Wo das Böse lauert - Merete Junker - E-Book

Wo das Böse lauert E-Book

Merete Junker

2,2
8,99 €

Beschreibung

Der Anwalt Torkel Vaa erhält anonyme Briefe, in denen nichts als ein Blatt Papier steckt, auf dem ein blauer Puma zu erkennen ist. Schon bald geschehen bedrohliche Dinge, die darauf schließen lassen, dass sein Leben in Gefahr ist. Gemeinsam mit der Journalistin Mette Minde versucht Torkel der Sache auf den Grund zu gehen.

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Seitenzahl: 500

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Inhalt

Titel

Über dieses Buch

Mahlzeit

Freitag, 16. Juni

Montag, 19. Juni

Dienstag, 20. Juni

Mittwoch, 21. Juni

Donnerstag, 22. Juni

Freitag, 23. Juni

Mittsommertag, Samstag, 24. Juni

Sonntag, 25. Juni

Montag, 26. Juni

Mittwoch, 28. Juni

Donnerstag, 29. Juni

Freitag, 30. Juni

Samstag, 1. Juli

Sonntag, 2. Juli

Montag, 3. Juli

Dienstag, 4. Juli

Mittwoch, 12. Juli

Donnerstag, 13. Juli

Freitag, 14. Juli

Freitag, 21. Juli

Über die Autorin

Die Romane von Merete Junker bei LYX

Impressum

MERETE JUNKER

Wo das Böse lauert

Ein Fall für Mette Minde

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Hanne Hammer

Über dieses Buch

Es ist ein schöner Sommermorgen, als Torkel Vaa, erfolgreicher Anwalt und Hobby-Jäger, eine seltsame SMS erhält: Nur er kann den Tod aufhalten! Hastig eilt Torkel zu dem genannten Forstweg, doch das Ganze scheint sich als makabrer Scherz zu entpuppen – bis er auf den misshandelten Kadaver eines Hundes stößt, der Torkels geliebtem Dackel Aktor zum Verwechseln ähnelt. Als ihn dann noch eine Reihe anonymer Briefe erreicht, die nichts enthalten, außer dem Zeichen eines blauen Pumas, dämmert es Torkel, dass er in Gefahr schwebt. Der Job als Rechtsanwalt hat ihm während seiner Laufbahn nicht nur Freunde eingebracht … liegt hier also der Schlüssel zur Lösung? Als Torkel zufällig seine alte Freundin, die Journalistin Mette Minde, wiedertrifft, beschließen sie, gemeinsam den Spuren des Täters zu folgen. Diese führen immer weiter in Torkels Vergangenheit zurück – und allmählich muss er erkennen, dass damals nicht alles mit rechten Dingen zuging. Verbirgt sich das Böse möglicherweise hinter der Maske der Unschuld? Während Torkel in seinen Erinnerungen gräbt, muss er sich bald die Frage stellen, ob er in diesem perfiden Pumaspiel der Jäger oder die Beute ist …

Mahlzeit

Ich will Lammfleisch

Sagte er

Und aß gesunde Gerichte

Mit Frühlingssalat dazu

Ihr bot er altes, zähes Fleisch

Und Dosenerbsen an

Bodil Tveit Tørdal

Aus der Sammlung Moltestadene

Erschienen im Grøndal & Søn Forlag, 1986

Freitag, 16. Juni

Torkel Vaa blieb stehen und lauschte, legte die Hände hinter die Ohren und drehte den Kopf von einer Seite zur anderen. Irgendwo war ein Laut. Ein Laut, der nicht in den Wald gehörte. Ein leiser, anhaltender Laut, unmöglich zu identifizieren.

Er lief weiter, mal in den Reifenspuren, mal zwischen ihnen. Das Adrenalin arbeitete wie ein Motor in seinem Körper. Es hätte ein gutes Gefühl sein können, wie wenn er mit Aktor Rehe jagte oder mit der Clique Rentiere oben auf der Hardangervidda. Doch jetzt war das Gefühl nicht gut. Er hatte Angst.

Er stolperte beinahe über die kleine Steinpyramide, die zwischen den Reifenspuren im Gras thronte. Und wäre da nicht der kleine, weiße Zettel in der Größe eines Umschlags gewesen, wäre er einfach weitergelaufen. Er bückte sich und hob ihn auf, drehte ihn um und erstarrte.

Der blaue Puma.

Noch ein blauer Puma.

Wie viele hatte er jetzt? Drei … mit diesem vier.

Er war für ihn bestimmt, sie wussten, dass er ihn finden würde. Sie, er, sie, wer immer ihm diese Blätter mit dem daraufgedruckten blauen Puma schickte. Der Rechtsanwalt spürte, wie ihm in dem hellen Morgenlicht das Unbehagen unter sein weißes Hemd kroch. Er blickte über die Schulter zurück, suchte angestrengt Blätter, Stämme und Baumkronen ab.

War das eine Falle? Sollte er sich als Beute fühlen? Wo blieb der Streifenwagen? Nur wenige Minuten bevor er ins Auto gestiegen war, hatte er Hauptkommissar Morgan Vollan auf dem Handy angerufen.

Er lauschte. Der fremde Laut war noch da. Monoton und gleichbleibend. Er faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Anzugtasche, bevor er der Steinpyramide mit der Spitze seines italienischen Schuhs einen kräftigen Tritt versetzte. Die Steinchen flogen in alle Richtungen, und der Fuß tat ebenso weh wie das Gefühl, den teuren Schuh wie ein Vandale behandelt zu haben. Dann humpelte er weiter.

Er blieb abrupt stehen, als er eine Anhöhe umrundete, wo die Reifenspuren einen Bogen machten. Nur wenige Meter vor ihm stand ein roter Lieferwagen älteren Modells, dessen blassrote Farbe einen scharfen Kontrast zu dem ganzen Grün bildete. Die Morgensonne spiegelte sich in den glänzenden Fensterscheiben, aber irgendetwas stimmte nicht.

Der Motor lief.

Er begriff sofort, was das bedeutete, begriff, dass die Zeit knapp, dass es vielleicht schon zu spät war. Er lief zu dem Wagen und rüttelte an der Fahrertür.

Abgeschlossen!

Auf dem Fahrersitz saß eine Frau in einem Pelzmantel, eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Sie rührte sich nicht. Ein Schlauch klemmte in einem schmalen Spalt des Seitenfensters. Torkel Vaa griff danach. Er ließ sich nicht bewegen. Torkel registrierte, dass es sich bei dem Schlauch, der mit dem Auspuffrohr verbunden war, um ein Profiteil handelte, nicht um einen Gartenschlauch oder ein anderes Amateurteil, sondern um einen Schlauch, wie ihn die Mechaniker in den Autowerkstätten benutzten, wenn der Motor in der Werkstatthalle getestet und die Autoabgase ins Freie geleitet werden mussten.

Hier führte er direkt ins Auto!

Beherzt lief er zum Heck des Wagens, löste den Befestigungsmechanismus um das Auspuffrohr und riss den Schlauch heraus. Anschließend drückte er seine Schuhsohle gegen das Rohrende. Der Motor stotterte und ging aus. Ein Benziner, dachte er noch, als würde das eine Rolle spielen.

Er lief um das Auto herum, rüttelte an der Tür auf der Beifahrerseite und riss sie auf, stolperte nach hinten und fiel, kam wieder auf die Beine, holte tief Luft, beugte sich in das Auto und griff nach den Schultern der Frau.

Sie war leicht wie eine Feder, folgte seinen Bewegungen, hinaus an die frische Luft, und landete auf ihm, als er auf den Rücken fiel. Die schwarze Kapuze rutschte ihr vom Kopf. Er sah direkt in ein paar leere, blaue Augen. Ihr Mund stand weit offen, die vollen, roten Lippen klafften ihm entgegen. Er schob sie von sich, der Pelz rutschte zur Seite, und er streifte eine nackte Brust. Sie rollte auf den Rücken. Torkel Vaa kam auf die Knie hoch und stützte sich mit den Händen auf dem Boden ab. Sie lag nackt, mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem Pelz.

Ein unangemessenes Schamgefühl überkam ihn.

Er hatte den Streifenwagen nicht gehört. Er hatte keinerlei menschliche Aktivität um sich herum bemerkt. Er war so damit beschäftigt gewesen, ein Leben zu retten, wie ein Mensch nur sein konnte. Er hob den Kopf und stand vorsichtig auf.

Hauptkommissar Morgan Vollan und die blonde Polizistin, Maiken Kvam, sahen ihn mit einer Mischung aus Schrecken und Mitgefühl an. Vollan ergriff als Erster das Wort.

»Okay, Vaa. Haben Sie ihren Puls gefühlt?«

»Vollan, verdammt, ich bin voll verarscht worden«, antwortete der Anwalt überfordert.

»Sagen Sie das nicht, Vaa. Wir müssen die Personalien aufnehmen. Soweit ich weiß, heißt sie mit Vornamen Barbara«, sagte Vollan trocken.

»Aufblasbare Barbara«, meinte Maiken Kvam mit einem Nasenrümpfen.

Sie drehte ihnen den Rücken zu, zog ein paar Latexhandschuhe an und beugte sich durch die offene Tür in das Auto. Torkel Vaa folgte ihr mit dem Blick, um Morgan Vollan nicht ansehen zu müssen, der in einem Bogen um die Puppe herumging, während er mit dem Handy telefonierte.

Torkel Vaa bekam mit, dass der Hauptkommissar den Krankenwagen abbestellte.

