Wo das Glück zu Hause ist - Lesley Pearse - E-Book

Wo das Glück zu Hause ist E-Book

Lesley Pearse

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7,99 €

Beschreibung

London im Jahre 1840. Als die 16-jährige Blumenverkäuferin Mathilda beherzt einem kleinen Mädchen das Leben rettet, kann sie nicht ahnen, dass dies der Beginn einer verheißungsvollen Zukunft ist. Nachdem sie bei der dankbaren Familie eine gut bezahlte Anstellung findet, führt das Schicksal sie schon bald nach Amerika. Als Mathilda in New York ihrer ersten großen Liebe begegnet, glaubt sie, das Glück gefunden zu haben. Doch sie sollte sich irren ...

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Seitenzahl: 1095

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Inhalt

CoverInhaltÜber die AutorinTitelImpressumWidmungProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. KapitelDanksagung

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Lesley Pearse

Wo das Glückzu Hause ist

Roman

Aus dem Englischen von Birgit Steinwartz

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 200o by Lesley Pearse

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2014/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Einbandgestaltung: Gisela Kullowatz

Titelbild: Zefa-Masterfile/Dale Wilson

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-1240-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Dieses Buch widme ich meiner jüngsten Tochter Jo, die genügend Vertrauen in mich hatte zu glauben, ich könnte uns den ganzen Weg von Missouri zur amerikanischen Westküste bringen, ohne jemals fehlzugehen. Bei der enormen Recherchearbeit, die für dieses Buch notwendig war, hat sie mich freudig und bereitwillig unterstützt. Ich hoffe, es wird für sie eine dauerhafte Erinnerung an unser gemeinsames Lachen während der Entstehungszeit dieses Buches sein.

Außerdem möchte ich es Elizabeth »Toots« Olmsted aus Oregon widmen, da sie mir beinahe dreißig Jahre eine gute Freundin geblieben ist und genügend Interesse an meiner Arbeit aufbringen konnte, amerikanische Buchhandlungen für mich nach Recherchematerial zu durchkämmen. Wer hätte damals, als wir uns bei unserem Job bei den Gelben Seiten kennen lernten, gedacht, dass unsere Herzen und unser Geist so stark miteinander verbunden bleiben würden, obwohl uns das Leben doch so weit auseinander bringen würde?

Prolog

New York 1900

Ob sie verrückt ist?«, flüsterte Fanny Lubrano ihrem Vater zu. Er kam gerade von der alten Dame zurück, der er in einen Sitz im Bug des Kahns geholfen hatte.

Es war ein grauer Märztag, stürmische Böen wehten geradewegs vom Atlantik in den Hafen, und sogar im Schutz der Steuerkabine war es sehr kalt.

»Sie muss es sein, wenn sie mir hundert Dollar anbietet«, antwortete Giuseppe. Auf seinem wettergegerbten Gesicht zeichnete sich Verwirrung ab. »Nur klingt sie überhaupt nicht verrückt!«

Bevor sie sich fertig machten, den Hafen zu verlassen, schauten sie durch die Fenster der Steuerkabine zu der alten Dame hinüber. Gehüllt in ihren Pelzmantel, auf dem Kopf den passenden Hut, hatte sie den Stil und die Selbstsicherheit reicher Frauen von der Fifth Avenue. Doch war es recht unwahrscheinlich, dass eine solche Dame mit einem alten Kahn durch die New Yorker Bucht schippern wollte.

Fanny fand, die Dame war für ihr fortgeschrittenes Alter viel zu modisch gekleidet, und ihre zierlichen, seitlich geknöpften Schuhe waren für eine Bootsfahrt wohl auch nicht ganz angemessen. Giuseppe sorgte sich eher, weil sie ganz allein unterwegs war, und fand auch ihre angespannte Haltung und die Art, wie ihre Blicke das Wasser fixierten, äußerst seltsam.

»Was ist, wenn sie wirklich verrückt ist, Pa, und ihre Verwandten sie schon suchen?«, fragte Fanny plötzlich. »Ich habe zwar gesehen, wie sie aus einem schicken Wagen ausgestiegen ist, und gehört, wie der Fahrer zu ihr gesagt hat, er würde auf sie warten, aber wenn sie sich erkältet, gibt man sicher uns die Schuld.«

Giuseppe schob seine Kappe zurück und kratzte sich die Stirn. »Wenn wir sie nicht mitnehmen, wird es ein anderer tun und sie vielleicht auch noch ausrauben. Außerdem scheint sie genau zu wissen, was sie will, und kennt sich auch mit der Bootsfahrt aus. Fragte mich, wie lange ich schon im Hafen arbeite, wollte auch was über dich wissen und wo wir wohnen. Verdammt, Fanny, wir sollten ihren Wunsch erfüllen! Sie war ja auch sehr freundlich, aber vielleicht hätte ich ihr Geld besser nicht genommen. Hundert Dollar sind viel zu viel.«

Fanny musste lächeln. Zwar wirkte ihr Vater etwas schroff, aber er hatte ein gütiges Herz. Alte Leute, Kinder und Menschen in Not gingen ihm immer nahe. Sie hielt schon lange nicht mehr nach, wie viel Geld er an seine Brüder und Schwestern verlieh, das dann ohnehin nie zurückgezahlt wurde. Dies war einer der Gründe, warum sie beide immer noch in einem überbesetzten Mietshaus in der East Side wohnten.

»Der Pelz hat sicher mehr gekostet, als wir in ein paar Jahren verdienen können.« Fanny zuckte mit den Schultern. »Wir haben sie ja nicht um so viel Geld gebeten, oder? Sie hat es selbst angeboten. Deshalb setzen wir jetzt besser ein fröhliches Gesicht auf und legen ab, bevor sie es sich anders überlegt.«

Als der Kahn am geschäftigen Kai entlangtuckerte, atmete die alte Dame tief die rauchige, nach Fisch riechende Luft ein, die so lebendige Erinnerungen in ihr weckte. Achtundfünfzig Jahre waren vergangen, seit sie als Siebzehnjährige hier angekommen war. Zwei Jahre war sie geblieben, bevor es sie weitergezogen hatte, und seit damals hatte sich die Stadt dramatisch verändert. In ihrer Zeit war die South Street mit eleganten Segelschiffen angefüllt gewesen, deren Bugspriet halb über den gepflasterten Weg reichte, und trocknende Segel hatten im Wind geflattert und geraschelt. Die Warenhäuser, Lebensmittelläden, Gasthäuser und Unterkünfte für Seefahrer waren damals größtenteils wacklige Holzgebäude gewesen, die kreuz und quer gestanden hatten. Heute wurden die Schiffe hauptsächlich mit Dampf betrieben, die Gebäude aus gutem, stabilem Backstein gefertigt – nur der Geruch, die Geräusche der rollenden Wagen, das Rufen der Seemänner und Stauer hatten sich nicht verändert.

Überall in Manhattan zeigte sich der Wohlstand. Auf Flächen, die sie noch als Ackerland kannte, reihte sich jetzt Straße an Straße mit eleganten Backsteinhäusern. Es gab Gebäude, die so hoch waren, dass sie einen steifen Hals vom Hochschauen bekam. Bürgersteige waren jetzt befestigt und die Wege gepflastert. Die Leute fuhren mit Bahnen durch die Straßen, und man sprach sogar davon, eine Untergrundbahn zu bauen. Es gab hohe Gebäude mit Geschäften, die man nun Kaufhäuser nannte und die alles vom Pelzmantel über Teppiche bis zu einer Länge Gummiband oder einem Satz Knöpfe verkauften.

In ihrer Zeit war der Central Park sumpfiges Ödland gewesen, und die ärmsten der irischen Arbeiter, die das Croton Aqueduct gebaut hatten – dieses Wunder, das geklärtes Wasser in die Stadt brachte –, hatten dort in elenden Hütten mit ihren Schweinen und Ziegen gehaust. Sie fand den Park wundervoll und war froh, dass die Städter etwas wirklich Schönes hatten, wohin sie flüchten konnten, aber die neue Brooklyn Bridge fand sie noch herrlicher. Während der Park ein reines Wunder der Natur war, war die Brücke von Menschen geschaffen worden. Bauplanung und Kunst hatten Hand in Hand gearbeitet, um etwas wirklich Wunderschönes, zerbrechlich Scheinendes entstehen zu lassen. Dennoch widerstand die Brücke den Elementen und dem starken Verkehr. Sie war nicht traurig, dass die Stadt nicht mehr derjenigen ähnelte, in der sie vor über einem halben Jahrhundert angekommen war. Schließlich war auch sie nicht mehr das aufgeregte, neugierige Mädchen, das sich in den ehrlichen, aufdringlichen und dreisten Überfluss der Stadt verliebt hatte.

Sie schaute zur Steuerkabine hinüber, als sie schallendes Gelächter von dort vernahm. Es freute sie, den Bootsbesitzer so fröhlich mit seiner Tochter arbeiten zu sehen. Vielleicht lachten die beiden über sie, aber selbst der Gedanke störte sie nicht.

