Wohin der Wind uns weht - Sigfried Binder - E-Book

Wohin der Wind uns weht E-Book

Sigfried Binder

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Beschreibung

Michel wächst in Kriegszeiten in schweren Verhältnissen auf. Er träumt davon, ein Held zu sein, macht aber eine bürgerliche Karriere und wird als Arzt erpresst. Er verwirklicht seine Kindheitsträume, schließt sich den entwurzelten Erpressern an und wird Vagabund. Er tingelt mit ihnen durch Länder, übersteht Gefahren und Abenteuer und findet erst als Mitvierziger zu sich und zu seinem Leben.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Du mußt an das Fatum glauben - dazu kann die Wissenschaft dich zwingen.

F.Nietzsche

Jede Bombe, die in der Nachbarschaft

explodierte, erschütterte den Luftschutzkeller. Die Wände schienen zu schwanken und der Boden bebte. Frauen schrien, Kinder weinten, Jugendliche zitterten. Die Alten schlossen mit ihrem Leben ab, beteten oder warteten geduldig auf den Tod. Sie kauerten im Halbdunkel, nur eine Funzel warf flackerndes Licht in den Raum. Die Menschen drückten sich voller Angst und Schrecken an die Wände und suchten Schutz. So auch Anna, die in der Finsternis einen Sohn geboren hatte. Ein Arzt, der vom Bombenangriff überrascht worden war und in diesem Keller sich schützen wollte, untersuchte das Baby. Er teilte der jungen Mutter mit, dass das Baby höchstens zwei oder drei Tage noch zu leben habe

„Der Junge ist gesund und kräftig. Aber er wird verhungern, weil Sie keine Milch haben. Länger hält er es nicht durch.“

Anna stellte ihm gereizt die Frage:

„Wovon soll ich die Milch haben, wovon denn? Ich habe in den letzten Wochen nur von Suppe aus Wasser, etwas Mehl und Löwenzahn gelebt. Wovon denn?“

Der Arzt blickte irritiert auf den Boden, machte eine hilflose Geste und murmelte unverständlich:

„Ich habe nur meinen Befund gesagt.

Mehr nicht.“

Anna weinte. Bauer Michel, der neben ihr im Bunker saß, hatte das kurze Gespräch mitgehört. Ihn erfasste Mitleid.

„Mädchen, nicht weinen. Für jede Situation gibt es eine Lösung. Wir haben zu Hause zu essen. Nicht viel, aber es reicht. Vor allem, auf dem Lande ist es vor Bomben relativ sicher. Ich habe eine Schwester, die vor Tagen ein Kind tot geboren hat. Meine Schwester hat Milch. Ihre Brüste sind gespannt und sie weint öfter deswegen vor Schmerzen. Ich kenne meine Schwester. Sie wird dein Kind ernähren. Fragen wir sie, sie wird einverstanden sein.“

Anna kullerten Tränen übers Gesicht, als sie stockend sagte:

„Der Vater des Jungen ist im Krieg gefallen.

Soll mein Baby auch noch sterben? Das überlebe ich nicht. Ich danke Ihnen, danke, danke!“

Nach dem Bombenangriff folgte sie mit Kind und wenig Habe dem Bauern Michel zu Fuß vor die Stadt. Der Bauer schritt forsch voran, hielt den Knaben in seinen Armen und sprach mit ihm wie mit einem Erwachsenen.

„Die Zeit vergeht schnell, sie hat auch nichts anderes zu tun. Sie lässt uns Erfindungen, Verbrechen und Torheiten begehen, Glück, Freude, Erfolg und Niederlagen erfahren, Leben und Tod erleiden. Sie schaut unbeteiligt zu, sie ist neutral. So war es immer. Wir aber meinen, auf dem Zenit aller Zeiten zu stehen und begründen es mit dem Fortschritt und neuen Erkenntnissen und begreifen nicht, wie unverändert die Menschen sind. Ja, ihr Mächtigen, ihr befehlt, unsere Freiheit in Asien und unsere Demokratie in aller Welt zu verteidigen. Dazu diene der Krieg, die Menschenwürde zu wahren und verschweigt, den Profit der Konzerne zu vermehren. Aber ihr bringt Leid und Elend über die Menschen, wo ihr doch geschworen habt, Frieden und Wohlstand zu schaffen.

