Wo mein Herz dich findet - Kathryn Taylor - E-Book

Wo mein Herz dich findet E-Book

Kathryn Taylor

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8,99 €

Beschreibung

Ein plötzliches Unwetter zwingt die junge Cara, in einer einsamen Gegend Unterschlupf zu suchen. Ihr Gastgeber Liam scheint ihr jedoch nur widerwillig Obdach zu bieten. Caras Neugier ist geweckt: Warum lebt der attraktive Mann so zurückgezogen? Ihr wird schnell klar, dass seine raue Schale nur Fassade ist. Sie verliebt sich leidenschaftlich in den Außenseiter. Aber Liam kann ihr keine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft machen - denn sein dunkelstes Geheimnis droht ihre Familie zu zerstören ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422




Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

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Epilog

Über dieses Buch

Zum Träumen, Schwelgen, Mitfiebern – lassen Sie sich verzaubern vom malerischen Irland und erleben Sie große Gefühle!

Ein plötzliches Unwetter zwingt die junge Cara, in einer einsamen Gegend Unterschlupf zu suchen. Ihr Gastgeber Liam scheint ihr jedoch nur widerwillig Obdach zu bieten. Caras Neugier ist geweckt: Warum lebt der attraktive Mann so zurückgezogen? Ihr wird schnell klar, dass seine raue Schale nur Fassade ist. Sie verliebt sich leidenschaftlich in den Außenseiter. Aber Liam kann ihr keine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft machen – denn sein dunkelstes Geheimnis droht ihre Familie zu zerstören …

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End ging ihr Traum in Erfüllung: Mittlerweile wurden ihre Romane in fünfzehn Sprachen übersetzt und haben Stammplätze auf den Bestsellerlisten.

Kathryn Taylor

Wo meinHerzdich findet

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ann-Kathrin Schwarz, Berlin

Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.deunter Verwendung von Motiven von © MetamorphosaX/shutterstock; Magnia/shutterstock; © svitlyk/shutterstock; © Kazakov Maksim/shutterstock

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-5594-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Cara trat dicht an die massive Holztür heran und klopfte.

»Hallo? Ist jemand da?«

Angestrengt lauschte sie auf Geräusche aus dem Innern des Cottage. Doch außer dem Prasseln des Regens, der unablässig auf das Schieferdach trommelte und an den unebenen Steinwänden herunterlief, war nichts zu hören. Die kalten Tropfen trafen auch Cara, durchnässten ihre grasgrüne Strickjacke und ihr geblümtes Kleid und ließen ihre schulterlangen kupferroten Haare in Strähnen herunterhängen. Es fühlte sich beinahe an, als würde sie sich auflösen in dem Wasser, das unablässig auf sie herabströmte, und das verstärkte das Gefühl von Verlorenheit, das sich kalt in ihr ausbreitete und es ihr schwer machte, zu ihrem sonst so unerschütterlichen Optimismus zurückzufinden.

Sie trat ein paar Schritte zurück und sah zum Dach hoch. Aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Außerdem war ein grauer Jeep vor dem Schuppen neben dem Haus geparkt. Also musste doch jemand da sein!

»Hallo?« Sie hämmerte noch einmal gegen die Tür, diesmal mit der geballten Faust. »Bitte machen Sie doch auf!«

Als sich wieder nichts tat, wandte sie sich frustriert ab und sah sich noch einmal um. Das Cottage lag am Rand des Waldstücks, das sie gerade durchquert hatte. Ein paar Meter weiter öffnete sich eine ausgedehnte Wiesenfläche, von der aus man bei gutem Wetter sicher einen traumhaften Blick auf die hügelige, sattgrüne Landschaft der Grafschaft Kerry hatte. Im Moment verschwamm jedoch alles hinter den dichten Regenschleiern, und auch der Wald wirkte dunkel und wenig einladend.

Ansonsten war hier nichts. Der Weg, dem sie gefolgt war, endete an diesem einsam gelegenen Haus. Als Cara es auf der Suche nach Hilfe von Weitem entdeckt hatte, war es ihr wie die Rettung erschienen. Aber wenn hier niemand war, dann …

Ein Knarzen ließ sie erschrocken herumfahren. Die Tür öffnete sich, und ein Mann erschien im Türrahmen.

Er war groß und breitschultrig und trug ein Paar olivfarbene Hunter-Gummistiefel, Jeans und ein rotkariertes Hemd unter einer ebenfalls olivfarbenen Arbeitsweste. Sein dunkles, fast schwarzes Haar fiel bis auf seinen Hemdkragen, aber es verdeckte trotzdem nicht die breite rote Narbe, die seinen Hals zur Hälfte überzog. Ob sie bis zu seiner Wange hinaufreichte, konnte Cara nicht erkennen, denn ein dichter, dunkler Bart bedeckte den Großteil seines Gesichts und bildete einen Kontrast zu den eisblauen Augen, mit denen er sie grimmig fixierte.

»Was wollen Sie?«, fragte er, offenbar wenig begeistert über den unerwarteten Besuch.

»Ich …« Cara blinzelte gegen den Regen an, nicht sicher, ob sie wirklich noch wollte, dass dieser unfreundliche Mann ihr half. Aber sie hatte leider keine Wahl. »Ich bin oben auf dem Weg nach Glen Garvan mit dem Auto liegen geblieben.«

Der Mann runzelte die Stirn. »Was wollten Sie denn da?«

Die Frage war berechtigt, denn der Weg führte im Grunde nirgendwohin. Er endete ein Stück weiter oben mitten im Wald an einer alten Burgruine, deren Überreste so stark verwittert und überwuchert waren, dass sie wenig Sehenswertes boten und daher auch kaum Touristen anzogen. Wenn überhaupt, dann traf man hier Waldarbeiter und hin und wieder ein paar Wanderer. Cara war keins von beidem, aber der Grund, aus dem sie sich spontan entschlossen hatte, auf dem Weg nach Hause noch einen Schlenker zu fahren und die Ruine zu besuchen, ging den Mann nichts an. Deshalb hielt sie seinem misstrauischen Blick fast trotzig stand.

»Ich … war ein bisschen spazieren«, sagte sie. »Und dann stand auf der Rückfahrt plötzlich dieses Reh auf der Straße. Ich konnte gerade noch ausweichen und habe kurz angehalten, um mich von dem Schreck zu erholen. Als ich den Wagen wieder starten wollte, sprang er nicht mehr an. Ich glaube, es ist die Batterie, aber ich kenne mich damit nicht aus. Und Hilfe kann ich auch nicht holen, weil ich kein Handy dabeihabe.«

Das blöde Ding lag nämlich noch in ihrem WG-Zimmer in Cork. Cara vergaß es sonst nie, aber das Telefonat mit Amy hatte länger gedauert als erwartet, und weil sie ihren Eltern versprochen hatte, zur Teezeit in Namara zu sein, hatte sie in aller Eile ihre Sachen zusammengesucht und war losgefahren. Dass das Handy fehlte, hatte sie erst bemerkt, als es für eine Umkehr schon zu spät gewesen war.

»Ein Handy hätte Ihnen nichts genützt, hier oben hat man keinen Empfang«, erklärte der Mann schroff, so als würde er sich darüber ärgern, dass sie durch ihre Panne vor seiner Tür gelandet war. Mit gerunzelter Stirn blickte er sich um. »Sind Sie allein?«

Seine Frage überraschte Cara. Glaubte er im Ernst, dass sie noch jemanden im Gebüsch versteckt hatte?