Sie hatte dieses spezielle Boot aus reiner Sentimentalität für ihre Reise gewählt. Wie ihr eigener Vater, der Fährmann auf der Themse gewesen war, war auch Giuseppe Witwer und arbeitete mit seiner Tochter zusammen. Als sie die freundlichen, offenen Gesichter der beiden gesehen hatte, hatte sie die Summe des Geldes, das sie ursprünglich hatte zahlen wollen, verdoppelt. Das Geld würde ihnen eine zusätzliche Mahlzeit bescheren, und vielleicht konnte sich das Mädchen ein neues Kleid kaufen. Sie konnte sich nur zu gut erinnern, wie sehr sich junge Mädchen nach etwas Luxus sehnten.

Als sie in die Stadt gekommen war, hatte es hier noch nicht so viele Italiener gegeben. Die meisten Immigranten waren Engländer, Iren und Deutsche gewesen. Nach achtzehnhundertfünfundvierzig allerdings waren Italiener, Polen, Russen, Juden und Angehörige vieler anderer Nationalitäten zu tausenden in die Stadt geströmt. Jede Nationalität hatte ihre eigene Besonderheit beigesteuert und den Charakter der überfüllten Stadt geprägt.

Allerdings sprach Giuseppe nicht mit italienischem Akzent, er musste also hier geboren sein, und vielleicht war seine Mutter Holländerin oder Deutsche. Dies würde seine blauen Augen und sein helles Haar erklären. Seine Tochter, er sagte, sie heiße Fanny, erinnerte sie an sie selbst als Siebzehnjährige: volles blondes Haar, Augen so blau wie Vergissmeinnicht und ein ähnlich standhafter Blick, der dem Gegenüber jeglichen Unfug austrieb. Es war ein wenig seltsam, dass sie Männerkleidung trug, aber sie vermutete, ein langer Rock sei auf einem Boot wohl eher unpraktisch. Außerdem hatte sie selbst früher hin und wieder Männerhosen getragen. Im Jahre achtzehnhundertneunundvierzig war es in einer Stadt im Westen, wo trunksüchtige Goldsucher ihr Glück suchten, wenig ratsam gewesen, besonders weiblich auszusehen.

Als das Boot sich der Staten Island Ferry näherte, begann ihr Herz schneller zu schlagen, denn unmittelbar dahinter lag die State Street, wo sie gewohnt hatte, nachdem sie hierher gekommen war. Traurigerweise hatten die schiefen kleinen Holzbauten und einige Häuser der Gründerzeit den neuen Kaufhäusern und Büros weichen müssen. Nur wenige Menschen lebten heute noch in diesem Viertel, die meisten waren weiter ins Innere der Stadt gezogen. Die Wall Street war jetzt eine Straße der Banken und Finanzinstitutionen. Die Trinity Church, an die sie so viele Erinnerungen hatte, lag mittendrin und war eines der wenigen übrig gebliebenen alten Gebäude. Sie fand es schade, dass der elegante Turm der Kirche bald von den riesigen Gebäuden überragt werden würde, welche die New Yorker offenbar so liebten. Aber Amerikaner schienen grundsätzlich nicht sentimental mit historischen Plätzen verbunden zu sein.

Castle Clinton sah jedoch immer noch ziemlich wie früher aus, obwohl es zu ihrer Zeit eine Insel gewesen war, die vom Land aus über eine Brücke zu erreichen gewesen war. Man hatte schon vor Jahren der See einiges an Land abgerungen, indem man sie tonnenweise mit Schutt und Geröll angefüllt und anschließend begrünt hatte. So war damals der Battery Park entstanden. Zwischenzeitlich war Castle Clinton die Ankunftsstation für Immigranten gewesen, heute beherbergte es ein Aquarium. Achtzehnhundertzweiundvierzig jedoch war es eine Konzerthalle gewesen, umgeben von einem kleinen Park, und dort hatte sie Flynn O’Reilly das erste Mal getroffen.

Sie schloss ihre Augen für einen Moment und dachte an seinen ersten Kuss. Seltsamerweise spürte sie nach all den Jahren immer noch genau seine Magie und erinnerte sich an die emotionalen Turbulenzen, die er damals ausgelöst hatte.

»Ich frage mich, was wohl geschehen wäre.« Sie hatte laut gedacht.

»Wem wäre was geschehen, Ma’am?«

Sie war erschrocken, als sie das junge Mädchen wahrnahm, das neben ihr saß und sie fragend anschaute. Aber sie schämte sich nicht. Sie empfand es als einen der wenigen Vorteile des Alters, sich jederzeit die Freiheit nehmen zu können, genau das zu tun, was einem gefiel, sogar Selbstgespräche zu führen.

»Was mir passiert wäre, wenn ich mit meiner ersten Liebe davongelaufen wäre«, erklärte sie mit einem warmen Lächeln. »Mein Leben wäre wohl etwas anders verlaufen.«

Fanny war erfreut, dass die alte Dame reden wollte. Abgesehen davon, dass sie ungemein neugierig auf die Geschichte dieser seltsamen Passagierin war, hatte sie bei ihrer Arbeit meist mit Männern zu tun, und sie sehnte sich oft nach weiblicher Gesellschaft. Deshalb war sie auch mit einer warmen Decke auf die Dame zugegangen, um zu schauen, ob sie fror, aber hauptsächlich, um ein Gespräch anzufangen.

»War er reich?«, hakte sie nach, bemüht um einen leichten Tonfall.

Die alte Dame schüttelte den Kopf. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen. »Oh, nein. Nur ein armer irischer Junge.«

»Dann war es gut, dass Sie nicht mit ihm davongelaufen sind«, erwiderte Fanny. »Es gibt verdammt wenige Iren, die hier reich werden. Doch viele Brauereien haben ihren Reichtum der Trinksucht der Iren zu verdanken.«

»Es mag sein, dass sie viel trinken, aber ganz sicher sind sie gute Liebhaber«, antwortete die alte Dame. »Ich denke, mir ist Leidenschaft wichtiger als Reichtum.«

Für einen Moment war Fanny verblüfft. Obwohl sie von Leuten ihres eigenen Schlages derbe Kommentare über das andere Geschlecht gewohnt war, hätte sie so eine Bemerkung nie von einer richtigen Dame erwartet. Sie bot ihr die Decke an und erklärte, dass der Wind stärker werden würde, wenn sie erst in die Bucht hinausgefahren waren, und legte sie der Dame über den Schoß. Sie holte einmal tief Luft und platzte schließlich mit ihrer Frage heraus: »Warum wollten Sie hier rausfahren, Ma’am?«

Die alte Dame schaute Fanny für einen Moment prüfend an. Sie trug einen fadenscheinigen, viel zu großen Seemannsmantel und hatte einen dicken gestreiften Schal um Kopf und Hals geschlungen. Ihre Nasenspitze war von der Kälte gerötet, aber ihre Augen blitzten sie interessiert an. Sie dachte, dies war wohl noch eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, sie selbst war auch immer extrem wissbegierig gewesen.

»Ich glaube, das Alter macht einen ganz schön sentimental. Ich wollte mir all die Veränderungen ansehen«, sagte sie und zeigte mit ihrer behandschuhten Hand in Richtung Ufer. »Weißt du, Liebes, ich war so alt wie du jetzt, als ich das erste Mal nach New York kam. Ich habe zwar nur ein paar Jahre hier gelebt, aber das hat mein gesamtes Leben geprägt und beeinflusst. Jetzt zieht es mich wieder nach Hause, und ich wünsche mir, dass ein paar neue Erinnerungen zu den alten hinzukommen, wenn ich fahre.«

»In welchem Bundesstaat sind Sie denn zu Hause?«, wollte Fanny wissen.

Die alte Dame lachte.

»In welchem Bundesstaat sind Sie zu Hause?« Sie wiederholte die Frage und imitierte dabei Fannys Akzent. Dann musste sie wieder lachen. »Mädchen, du gefällst mir. Ein halbes Jahrhundert habe ich Gott weiß was getan, um wie eine Amerikanerin zu klingen und zu handeln. Aber sobald ich meinen Mund geöffnet habe, hat immer jeder gleich erraten, dass ich Engländerin bin. Jetzt stehe ich kurz vor der Heimfahrt, und du hältst mich für einen Yankee. Du bist ein Schatz.«

»Da bin ich aber platt.« Fanny sank auf die Bank neben ihr. Sie hatte zwar etwas Ungewohntes in der Stimme der alten Dame bemerkt, aber in New York gab es genauso viele Akzente wie Bars. »Ich hatte den Eindruck, Sie kämen von einem dieser schicken Häuser auf der Fifth Avenue! Bitte, erzählen Sie mir doch ein bisschen von sich. Das heißt, natürlich nur, wenn Sie Lust haben.«

»Mein Name ist Matilda Jennings«, entgegnete die Dame mit fester, klarer Stimme. »Heute kam ich tatsächlich aus einem dieser schicken Häuser, aber vor vierundsiebzig Jahren wurde ich in einem abgetakelten Stadtteil von London geboren, das der Lower East Side in nichts nachsteht.«

Fanny fiel vor Überraschung die Kinnlade herunter. Sie hatte nicht viele Engländer kennen gelernt, doch die wenigen, die sie getroffen hatte, hatten in ihr den Eindruck erweckt, dass England voller Schlösser, Paläste und großer Herrenhäuser war. Keiner von ihnen hatte jemals zugegeben, dass es dort auch Slums gab. Aber noch mehr erstaunte sie das Alter der Dame. Wo sie lebte, erreichten die Menschen selten das sechzigste Lebensjahr und sahen noch viel früher alt aus. Doch diese Dame war vollkommen ohne Hilfe auf das Boot gestiegen, ihr Gang war schwungvoll, und obwohl ihr Gesicht durchaus Falten aufwies, war es weich und die Haut klar.