Maiken Kvam tauchte wieder auf und blieb kurz hinter dem roten Lieferwagen stehen. Dann hörte er die Heckklappe aufgehen. Ihr Gesicht verzog sich vor Ekel. Schnell war er neben ihr.

Er sah den Dackel, der mit durchgeschnittener Kehle in dem Lieferwagen lag. Er registrierte das Gitter zwischen den vorderen Sitzen und dem Kofferraum, die grünen Schilder, dass es sich um eine Hündin handelte, dass sie kleiner war als Aktor, dass sie kein Halsband trug, dass kein Blut da war, dass es nach Verwesung roch, dass Morgan Vollan zu ihnen trat und dass er sich übergeben musste.

Es kam nichts heraus. Nur etwas gelbe Gallenflüssigkeit. Das Frühstück hatte bei Torkel Vaa noch nie erste Priorität genossen. Er nahm es meist im Büro ein, und bis dorthin hatte er es heute Morgen noch nicht geschafft. Er fuhr sich über den kahlen Schädel und fühlte, dass sein Haar, das sich von Schläfe zu Schläfe in einem Halbkreis um den Hinterkopf kräuselte, feucht war. Er raffte sich auf, nahm seine Brille ab, rieb sich die Augen und sah Morgan Vollans Gesicht wie durch einen gallertartigen Nebel, bevor die Brille wieder auf ihrem Platz saß.

Der Hauptkommissar starrte abwechselnd zu Vaa und in den Lieferwagen, in dem der tote Hund lag.

»Haben Sie irgendeine Ahnung, was das hier zu bedeuten hat, Vaa?«

»Nein«, antwortete Vaa, steckte die Hand in seine Anzughose und holte das zusammengefaltete Blatt mit dem blauen Puma heraus. »Das habe ich auf dem Weg hierher gefunden, nicht weit von dem Auto entfernt. Es war an einer Steinpyramide befestigt.«

Maiken Kvam griff mit ihren Latexhänden nach dem Blatt und faltete es auseinander.

»Ein Luchs«, sagte sie und zeigte Vollan das Blatt, der bestätigend nickte. Torkel Vaa wollte protestieren, hielt jedoch inne, während er Luft holte.

»Bestimmt von einer Schulklasse, die Naturkundeunterricht hatte, jetzt ist die richtige Zeit dafür. Das sieht nach einem Kartoffeldruck aus, das macht man in der Grundschule«, sagte sie.

»Nein«, widersprach Vaa entschieden. »Zum einen stellt der Druck einen Puma dar und keinen Luchs, das sieht man an der Körperform, dem kleinen Kopf und dem langen Schwanz. Und zum anderen habe ich in den letzten Tagen schon drei davon in der Post gehabt.«

Morgan Vollan runzelte die buschigen Brauen.

»Nur ein Druck mit dem Tier darauf? Keine Erklärung oder irgendetwas Schriftliches?«

»Nur einen Druck«, bestätigte Vaa.

»Und wie interpretierten Sie das? Als Drohung?«

»Zunächst einmal nicht, aber ich muss zugeben, dass es mich schon beunruhigt hat. Da es nicht bei einem geblieben ist und … nach dem hier … ich weiß nicht«, meinte er.

»Okay«, sagte Morgan Vollan. »Wir nehmen das ernst, und Sie geben Ihre Aussage bitte hier und jetzt Maiken Kvam zu Protokoll, während wir auf die Techniker warten.«

Maiken hatte die Latexhandschuhe ausgezogen. Sie setzten sich auf einen umgekippten Baumstamm, ein Stück von dem roten Lieferwagen entfernt. Sie notierte sich seine Personalien und seine Adresse und bat ihn zu erzählen, was früher an diesem Morgen passiert war.

»Ich war auf dem Weg ins Büro, wie gewöhnlich zu Fuß, es war kurz vor acht. Ich war gerade auf die Storgate gekommen, als ich eine beunruhigende SMS bekam«, sagte er, zog das Telefon aus der Tasche, öffnete die SMS und las vor: »›In einer halben Stunde ist die Luft aufgebraucht. Auf dem Forstweg im Trommedal, wo Sie letzten Sonntag unterwegs waren. Sie sind der Einzige, der den Tod verhindern kann.‹ Der Absender ist mir nicht bekannt«, sagte er und nannte ihr die Nummer, bevor er das Handy zurück in die Tasche steckte.

Kvam machte sich Notizen, und er fuhr fort:

»Als Erstes habe ich Morgan Vollan angerufen, weil ich seine Nummer noch auf dem Handy gespeichert hatte. Ich habe ihm die Situation erläutert und den Weg hierher beschrieben, bevor ich ihm eine Kopie der SMS auf sein Handy geschickt habe. Dann habe ich schnell mein Auto geholt und bin sofort hierher gefahren.«

»Man hat Ihnen gesagt, dass Sie warten sollen, bis wir vor Ort sind«, sagte Kvam. »Warum haben Sie das nicht getan?«

»Ich konnte nicht«, sagte er. »Ich hatte das Gefühl, dass jede Sekunde zählt. Ich habe den Rover geparkt und bin losgelaufen. Ein Oldtimer wie meiner ist für diese Forstwege nicht gemacht. Die Reifenspuren sind zu tief, und der Wagen liegt auch zu tief auf. Das muss der, der mich hierher gelockt hat, gewusst haben. Wenn ich wie Sie gefahren wäre, hätte ich das Blatt mit dem Pumadruck nicht gefunden.«

Maiken Kvam nickte und machte sich Notizen.

»Und als Sie hier ankamen?«

»Da habe ich natürlich gedacht, dass ich zu spät bin. Ich habe den Schlauch rausgezogen und den Motor abgestellt … den Rest haben Sie ja gesehen«, meinte er.

Sie nickte erneut.

»Waren Sie letzten Sonntag hier, wie es in der SMS steht?«

»Ja, ich bin oft mit dem Hund hier unterwegs«, sagte er. »Und das muss bedeuten, dass derjenige, der für dieses bizarre Szenario verantwortlich ist, mich beobachtet hat.«

»Erinnern Sie sich, ob Sie am Sonntag jemandem begegnet sind?«

»Nein, ich glaube nicht, dass ich jemandem begegnet bin«, sagte er. »Aber möglicherweise standen ein paar Autos unten an der Abzweigung vom Trommedalsveg. Das ist oft der Fall.«

»Die Pumadrucke, die Sie erwähnt haben, haben Sie die noch?«

»Ja, samt Umschlägen und allem«, sagte er. »Sie liegen in meinem Büro.«

»Sind sie an Ihre Büroadresse adressiert?«

»Nein, an meine Privatadresse«, antwortete er.

»Wir müssen sie uns ansehen«, sagte sie. »Fassen Sie sie bitte nicht mehr an.«

»Irgendwie ist das krank, das hier, nicht?«

»Doch, ja«, sagte sie. »Und es muss einiges an Aufwand und Planung gebraucht haben, das zu inszenieren.«

Sie standen auf und gingen zurück zum Tatort.

»Ich muss euch etwas zeigen«, meinte Morgan Vollan und zog sie mit zu der Puppe, die noch immer mit gespreizten Beinen auf dem Pelz lag. Er beugte sich zu ihrem Schritt hinunter und zeigte auf die vermeintlichen Schamhaare, die aus fünf Zentimeter langen, braunen, glatten Haaren bestanden. Aufgeklebt.

»Das sieht wie Kopfhaar aus … von einem Menschen«, sagte Maiken Kvam.

Torkel Vaa gab ihr recht. Der durchsichtige Leim hatte Klumpen gebildet und glänzte im Sonnenlicht.

»Wir überprüfen das«, sagte Vollan. »Und Sie gehen Ihre Angelegenheiten durch«, fügte er in einem eindringlichen, ernsten Ton hinzu. »Wenn Sie irgendwelche Feinde haben, im privaten oder beruflichen Umfeld, dann lassen Sie uns das wissen. Sie können jetzt gehen, aber informieren Sie uns, falls etwas passiert. Ich bin für ein paar Tage in Tromsø, aber Maiken Kvam arbeitet weiter an dem Fall.«

Maiken Kvam zog eine Visitenkarte aus der Brusttasche ihrer Uniform.

»Sie können mich anrufen, jederzeit«, sagte sie. »Und die Umschläge holen wir ab.«

Das Auto der Kriminaltechnik parkte hinter dem von Kvam und Vollan. Rechtsanwalt Torkel Vaa nickte kurz dem fremden Beamten zu, als er an ihm vorbeiging.

Betrug, Sittlichkeitsdelikte, Drohungen und ein oder zwei Morde. Was hatte er nicht im Angebot, und wo sollte er anfangen?

Jemand hat sich Mühe gemacht. Das ist ein Rätsel, ein von einer Person mit ernsten Absichten in Szene gesetztes Schauspiel. Noch nicht wirklich verhängnisvoll, aber vielleicht ist es auch nur der erste Akt, dachte er auf dem Weg zurück zu seinem Auto. Aktor stand auf dem Fahrersitz, die Vorderpfoten auf dem Lenkrad, wie er das meistens tat, wenn er sich langweilte. Vaa öffnete die Tür, und der Dackel sprang heraus.

Vor seinem geistigen Auge hatte er noch immer das Bild von dem Hund mit der durchgeschnittenen Kehle. Er konnte den Geruch von Verwesung noch immer riechen.

Torkel Vaa hatte im Lauf seines Arbeitstags nicht viel Zeit gehabt, über die Vorkommnisse am Morgen nachzudenken. Ein Polizist hatte die drei Umschläge mit den Pumadrucken in seinem Büro abgeholt, doch zuvor hatte er sich eine Kopie gemacht. Zwar nur in Schwarz-Weiß, dafür aber stark vergrößert im Verhältnis zum Original.