»Ja, ich bin allein. Und ich brauche wirklich Ihre Hilfe.«

Ein Zittern durchlief sie, weil der kalte Regen ihre Kleidung inzwischen fast vollkommen durchweicht hatte. Was dem Mann nicht entging, denn der Ausdruck in seinen Augen wechselte, wurde weicher. Er brummte etwas, das wie eine Entschuldigung klang, und gab seine abweisende Haltung auf. Aber sein Gesicht blieb ernst, als er mit einem Kopfnicken ins Innere des Hauses deutete.

»Kommen Sie rein.«

Cara folgte ihm in das kleine Cottage und atmete erleichtert auf, als sie endlich im Trockenen war und von einer angenehmen Wärme umhüllt wurde.

Neugierig blickte sie sich um, erstaunt darüber, wie groß der Wohnraum wirkte, in dem sie stand. Vielleicht lag es daran, dass die Steinwände weiß verputzt waren. Die Farbe hatte mit den Jahren eine etwas dunklere Patina bekommen, was gut zu den freiliegenden Deckenbalken und den Holzdielen passte und das Zimmer auf eine rustikale Art gemütlich erscheinen ließ – ein Eindruck, den die bunt zusammengewürfelten Möbel noch unterstützten.

Unter dem Fenster neben der Tür befand sich ein Esstisch mit vier Stühlen, die nicht zusammenpassten. Auf der anderen Seite des Raumes stand unter einem weiteren Fenster ein dick gepolstertes Ledersofa, das lang genug war, um darauf zu liegen. Es wirkte neuer als der mit einem schon leicht zerschlissenen Tartanstoff bezogene Ohrensessel und der niedrige Couchtisch, dessen polierte Platte zahlreiche Kratzer und Spuren von Kerzenwachs aufwies.

An den Wänden hingen alte Fotografien, die Landschaftsmotive aus der Gegend zeigten, und in einer Ecke tickte laut eine alte Standuhr. Außerdem gab es mehrere Wandregale, die fast alle leer waren. Nur in dem, das neben dem Sessel angebracht war, standen Bücher, und auf dem Esstisch lagen Magazine sowie einige Briefe und Fotos, die der Mann gerade eilig zusammenschob und wegräumte.

»Sie wohnen noch nicht lange hier, oder?«

Die Bemerkung war Cara rausgerutscht, und sie bereute sie sofort, als der Mann abrupt innehielt und sie scharf ansah.

»Nein«, sagte er, und es lag eine unüberhörbare Warnung in seiner Stimme. Offenbar wollte er das Thema nicht weiter ausführen.

Also eher nicht der gesprächige Typ, dachte Cara. Hätte ich mir denken können.

Ihr Blick fiel auf den Ofen neben der Tür, die zu den übrigen Zimmern führte. Es war eines dieser Modelle, auf denen man auch kochen konnte, und der Mann nutzte das offenbar für sein Abendessen, denn auf einer der Platten stand ein gusseiserner Topf mit leicht geöffnetem Deckel. Was immer er enthielt, erfüllte den Raum mit einem köstlichen Duft nach … Colcannon, dachte Cara, ja, das musste es sein. Sie liebte dieses traditionelle irische Gericht aus Kartoffeln und Weißkohl. Der Gedanke an einen Teller davon hatte etwas sehr Verlockendes, aber sie schob ihn hastig beiseite. Schließlich wusste sie nicht, wie weit die Gastfreundschaft des Mannes reichte, der gerade ohne ein weiteres Wort durch die Tür in den hinteren Teil des Hauses verschwunden war. Als er wieder zurückkam, hielt er zwei Frotteetücher in der Hand.

»Hier. Damit können Sie sich abtrocknen.« Er musterte sie, und ihr wurde unangenehm bewusst, dass das durchnässte Kleid ihr am Körper klebte und sehr viel von ihren Rundungen preisgab. »Brauchen Sie was zum Anziehen?«

Cara hätte gerne Ja gesagt, aber sie wollte dem Mann nicht mehr Umstände machen als nötig.

»Nein, es geht schon. Aber darf ich vielleicht mal in Ihr Bad?«

Er deutete in den Flur, aus dem er gekommen war. »Die erste Tür rechts.«

Sie folgte seinen Anweisungen und trat in einen kleinen, aber sehr sauberen Raum, in dem sich eine Toilette, eine Dusche und ein Waschbecken befanden. Damit unterschied er sich nicht wesentlich von den Bädern, die zu den Zimmern im Hotel ihrer Eltern gehörten. Kurz fragte Cara sich, ob es an diesem abgelegenen Ort überhaupt fließendes Wasser und Strom gab. Ein Druck auf den Lichtschalter ließ die Lampe über ihr jedoch sofort aufleuchten, und auch das Wasser lief nach einem kurzen gurgelnden Geräusch problemlos aus dem Hahn, als sie ihn aufdrehte. Das funktionierte also alles, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie.

Gar nicht so übel, so ein Selbstversorgerhaus im Grünen, dachte sie, während sie sich die Haare trocken rubbelte. Das war sicher ein Paradies für jemanden, der gerne seine Ruhe hatte. Sie dachte an die auffällige Narbe am Hals des Mannes. Oder gab es noch andere Gründe, warum er hier so abgeschieden wohnte?

Das geht dich nichts an, erinnerte sie sich und betrachtete sich seufzend in dem kleinen gerahmten Spiegel über dem Waschbecken. Ihre grünen Augen wirkten riesig in ihrem blassen herzförmigen Gesicht, dem anzusehen war, wie sehr sie die Ereignisse der letzten Stunden angestrengt hatten. Erst das lange Gespräch mit ihrer Freundin Amy, dann der spontane Abstecher nach Glen Garvan, wo sie jeder Stein schmerzhaft an Isabel erinnerte, und schließlich der Beinahezusammenstoß mit dem Reh und der streikende Motor. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, war sie jetzt auf der Suche nach Hilfe auch noch an einen schlecht gelaunten Waldschrat geraten.

Apropos, dachte sie, als sie die Schritte des Mannes auf den knarrenden Holzdielen des Flurs näher kommen hörte.

»Ich habe Ihnen einen Pullover rausgelegt, den können Sie überziehen«, sagte er durch die Tür. »Ich schaue inzwischen im Schuppen nach, ob ich Überbrückungskabel finde.«

»Danke!«, rief Cara zurück, aber er antwortete nicht, und sie hörte nur, wie sich seine Schritte wieder entfernten. Sie wusch sich und benutzte den Kamm, den sie im Regal neben dem Waschbecken fand. Der Stoff des nassen Kleids lag klamm auf ihrer Haut, aber sie behielt es an und zog nur ihren Cardigan und die durchweichten Riemchensandalen aus. Dann trocknete sie sich mit dem Handtuch ab, so gut es ging, und kehrte nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel wieder in den Wohnraum zurück.

Auf dem Esstisch vor dem Fenster lag ein dicker grauer Pullover aus Strickfleece. Er war ordentlich zusammengefaltet und sah so warm und einladend aus, dass Cara schnell hineinschlüpfte, obwohl es ihr eigentlich widerstrebte, etwas von dem unfreundlichen Fremden anzunehmen. Natürlich war er viel zu groß, reichte ihr bis zu den Oberschenkeln, aber sie seufzte trotzdem dankbar und atmete den fremden Duft des Kleidungsstücks ein. Er war herb und frisch und überraschend angenehm. Jedenfalls wenn man bedenkt, welchem Griesgram der Pullover gehört, dachte Cara, während sie die Ärmel ein Stück aufkrempelte.

Unschlüssig, was sie jetzt tun sollte, ging sie zu dem Essplatz hinüber. Als sie sich gerade setzen wollte, blieb ihr Blick an etwas Hellem hängen, das vor ihren Füßen halb unter einem der Stühle lag.