Ihr giert nach Macht und Profit, ich verfluche euch, fahrt in die Hölle und schmort dort abertausend Jahre.“

Anna und der Bauer erreichten nach zwei Stunden den kleinen Bauernhof. Die Schwester des Bauern sah den apathischen Kleinen, bat, ihn füttern zu dürfen und legte ihn ohne Worte an ihre Brust. Der Bub trank gierig, rülpste kräftig und schlief ein. Ein Licht schien sich um die beiden Frauen zu legen. Sie schauten sich in die Augen und waren glücklich, was hieß, er wird überleben. Maria, so wurde die Schwester des Bauern Michel genannt, nahm das Kind als eigenes an. Nach vier Wochen stand Anna vor dem Standesbeamten. Der fragte, welchen Namen sie dem Kind gebe. Sie wählte Michel-Maria. Sechs Wochen später heiratete sie den Bauern Michel. Sie willigte aus Dankbarkeit in die Ehe ein, er aus Liebe zu ihr.

Der kleine Michel genoss die Gerechtigkeit auf unserer Erde. Er wurde älter, wuchs und entwickelte sich altersgerecht. Sein Verhältnis zur seiner Amme war innig. Sie liebkoste ihn, spielte mit ihm und schlief mit ihm. Der kleine Michel sprach sie mit Mummy an. Anna gebar zwei weitere Kinder von Michel, ihre Ehe blieb sorgenfrei.

Als Vierjähriger war Michel abends verschwunden. Mummy rief und suchte nach ihm, sie fand ihn nicht. Die Familie und die Nachbarn durchkämmten das Gehöft und die nähere Umgebung. Michel war wie von der Erde verschluckt. Mummy geriet in Panik. Die Polizei wurde alarmiert und fahndete vergebens in einen Umkreis von drei Kilometern.

Mummy wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und war nicht mehr ansprechbar. Ein Nachbar öffnete nachts den Schieber des Brotofens, der seit Jahren nicht mehr im Gebrauch war und außerhalb des Wohnhauses errichtet worden war. Da lag der kleine Michel und schlief mit dem Kater Murr im Arm. Er atmete ruhig und war nicht zu wecken. Er schmatzte und aß im Traum wohl sein Lieblingsessen. Ein Reporter fertigte Fotos von diesem friedlichen Bild, Nachbarschaft und Polizei ließen sich nicht diesen Anblick entgehen und lachten befreit, während Kater Murr erschreckt davonrannte. Nur Mummy konnte sich nicht beruhigen.

Sie weinte hemmungslos und konnte später nicht sagen, ob aus Freude oder Schrecken. Sie trug den schlafenden Jungen ins Bettchen. Das war die einzige Begebenheit des kleinen Michel, die für Aufregung sorgte.

Michel wurde mit sechs Jahren eingeschult, hatte Freunde, war ein durchschnittlicher Schüler, legte das Abitur ab und studierte

Medizin. Er ließ sich zum Allgemeinarzt qualifizieren, eröffnete mit 34 Jahren eine eigene Praxis auf dem Lande. Als er das Lesen erlernte, fesselten ihn Abenteuergeschichten.

