Büro in San Francisco angerufen, daß du erst morgen kommst?«

»Es lief was schief. Das erzähle ich dir später.« Er nahm ihre Hand, sah sie forschend an und gab ihr einen Kuß.

»Hast du was, Mady?«

Sie hätte am liebsten gesagt: »Und ob! Mir ist scheußlich!« Aber sie wollte vernünftig sein und sagte: »Nein, gar nichts.«

»Verdammtes Pech, daß es ausgerechnet Guy Casso sein muß. Jetzt fängt wieder alles von vorne an. Übrigens … Susan und Mirabel sind unten …«

»Ich muß erst mit dir sprechen.«

»Dann komm. Ich möchte mich umziehen.« Sie begleitete ihn in das große Schlafzimmer. Er band seinen Schlips auf. »Nun, was ist?«

»Guy Casso hat mich gestern besucht. Er kam ins Wohnzimmer, warf mich auf die Couch und … und da platzten Mirabel und Susan rein und sahen ihn.«

2

Craig blickte sie an. Erstarrt, mit funkelnden Augen.

»Er kam hierher? Warum?«

»Keine Ahnung! Er sagte, die Haustür sei offen gewesen. Und da sei er einfach hereinspaziert. Craig, es war unglaublich. Laß mich genau erzählen.«

Es war in der Abenddämmerung gewesen. Mady saß im Wohnzimmer, als ein Mann hereinkam. Sie hatte ihn nicht kommen hören und drehte sich erschrocken um, als er zu ihrem Erstaunen rief: »Hallo, Liebling!«

Einen Augenblick lang stand er im Türrahmen, den hübschen Kopf zur Seite geneigt, als horche er auf Geräusche aus der Halle. Seine großen Augen blitzten triumphierend. Er tänzelte auf sie zu.

»Ich habe Sie nicht kommen hören. Wer sind Sie überhaupt?«

Er war schon so nahe, daß ihr sein Parfüm – oder war es Pomade? – in die Nase stieg. »Die Haustür war offen. Da kam ich herein. Liebling! Ich mußte dich einfach wiedersehen!« rief er mit affektierter Stimme.

Mady stand auf und wich vor ihm zurück, bis ihre Beine die Couch berührten. Das war ihr Fehler gewesen. Blitzschnell packte dieser widerliche Mensch sie, warf sie auf die Couch, und als sie »Manuel!« schrie, begann er sie zu bedrängen, versuchte sie zu umarmen, zu küssen, und auf einmal hörte Mady Susan flöten: »Aber das ist ja Guy Casso! Ich wußte gar nicht, daß ihr beiden befreundet seid!«

Guy ließ Mady los und stand auf. Auch sie erhob sich und strich ihr Kleid glatt. Susan, Craigs zwölfjährige Tochter, stand an der Tür, Mirabel hinter ihr. Manuel kam aus der Küche angerannt, während Guy mit seiner durchdringenden Stimme sagte: »Hallo, Susan! Jetzt hast du unser kleines Geheimnis entdeckt!«

Mady rief Manuel zu. »Führen Sie den Mann hinaus. Lassen Sie ihn nie wieder das Haus betreten!«

Guy Casso aber verneigte sich und sagte spöttisch: »Liebling, es war wunderbar, dich wiederzusehen.« Dann glitt er geschmeidig an allen vorbei in die Halle hinaus. Bald hörte man einen Motor aufheulen.

»Das war alles«, sagte Mady. »Erst dachte ich, er sei betrunken, er roch aber nur nach diesem widerlichen Parfüm.«

Craig war aschfahl. »Hast du Mirabel gesagt, daß du den Mann noch nie im Leben gesehen hast?«

»Natürlich. Ich habe es auch Susan gesagt.« Sie verschwieg, daß Mirabel ihr zwar offensichtlich glaubte, Susan dagegen, ebenso offensichtlich, nicht.

»Aber das Ganze ist doch sinnlos! Ich verstehe gar nicht, warum er das gemacht hat. Vielleicht wußte er, daß Mirabel und Susan kommen wollten. Vielleicht sah er sie auch bei Boyce abfahren und kam her, aber … nein, das hätte doch alles keinen Sinn. Und was geschah dann?«

»Wir aßen zu Abend. Von Casso war nicht mehr die Rede. Danach fuhr deine Tante mit Susan noch für eine Nacht auf Boyces Ranch zurück. Sie wurden abgeholt. Weiter war nichts.«

»Das reicht auch. Ich kann das alles nicht verstehen.«

Während Craig ins Bad ging, setzte sich Mady ans Fenster und überlegte. Wenn sie ihm von dem Gleisstück erzählte, dann würde er es der Polizei sagen. Wenn nicht, dann könnte es sein, daß sie etwas verschwieg, was er wissen mußte.

Als er wieder hereinkam, trug er graue Flanellhosen und einen roten Pullover. Er sah gut aus – kraftvoll und attraktiv. Mady wünschte, sie könnte sich in ihn verlieben.

Aber weg mit diesen Gedanken, die sie nicht einmal aufkommen lassen durfte – Craig hatte sich schon oft als Gedankenleser erwiesen.

Während er sich kämmte, sagte er: »Casso muß irgendeinen Grund für sein Verhalten gehabt haben.«

»Zuerst hielt ich das Ganze für einen Scherz. Es schien ihm Spaß zu machen. Er sah so gemein und gleichzeitig triumphierend aus. Ein widerlicher Mann.«

»Ein schwacher Mann«, sagte Craig in Gedanken. »Hat wahrscheinlich sein Schicksal verdient. Ich wollte nur, es wäre nicht hier passiert.«

»Merkwürdig, daß er in Nevada aufkreuzt. Ich dachte, er lebt in New York?«

»Er muß hergekommen sein, um Rhoda zu sehen.«

»Rhoda? Willst du damit sagen … daß sie hier ist?«

»Ja. Sie kam heute früh an. Wohnt bei Boyce. Ich erzähle es dir, wenn wir Zeit haben. Der Sheriff wird gleich dasein. Er ist zwar ein alter Freund, Mady, aber ich möchte nicht, daß du ihm gegenüber Casso und sein Benehmen erwähnst. Er soll nicht einmal wissen, daß dir der Mann je begegnet ist. Hast du Manuel gesagt, um wen es sich bei dem Toten handelt?«

»Nein«, sagte Mady. Dabei dachte sie an Rhoda.

»Aber du hast ihn erkannt?«

»O ja. Aber Manuel habe ich es nicht gesagt.«

»Er hat ihn doch gestern auch gesehen. Na, das bringe ich in Ordnung. Auch mit Mirabel. Sie ist zuverlässig. Und wenn Susan auch nur ein Wort riskiert, dann bringe ich sie zum Schweigen, daß ihr Hören und Sehen vergeht.«

»Aber Susan würde doch nichts sagen, was mir oder dir schaden könnnte …«

»Das weiß man bei ihr nie. Ich will keinen Zirkus mehr in meinem Privatleben. Du bist meine Frau. Ich werde dich schützen. Und mich selbst auch. Also kein Wort über Cassos Besuch. Und jetzt gehe ich nach unten, um Susan ernsthaft ins Gebet zu nehmen. Jammerschade, daß sie in eine Zeit hineingeboren wurde, in der es keine Prügelstrafe mehr gibt.«

»Gestern abend war sie aber sehr anständig. Ich möchte fast sagen … sittsam.«

»Sittsam wie eine Klapperschlange«, sagte ihr Vater. »Wenigstens ist es mir gelungen, sie vor dem Erziehungsheim zu bewahren. Vorläufig«, fügte er hinzu. »Gut, daß du nicht den Kopf verloren hast. Laß Joe kommen und … mach dir keine Sorgen, Mady. Es wird alles gutgehen.«

»Ist Casso wegen Rhoda gekommen? Oder mit ihr?«

»Ich weiß nicht. Nein, ich glaube kaum. Von Rhoda erzähle ich dir später. Gehen wir nach unten.«

Sie gingen hinunter ins Wohnzimmer. Mirabel saß stocksteif und kerzengerade auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand.

Nur Susan nannte sie Tante. Für Craig, Boyce und Edith war sie Mirabel. Sie hatte auch Mady ausdrücklich gebeten, sie beim Vornamen zu nennen. Mirabel war eine hochgewachsene, weißhaarige alte Dame mit aufrechter Haltung und energischen Zügen, ähnlich denen Craigs. Sie war jetzt vom Schock gezeichnet.

»Wieder einmal Schlagzeilen, Craig. Er war es nicht wert, ermordet zu werden.«

»Ist der Sheriff da?«

»Eben sind Autos vorgefahren.«

»Dann gehe hinunter zum Fluß. Mady erzählte mir, daß Casso gestern hier war und …«

»Ich hab ihn gesehen. Abscheuliche Szene. Ich rate dir, darüber zu schweigen.«

»Das sagte ich Mady auch. Auf Manuel ist Verlaß. Wo ist Susan?«

In diesem Augenblick hörte man draußen ein gewaltiges Klirren und Poltern, dann eilige Schritte. Susan kam hereingestürmt und lief auf ihren Vater zu. Hinter ihr erschien der wütende Manuel. »Mr. Craig, nein, dieses Kind …«

Susan schrie: »Halt den Mund, du alter Mexikaner. Ich hab sie doch nicht absichtlich fallen lassen!«

»Zwei von den guten Kristallgläsern Ihrer Mutter«, sagte Manuel.

»Na ja, hin ist hin. Ich muß mit dir sprechen, Manuel. Laß mich los, Susan.« Aber das Kind klammerte sich erst recht an ihn. Ihr langes, rötliches Haar, von einer grünen Schleife zusammengehalten, reichte bis auf den Rücken. Das grüne Kleid paßte ausgezeichnet zu ihren Augen. Sie trug dazu weiße Socken und schwarze Spangenschuhe. Ihr Vater löste sich aus der Umklammerung und zwang sie, ihn anzusehen. »Bitte hör mir jetzt gut zu. Du auch, Manuel. Dieser Casso …«

»Meinst du Mutters – Sekretär?« fragte Susan plötzlich ganz sanft und mit bedeutungsvoller Pause vor »Sekretär«.

»Er kam gestern hierher …«

»Wir haben ihn gesehen«, sagte Susan zuckersüß. »Auf der Couch. Mit deiner neuen Frau. Sie benahmen sich wie die im Film.«

Auf Craigs fragenden Blick erklärte Mirabel. »Edith nahm sie mit ins Kino. Wußte angeblich nicht, daß der Film jugendgefährdend ist.«

»Tante Edith tut nur, was sie will.« Dann gab sich Susan blasiert. »Ziemlich uninteressant gewesen. Nichts Neues.«

»Susan!« warnte ihr Vater. Dann besann er sich. »Lassen wir das jetzt. Es geht um Folgendes: Ich wünsche nicht, daß du irgend jemandem gegenüber erwähnst, daß Casso hier war. Hast du mich verstanden?«

»Natürlich«, sagte Susan mit unschuldigem Augenaufschlag. »Ihr habt Angst vor den Zeitungen, was? Du, deine neue Frau und ihr alter Freund Casso.«

»Er war kein alter Freund von Mady. Sie kannte ihn überhaupt nicht.«

»Sah aber nicht so aus«, spottete Susan.

Craig mußte sich beherrschen. »Paß mal auf, Susan.

Ich bin größer und stärker als du. Ein einziges Wort über Cassos Besuch, und du wirst es entsetzlich bereuen.«

Susan überlegte. »Wenn du mich schlägst, dann geben sie mich meiner Mutter zurück.«

»Aber die Schläge wirst du bis dahin schon bezogen haben. Es ist mein Ernst, Susan.«

Sie sah ihn nachdenklich an.

Craig wandte sich an seine Tante. »Hat jemand bei Boyce gewußt, daß sich Casso in der Gegend herumtreibt?« Damit meinte er, ob sich Casso und Rhoda begegnet seien.

»Nein«, erwiderte Mirabel prompt. »Wenigstens – nein, Boyce würde ihn bestimmt nicht bei sich dulden.«

Da meldete Manuel den Sheriff.

»Ich komme.« Craig verschwand in der Halle.

Während Mady Mirabel ein Glas Sherry einschenkte, bemerkte Susan: »Du bist ja ganz schön aufgedonnert, Mady. Lauter neue Kleider aus Paris. Als Vaters Sekretärin konntest du dir das nicht leisten, wie? Na, als ich zu Vater ins Büro kam, hab ich gleich gemerkt, daß du Chancen hast.«

Mirabel verschluckte sich fast. »Susan, ich werde deinem Vater jedes unverschämte Wort von dir wiederholen, merk dir das.«