Sie bückte sich danach und stellte fest, dass es zwei Fotos waren.

Das eine musste irgendwo an einem sonnigen Strand aufgenommen worden sein. Der Mann war darauf zu sehen – in Jeans und mit nacktem Oberkörper kniete er einige Meter von der Kamera entfernt im Sand und hatte die Arme um einen rotbraunen Irish Setter geschlungen, der neben ihm saß. Beide lachten, jedenfalls sah es so aus, als würde das auch der Hund tun, der mit hechelnder Zunge ebenfalls in die Kamera blickte. Die Aufnahme schien älter zu sein, denn der Mann wirkte darauf um einige Jahre jünger, und die Narbe fehlte, genau wie der dichte Bart. Sein Gesicht war dennoch nicht richtig zu erkennen, dafür war die Aufnahme zu unscharf.

Das zweite Foto war deutlich aktueller und zeigte den Mann, so wie er jetzt aussah, neben einem offenbar gerade erst errichteten Brunnen in einem Dorf, das sich der Landschaft nach zu urteilen vermutlich in Afrika befand. Im Hintergrund sah man Lehmhütten, und der Mann war umgeben von dunkelhäutigen, bunt gekleideten Dorfbewohnern, die in die Kamera strahlten. Er dagegen lächelte nicht, dabei hätte er wahrscheinlich Grund dazu gehabt, denn das Werkzeug in seiner Hand deutete darauf hin, dass er am Bau dieses Brunnens beteiligt gewesen war.

Cara verglich die Bilder noch einmal miteinander. Also ist er nicht immer so mürrisch gewesen wie jetzt, dachte sie. Und er war offenbar schon weit in der Welt herumgekommen …

Sie war so vertieft in die beiden Fotos, dass sie überrascht zusammenzuckte, als hinter ihr die Haustür aufging und der Mann wieder hereinkam. Sein dunkles Haar war jetzt nass vom Regen, genau wie seine Weste und sein Hemd, aber es schien ihm nichts auszumachen. Wieder bemerkte sie, wie groß er war, und wieder fiel ihr auf, dass seine Augen wirklich ungewöhnlich blau waren. Falls er die Überbrückungskabel gefunden hatte, dann mussten sie noch draußen liegen, denn er hielt nur einen zusammengeknüllten Lappen in der linken Hand, die zur Faust geballt war.

Cara lächelte ihn an, in der Hoffnung, dass er das vielleicht auch tun würde. Doch er starrte nur auf die Fotos in ihrer Hand.

»Was zur Hölle machen Sie da?« Mit zwei Schritten war er bei ihr und entriss ihr die Bilder. »Haben Sie in meinen Sachen herumgeschnüffelt?«

»Nein, natürlich nicht!« Cara musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen. »Die Fotos lagen auf dem Boden. Sie müssen Ihnen runtergefallen sein, als Sie die Papiere vom Tisch genommen haben. Ich habe sie nur aufgehoben.«

Obwohl ihr Herz wild schlug, hielt sie seinem Blick stand und sah, wie das Misstrauen, das darin aufgeflammt war, wieder verschwand. Mit einem Brummen wandte er sich von ihr ab und ging hinüber zu dem Regal, in das er die Sachen vom Tisch gelegt hatte. Er schob die Fotos zwischen die Papiere, dann verschwand er durch die Tür in den kleinen Flur, ohne sich noch mal nach ihr umzusehen.

Erschüttert über diesen unerwarteten Ausbruch sah Cara ihm nach und versuchte, sich zu beruhigen. Herrgott, was war denn los mit diesem Kerl? Und wieso kam er nicht zurück? War das seine Art, ihr zu sagen, dass er keine Lust mehr hatte, ihr zu helfen?

Schön, dachte sie wütend. Dann eben nicht! Sie hatte zwar keine Ahnung, wo sie das nächste Haus finden würde, aber sie würde trotzdem wieder gehen, weil sie es leid war, sich wie ein unwillkommener Eindringling zu fühlen.

Mit entschlossenen Schritten folgte sie dem Mann und entdeckte ihn in einer kleinen Kammer auf der Rückseite des Hauses, die offenbar als Küche diente. Jedenfalls gab es ein Spülbecken und einen Kühlschrank sowie diverse Einbauschränke und Regale mit Utensilien, die genauso zusammengewürfelt wirkten wie die Möbel im Wohnraum. Einer der Oberschränke war geöffnet, und der Mann stand vor der kleinen Arbeitsplatte neben der Spüle und versuchte, einen schwarzen Plastikkasten zu öffnen.

»Wissen Sie was? Vergessen Sie es!«, sagte Cara und gab sich keine Mühe, ihre Verärgerung zu verbergen. »Ich werde lieber wieder …«

Der Mann fluchte unterdrückt, als ihm der Kasten auf der glatten Arbeitsfläche zur Seite wegrutschte. Was kein Wunder war, denn er hatte nur eine Hand benutzt, um ihn zu öffnen. Die andere, mit der er den Kasten eigentlich hätte festhalten müssen, um den stramm sitzenden Verschluss zu lösen, hielt er mit angewinkeltem Arm nach oben, und seine Finger umklammerten immer noch das zusammengerollte Tuch. Es war jetzt allerdings nicht mehr weiß, sondern hatte sich dunkelrot verfärbt. Dunkelrot wie …

»Mein Gott!«, rief Cara entsetzt. »Sie bluten ja!«

2

»Das ist nur ein Kratzer«, erklärte der Mann, aber Cara war schon bei ihm.

»Lassen Sie mal sehen!« Sie nahm seine verletzte Hand, bevor er dagegen protestieren konnte, und öffnete sie. Dann hob sie vorsichtig das Tuch von der Wunde.

Der Schnitt verlief mitten über die Handfläche und blutete heftig.

»Das muss verbunden werden!«

»Ich weiß«, knurrte der Mann und deutete auf den schwarzen Kasten, auf dem ein breites weißes Kreuz prangte. »Das versuche ich ja gerade.«

Cara runzelte die Stirn. »Warum haben Sie denn nichts gesagt? Ich kann Ihnen doch helfen.«

Sie griff nach dem Verbandskasten und schob den Mann aus der Küche zurück in den Wohnraum.

»Setzen Sie sich«, ordnete sie an und war fast ein wenig verwundert, dass er sich tatsächlich auf einen der Stühle am Esstisch sinken ließ. Umso besser, dachte sie, während sie in dem Verbandskasten nach einer sauberen Wundauflage und Gaze kramte.

»Wie ist das passiert?«, fragte sie, während sie mit sicheren Handgriffen die Wunde säuberte.

»Ich habe im Schuppen aus Versehen in die Säge gefasst, als ich nach den Überbrückungskabeln gesucht habe«, meinte er und sog die Luft ein, als Cara den Schnitt vorsichtig mit Jod betupfte.

»Tut mir leid«, sagte sie zerknirscht, nicht nur wegen der Schmerzen, die sie ihm zufügen musste, sondern auch, weil es ihretwegen passiert war. »Das wollte ich nicht.«

Der Mann sah sie an, und zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren, hoben sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln.

»Das war nicht Ihre Schuld. Ist mir schon zwei Mal passiert, seit ich hier bin, aber diesmal habe ich wirklich voll reingegriffen. Dabei weiß ich genau, wo das verdammte Ding hängt.« Er zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich sollte ich einen anderen Platz dafür suchen.«

»Ja, ich schätze, das sollten Sie.«

Cara erwiderte sein Lächeln, fasziniert davon, wie sehr sich sein Gesicht dadurch veränderte. Der düstere Ausdruck, der vorhin noch in seinen Augen gelegen hatte, war verschwunden, und er wirkte plötzlich ganz anders. Viel gelöster und richtig … sympathisch.