Er wurde eine Leseratte, versteckte sich, um seiner Leidenschaft zu frönen. Mummy förderte seine Lesewut und schenkte ihm viele Bücher. Er versenkte sich in seine Helden und träumte davon, die Gefahren zu bestehen, denen sie ausgesetzt waren. Er fuhr auf Segelschiffen, trotzte Stürmen, besiegte Piraten, wurde auf Eilande gespült und überlebte, jagte Räuber, kämpfte mit wilden Tieren, bestieg die höchsten Berge, ohne zu verzagen, durchwanderte Wüsten, erforschte die Arktis, floh aus Gefängnissen, entdeckte Schätze, offenbarte Geheimnisse, befreite Gefangene und war stets der Sieger. Er lebte in einer fiktiven Welt und keiner erfuhr davon. Er besaß keine überirdischen Kräfte und war in seiner Fantasie dennoch allen Konkurrenten überlegen.

Zwei Jahre nach seiner Verselbständigung erledigte er nach Feierabend noch Abrechnungen, als an seine Praxistür heftig geklopft wurde. Er dachte, es handle sich um einen Notfall und schloss die Eingangstür auf. Zwei Männer bauten sich vor ihm auf, stießen ihn in den Flur und bedrohten ihn mit einer Pistole.

Einer forderte:

„Geld her!“

Michel war gelähmt vor Schreck und sagte nichts. Der Zweite schlug ihm ins Gesicht und wiederholte:

“Geld her!“

Michel versuchte zu erklären:

„Ich habe kein Geld in der Praxis. Die Patienten zahlen nicht bar, sie legen nur ihre Versicherungsausweis vor.“

Die Räuber schauten sich an. Dann ging einer von Schrank zu Schrank, riss alle Schubladen auf und stellte fest:

„Er hat kein Geld hier, er muss sterben, sonst verrät er uns.“

Michel war zu Tode erschrocken:

„Nein, nein, ruft meine Mummy an, die wird Euch Geld bringen. Ich bin ihr ein und alles, glaubt mir, ich bin ihr ein und alles, sie wird es tun.“

Der Wortführer erklärte:

„Gut, rufe selbst an. Wir brauchen 5000 DM, keine Polizei, keine Tricks, Dein Leben hängt davon ab.“

Michel rief Mummy an und schilderte ihr die Situation, in der er sich befand. Mummy war schockiert, verstand zunächst nicht, was vorgefallen war, bis sie das Vorgefallene begriffen hatte. Sie werde das Geld bringen, aber wohin? Michel wusste es selbst nicht und blickte ratlos zu den Räubern. Der Wortführer gab die Anweisung:

„Wir werden Deine Mutter morgen selbst anrufen.“

Das Telefonat war kurz und Michel konnte nichts verstehen. Am nächsten Tag nahmen sie Michel in ihre Mitte, hielten die Pistole versteckt auf ihn gerichtet und gerierten sich als Spaziergänger. Sie trafen sich mit Mummy am Bahnhof, kassierten das Geld, die Passanten fassten keinen Verdacht. Nach diesem Erlebnis veränderte sich Mummy. Aus der lebensfrohen Frau wurde eine lebensmüde Kirchgängerin, man nannte sie fortan nur noch „Die Heilige.“ Sie saß täglich auf einer Bank vor ihrem Haus und betete:

„Wie lange, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst Du dein Gesicht vor mir? Wie lange muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer ertragen, Tag für Tag? Blick doch her, erhöre mich, Herr, mein Gott, erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe. Gib mir meinen Michel wieder, behüte ihn, beschütze ihn, er ist mein einziges Kind. Ich baue auf deine Huld, mein Herz soll über deine Hilfe frohlocken.“ Nach wenigen Kilometern erreichten die Räuber das Versteck im Wald und fesselten Michel an einen Baum. Michel wusste, dass er mit seinen Entführern ins Gespräch kommen musste. Er begann ein Gespräch: „Wie heißt Ihr?“

Die Wegelagerer waren verblüfft. Sie hatten nicht mit einer Konversation gerechnet.

Der Gesprächige antwortete:

„Er ist Iwan, ich bin Gregor.“

„Und woher kommt Ihr?“

Der Verstockte blökte ihn an: „Halts Maul!“

Und mit schallendem Gelächter fügte er hinzu: