Beschreibung

Für das große Glück ist es nie zu spät - Lassen Sie sich vom Zauber Caroline Vermalles verführen und erleben Sie wie Träume wahrwerden. Denn das Glück ist eine Reise: Der salzige Wind des Meeres, der Geschmack von Crêpes mit Cidre und das Gefühl unendlicher Freiheit - das Leben kann so schön sein. Georges genießt es in vollen Zügen. Mit seinem Freund Charles erfüllt sich der 83-Jährige einen großen Traum: einmal im Leben die Tour de France nachzufahren. Die einzige Verbindung zu seiner Familie sind die täglichen SMS an seine Enkelin Adèle, die ihren Großvater auf einmal mit ganz anderen Augen sieht. Als das Leben überraschend zu Besuch kam: Eines Morgens wacht die dreiundsiebzigjährige Jacqueline auf und weiß: So kann es nicht weitergehen! Stunden später steht sie mit ihrem Koffer vor dem Häuschen mit den blauen Fensterläden, in dem ihre Kusine Nane auf einer kleinen bretonischen Insel lebt. In Nanes gemütlicher Küche gesteht Jacqueline ihrer Kusine, warum sie ihren Ehemann Marcel ohne ein Wort verlassen hat. Und sie vertraut Nane einen Traum an, der seit Jugendtagen ihre Sehnsucht beflügelt. Nun will sie ihn endlich leben ...

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MOBI

Seitenzahl: 513


Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Denn das Glück ist eine Reise

Widmung

Dienstag, 21. Oktober

Donnerstag, 18. September

Freitag, 19. September

Donnerstag, 25. September

Freitag, 26. September

Samstag, 27. September

Sonntag, 28. September

Montag, 29. September

Dienstag, 30. September

Mittwoch, 1. Oktober

Donnerstag, 2. Oktober

Freitag, 3. Oktober

Samstag, 4. Oktober

Sonntag, 5. Oktober

Montag, 6. Oktober

Dienstag, 7. Oktober

Mittwoch, 8. Oktober

Montag, 9. Oktober

Freitag, 10. Oktober

Sonntag, 12. Oktober

Montag, 13. Oktober

Dienstag, 14. Oktober

Dienstag, 16. September

Mittwoch, 17. September

Dienstag, 14. Oktober

Mittwoch, 15. Oktober

Samstag, 18. Oktober

Sonntag, 19. Oktober

Dienstag, 21. Oktober

Als das Leben überraschend zu Besuch kam

Widmung

Zitat

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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Epilog

Über dieses Buch

Wo das Glück auf dich wartet

Für das große Glück ist es nie zu spät – Lassen Sie sich vom Zauber Caroline Vermalles verführen und erleben Sie wie Träume wahrwerden.

Denn das Glück ist eine Reise: Der salzige Wind des Meeres, der Geschmack von Crêpes mit Cidre und das Gefühl unendlicher Freiheit - das Leben kann so schön sein. Georges genießt es in vollen Zügen. Mit seinem Freund Charles erfüllt sich der 83-Jährige einen großen Traum: einmal im Leben die Tour de France nachzufahren. Die einzige Verbindung zu seiner Familie sind die täglichen SMS an seine Enkelin Adèle, die ihren Großvater auf einmal mit ganz anderen Augen sieht –

Als das Leben überraschend zu Besuch kam: FÜR DAS GROSSE GLÜCK IST ES NIE ZU SPÄT.

Eines Morgens wacht die dreiundsiebzigjährige Jacqueline auf und weiß: So kann es nicht weitergehen! Stunden später steht sie mit ihrem Koffer vor dem Häuschen mit den blauen Fensterläden, in dem ihre Kusine Nane auf einer kleinen bretonischen Insel lebt.

In Nanes gemütlicher Küche gesteht Jacqueline ihrer Kusine, warum sie ihren Ehemann Marcel ohne ein Wort verlassen hat.

Und sie vertraut Nane einen Traum an, der seit Jugendtagen ihre Sehnsucht beflügelt.

Nun will sie ihn endlich leben ...

Über die Autorin

Caroline Vermalle wurde 1973 in der nordfranzösischen Picardie geboren. Nach dem Studium der Filmwissenschaften drehte sie in London Dokumentarfilme für die BBC. 2007 kehrte sie nach Frankreich zurück und veröffentlichte ein Jahr später ihren ersten Roman »Denn das Glück ist eine Reise« – von der Presse hoch gelobt und ausgezeichnet mit dem Prix Chronos de littérature 2011 und dem Nouveau talent 2009.

Caroline Vermalle

Wo das Glückauf dich wartet

Zwei Romane in einem Band

Aus dem Französischenvon Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

Digitale Originalausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2009 by Calmann-Lévy (»Denn das Glück ist eine Reise«, Titel der französischen Originalausgabe: »L’avant-dernière chance«) und Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln (»Als das Leben überraschend zu Besuch kam«)

Für die deutschsprachigen Erstausgaben:

Copyright © 2011/2012 by Bastei Lübbe AG, Köln

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Projektmanagement: Nils Neumeier

Covergestaltung: Jeannine Schmelzer unter Verwendung von Illustrationen © shutterstock: Luminis | Frank11 | Mykola Mazuryk | 135pixels | Fotyma

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-7325-2747-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Caroline Vermalle

Denn das Glück isteine Reise

Übersetzung aus dem Französischenvon Karin Meddekis

Roman

Für Christiane und André,im Gedenken an Ninette und Marcel,meine Großeltern.

Dienstag, 21. Oktober

London

....................

Der Vibrationsalarm des Handys riss Adèle aus einer gähnenden Langeweile. Es war strengstens verboten, das Handy in solchen Situationen eingeschaltet zu lassen. Das wurde ja oft genug betont. Zum Glück hatte Adèle nicht vergessen, es auf lautlos zu stellen. Schließlich hatte sie heute Geburtstag. Sie wurde dreiundzwanzig Jahre alt und war gespannt, welche ihrer Freunde sich wohl daran erinnern würden. Bis jetzt waren es enttäuschend wenige. Ab und zu vergewisserte sie sich, dass niemand sie beobachtete, und warf schnell einen Blick auf das Display ihres Handys, das kaum aus der Tasche ihrer Jeans herausragte. Um die neue SMS zu lesen, musste sie einen günstigeren Moment als diesen abwarten, denn im Nebenzimmer sprach der Inspektor gerade von Mord.

Adèle hatte sich auf dem langen, düsteren Korridor, der zum Schlafzimmer führte, auf eine unbequeme Kiste gesetzt. Nur ein paar Straßengeräusche drangen herein: ein Motorroller, ein Lastwagen, ein Hund, ein Martinshorn in der Ferne. Sie spähte in das Zimmer, das von einem Lichtkegel beleuchtet wurde, und sah die Staubkörner darin tänzeln. Ein schön gearbeitetes französisches Bett aus dunklem Holz, die dicke Daunendecke, eine rosarote Hügellandschaft aus Satin, und der Tote, der einen Pyjama im Stil der Vierzigerjahre trug, mit fahlem Gesicht und der tragischen Miene eines Ermordeten. Denn hier handelte es sich um Mord, da war der Inspektor ganz sicher. Er hatte es vier Mal wiederholt. Das Insulin für die täglichen Spritzen des alten Mannes war mit seinen Augentropfen vertauscht worden. Die Fläschchen standen noch da und bewiesen es. Das Opfer war dreiundachtzig Jahre alt und hinterließ seiner Familie ein gewaltiges Vermögen und dieses große Haus in London, in dem sie alle wohnten. Immer, wenn der Polizist das Wort »Verbrechen« aussprach, brach seine Enkeltochter in Tränen aus. Ihr Verlobter nahm sie in die Arme, um sie zu trösten, doch es war vergebliche Liebesmüh. Die junge Frau kniete vor dem Bett auf dem Boden und hatte den Kopf auf die Daunendecke gelegt. Sie hielt die Hände des Toten, stammelte wirres Zeug und brach manchmal in lautes Schluchzen aus, das beinahe lächerlich wirkte. Sie erging sich in Wehklagen und Kindheitserinnerungen und äußerte vor allem Bedauern. Die Liste war lang, besonders, da sie diese bereits zum vierten Mal wiederholte. Eine würdevolle alte Dame stand kerzengerade neben dem Bett und hob und senkte den Kopf im Rhythmus der bedauernden Worte, die die junge Frau wie einen Rosenkranz herunterleierte. Es war ihre Großtante, die Schwägerin des Toten. Hinter der Tür standen schweigend noch andere Personen. Der Inspektor sagte es noch einmal: Der Täter stammt aus dem Kreis der Familie. Das war also wirklich nicht der passende Moment, um sich die SMS anzusehen.

Es war nicht Adèles erste Mordszene. Sie langweilte sich entsetzlich, und während sie darauf wartete, dass die Szene abgedreht wurde, ließ sie die Gedanken schweifen. Kurz bevor ihr Handy vibrierte, war ihr aufgefallen, dass die junge Frau, die im Schlafzimmer weinte, ihr ein bisschen ähnelte. Sie waren gleichaltrig, hatten beide langes, dickes braunes Haar und eine schlanke Figur. Die junge Frau in dem Schlafzimmer war zwar nicht unbedingt hübscher als sie, aber besser gekleidet und sorgfältiger zurechtgemacht. Sie hatte zarte Hände und war es gewohnt, die Blicke auf sich zu lenken. Im Vergleich zu ihr war an Adèle trotz ihrer ebenmäßigen Gesichtszüge eher ein Junge verloren gegangen. Außerdem war sie nicht reich, und niemand schenkte ihr große Beachtung. Nicht einmal an ihrem Geburtstag. Der Tote dagegen war mit Irving Ferns so gar nicht vergleichbar. Sie besaßen überhaupt nicht dasselbe Format. Irving Ferns. Beim Gedanken an ihn schnürte sich ihr Herz zusammen.