Sie schob seinen Hemdsärmel ein Stück nach oben, weil sie den Verband auch um sein Handgelenk wickeln musste, und stutzte, als ihre Finger seinen Unterarm berührten. Die Haut fühlte sich rau und uneben an, und als sie hinsah, erkannte sie ein großflächiges rotes Narbengewebe. Es sah genauso aus wie die Stelle an seinem Hals.

Erschrocken hob sie den Kopf und begegnete dem Blick des Mannes.

»Eine alte Wunde«, sagte er knapp, bevor sie danach fragen konnte. »Ist lange verheilt.«

Äußerlich vielleicht, dachte Cara, denn sie hatte den Schmerz gesehen, der kurz in seinen Augen aufgeflackert war. Was immer ihm da zugestoßen sein mochte, es machte ihm definitiv noch zu schaffen. Aber die Warnung, die ebenfalls in seinem Blick lag, sagte ihr eindeutig, dass er darüber nicht reden wollte. Deshalb konzentrierte sie sich wieder auf das Anlegen des Verbandes.

»So, das müsste erst mal halten«, meinte sie, nachdem sie das Ende der Gaze mit einer Klammer fixiert hatte.

Der Mann drehte seine Hand und betrachtete ihr Werk, offenbar erstaunt darüber, wie professionell es aussah. »Sind Sie Krankenschwester?«

»Nein. Aber meine Eltern führen ein Hotel«, erklärte Cara und lächelte, als er sie verständnislos ansah. »In unserer Küche wird viel mit Messern hantiert. Da kommt es hin und wieder zu kleinen Unfällen. Deshalb kenne ich mich mit dem Verarzten von Schnittwunden ganz gut aus.«

»Dann arbeiten Sie also im Hotel?«

»Nein, ich helfe nur ein bisschen mit, wenn ich zu Hause bin«, erklärte Cara. »Eigentlich studiere ich Jura in Cork.«

»Jura?« Der Mann runzelte die Stirn. »Das hätte ich nicht erwartet.«

Cara schmunzelte, weil er so überrascht wirkte. »Was dachten Sie denn, was ich mache?«

»Ich weiß nicht.« Er zuckte mit den Schultern. »Das mit dem Hotel passt irgendwie besser zu Ihnen.«

Cara spürte einen schmerzhaften Stich, als Isabels Gesicht plötzlich vor ihrem inneren Auge auftauchte. Hastig schob sie das Bild beiseite und setzte sich etwas gerader hin.

»Ich mag mein Studium«, erklärte sie, heftiger als nötig. »Es ist manchmal ein bisschen trocken, aber ich bin sicher, dass ich es schaffe und eine sehr gute Anwältin werde.«

»Das habe ich nicht bezweifelt«, erwiderte der Mann und musterte sie so prüfend, dass sie hastig den Kopf senkte.

Es schockierte sie selbst, wie nah ihr seine Bemerkung gegangen war. Unsicher blickte sie wieder auf und versuchte ein Lächeln.

»Tut mir leid. Ich glaube, ich bin im Moment einfach ein bisschen überreizt.« Sie seufzte tief. »Die letzten Wochen waren hart, ich hatte eine Prüfung nach der anderen. Und jetzt, wo ich endlich ein paar Wochen zu Hause den Sommer genießen und mich ganz auf die Hochzeit konzentrieren könnte, streikt auch noch mein Wagen.«

»Sie heiraten?«, fragte der Mann, und Cara wurde klar, dass sie mal wieder viel zu schnell und unzusammenhängend geredet hatte. Was ihr häufig passierte, wenn sie nervös war.

»Nein, nicht ich, sondern mein Bruder. Er leitet unser Hotel mit meinen Eltern, deshalb werden wir die Hochzeit ganz groß feiern, so wie sich das für den Juniorchef gehört. Platz genug haben wir ja, schließlich finden bei uns auch sonst oft Familienfeste statt. Ich helfe natürlich bei der Organisation, und außerdem werde ich die Hochzeitstorte backen.«

Der Gedanke an die Rezepte, die sie im Gepäck hatte, ließ Cara glücklich lächeln. Ein solches mehrstöckiges Kunstwerk würde eine echte Herausforderung werden, aber eine, der sie schon entgegenfieberte. Sie liebte es zu backen, und für Patrick und Jessica würde sie sich besonders viel Mühe geben …

»Aber das interessiert Sie sicher nicht«, fügte sie ein bisschen erschrocken hinzu, als ihr klar wurde, dass sie ihren Gastgeber mit ihren viel zu ausführlichen Schilderungen wahrscheinlich langweilte.

Gelangweilt sah er jedoch nicht aus. Stattdessen betrachtete er sie mit einem Ausdruck in den Augen, den sie nicht deuten konnte.

»Verbände anlegen, Hochzeitstorten backen – gibt es auch etwas, das Sie nicht können?«

»Autos reparieren«, erwiderte Cara mit einem Seufzen. »Dabei wäre das vorhin sehr praktisch gewesen. Dann wäre ich nämlich längst zu Hause, und Sie hätten sich nicht geschnitten.«

Der Mann lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schien zu überlegen, ob ihm das lieber gewesen wäre.

»Sie wären auch längst zu Hause, wenn Sie da oben keinen Spaziergang gemacht hätten.«

Cara konnte ihm ansehen, dass er immer noch darüber nachdachte, was sie wirklich in Glen Garvan gewollt hatte. Aber er hakte nicht nach, als sie nicht auf seine Bemerkung einging, und dafür war sie ihm sehr dankbar. Offenbar hatte es auch Vorteile, wenn man es mit einem Waldschrat zu tun bekam, der selbst nicht gerne über sich redete.

»Ich bin übrigens Cara«, sagte sie, weil ihr plötzlich auffiel, dass sie seinen Namen noch gar nicht kannte.

»Liam«, erwiderte er knapp, dann stand er auf und ging zum Herd hinüber. »Haben Sie Hunger, Cara?«

Ein Lächeln breitete sich auf Caras Gesicht aus.

»Ich dachte schon, Sie fragen nie«, meinte sie, erleichtert über das Angebot und die Tatsache, dass er ebenfalls lächelte, als er jetzt über die Schulter zu ihr herüberblickte. Doch dann zögerte sie. »Aber ich will Ihnen nicht mehr Umstände machen als nötig.«

»Der Eintopf ist fertig, also können wir ihn auch essen«, erklärte er. »Vielleicht haben wir ja Glück, und es hört in der Zwischenzeit auf zu regnen.«

Damit war Cara mehr als einverstanden, weil sie außer dem Frühstück am Morgen nur einen Apfel und einen der Müsliriegel aus dem Notvorrat ihrer Mitbewohnerin Fiona gegessen hatte – in der Annahme, dass sie zum Tee bei ihren Eltern sein würde. Inzwischen war jedoch schon früher Abend, und ihr Magen knurrte bei der Aussicht auf eine warme Mahlzeit. Und noch dazu so eine leckere, dachte sie verzückt, als sie kurze Zeit später von dem sämigen, kräftig gewürzten Colcannon probierte.

Während sie aßen, schweifte ihr Blick immer wieder zu dem Mann hinüber. Liam, dachte sie und versuchte, hinter den dichten Bart zu blicken, der so viel von seinem Gesicht verdeckte. Er war jünger, als sie anfangs geglaubt hatte, höchstens Anfang dreißig. Und er sah trotz der breiten Narbe auf der linken Seite seines Halses ziemlich gut aus. Nicht, dass es eine Rolle spielt, erinnerte sie sich und spürte, wie ihre Wangen sich röteten, als er ihren Blick auffing.