»Sie machen sich über mich lustig!«, erwiderte sie. »So alt können Sie gar nicht sein!«

Matilda antwortete nicht sofort. Stattdessen schälte sie langsam die weichen Lederhandschuhe von den Fingern und streckte Fanny ihre Hände entgegen. »Und, was siehst du jetzt?«, fragte sie.

Fannys eigene Hände waren vom Einholen der Taue schwielig, gerötet und rissig von Wind und Wetter, aber die Hände der alten Dame zeigten ihr, dass das Alter noch grausamer sein konnte als die Elemente. Es waren große Hände für eine so vornehme, zierliche Dame. Der Handrücken war mit Falten übersät. Die Knöchel waren angeschwollen und verformt. Sie hatte ein paar Fingernägel verloren, an deren Stelle die Haut hässlich vernarbt war.

»Sie haben sehr hart gearbeitet«, bemerkte Fanny leise. Sie war verblüfft, denn dies hatte sie nicht erwartet. Sie drehte die Hände um, sah sich die Handinnenfläche an und strich mit ihrem Finger über die Haut, die sich trocken und brüchig wie Herbstlaub anfühlte. Das waren tatsächlich die Hände einer alten Frau.

»Sie sind hässlich und sollten besser verborgen bleiben.« Matilda zog sich die Handschuhe wieder über. »Aber sie können dir eine Menge über mein Leben erzählen. Dass sie Böden geschrubbt und Felder umgegraben haben, kannst du dir sicher denken. Doch das ist nicht alles. Sie haben Babys beruhigt, Planwagen gesteuert, Gewehre abgefeuert, Tote begraben und noch viele andere Dinge getan.«

Fanny wollte gern wissen, wie sie so reich geworden war, dass sie sich einen solch wundervollen Mantel leisten konnte, aber sie wusste, dass diese Frage zu aufdringlich erscheinen würde.

»Als ich dann endlich Geld verdiente«, fuhr Matilda fort, »gab ich ein Vermögen für Cremes und Salben aus, doch da war es bereits zu spät. Nichts konnte meine Hände wieder schön machen. Ich habe mich ihrer so geschämt, dass ich immer Handschuhe getragen habe. Doch jetzt bin ich alt, und die Eitelkeit lässt nach, genauso wie es Kummer nach einer Zeit tut. Heute schaue ich sie mir hin und wieder an und rufe mir ins Gedächtnis, dass nicht mein Verstand oder mein gutes Aussehen mich durch die schlechten Zeiten gebracht haben, sondern allein diese Hände und mein Wille. Ich hatte Glück, dass sie beide so stark waren.«

Fanny empfand eine Woge der Bewunderung für die englische Dame, die so geradeheraus sprach. Sie selbst war unter Immigranten aufgewachsen, und die meisten von ihnen verloren die Ausdauer und Energie bereits wenige Wochen, nachdem sie vom Schiff gestiegen waren. Sie blieben in ihren elenden, überfüllten Mietshäusern, und im Laufe der Jahre begannen sie, anderen die Schuld für ihre Armut und Erfolglosigkeit zu geben. Diese Dame mit ihren teuren Pelzen war nicht nur ein Beweis dafür, dass es jeder mit einem starken Willen, mit Mut und Entschlossenheit von der Lower East Side zur Fifth Avenue schaffen konnte, sondern auch, dass man sich dabei Güte erhalten kann, ja sogar Demut.

»Ich dachte zuerst, Sie wären verrückt«, gestand Fanny zögernd. Plötzlich schämte sie sich ihres schnell gefassten Vorurteils. »Tut mir Leid.«

Matilda nahm die Hand des Mädchens in ihre eigenen behandschuhten und hielt sie fest. »Weißt du, Fanny, vielleicht bin ich verrückt, weil ich den Gestank des East River an einem kalten Märztag riechen will und mir Dinge ansehen möchte, von denen ich genau weiß, dass sie schmerzhafte Erinnerungen heraufbeschwören werden. Noch verrückter sogar, weil ich in ein Land zurückkehren möchte, das ich fast vergessen habe und dem ich ganz sicher entwachsen bin. Aber wenn man so alt ist wie ich, wird man automatisch so. Mich drängt es nachzuschauen, ob die Themse noch genauso breit ist wie früher und ob mir der Tower of London heute noch Angst einjagt. Ich glaube auch, dass ich in meinem eigenen Land sterben möchte, in dem keiner über die skandalöseren Teile meiner Vergangenheit Bescheid weiß.«

Fannys Augenbrauen schnellten nach oben und bildeten zwei perfekte Halbkreise.

Matilda kicherte, als sie ihr geschocktes Gesicht sah. »Oh, ja, Fanny! Zu meiner Zeit war ich ganz schön wild, aber das ist eine lange Geschichte. Ich würde sie dir gern erzählen, doch dies könnte meine letzte Chance sein, mir die alten Plätze noch einmal anzusehen und mich daran zu erinnern, wie alles gekommen ist.«

Fanny verstand, dass sie jetzt gehen sollte. Sie war nicht verletzt, denn sie spürte, dass Matilda genau meinte, was sie gesagt hatte. Sie stand auf und legte die Decke noch dichter um die alte Dame. »Ich bin wirklich froh, Sie getroffen zu haben, Ma’am«, meinte sie. »Genießen Sie jetzt die Fahrt, und wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie einfach!«

»Ich wusste, dass ich mir das richtige Boot ausgesucht habe«, entgegnete Matilda mit einem warmen, anerkennenden Lächeln.

Fanny ging zurück zur Steuerkabine, und Matilda konzentrierte sich auf die Aussicht auf die Bucht. Der Himmel war dunkelgrau gefärbt, der Wind wehte stark und war bitterkalt. Aber das war ihr nur recht, denn sie wollte nicht, dass Wärme und heller Sonnenschein ihr lediglich die glücklicheren Momente ihres Lebens in Erinnerung riefen.

Als Giuseppe in Richtung Ellis Island steuerte, bemerkte sie, wie ihre Augen die majestätische Freiheitsstatue fixierten, obwohl diese in ihrer Erinnerung keinen festen Platz hatte. Sie war erst vor ein paar Jahren errichtet worden, als auch die Einrichtung für Immigranten auf Ellis Island noch neu gewesen war. Dennoch bekam sie eine Gänsehaut, als sie zu der Statue hochsah. Nicht nur die schiere Größe verblüffte sie, sondern auch ihre unglaubliche Schönheit. Sie hoffte, die Statue würde all den armen, auf Booten dicht zusammengedrängten Immigranten Trost geben und ihnen Mut machen.

Giuseppe verringerte die Geschwindigkeit, als sie sich Ellis Island näherten. Das neue Gebäude für Immigranten wirkte mit seinen Kuppeln und Turmspitzen sehr eindrucksvoll, dennoch war es schon in »Insel der Tränen« umgetauft worden. Gerade hatte ein deutscher Dampfer angelegt, und ein dichter Strom von Passagieren bewegte sich durch die Gänge auf den Etagen. Obwohl sie wusste, dass ihre Fahrt über den Atlantik weniger als halb so lange gedauert hatte wie ihre eigene damals, konnte sie beim Näherkommen an den blassen, gezeichneten Gesichtern und den gebeugten Schultern der Leute erkennen, dass die Reise ein wahrer Albtraum gewesen sein musste.

Ihr kamen Tränen, als sie sich vorstellte, was die Menschen nun hier erwarten würde. Während die Reichen sofort von New York angezogen werden würden, ohne jemals den Eindruck zu erhalten, dass sie auf irgendeine Weise unerwünscht waren, mussten die Armen noch verschiedene Stationen der Beurteilung durchlaufen. Wie viele dieser Männer in schwarzen Mänteln und mit langen Schnurrbärten, die aussahen, als könnten sie nicht einmal ihr eigenes Gepäck tragen, würden wohl die strenge medizinische Untersuchung bestehen? Andere konnten wiederum über Sprach- und Lesetests und Beurteilungen ihrer persönlichen Fähigkeiten stolpern. Zu ihrer Zeit waren alle willkommen gewesen. Zwar war dieses Willkommensein nicht so weit gegangen, dass man anständige Wohnungen und gut bezahlte Arbeit bekommen hatte, aber wenigstens hatten sie damals nicht die Demütigung ertragen müssen, wieder nach Hause geschickt zu werden, weil sie nicht der amerikanischen Wunschvorstellung eines idealen Immigranten entsprachen.

Sogar das Meeresrauschen, der Wind, die Seemöwen und das Dröhnen der Motoren des Bootes konnten das jammervolle Geschrei hungriger und kranker Kinder nicht übertönen. Verängstigt aussehende Frauen drückten ihre Babys an die Brust. Ihre Augen suchten das gegenüberliegende Ufer nach den Verwandten ab, die sie zur Immigration gedrängt hatten und die sie jetzt begrüßen wollten.