Adèle kam um vor Ungeduld. Wer hatte ihr diese Nachricht geschickt? Der junge Anwalt, den sie vor einem Monat auf einer Party kennengelernt hatte? Aber woher sollte er wissen, dass sie heute Geburtstag hatte? Sie schaute sich um. Auf dem Flur standen viele Leute, bestimmt an die dreißig, die sich nicht rührten, aus Angst, die Bodendielen könnten knarzen. Einige kratzten sich an der Nase, und andere kauten auf den Fingernägeln. Sie verständigten sich mit Gesten, denn selbst Flüstern war hier nicht angebracht. Aber niemand schien Adèle zu beachten. Sie überzeugte sich noch einmal davon, dass die Kommandanten der Stille nicht auf dem Flur standen. Als sie sah, dass sie mit dem Toten beschäftigt waren, zog sie ihr Handy aus der Tasche und öffnete die SMS, die sie soeben erhalten hatte.

Adèle hielt sich das Handy direkt unter die Nase, um sich zu vergewissern, dass sie richtig gelesen hatte. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein leiser, erstickter Schrei entfuhr und ihr das Handy aus der Hand glitt. Mit einem lauten Knall fiel es auf den Holzboden des alten Hauses. Alle Anwesenden zuckten zusammen und drehten sich zu Adèle um. Sofort darauf drang eine wütende Stimme aus dem Schlafzimmer.

»SCHNITT! SCHNITT! Herrgott noch mal! Was ist denn da los?«, rief der Erste Regieassistent, als er in den Flur stürmte.

»Es tut mir furchtbar leid, John, ich ... «, stammelte Adèle.

Die ganze Filmcrew einschließlich der Schauspieler drehte sich zu Adèle, wandte sich aber rasch wieder anderen Dingen zu. Das passierte oft, und es war für alle eine Gelegenheit, sich zwei Minuten lang zu entspannen.

»Konzentration, Leute! Es ist die letzte Szene«, schrie John der Mannschaft zu. »Der Champagner wartet auf uns. Strengt euch noch einmal an! One last push, chaps.« Der Regisseur nutzte die Gelegenheit, um den Schauspielern ein paar Anweisungen zuzuflüstern. Der Tote rieb sich schnell am Auge und scherzte mit der alten Tante. Der Aufnahmeleiter veränderte die Einstellung der Scheinwerfer, und dann fuhren alle mit der fünften Aufnahme fort.

Es war der letzte Tag der Dreharbeiten. Agatha Christies Roman Das krumme Haus wurde für das englische Fernsehen verfilmt. Das erste Kapitel, die Entdeckung eines Mordes, war bereits am ersten Tag, vor einem Monat, gedreht worden, musste aber nachgedreht werden. Es war die letzte noch fehlende Szene, und alle hofften, dass es auch die letzte sein würde. Anschließend sollte gefeiert werden.

»Ruhe, Ruhe, bitte! Kamera ab. Achtung … und Action!« Adèle hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sie hielt das Handy noch immer fest umklammert. Zum ersten Mal empfand sie die Stille am Set wie einen Segen. Es war ihr furchtbar peinlich, dass sie das Handy hatte fallen lassen; überdies stand sie noch immer unter Schock. Sie wagte es nicht, die SMS noch einmal zu lesen. Schließlich fand sie den Mut, die Finger zu lockern und den Kopf zu senken.

Hrzlchn Glckwnsch zm Gbrtstg AdL – dn Opa, dr dch shr lb ht

(Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Adèle – dein Opa, der dich sehr lieb hat.)

Es gelang ihr, die Tränen zu unterdrücken, nicht aber das Lächeln, das ihr Gesicht erhellte und bei dem ihr wieder ganz warm ums Herz wurde. Denn diese kurze Nachricht mit der sonderbaren Orthografie, die ihr einen jugendlichen Touch geben sollte, war außergewöhnlich. Fast poetisch und so zärtlich. Und natürlich ganz und gar unmöglich.

Es gibt Dinge im Leben, die man gern für sich behält. Andere wiederum möchte man am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Diese SMS gehörte zur letzten Kategorie. Diese Geschichte musste einfach heraus, und Adèle war gerührt und ungeduldig zugleich.

Es wurde entschieden, eine sechste Aufnahme zu machen. Doch Adèle verfolgte die Dreharbeiten nicht mehr. Sie dachte über ihre Geschichte nach. Sicher, sie war nicht besonders lang, aber sie musste alles erzählen, um zu erklären, warum diese kurze SMS so unglaublich war. Ja, alles erzählen, von dem Augenblick an, als alles begann – vor etwa einem Monat, am 18. September. Ein Monat war nicht lang, und dennoch hatten sich Herzen geöffnet, Koffer waren geschlossen worden und Tränen geflossen, wo man sie nicht mehr erwartet hatte. Und während sich im anderen Zimmer zum sechsten Mal ein Drama abspielte, nutzte Adèle diesen letzten stillen Moment, um sich zu erinnern. Im Dämmerlicht des Korridors konnte sie sich den Film des letzten Monats vor Augen führen, der ihr Leben ein wenig, das anderer Menschen hingegen sehr verändert hatte.

Donnerstag, 18. September

Chanteloup (Deux-Sèvres)

....................

Nach dem zehnten Klingeln hob endlich jemand ab.

»Hallo?«, meldete sich eine leicht zittrige Stimme.

»Hallo Opa, hier ist Adèle.«

»Hallo?«, sagte der alte Mann noch einmal.

»Opa?«

»Ja?«

»Ich bin’s, Adèle!«

»Ah, mein liebes Kind, wie geht’s dir?«

»Gut, und dir?«

»Mir? Ach, weißt du ...«, antwortete er in diesem lustlosen Ton, den er am Telefon häufig anschlug. »Und warum rufst du an?«

»Tja ... hm ... Mama hat es dir doch erklärt. Sie ist in Urlaub gefahren, weißt du noch?«

»Ja, nach Peru. Sie hat es mir gesagt.«

»Na ja, ich wollte nur, dass du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst, wenn du ein Problem hast. Ich könnte dich besuchen.«

»Ja gut.«

»Hast du verstanden, Opa? Solange Mama in Urlaub ist, kannst du mich jederzeit anrufen«, beharrte Adèle, der die fehlende Begeisterung wenig ausmachte.

»Ja gut, in Ordnung«, erklärte ihr Großvater höflich.

»Hast du meine Telefonnummer, Opa?«

»Ja, deine Mutter hat sie mir gegeben. Aber Adèle, du bist doch noch in London, mein Kind, oder?«

»Ja, aber mach dir deshalb keine Sorgen. Das ist gar nicht so weit. Ich nehme den Zug, dann bin ich schnell da«, behauptete Adèle.

»Ja, du fährst bis Poitiers mit dem Zug, und dann nimmst du den Bus.«

»Genau«, sagte Adèle, die keine Ahnung hatte, denn sie hatte ihren Großvater seit fast zehn Jahren nicht mehr besucht.

»Und wie lange dauert es insgesamt?«

»Hm, ich weiß nicht, einen halben Tag oder vielleicht auch etwas länger«, überlegte Adèle. Sie nahm an, dass es sogar noch länger dauerte. Ihr Großvater wohnte in einem winzigen Dorf in der Nähe von Chanteloup, in einer von Wallhecken durchfurchten Landschaft im Department Deux-Sèvres.

»Ja gut. Das wird wohl nicht nötig sein. Dann mach’s gut. Tschüs!«

»Warte, Opa. Du hast doch das Handy noch, das Mama dir geschenkt hat?«

»Ach, weißt du ... diese Handys ...«, sagte ihr Großvater, für den die neuen Errungenschaften der Technologie schlichtweg ein Unding darstellten. Adèle war froh, dass er Telefongespräche nur tolerierte, wenn sie sehr kurz waren und man sich an das Wesentliche hielt. Und eine Schimpftirade über den technologischen Fortschritt gehörte – zumindest heute – nicht dazu.

»Du hast es aber noch, oder?«, beharrte Adèle.

»Ja, schon ...«

»Okay, dann achte darauf, dass es immer griffbereit liegt! Und wenn was sein sollte, rufst du mich an.«

»Na ja, es wird schon nichts sein. Tschüs, meine kleine Adèle«, sagte ihr Großvater und legte auf.

Nein, natürlich nicht. Was sollte schon sein? Ein schwaches Herz seit einem Infarkt 1995, dann ein Herzschrittmacher, ein Knie, das jeden Augenblick schlappzumachen drohte, und eine Raucherlunge von vierzig Jahren Gitanes. Aber er drehte immer noch seine kleinen Runden zu Fuß, aß wie ein Scheunendrescher, hielt seinen Garten in Schuss und pfiff ein Liedchen, wenn er das Geschirr spülte. Und er hatte immer noch genug Elan, um seine Ärzte in wüsten Tönen zu beschimpfen, die ihm regelmäßig nur noch ein paar Monate zu leben gaben, und das seit bald fünfzehn Jahren. Das jedenfalls hatte Françoise, die Mutter von Adèle, erzählt, denn Adèle selbst hatte nur sehr sporadisch Kontakt zu ihrem Großvater. Gewissensbisse plagten sie deswegen nicht, denn Georges Nicoleau hatte, in seiner feinfühligen und zurückhaltenden Art, immer wieder betont, dass er niemanden wolle, der ihm »auf den Wecker geht«.