»Was machen Sie hier oben eigentlich?«, fragte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

Der Blick des Mannes wurde sofort wieder wachsam, und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht.

»Ich wohne hier.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Cara. »Aber was arbeiten Sie?«

Er schwieg einen langen Moment.

»Ich bin gerade erst hergezogen«, meinte er dann mit einem Schulterzucken. »Mal sehen, was sich ergibt.«

Hier oben im Wald sicher nicht viel, dachte Cara.

»Dann sind Sie also auch jemand mit vielen Talenten?«, neckte sie ihn, weil sie hoffte, ihn ein bisschen aus der Reserve zu locken. Aber er ging nicht darauf ein.

»Was für einen Job suchen Sie denn?«, hakte sie nach. »Vielleicht kann ich Ihnen etwas vermitteln.«

»Danke, aber ich komme schon zurecht.« Sein Tonfall war jetzt schärfer, und die Warnung in seinem Blick wurde so eindringlich, dass Cara sich nicht traute, ihm weitere Fragen zu stellen. Für einen Moment jedenfalls. Dann beschloss sie, es auf direkte Art zu versuchen.

»Sie reden nicht gerne über sich, oder?«

Er sah von seiner Suppe auf, der er sich wieder gewidmet hatte.

»Sie haben es erfasst.«

»Und wenn ich mehr über Sie erfahren möchte?«

Er antwortete nicht, sah nur zu ihr herüber, und Cara hielt den Atem an, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, die Welt würde stehen bleiben. Um sie herum war es mit einem Mal ganz still, und es dauerte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass sie sich das nicht einbildete. Das trommelnde Geräusch des Regens war verstummt, und als sie einen Blick aus dem Fenster warf, sah sie, dass die dichten Wolken sich gelichtet hatten.

»Es hat aufgehört«, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu dem Mann, der von seinem Stuhl aufgestanden war.

»Dann sehen wir mal nach Ihrem Auto.« Er ging zur Haustür und sah sich zu ihr um, als er merkte, dass sie ihm nicht folgte. »Was ist? Kommen Sie?«

Cara zögerte. »Aber … haben Sie die Überbrückungskabel denn gefunden?« Danach hatte sie ihn vorhin gar nicht gefragt.

Er nickte. »Liegen schon im Auto.«

»Oh.« Sie wusste selbst nicht, wieso sie sich nicht freute, dass sie endlich die Hilfe bekommen würde, die sie sich von ihm erhofft hatte. Vielleicht weil sie hören wollte, was er ihr geantwortet hätte. Er schien jedoch froh zu sein, das nicht mehr tun zu müssen, denn er hatte es jetzt eilig und winkte ab, als sie anbot, den Tisch abzuräumen.

»Das mache ich nachher.«

Cara holte schnell ihre Sachen aus dem Bad und zog ihre Schuhe wieder an. Dann folgte sie ihm nach draußen, und als sie kurze Zeit später neben ihm im Jeep saß, beobachtete sie mit etwas Enttäuschung, wie das Cottage hinter ihnen im Seitenspiegel immer kleiner wurde.

Der Himmel schimmerte jetzt wieder blau durch die Baumkronen, so als hätte es den heftigen Regenguss kurz zuvor gar nicht gegeben. Dieser schnelle Wechsel zwischen Sonne und Regen war typisch für das irische Wetter und erinnerte Cara ein bisschen an den Mann neben ihr, der den großen Geländewagen schweigend über den schmalen, holprigen Waldweg lenkte. Auch seine Laune schien sich jederzeit ändern zu können. Jetzt zum Beispiel wirkte er wieder eher verschlossen, und während sie verstohlen die breite Narbe an seinem Hals betrachtete, fragte sie sich, was wohl in ihm vorging. Dass sie noch Zeit haben würde, es herauszufinden, war jedoch unwahrscheinlich, denn er bog bereits auf den Hauptweg ein. Von dort waren es nur noch ein paar Hundert Meter, bis sie ihren etwas in die Jahre gekommenen roten Nissan Micra erreichten. Er stand noch genau da, wo Cara ihn zurückgelassen hatte. Und es tat sich auch immer noch nichts, als sie sich hinter das Steuer setzte und versuchte, den Motor zu starten.

»Das könnte wirklich die Batterie sein«, meinte Liam mit einem Stirnrunzeln.

Er parkte den Jeep so, dass die beiden Autos sich direkt gegenüberstanden, öffnete die Motorhauben und verband die Pole der beiden Batterien mit den Klemmen der Überbrückungskabel. Dann drehte er den Zündschlüssel des Jeeps, und als Cara einen Augenblick später erneut versuchte, den Micra zu starten, sprang dieser tatsächlich an.

»Wir lassen die Motoren einen Moment laufen, damit die Batterie ein bisschen Saft bekommt. Der Rest lädt sich wieder auf, während Sie fahren.«

Cara sah zu ihm hoch. »Vielen Dank! Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.«

Und ich würde immer noch gerne mehr über Sie wissen, schob sie in Gedanken nach. Aber vielleicht begegneten sie sich ja an anderer Stelle wieder.

»Sind Sie manchmal in Namara? Oder in Kenreagh?«

»Nein.« Seine Antwort klang endgültig, so als stünde das völlig außer Frage. Was Cara irritierte, denn es waren von hier aus die nächstgelegenen Orte.

»Aber … wo kaufen Sie denn dann Ihre Vorräte?«

»Ich werde versorgt«, erklärte er. »Sie müssen also nicht befürchten, dass wir uns noch mal über den Weg laufen.«

»Dagegen hätte ich gar nichts«, erwiderte sie, irritiert darüber, dass er offenbar davon ausging, sie würde nichts mit ihm zu tun haben wollen. Er war schon irgendwie merkwürdig, aber er machte sie auch neugierig, deshalb beschloss sie, sich nach ihm zu erkundigen. Irgendjemand wusste sicher mehr über ihn und diese Hütte und konnte ihr sagen, weshalb er hier oben so zurückgezogen lebte.

Ihr Blick fiel auf den Verband an seiner Hand.

»Der muss regelmäßig gewechselt werden«, erinnerte sie ihn. Aus Erfahrung wusste sie, dass es dauerte, bis so ein Schnitt richtig verheilt war. Und mit einer Hand konnte man Verbände nicht besonders gut wickeln. »Kriegen Sie das hin?«

Er hob einen Mundwinkel. »Nicht so gut wie Sie, aber es wird schon gehen.«

Cara runzelte die Stirn, weil er nicht so klang, als würde er ihre Besorgnis ernst nehmen.

»Und falls sich die Wunde entzündet, gehen Sie zum Arzt.«

Er brummte etwas Unverständliches.

»Das ist wichtig!«, beharrte sie.

»Ich denke nicht, dass es nötig sein wird.«

»Aber …«

»Ich komme klar«, versicherte er ihr, bevor sie erneut protestieren konnte, und Cara kam sich plötzlich dumm vor. Natürlich kam er klar, schließlich war er ein erwachsener Mann. Dass sie trotzdem das Gefühl hatte, sich um ihn kümmern zu müssen, lag an ihr. Es war einfach da, dieses Bedürfnis, vielleicht, weil sie im Hotelbetrieb aufgewachsen und von klein auf daran gewöhnt war, sich um die Gäste im Haus zu sorgen. Andere hätten das vermutlich als Belastung empfunden, aber Cara machte es gern. Zu gern sogar, wenn es nach ihrem Bruder ging. Patrick fand nämlich, dass sie oft über das Ziel hinausschoss und sich anderer Leute Kopf zerbrach, obwohl diese sie nicht darum gebeten hatten. Oder ihre Hilfe gar nicht wollten, so wie dieser Liam.