Leider wusste Matilda jedoch, dass ihnen noch mehr Elend und böse Überraschungen bevorstanden. New York mochte ja blühen, aber ein Großteil des Wohlstandes hatte man aus ebendiesen Menschen gepresst. Sie kannte die schlimmen Umstände, unter denen die entsetzlichen East Side-Mietshäuser von skrupellosen Spekulanten gebaut worden waren, deren einziges Ziel es war, möglichst viele Dollars aus einem Quadratmeter zu ziehen. Wenn Matilda bestimmen dürfte, würde sie diese Männer zwingen, selbst in den Wohnungen zu hausen. Sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, die Hoffnung der Neuankömmlinge zu zerstören, wenn sie in kleinen, dunklen Räumen leben, sich mit vier Familien ein Waschbecken teilen mussten und den Abort sogar mit dem gesamten Wohnblock.

Dennoch war es heutzutage für die Immigranten ein Glück, überhaupt eines dieser Dreckslöcher zu finden. Viele von ihnen würden heute in einer armseligen, billigen Absteige übernachten müssen, die noch überfüllter und unhygienischer als das Schiff war. Wenn sie nicht wirklich schlau waren, würde man ihnen sicher auch Geld und Gut stehlen. Es gab ansteckende Krankheiten, mit denen sie würden kämpfen müssen, viele ihrer Kinder würden wahrscheinlich nicht länger als ein Jahr überleben, geschweige denn die Volljährigkeit erreichen. Amerika war nur etwas für die Tapferen. Man brauchte einen starken Körper, Beherztheit und Entschlossenheit, um hier seinen Weg zu finden.

Matilda schüttelte die pessimistischen Gedanken ab. Für die Willensstarken war es wirklich ein Land, in dem Träume wahr werden konnten. Nur wenige Meilen von den geschäftigen Stadtzentren entfernt wartete ein unglaublich schönes Land auf sie. Sie hoffte, dass all die armen Zuwanderer, die jetzt in das Gebäude trotteten, auch die glitzernden Flüsse, die Berge, Wälder und endlosen Prärien des Landes sehen würden. Sie waren zu spät angekommen, um noch ein ungebändigtes, wildes Amerika entdecken zu können, wie es ihr damals vergönnt war – die riesigen Büffelherden waren verschwunden, die Indianer, die überlebt hatten, hatte man in Reservate abgedrängt. Züge trugen die Menschen nun eilig von Küste zu Küste, und die Wege, die die frühen Pioniere in ihren Planwagen gefahren waren, waren vollständig verschwunden. Aber es gab noch so viel Aufregendes zu entdecken, so viele Möglichkeiten für diejenigen, die nur nach ihnen greifen wollten.

Als der Kahn etwa eine Stunde später zum Pier zurücktuckerte, wischte Matilda die letzte ihrer Tränen weg und richtete ihre Gedanken auf die Zukunft.

So viel hatte sie in diesem Land erfahren – Freude und Leid, Armut und Reichtum, große Liebe und auch Leidenschaft. So viele von denen, die sie geliebt hatte, waren tot. Insgesamt gesehen überwogen jedoch die positiven Erlebnisse die schlechten Erfahrungen. Sie hatte so viele liebe, gute Freunde gehabt, Liebhaber, die ihr Herz beglückt hatten, und sie hatte Dinge gesehen und getan, die sich wenige Frauen ihrer Generation auch nur vorstellen konnten. Sogar die abgrundtiefe Bosheit, mit der sie konfrontiert worden war, die schrecklichen Qualen und Schmerzen, sah sie aus der zeitlichen Distanz in einem freundlicheren Licht.

Für das, was vor ihr lag, war sie nun bereit. Morgen würde sie die Rückreise nach England buchen, eine Kabine der ersten Klasse, in der sie von einem Steward bedient werden würde, der denken musste, sie sei in solch einen Luxus hineingeboren. Und während der Überfahrt würde sie weiter an ihrer Rolle als feine Dame feilen.

Der Gedanke, dass die Erzählungen über London Lil nun für immer im amerikanischen Geschichtenschatz bleiben würden, gefiel ihr. Lil würde hier bleiben müssen, sie musste sich von ihr verabschieden und sie vergessen.

Oben in der Kabine saß Giuseppe am Steuerrad, und Fanny beobachtete still die alte Dame. Einige Male hatte sie in den vergangenen Stunden geweint, und Fannys Herz fühlte mit ihr. Sie wünschte, sie würde ihre ganze Lebensgeschichte kennen. Ob sie verwitwet war? Hatte sie Kinder und Enkelkinder? Oder war der Ire, von dem sie gesprochen hatte, ihre einzige große Liebe geblieben?

Fanny beobachtete, wie die Dame in den Bug des Bootes kletterte. Sie stützte sich mit einer Hand auf der Reling ab, während die andere etwas unter ihrem Mantel zu suchen schien. Fanny machte ihren Vater nicht darauf aufmerksam, da sie dachte, Matilda würde vielleicht ihre Strümpfe zurechtziehen wollen. Doch plötzlich sah sie etwas Kleines, hellrot Leuchtendes in ihrer Hand. Die alte Dame führte es an die Lippen, küsste es und murmelte etwas vor sich hin. Dann warf sie es ins Wasser.

Als Matilda sich wieder hingesetzt hatte, schlüpfte Fanny aus der Kabine und sah über die Reling des Bootes. Das kleine, rote Etwas schwamm auf der Oberfläche des Wassers. Es war nicht etwa ein Schal oder ein Taschentuch, sondern ein rotes Satinstrumpfband!

Fanny war sicher, es musste für die alte Dame eine ganz bestimmte Bedeutung haben, vielleicht ein Andenken an ihre erste Liebe. Sie würde alles dafür geben, die ganze Geschichte zu kennen.

1. Kapitel

London 1842

Als Matilda Jennings um sieben Uhr abends müde in den Finders Court einbog, erhaschte sie einen Blick auf einen vollen, roten Haarschopf, dessen Besitzer sich hinter einem Handkarren verbarg. Niemand außer ihren zwei Brüdern hatte solch feuriges Haar, und wenn sie sich vor ihr versteckten, konnte dies nur bedeuten, dass sie wieder etwas ausgefressen hatten.

»Luke! George! Wenn ihr keine Tracht Prügel riskieren wollt, kommt sofort hierher!«, rief sie.

Matilda war sechzehn Jahre alt und Blumenverkäuferin. Sie war völlig erschöpft von einem langen Tag, der um vier Uhr morgens am Covent Garden Markt begonnen hatte. Obwohl sie den ganzen Tag durch London gelaufen war und ihre Waren feilgeboten hatte, gelang es ihr trotzdem, unverwüstliche Lebendigkeit und Selbstsicherheit auszustrahlen.

Ihr blaues Kleid war abgetragen und mit Straßenschmutz befleckt, ihre Schürze völlig verdreckt. Aber ihr dichtes, butterfarbenes Haar war unter einer Haube ordentlich geflochten, und wenn sie lächelte, funkelten ihre blauen Augen. Die meisten Leute, die Matildas Blumen kauften, glaubten wahrscheinlich, sie sei ein Mädchen vom Lande, das Produkte aus dem eigenen Garten verkaufte. Sie konnten nicht wissen, dass ihre Wangen nur wegen des kalten Windes so rosig glühten und dass das Lächeln einfach zu ihrem Beruf gehörte. Unter dem weiten Kleid und Petticoat verbarg sich ein schlecht genährter, knochiger Körper. Ihr Umhang verbarg ihre von der Kälte gebeugten Schultern, und sobald ihr Korb leer war, humpelte sie mit abgetragenen Schuhen zu der Art von Mietshaus, die ihre Kunden schaudern lassen würde.

Im Finders Court lehnten sich baufällige zwei- und dreistöckige Häuser schräg aneinander und umgaben einen kleinen, armseligen Garten. Die Fenster in den oberen Stockwerken, von denen viele mit Holzstücken und Lumpen verschlossen worden waren, berührten beinahe die gegenüberliegenden. Jedes Haus hatte etwa zehn kleine Räume, und die meisten von ihnen wurden von mehr als einer Familie bewohnt. Finders Court lag direkt hinter der Rosemary Lane, dem größten Gebrauchtkleidermarkt in London, und war nur wenige Minuten vom Tower und der Themse entfernt.

An diesem eiskalten Märzabend herrschte zur Abenddämmerung auf dem Platz wie immer rege Geschäftigkeit. Straßenhändler versuchten, verwahrloste Frauen mit schmuddeligen Hauben, die sich aus den oberen Fenstern lehnten, zum Kauf der übrigen Waren auf ihren Handwagen zu verführen, schmutzverschmierte Dockarbeiter diskutierten gruppenweise die Arbeit des heutigen Tages oder aber den Mangel an Beschäftigung. Alte Männer und Frauen hatten sich auf Türschwellen niedergelassen, um eine Pause einzulegen, bevor sie die Treppen hochschwankten, die Schultern schwer mit Säcken beladen, die mit der Ausbeute der heutigen Nahrungssuche gefüllt waren. Verwahrloste Kinder bevölkerten die Wasserpumpe, an der sie ihre Eimer und Krüge füllten, während jüngere Geschwister um sie herum spielten und sich stritten. Weil ein einziger Abort von fünf- bis sechshundert Menschen benutzt wurde, weil Eimer mit Schmutzwasser genauso wie verfaulender Müll auf die Straßen gekippt wurde, war der Gestank nahezu unerträglich.

