Wolfsdunkel - Lori Handeland - E-Book

Wolfsdunkel E-Book

Lori Handeland

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8,99 €

Beschreibung

Claire Kennedy ist die frisch gebackene Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Lake Bluff in Georgia. Schon bald bahnen sich jedoch die ersten Schwierigkeiten an, als ein Tourist behauptet, von einem Wolf angefallen worden zu sein. Zur selben Zeit taucht der geheimnisvolle Malachi Cartwright in dem Ort auf, der durch sein merkwürdiges Verhalten Claires Argwohn weckt. Dennoch fühlt sie sich unwiderstehlich zu dem attraktiven Mann hingezogen. Da verschwinden plötzlich einige Menschen aus dem Städtchen. Hat Malachi etwas mit der ganzen Angelegenheit zu tun?

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Seitenzahl: 429

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Inhalt

Titel

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Danksagung

Impressum

LORI HANDELAND

Roman

Ins Deutsche übertragen von Patricia Woitynek

1

Ich kam nach Hause, um einer Hölle zu entfliehen, und landete unversehens in der nächsten. Wahrscheinlich geschah es mir recht. Ich war mit achtzehn fortgegangen und hatte nie auch nur einen Blick zurückgeworfen.

Die Cherokee nennen die Berge, in denen ich geboren bin, Sah-ka-na-ga oder Gottes Große Blaue Berge. Ich hatte diese Bezeichnung immer für eine Übertreibung gehalten, doch inzwischen war ich mir da nicht mehr so sicher. In meiner derzeitigen Gemütsverfassung kamen mir die Blue Ridge Mountains tatsächlich ein bisschen wie der Himmel vor.

„Andererseits wäre verglichen mit dem hier sogar ein Feuersee eine verlockende Aussicht“, murrte ich, mit düsterer Miene das Chaos auf meinem Schreibtisch betrachtend.

„Hast du schon mal einen Feuersee gesehen? Kein hübscher Anblick.“

Zu meiner Überraschung stand Grace McDaniel in der Tür.

Während der Highschool waren wir beste Freundinnen gewesen. Bis ich das College besucht und anschließend einen Job bei einem Fernsehsender in der großen, bösen Stadt Atlanta ergattert hatte, während sie hiergeblieben war. Heute war Grace der Sheriff von Lake Bluff, und ich war die Bürgermeisterin. So viel zu den Sünden der Väter …

Im Vorzimmer läuteten mehrere Telefone. Meine Assistentin hatte mich informiert, dass drei Wähler darauf warteten, von mir empfangen zu werden, bevor sie weiß der Himmel wohin verschwunden war, um weiß Gott was zu tun.

Man sagte, Joyce Flaherty habe schon als Assistentin des Bürgermeisters gearbeitet, seit es in Lake Bluff, Georgia, den ersten Bürgermeister gab. In Anbetracht der Tatsache, dass die Stadt lange vor der Revolution von den schottischen Iren gegründet wurde, wäre Joyce damit definitiv ein übernatürliches Wesen. Falls das Gerücht zutraf.

In Wirklichkeit war Joyce während der dreißig plus x Jahre, die mein Vater hier regiert hatte, seine rechte Hand gewesen, und jetzt war sie meine. Die Frau besaß die ärgerliche Angewohnheit, meine Arbeit zu machen und mich erst hinterher darüber zu informieren. Dumm nur, dass sie von meinem Job viel mehr verstand als ich.

„Gibt’s ein Problem?“, fragte ich.

Grace tauchte nicht oft in meinem Büro auf; sie rief an, hinterließ eine Nachricht, schickte einen Bericht. Wir waren Freundinnen gewesen, aber jetzt … Nun ja, sie schien ein bisschen sauer auf mich zu sein, ohne dass ich genau wusste, warum.

»Das kann man wohl sagen«, brummte sie in ihrem trägen, weichen Südstaatenakzent. Ich hatte nie realisiert, wie sehr ich diese Klangfarbe – die ich selbst schon vor Jahren abgelegt hatte – vermisste, bis ich nach Hause zurückgekehrt war.

