Wo die Liebe hinführt …: Verlockende Leidenschaft - Roxanne St. Claire - E-Book

Wo die Liebe hinführt …: Verlockende Leidenschaft E-Book

Roxanne St. Claire

4,9
2,99 €

Beschreibung

Wie elektrisiert ist Laura beim Anblick von Colin, ihrem heimlichen Schwarm. Drei Wochen muss sie mit ihm in einem alten Herrenhaus verbringen. Erfüllt sich auf "Edgewater" Lauras Traum vom Happy End?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 201

Bewertungen
4,9 (16 Bewertungen)
14
2
0
0
0



Roxanne St. Claire

Wo die Liebe hinführt …: Verlockende Leidenschaft

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Ramm

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Fire Still Burns

Copyright © 2004 by Roxanne St. Claire

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München; Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

ISBN eBook 978-3-95649-404-8

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Die verkohlte Ruine von Edgewater ragte wie ein massiver düsterer Berg aus dem vertrockneten Gras. Colin McGrath schaute auf die Trümmer, die einmal eins der herrlichsten Herrenhäuser von Newport gewesen waren.

Edgewater war verschwunden. Und mit ihm ein Teil von Newports goldenem Zeitalter. Der Architekt in Colin trauerte um den Verlust eines herrlichen Bauwerks, denn er glaubte fest daran, dass Häuser eine eigene Seele besaßen, doch gleichzeitig jubilierte der Purist in ihm angesichts der Zerstörung eines allzu überladenen, überproportionierten Prunkbaus. Auf Rhode Island standen noch genug andere von dieser Sorte und lockten die Touristen scharenweise an.

Colin fand, dass ausufernde Extravaganz sich mit dem alten Jahrtausend überlebt hatte. Im Fall von Edgewater hatte die Natur bei diesem Selbstreinigungsprozess ein wenig nachgeholfen, und zwar in Form eines Blitzes, starker Winde und einer andauernden Trockenperiode. Und was als Gefallen für einen ihm nahe stehenden Menschen begonnen hatte, war zu Colins persönlicher Mission geworden.

Er hatte die Vision von dem Haus, das er nun anstelle von Edgewater bauen wollte, so lebhaft vor Augen, dass er im Grunde die Skizzen in der Mappe unter seinem Arm gar nicht brauchte.

Allein der Gedanke ließ ihn lächeln, als er entspannt auf das dreistöckige Kutscherhaus zuging, das als einziges Gebäude auf dem historischen Anwesen die Flammen überstanden hatte.

Die besten Architekten des Landes waren aufgerufen worden, ihre Entwürfe einzureichen. Colin musterte die Mitbewerber, die in schwarzen Anzügen und gestärkten weißen Hemden in Gruppen zusammen auf der Terrasse standen. Einige wenige Frauen trugen die feminine Variante dieser Uniform.

Man sah hier weder Pferdeschwänze, Ohrringe noch Jeans. Noch nicht.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, lief Colin die Treppe empor und merkte, wie die Gespräche verebbten und man sich zu ihm umdrehte. Das war nichts Neues. Er hatte die Architektenwelt durcheinandergebracht in den sechs Jahren, die er ihr angehörte. Eins war auf jeden Fall sicher: Jeder der hier Anwesenden kannte seinen Namen und seinen Ruf.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Mitbewerber zu prüfen. Die einzig ernst zu nehmende Konkurrenz für diesen Auftrag war „Hazelwood und Harrington“, kurz H&H genannt, und irgendwo in der Menge befand sich ein Vertreter dieser ehrwürdigen Firma mit einhundertfünfzigjähriger Geschichte. Vielleicht sogar Eugene Harrington selbst. Es war unerheblich, wen H&H geschickt hatte, es gab nur eine Person auf deren Gehaltsliste, die Colin interessierte, und die hatte man ganz sicher nicht geschickt. Zweifellos hielt seine Hoheit Harrington die Prinzessin in einem Elfenbeinturm gefangen. Um sie vor den Wölfen zu schützen … vor allem solchen mit langen Haaren.

„Die Präsentationen haben bereits begonnen“, informierte ihn ein grauhaariger, langweiliger Typ, der aus seiner Missbilligung über Colins Verspätung keinen Hehl machte. „Sie müssen sich bei der Sekretärin im Haus melden.“

Colin nickte dankend, ohne sich um den Tadel zu kümmern. Adrian Gilmore, der Besitzer von Edgewater, würde sich die Entwürfe seiner zehn Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge ansehen. Colin mochte nichts über seine Konkurrenten wissen, aber er hatte sich so viele Informationen wie möglich über den exzentrischen britischen Multimillionär beschafft, der sein abgebranntes Schloss in der Bellevue Avenue wieder aufbauen lassen wollte. Colin war fest entschlossen, sich diesen Auftrag zu angeln. Allerdings hatte er nicht die geringste Absicht, Edgewater wieder aufzubauen.

Eine junge Frau mit Klemmbrett ging vor einer geschlossenen Doppeltür auf und ab. Dahinter, so vermutete Colin, hielt Gilmore Hof.

„Sie müssen Mr McGrath sein“, sagte die Frau und ließ den Blick über seine lässige Aufmachung wandern. Der winzige Goldring in seinem rechten Ohr schien sie zu faszinieren.

Er lächelte. „Wie haben Sie das erraten?“

„Sie sind der Einzige auf meiner Liste, der sich noch nicht angemeldet hat. Und der einzige Mann, der keine Krawatte trägt.“

Er zwinkerte ihr zu und meinte verschwörerisch. „Ich wollte nicht ersticken.“

Sie lachte.

„Sagen Sie bloß nicht, dass der Buchstabe ‚M‘ schon dran war.“ Colin schaute zu der geschlossenen Tür.

„Sie kommen gerade noch rechtzeitig“, erklärte sie und wedelte ein wenig missbilligend mit ihrem Stift. „Sie sind der Nächste, gleich nach Miss Harrington.“

„Miss Harrington?“ Für den Bruchteil einer Sekunde drohte die Welt aus den Angeln zu geraten. „Laura Harrington?“

Noch ehe die Frau antworten konnte, öffnete sich die Tür, und Licht strömte in den dunklen Flur. Wie vom Türrahmen in Szene gesetzt und in strahlendes Sonnenlicht getaucht stand die Frau da, die ihn seit zehn Jahren in seinen Träumen verfolgte.

Laura.

Einen Moment lang vergaß er zu atmen.

Sie strich sich eine Locke ihres hellblonden, schulterlangen Haares zurück. Es war kürzer als in seiner Erinnerung, aber ihr Gesicht hatte sich in den zehn Jahren kaum verändert. Es war nur noch schöner geworden.

Noch immer besaß sie einen hellen Teint, moosgrüne Augen und Wangenknochen, die von Künstlerhand modelliert schienen. Als sie die Sekretärin anlächelte, vertieften sich die Grübchen, an die er sich so gut erinnern konnte, und es war, als träfe ihn ein Pfeil mitten ins Herz.

Der Anblick von Laura Harrington sandte eine Welle der Erregung durch seinen Körper, und ihr Anblick warf ihn fast um.

„Hallo, Laurie“, sagte er leise und blieb absichtlich im Schatten stehen.

Sie riss die Augen auf, und für eine Sekunde, nein, für den Bruchteil einer Sekunde bemerkte er darin den Ausdruck von Panik und Freude. Doch sofort erlosch dieser Funke und wich einem ausdruckslosen Blick.

„Wie bitte?“ Was man ungefähr mit „Niemand nennt mich Laurie und kommt ungestraft davon“ übersetzen konnte.

Er trat aus dem Schatten. „Colin McGrath.“ Förmlich reichte er ihr die Hand, so als wären sie sich niemals nähergekommen. Was natürlich darauf ankam, was man unter näher verstand.

Sie schaute ihn immer noch ausdruckslos an.

„Dein erstes Jahr im Carnegie Mellon College?“ Er berauschte sich am Anblick ihres hübschen Gesichts und ließ den Blick einen Moment auf ihrem schlanken Hals und der entblößten Haut ruhen, die das Dekolleté ihres Kostüms freigab. Er war sicher, dass er sich genau daran erinnerte, wie weich diese Haut war. Er beugte sich vor und flüsterte: „Das Buggyrennen?“

Eine leichte Röte breitete sich auf ihren Wangen aus. Offensichtlich erinnerte sie sich an die Nacht, als sich Lady Harrington alles andere als ladylike benommen hatte.

„Colin. Natürlich.“ Ihr weicher Ostküstenakzent klang distinguiert und verriet ihre Zugehörigkeit zur gehobenen Gesellschaft. „Ich habe gehört, dass du eine eigene Firma gegründet hast, in Pittsburgh.“ Hatte das ein wenig herablassend geklungen, als sie den Namen seiner Heimatstadt aussprach?