Da der Besitzer des roten Haarschopfes sich immer noch hinter dem Wagen versteckte, schrie Matilda noch einmal, diesmal lauter und in einem schrillen Tonfall, der sie unangenehm an die Mutter der Jungen erinnerte, Peggy. Vielleicht hatten sie die Ähnlichkeit auch bemerkt und wussten, dass Matilda genauso fähig war, ihnen eins hinter die Ohren zu geben, denn diesmal tauchten sie auf und schauten dabei etwas nervös drein.

»Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass ihr nach Hause gehen und das Feuer in Gang bringen sollt, bevor ich zurückkomme?«, rief sie, während sie den anderen Kindern in ihrem Weg auswich und Luke, den älteren Jungen, bei den Ohren packte. »Euer Vater wird bald zum Essen nach Hause kommen, und er möchte eine Tasse Tee, bevor er wieder geht.«

Luke war neun, George acht Jahre alt. Sie waren knochige, fuchsgesichtige kleine Zwerge und hatten mit ihrer Schwester nichts gemein außer den gleichen leuchtend blauen Augen. Matilda hatte sich seit der Geburt der Jungen um sie gekümmert, aber seit Peggy vor vier Jahren gestorben war, hatte sie auch die Mutterrolle übernommen. Sie hatte Peggy nie gemocht, und oft konnte sie auch ihre Söhne nicht leiden, doch ihres Vaters wegen tat sie nur das Beste für sie.

Als sie Luke näher an sich heranzog, verschlug sein Geruch ihr den Atem. »Was hast du bloß wieder angestellt?«, keuchte sie. Doch Luke brauchte ihr eigentlich nichts zu erklären. Sein Gestank sprach für sich. »Ihr verlausten Bengel, ihr habt wieder Hundedreck gesammelt.«

Nur die Menschen, die wirklich keine andere Überlebenschance mehr hatten, sammelten die Exkremente von Hunden ein und verkauften sie an Gerber, die damit ihr Leder bearbeiteten. Es gab eine Menge abstoßender Möglichkeiten, Geld zu verdienen, aber diese war sicher die schlimmste.

Matilda stellte ihren Korb ab und zog beide Jungen an den Ohren zur Wasserpumpe, an der ein einfältiger Bursche gerade seinen Krug füllte. Sie wies ihn an weiterzupumpen und hielt Lukes Kopf unter den Wasserstrahl. Sie packte ihn beim Schopf, holte einen Lumpen unter ihrer Schürze hervor und begann, ihn vom Kopf bis zu seinen schmutzigen Füßen abzuschrubben.

»Es ist eiskalt«, wimmerte er mit klappernden Zähnen, bis sie schließlich von ihm ließ, um die ganze Prozedur mit George zu wiederholen. »Außerdem haben wir es nur für dich getan. Wir haben einen ganzen Sixpence verdient.«

Wäre diese Erklärung von irgendeinem anderen Kind gekommen, wäre Matilda wahrscheinlich gerührt gewesen. Doch Luke war ein notorischer Lügner und jetzt schon ein unverbesserlicher Schurke. Ihr war klar, dass er und sein Bruder das Geld ausgegeben hätten, wenn sie die beiden nicht erwischt hätte. Obendrein hätten sie bestimmt gewartet, bis sie schlief, und wären dann stinkend zu ihr ins Bett gekrochen. Doch weil so viele Leute zuschauten, antwortete sie nicht, bis sie beide Jungen, immer noch triefend nass und zitternd, in die Wohnung gebracht hatte.

»Zieht eure Nachthemden an!«, sagte sie nur, während sie die Tür hinter sich zuzog. »Ich werde euch mal was erklären, wenn ich das Feuer in Gang gebracht habe. Und untersteht euch wegzulaufen!«

Im Raum war es dunkel, weil eines der Fenster zerbrochen und die Öffnung mit einem Holzstück verschlossen worden war. Es gab nicht viele Möbel: Ein Bett, in dem sie und die Jungs schliefen – Lucas, ihr Vater, schlief in einem improvisierten Bett aus Strohsäcken –, eine Bank, ein grober Holzschrank und ein kleiner Tisch waren alles, abgesehen vom Stuhl ihres Vaters. Er war aus massiver Eiche gefertigt, mit Armlehnen und einer durch die ständige Benutzung glatt polierten Sitzfläche. Der Stuhl war das einzig wertvolle Stück, das sie besaßen.

Nach kurzer Zeit hatte Matilda das Feuer in Gang gebracht. Sie wärmte ihre eiskalten Hände und überlegte, was sie ihren Brüdern sagen wollte. So grässlich Finders Court wohlhabenderen Menschen auch erscheinen mochte, Matilda konnte sich dennoch damit trösten, dass sie in einem der besseren Mietshäuser der Nachbarschaft wohnten. Hier wurden wenigstens nicht für einen Penny Schlafplätze an die Ärmsten der Armen vermietet. Sie kannte Häuser, in denen man bis zu dreißig Leute in einen Raum pferchte. Die armen Menschen hatten nicht einmal einen Stofffetzen, mit dem sie sich zudecken konnten. Dort schliefen Waisen von sechs Jahren und Kinder, die von zu Hause fortgelaufen waren, neben Kriminellen, Prostituierten, Bettlern und Schwachsinnigen. Waren die Kinder erst mal in solchen Häusern untergebracht, waren sie unweigerlich verloren und verdorben.

Matilda war ein intelligentes Mädchen. Ihr Beruf führte sie in die besseren Londoner Viertel, und sie hatte viele Aspekte der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich kennen gelernt. Einer der wichtigsten war, dass die reichen Kinder beschützt wurden. Dagegen fühlten sich die Armen oft schon nicht mehr für ihre Kinder verantwortlich, bevor sie Lukes Alter erreicht hatten. Sie erwarteten von ihnen, sich selbst versorgen zu können. Obwohl Matilda nichts dagegen einzuwenden hatte, dass ihre Brüder arbeiteten – schließlich war sie selbst schon seit ihrem zehnten Lebensjahr Blumenverkäuferin –, hielten sie und ihr Vater es für ihre Pflicht, den Kindern ein Zuhause zu bieten, bis sie reif genug waren, mit den Versuchungen und Gefahren Londons umgehen zu können. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wandte sie sich den Jungen zu. Mit ihren endlich einmal sauberen Gesichtern und ihren zitternden Körpern sahen sie bedauernswert aus. Matilda zog die Bank zum Feuer und forderte sie auf, sich hinzusetzen.

»Die Jennings haben nie Hundedreck gesammelt«, erklärte sie streng, die Hände in die Hüften gestemmt. »Die Jennings waren immer Fährmänner. Ein Fährmann zu sein ist ein sehr respektables Gewerbe, so wie Schreiner oder Baumeister, und in unserer Familie wird dieser Beruf seit sechs Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Was glaubt ihr denn, was Vater sagen wird, wenn ich ihm erzähle, was ihr gemacht habt?«

»Er wird uns windelweich schlagen«, jammerte George mit angsterfülltem Blick. »Ihr hättet es wahrhaft verdient«, Matilda nickte. »Hundedreck sammeln nur Bettler. Es ist noch schlimmer, als im Abfluss nach Müll zu suchen, und niedriger, als Geldbörsen zu stehlen. Wir Jennings haben zwar nicht viel, doch immerhin haben wir unseren Stolz. Ihr zieht unseren Familiennamen in den Schmutz!«

»Aber wir haben doch nur an dich gedacht«, meinte Luke weinerlich. Mit seinem roten Haar und seinem weißen Gesicht sah er im Feuerschein plötzlich sehr verletzlich und engelsgleich aus. »Wir wussten, dass du das Geld brauchst.«

»Euer Vater und ich verdienen genug, um euch zu versorgen«, erwiderte Matilda etwas sanfter gestimmt. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie noch kleine Jungen waren. »Wir möchten nur, dass ihr jeden Tag zu Miss Agnew geht, damit ihr Lesen und Schreiben lernt wie ich. Dann könnt ihr später ein anständiges Gewerbe erlernen.«

»Dir hat das Lesen und Schreiben doch auch nichts gebracht. Du bist nur Blumenverkäuferin«, meinte Luke aufsässig. »Das kann man sogar als blinder Krüppel.«

»Es ist vielleicht alles, was ich jetzt machen kann, aber wenigstens verkaufe ich nicht wie andere junge Mädchen meinen Körper.« Matilda war wütend. Luke war ein grausamer Bursche, und er hatte ein außerordentliches Talent, sie zu verletzen. »Ich gehe jeden Tag in feine Viertel, es ist saubere Arbeit, und die Blumen riechen schön. Reiche Damen und Gentlemen kaufen bei mir.«

Luke schaute nur verächtlich, wobei seine kantigen Gesichtszüge sehr denen der Ratten glichen, die an der Treppe entlanghuschten. Seinem ehrlichen und gütigen Vater glich er in keiner Weise.