Grace sah sich nach hinten um, bevor sie in mein Büro trat und die Tür schloss. Ich deutete auf einen freien Stuhl, aber sie schüttelte den Kopf und begann auf und ab zu laufen, bis der kleine Raum von ihrer nervösen Energie zu knistern schien.

Grace war die denkbar unwahrscheinlichste Kleinstadtpolizistin, die man sich vorstellen konnte. Sie hatte nicht nur den Körperbau und die Kraft der schottischen Vorfahren, die uns beiden eigen waren, sondern wies darüber hinaus auch die hohen Wangenknochen und das schnurgerade tintenschwarze Haar der Cherokee auf, die jahrhundertelang in diesen Bergen umhergewandert waren, bevor sie im Zuge der beschämenden Aktion, die uns allen als Pfad der Tränen geläufig ist, in den Westen vertrieben wurden.

Die leicht dunkle Tönung ihrer perfekten Haut deutete außerdem darauf hin, dass auch ein oder zwei Sklaven an ihrem Genpool beteiligt waren. Was in diesen Teilen des Landes nicht so selten vorkam, da auch die Cherokee früher afroamerikanische Sklaven hielten.

Grace hätte als Model arbeiten können, nur war sie sich ihrer Schönheit ebenso wenig bewusst, wie ich von meiner Arbeit als Bürgermeister verstand. Sie liebte Lake Bluff mehr als irgendetwas oder irgendjemanden sonst; sie würde nie von hier weggehen, wie ich es getan hatte.

Plötzlich hörte sie auf hin und her zu laufen und stemmte die Handflächen auf die Schreibtischplatte. „Du musst mitkommen.“

Grace war schnell im Denken und Handeln, dementsprechend führte sie eine Entscheidung unverzüglich aus, sobald sie sie getroffen hatte. Manchmal – um ehrlich zu sein, meistens – wunderte ich mich, warum nicht sie Bürgermeisterin war. Nur dass in Lake Bluff die Menschen in die Fußstapfen ihrer Eltern traten, und wer darauf keine Lust hatte, der verließ die Stadt.

„Am See kampiert eine Zigeunerkarawane“, erklärte sie.

Ich blinzelte. „Entschuldige, aber hast du gerade ‚Zigeunerkarawane‘ gesagt?“

Sie lächelte herablassend. „Mit deinem Gehör ist alles in Ordnung.“

Die Art, wie sie das sagte, schien anzudeuten, dass dafür mit anderen Teilen von mir etwas nicht in Ordnung war. Das entsprach zwar der Wahrheit, aber Grace wusste das nicht. Niemand wusste es.

„Claire.“ Sie seufzte. „Was ist in Atlanta mit dir passiert? Früher hast du Sarkasmus verstanden und Paroli geboten. Man konnte Spaß mir dir haben.“

„Jetzt bin ich Bürgermeisterin“, konterte ich lahm.

„Da hast du es.“ Unsere Blicke trafen sich, und sie zwinkerte. „Aber wir werden dich schon wieder hinbiegen.“

Ich würde nie mehr derselbe Mensch sein wie vor meinem Weggehen, aber zumindest konnte ich jetzt, da ich wieder zu Hause war, endlich aufhören, bei jedem Schatten zusammenzuzucken. Das schrille Brrrrring des Telefons ließ mich mit pochendem Herzen vom Stuhl springen.

So viel dazu.

Grace gab ein ungeduldiges Geräusch von sich. Hatte sie sich je im Leben vor etwas gefürchtet?

„Geh nicht ran!“, befahl sie. Ich zog fragend eine Braue hoch. „Du wirst dich nur mit irgendwelchem Hinterwäldlermist rumschlagen müssen, und ich will, dass du mich begleitest.“

„Hinterwäldlermist?“ Gott, wie ich sie vermisst hatte!