Ein bisschen verlegen senkte sie den Kopf und bemerkte, dass sie immer noch seinen Pullover trug. Schnell zog sie ihn aus.

»Hier, den hätte ich fast vergessen«, sagte sie und gab ihm den Pulli. Dabei streifte ihre Hand seine, und als ihre Blicke sich begegneten, schlug Caras Herz plötzlich schneller. Er hat wirklich verdammt blaue Augen, dachte sie und fügte etwas atemlos hinzu: »Danke fürs Leihen.«

»Gern geschehen.«

Liam warf den Pullover in den Jeep und holte ihren Cardigan, der noch auf der Rückbank lag. Er gab ihn Cara zurück, und während sie zu ihm aufsah, wurde ihr noch einmal bewusst, wie groß er war. Das allein war nicht ungewöhnlich, weil sie mit ihren ein Meter fünfundsechzig und ihrer eher zierlichen Figur von vielen überragt wurde. Aber der Gegensatz zwischen ihr und ihm war schon augenfällig, vielleicht weil er zusätzlich zu seiner Größe auch noch durchtrainiert wirkte. So als wäre er körperliche Arbeit gewohnt, dachte sie und verlor sich für einen Moment in seinem Blick.

Dann gab er sich sichtlich einen Ruck.

»Ich denke, das reicht jetzt«, verkündete er, und Cara brauchte einen kurzen Moment, bis sie begriff, dass er die Autos meinte und nicht sie.

Er begann damit, die Klemmen wieder von den Batterien zu lösen, und Cara sah ihm mit vor der Brust verschränkten Armen dabei zu. Sie fror ein bisschen, weil ihr die Wärme seines Pullovers fehlte. Aber als Liam mit allem fertig war, fand sie es trotzdem ein bisschen schade, sich schon verabschieden zu müssen.

»Tja, dann.« Sie löste die Arme und hielt ihm die Hand hin. »Noch mal vielen Dank.«

Seine Hand schloss sich fest um ihre, und Cara schluckte unwillkürlich.

»Wenn ich mich irgendwie erkenntlich zeigen kann, dann …«

»Sie können tatsächlich etwas für mich tun.« Er ließ ihre Hand wieder los, und sein Blick wurde eindringlich. »Erzählen Sie niemandem von mir.«

»Was?«, fragte Cara irritiert. »Aber wieso denn?« Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. »Haben Sie … Ärger mit der Polizei?«

Der Gedanke, dass er sich hier oben im Wald versteckt hielt, weil er auf der Flucht war oder etwas Illegales getan hatte, war ihr noch überhaupt nicht gekommen. Ihr Bruder, der sie für zu gutgläubig hielt, hätte dazu sicher einiges zu sagen gehabt. Nicht alle Menschen sind vertrauenswürdig, Cara. Aber dieser schon, dachte sie, beinahe trotzig. Schließlich hatte er ihr geholfen, wenn auch ein bisschen widerwillig.

Liam schien die Vorstellung, dass er ein Verbrecher war, eher belustigend zu finden, denn er verzog den Mund zu etwas, das gerade noch als Lächeln durchging.

»Nein, in letzter Zeit nicht. Ich habe nur einfach gerne meine Ruhe, deshalb wäre es mir lieb, wenn keiner erfährt, dass ich hier oben wohne. Also vergessen Sie mich am besten wieder.«

Fassungslos starrte Cara ihn an. »Aber … dann müsste ich verschweigen, dass Sie mir geholfen haben.«

»Das war nicht der Rede wert«, meinte er. »Also? Kann ich mich auf Sie verlassen?«

Seine Bitte irritierte Cara immer noch. »Kommt Sie denn sonst nie jemand hier oben besuchen?«

»Ich mag keinen Besuch.« Er lächelte schief, aber seine Augen blieben ernst. »Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«

Cara schüttelte den Kopf, aber nicht, um seine Frage zu verneinen, sondern weil da etwas nicht stimmen konnte.

»Aber Sie haben doch gesagt, Sie würden versorgt! Woher bekommen Sie denn Lebensmittel und Benzin, wenn Sie …«

»Ich habe alles, was ich brauche«, fiel er ihr ins Wort. »Was ich definitiv nicht brauche, sind neugierige Menschen, die mir Fragen stellen. Wenn Sie sich also wirklich revanchieren möchten, dann sprechen Sie mit niemandem darüber, dass wir uns begegnet sind. Bitte.«

Er klang todernst, und so sah er sie auch an.

»Okay. Wenn es Ihnen so wichtig ist.«

Er nickte, stieg in den Wagen und ließ den Motor an.

»Ein schönes Leben noch, Cara«, meinte er. »Und kommen Sie heil nach Hause.«

Sie sah dem Wagen nach, der auf der Straße wendete und wieder in den kleinen Waldweg einbog, wo er zwischen den Bäumen verschwand. Dann setzte sie sich in ihr Auto, das immer noch im Leerlauf lief.

Vergessen Sie mich am besten wieder.

Ungläubig schüttelte sie den Kopf über die seltsame Bitte. Aber sie schuldete ihm was, und wenn er es so wollte, dann würde sie seinem Wunsch entsprechen.

Im Grunde war es sogar eine gute Idee. Schließlich habe ich in der nächsten Zeit Wichtigeres zu tun, als mir Gedanken über einen Waldschrat zu machen, der lieber allein sein will, dachte sie und legte den Gang ein.

*

Liam parkte den Jeep an seinem üblichen Platz vor dem Schuppen, blieb jedoch noch einen Moment hinter dem Steuer sitzen und starrte auf das ausgeblichene Holz der Schuppentür.

Ich hätte nicht aufmachen sollen, dachte er. Das war ein Fehler gewesen. Er hatte das Klopfen sofort gehört und die junge Frau durch das Fenster gesehen, aber er war fest entschlossen gewesen, nicht zur Tür zu gehen. Am Ende hatte er es jedoch nicht fertiggebracht, sie einfach im Regen stehen zu lassen, durchnässt, schutzlos und offensichtlich auf der Suche nach Hilfe. Er war schließlich kein Unmensch, auch wenn viele ihn dafür hielten.

Zögernd hob er die Hand und berührte das rote Narbengewebe an seinem Hals, jenes nicht zu übersehende Zeichen, das ihn immer wieder an den schrecklichen Tag erinnerte, der alles verändert hatte.

Die Narbe fiel den Leuten immer zuerst auf. Und dann dauerte es nicht lange, bis sie die Fragen stellten, die er nicht beantworten wollte.

Liam stieg aus, warf die Wagentür mit mehr Kraft als nötig zu und ging mit großen Schritten zurück ins Haus. Im Wohnraum blieb er abrupt stehen und sah sich um, versuchte sich vorzustellen, welchen Eindruck das alles hier auf die junge Frau gemacht haben musste.

Die leeren Regale wirkten karg, und es fehlte an persönlichen Gegenständen, aber so sah es immer aus in den Räumen, die er in den letzten sechs Jahren bewohnt hatte. Er besaß nicht viel, weil man mit leichtem Gepäck schneller weiterziehen konnte, und das war nötig gewesen bei seiner Art von Tätigkeit.