»Ich mag die Schule nicht«, sagte George mit Tränen in den Augen. »Ich kann überhaupt nichts, und dann schlägt Miss Agnew uns auf die Ohren.«

Matilda seufzte tief. George war langsamer als sein Bruder, und sie bemitleidete ihn. Es gab keine richtigen Schulen für die wirklich Armen. Es gab nur Ordensschulen, in denen Frauen wie Miss Agnew ihre rudimentären Kenntnisse an diejenigen Kinder weitergaben, die den erforderlichen Halfpenny mitgebracht hatten. Matilda hatte auch bei Miss Agnew Schreiben und Rechnen gelernt, und sie wusste, wie grausam sie sein konnte, doch das war es ihr wert gewesen. Matilda las alles, was sie in die Hände bekam, meistens religiöse Abhandlungen und Fetzen aus der Zeitung, die sie auf der Straße fand, weil Bücher einfach zu teuer waren. Letzte Woche hatte sie sich jedoch die erste Nummer von Oliver Twist von Mr. Charles Dickens gekauft, und sie konnte die zweite Hälfte kaum erwarten.

Sie hatte eine schöne Handschrift und konnte addieren und multiplizieren. Wenn sie Arbeit in einem Geschäft finden würde, bräuchte sie sich nicht mehr zu sorgen. Das Problem war jedoch, dass keiner sie auch nur als Küchenmagd beschäftigen würde, solange sie nicht anständige Kleidung trug, die sie sich jedoch nicht leisten konnte. Es war ein Teufelskreis, aus dem sie nicht herauskam.

»Wenn ihr euch ein bisschen mehr bemüht, wird Miss Agnew euch nicht mehr schlagen«, entgegnete sie niedergeschlagen. »Jetzt versprecht mir, dass ihr morgen hingeht. Sonst erzähle ich Vater alles.«

Sie gaben ihr das Versprechen, aber sie wusste, dass es ein leeres war. Ein wenig Geld zu verdienen war für sie weitaus befriedigender als zu lernen. Vielleicht gaben sie das Hundedrecksammeln erst einmal auf, aber sie waren sicher mit den anderen Bengeln bald wieder an der Themse und suchten nach Dingen, die sie an die Seemannsgeschäfte verkaufen konnten: Nägel, Metallstückchen, Knochen und Holzstücke. Sie hätte genauso gut einer Wand zureden können.

»Dann her mit dem Sixpence«, forderte Matilda mit ausgestreckter Hand. »Und zieht eure nassen Sachen aus, ich hänge sie zum Trocknen auf. Ihr geht heute nirgendwo mehr hin.«

Luke warf ihr einen bösartigen Blick zu, während er ihr das Geld reichte. Sie vermutete, er würde versuchen, es ihr zu stehlen, bevor die Nacht vorüber war. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihr morgens ein paar wertvolle Pennys fehlten. Sie wrang die Kleider der Jungen aus und hängte sie über das Feuer. Sie waren noch fadenscheiniger als ihre eigenen. Sie hatte bereits so viele Flicken angenäht, dass bald keine Stelle mehr übrig blieb, an der sie neue Stofffetzen annähen konnte. Matilda hasste es auch, dass die beiden barfuß laufen mussten, aber ihre Füße waren hart wie Metall, und sie würden nicht einmal Stiefel tragen, wenn Matilda sie sich leisten könnte.

Die Jungs begannen gerade mit dem Abendessen, und das Wasser im Topf kochte bereits, als ihr Vater nach Hause kam. Er war ein kleiner, kräftiger Mann, seine Arme waren durch das jahrzehntelange Rudern gestählt. Sein Gesicht war braun und faltig wie eine Walnuss, wodurch er älter aussah als vierzig Jahre. Seine Zähne waren wie die der meisten Männer seiner Schicht nur noch schwarze Stümpfe, und sein blondes Haar war lang und ausgedünnt. Doch seine lebhaften, blauen Augen fielen den meisten Menschen sofort auf, ebenso wie seine Kleidung. Sein rauer Mantel und die dünnen Hosen waren die übliche Uniform eines Fährmannes, doch das saubere rote, mit weißen Tupfern versehene Halstuch und die schwarze, mit Goldbändern durchwirkte Kappe bewiesen, dass er die siebenjährige Ausbildung zum Fährmann abgeschlossen hatte, bevor er begonnen hatte, selbstständig an der Themse zu arbeiten. Seine langsamen Bewegungen und gebeugten Schultern verrieten seine Müdigkeit, dennoch lächelte er seine Kinder, die am kerzenbeleuchteten Tisch ihr Abendessen verspeisten, liebevoll an.

»Dieser Anblick kann einem das Herz erwärmen«, sagte er mit seiner rauen Stimme. »Drei saubere Gesichter und ein warmes Essen auf dem Tisch.«

Matilda kam auf ihn zu, küsste ihn auf die Wange und hängte seinen Mantel auf den Nagel hinter der Tür. »Hattest du einen guten Tag, Vater? Es war doch schön sonnig, nicht wahr?«

Der Frühling war dieses Jahr spät gekommen. Heute war der erste schöne Tag gewesen, und Matilda kam es so vor, als hätte es seit Wochen nur geregnet.

»Es war ganz in Ordnung, Matty«, seufzte er, setzte sich hin und streckte seine kalten Hände dem Feuer entgegen. »Die Sonne hat die Menschen auf die Straßen gelockt und ließ den Fluss wieder etwas freundlicher erscheinen, aber die meisten von ihnen laufen einfach über die Brücken, anstatt sich von uns auf die andere Seite rudern zu lassen. Es ist nicht mehr wie früher.«

Lucas nahm die große tönerne Tasse, die Matilda ihm reichte, und nippte dankbar an dem schwarzen Tee. In einer Stunde würde er wieder gehen müssen, da das Nachtgeschäft am Fluss das einträglichste war. Passagiere zahlten dann den doppelten Preis, um schnell zu den Vergnügungen auf der South Bank zu gelangen. Doch die Arbeit in der Nacht barg ihre eigenen Gefahren. Betrunkene Narren wollten Freunden ihren Mut beweisen, indem sie während der Fahrt aufstanden und das Boot hin und her schaukelten. Oft versuchte man auch, ihn auszurauben. Aber Lucas sorgte sich nicht so sehr um seine eigene Sicherheit, vielmehr ließ er seine Kinder nachts ungern allein. Finders Court war in der letzten Zeit sehr viel gefährlicher geworden. Matilda war ein hübsches Ding, und er hatte längst bemerkt, wie manche der männlichen Nachbarn sie anstarrten.

Matilda reichte ihrem Vater das Essen. »Ich hatte heute einen guten Tag. Ich habe fast drei Shilling verdient. Weil ich so früh auf dem Markt war, habe ich noch Schlüsselblumen und Veilchen ergattert.«

Lucas Gesicht verdunkelte sich. Die Vorstellung, dass sie gewöhnlich ihren Arbeitstag begann, während er noch tief und fest schlief, gefiel ihm nicht. Obwohl er sehr stolz auf seine hart arbeitende Tochter war, bereute er zutiefst, dass er ihre Chancen im Leben durch seine Beziehung zu Peggy unweigerlich verschlechtert hatte.

Ihre Mutter Nell war damals im Kindbett gestorben, und er war mit dem kränklichen Baby Ruth und der fünfjährigen Matilda zurückgeblieben. Seine beiden älteren Söhne John und James waren damals neun und zehn Jahre alt gewesen. Er war völlig von der Trauer um seine geliebte Frau überwältigt gewesen und außer Stande, sich um die Kinder zu kümmern, als die siebzehnjährige Peggy, die gerade in den Finders Court gezogen war, ihm Hilfe mit den Kindern angeboten hatte. Es war ihm damals nicht in den Sinn gekommen, sich in Acht zu nehmen. Als Baby Ruth schließlich starb, hätte er Peggy eigentlich fortschicken sollen. Aber er bedurfte zu sehr des Trostes einer Frau an seiner Seite, als dass er seinen stillen Zweifeln an ihrer Eignung als Stiefmutter nachgegeben hätte. Als Luke geboren wurde, wusste er bereits, dass die verschwundenen persönlichen Dinge von Nell und Teile der Wohnungseinrichtung nicht gestohlen worden waren, wie Peggy immer behauptet hatte. Stattdessen hatte sie sie verkauft, um sich ihren Ginkonsum zu ermöglichen. Ihm war auch bewusst, dass sie nicht eine so begabte Haushälterin wie Nell war und dass sie ihre Stiefkinder oft schlecht behandelte, aber er war in seiner Überzeugung gefangen, dass ein Mann sich um die Frau zu kümmern habe, die ihm ein Kind geboren hatte.

Zwei Jahre später, nach Georges Geburt, war Peggy bereits jeden Tag betrunken, und Matilda musste die zwei kleinen Kinder versorgen. Die älteren Jungen verließen das Haus, so oft es nur ging, und Lucas war erleichtert, als sie schließlich zur See gingen. Das Leben in der Navy war zwar unerbittlich hart, aber sie hatten dort bessere Aussichten, als Lucas ihnen jemals bieten konnte.

Vor vier Jahren war Peggy gestorben. Betrunken wie immer, war sie unter die Räder einer Kutsche geraten. Lucas hatte ihr nicht eine Träne nachgeweint, denn zu diesem Zeitpunkt wusste er auch, dass sie sich für den Wert eines Glases Gin jedem Mann hingegeben hatte. Aber er bedauerte sehr, dass Matilda nun noch mehr Verantwortung für die Jungen übernehmen musste. Sie hatte wahrlich Besseres verdient.