Aber zumindest wusste sie etwas über ihn. Hatte sie im Internet nachgeschaut und seine Karriere verfolgt, so wie er ihre? Seine gelegentlichen Eingaben in diverse Suchmaschinen hatten ergeben, dass sie ihr Studium an der Rhode Island School of Design absolviert hatte und seither im Architekturbüro ihres Vaters arbeitete. Er wusste, dass sie in Boston lebte und nicht verheiratet war.

„Ich lebe immer noch in Pittsburgh“, meinte er. „Aber ich komme herum.“

Ihr Blick wanderte zu seinem Ohrring und dem offenen Hemd. „Das glaube ich dir aufs Wort.“

Autsch.

„Wie schön, dass manches über die Jahre beim Alten bleibt“, kommentierte er trocken.

Nichts hatte sich geändert. Laura war noch immer eine Göttin, die ihn verachtete für die Nacht, in der sie von ihrem Podest direkt in die Arme – und das Bett – eines Unwürdigen gefallen war.

„Beim Alten bleibt?“ Sie hob fragend eine Augenbraue.

Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm einen Hauch von Lavendel wahr. „Du bist noch immer …“ Er schmunzelte, als sie die Augen aufriss. „… wundervoll.“

„Mr McGrath.“ Die Sekretärin holte ihn zurück, kurz bevor er sich vollends in Lauras Augen verlor. „Mr Gilmore ist jetzt für Sie bereit.“

Er bemerkte, dass Laura vor Erleichterung durchatmete. „Viel Glück mit deiner Präsentation.“

Er nickte, schaffte es jedoch, sie am Fortgehen zu hindern, indem er ihr den Weg verstellte. „Lass uns zusammen essen gehen, wenn ich fertig bin.“

Noch einmal leuchteten ihre Augen auf, doch sie lächelte kühl. „Danke, aber ich muss noch heute Nachmittag zurück nach Boston.“

Natürlich sagte sie Nein. In den vier Jahren, die sie beide noch auf dem College gewesen waren, hatte sie ihre Verachtung nur mit Mühe verbergen können, wann immer sich ihre Wege auf dem Campus oder im Fachbereich für Architektur versehentlich gekreuzt hatten. Sie hatte ihn keines Blickes gewürdigt.

Aber das lag zehn Jahre zurück. Fast ein Drittel ihres Lebens. Das Schicksal hatte sie zur selben Zeit an denselben Ort gebracht. Seine Großmutter würde das sein unerklärliches Glück nennen, das sie darauf zurückführte, dass er unter einem Regenbogen geboren worden war und daher ein Füllhorn voller Glück über ihm ausgeschüttet worden war.

„Komm schon, Laurie. Sag Daddy, dass du noch ein bisschen hier geblieben bist, um die Konkurrenz auszuspionieren.“

Die Sekretärin räusperte sich.

Laura lächelte herablassend, doch er sah eine winzige Ader an ihrem Hals pulsieren. Er hatte diese Ader geküsst.

„Wir machen uns keine Sorgen um die Konkurrenz“, sagte sie, während sie ihn umrundete. „H&H hat Edgewater im neunzehnten Jahrhundert erbaut, und wir werden es im einundzwanzigsten wieder errichten.“

„Mr McGrath, Mr Gilmore wartet.“

Der Humor war aus der Stimme der Sekretärin gewichen. Jetzt klang sie leicht irritiert.

„Auf Wiedersehen, Colin. Es war nett, dich wiederzusehen.“

Er würde Laura nicht so ohne Weiteres gehen lassen. Das hatte er schon einmal getan. „Nein.“ Er griff nach ihrem Arm, und sie entwand sich seinem Griff, als hätte sie sich verbrannt. Langsam, Junge. „Wir sollten reden. Über dieses Projekt.“

„Wo bleiben Sie, McGrath?“ Adrian Gilmores Stimme mit dem britischen Akzent ertönte aus dem großen Raum.