Ob neue Brunnenanlagen in Afrika, Wiederaufforstung in Indonesien oder der Bau von erdbebensicheren Häusern in Nepal – er hatte sich von den Hilfsorganisationen, für die er gearbeitet hatte, einsetzen lassen, wo immer es nötig war. Je schwerer die körperliche Arbeit, desto besser – und nie zu lange an einem Ort. Ein paar Monate hier, ein paar da. Genug Zeit, um etwas aufzubauen und die quälende Schuld, die ihn nicht losließ, wenigstens für eine Weile erträglicher zu machen. Aber nicht genug, um Freundschaften zu schließen, die so tief gingen, dass er seine Geheimnisse preisgeben musste.

Hier jedoch würde er vorerst bleiben müssen. Ausgerechnet hier in Kerry, wohin er niemals hatte zurückkehren wollen. Wie lange sein Aufenthalt dauern würde, konnte er noch nicht sagen, aber er hatte genug Geld gespart, um eine Weile über die Runden zu kommen. Leider, denn er hielt es schon jetzt kaum noch aus.

Liam schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben, die ihn quälten, seit er sich wieder auf den Weg nach Irland gemacht hatte. Beschäftigung war die beste Ablenkung, das hatte er gelernt, doch als er sich dem Tisch zuwandte, um ihn abzuräumen, hielt er inne. Der Teller, von dem die junge Frau gegessen hatte, stand noch neben seinem, und der Anblick versetzte ihm einen Stich. Weil die Begegnung mit ihr ihn daran erinnert hatte, was ihm fehlte.

Wie lange war es her, dass er mit einer Frau so vertraut beisammengesessen und gegessen hatte? Er sah ihr lächelndes Gesicht noch vor sich und spürte die sanften Berührungen ihrer Hände, als sie ihm den Verband angelegt hatte. Die Narbe an seinem Unterarm hatte sie erschreckt, das hatte er ihr angesehen, und die an seinem Hals war ihr sicher auch nicht entgangen. Aber sie hatte nicht nachgefragt, anders als er befürchtet hatte. Stattdessen war da ein mitfühlender Ausdruck in ihren Augen gewesen, so als würde sie genau wissen, was in ihm vorging.

Verrenn dich nicht, Liam, ermahnte er sich mit einem Kopfschütteln. Es war nicht gut, dass sie hier bei ihm gewesen war, auch wenn sie wirklich ganz bezaubernd lächelte. Denn sie wohnte sicher irgendwo in der Nähe, und wenn sie sich nicht an ihr Versprechen hielt und doch jemandem von ihm erzählte, hatte er ein Problem. Die Leute würden eins und eins zusammenzählen und wissen, dass er wieder zurück war. Dann ging alles von vorne los, und er war nicht sicher, ob er das noch einmal ertrug.

Liam stieß die Luft aus und rief sich noch ein letztes Mal das Bild der jungen Frau in Erinnerung. Cara, dachte er. Das bedeutete Liebste. Teuerste. Der Name passte zu ihr.

Und wenn ich mehr über Sie erfahren möchte?

Ein Schauer durchlief ihn. Früher hätte ihr Interesse ihm geschmeichelt, schon weil sie ihm wirklich gefiel. Vermutlich hätte er sogar alles daran gesetzt, sie wiederzusehen und näher kennenzulernen. Aber jetzt stand das vollkommen außer Frage. Er hatte nichts mehr zu geben. Deshalb war es besser, wenn sie ihn tatsächlich vergaß, so wie er es von ihr verlangt hatte.

Und ich werde auch aufhören, über sie nachzudenken, beschloss er mit grimmiger Miene, während er die Teller zusammenstellte und in die Küche trug.

3

Der Kies knirschte unter den Reifen, als Cara endlich das große steinerne Eingangstor passierte und auf das Gelände des Kerryhead Castle fuhr. Das weitläufige, teilweise efeubewachsene Gebäude des Haupthauses erhob sich in der Abendsonne vor ihr. Es lag mitsamt den zahlreichen Nebengebäuden idyllisch am Rande des Lake Tarnish, und wie immer, wenn sie es sah, überkam Cara ein Gefühl von Heimat.

Sie hatte nach der Schule ein Jahr in Australien gelebt und wohnte jetzt schon seit einiger Zeit in Cork. Aber das alte Herrenhaus mit seiner grauen Steinfassade, den weißen Sprossenfenstern und dem großen Wehrturm an der Westseite war für sie immer noch der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlte. Sie liebte den Hotelbetrieb, und mitzuhelfen war für sie eher eine Freude als eine Belastung. Im Gegensatz zu meinem Studium, dachte sie beklommen.

Sie stellte den Wagen nicht auf dem großen Gästeparkplatz ab, der links neben dem Eingang lag, sondern fuhr rechts um das große Gebäude herum auf die Rückseite, wo sich die Einfahrt zum Innenhof befand.

Dieser Bereich war nur für Mitarbeiter und Zulieferer gedacht, denn von hier aus gelangte man direkt zur Hotelküche und zu den Vorratsräumen, die Caras Vater gerne als »Herzkammer des Hotels« bezeichnete.

Ein langer dunkelblauer Kleintransporter, dessen Hecktüren weit geöffnet waren, parkte mitten auf dem Hof, und ein grauhaariger Mann in einem grünen Overall lud gerade einige Kisten mit Kartoffeln aus. Er hielt inne und sah dabei zu, wie Cara den Micra vorsichtig an seinem Auto vorbei in die einzige noch freie Parklücke lenkte. Als sie es geschafft hatte, stellte sie mit einem erleichterten Seufzen den Motor ab und stieg aus.

»Tut mir leid, Cara!«, rief der Mann ihr zu, der mit den gestapelten Kisten bereits auf dem Weg zum Hintereingang war. »Das nächste Mal parke ich den Wagen ein bisschen geschickter!«

»Kein Problem, Mr O’Neill!«, erwiderte Cara und lächelte dem alten Farmer zu, dessen Hof ganz in der Nähe lag und der das Hotel – je nach Saison – mit frischem Biogemüse versorgte. »Wie geht es Ihnen denn?«

»Ich kann nicht klagen«, meinte er und musterte Cara dann schmunzelnd. »Aber du siehst aus, als könntest du einen Tee vertragen, Mädchen!«

»Da haben Sie recht.« Cara blickte mit einem schiefen Lächeln an sich herunter.

Ihr Kleid war inzwischen zwar fast wieder trocken, aber völlig zerknittert, und über den Zustand ihrer Frisur mochte sie gar nicht erst nachdenken. Sie brauchte dringend ein heißes Bad und einen Tee, genau in der Reihenfolge, deshalb ging sie durch die große Tür in die Hotelküche, in der sie vertraute Geräusche und Gerüche empfingen. Das Zischen des Öls in den Pfannen, die köstlichen Düfte der zubereiteten Speisen, Tellergeklapper und das Geräusch der Messer, die rhythmisch auf Schneidebretter niedersausten. Und über allem die durchdringende Stimme von Chefkoch Kenneth O’Leary, der seinen Assistenten Anweisungen zurief.

»Matt, die Zwiebeln brennen an, wenn du sie nicht langsam vom Herd nimmst! Und nicht so viel Mehl in die Soße, Holly. Hector, der Fisch muss in den Ofen, und zwar jetzt sofort!«

Der drahtige Ire, der mit seiner asketischen Figur so gar nicht aussah wie ein Koch, galt als strenger Chef und forderte viel von seinen Leuten. Aber nicht nur Cara wusste, dass er eigentlich ein herzensguter Mensch und vor allem ein ganz hervorragender Lehrmeister war, der seinen Schützlingen das beibrachte, was er selbst in Perfektion beherrschte. Mit seinen immer neuen Variationen der irischen und englischen Küche hatte er das Hotelrestaurant des Kerryhead Castle in den elf Jahren, die er schon bei den Connellys arbeitete, über die Ortsgrenzen hinaus bekannt gemacht, sodass das Team längst nicht mehr nur die Hausgäste bekochte, sondern auch viele externe Besucher.