Er stieg die Treppe hoch zu seiner Wohnung, die in der vierten Etage des Apartmentkomplexes lag. Die Wärme schlug ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Er ging auf direktem Weg ins Schlafzimmer und zog die dunkle Hose, die Socken und die Krawatte aus, krempelte die Ärmel seines weißen Hemds hoch und zog eine alte Jeans an, die über den Knien abgeschnitten war. Die Sonne stand schräg auf den großen Fensterflächen, die über die gesamte Wohnzimmerwand reichten. Er öffnete die Tür zum Balkon, holte sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und setzte sich auf einen der Stühle, kippte die Rückenlehne nach hinten und ließ die nackten Füße über das Geländer baumeln. Im Briefkasten waren nur eine Rechnung und ein Jagdmagazin gewesen, die er abonniert hatte. Kein neuer Umschlag mit einem Puma.

Er streckte sich und spreizte die Zehen, bevor er nach der durchsichtigen Plastikhülle griff, in die er die Kopie des Pumas gesteckt hatte. Der kleine Kopf, der elastische Körper und der lange Schwanz, der im Sprung gerade abstand. Der Puma. Der Ranghöchste in der Familie der Kleinkatzen, ein fremder, einsamer Jäger. Ein begnadeter Jäger. Lebensgefährlich.

Die Kopie war schwarz-weiß. Der Originalpuma war blau. Torkel schloss die Augen. Als er vor einigen Tagen den ersten Umschlag geöffnet und den Puma gesehen hatte, war sein erster Gedanke gewesen, dass die Figur von einem Kind war. Dann hatte er an seine Mutter gedacht. Wahrscheinlich wegen der blauen Farbe. Blau hatte sie oft für ihre Bilder verwendet. Das Licht in Vinje konnte blau sein, erinnerte er sich. Die Berge. Die blauen Bergrücken, einer hinter dem anderen. Er hatte so intensiv an sie gedacht, dass er erwogen hatte, in dem Pflegeheim anzurufen und zu fragen, ob sie einen Werkraum hatten, in dem die Patienten Bilder gestalten konnten. Ob seine Mutter die Pumadrucke gemacht und das Personal gebeten hatte, sie an ihn zu schicken. Nach dem Erlebnis im Wald und dem Puma, den er an der Steinpyramide gefunden hatte, war diese Vorstellung absurd. Seine Mutter konnte das nicht arrangiert haben. Der Gedanke an sie hatte sein schlechtes Gewissen wachgerufen. Sie saß da oben in ihrem Heimatort, ganz allein.

Torkel folgte mit seinem Zeigefinger dem Rücken des Tiers vom Nacken bis zur Schwanzspitze. »Wer bist du, und was willst du?«

Er sprach die Worte laut aus. Unter ihm quengelte irgendwo ein Kind. Über ihm klirrte etwas, das sich nach Besteck anhörte. Eine Möwe flog mit ausgebreiteten Flügeln an seinem Balkon vorbei. Warum hatte er sich heute Morgen übergeben? Er übergab sich sonst nie. Das letzte Mal war eine Ewigkeit her. Es war direkt nach dem ersten Jahr seines Jurastudiums gewesen, als er mit Freunden nach Jugoslawien gefahren war, mit dem Zug. Er hatte eine ganze Flasche weißen Martini geleert, die er in Italien gekauft hatte, und gekotzt wie ein Reiher.

Als er mit Maiken Kvam hinter dem roten Lieferwagen gestanden und den toten Hund mit der aufgeschlitzten Kehle gesehen hatte, hatte er einen kurzen Moment geglaubt, dass das sein Hund wäre. Nur einen Augenblick, doch der hatte gereicht, seinen Körper in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Die Angst, die Ohnmacht, das Grauen und der Schmerz.

Aber da war auch noch etwas anderes. Etwas, das er nicht benennen konnte. Ein Gefühl, so etwas schon einmal erlebt zu haben.

Vielleicht in einem anderen Leben oder in einem Traum, wie ein Bild, das sich nicht festhalten ließ, wenn er aufwachte und wusste, dass er etwas Fantastisches geträumt hatte, aber nur noch ein Zipfelchen des Traums zu fassen bekam. Wie damals als Kind, als er die Eidechse gefangen hatte. Er hatte das kleine Geschöpf am Schwanz festgehalten, nur um zu sehen, wie die Eidechse ihren Schwanz abstreifte, ihn vom Körper trennte und verschwand. Da stand er dann mit dem Schwanz, der erst noch zappelte, um danach zwischen seinen Fingern abzusterben.

Torkel Vaa hatte in seinem Leben viele Tiere getötet. Die Jagd war seit seiner Kindheit Teil seines Lebens. Rentiere im Fjell, Rehe und Hasen im Wald. Er hatte ihnen die Kehlen durchgeschnitten, sie geschlachtet, gehäutet und zerteilt, seine Hände waren voller Blut gewesen, und er hatte den Geruch abgezogener Leiber wahrgenommen, die eine Weile gehangen hatten.

Das mit dem Hund heute Morgen war etwas anderes. Die Brutalität und die Respektlosigkeit hatten ihn abgestoßen. Torkel war eingeprägt worden, dass alles Leben Respekt verdiente. Auch das Wild, das sterben musste, hatte Anspruch darauf, respektiert zu werden, beim Erlegen und beim Schlachten. Das Wild war ein Geschenk und sollte auch dementsprechend behandelt werden.

Ein Hund, der aus dem einen oder anderen Grund getötet werden musste, sollte so schmerzfrei wie möglich sterben. Anschließend sollte das Tier begraben oder eingeäschert werden. Es in den Kofferraum eines Autos zu werfen und es wie eine Art Requisit vorzuführen, was sollte das? Torkel spürte die Wut in sich aufsteigen, je länger er darüber nachdachte. Er sah zu Aktor hinüber, der sich im Schatten des Geländers zusammengerollt hatte. Der Hund atmete ruhig.

Wütend trank er einen Schluck Mineralwasser und starrte hinunter zum Fluss. Ein Speedboot mit Metallrumpf und starkem Außenbordmotor schnitt sich seinen Weg durch das dunkle Wasser und zog einen Pflug weiß schäumender Wellen hinter sich her. Schon bald schlugen die Wellen gegen die Kaianlage und ließen die Targa-Jachten nahe der Promenade in den Vertäuungen erzittern. Er folgte dem Rowdy mit dem Blick, bis dieser in Richtung des Kais oberhalb vom Restaurant Osebro verschwunden war. Auf der anderen Seite des Flusses, Richtung Westen, lagen verstreut die alten, weiß gestrichenen Holzhäuser und dahinter, auf einem grünen Hügel, die beiden Hochhäuser. Landmarken im kleinen Porsgrunn. Er ließ seine Augen oft auf den beiden Pfosten ruhen, die aussahen, als wären sie in ein üppiges Büschel Krauspetersilie gerammt worden.

Langsam öffnete er alle Knöpfe seines weißen Hemds und ließ sich die Nachmittagssonne auf die Haut scheinen. Die Karte der Polizistin Maiken Kvam steckte noch immer in seiner Brusttasche. Er holte sie heraus und sah sie sich genau an. In knapp einer Woche würde Maiken seinen guten Jagdkameraden, den Polizisten Axel Lindgren, heiraten. Er fragte sich, ob sie wusste, dass man ihm eine Aufgabe bei der Hochzeit übertragen hatte. Heute Morgen im Wald hatte sie mit keiner Miene verraten, dass sie etwas ahnte, und Axel hatte betont, dass es eine Überraschung sein sollte. Torkel lächelte schwach. Er musste üben. Es war über eine Woche her, dass er das letzte Mal seine Steppschuhe angehabt hatte. Er sollte das viel öfter tun, aber er musste warten, bis die Sonne untergegangen war. Er freute sich auf die Hochzeit, freute sich darauf, die Journalistin Mette Minde wiederzutreffen. Sie hatten sich nicht mehr gesehen, seit sie vor einigen Monaten zusammen an dem Zwillings-Fall gearbeitet hatten. Er hatte ihre Stimme im Radio gehört, und er wusste, dass ihr Mann in den Norden gegangen war. Das war alles.

Er stand auf und sah auf die Strandpromenade hinunter, dann ließ er den Blick wieder nach Westen wandern. Sie wohnte dort drüben, auf der anderen Seite, doch das weiße Haus war von hier aus nicht zu sehen.

Er füllte Trockenfutter in Aktors Hundenapf und öffnete den Kühlschrank, um sich etwas zum Abendessen herauszuholen. Sein Appetit war nicht der beste, seine Gedanken kreisten noch immer um den Puma. Womit hatte er die Episode im Wald heute verdient? Die Polizei ging der Sache nach. Sie würden herausfinden, wem das Auto gehörte und wer der Besitzer des Hundes war. Hunde wurden vermisst gemeldet. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Besitzer dem armen Tier die Kehle durchgeschnitten hatte. Aber an welcher Stelle kam er selbst ins Bild?

Er hatte keine Anhaltspunkte. Keinen Verdacht in irgendeiner Richtung. Nur diese Fassungslosigkeit, diese schleichende Ungewissheit und diese Wut und Rastlosigkeit, die er aus seinem Körper herausbekommen musste. Raus und laufen, dachte er. Dann klingelte sein Handy. Er kannte die Nummer im Display und atmete tief durch, bevor er sich meldete.