Adèle steckte das Handy in die Tasche ihrer Cargohose. 19.23 Uhr. Sie wartete mindestens schon eine Viertelstunde mitten auf der Straße. Der Abend war noch mild an diesem Septembertag, und durch die Brick Lane im Osten Londons hallte das Lachen Betrunkener, die sich im gut besuchten Swan Pub vergnügten. Adèle hatte dieses Viertel nie gemocht, obwohl ihre Freunde ihr versichert hatten, es sei unglaublich angesagt. An den seltenen sonnigen Tagen bewunderte sie die Farben und probierte ab und zu die Spezialitäten, die in den kleinen exotischen Läden angeboten wurden. Doch an trüben Tagen belästigte alles hier ihre Sinne: der Geruch von Curry, der Müll, das Geschrei der Kellner vor den indischen Restaurants und die tristen schmutzigen Fassaden. Dennoch war sie seit mehr als einem Monat gezwungen, an diesem Ort endlos lange Tage und manchmal sogar Nächte zu verbringen. Denn in diesem Viertel befand sich der einzige Drehort – in einer Straße, deren Schild ins Sanskrit übersetzt worden war: ein großes, dreistöckiges Steinhaus, von derselben grauen Farbe wie der Himmel über England. Man hätte es normalerweise kaum wahrgenommen, inmitten der alten Lagerhäuser und in dieser kleinen, düsteren Straße, in der sich häufig Junkies und ab und zu betrunkene Mädchen herumtrieben. Adèle stand vor dem Eingang. Drinnen herrschte schon reges Treiben. Sie seufzte und schaute wieder auf die Uhr. 19.27 Uhr. Ihr Arbeitstag begann, und er begann schlecht.

Sie zog das Blatt mit den anstehenden Terminen aus einer anderen Tasche ihrer Cargohose und las es zum dritten Mal durch: Der Hauptdarsteller wurde um 19.30 Uhr in der Maske erwartet. Neben seinem Namen war ihrer aufgeführt: Adèle Montsouris. Es war seltsam, diese beiden Namen nebeneinander zu sehen, denn sie beide nahmen in der Hackordnung der Fernsehbranche völlig entgegengesetzte Positionen ein: Er, der Star historischer Filme der BBC, verdiente gut und gerne ein paar Millionen, während sie, Adèle, zweiundzwanzig, ganz unten angesiedelt war und – selbstverständlich unentgeltlich – als Regiepraktikantin »Erfahrungen sammelte«. Sie servierte der Crew Tee und Kaffee, rief Taxis, diente den Schauspielern jeden Alters als Babysitter, kam als Erste ins Studio und ging als Letzte: Das waren sie, die Erfahrungen, die Adèle seit drei Filmen gesammelt hatte, ohne einen einzigen Penny dafür zu sehen. Die Erwähnung ihres Namens neben dem des Hauptdarstellers bedeutete, dass es dem Ersten, dem Zweiten, dem Stellvertretenden Zweiten und dem Dritten Regieassistenten zustand, ihr die Schuld zu geben, wenn der Schauspieler zu spät erschien. Da bei den Dreharbeiten viel geschrien wurde, musste sie die Taxifahrer ebenfalls anschreien und sich schnell einen Plan B einfallen lassen, die Maske informieren und so weiter. Der dritte Drehtag hatte kaum begonnen, als Adèle spürte, dass sie sich beim Gedanken an die nächste unausbleibliche Katastrophe völlig verspannte. Da die beiden vorangegangenen Tage schon besonders schwierig gewesen waren, vergaß Adèle schnell ihren Großvater in der Ferne, mit dem sie soeben gesprochen hatte.

Er hingegen vergaß sie nicht. Ihr Anruf hatte gerade alles, aber auch wirklich alles auf den Kopf gestellt.

Georges Nicoleau blieb eine ganze Weile perplex neben dem Telefon in der Diele stehen.

»Verdammt«, rief er laut. »Verdammt, verdammt, verdammt! Verflixt und zugenäht!«

Es war nicht etwa so, dass er sich nicht über Adèles kurzen Anruf gefreut hätte. Doch, der Anruf war Balsam für seine Seele gewesen und hatte seine Lebensgeister geweckt. Seit der Scheidung ihrer Eltern hatte seine Enkeltochter ihn nicht mehr besucht. Das musste also, hm, fast zehn Jahre her sein. Sie hatte ihm die traditionellen Neujahrsgrüße geschickt und ein paar Postkarten, als sie ihr Praktikum in London begonnen hatte. Sie hingen übrigens alle da, mit Reißzwecken an die verblichene Tapete geheftet, neben dem Kalender der Feuerwehr von 2008, über dem Telefontischchen. Er hatte sich sehr über die Karten gefreut und Arlette ebenfalls. Arlette ... Ihr hatte besonders diese Karte dort gefallen, die mit dem Foto des Big Ben in Schwarz-Weiß. Sie fand die Aufnahme sehr gelungen. Na ja. London hatte offenbar schnell den Reiz des Neuen verloren, denn Adèle hatte keine weiteren Ansichtskarten geschrieben und selten angerufen. Über den Anruf heute Abend hatte er sich zwar maßlos gefreut, aber er stellte ihn auch vor ein verdammt großes Problem.

All seine Pläne und die von Charles würden nun scheitern. Er musste noch heute Abend mit seinem Komplizen darüber sprechen. Es traf sich gut, dass weder Mittwoch noch Samstag war. Also würde er höchstwahrscheinlich heute Abend, wenn die Wettervorhersage begann, zum Gute-Nacht-Tee kommen.

Georges ging gemächlichen Schrittes ins Wohnzimmer zurück, den immer gleichen Weg, den er auch im Schlaf gefunden hätte. Seine große, vom Alter leicht gebeugte Gestalt passte genau unter den Deckenbalken des kleinen Hauses hindurch. Diese Balken hatten ihn seit seinem sechzehnten Lebensjahr geärgert. Letztlich hatte es also doch Vorteile, alt zu sein, denn jetzt stieß er nicht mehr mit dem Kopf dagegen. Das Alter war ein wenig überraschend über ihn hereingebrochen, denn im Grunde fühlte er sich noch jung. Und was seine körperliche Verfassung anbelangte, so fand er sich − falls er überhaupt mal drüber nachdachte – für einen Opa von dreiundachtzig nicht allzu klapprig. Erstens hatte er noch jede Menge Haare, die unter der Baskenmütze hervorlugten. Es war nicht mehr der dichte Schopf von einst, aber er hielt sich wacker. Außerdem trug er Jeans und Reeboks – natürlich der Bequemlichkeit und nicht etwa der Mode halber, die ihm entschieden gleichgültig war. Und vor allem sein Gedächtnis, das funktionierte noch einwandfrei. Er steckte nicht nur alle anderen Alten des Seniorenklubs in die Tasche, sondern konnte sich auch mit jedem jungen Spund messen. Ja sicher, sein Herz, das war seit der Operation etwas schwach, aber es war wie mit dem Knie, der Blase und dem Rücken. Man musste sich nur an die Gebrauchsanweisungen halten und sich die richtigen Rezepte verschreiben lassen, und dann ging es schon.

Georges ließ sich auf seinen alten Gartensessel aus Plastik fallen, der ganz unter Stoffüberwürfen verschwunden war. Es war nicht etwa so, dass es ihm an Geld gefehlt hätte, um sein Wohnzimmer richtig zu möblieren. Geld war für Monsieur Nicoleau kein Problem. Er hatte mehr, als er jemals brauchen würde. Es war nicht die Metzgerei, die er über vierzig Jahre besessen hatte, die ihm sein Vermögen eingebracht hatte, obwohl sie dazu beigetragen hatte, denn sie lief gut, diese kleine Metzgerei. Georges Nicoleau hatte immer in Häuser und Grundstücke investiert und sie zu Zeitpunkten gekauft und wieder verkauft, die auch nicht schlechter waren als andere. Doch vor allem lebte er bescheiden und sparte viel. An Geld mangelte es ihm nicht, aber er hatte niemals einen so bequemen Sessel gefunden wie diesen.

Er dachte über das Problem nach, und um seine Gedanken besser ordnen zu können, nahm er die Fernbedienung, die auf der Fernsehzeitschrift TéléStar lag, in die Hand und schaltete den Fernseher ein. Da er die wichtigen Meldungen um 20.00 Uhr verpasst hatte, schaute er sich nun den Regionalteil der Nachrichten um 20.30 Uhr an. Im Grunde zog er diesen Teil sogar den ernsten Themen vor, denn zu Beginn der Sendung sprach man immer öfter von einer Welt, die ihm fremd geworden war. Er dachte wieder an Adèle und betrachtete seinen kleinen Koffer, der neben der Wohnzimmertür stand. In exakt einer Woche wollten sie aufbrechen. Diesen Koffer – jetzt erinnerte er sich wieder – hatte er 1985 in Biarritz gekauft. Schau an, das war ja genau das Jahr, in dem Adèle geboren wurde! Er hatte noch überlegt, einen neuen zu kaufen, einen modernen mit Rollen, der sicherlich praktischer wäre. Aber er hatte nicht vor, viel damit zu laufen, und es wäre vielleicht auch Verschwendung, denn dieser hier war immer noch so gut wie neu. Und da er kein Erinnerungsstück mit auf die Reise nahm, würde eben der Koffer als kleines Andenken an zu Hause dienen.