Colin schaute zu Laura und versuchte noch einmal sein Glück. „Ich muss dir etwas sagen“, erklärte er langsam und deutlich. „Über jene Nacht.“

Sie wurde blass und hob trotzig das Kinn. „Das ist Vergangenheit.“

„Diane!“ Colin hörte, wie Gilmore seinen Stuhl zurückschob. „Streichen Sie McGrath von der Liste, und holen Sie Perkins.“

Verdammt. Er berührte nun sacht ihre Schulter. „Warte auf mich, Laurie.“

Bevor sie antworten konnte, schlenderte er ins Zimmer und ging auf Adrian Gilmores Schreibtisch zu. „Kommen Sie ja nicht auf die Idee, mich zu übergehen, Adrian. Ich habe den Siegerentwurf in der Tasche.“

Der Millionär lachte nicht. „Ich mag zwar Selbstvertrauen, McGrath, aber strapazieren Sie meine Geduld nicht noch einmal.“

„Das Einzige, was ich gern strapazieren möchte, ist Ihre Vorstellungskraft, Adrian.“ Colin schüttelte dem Fast-Food-Tycoon die Hand und lächelte trotz seines aufgewühlten Inneren. Er öffnete seine Mappe, nahm die erste Skizze heraus und versuchte sich zu konzentrieren.

Würde Laura auf ihn warten? Und wenn ja, sollte er ihr die Wahrheit sagen? Dass er ihr die ganze Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, nur beim Schlafen zugesehen hatte?

Sie war in seinem Bett und in seinen Armen erwacht, zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Mal in ihrem Leben verkatert und hatte gedacht, dass er ihr die Unschuld geraubt hatte. Seinen Beteuerungen vom Gegenteil hatte sie keinen Glauben geschenkt. Er konnte es ihr noch nicht einmal verübeln, dass sie so sicher gewesen war, dass es passiert war. Schließlich war sie fast nackt gewesen, als sie zusammen mit ihm auf zerwühlten Laken aufgewacht war. Würde sie ihm jetzt glauben?

„Was zum Teufel ist das?“, fragte Gilmore und deutete auf die Skizze, die Colin herausgeholt hatte.

„Das, Adrian, ist Pineapple House. Es stand einhundertfünfzig Jahre vor Edgewater auf diesem Grundstück. Ich werde es für Sie entwerfen und bauen.“

Gerade als er seine Präsentation beginnen wollte, erkannte Colin, dass er, wenn er überhaupt noch eine winzige Chance bei Laura hatte, jetzt gerade dabei war, sie zu verspielen. Wenn er hier erfolgreich war.

Doch zumindest Adrian sah auf einmal sehr interessiert aus.

Laura stürmte aus dem Kutscherhaus, ohne auf die neugierigen Blicke der anderen Architekten zu achten. Erst kurz vor ihrem Wagen verlangsamte sie den Schritt. Sie hatte einen schattigen Parkplatz ergattert, da sie natürlich eine Stunde zu früh zu ihrem „Treffen mit dem Schicksal“, wie ihre Mitbewohnerin diesen wichtigen Termin beim Frühstück genannt hatte, erschienen war.

Allie wusste gar nicht, wie recht sie gehabt hatte. Aber nicht wegen des möglichen großen Auftrags. Stattdessen hatte das Schicksal ihr eine Wiederbegegnung mit dem Mann beschert, den sie nie hatte vergessen können.

Colin McGrath. Noch immer sah er aus wie ein junger Wilder und war unwiderstehlich.

Sie zog ihren Autoschlüssel aus der Tasche. Sie musste von hier verschwinden, bevor er seine Präsentation beendet hatte. Adrian Gilmore gestand jedem Architekten fünfzehn Minuten zu und keine Sekunde länger.

Als sie die Autotür öffnete, holte sie tief Luft und warf einen letzten Blick auf die Ruine von Edgewater. Doch statt der traurigen Ruine eines einstmals stattlichen Hauses sah sie dunkelbraune Augen mit kleinen goldenen Sprenkeln und seidig schimmerndes schwarzes Haar, das sie nur zu gern von dem schlichten Lederband befreit hätte, um mit den Fingern hindurchzufahren.

Oje, was war nur mit der überzeugenden, selbstsicheren, begabten Architektin passiert, die eben noch bei Adrian Gilmore geglänzt hatte? Colin McGrath war ihr passiert. Ein verführerisches Lächeln, eine geflüsterte Einladung, und schon schmolz ihre Professionalität dahin wie Butter in der Sonne. Es war nicht das erste Mal, dass ihr angesichts der bloßen Ausstrahlung dieses Mannes Hören und Sehen verging. Aber verflixt, es würde das letzte Mal sein.

Warte auf mich, Laurie.

Warum sandte ihr dieser neckende Kosename noch immer einen wohligen Schauer über den Rücken?

Weil er ihm so respektlos, so spielerisch und provokant über die Lippen kam?

Ich muss dir etwas erzählen über jene Nacht.

Ihr Puls beschleunigte sich, während ihr gleichzeitig verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf schossen.

Vielleicht wollte er sich entschuldigen. Was lächerlich war, denn er hatte nur das getan, was jeder heißblütige Zwanzigjährige getan hätte, wenn sich eine junge, betrunkene Studentin, die ihm schon seit Monaten hinterhergelaufen war, an den Hals warf.

Vielleicht wollte er sich bei ihr und ihrem Vater irgendwie einschmeicheln. Vielleicht ging seine Firma nicht so gut und er brauchte einen Job. Doch auch das war lächerlich, denn sie hatte gehört, wie erfolgreich er war. Vielleicht wollte er an das Vergangene anknüpfen. Doch das war das Lächerlichste überhaupt … denn …

Sie legte ihre Mappe auf den Rücksitz. Vergiss es, Laura.

Sie war nicht an Colin McGrath interessiert. Er war unverschämt, frech und gefährlich. Das hatte sie vor zehn Jahren auf die harte Tour lernen müssen.

Aber was konnte er ihr sagen wollen?

Sie atmete tief durch, schlug die Wagentür zu, ohne einzusteigen, und marschierte die Auffahrt entlang. Sie wollte nicht abfahren, ohne einen Blick aufs Meer geworfen zu haben. Und Colin wird mich wahrscheinlich nicht einmal bemerken, wenn ich einen Moment lang an den Klippen stehe, redete sie sich ein.

Nur eine hüfthohe Marmorbalustrade hielt die unvernünftigen Bewohner von Edgewater davon ab, sich über die berühmten Klippen von Newport hinab ins Meer zur stürzen.

Apropos unvernünftig … warum war sie denn nicht in ihren Wagen gestiegen und davongefahren, bevor Colin herauskam?

„Oh, verflixt.“ Ihr leises Stöhnen trug der frische Herbstwind davon. Laura starrte auf die weiße Gischt der Wellen, die sich vom blauschwarzen Wasser abhob, und umklammerte das Geländer.

Machte nicht jeder auf dem College irgendetwas Albernes? Betrank sich nicht jeder einmal und machte dann irgendwelche Dummheiten?

Nun, vielleicht tat es jeder. Aber nicht Laura Harrington. Auch wenn sie in den süßesten Jungen vom ganzen Campus unsterblich verschossen war. Auch wenn sie der Alkohol ihre Hemmungen vergessen ließ. Doch so viele Entschuldigungen sie sich auch ausdachte, immer landete sie an dem einzigen Ort, an dem sie niemals hätte landen dürfen. In Colins Bett.

„Danke, dass du gewartet hast.“

Sie erschrak beim Klang der Stimme, drehte sich um und rang nach Luft. Colin schlenderte über den verbrannten Rasen geradewegs auf sie zu, wofür die Ruine von Edgewater einen atemberaubenden Hintergrund abgab. Der Teufel entsteigt der Hölle, dachte sie, um Ärger zu machen und Herzen zu brechen.

„Ich hatte gehofft, dass du bleiben würdest.“ Ein kleines Lachen und Kopfnicken begleitete sein Geständnis, und das Sonnenlicht ließ seinen Goldohrring aufblitzen. Wer hätte gedacht, dass ein so kleines Schmuckstück so sexy sein konnte?

Laura machte einen Schritt rückwärts und dachte an das aufgewühlte Wasser direkt hinter ihr. Aber was war gefährlicher? Das Meer unter ihr oder der Teufel vor ihr? „Du warst aber nicht lange drin“, meinte sie.

Er kam näher. „Ich habe nicht viel Zeit gebraucht.“

Sie bemühte sich, seinem Blick standzuhalten, konnte aber auch nicht widerstehen, seine imposante Gestalt einer kurzen Prüfung zu unterziehen. Im Laufe der Jahre hatte sich der Oberkörper des schon damals sportlichen Colin noch weiter entwickelt, und durch das luftige Leinenhemd konnte sie die Umrisse seiner muskulösen Arme erkennen. Die ausgeblichene Jeans saß wie angegossen auf seinen schmalen Hüften. Jeans! Um sich mit einem der reichsten Männer der Welt zu treffen!

Nur Colin McGrath, der Rebell, traute sich so etwas.

„Aber du warst ja kaum fünf Minuten drin“, beharrte sie.

Er zuckte die Schultern und kam noch einen Schritt näher, was ihr die Möglichkeit bot, sein Gesicht zu studieren, das – leider – genauso anziehend war wie sein Körper. Seine Züge wirkten männlicher und ausgeprägter als damals, alles Jungenhafte war daraus verschwunden. Der Dreitagebart passte zu einem Mann, der sich in Jeans um einen millionenschweren Auftrag bewarb. Und seine braunen Schlafzimmeraugen wurden noch immer von sündhaft langen Wimpern beschattet.

„Ich hatte ja einen Anreiz, das Ganze schnell hinter mich zu bringen.“ Er lächelte verschmitzt. „Außerdem habe ich nur ein paar Minuten gebraucht, um den Auftrag zu bekommen.“

„Den Auftrag zu bek…“ Laura kniff die Augen zusammen. „Du lügst.“ Noch während sie das sagte, wusste sie, dass es stimmen musste. Colins Ehrlichkeit war genauso legendär wie das schulterlange Haar, das er stets im Nacken zusammengebunden trug.

„Er mochte meine Ideen.“ Lächelnd sah er ihr ins Gesicht und ließ seinen Blick dann langsam tiefer wandern. Das Lächeln verschwand, als er ihr wieder in die Augen sah. „Du siehst gut aus, Laurie.“

Das Kribbeln in ihrem Magen, waren das Schmetterlinge? Sie verschränkte die Arme und lehnte sich gegen das Geländer, was sie normalerweise in ihrem weißen Seidenkostüm nicht getan hätte. Aber ihre Beine wollten auf einmal ihren Dienst nicht mehr tun.

„Hat er dir das gesagt? Dass ihm deine Ideen gefallen?“ Adrian hatte das Gleiche zu ihr gesagt, bevor sie den Raum verlassen hatte.

„Das brauchte er nicht.“

Laura verfluchte nun seine Selbstsicherheit. Das hatte er schon immer ausgestrahlt: Selbstvertrauen und Offenheit. „Er ist erst halb durch mit den Präsentationen“, erinnerte sie ihn.

„Stimmt“, gab Colin zu. „Und die Konkurrenz ist groß. Zweifellos hat H&H eine Menge Arbeit in diesen Auftrag gesteckt.“

Hörte sie da einen Anflug von Neid heraus? Kaum vorstellbar. Colin hätte für die Größten und Besten arbeiten können, aber er hatte ihrem Vater einen Korb gegeben. Den Gerüchten nach war er nicht einmal zu einem zweiten Vorstellungsgespräch erschienen.

„Wir erfahren doch keine Sonderbehandlung, falls du das meinst.“

Er lächelte. „Das habe ich nicht gemeint, Laurie.“

Brauchte er auch nicht. Die gesamte Architektenbranche beäugte genauestens, wie H&H mit diesem Auftrag umging, und die gesamte Firma verfolgte ganz genau, wie Laura sich anstellte, um diesen Auftrag zu ergattern.

Edgewater war zum Heiligen Gral der Architektur geworden, und sie wollte ihn. Und sei es nur, um ihren Kollegen und allen anderen in der Branche ein für alle Mal zu beweisen, dass sie nicht nur die Tochter des Chefs war. Sie war eine talentierte Architektin. Wenn nur auch ihr Vater das endlich anerkennen würde.

Sie hob das Kinn. „H&H hat die Sachkenntnis, das Talent, die Mitarbeiter und die Geschichte, wie keine andere Firma sie vorweisen kann. Wir brauchen keine Fäden zu ziehen, um den Auftrag zu bekommen. Wir sind die beste Firma, um Edgewater wieder aufzubauen.“

Colin lachte leise und berührte ihr Kinn leicht mit dem Finger. „Spar dir deine Verkaufstaktik für Gilmore, Laurie. Ich habe nicht die Absicht, Edgewater wieder aufzubauen.“

„Was machst du denn dann hier? Alle Architektenbüros sind hier, um das verbrannte Anwesen wieder zu errichten.“

„Lass sie.“ Er zuckte die Schultern und drehte sich zu der Ruine um. „Ich will keine Prunkvilla bauen.“

Das war ja sehr interessant. Genau wie die dunklen Haare, die aus seinem offenen Hemdkragen hervorlugten. „Was hast du Adrian denn dann präsentiert?“