»Hey, Adi, ist alles in Ordnung?«

»Nein! Camilla sagt, dass sie vielleicht doch nicht aussagen wird!«

»Aha, hat sie gesagt, warum?«

»Sie sagt, dass sie Angst vor Khalids Bande hat.«

»Okay, Adi, ich rede mit ihr«, sagte der Anwalt und sah auf seine Armbanduhr.

Sein Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Das war nichts Neues.

*

Die Wohnung in dem Hochhaus im Skogveg hatte die Sonne im Rücken. Das kräftige Fernrohr, das ein kleines Vermögen gekostet hatte, war auf den großen Balkon vor der Wohnung des Rechtsanwalts Torkel Vaa auf der anderen Seite des Flusses gerichtet. Ich könnte dich von hier aus erschießen, dachte er, wohl wissend, dass das nicht Teil des Plans war, auch wenn er das möglicherweise gekonnt hätte.

Der Anwalt saß draußen auf dem Balkon und trank Mineralwasser, die Sonne im Gesicht und die Beine auf dem Geländer. Jedes Mal, wenn er den Kopf in den Nacken legte, um zu trinken, glitzerten seine Brillengläser.

Felis studierte sein Gesicht.

Die glatten Züge des Anwalts zeigten kein Anzeichen von Besorgnis. Und um die arrogante Fresse machte sich sogar ein kleines Lächeln breit.

Felis drückte eine Magentablette aus dem Blister, den er immer in der Brusttasche hatte, und schluckte die rosa Pille hinunter. Es kratzte und brannte im Hals.

Der Tag, an dem der Brief von dem Anwalt gekommen war, hatte alles verändert.

Im Lauf der Stunde, die er gebraucht hatte, den Inhalt zu verdauen, war er von einem Niemand zu einem Jemand geworden.

Dann wurde er Felis.

Seine Augen ließen Vaa los, er richtete sich auf und drückte den Daumen der linken Hand auf das Amulett, das er an einem Lederriemen um seinen Hals trug. Er spürte den rauen Druck auf seinem Brustbein und wie die Kraft auf kratzenden Pfoten in jedes Körperglied ausströmte. Er spürte, wie sich sein Fell aufrichtete. Felis warf seinen kleinen Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und fauchte, kniff die Augen zusammen und sah vor seinem inneren Auge die spitzen, gelben Eckzähne. Sein Brustbein tat weh, als würde das Eisen in dem Amulett in seine Haut einschneiden, durch das Fleisch hindurch bis zu den Knochen.

Es tat weh. Auf eine gute Weise weh.

Vorsichtig hielt er das Amulett zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, während die linke die tiefe Mulde in der Haut streichelte. Er knurrte die Decke an.

»Du bist so gut wie tot, Torkel Vaa, aber zuerst spielen wir«, sagte er mit gekünstelt sanfter Stimme, als würde er mit einem Kind reden. »Habe ich vielleicht nicht schon früher getötet? Habe ich nicht genau vor der Nase der Erwachsenen getötet, ohne dass irgendwer etwas gemerkt hat? Ich bin stärker und cleverer als du, du kleiner Wurm. Du hältst dich für auserwählt, aber ich habe die Macht, dir all das zu nehmen, von dem du glaubst, es gehört dir. Ich bin unbesiegbar.«

Felis genoss den Klang seiner eigenen Stimme.

Es hatte Zeit gekostet, hierhin zu kommen. Zeit und Erfindungsreichtum. Wenn er auf sein Werk zurückblickte und ernsthaft darüber nachdachte, was er erreicht hatte, empfand er Bewunderung für sich selbst. Er hätte gerne gelacht, wusste aber, dass er das nicht konnte.

Er konnte nicht lachen.

Das hatte er nie gekonnt, aber er konnte lächeln. Er konnte sein artiges Lächeln lächeln, und das tat er jetzt.

Er schaute wieder durch das Fernrohr. Dort drüben erhob sich Vaa von seinem Stuhl und verschwand in der Wohnung, wobei ihm die weißen Hemdzipfel um die Hüften flatterten. Ich werde dir eine Falle stellen, lächelte Felis. Eine Falle, kleiner Vaa.

Er stand auf und zog die Gardinen vor die Fenster. Aussicht bedeutete auch Einsicht. Hin und wieder ergriff ihn die Angst bei dem Gedanken, dass jemand genau wie er irgendwo auf der anderen Seite des Flusses saß, ein Fernrohr auf diese Fenster gerichtet hatte und ihn beobachtete. Er wusste, dass das Unsinn war, aber trotzdem. Er sah sich in dem übermöblierten Wohnzimmer um. So hätte er sich nie eingerichtet, wäre das seine Wohnung gewesen.

Montag, 19. Juni

Punkt neun ging die Tür zum Gerichtssaal auf. Die Gerichtsvorsitzende, Richterin Laila Veronica Lundefaret, trat ein, gefolgt von zwei Beisitzern, einer Frau mittleren Alters und einem kleinen, älteren Mann. Alle Anwesenden im Gerichtssaal 4 erhoben sich. Torkel Vaa warf seinem Mandanten einen schnellen Seitenblick zu. Adi trug ein dunkles Hemd mit hellblauen Nadelstreifen, das er in eine gut sitzende Jeans mit einem breiten, schwarzen Gürtel gesteckt hatte. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten. Er war frisch rasiert und roch leicht nach Aftershave. Adi stand mit gefalteten Händen und leicht gebeugtem Kopf da, als wollte er seinen Respekt bekunden.

Als Lundefaret die Verhandlung für eröffnet erklärte, wanderte Torkels Blick zum Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Johan Jørgen Gumestad, der ihm gegenüber saß. Sie hatten sich über die Jahre ein paar Rededuelle geliefert, er und Gumestad. Zwei davon hatten Maßstäbe gesetzt. In manchen Fällen ging es ums Prestige. Das Gerichtsverfahren konnte sich zu einem Zweikampf zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung entwickeln, einem Kampf auf Leben und Tod. Die beiden beherrschten die Szene, wie Boxer den Ring, doch hier wurde der Kampf nicht durch reine Muskelkraft entschieden. Ohne verschwitzte Körper und aufgesprungene Lippen, ohne Tuchfühlung und ohne Blut. Gut ausgefeilte Technik und geschickte Taktik hatten ein Boxer und ein Anwalt vielleicht gemein, doch die Runden im Gerichtssaal waren vor allem eine intellektuelle und rhetorische Übung. Die Erschöpfung danach stand jedoch der nach einem bis zur letzten Runde ausgetragenen Boxkampf in nichts nach.

Zweimal war Torkel Vaa in den letzten fünf Jahren gegen Staatsanwalt Johan Jørgen Gumestad in den Ring gestiegen. Es stand, soweit Vaa das beurteilen konnte, eins zu eins, unentschieden.

Im ersten Fall bekam die Anklagebehörde, vertreten durch Staatsanwalt Johan Jørgen Gumestad, in allen Punkten recht, und Torkel Vaas Mandant wurde wegen geplanten Mordes verurteilt, ohne dass das Gericht die mildernden Umstände anerkannt hatte, auf die Torkel Vaa plädiert hatte. Eine eindeutige Niederlage, die ihn geschmerzt hatte, eine Niederlage vor allem für seinen Mandanten, aber auch für ihn.

Im zweiten Fall, der vor drei Jahren vor dem Amtsgericht Nedre Telemark verhandelt worden war, wurde der Forderung der Verteidigung, vertreten durch Rechtsanwalt Torkel Vaa, stattgegeben. Dieser hatte auf Freispruch seines Mandanten plädiert, dem sowohl die Entführung seines eigenen Sohns als auch dessen fahrlässige Tötung bei einem tragischen Verkehrsunfall vorgeworfen wurde. Der Unfall hatte sich wenige Minuten nachdem der Vater seinen Sohn von der getrennt lebenden Ehefrau ohne deren Zustimmung mitgenommen hatte, ereignet.

Auch nachdem die Anklagebehörde Berufung eingelegt hatte, kam es in zweiter Instanz nicht zu einer Verurteilung. In Vaas Augen ein Sieg und die richtige Entscheidung. Die Presse war da anderer Meinung gewesen. Auch aus der Bevölkerung waren Rufe nach einer Kreuzigung laut geworden, als sein Mandant freigesprochen wurde.

Die aktuelle Hauptverhandlung, die gerade in Gerichtssaal 4 eröffnet worden war, war kein Prestigefall. Ein Tag war für den Fall angesetzt worden, der mit einer Verurteilung enden würde. Adi hatte seine Schuld gemäß der Anklage gestanden. Die Bank, auf der sonst die Gerichtsreporter saßen, war leer. Diese Form der Alltagskriminalität, die hier verhandelt wurde, war für die Medien nicht von Interesse.

Sein Blick wanderte zu der Richterin.

Laila Veronica Lundefaret war eine tüchtige und erfahrene Gerichtsvorsitzende. Sie stellte den Angeklagten immer geschickt Fragen und besaß die besondere Gabe, mit jungen Menschen kommunizieren zu können. Sie benutzte keine Fremdwörter und galt als durch und durch bodenständige und zuverlässige Person. Die Art, wie sie mit Angeklagten, Geschädigten und Zeugen umging, färbte ab und ließ diejenigen, die in den Zeugenstand traten, die Schultern sen- ken.

Adi antwortete korrekt auf ihre einleitenden Fragen nach Name, Alter, Adresse, Arbeit, Gehalt und Familienstand. Auf die Frage, ob er sich schuldig gemäß der Anklage bekenne, antwortete er mit einem deutlichen »Ja«.