Die Titelmelodie der Wettervorhersage riss ihn aus seinen Träumen. Im selben Augenblick hörte er in der Garage Charles’ vertraute Schritte. Georges’ Haus hatte eine hübsche Eingangstür, die zu beiden Seiten von Blumen, kleinen Kieselsteinen und sogar einem Gartenzwerg gesäumt war. Charles jedoch, der seit dreißig Jahren sein Nachbar war, kam immer durch die vollgestellte Garage und quälte sich mit seiner kaputten Hüfte an Kartons, Rechen, Eimern und dem ganzen Krempel vorbei, der die Wände und sogar einen Teil der Decke stützte. So war es eben.

Als Charles eintrat, den Blick auf den Fernseher gerichtet, streckte er Georges die Hand entgegen, die gleiche Geste wie seit dreißig Jahren. Georges ergriff sie, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. Eine Moderatorin fuchtelte mit den Armen vor einer Landkarte Frankreichs herum, die mit großen Sonnen übersät war.

»Sieh an! Morgen gibt es also wieder keinen Regen!«, rief Charles, der die Landwirtschaft vor vielen Jahren komplett aufgegeben (wenn man von ein paar Hühnern auf dem Hof und dem Pony seiner Urenkelin in dem alten Pferdestall absah), die Angst vor Trockenheit jedoch beibehalten hatte.

»Schönes Wetter auf der ganzen Strecke. Und vor allem nicht zu warm.«

»Ja, außer in Pau. Da sieht es aus, als könnte es ein Unwetter geben. Aber gut, das kann sich auch noch ändern, wir sind ja noch nicht da.«

Charles ging auf das alte Buffet zu und nahm die Tassen heraus.

»Mist«, sagte Charles und presste eine Hand auf seine Hüfte. Sie macht ihm zu schaffen, diese Hüfte, dachte Georges, und das, obwohl er noch jung ist, gerade mal sechsundsiebzig.

Sein Nachbar war ein kleiner, untersetzter Mann mit einem runden, kahlen Kopf, den roten Wangen eines Landwirts und kräftigen Händen, denen man ansah, dass sie richtig zupacken konnten. Er trug eine Brille aus den Sechzigern und hatte die ehrliche Miene eines Mannes, auf den man sich verlassen konnte. Und das war nicht nur eine Miene, die er aufsetzte, nein, auf Charles Lepensier konnte man sich wirklich verlassen.

Georges zögerte, mit ihm über Adèle zu sprechen. Schließlich schnitt er das Thema dennoch an.

»Du hast recht, Charles, noch sind wir nicht da. Ich weiß nicht mal, ob wir überhaupt eines Tages da sein werden. Es gibt da nämlich ein Problem. Du kennst doch meine Enkeltochter Adèle, die jetzt dort drüben in London ist. Sie hat mich heute Abend angerufen.«

Natürlich kannte Charles Adèle. Georges hatte nur eine Enkeltochter, keinen Enkelsohn. Da war kein Irrtum möglich. Er hingegen hatte eine so große Sippschaft, dass er die Vornamen jedes Mal völlig durcheinanderwarf. Und dann diese Manie, dass schon das junge Gemüse sich fortpflanzte. Er hatte achtzehn Enkelkinder und vier Urenkel. Und dabei würde es wohl kaum bleiben, wenn es dem lieben Gott gefiel.

»Ach ja? Läuft es nicht gut in London?«, fragte Charles besorgt.

»Doch, doch, es ist alles in Ordnung. Das ist nicht das Problem ... Sie macht sich Sorgen«, erklärte Georges ihm.

»Versteh ich nicht. Sie macht sich Sorgen ... um dich? Ausgerechnet heute? Was ist denn los mit ihr?«

»Ja, zuerst hab ich mich auch gewundert. Aber dann hab ich mir überlegt, dass es wohl ihre Mutter ist, die sich Sorgen macht. Darum hat sie ihre Tochter vermutlich beauftragt, tja, wie soll ich sagen, auf mich aufzupassen.«

»Verdammt! Ich muss schon sagen, deine Frauen haben wirklich ein Gespür für den ungünstigsten Zeitpunkt!«

»Du sagst es.«

»Sie kommt doch wohl nicht her?«

»Nein, nein, das ist nicht ihre Art. Und falls sie es sich doch einfallen lassen sollte – ich hab das mal ausgerechnet –, würde sie mindestens dreizehn Stunden von London brauchen. Nein, nein, was mir Sorgen macht, ist, dass sie mich anrufen wird. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich meine jetzt nicht, jeden zweiten Tag, aber es würde mich nicht wundern, wenn ihre Mutter sie beauftragt hätte, mich einmal pro Woche anzurufen. Und wenn ich dann ein- oder zweimal nicht abhebe, gibt´s Theater, und Françoise wird sich schnell wieder von ihren peruanischen Bergen verabschieden. Da ich fast zwei Monate weg sein werde, kannst du dir garantiert gut vorstellen, was dann für ein Durcheinander entsteht.«

»Damit hätten wir rechnen müssen«, schimpfte Charles, der versuchte, seine Wut zu zügeln. »Es wäre ja auch zu schön gewesen, dass deine Tochter für zwei Monate ans Ende der Welt fährt, ohne dich anzurufen oder sich irgendwie zu melden. Offen gesagt, konnte ich es zuerst gar nicht recht glauben. Ja, und an den Schachzug mit deiner Enkeltochter, da haben wir nicht dran gedacht.«

Sie hatten so manches Mal über seine einzige Tochter Françoise gesprochen. Seit ihrer Scheidung und dem Tod ihrer Mutter vor sechs Jahren wich sie ihrem Vater kaum von der Seite. Sie hielt ihn – zu Recht oder zu Unrecht – für schwer krank und behandelte ihn fast wie ein Kind. Und dann, ganz plötzlich, hatte sie Lust bekommen, in die Anden zu fliegen, um sich einer anstrengenden Expedition in die abgelegene Bergwelt anzuschließen. An sich wunderte sich niemand darüber. Sie reihte Marathonläufe, Trekking-Touren und andere Freizeitvergnügen reicher Leute aneinander. Aber immer, wenn sie verreiste, rief sie trotz Zeitverschiebung fast jeden Abend ihren Vater an. Diesmal hingegen hatte sie für volle zwei Monate Funkstille angekündigt. Damit hatte niemand gerechnet, aber Georges und Charles hatten die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um − jetzt oder nie − diesen alten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Und eine Woche vor ihrer Abfahrt standen sie nun vor einem Dilemma.

Georges spürte, dass ihn schnell, sehr schnell Mutlosigkeit erfasste, als breche eine Flutwelle über ihn herein. Wenn sogar Charles den Glauben an ihren Plan verlor, waren sie erledigt. Als der Deckel des Kessels klapperte, rappelte Charles sich auf und goss schweigend den Kräutertee ein.

»Ich weiß, dass wir schon darüber gesprochen haben, aber trotzdem, Georges ... Bist du sicher, dass du es deiner Tochter und deiner Enkelin nicht sagen willst?«, fragte er schließlich, ohne den Blick von seiner Tasse abzuwenden.

»Nein, Herrgott noch mal! Fang nicht schon wieder damit an! Wenn Françoise es erfährt ... Du kennst sie doch, Charles. Die steckt mich sofort in ein Altenheim, wo man mir jede Viertelstunde eine Spritze verpasst, und jedes Mal, wenn ich pinkeln muss, werde ich von einer Eskorte begleitet. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wenn sie könnte, würde sie mich in Watte packen. Inzwischen müsste sie schon in den Anden herumkraxeln. Und sie hat mir versichert, verstehst du, ver-si-chert – sie ist mir damit richtig auf die Nerven gegangen –, dass sie mich zwei Monate lang auf gar keinen Fall anrufen kann. Das wäre also geregelt, und das ist gut so. Und jetzt Adèle, clever wie sie ist ... Da brauche ich mir gar nichts vorzumachen, sie wird Mittel und Wege finden. Sie braucht nur ein Mal, ein einziges Mal in dieses Internet zu gehen, und zack, zwei Sekunden später fällt ein ganzer Schwarm Krankenschwestern über mich her. Nein, ich will nicht, dass Françoise es erfährt, weder von mir noch von dir, noch von Adèle. Gib mir mal den Tee.«

Georges führte die Tasse an seine Lippen, stellte sie wieder auf den Tisch und fuhr dann in demselben Tonfall fort.

»Für dich dagegen ist das alles kein Problem. Deine Frau, die stört das nicht. Sie drängt dich ja geradezu, zwei Monate lang zu verschwinden. Weißt du, ehrlich gesagt hat Thérèses Reaktion mich echt überrascht. Na ja, den jungen Leuten lässt man alles durchgehen, nicht wahr, Charles?«

Charles lächelte, aber er sah niedergeschlagen aus. Die beiden Männer tranken schweigend ihren Kräutertee. Das Ticken der Standuhr war plötzlich fast ohrenbetäubend laut. Schließlich ergriff Georges wieder das Wort.

»So, jetzt zeig mal ...«

Schüchtern wie ein Kind, das gerade ausgeschimpft worden war, nahm Charles seine lederne Aktentasche in die Hand, zog die Ausdrucke und die Reiseführer heraus und breitete alles auf der Wachstuchdecke aus.