»Hallo, Cara!«, rief Kenneth mit einem breiten Grinsen, als er sie entdeckte. »Hast du wieder ein paar neue Rezepte mitgebracht?«

»Aber natürlich!« Sie winkte ihm kurz, bevor sie weiterging und er sich wieder seiner Arbeit widmete. Die Gäste warteten auf ihr Dinner, das wusste Cara, deshalb war jetzt keine Zeit für ein ausführliches Gespräch. Das würden sie später nachholen.

An der Tür zum Gastraum stieß sie beinahe mit einer schlanken jungen Frau zusammen, deren blonde Haare streng zum Pferdeschwanz zurückgebunden waren. Um die Hüfte trug sie die blaue Schürze, an der man die Kellnerinnen des Kerryhead Castle erkennen konnte.

»Verdammt, pass doch auf!«, rief die Frau und hatte kurz Mühe, die Teller, die sie auf ihren Händen und Unterarmen trug, wieder auszubalancieren. Doch sie schaffte es, und als sie erkannte, wer sie da versehentlich angerempelt hatte, verschwand der vorwurfsvolle Ausdruck aus ihrem Gesicht. »Oh, du bist es, Cara!«

»Hallo, Jessica.« Cara hätte die Freundin und zukünftige Braut ihres Bruders gerne zur Begrüßung umarmt, ließ es jedoch wegen der Teller bleiben.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht so anblaffen«, entschuldigte sich Jessica. »Aber es ist furchtbar voll heute. Wir kommen kaum nach mit den Bestellungen, und die neuen Kellnerinnen sind leider noch keine große Hilfe.«

Caras Lächeln schwand. »Hast du neue Leute eingestellt?«

Jessica nickte. »Ja, zwei. Und das war auch dringend nötig, schon wegen der Hochzeit.«

»Oh!«, meinte Cara, ein bisschen entmutigt. Sie hatte eigentlich mit Jessica über genau diesen Punkt sprechen wollen. »Aber wir könnten doch sicher noch eine Kellnerin gebrauchen, oder?«

Jessica ging an ihr vorbei und stellte die Teller auf die Ablage neben der großen Industriespülmaschine.

»Entschuldige. Was hast du gesagt?«, fragte sie, und Cara begriff, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um mit Jessica über ihr Anliegen zu reden. Es war ohnehin besser, es erst mit ihren Eltern und Patrick zu besprechen, deshalb winkte sie ab.

»Schon gut. Sag mal, hast du eine Ahnung, wo Mum …?«

»Cara! Gott sei Dank, da bist du ja endlich!«, erklang eine vertraute Stimme hinter ihr, und als Cara sich umdrehte, sah sie eine zierliche Frau mit kurzen mittelblonden Haaren auf sich zukommen.

»Mum!« Cara lächelte, doch ihre Mutter erwiderte es nicht.

»Wo warst du denn bloß! Dad hat versucht, dich anzurufen, aber nur deine Mitbewohnerin erreicht. Sie meinte, du hättest das Handy vergessen und dass du schon vor Stunden losgefahren wär …« Susan Connelly hielt in ihrem Redeschwall inne, weil sie erst jetzt den derangierten Zustand ihrer Tochter zu bemerken schien. Ein entsetzter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. »Mein Gott, Kind, wie siehst du denn aus! Ist was passiert?«

»Ich hatte eine Panne. Aber es geht mir gut, wirklich«, erklärte Cara hastig, weil sie wusste, wie schnell ihrer Mutter die Nerven durchgingen, wenn sie Angst um ihre Kinder bekam. Eigentlich war Susan Connelly eine sehr robuste Frau, die alle Krisen und Herausforderungen des Hotelalltags problemlos bewältigte. Aber wenn sie um das Wohlergehen von Patrick und Cara fürchtete, geriet sie sofort in Panik. Und Cara verstand das. Schließlich hatte sie schon einmal die schlimmste Nachricht erhalten, die man einer Mutter überbringen konnte.

»Es tut mir leid, Mum«, sagte sie zerknirscht und nickte Jessica zu, die wieder zurück in den Gastraum ging. »Ich hätte mich längst gemeldet, wenn ich mein Handy nicht vergessen hätte. Aber es ist wirklich alles gut. Na ja, mal abgesehen davon, dass ich mich dringend umziehen muss.«

»Das sehe ich.« Susan Connelly schüttelte den Kopf und zog Cara in ihre Arme, drückte sie fest. »Ich habe mir Sorgen gemacht«, flüsterte sie, und als sie sich wieder trennten, lag ein erleichtertes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie wollte noch etwas sagen, aber in diesem Moment schaute Elaine, die an der Rezeption arbeitete, zu ihnen herein.

»Mrs Connelly, könnten Sie kurz kommen? Es gibt da eine Nachfrage wegen einer Buchung, die ich nicht beantworten kann.«

»Natürlich.« Susan seufzte und wandte sich wieder an Cara. »Geh schon vor und mach dich frisch, ja? Ich komme nach, so schnell ich kann, und ich sage auch den anderen Bescheid. Dann essen wir zusammen.«

»Das ist nicht nötig«, widersprach Cara. »Ich ziehe mich schnell um und helfe Kenneth beim …«

»Auf gar keinen Fall«, beharrte ihre Mutter. »Wir haben uns alle schon den ganzen Tag auf dich gefreut, und deshalb machen wir es genauso wie immer und essen zusammen.«

Cara wollte gerade sagen, dass sie bereits gegessen hatte, als ihr Liams Bitte wieder einfiel, nichts von ihrer Begegnung zu erzählen. Außerdem hätte es ohnehin nichts genützt zu protestieren. Wenn sie aus Cork anreiste, war es Tradition, dass die ganze Familie am Tisch in der großen Wohnküche gemeinsam zu Abend aß. So hatten sie es immer gehalten, auch damals, als es Isabel gewesen war, die alle paar Wochen aus dem Studium nach Hause gekommen war …

»Okay«, sagte Cara deshalb nur und lächelte ihrer Mutter zu, die in Richtung Rezeption verschwand. Dann ging sie durch eine Seitentür in den Bereich des Hauses, in dem die privaten Räume ihrer Familie lagen.

Patrick hatte mit Jessica vor einiger Zeit die Zimmer im ersten Stock bezogen, die jetzt eine abgeschlossene Wohnung bildeten. Das Erdgeschoss gehörte nach wie vor Caras Eltern, und wenn Cara hier war, schlief sie in ihrem alten Zimmer. Darin standen noch die Möbel ihrer Kindheit, und wie immer, wenn sie es betrat, überkam sie eine Welle von Erinnerungen. Die meisten waren schön, aber nicht alle, und als ihr Blick auf die gerahmte Fotografie an der Wand fiel, die sie zusammen mit Isabel zeigte, mischte sich die schon vertraute Trauer in ihre Freude darüber, endlich angekommen zu sein.

Seit Isabels Tod waren sechs Jahre vergangen, aber ihre Schwester war trotzdem noch überall gegenwärtig, nicht nur auf den Fotos, die in den Zimmern hingen, sondern auch in ihren Gesprächen. Es schien Susans größte Angst zu sein, dass ihre älteste Tochter »totgeschwiegen« werden und dadurch in Vergessenheit geraten könnte. Aber das wird nicht passieren, dachte Cara. Das konnte es gar nicht, weil Isabel ihnen allen immer noch schrecklich fehlte.