Adi hat sich, so gut er konnte, angepasst, dachte Torkel Vaa. Es war nicht das erste Mal, dass er wegen Gewaltanwendung angeklagt wurde. Trotz seines jungen Alters, er war erst dreiundzwanzig, hatte er zwei kurze Haftstrafen für Körperverletzung abgesessen. Dies würde allem Anschein nach die dritte werden.

»Hohes Gericht!«

Der Staatsanwalt hatte sich noch ein wenig damit abgequält, die Tischhöhe richtig einzustellen. Jetzt war er bereit, dem Gericht darzulegen, worin die Anklage bestand und welche Beweise angeführt werden würden.

Torkel Vaa betrachtete Johan Jørgen Gumestad. Die beiden hatten außerhalb des Rings einen dritten Kampf ausgefochten.

Der Gedanke beschäftigte ihn mehr als sonst, vielleicht weil Gumestad von einer Freundin gesprochen hatte. Von Adis Freundin Camilla.

Jedes Mal, wenn er Johan Jørgen Gumestad begegnete, wurde er an Henriette Lunde erinnert. Torkel Vaa schloss nicht aus, dass es Gumestad genauso ging. Sie sahen sich ziemlich häufig, und er hatte schon oft gedacht, dass Henriette Lunde zwischen ihnen stand wie eine vielleicht etwas verblasste, aber höchst visuelle Erinnerung. Henriette Lunde war ein Kampf, den sie beide verloren hatten, und die Kämpfe, die man verloren hat, an die erinnert man sich.

»Dass der Fall nicht früher zur Verhandlung gekommen ist, liegt daran, dass wir erst am 6. April dieses Jahres das Gutachten vom Krankenhaus bekommen haben«, hörte er Gumestad erklären.

Vaa schloss die Augen. Gumestad rechtfertigte gerade die Säumigkeit der Anklagebehörde. Offenbar wollte er einem möglichen Antrag der Verteidigung auf eine Bewährungsstrafe Vorschub leisten. Die Europäische Menschenrechtskonvention sollte allen Menschen einen gerechten Prozess gewährleisten. Die Ermittlung durfte sich unter anderem nicht endlos in die Länge ziehen, doch was die erforderliche Zeit anging, hatte Gumestad seine Schäfchen im Trocke- nen.

Torkel Vaa hörte zu, doch er besaß das Talent, seine Aufmerksamkeit problemlos auf zwei Dinge konzentrieren zu können. Er war in der Lage einer Debatte im Radio zu folgen und gleichzeitig Falldokumente zu lesen. So war er nun einmal, und für ihn war das völlig normal. Er machte auch kein Aufheben darum. Das Problem war natürlich, dass er auf andere Menschen hin und wieder geistesabwesend wirkte.

Henriette Lunde war im selben Alter wie er, ein Jahr jünger als Johan Jørgen Gumestad, und in besagtem Frühjahr waren sie alle im dritten Jahr ihres Jurastudiums gewesen. Torkel und Johan Jørgen waren keine Freunde, gehörten aber zum weiteren Bekanntenkreis des jeweils anderen und begegneten sich häufig auf Festen und bei anderen gesellschaftlichen Terminen.

Konzentriert folgte sein Blick Johan Jørgen Gumestad, der gerade seine Einleitung abschloss. In Wirklichkeit sah er jedoch Henriette, deren blondes Haar lose um ihre Schultern fiel. Das Band mit den Indianerperlen um ihren Kopf, das lange Kleid und die schmalen, ausgetretenen Ledersandalen. Eine nordische Ausgabe von Mondkind, der schönen Squaw aus den Silberpfeil-Comics, so absolut anders als alle anderen Mädchen an der juristischen Fakultät. Sie war die Cleverste, die Lustigste und die Schönste. Vielleicht gab es an der Universität in Oslo eine, die ihr ähnlich sah, aber im Juridicum? Niemals. Dort beherrschten Cardigans, Perlenketten, enge Röcke oder gewöhnliche Jeans und Hemdblusen die Kleiderschränke.

Gumestad kam zum Schluss, und Vaa wurde das Wort erteilt.

Er legte den Sachverhalt aus Sicht seines Mandanten dar und begründete die Zeugenliste der Verteidigung, die nur aus zwei Namen bestand. Camilla, die Freundin des Angeklagten, und Fatmir, Adis Bruder.

»Mein Mandant ist der Meinung, dass er berechtigt war, in die Schlägerei einzugreifen, um seinen Bruder zu beschützen, doch er gibt zu, dass er zu weit gegangen ist, und räumt seine Schuld gemäß der Anklage ein«, schloss Vaa.

Adi wurde für seine Aussage in den Zeugenstand gerufen. Torkel Vaa nickte seinem Mandanten zur Unterstützung diskret zu. Seit dem Vorfall war ein ganzes Jahr vergangen. Adi sollte aussagen, was an sich schon ungünstig war. Konzentriert lauschte er Adis Stimme.

Er war an besagtem Abend zu Hause bei seiner Freundin, Camilla, gewesen. Sie sahen sich einen Film an. Dann rief sein Bruder von der Park Bar in Porsgrunn an und bat ihn um Hilfe. Eine Bande aus Skien hatte ihn angegriffen. Eine Bande, mit der sie schon früher Ärger gehabt hatten. Sein Bruder hatte Angst und brüllte ins Telefon. Camilla fuhr Adi zur Park Bar. Im Auto lag ein Malerspachtel, den Camillas Vater in der Hütte gebraucht hatte. Als er aus dem Auto sprang, um seinem Bruder zu Hilfe zu eilen, schnappte sich Adi den Spachtel. Zwei Typen hielten den Bruder am Boden fest. Adi hob den Malerspachtel und schlug ihn dem Typen, der zu oberst lag, auf den Kopf. Dann kam die Polizei. Eigentlich war sie die ganze Zeit da gewesen und hatte sich, einige Hundert Meter von der Schlägerei entfernt, um einen anderen Vorfall gekümmert, zu dem es vor der Bar gekommen war.

Rechtsanwalt Vaa blieb in Gedanken versunken sitzen, während die Richterin Lundefaret Adi befragte. Er fuhr sich mit den Fingern durch das lockige Haar am Hinterkopf. Wie leicht wäre es zu verhindern gewesen, dass dieser Fall zu einem Fall werden musste. Adi hätte sich an die Polizisten wenden können, statt einem betrunkenen Typen, der auf eine Schlägerei aus war, ein Loch in den Kopf zu schlagen. Es war lange her, dass er gedacht hatte, wenn doch nur … wenn sich doch nur alle rational und überlegt verhielten, aufhörten, sich zu besaufen und mit Drogen vollzupumpen, dann wäre alles in Ordnung und er selbst hätte weniger zu tun. Es war so sinnlos zu sehen, wie diese jungen Menschen ihre Talente und Chancen verschleuderten. Jedes Jahr vertrat er unzählige von ihnen. Junge Männer. Norweger, Kurden, Somalier, Kosovo-Albaner und Serben mit norwegischer Staatsbürgerschaft. Junge Männer, die Dummheiten begingen. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, eine Fußballmannschaft für verurteilte Mandanten zu gründen. Eine Mannschaft oder zwei oder drei, mit wöchentlichem Training und Beisammensein. Ganz ernsthaft. Er brannte für die Idee, und früher oder später würde er sie verwirklichen.

Torkel Vaa war kein Experte, was Fußballtraining anging, aber das waren andere. Er hatte Freunde, und er wusste, dass viele sich zur Verfügung stellen würden, wenn er die Idee umsetzte. Vielleicht könnte Adi der erste Spieler werden, den er rekrutierte. Erwachsene Männer, die sich für junge Gesetzesbrecher engagierten! Erwachsenenwerte, Sicherheit und Zusammenhalt, unabhängig von der ethnischen Herkunft. Ihm gefiel der Gedanke.

Adi würde garantiert verurteilt werden, und er würde die Strafe absitzen müssen. Der bestmögliche Ausgang, den er sich als Verteidiger erhoffen konnte, war, dass ein Teil der Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Torkel ließ seinen Blick durch die Fenster hinter Gumestads Platz nach draußen auf die rosa Fassade schweifen. Hinter dieser Fassade saß die ABB, einer der wenigen Arbeitgeber in der Industrie, die es in Grenland noch gab. Dort hatte Adi vor nur wenigen Monaten einen Job bekommen. Seitdem hatte er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen. Er hatte sich etwas aufgebaut. Einen Job und ein Leben, und das würde ihm aufgrund einer vor einem Jahr begangenen Dummheit genommen werden.

Torkel seufzte lautlos. Den Gang hinunter, in Gerichtssaal 9, einem der größten Gerichtssäle, wurde der Fall des Mannes in mittlerem Alter verhandelt, der wegen sexueller Vergehen an seinen beiden minderjährigen Stiefkindern angeklagt war. Die Presseleute waren heute Morgen in Gerichtssaal 9 geströmt, aber wahrscheinlich waren sie bereits wieder zurück in ihren Redaktionen, denn dieser Fall wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Überall gab es Abscheulichkeiten. In allen Gesellschaftsschichten. Niemand wusste das besser als Torkel, und das allein war schon sinnvoll, wenn er denn bloß etwas mehr ausrichten könnte. Er konnte zum Beispiel versuchen, die Scheiße zu begrenzen und etwas Schönes, Neues zu schaffen.