»Was hast du da?«, fragte Georges. »Ah, ah, Sauve-terre-de-Cominges – Lannemezan – Foix, elfte Etappe. Eine tolle Strecke.«

Das waren natürlich die schönsten Augenblicke, und sie verliehen ihrer Teestunde einen Hauch von Abenteuer. Über ihre Reiseführer gebeugt, in dem Atlas voller Eselsohren ihre Strecke mit den Fingern nachzeichnend und umringt von Hotelreservierungen und bunten Broschüren, gingen sie ihre Reise gedanklich noch einmal durch und fühlten sich dreißig Jahre jünger. In sieben Tagen würden sie die Tour de France antreten.

Freitag, 19. September

Chanteloup (Deux-Sèvres)

....................

»Die Tour de France?«, rief der junge Briefträger verblüfft.

»Ja, genau«, antwortete Georges stolz.

»Toll ... aber, wie soll ich sagen ... mit Ihrem kranken Knie ... ich meine, wird das nicht ein bisschen beschwerlich?«

»Überhaupt nicht. Zu Fuß sind wir ja kaum unterwegs.«

»Das ist es ja gerade, was mir Sorgen macht. Dreitausendfünfhundert Kilometer mit dem Fahrrad ... Das muss man erst einmal schaffen.«

»Nein, nein. Wir fahren die Tour de France mit dem Auto«, erklärte Georges ihm, ein wenig enttäuscht, dieses herrliche Missverständnis so schnell aufklären zu müssen.

»Ach sooooo! Sie haben mir aber Angst gemacht«, sagte der Briefträger lachend. »Ja, wirklich. Sie haben mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon ...«

»Das ist trotzdem eine lange Strecke. Einundzwanzig Etappen, neunundvierzig Dörfer. Insgesamt fast zwei Monate.«

»Sicher, aber das ist nicht dasselbe wie mit dem Fahrrad.« Das Interesse des jungen Briefträgers war fast erloschen. Er wollte schon ein anderes Thema anschneiden, doch Georges ließ sich nicht beirren.

»Hören Sie, das ist trotzdem eine wahnsinnige Planerei. Charles und ich arbeiten seit Monaten daran, verstehen Sie? Er geht sogar ins Internet und alles.«

»Ja, sicher«, erwiderte der Briefträger höflich. »Und wegen der Post sagen Sie mir dann Bescheid, ja?«

Es hatte keinen Zweck, das Thema zu vertiefen. Es war nicht das erste Mal, dass jemand so reagierte. Er hätte es klarer hervorheben müssen, dass diese Reise sie in abgelegene, ja geradezu gefährliche Winkel und sogar ins Ausland (Italien!) führen würde. Er hatte sich schon dabei ertappt, dass er es bedauerte, es nicht mit dem Fahrrad zu versuchen, nur um die Gesichter der Leute zu sehen ... Es vermieste ihm jedes Mal die Laune, wenn jemand meinte, sein großer Plan sei keinen Pfifferling wert. Mann, sie würden immerhin dreitausendfünfhundert Kilometer mit dem Wagen fahren!

Georges seufzte und zog sein altes, orangefarbenes Notizheft aus der Tasche.

»Ach so, ja, wegen der Post. Geben Sie die bei Thérèse ab. Vom 25., also vom kommenden Donnerstag an, bis ... warten Sie ... zum 24. November. Das ist ein Montag. Falls wir länger unterwegs sein sollten, sagt Thérèse Ihnen Bescheid. Sie sehen es ja auch.«

»Okay, ich hab’s notiert. Und die Pakete auch? Ach, übrigens, heute ist eins für Sie dabei. Hier.« Er reichte ihm ein kleines Paket von der Größe eines Schuhkartons, das offenbar von Hand in Packpapier eingewickelt worden war. Georges wartete schon eine Weile darauf. Es war nicht einfach gewesen, das zu finden, was er gesucht hatte.

Georges kehrte ins Haus zurück und legte das Paket, ohne es zu öffnen, in seinen Koffer. Er hatte extra Platz dafür gelassen. Als er den kleinen Koffer ein wenig wehmütig schloss, wurde ihm das Absurde dieses Planes schlagartig bewusst. Das Absurde, das Abwegige und auch das Sinnlose daran. Er setzte sich auf seinen Gartenstuhl, stopfte sich die Kissen in den Rücken, nahm die Fernbedienung, die auf dem Téléstar lag, und schaltete den Fernseher ein. Wie immer zur Mittagszeit seit all den Jahren. Es war doch so einfach, mit allem immer wie gewohnt weiterzumachen. Und jetzt bereitete er sich auf die Tour de France vor. Was für eine Dummheit!

Warum hatte er eingewilligt, Charles zu begleiten? Warum verspürte er plötzlich mit dreiundachtzig Jahren Lust auf Abenteuer? Er, der doch so selten aus dieser Gegend herausgekommen war, auch in früheren Zeiten, als seine Knochen noch stabil gewesen waren. Seine letzte Chance, würden sie sicherlich alle denken: Ach, Opa, wollen Sie es jetzt allen noch einmal zeigen, ein bisschen Spaß haben und den anderen weismachen, dass Sie noch unbesiegbar sind und dass es doch noch vorangeht? Sagen aber würden sie: »Ein Jugendtraum, den man sich in diesem Alter erfüllt, ist das nicht schön?« Seien wir ehrlich, es reizte ihn tatsächlich, denn jeder hatte seinen Stolz. Doch das alles war wohl eher etwas für Charles. Er war noch jung und kerngesund oder doch fast und hatte obendrein eine schöne, große Familie. Bei Georges war das anders. Die Leute hatten recht, es war wirklich seine letzte Chance. Es war die letzte Chance, mit einer großen Verbeugung von der Bühne abzutreten. Eigentlich musste sie nicht einmal groß sein. Nur würdevoll. Und der Abgang: erhobenen Hauptes.

Sein ausgebesserter Körper hielt noch, zwar mit ein paar Schmerzen, aber er hielt. Doch der Mann in diesem Körper stand schon lange nicht mehr aufrecht. Beinahe im Voraus besiegt, wartete er darauf, dass die Prognosen der Ärzte sich bewahrheiteten, dass die Statistiken bewiesen wurden und dass die Wahrscheinlichkeit ihn traf. Da all das aber nicht geschah, hatte er beschlossen, aufzubrechen und der Wahrscheinlichkeit entgegenzugehen. Dreiundachtzig Jahre, ein Körper, dem er auf der ganzen Linie arg zugesetzt hatte, dreitausendfünfhundert Kilometer und eine zwei Monate lange Reise. Die Rechnung war schnell gemacht, und daher hatte es ihn auch überrascht, dass Charles darauf bestanden hatte, ihn zu begleiten. Aber er musste sie machen, diese große Reise, ehe eine Kompanie von Krankenpflegern mit ihrem ganzen Aufgebot an wohlgemeinten Demütigungen anrücken und ihm bis zum Schluss jeden kleinsten Handgriff abnehmen würde.

Plötzlich sah alles ganz anders aus. All das hatte er sich vorher gesagt, als er noch kühn genug gewesen war, an die Reise zu glauben. In den Augenblicken, als ihn wahnsinnige Begeisterung, Mut und unerschütterliche Entschlossenheit angetrieben hatten. Doch seit ein paar Minuten war all das wie weggeblasen. Der Mut, die Entschlossenheit, die Kühnheit – sie alle hatten ihn im Stich gelassen. Es blieben nur seine Stimmen. Diese verdammten Stimmen.

Nein, er verlor nicht den Verstand. Es waren die Stimmen seines Zuhauses, und das war ganz normal. Aber heute Nachmittag ließen sie ihn nicht in Ruhe. Es waren die Stimmen seines Gartenstuhls, der Polsterauflagen und der Wettervorhersage, die Stimmen des Kräutertees und seiner Tomatenpflanzen, die Stimmen all dieser vertrauten Dinge und die des Hauses selbst. Sie sangen ihm die süße Melodie des Alltäglichen und stimmten den vertrauten Refrain von der Sinnlosigkeit von Veränderungen an – wer kennt ihn nicht? Diese Stimmen sagten ihm, dass es viel einfacher sei, das Schicksal auf sich zukommen zu lassen und sich sanft, ganz sanft von ihm einlullen zu lassen. Die Tage verstreichen zu lassen, bis sie zu Ende gingen. Die Stimmen flüsterten ihm sogar eine gute Ausrede zu: dieser unerwartete Anruf.

Je länger Georges über den Plan nachdachte, desto lächerlicher erschien er ihm. Ja, er war wirklich furchtbar lächerlich. Das war nicht wagemutig, sondern verrückt, nicht weise, sondern der reinste Wahnsinn. Mit traurigem Blick schaute er auf seinen Koffer. Heute war weder Mittwoch noch Samstag, also würde Charles zum Tee kommen, und er würde ihm alles erklären. Außerdem schmerzte sein Knie jetzt viel stärker, wenn er genau darüber nachdachte. Und Schmerzen, das war etwas, was Charles mit seiner Hüfte sehr gut verstand.

Georges empfand daher Erleichterung, die durch seine Schmerzen ein wenig getrübt wurde, als er sich in die 13-Uhr-Nachrichten im Fernsehen vertiefte. Während er es vermied, in Richtung des Kamins zu schauen, wo sein Koffer Wurzeln schlug, döste er allmählich ein. Er hatte aufgegeben.