»Du bist ein braves Mädchen«, sagte Lucas und zog sie an sich. »Du ähnelst deiner Mutter so sehr! Ich wünschte, ich könnte mehr für dich tun.«

Als ihr Vater sie um die Taille fasste und sie umarmte, verspürte Matilda einen Kloß im Hals. Er sprach nur noch selten über Nell, aber sogar seine wenigen Äußerungen bewiesen, dass er noch oft an sie dachte und sich dafür verantwortlich fühlte, dass ihr gemeinsames Leben völlig anders verlaufen war, als sie es sich erhofft hatten.

Lucas war erst neunzehn gewesen, als er Nell achtzehnhundertachtzehn zum ersten Mal in Greenwich gesehen hatte. Er hatte in seinem Boot auf einen Passagier gewartet, den er von Westminster aus übergesetzt hatte. Sie hatte am Kai gestanden und die Boote beobachtet, und er war auf den ersten Blick von ihren rosigen Wangen und ihrem goldenen Haar fasziniert gewesen. Lucas hatte sich bis dahin nicht viel aus Mädchen gemacht, aber als Nell ihn anlächelte, fühlte er sich mutig genug, aus seinem Boot zu steigen und sie anzusprechen. Sie sagte, sie liebe es, die Boote auf dem Fluss zu beobachten. »Es ist für mich eine willkommene Abwechslung zu meinem Beruf als Zimmermädchen«, fügte sie hinzu. Ihre Stimme klang anders als die der Londoner Mädchen, weich und melodisch, und als Lucas sie darauf ansprach, lachte sie und erzählte, dass sie ursprünglich aus Oxfordshire stammte. Sie war als Dreizehnjährige nach London gekommen, um für einen Kapitän zu arbeiten, und in den sieben Jahren, die sie für ihn gearbeitet hatte, war sie von der Position der Küchenmagd zu ihrer jetzigen Stellung aufgestiegen.

Lucas erwischte sich nach dieser Begegnung dabei, auf Fahrten nach Greenwich zu spekulieren, nur um Nell bald wiederzusehen. Die Häufigkeit, mit der er sie dort tatsächlich am Kai wartend antraf, verriet ihm, dass es ihr ähnlich ging. Ihr Wesen war so erfrischend, sie war ein glückliches Mädchen, das von ihrem Arbeitgeber und Beruf mit sehr viel Zuneigung berichtete. Obwohl Lucas noch zwei Jahre seiner Ausbildung bei seinem Vater ableisten musste, bevor er selbstständig auf dem Fluss arbeiten konnte, und ihm klar war, dass es deshalb sehr unvernünftig war, einem Mädchen den Hof zu machen, verliebte er sich unsterblich in Nell – und sie sich in ihn. Sie gingen beide viele Risiken ein. Nell hätte ohne Zeugnis entlassen werden können, wenn bekannt geworden wäre, dass sie ihn traf. Silas, Lucas’ Vater, hätte ihn windelweich geschlagen, wenn er gewusst hätte, dass Lucas das Boot während seiner Spaziergänge mit Nell unbeaufsichtigt am Ufer zurückließ. Aber allein die Freude, sich zu sehen, ließ sie alle Risiken vergessen.

Als Lucas seinem Vater erzählte, dass er heiraten wolle, erklärte Silas ihn zunächst für verrückt. Abgesehen davon, dass nur wenige Arbeiter auf eine legitime Verbindung Wert legten, fand er, dass Lucas zu jung sei, um die Verantwortung für eine Frau zu übernehmen. Doch als er Nell traf, änderte er seine Meinung. Er war beeindruckt von ihrer Anständigkeit, ihrem hübschen Gesicht und ihrer sanften Stimme. Vielleicht hatte er auch die Vorteile bedacht, welche ihm diese Hochzeit bringen würde, denn seit dem Tod seiner eigenen Frau vor fünf Jahren hatte er mit Lucas allein gelebt, und seine Gesundheit schwand langsam dahin.

Ihr Eheleben in einem Haus mit nur zwei Zimmern zu beginnen, die sie mit dem Schwiegervater teilen musste, war nicht die Erfüllung von Nells Hoffnungen gewesen, aber sie trug bereits Lucas’ Kind und war von Natur aus optimistisch und warmherzig. Sie schmiedeten Pläne, ein eigenes Heim zu beziehen, sobald Lucas seine Ausbildung beendet hatte. Nell brachte Ordnung in die beiden Räume, nähte Gardinen für die Fenster, kochte, wusch und flickte die Kleidung, und Silas lobte sie oft, sie sei die beste Hausfrau, die er je kennen gelernt habe. Ein Jahr nach Johns Geburt kam James zur Welt. Obwohl die Zeiten hart waren, da Silas oft zu krank zum Arbeiten war, waren sie glücklich. Als Lucas endlich frei war, auf der Themse zu arbeiten, starb Silas, und Nell wurde wieder schwanger.

Lucas verkaufte Silas’ Boot und versteckte das Geld in einer Schachtel unter dem Dielenboden. Er arbeitete, so viel er nur konnte, und jeder Tag brachte einen weiteren Shilling oder zwei ein, sodass Lucas’ und Nells Traum der Verwirklichung näher kam. Er würde ein eleganteres Boot kaufen, das feinere Passagiere anzog, und schon bald würden sie sich ein kleines Haus auf der Südseite des Flusses bei Lavender Hill leisten können.

Ein Feuer legte ihre Träume jedoch in Schutt und Asche. Im Winter des Jahres achtzehnhundertdreiundzwanzig, nur einen Monat, bevor das Baby zur Welt kommen sollte, brannte das kleine Holzhaus in Aldgate, in dem Lucas sein Leben lang gewohnt hatte, nieder – und mit ihm der angehäufte Schatz unter dem Dielenboden.

Vielleicht hatte der Schock Nells verfrühte Niederkunft ausgelöst. Jedenfalls hatten sie gerade erst ein Zimmer in Finders Court gefunden, als sie die ersten Wehen spürte. Das kleine Mädchen lebte nur ein paar Stunden, und Nell lag bitterlich weinend auf dem Stroh, das sie nur dürftig vor der Kälte schützte. Lucas tat sein Bestes für die Familie, aber ihm schien es, als hätte sich das Schicksal an diesem Punkt gegen ihn gewandt. Die Themse fror zu, sodass er nicht arbeiten konnte, und Nell und die beiden Jungen wurden krank. Auch später in diesem Jahr, als Lucas wieder arbeitete, war Nell nur noch ein Schatten ihrer selbst. Erst als Matilda im Jahre achtzehnhundertsechsundzwanzig geboren wurde, riss sie sich zusammen und versuchte, ihr bescheidenes Zimmer in ein wirkliches Zuhause zu verwandeln.

Kurz vor ihrem Tod nahm Nell Lucas das Versprechen ab, Matilda lesen und schreiben lernen zu lassen, sodass sie die Chance auf ein besseres Leben haben würde. Lucas erkannte heute rückblickend, dass dies das einzige Versprechen war, das er hatte halten können. Matilda küsste ihn auf die Wange und schreckte ihn aus seinen Gedanken.

»Du hast für mich alles getan, was du konntest«, sagte sie sanft. »Es wird schon wieder bergauf gehen, warte nur ab.«

Matilda wachte auf, als die Glocken vier Uhr schlugen. Es war so verlockend, sich noch einmal an ihre Brüder zu schmiegen und weiterzuschlafen, aber dann wären die Blumen am Covent Garden ausverkauft, bevor sie dort ankam. Sie kroch aus dem Bett und tastete nach ihrer Kleidung. Sie konnte ihren Vater nicht sehen, doch sie merkte an seinem lauten Schnarchen, dass er von seiner Nachtarbeit zurückgekehrt war. Rasch zog sie sich an, band ihre Schürze um, nahm ihren Korb und etwas Geld und machte sich auf den Weg zum Covent Garden, während sie an einem Stück Brot kaute.

Um halb sieben saß sie mit ein paar anderen Blumenmädchen auf den Stufen von St. Martin in the Fields. Sie hatte ein Dutzend Bündel Veilchen und ein weiteres Dutzend Schlüsselblumen für zwei Shilling gekauft, ein wenig Papier für einen Halfpenny, und für die Kordel hatte sie gar nichts zahlen müssen, sondern sie umsonst an den Ständen im Covent Garden bekommen. Jetzt arrangierte sie die Blumen zu kleinen Sträußen und fasste sie mit ein paar Blättern ein. Wenn sie daraus sechsunddreißig Sträuße band, die sie für je einen Penny weiterverkaufte, verdiente sie im schlechtesten Fall einen Shilling, meistens aber mehr, besonders wenn die Sonne schien und die Herren ihr Trinkgeld gaben. Glücklicherweise war es heute sonnig, der Frost schmolz langsam dahin, und es versprach, ein guter Tag zu werden.

Die meisten Mädchen waren jünger als Matilda, manche zählten gerade erst neun oder zehn Jahre. Viele von ihnen liefen barfuß, fast alle waren noch schmutziger und verwahrloster als Matilda, und ein Mädchen war sogar verkrüppelt. Wie gewöhnlich wurde nicht viel gesprochen; sie nickten nur und lächelten sich an, wenn jemand Neues zur Gruppe stieß. Als Matilda vor sechs Jahren angefangen hatte, Blumen zu verkaufen, hatte diese Stille sie beinahe aus der Fassung gebracht, aber heute konnte sie sich das Schweigen erklären. Jedes Mädchen hätte eine traurige Geschichte ihres Unglücks erzählen können. Doch sie ähnelten sich so sehr, dass sie keiner hören wollte. Sie versammelten sich hier morgens nur, um ein wenig Trost aus der Gesellschaft gleich Gesinnter zu ziehen, das genügte ihnen.