Er schaute Laura lange und intensiv an. „Ich werde es dir beim Mittagessen verraten.“

„Ich glaube, da irrst du dich.“

„Meinst du nicht, dass die Chefs von H&H gern wissen würden, was die Konkurrenz plant?“ Er beugte sich zu ihr. Er duftete nach Seife und Wald. „Informationen wie diese könnten die gesamte Kreativabteilung beeinflussen. Du könntest zur Heldin der Firma werden, Laurie.“

Himmel, war er gut. „Das ist Erpressung, McGrath.“

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Nur Mittagessen. Wenn ich dich erpressen wollte, dann würde ich härtere Geschütze auffahren.“

Wie zum Beispiel Alkohol. „Danke, aber ich muss wirklich los. Ich möchte mit der Arbeit anfangen.“ Sie warf ihm einen warnenden Blick zu. „Wir können diesen Auftrag noch immer bekommen, trotz deiner Selbstsicherheit und deiner vorschnellen Gewissheit.“

„Du bist ziemlich vorschnell, nicht ich.“ Er hielt sie mit einem eindringlichen Blick gefangen. „Ich habe dir doch gesagt, Laurie, dass ich mit dir über etwas Persönliches sprechen möchte.“

Sie wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. Weißt du, Laurie, ich glaube, ich habe dir nie gesagt, wie toll du auf dem Esszimmerfußboden, auf der Treppe und in meinem Zimmer gewesen bist.

Er griff nach ihrer Hand. „Komm schon, Laurie. Es ist gerade Essenszeit.“

Verdammt. Sie hatte geschworen, dass sie sich nie wieder in Colins Nähe aufhalten würde. Sie hatte geschworen, dass sie nie wieder etwas Stärkeres als grünen Tee trinken würde. Und sie hatte geschworen, dass sie niemals wieder ihren Körper einem Mann schenken würde, den sie nicht von ganzem Herzen liebte.

Sie hatte all ihre Regeln befolgt. Bis heute.

„Na gut.“

2. KAPITEL

Zum ersten Mal war Colin glücklich, dass er seine Harley zu Hause gelassen hatte und die Reise nach Newport in seinem, wenn auch nur wenig kundenfreundlicheren, deutschen Sportwagen zurückgelegt hatte.

Nicht dass er es nicht gern gesehen hätte, wenn Laura diesen hautengen Rock bis zu ihren Oberschenkeln hochgeschoben hätte, um sich auf seine Maschine zu schwingen. Aber damit hätte er sein Glück herausgefordert, und im Moment war er zufrieden, so wie es war.

„Lass uns hinunter zum Hafen fahren“, schlug er vor, als er die Beifahrertür des Porsches öffnete. „Zelda’s wird dir gefallen.“

Als sie in den Wagen stieg, rutschte Lauras Rock so weit hoch, dass Colin einen Blick auf ihre herrlichen Schenkel erhaschte. Er konnte sich ein kleines Zwinkern nicht verkneifen, als sie aufschaute und ihn dabei ertappte, wie er sie anstarrte.

„Ich mag Zelda’s“, versicherte sie ihm und zupfte an ihrem Rock, bevor sie nach dem Gurt griff. „Als ich in Providence studiert habe, war ich öfter in Newport.“

Sämtliche Botschaften ihrer Reaktion kamen bei ihm an. Sie kannte sich hier aus, sie hatte einen Universitätsabschluss, und er sollte aufhören, sie anzustarren.

Colin setzte sich hinter das Steuer und griff nach seiner Mappe, die vor ihren Füßen lag. „Tut mir leid, ich habe keinen Rücksitz. Ich kann sie aber in den Kofferraum tun.“

„Ich halte sie fest.“ Sie legte die Ledermappe auf ihren Schoß und verbarg damit ihre Beine.

„Willst du meine Entwürfe sehen?“, fragte er und deutete auf die Mappe. „Mach schon, du darfst einen Blick riskieren.“

Laura starrte ihn überrascht an. „Du würdest deine Ideen der Konkurrenz zeigen?“

Achselzuckend ließ er den Motor an. „Ihr würdet diese Entwürfe sowieso niemals in Betracht ziehen. Ich habe eine völlig andere Vision von Edgewater.“

Eine Sekunde lang spielte sie mit dem Reißverschluss, dann faltete sie die Hände zusammen. „Ich habe kein Interesse.“