Charles hingegen, auf der anderen Seite des Gartens, hatte nicht aufgegeben. Und wenn er seinen Freund an dessen schrumpeligem Hintern hinter sich herschleifen müsste, sie würden sie machen, diese Tour de France.

»Die Tour de France? Im Rolossénic?« Der kleine Lucas schaute seinen Urgroßvater mit seinen großen, runden Knopfaugen voller Bewunderung an.

»Oma, was ist ein Rolossénic?«

»Ein Renault Scénic, Lucas. Das ist ein Auto«, erklärte ihm Thérèse geduldig.

»Ja, aber ein Auto mit vielen technischen Spielereien«, sagte Charles, dem es wichtig war, dies hervorzuheben.

»Was denn für technische Spielereien, Opa?« Charles bedauerte es schon, sich auf diese Schlitterpartie eingelassen zu haben: Bei einer Diskussion über technische Spielereien mit einem Experten von sieben Jahren würde er auf jeden Fall den Kürzeren ziehen.

»Viele Extras, verstehst du.« Er zog sich gar nicht so schlecht aus der Affäre.

»Und wie viele Stunden braucht ihr dann?«

»Nein, Lucas, für die Tour de France nehmen wir uns ein paar Wochen Zeit.«

»Ach so. Dann haltet ihr oft an.«

»Ja, genau. Wir halten oft an«, antwortete Charles, ein wenig enttäuscht.

Sie waren alle in der Küche. Charles und Thérèse, ihre Enkeltochter Annie, ihr Mann Frank und deren zwei Kinder – Lucas und Justine, die erst sieben Monate alt war. In dieser kleinen Küche, deren Tapete irgendwann einmal vor langer Zeit modern gewesen war, roch es nach Lauch und Meister Proper. Mitten auf dem Resopaltisch stand eine Vase mit Dahlien aus dem Garten. An den Wänden hingen mit Reißzwecken befestigte Fotos der Enkelkinder, und an der alten Standuhr hing noch immer eine Weihnachtsgirlande vom letzten Jahr. In der Küche fühlten sich alle wohl, besonders Thérèse, denn hier führte sie das Regiment. Thérèse war eine kleine, rundliche Frau, die aussah wie die Omas aus dem Fernsehen. Sie hatte keinen Hals, immer sorgfältig gebügelte Blusen, kleine Füße, eine braune Spange in ihrem grauen, zu einem Pagenkopf geschnittenen Haar und vor allem einen eisernen Willen. Charles und Thérèse waren seit neunundfünfzig Jahren verheiratet. Sie waren glücklich und wussten es auch. Das Leben war ihnen mehr oder weniger gnädig gewesen, und zudem hatte man bei den Lepensiers gelernt, alles positiv zu sehen, noch bevor dieses Konzept in Mode gekommen war. Einen guten Rat für ihre Mitmenschen zu finden, wenn diese ein Problem hatten, das war Thérèses große Stärke, und die Frauen in der Familie hatten dieses Talent alle geerbt.

Charles war mal wieder auf die Weisheit seiner Frau angewiesen. Sie konnten ihren Plan jetzt auf gar keinen Fall mehr aufgeben. Thérèse und Charles lag diese Reise sehr am Herzen, und sie hatten viel zu viel Hoffnung hineingesteckt. Allein konnte er die Tour de France nicht machen. Einerseits, weil Georges die gesamte Reise einschließlich des nagelneuen Scénic finanzierte, und andererseits, weil ... weil er sie allein eben nicht machen konnte.

»Weißt du, Thérèse, diese Tour ist noch nicht in trockenen Tüchern. Wenn man bedenkt, dass wir uns schon seit einer Ewigkeit damit beschäftigen ... Und jetzt gibt es Probleme mit Georges. Seine Enkeltochter.«

Thérèse, die den Tisch fürs Mittagessen deckte, verharrte mitten in der Bewegung.

»Wie, seine Enkeltochter? Die in London ist und die ihn nie anruft?«, fragte sie Charles besorgt.

»Genau die. Bloß jetzt, da ruft sie an. Das muss Françoise gewesen sein, die sie darum gebeten hat. Na ja, ich weiß nicht, was die Mutter und die Tochter da ausgeheckt haben. Jedenfalls hat Adèle angerufen, und Georges verliert jetzt völlig die Nerven.«

Thérèse starrte auf die Tischdecke, und Charles fuhr fort.

»Also weißt du, unser Georges ist nicht der Typ, der vor irgendetwas Muffensausen hat. Aber seine Tochter, oh, seine Tochter ... Er sagt, sie steckt ihn in ein Heim, wenn sie ihm auf die Schliche kommt.«

Annie spielte mit dem Baby, das auf ihrem Schoß saß.

»Und du, glaubst du auch, dass Françoise ihn in ein Heim stecken würde?«, fragte sie ihren Großvater.

»Oha, also Françoise, die ist nicht einfach.«

»Klar, das muss sie wohl von ihrem Vater haben!«, mischte Frank sich ein, der sich noch gut an eine heftige Auseinandersetzung mit Georges erinnerte.

»Schluss jetzt!«, befahl Thérèse in barschem Ton. »Hört auf, euch wegen Françoise verrückt zu machen. Sie hat gesagt, sie ruft zwei Monate lang nicht an. Also nutzt die Gelegenheit, macht in aller Ruhe eure Tour, und damit basta.«

»Ich meine ja nur, also ich für meinen Teil, ich finde das merkwürdig, diese, diese, diese ... Funkstille. Hat sie dir nichts gesagt?«

»Nein, nein. Also nicht mehr als dir, nehme ich an«, antwortete Thérèse und wandte den Blick ab.

Annie versuchte, Justine zu beschäftigen, die nach den Messern auf dem Tisch greifen wollte. Damit sie stillhielt, gab sie der Kleinen ihr Handy, die es sofort in den Mund steckte.

»Und falls sie doch auftauchen sollte, würde sie mich sofort anrufen, und dann kümmere ich mich schon um Françoise. Hört auf, euch wegen der Tochter oder auch wegen der Enkelin Sorgen zu machen. Auf in den Sattel!«, sagte Thérèse.

»Trotzdem«, entgegnete Charles. »Wir müssen uns wegen Adèle etwas einfallen lassen, sonst schaltet Georges auf stur ... So, jetzt setzt euch alle hin.«

Das Handy, an dem Justine mit ihren kleinen Patschhändchen herumspielte, gab plötzlich Töne von sich. Annie kostete es einige Mühe, es ihr wegzunehmen.

»Was hat sie denn da angestellt?«, sagte sie, als sie aufs Display schaute. »Oh nein, was ist das denn: ›Rufumleitung für Sprachanrufe aktiviert‹? Ach herrje, sie hat das Ding irgendwie umprogrammiert. Es geht nicht mehr. Frank! Justine hat an dem Handy herumgefummelt. Da steht was von ›Rufumleitung‹. Ich weiß auch nicht ...«

Leicht genervt nahm Frank das Handy entgegen, wischte den Speichel mit dem Ärmel ab, drückte auf ein paar Tasten und steckte es wieder in die Tasche seiner Jeans.

Charles’ Blick wanderte zu Frank, dann zu seinem Teller und wieder zurück zu Frank.

»›Rufumleitung‹? Was macht das Handy da?«, fragte Charles schließlich.

»Na ja, wenn ich die Anrufe auf euer Festnetz umleite, klingelt das Telefon hier, wenn mich jemand auf meinem Handy anruft.«

»Und derjenige merkt nichts?«

»Rein gar nichts.«

»Und kann man das auch mit dem Festnetzanschluss machen?«

»Ja, normalerweise schon.«

»Donnerwetter!«

Mit lautem Getöse stand Charles auf. Thérèse seufzte.

»Charles, mein Kalbsbraten wird doch ganz kalt.«

»Thérèse, wo ist unser Telefonbuch?«

Charles war total aufgeregt. Eine halbe Stunde und ein fachmännisches Gespräch mit Frank später eilte Charles rüber zu Georges.

Justine strahlte übers ganze Gesicht und entblößte ihre ersten beiden Zähne.

Georges war gerade eingedöst und wachte auf, als er Charles’ Schritte in der Garage hörte. Die Schritte klangen aber nicht so wie sonst. Hatte er so lange geschlafen? Auf der Uhr neben dem Kühlschrank war es 13.30 Uhr.

»Georges, wir brauchen uns keine Sorgen mehr zu machen. Es gibt eine Lösung für unser Adèle-Problem«, rief Charles siegessicher, als er ins Wohnzimmer lief.

»Was du nicht sagst«, begann Georges.

»Wie ist deine Handynummer?«

Georges erhob sich mühsam von seinem Gartenstuhl und lief zum Telefontisch in der Diele. »Da steht sie«, sagte er und zeigte auf die kleine Karteikarte, die neben den Postkarten aus London an die Wand geheftet war. »Deine Handynummer: 06 20 15 89 15«, hatte Françoise in ihrer schönen Schrift auf die Karte geschrieben.

Charles zog einen Zettel mit zig Nummern aus der Tasche und hob den Hörer des Telefons ab. Nachdem er mit großer Konzentration eine ganze Reihe von Nummern, Rautenzeichen und Sternen eingetippt hatte, legte er gewissenhaft und mit beinahe feierlicher Miene auf.

»So«, sagte Charles, der aussah, als würde er auf etwas warten.