Manchmal half Matilda den Jüngeren beim Binden ihrer Sträuße. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, wie schwer sie selbst es anfangs gefunden hatte, die Blumen auf hübsche Art zusammenzulegen. Dennoch vermied sie ansonsten tiefer gehende Kontakte. Manchmal erkannte sie unter den neuen Gesichtern der Mädchen eines, dessen ältere Schwester sie vor Jahren gekannt hatte, aber sie hatte gelernt, sich nie nach ihnen zu erkundigen. Es war keine Seltenheit, dass Blumenmädchen mit etwa vierzehn Jahren der Prostitution verfielen.

Um acht Uhr begann Matilda ihre Runde über den Haymarket in Richtung Piccadilly. Diesen Teil Londons fand sie besonders merkwürdig, da er sich im Laufe des Tages so stark veränderte. Jetzt, am Morgen, eilten Verkäuferinnen und Geschäftsleute zur Arbeit und liefen an Straßenfegern und Bettlern vorbei. Sie hatte Glück, wenn sie zu dieser Zeit ein paar Sträuße verkaufen konnte, denn meistens waren die Leute zu beschäftigt, um anzuhalten. Gegen Mittag erschien plötzlich eine andere Klasse von Menschen, feine Damen und Herren stiegen aus Kutschen und gingen einkaufen oder zum Mittagessen. Auch zeigten sich Schwärme junger, hübscher Mädchen, die darauf hofften, von einem Gentleman angesprochen zu werden. Bis vor ein paar Jahren hatte Matilda diese frisch vom Lande kommenden Mädchen mit ihren modischen Kleidern, zierlichen Stiefeln und blumenbesetzten Hüten beneidet. Aber wie geschockt war sie gewesen, als sie gehört hatte, dass es »leichte Mädchen« waren, wie man hier die Prostituierten nannte. Am Abend öffneten dann die Theater und die Bars, und zu diesem Zeitpunkt war der Haymarket noch lebendiger und bunter als sonst.

Damen in weiten Reifröcken und mit kostbaren Juwelen stiegen aus den Kutschen, begleitet von Herren mit Frack und Zylinder. Schwertschlucker, Spieler und Jongleure belagerten die Gegend, und die Luft war vom Duft gerösteter Mandeln erfüllt. Aus jeder Ecke tönte Musik, und Sänger und Straßenmusikanten konkurrierten um die Pennys der Passanten.

Dennoch war die geschäftige Oxford Street ein besserer Ort, um Blumen zu verkaufen, und hierhin wollte sie heute gehen. Sie wusste, dass die Sonne Einkäufer anlocken würde, und der Anblick frischer Frühlingsblumen lockerte sogar die Geldbörsen der sparsamsten Hausfrauen. Mit ein bisschen Glück würde sie alle ihre Sträuße um zwei Uhr nachmittags verkauft haben.

Um ein Uhr war ihr Lächeln längst kein gezwungenes mehr. Sie hatte nur noch vier Sträuße übrig, und drei Mal hatten Männer ihr am Morgen ein Sixpencestück gegeben, ohne Wechselgeld zu verlangen. Matilda störte sich nicht an ihrem Hunger und Durst, da sie genug Geld in ihrer Schürze hatte, um auf dem Weg nach Hause eine Portion Fleischpastete und eine Flasche Ingwerlimonade kaufen zu können.

Matilda bewegte sich gerade über den Bürgersteig auf die Straße zu, als ihr Blick zufällig auf ein kleines Kind fiel, das aus einem Geschäft gelaufen kam und zielstrebig auf die Straße zurannte. Es war ein hübsches kleines Mädchen zwischen zwei und drei Jahren. Dunkle Locken quollen unter seinem weißen Hut hervor, sein Kleidchen war mit einem rosafarbenen Volant besetzt und seine Schuhe waren mit weißer Spitze verziert. Die Kleine war eindeutig ihrer Mutter oder dem Kindermädchen davongelaufen.

Trotz seines langen Kleides bewegte sich das Kind sehr rasch, und obwohl lauter Menschen auf der Straße waren, schien es von keinem wahrgenommen zu werden. Matildas Beschützerinstinkt rührte sich, und sie bahnte sich einen Weg durch die Menge. Doch plötzlich ließ das Geräusch von Hufen und Rädern auf dem Straßenpflaster Matilda den Kopf wenden. Zu ihrem Entsetzen eilte eine von vier Pferden gezogene Kutsche die Straße entlang. Matilda drehte sich zu dem Kind um und sah, dass es die Bordsteinkante erreicht und dort eine Pause eingelegt hatte. Es hatte die Pferde auch entdeckt und klatschte beim Anblick der sich nahenden Kutsche aufgeregt in die Hände. Um die Gefahr zu erkennen, war es noch viel zu klein, und es war mehr als wahrscheinlich, dass es auf die Straße springen würde. Matilda ließ ihren Korb fallen, stieß eine Warnung aus und stürzte vorwärts, verzweifelt Menschen aus ihrem Weg drängend. Die Pferde waren bereits so nah, dass Matilda fast ihren Geruch wahrnahm und ihre Wärme spürte. Dann sprang zu ihrem Entsetzen das kleine Mädchen auf die Straße, direkt auf die Kutsche zu. Matilda dachte nicht eine Sekunde an ihre eigene Sicherheit. Sie lief geradewegs auf die Straße und fasste das Mädchen um die Taille. Hinter sich hörte sie ein aufgeregtes Wiehern, aber ihre Gedanken konzentrierten sich nur auf das Kind. Ein grausamer Stoß auf den Rücken katapultierte sie nach vorne, und sie ließ das Kind auf den Bürgersteig sinken.

Ein starker Ammoniakgeruch war das Erste, das wieder in Matildas Bewusstsein drang, und sie schreckte instinktiv zurück.

»Kannst du mich hören?«, erklang eine männliche Stimme in ihrer Nähe. Als sie endlich wieder Klarheit erlangt hatte, bemerkte sie, dass sie auf dem Boden lag und ein Mann ihren Kopf stützte, während er ihr ein Riechfläschchen vor die Nase hielt. Sie war verwirrt und dachte, sie sei vor Hunger bewusstlos geworden und die Rettung des Kindes nur ein Traum gewesen.

»Natürlich kann ich Sie hören«, antwortete sie. »Und hören Sie endlich auf, mir dieses Zeug vor die Nase zu halten.«

Jemand lachte, und ihr wurde plötzlich klar, dass sich eine große Menge um sie herum versammelt hatte und sie anstarrte. Der Mann, der ihren Kopf stützte, hatte lockiges Haar und trug den weißen Kragen eines Pfarrers der Anglikanischen Kirche. Er war noch jung für sein Amt und hatte wehmütige, dunkle Augen.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Matilda Jennings«, erwiderte sie und kämpfte sich mühsam in eine sitzende Position. »Haben Sie ein kleines Mädchen gesehen?«

»Ja, habe ich«, sagte er. »Dank deiner Hilfe ist es jetzt sicher bei seiner Mutter.«

Matilda war erleichtert, dass sie sich nichts eingebildet hatte. »Ihre Mutter verdient eine Tracht Prügel dafür, dass sie es fortlaufen ließ«, meinte sie entrüstet. »Wo ist sie? Ich werde ihr mal was erzählen.«

Das schallende Gelächter der Menge um sie herum brachte Matilda noch mehr auf. »Worüber lachen sie?«, fragte sie. »Das ist nicht komisch. Das kleine Ding hätte totgetrampelt werden können.«

»Ich denke, sie lachen, weil du nicht nur unverletzt, sondern auch beherzt genug bist, deine Meinung offen zu sagen«, erklärte der Mann mit einem schwachen Lächeln. »Was du getan hast, war außergewöhnlich mutig. Lass mich dir jetzt aufhelfen.«

Als er sie bei den Händen fasste, um ihr beim Aufstehen zu helfen, zuckte Matilda vor Schmerz zusammen. Jemand in der Menge rief, sie brauche einen Arzt. Matilda war es gewohnt, ihren Verstand zum Überleben zu benutzen. Manchmal täuschte sie an einem kalten Tag zitternd vor, dass sie erbärmlich fror, um Mitleid zu erregen und auf diese Weise mehr Blumen zu verkaufen. Des Öfteren blickte sie auch mit sehnsuchtsvollem hungrigen Blick auf das Brot beim Bäcker, bis man ihr welches reichte. Sie wusste intuitiv, dass sie diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

»Mein Rücken, mein Rücken«, rief sie aus und verzerrte ihr Gesicht zu einer übertriebenen Grimasse der Qual. »Er tut so weh! Was ist damit passiert?«

Eine Frau bewegte sich auf Matilda zu. Sie war rundlich und sah sehr freundlich aus. »Die Pferdehufe haben dich an der Schulter verletzt«, erklärte sie. »Dein Kleid ist zerrissen, und die Wunde blutet sehr stark. Sie muss versorgt werden.«