Gumestad hielt den Spachtel hoch und zeigte ihn dem Gericht. Drehte und wendete ihn. Er war aus Metall und hatte eine scharfe, gerade Kante von ungefähr fünf Zentimetern Breite. Diese Kante hatte den Kopf des Geschädigten mit voller Wucht getroffen.

Adi hob die Stimme ein wenig, als er auf die Frage der Anklage antwortete.

»Nein, ich hatte nicht beabsichtigt, mit dem Spachtel zuzuschlagen. Ich habe ihn mitgenommen, um mich zu verteidigen. Diese Typen haben meistens Messer!«

Das einzige Spannungsmoment in diesem Fall lag darin, ob der Ankläger dahingehend argumentieren würde, dass die Tat vorsätzlich mit einem besonders gefährlichen Werkzeug ausgeführt worden war, oder ob er Adis Erklärung Glauben schenkte, dass der Spachtel bereits im Auto gelegen hatte und nicht von ihm aus Camillas Wohnung mitgenommen worden war, um ihn bei der Schlägerei zum Einsatz zu bringen. Adis Freundin, Camilla, würde für Adi aussagen. Was sie am Vortag für eine Drohung gehalten hatte, hatte sich als leicht übertrieben herausgestellt. Sie würde für ihn aussagen.

Der Geschädigte in dem Fall, Khalid, trat in den Zeugenstand. Er starrte die Richterin Laila Veronica Lundefaret ungerührt an, als er schwor, nach bestem Wissen und wahrheitsgemäß auszusagen. Er wirkte erleichtert, als er wieder Platz nehmen konnte, griff nach dem Wasserglas, das man ihm hingestellt hatte, und trank es in einem Zug aus.

Wie zu erwarten gewesen war, unterschied sich seine Aussage in wesentlichen Punkten von Adis. Khalid sagte aus, dass Adi mehrmals mit dem Spachtel auf ihn eingeschlagen hatte. Nicht nur auf seinen Kopf, sondern auch auf seinen Körper. Seine Lederjacke, die er bei der Schlägerei getragen hatte, hatte mehrere Risse von dem Spachtel, behauptete er.

Nachdem der Geschädigte, Khalid, sowohl von Lundefaret als auch von Gumestad und Vaa ausführlich befragt worden war, gab es eine Verhandlungspause. Der Fall hatte zügiger abgehandelt werden können als erwartet, und die Zeugen, die zu einem festen Zeitpunkt geladen worden waren, waren noch nicht eingetroffen. Die Richterin kündigte eine viertelstündige Unterbrechung an, erhob sich und verließ den Gerichtssaal, gefolgt von den Beisitzern. Die Tür zum Gerichtssaal schloss sich hinter ihnen. Adi spielte mit seinem Feuerzeug herum, stand auf, ging hinaus und murmelte dabei etwas von Raucherzimmer vor sich hin. Torkel blieb sitzen.

Johan Jørgen Gumestad stand vom Tisch gegenüber auf und hob eine Tasche vom Boden hoch. Er legte die Tasche auf den Tisch und zog einen blauen Schnellhefter heraus. Torkel Vaas Herz setzte ein oder zwei Schläge aus. Ein weißes Puma-Logo zierte die schwarze Tasche. Torkel erhob sich langsam und ging zu Gumestad hinüber. Die schwarze Robe fühlte sich wie ein Thermoanzug an. Die Luft im Saal war warm und abgestanden. Gumestad blickte auf, lächelte matt und fuhr sich mit einer kräftigen Hand durch das dicke, blonde Haar. Seine blauen Augen sahen Torkel forschend an.

»Interessante Aktentasche, Johan«, sagte Torkel.

Johan Jørgen lachte kurz, und es klang echt.

»Der Griff von meinem Aktenkoffer ist heute Morgen abgerissen«, sagte er. »Das ist die Sporttasche von meinem ältesten Sohn, die erstbeste Tasche, die ich finden konnte, sonst hätte ich eine Einkaufstüte vom Supermarkt nehmen müssen.«

»Mmm«, meinte Torkel. »Woran denkst du, wenn ich das Wort ›Puma‹ sage?«

Johan Jørgen schaute ihn überrascht an. Er runzelte die Brauen. Seine Stirn kräuselte sich wie eine Ziehharmonika.

»An Sport natürlich«, antwortete er. »An Fußball, vielleicht.«

»Mmm, erinnerst du dich an Henriette Lunde?«

»Nein, weißt du, die hatte ich ganz vergessen! Sammelst du Fragen für das Weihnachtsquiz der Anwaltskammer, oder was?«

Torkel lächelte.

»Ich musste plötzlich an Henriette Lunde denken«, sagte er.

»Ich denke oft an Henriette Lunde, wenn ich ehrlich sein soll«, sagte Johan Jørgen. »Ich habe nie begriffen, was sie in dir gesehen hat!«

»Ich auch nicht«, erwiderte Torkel. »Vor allem nicht, da sie zuerst mit dir zusammen war.«

Johan Jørgen lächelte.

»Ich war damals stinkwütend auf dich, Torkel, aber keiner von uns hätte bei ihr landen können. Sie hatte große Pläne. Nach dem wissenschaftlichen Assistenten bei den Juristen hat sie sich jemanden mit noch mehr Macht und Einfluss gesucht. So war sie nun einmal, und so ist sie bestimmt heute noch«, sagte er.

»Mmm«, meinte Torkel.

»Wusstest du, dass sie nach dem Jurastudium auf die IT-Welle aufgesprungen ist? Kannst du dir Henriette Lunde als Nerd vorstellen?«

Gumestad lachte über seine eigenen Worte. Torkel Vaa hatte große Probleme, Henriette Lunde als etwas anderes als das anmutige Mondkind zu sehen.

»Sie arbeitet bei Kripos, der nationalen Einheit zur Bekämpfung organisierter Kriminalität und Gewaltverbrechen, in irgendeiner Sonderstellung und ist mit einem Leitenden Ministerialdirektor aus dem Justizministerium verheiratet«, fuhr Gumestad fort. »Ich bin ihr vor ein paar Jahren begegnet, und ich kann dir sagen, dass sie nichts mehr von Flowerpower an sich hatte.«

»Mmm«, meinte Torkel. »Erinnerst du dich an den Svendsen-Fall vor drei Jahren?«

»Natürlich!«

»Weißt du, wie es Tone Svendsen geht, der Mutter des toten Jungen?«

»Nein, sollte ich das? Weißt du, wie es Morten Svendsen geht, dem Vater des Jungen, der entführt wurde und anschließend bei einem Autounfall ums Leben kam?«

»Ja«, antwortete Torkel prompt. »Er ist vor knapp einem Jahr nach Stavanger gezogen. Er arbeitet für eine amerikanische Gesellschaft, die auf dem Ölsektor tätig ist. Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin zusammen, die in einem Monat ein Kind von ihm bekommt. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, aber er denkt viel an das, was passiert ist, und er fühlt sich schuldig, wenn auch nicht im strafrechtlichen Sinn.«

Johan Jørgen Gumestad hatte sich hingesetzt. Seine Finger spielten mit einem Stift. Er hob den Kopf.

»Beeindruckend, Vaa. Für mich ist jeder Fall nach der Verkündung des Urteils abgeschlossen. Ich trage keinen mehr mit mir herum, ganz im Gegenteil, ich spiele Golf, um sie ein für alle Mal zu vergessen.«

»Mmm, verständlich«, sagte Torkel. »Jeder auf seine Weise.«

Er drehte sich um und ging an seinen Tisch zurück. Er spürte Gumestads brennenden Blick durch die schwarze Robe hindurch. Falls Johan Jørgen ihn hasste, würde er seinen Namen auf einen seiner weißen Golfbälle schreiben und ihn mit aller Kraft über den Rasen in eine Matschpfütze schlagen, wo niemand ihn wiederfinden würde. Der Staatsanwalt verbrachte wohl kaum seine Abende damit, blaue Pumadrucke anzufertigen.

Er sah den Unfallort im Svendsen-Fall vor sich, an dem der drei Jahre alte Noah Svendsen vor bald vier Jahren gestorben war. Nach der Kollision war der Vater, Morten Svendsen, noch aus dem Auto herausgekommen. Sekunden später hatte es Feuer gefangen. Noah, der angeschnallt in seinem Kindersitz gesessen hatte, war umgekommen. Das Auto war rot gewesen. Rot wie das Auto draußen im Wald. Wenn es jemanden gab, der ihn hasste und bei dem Torkel das verstehen konnte, war das Noahs Mutter, Tone Svendsen.

Er nahm seine Brille ab und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als die Tür zum Gerichtssaal aufging. Adi setzte sich wieder auf seinen Platz neben ihm.

Er musste mit Tone Svendsen reden.

Dienstag, 20. Juni

In der Abflughalle in Gardermoen summte es vor Geräuschen, als die NRK-Journalistin Mette Minde ihre kleine Familie Richtung Norden zu ihrem Ehemann Peder Haugerud auf den Weg brachte. Jemand stupste sie an, als sie sich über das Gepäck beugte und versuchte, das letzte Kofferlabel zu befestigen. Eirik zupfte an ihrem Pullover.

»Beeil dich, du Schnecke!«

»Entspann dich, wir haben genug Zeit«, brauste sie auf und bereute es sofort. Ihr Ärger sollte nicht das Letzte sein, woran sie sich erinnerten. An die saure, böse Mama. Die Enden des Labels klebten aufeinander, die Aufgabe war gelöst. Sie richtete sich auf und begegnete dem Blick ihrer Schwiegermutter. Ihre braunen Augen blickten sie ruhig an.

»Du bist erschöpft, Mette«, sagte ihre Schwiegermutter mit dieser irritierenden, freundlichen Stimme. Ein kleines Lächeln um Mund und Augen lag auf der Lauer. Ihr langes, braunes Haar war zu einem Zopf geflochten und endete in einem Büschel auf ihrer Brust. Sie hatte Trym die Hand in den Nacken gelegt. Ihre Finger streichelten den dünnen Jungenhals. Er lehnte den Kopf gegen ihre Taille. Mette studierte die Finger ihrer Schwiegermutter. Ihre Nägel waren kurz geschnitten, ohne den üblichen Nagellack und die Ringe, ja, aller Schmuck, den ihre Schwiegermutter sonst gewöhnlich zur Schau stellte, war verschwunden. Alles an ihr war verändert. Sie wirkte jünger, pfiffiger, verwegener. Die Schwiegermutter ließ Trym los, legte Mette die Hand auf die Schulter und zog sie bestimmt und energisch an sich.

»Pass auf dich auf, versprich es mir«, flüsterte sie ihr ins Ohr. Das gesunde Ohr, glücklicherweise. Mette murmelte eine Antwort und spürte das Weinen wie einen Kloß im Hals. Vier Wochen, dachte sie. Vier lange Wochen ohne die Zwillinge. Wie sollte das gehen? Wie war es überhaupt möglich, vier Wochen ohne ihre Kinder zu leben? Sicher, Peder hatte das geschafft, aber es war auch seine Entscheidung gewesen. Verzweiflung und Ohnmacht hatten in ihr gewütet, seit er sie zurückgelassen hatte, um wieder zu sich und zu seiner Lebensfreude zurückzufinden, wie er es ausgedrückt hatte.

»Dann gehen wir mal«, verkündete ihre Schwiegermutter und lächelte die Jungen schelmisch an, die ihr erwartungsvoll die Gesichter zuwandten. Sie trifft ihren Sohn, die Zwillinge treffen ihren Vater, das muss ich ihnen verdammt noch mal gönnen können, schimpfte Mette mit sich selbst. Für Außenstehende sehen wir bestimmt wie eine fröhliche, glückliche Familie aus, dachte sie, während sie die drei Koffer auf das Gepäckband hob. »Der Flug nach Kirkenes ist nun zum Einsteigen bereit …«

Vor der Sicherheitskontrolle drückte sie die Jungen fest und lange, bevor Trym sich vorsichtig von ihr löste und in die Schlange der Reisenden einreihte, die sich langsam im Zickzack durch die Schleuse auf die endgültige Trennung zwischen ihnen und ihr, ihrer Mama, zubewegte. Sie versuchte, fröhlich zu klingen, als sie ihnen »Tschüss, macht’s gut und gute Reise« zurief. Sie winkte und lächelte. Sie sollten nicht sehen, dass sie traurig war. Sie sollten in dem sicheren Glauben reisen, dass es ihrer Mutter gut ging. Sie würde zurechtkommen. Sie sollten sich keine Sorgen um sie machen. Das taten sie bestimmt auch nicht. Es war anders gelaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatten sich nicht an sie geklammert und geweigert, sie loszulassen. Sie waren freiwillig mit ihrer Großmutter gegangen. Freiwillig und froh, auf dem Weg ins Unbekannte. Sie würden fliegen. Zu ihrem Papa, hoch in den Norden. Wo es im Sommer nie dunkel wurde. Wo sich das Wollgras in den Mooren wiegte und im Herbst die Moltebeeren wie Gold leuchteten und das Meer sich an den ewig dunklen Wintertagen, an denen niemand glaubte, dass es jemals wieder Frühling werden würde, an den Strand warf.

Als Letztes sah sie ihre Schwiegermutter, die den kleinen Rucksack auszog, den sie als Handgepäck bei sich hatte. Ihre Schwiegermutter mit einem Rucksack! Es war nicht zu glauben. Ihre teuren Handtaschen hatte sie zusammen mit den Kleidern und den Pelzmänteln an die Heilsarmee gegeben, hatte sie im Auto auf dem Weg zum Flughafen erzählt. Vor drei Monaten war ihr Mann plötzlich und unerwartet an einem schweren Herzinfarkt gestorben. Es war für alle ein Schock gewesen. Im einen Moment raste er in seinem brandneuen Auto über die E18, und im nächsten fuhr er an die Seite, hielt, schaltete die Warnblinkanlage an … und starb. Kontrolliert und korrekt, so hatte der pensionierte Direktor sein ganzes Erwachsenenleben verbracht, das wusste Mette von ihm. Jetzt hatte ihre Schwiegermutter das große Haus in Bærum zum Verkauf ausschreiben lassen. Sie wollte der Reihe nach ihre drei Söhne besuchen und sich anschließend etwas Nettes suchen. Sie wusste nicht, wo sie wohnen würde, wusste nicht, was sie machen würde, und beides schien sie nicht im Mindesten zu beunruhigen.

Mette merkte, dass sie lächelte, während ihre Augen blind auf das Meer der Reisenden vor ihr starrten. Sie räusperte sich verlegen, drehte sich um und ging zu der Rolltreppe, die in die Ankunftshalle eine Etage tiefer führte. Ihre Schwiegermutter hätte sich vorzeitig pensionieren lassen können oder so etwas, hätte sie gearbeitet. Aber das hatte sie nicht. Soweit Mette wusste, hatte ihre Schwiegermutter nie gearbeitet, und jetzt war sie plötzlich auf die eine oder andere Weise frei. Frei, genau das zu tun, was sie wollte, und sie wollte ihre Enkelkinder Trym und Eirik mit nach Kirkenes nehmen, um ihren Sohn Peder Haugerød zu besuchen, der gerade als Arzt am städtischen Krankenhaus angestellt worden war. In Kirkenes, wo Mettes Schwiegereltern in Peders Kindheit ein paar Jahre gelebt hatten, als sein Vater dort oben für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hatte. Eigentlich war das gut. In vier Wochen hatte Mette selbst Urlaub und würde sich in das Flugzeug nach Kirkenes setzen. Sie würde hochfliegen, ihre Schwiegermutter runter. So war es abgespro- chen.

In der Ankunftshalle wimmelte es von Menschen. Einige fielen sich vor lauter Wiedersehensfreude um den Hals. Sie spürte ihren Magen vor Hunger rumoren, ging zum Zeitungsladen und kaufte sich ein Softeis mit Schokoladenstreuseln. Die sommerliche Wärme war hier drinnen nicht zu spüren, doch draußen strahlte die Sonne warm und kräftig. Sie schleckte konzentriert ihr Eis, wobei sie aufpasste, dass die Schokoladenstreusel, das Beste von allem, nicht auf ihren weißen Pullover krümelten. Als sie sich einer der Schwingtüren näherte, die ins Freie führten, hörte sie irgendwo hinter sich eine dröhnende Stimme ihren Namen rufen.

»Minde! Mette Minde! Warten Sie!«

Sie drehte sich um und guckte. Morgan Vollan.

Hauptkommissar Morgan Vollan schwenkte einen Arm in der Luft, mit dem anderen zog er einen kleinen Trolley. Sie blieb stehen und schleckte an ihrem Softeis, bis er nahe genug war, um sie zu hören. Sie lächelte verschmitzt, was sie sich angewöhnt hatte, seit Peder in den Norden gegangen war. Sie hatte die Änderung in ihrem Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht bemerkt und freute sich darüber. Das unschuldige Flirten und die darauf folgende Rückmeldung waren gut für ihren Energiehaushalt. Nicht, dass sie auf eine Affäre aus gewesen wäre, während Peder in Nordnorwegen war, früher oder später würde er schließlich zurückkommen, aber allein sich attraktiv zu fühlen hob ihre Stimmung. Sie war nicht wirklich verlassen worden, das wusste sie, aber sie wollte auch nicht durch mangelnde Aufmerksamkeit dahinwelken. Auch sie musste ihr Leben leben und ihr Glück suchen.

Der große, kräftige Polizist blieb vor ihr stehen und wischte sich mit einem zerknüllten Taschentuch die Stirn ab.

»Wollen Sie nach Hause? Sind Sie mit dem Auto hier?«

»Ja«, lächelte sie. »Mein Auto steht gleich hier draußen, ich habe die Zwillinge und meine Schwiegermutter zum Flughafen gebracht. Sie wollen nach Kirkenes, Peder besuchen.«

»Ach, wunderbar. Ich bin mit dem Flughafenzug hergekommen, würde aber sehr gerne mit Ihnen mitfahren«, sagte er. »Ich war auf einer Polizeikonferenz in Tromsø.«

»Interessant, davon müssen Sie mir erzählen«, antwortete sie.

»Für Journalisten nicht interessant genug, denke ich«, erwiderte Vollan. »Strategie und Vorbeugung.«

»Hört sich nach einer kriminalpolitischen Maßnahme an.«

Er bejahte das mit einem Lächeln.

»Was ist mit Ihrem Golf passiert?«, fragte er, als sie vor Peders relativ neuem, blauem Opel Kombi stehen blieben.

»Der ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Er ist einfach ungeeignet, um mit so kostbarer Fracht unterwegs zu sein«, sagte sie und öffnete ihm den Kofferraum. Er hob seinen Trolley hinein und schloss die Kofferraumklappe. Sie fuhr vom Parkplatz, am SAS-Hotel vorbei und nahm Kurs auf die E6. Das letzte Mal, als sie in Gardermoen gewesen war, war sie mit einem verbundenen Kopf und um ein halbes Ohr ärmer aus Finnland zurückgekommen. Automatisch griff ihre Hand nach dem deformierten Ohr. Die Wunde war längst verheilt, doch ihre Finger fuhren immer wieder über die unebene Oberfläche. Das halbe Ohr war ihr mit einem Schilfschneider, einer Art elektrischer Sichel, abgeschnitten worden. Ich habe Glück gehabt, dass ich lebe, dachte sie jedes Mal, wenn ihre Hand über das Ohr strich, oft in der Erwartung, dass es plötzlich wieder intakt, dass es nachgewachsen war. Der Gedanke war nicht völlig absurd. Die Wissenschaftler arbeiteten daran, wie man Körperteile dazu animieren konnte nachzuwachsen. Früher oder später würden sie Erfolg haben. Die Dame in dem Geschäft für Brautmoden, in dem sie vor mehreren Monaten zusammen mit Maiken ein Kleid ausgesucht hatte, hatte ihr geraten, die Haare aus dem Gesicht zu tragen. Sie stramm nach hinten zu kämmen, sodass man die Ohren sah. Das würde sie nie mehr können, es sei denn, die Wissenschaftler beeilten sich. Die Frisur konnte sie vergessen, seufzte sie innerlich und lächelte. Was war schon ein halbes Ohr gegen ein ganzes Leben? Es war verschwendete Energie über Dingen zu brüten, die sich nicht ändern ließen. Punktum! Sie lächelte noch immer, als sie sich Vollan zuwandte.

»Was macht die Arbeit, gibt es irgendwelche spannenden Fälle, von denen wir nichts wissen?«

»Wohl kaum«, sagte Vollan. »Ich möchte doch meinen, dass der NRK und die anderen Medien reichlich mit allem gefüttert werden, was wir an Gewalt, Raub und Diebstahl haben.«

»Und wie sieht es mit der Aufklärungsquote aus?«

»Können wir nicht von etwas Angenehmerem reden? Was ist mit der Polizeihochschule? Wir brauchen noch mehr tüchtige Polizisten, wenn sich die Aufklärungsquote verbessern soll«, sagte er.

Typisch Morgan Vollan, dachte sie. Er glitt einem wie ein Aal aus den Händen.

»Ich habe einen Antrag gestellt, das dritte Jahr nachholen zu dürfen, aber noch keine Antwort bekommen«, antwortete sie. »Und so, wie sich die Situation entwickelt hat, mit Peder in Kirkenes und allem, weiß ich nicht einmal, ob ich zusagen würde, wenn ich einen Platz bekäme.«

»Warum nicht?«

Sie sah den Mann in mittleren Jahren, der neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, kurz an. Glaubte er wirklich, dass es so einfach war, alles alleine zu managen? Mit einem Job, zu dem Früh- und Spätschichten gehörten? Würde die Nachbarin nicht auf die Zwillinge aufpassen, wenn ihre Schichten nicht mit der Schulzeit vereinbar waren, würde alles den Bach hinuntergehen. Und wenn sie die beiden mit nach Oslo nahm, wer passte dann auf sie auf?

»Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, ihnen ihr Heim, ihre Freunde, die Schule und alles, was sie kennen und was ihnen Sicherheit gibt, zu nehmen, vor allem jetzt, da Peder in Nordnorwegen und zu Hause ohnehin alles anders ist«, sagte sie.

»Kinder sind robust«, antwortete er. »Sie kommen zurecht.«

Sie spürte Ärger in sich aufwallen. Kinder sind robust. Das war eine grobe Verallgemeinerung und viel zu optimistisch.

»Da bin ich anderer Meinung, wissen Sie. Manche Kinder sind robust, andere verletzlich und ängstlich. Möglicherweise finden Sie einen Teil von denen, die nicht so robust waren, in Ihrer Statistik wieder.«

»Ich verstehe, was Sie meinen, aber vergessen Sie nicht, dass ich Ihre Jungs erlebt habe – in einer Krisensituation. Sie würden ein Jahr mit einer Mama, die studiert, und einem Papa, der nicht bei seiner Familie lebt, schaffen – und zwar gut, Sie Glucke.«

Mette lachte laut. Das hatte er treffend erfasst.

»Ich werde ernsthaft darüber nachdenken, falls ich eine Zusage bekomme«, sagte sie. »Und ich werde ziemlich enttäuscht sein, wenn ich keine bekomme, doch das hat eher mit Konkurrenzdenken zu tun, obwohl es eigentlich keine Konkurrenz gibt. Ich bekomme einen Platz, wenn jemand im dritten Studienjahr aus irgendeinem Grund seinen Platz nicht nutzen kann. So ist das«, sagte sie.

Sie schwiegen, während sie auf der E6 Richtung Oslo fuhren. Als sie die Mautstation in Alna passierten, hörte sie Vollan schnarchen. Er hatte ihr das Gesicht zugewandt, die Augen geschlossen. Der ganze Mann machte einen ruhigen, entspannten Eindruck. Wenn sie schlafen, sind sie süß, dachte sie, alle Menschen, große und kleine, im Schlaf haben sie etwas Entwaffnendes. Sie stellte das Radio an, leise, um ihn nicht zu wecken. Die Polizeihochschule. Ihr fehlte dieses eine, dritte und letzte Jahr. Sie würde es jetzt oder nie nachholen, hatte sie das Gefühl. Und diesen merkwürdigen Drang. Ich will und ich werde! Sie fühlte sich wohl als Journalistin bei NRK Østafjells, wo sie die letzten Jahre gearbeitet hatte, doch die Kriminalfälle, in die sie parallel involviert gewesen war, hatten sie schon sehr gereizt. Damit wollte sie in Zukunft arbeiten, selbst wenn sie ganz unten auf der Karriereleiter anfangen musste, als Streifenpolizistin. Und Morgan Vollan glaubte an sie. Der Hauptkommissar von der Polizeiwache in Grenland hatte sie direkt aufgefordert, zurück an die Polizeihochschule zu gehen. Sie waren nicht immer so gut miteinander ausgekommen, aber er hatte offensichtlich einen Strich unter die Differenzen gezogen. Vollan glaubt an mich, dachte sie und schielte zu ihm hin. Er könnte mein Vater sein, und da hätte ich nichts dagegen, dachte sie, während sie die tiefe Falte zwischen den buschigen Augenbrauen wahrnahm. Er atmete tief ein und verschränkte die Arme vor der Brust, als würde er frieren. Er träumt, dachte sie.

Vollan wachte ruckartig auf, als sie rechts blinkte, von der E18 abbog und den Hügel zu der Tankstelle und dem Café in Grelland hochfuhr. Sie musste pinkeln. Er sah sich etwas verwirrt um.

»Oh, sind wir schon da?«

»Ja, Sie haben tief geschlafen und nicht ganz so gut geträumt«, antwortete sie.

»Ich habe überhaupt nicht geträumt«, sagte er mürrisch.

Sie lächelte vor sich hin und parkte.

Zehn Minuten später, als sie eine Wurst gegessen hatten und weiterfuhren, war Morgan Vollan erheblich milder gestimmt.

»Am Samstag sind wir beide zur Hochzeit eingeladen«, sagte Vollan. »Und Sie sind Maikens Trauzeugin, das wird bestimmt schön.«

Sie schielte zu ihm hin. »Und Sie sind der Toastmaster«, lächelte sie. »Darauf freue ich mich.«

»Der Toastmaster, ja, und jetzt auch Axels Trauzeuge, wegen einer Krise in Afghanistan«, sagte Vollan.

»Ach? Hat es damit zu tun, dass Preben Berufssoldat ist?«

»Ja, er ist ab Freitag zum Dienst in Meymaneh abkommandiert worden«, sagte Vollan. »Das lässt sich nicht ändern, leider, deshalb vertrete ich ihn in der Kirche, und beim Hochzeitsessen versuchen wir, seine Rede per Webcam zu übertragen. Falls das schiefgeht, habe ich seine Rede noch auf Papier.«

»Dann sitzen Sie neben mir!«

Der Gedanke stimmte sie froh. Beruhigte sie sozusagen. Ihr hatte ein wenig gegraust vor der Konversation mit diesem Berufssoldaten, Preben, den sie nur vom Hörensagen – von Maiken – kannte und der offenbar nicht zu deren Favoriten unter den Freunden ihres Zukünftigen gehörte.

»Nein, Sie sitzen neben Torkel Vaa«, sagte Vollan.

Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und griff nach ihrem Ohr.

»Aber kein Wort zu Maiken«, fuhr Vollan fort. »Das müssen Sie versprechen. Torkel Vaa ist eine Überraschung«, sagte er streng und drehte sich zu ihr um.

*

Silje stand im Bad und probierte die Schminksachen ihrer Mutter aus. Es war schon spät. Sie hatte lange geschlafen. Niemand weckte sie, niemand wollte etwas von ihr, und sie versuchte, die Freiheit zu genießen, obwohl sie ihre Mutter vermisste. Nicht genug damit, dass sie sie vermisste, sie hatte auch Angst. Angst, dass etwas schiefgehen könnte, obwohl eine eventuelle Schwangerschaftsvergiftung wohl nicht so gefährlich war, wenn man im Krankenhaus lag. Sie würde einen kleinen Bruder bekommen, der Robin heißen sollte. Eigentlich waren es noch sechs Wochen, bis er zur Welt kommen sollte, doch vielleicht würde er früher kommen. Wenn die Werte sich nicht besserten und ihre Mutter eine richtige Schwangerschaftsvergiftung bekam, mussten sie ihn holen, obwohl er noch nicht ganz fertig war.