»So«, sagte Georges, der sich fragte, ob die Erklärung von alleine kam oder ob er erst fragen musste. »Ähm, wie soll ich sagen ...«

»Wo ist dein Handy?«

»Ich glaube, es liegt im Wohnzimmer in der Schublade der Kommode unter der Spielunterlage.«

»Hör zu«, sagte Charles, der jetzt aussah, als habe er die Sache im Griff. »Du holst es. Ich geh rüber und ruf dich an. Dann sehen wir, welches von den beiden Telefonen klingelt.«

»Auf welche Nummer rufst du mich denn an?«

»Auf deine Festnetznummer.«

»Also klingelt wohl auch das Festnetztelefon.«

»Eben nicht«, erwiderte Charles. »Normalerweise müsste das Handy klingeln.«

Georges starrte ihn fassungslos und fast ein wenig betrübt an.

»Ach so«, sagte er freundlich, ganz getreu dem Prinzip, dass es besser war, den Mund zu halten, als alle Leute verrückt zu machen. Es war dennoch schade, dass Charles nun den Verstand verlor. Er war noch so jung.

Charles verschwand. Die Wissenslücken seines Freundes im Bereich der Telefonkommunikation schmeichelten ihm, denn dadurch konnte er mit seinen eigenen Fähigkeiten richtig prahlen. Als er keine fünf Minuten später zurückkehrte, saß Georges wieder auf seinem Stuhl.

»Und? Welches hat geklingelt?«

»Hier hat nichts geklingelt.«

Charles war sprachlos. »Du bist doch wohl nicht wieder eingeschlafen?«

»Nein, nein, mein lieber Freund. Ich war hellwach, und hier hat nichts geklingelt. Welche Nummer hast du denn angerufen?«

»05 49 57 68 34.«

»Ja, stimmt«, bestätigte Georges. »Das ist die Telefonnummer vom Festnetz. Wieso musstest du auch an dem Telefon herumfummeln? Jetzt funktioniert es nicht mehr. So ein Mist!«

»Das verstehe ich nicht«, meinte Charles verärgert. »Das Handy hätte klingeln müssen. Da muss ich noch mal bei France Télécom anrufen ...«

»Hör mal, Charles«, sagte Georges leise. »Ist doch klar, dass das Handy nicht geklingelt hat, wenn du die Nummer vom Festnetz gewählt hast. Und außerdem besteht auch kein Grund, dass das Handy klingelt. Es ist ausgeschaltet, verstehst du?«

»Na wunderbar! Es ist ausgeschaltet! Wo ist es?«

Georges reichte ihm ein nagelneues Handy, das noch in seiner Schutzhülle steckte und offenbar noch nie benutzt worden war.

»Ich nehme es mit. Bin gleich wieder da«, sagte Charles, der bereits in Richtung Garage verschwand.

Georges setzte sich wieder auf seinen Stuhl und dachte, dass es wohl das Schicksal aller alten Leute war, eines Tages den Durchblick zu verlieren. Er versuchte, wieder einzuschlafen, um seinen Trübsinn zu vertreiben. Er musste Charles sagen, dass sie nicht fahren würden. Doch ehe er sich überlegt hatte, wie genau er das anstellen sollte, war Charles schon wieder da. Seine Hüfte musste heute verdammt gute Laune haben.

»Wahnsinn! Es funktioniert ... Ich erkläre es dir ...« Adèle konnte ruhig bei ihm anrufen. Sie würde nichts merken. Sie konnten unbesorgt ihre Tour machen. Charles führte Georges in die Geheimnisse der Rufumleitung ein, und wo sie schon einmal dabei waren, entführte er ihn auch gleich in die herrliche Welt der modernen Kommunikation. Das Ganze dauerte so lange, dass sein Kalbsbraten mit Karotten in einer Tupperware-Dose in den Kühlschrank gestellt wurde und der Salat ebenfalls und sein Milchreis auch und dass er sogar seinen Malzkaffee nach dem Essen und sein Tässchen Kakao um vier Uhr verpasste ... Seine jugendliche Begeisterung war stärker als das Knurren seines Magens, aber vor allem hatte sie Georges’ Stimmen zum Verstummen gebracht. Sie waren aus Höflichkeit verstummt. Aus Respekt. Denn diese Stimmen konnten einen Menschen quälen, ihn durch unzählige Zweifel verrückt machen und ihm Lobeshymnen aufs Faulenzen und auf die Feigheit singen. Doch Nachbarn rührten sie nicht an.

Sechs Tage später fuhr ein Renault Scénic – blau-metallic mit Schiebedach und Navigationssystem – auf der kleinen, von Bäumen gesäumten Straße in Chanteloup auf die Kurve zu. Der neue Wagen glitzerte stolz in der noch warmen Septembersonne. Georges sah im Rückspiegel Charles’ Familie, die ihnen zum Abschied winkte. Thérèse wischte sich eine Träne aus dem Auge, und das Haus, in dem er dreiundachtzig Jahre lang gewohnt hatte, wurde immer kleiner, ehe es hinter den Bäumen verschwand. Das Herz war ihm schwer und die Kehle ein wenig zugeschnürt, aber er bedauerte nichts. Charles, der mit einer Hand lenkte und die andere aus dem Fenster streckte und hin und her schwenkte, schien ein ganzes Freudenorchester im Herzen zu haben. Gemeinsam brachten sie es auf einhundertneunundfünfzig Jahre, und sie waren zur Tour de France aufgebrochen.

Donnerstag, 25. September

Chanteloup (Deux-Sèvres) – Notre-Dame-de-Monts (Vendée)

....................

Ihre große Abenteuerreise im Renault Scénic folgte exakt der Route der Tour de France von 2008. Es waren also einundzwanzig Etappen (nur mit einem kleinen Unterschied, denn in der Tour von Georges und Charles gab es keine vierte Etappe, da sie das Einzelzeitfahren von Cholet nicht mitzählten). Pro Etappe hatten sie zwei bis drei Tage eingeplant, um sich die Gegend anzuschauen. Das Hotel würden sie allerdings fast jeden Tag wechseln. Während ihrer Reise würden sie also die folgenden Orte durchqueren:

Etappe 1:    

Brest – Plumélec

Etappe 2:    

Auray – Saint-Brieuc

Etappe 3:    

Saint-Malo – Nantes

Etappe 5:    

Cholet – Châteaurou

Etappe 6:    

Aigurande – Super-Besse

Etappe 7:    

Brioude – Aurillac

Etappe 8:    

Figeac – Toulouse

Etappe 9:    

Toulouse – Bagnères-de-Bigorre

Etappe 10:    

Pau – Hautacam

Etappe 11:    

Lannemezan – Foix

Etappe 12:    

Lavelanet – Narbonne

Etappe 13:    

Narbonne – Nîmes

Etappe 14:    

Nîmes – Digne-les-Bains

Etappe 15:    

Embrun – Prato Nevoso

Etappe 16:    

Cuneo – Jausiers

Etappe 17:    

Embrun – L’Alpe-d’Huez

Etappe 18:    

Bourg-d’Oisans – Saint-Étienne

Etappe 19:    

Roanne – Montluçon

Etappe 20:    

Cérilly – Saint-Amand-Montrond

Etappe 21:    

Étampes – Paris, Champs-Élysées

Der ersten Etappe gingen drei zusätzliche voraus, die Chanteloup mit Brest verbanden, dem Startpunkt der Tour, denn wie Charles gesagt hatte, war das »schon eine verdammt lange Strecke.« Sie hatten sie die Etappe 0 getauft (Chanteloup – Notre-Dame-de-Monts, Zwischenstopp bei Ginette Bruneau, der Schwester von Charles), Etappe 0a (Notre-Dame-de-Monts – Gâvres, Zwischenstopp bei Odette Fonteneau, einer Cousine von Charles) und schließlich noch die Etappe 0b (Gâvres – Brest).

Hinter Chanteloup bogen sie um die große Kurve. Auf kleine Straßen, wo aus Rissen im Teer Löwenzahn wuchs, folgten Asphaltstraßen, die so oft ausgebessert worden waren, dass sie wie Flickenteppiche aussahen. Auf verrosteten Ortsschildern lasen sie vertraute Namen: La Timarière, La Châtaigneraie, Le Bout du monde. Dann tauchten die weißen Straßenmarkierungen auf; auf den Landstraßen begegneten ihnen Lkws, und sie wussten, dass sie wirklich aufgebrochen waren.

Der Wagen war nicht schwer beladen: nur der kleine Koffer von Georges und der von Charles, der doppelt so groß war wie der seines Freundes, modern mit Rollen (wenn Charles auf Reisen ging, legte er Wert auf Eleganz), und ein ganzer Karton Reiseführer. Der Reiseführer der Südbretagne lag ebenso wie die Gebrauchsanweisung des Navigationsgerätes und Charles’ Vichy-Pastillen im Handschuhfach. Thérèse hatte ihnen alles mitgegeben, was man für ein Picknick brauchte, denn sie hatten nicht vor, jeden Tag in einem Restaurant zu Mittag zu essen. Obendrein hatte sie, ohne dass die beiden es bemerkt hatten, eine ganz kleine Kiste Tomaten aus dem Garten eingepackt und den Schinken, den sie beim Belote-Turnier gewonnen hatten.

Sie waren nicht sehr gesprächig, Georges und Charles, in diesem Auto, das noch ganz neu roch. Außer der samtweichen, monotonen Stimme des Navigationssystems blieb es eher still. Es herrschte eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit. Und der Betrachtung. Der Herbst, der gerade erst begonnen hatte, verfärbte allmählich das Laub, und das war sehr schön. Georges, der seit Jahren nicht aus seinem Nest herausgekommen war, genoss den Anblick.

Von Deux-Sèvres bis zur Vendée durchquerten sie ruhige Dörfer mit kleinbürgerlichen Häusern am Fuße der roten Weinberge, Geranien vor den Fenstern, und Kirchtürmen, die in den Himmel ragten. Und während sie weiter auf ihr erstes Ziel zusteuerten, veränderte sich wie durch fast unmerkliche Pinselstriche die Landschaft. Der grünen Farbpalette wurde hier ein wenig Gelb hinzugemischt und dort ein wenig Schwarz. Aus der Hügellandschaft der Bocage wurden allmählich Ebenen, über die der Wind strich. Hinter den Pinien sahen sie eine Mühle, ein Haus mit einem Strohdach und Hinweisschilder zu Campingplätzen und zu den Salzgärten: Sie näherten sich dem Meer.

Notre-Dame-de-Monts war ein sauberer, verschlafener Badeort, in dem es kaum Hochhäuser gab, und genau das war das Geheimnis seines Charmes. Dieser Küstenabschnitt der Vendée hatte in den Siebzigern eine wahre Bauflut erlitten, die einige Städte unwiederbringlich verunstaltet hatte. Saint-Jean-de-Monts, das zehn Kilometer entfernt lag, musste erleben, wie sein schöner Strand mit riesigen Betonklötzen, lärmenden Arkaden und Fast-Food-Restaurants zugebaut wurde. Notre-Dame-de-Monts selbst war dieses Schicksal wie durch ein Wunder erspart geblieben. Hinter dem schönen Strand und den hohen Gräsern der Dünen sah man die Häuser kaum. Charles kannte den Ort gut, denn er hatte seine Schwester, die das ganze Jahr über dort wohnte, oft besucht. Georges hingegen, der zum ersten Mal hierherkam, freute sich sehr, diesen Ort zu entdecken.

Um 11.30 Uhr trafen sie in dem kleinen Badeort ein. Da sie erst zum Mittagessen erwartet wurden und ihre Gastgeberin nicht zu früh belästigen wollten, beschlossen die beiden Freunde, das Meer bewundern zu gehen, das hinter den Fahnen auf der Uferpromenade rauschte. Die Sonne, die sich während des Sommers kaum gezeigt hatte, erwärmte den Sand am Strand und lud die letzten Urlaubsgäste zu Spaziergängen ein. Georges und Charles, die durch den Sand liefen und auf den Atlantik schauten, waren glücklich, wagten aber nicht, es sich zu sagen.

Die beiden Nachbarn befiel plötzlich eine Art Befangenheit. Es sollte vielleicht erwähnt werden, dass ihre Freundschaft sich seit dreißig Jahren immer innerhalb desselben Rahmens abgespielt hatte (wenn man genau überlegte, waren es schon eher vierzig). Sie tranken während der Wettervorhersage gemeinsam ihren Kräutertee und luden sich gegenseitig zu Geburtstagen und Familienfesten ein. Anfangs nur zum Dessert und zum Kaffee, bis zu jenem Tag vor mehr als fünfzehn Jahren, als Charles Georges und seine Frau – versehentlich oder auch nicht – auch zur Vorspeise und zum Hauptgericht eingeladen hatte. Also immer dann, wenn noch ernste Gespräche geführt wurden, die Krawatten noch ordentlich gebunden und die Schwiegertöchter noch höflich waren. Zu ihrer Freundschaft gehörten außerdem das Borgen von Kopfsalaten, Schraubenziehern, kleinen Lieferwagen, Gefrierbeuteln, Schnüren und Stricken jeder Art, die Adressenbeschaffung von irgendwelchen Cousins und kleinere Gefälligkeiten. Es war ein praktischer und angenehmer Trott. Gott weiß, warum sie sich auf einmal wichtig tun und ihre Gewohnheiten ändern wollten.

Plötzlich standen sie dort in Notre-Dame-de-Monts am Meer und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten. Ihre Freundschaft atmete die Luft der großen, weiten Welt. Sie würden sehen, ob sie dieser Herausforderung gewachsen war.

Um Punkt halb eins kamen Georges und Charles bei Ginette an. Herzliche Umarmungen, hattet ihr eine gute Fahrt, wie immer viel Verkehr vor Le Perrier, aber sonst lief es gut, es ist noch schön, ihr bringt die Sonne mit, den ganzen Sommer hatten wir ein Sauwetter, und die Gesundheit, man darf sich nicht beklagen. Es waren jedes Jahr dieselben Worte, das Frage-und-Antwort-Spiel, das jeder auswendig kannte, alle redeten gleichzeitig. Es war wie der Refrain eines Liedes, das man gern sang.

Ginette schlug vor, auf der Terrasse zu essen, wo der Tisch bereits gedeckt war. War es die Meeresluft oder vielleicht die angenehme Süße der Pinien, die dem Garten zur Kaffeezeit diesen herrlichen Duft verlieh? Georges hatte sich seit Jahren nicht mehr so wohl gefühlt. Er hatte Ginette bereits auf Familienfeiern kennengelernt und ihre Art als ein wenig schroff empfunden. Doch hier bei ihr zu Hause war sie ganz anders. Mit ihrem rötlichen Haar, ihrer Dreiviertelhose und den orangeroten Plastiksandalen sah man ihr die dreiundsiebzig Jahre gar nicht an. Georges war ihre jugendliche Vitalität bisher nie aufgefallen, oder bekam ihr etwa das Leben als Witwe so gut? Jedenfalls fand er, dass Ginette hier in ihrem Garten eine Spur koketter und ihre ein wenig bestimmende Art reizvoller war, so sanft wie der Herbstwind in den Pinien − und wie dieser kleine Pflaumenschnaps, der es in sich hatte.

Charles behielt alles im Auge. Denn Georges, der sensibel auf solche Einflüsse reagierte – nämlich auf den von Ginette oder den des Schnapses oder auch auf beide gleichzeitig –, war total aufgedreht. Plötzlich fielen ihm die Texte von Liedern ein, die er bestimmt seit sechzig Jahren nicht mehr angestimmt hatte. Er sprach auch über die tausend glorreichen Augenblicke der Tour de France, die sie alle wiederaufleben lassen würden, erzählte Geschichten aus der Vergangenheit und sang Lobeshymnen auf die Zukunft. Die schüchternen Nachbarn hatten ihre Geschwätzigkeit wiedergefunden.

Auf den Pflaumenschnaps folgte der Kakao, auf das Gläschen Wein der Kräutertee, und so wich der Nachmittag dem Abend und der Abend der Nacht. Nach einem Abendessen, das dem Mittagessen in nichts nachstand, hatten alle Lust, eine Partie Rommé zu spielen.

Ginette holte die Spielunterlage (ein Werbegeschenk von Crédit Lyonnais) und die beiden Kartenspiele heraus. Georges hatte sich bereits an den Wohnzimmertisch gesetzt und beugte sich über seinen Tee. Es sah fast so aus, als sei er von dem Pflaumenschnaps leicht beschwipst.

»Georges, und deine Enkeltochter Adèle, wie läuft es da in London? Sie arbeitet doch beim Film, nicht wahr?«, fragte Ginette, während sie Karten gab.

»Ja, aber ich weiß nicht so genau, was sie da macht beim Film. Sie wollte ... Weißt du, mir erzählt sie das alles nicht so genau.«

Offenbar hatte das Schnäpschen Georges’ Traurigkeit entfacht, und Ginette ließ sich von seiner Melancholie anstecken.

»Ja, ja, die jungen Leute heute, die gehen weg ...«

»Ach, Ginette, sie sind immer weggegangen, die jungen Leute ... Selbst wir sind weggegangen.«

»Ja, aber nicht so weit«, stellte Ginette klar.

»Nicht so weit, nicht so weit«, mischte Charles sich ein. »Es war genauso wie heute. Meine Eltern wohnten in Bressuire, als ich 1954 mit Thérèse zusammengezogen bin. Zuerst haben wir in Pougne-Hérisson gewohnt, in der Nähe von Parthenay, und dann sind wir nach Chanteloup gezogen, fünfundzwanzig Kilometer von meinen Eltern entfernt. Vielleicht ist das nicht viel, aber 1954 schien uns das eine ganz schöne Entfernung, denn die fünfundzwanzig Kilometer mit dem Fahrrad, die musste man erst mal abstrampeln. Das kam uns viel weiter vor als heute! Wir sind nicht alle paar Tage hingefahren, und man rief sich auch nicht ständig an. Und Internet und E-Mails und das ganze Zeug gab es gar nicht. Die jungen Leute heute − je weiter sie wegziehen, desto mehr sitzen sie einem auf der Pelle. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich mich darüber beklage. Aber manchmal ... Georges, du bist dran.«

Georges schaute mit abwesender Miene auf sein Blatt und fuhr in demselben Tonfall fort.

»Ja, ja, das Telefon. Aaaah, das Telefon. Also wirklich, sie kleben ja geradezu daran, aber das ist doch wirklich verrückt, will ich meinen! Früher war das schon unerträglich, aber wenigstens nützlich. Aber heute mit ihren Handys ...«

»Hör mal«, unterbrach Charles ihn. »Du glaubst ja gar nicht, wie weit das alles geht. Mein Enkel aus Parthenay kommt im Urlaub ja immer zu uns. Und er bekommt E-Mails – und jetzt passt auf – seine E-Mails aus dem Internet