Grace zuckte die Achseln. „Du weißt doch, wie das hier ist. Jamies Kuh hat sich in Harolds Maisfeld verirrt. Lucys Katze hat Carols Hund eins auf die Nase gegeben. Irgendein unterbelichtetes Gör steckt mit dem Kopf zwischen den Stangen des Klettergerüsts fest und schreit seit einer Stunde Zeter und Mordio.“

„Das klingt eher nach deiner Art von Hinterwäldlermist als nach meiner.“ Ich war erleichtert, als mein Telefon endlich zu klingeln aufhörte und der Anrufbeantworter ansprang.

„Na schön.“ Grace öffnete die Tür. „Dann musst du dir eben nicht das Gejammer von jemandem anhören, der sich über Grenzlinien, Steuern oder ungerechte Gemeindeverordnungen beschweren will.“

Das wäre tatsächlich meine Art von Hinterwäldlermist.

An Joyce’ Schreibtisch machte ich kurz halt, um eine Notiz zu kritzeln und mein Handy darauf zu überprüfen, ob es eingeschaltet war, anschließend zeigte ich mit dem Daumen zum Hintereingang.

Wir hatten die Tür fast erreicht, als jemand rief: „Bürgermeisterin?“ Ich wollte mich gerade umdrehen, doch Grace versetzte mir einen Stoß zwischen die Schulterblätter.

Ich stolperte auf meinen mattweißen Pumps, die die perfekte Ergänzung zu meinem blass pfirsichfarbenen Sommerkostüm waren, und wäre beinahe aufs Gesicht gefallen, als die Hintertür aufflog und wir in der Sommersonne landeten.

„Ah.“ Mit amüsierter Miene ließ Grace den Blick über den Parkplatz schweifen. „Weißt du noch, wie wir hier draußen während der Highschool Gras geraucht haben?“

„Grace!“

„Was denn?“ Sie schob eine dunkle Sonnenbrille vor ihre hellgrünen Augen.

„Jemand könnte dich hören.“

„Und wenn schon. Es ist ja nicht so, als ob wir uns erst gestern zugekifft hätten. Wir waren sechzehn.“

„Es würde einen schlechten Eindruck machen“, entgegnete ich streng. „Man erwartet von dir, Recht und Ordnung zu vertreten.“

„Soll ich mich etwa höchstpersönlich für etwas verhaften, das ich vor zehn Jahren angestellt habe? Tut mir leid, aber die Verjährungsfrist für dieses Verbrechen ist abgelaufen.“

Grace marschierte los, wobei ihre langen, gertenschlanken Beine die Distanz schneller überwanden, als meine das je geschafft hätten. Nicht, dass ich klein gewesen wäre, trotzdem fehlten mir gut sieben Zentimeter zu Grace’ ein Meter achtundsiebzig. Und ich war auf keinen Fall gertenschlank; ich war eher … rundlich. Nicht fett – zumindest noch nicht. Aber ich musste mich zügeln: fettarmer Joghurt, fettarmes Dressing, Nachtisch nur zu besonderen Gelegenheiten, wie zum Beispiel der Wiederkunft des Herrn.

Grace langte am Streifenwagen an und setzte sich hinters Steuer. Ich kletterte auf den Beifahrersitz, zerriss mir dabei die Strümpfe an der Tür und stieß eine Verwünschung aus.

„Wenn du diese dämlichen Dinger nicht tragen würdest, könntest du sie auch nicht ruinieren. Das hier ist nicht Atlanta.“

Ich musterte Grace’ Kombination aus dunkler Hose und ebenso dunkler Bluse, auf der ein schicker Aufnäher prangte, der sie als Sheriff von Lake Bluff auswies.

„Sag es nicht“, warnte sie mich.

„Sag was nicht?“

„Dass jemand in einem Aufzug wie meinem keine Modetipps geben sollte.“

„Okay.“ Ich schaute stur geradeaus. „Ich werde es nicht sagen.“

Grace bedachte mich über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg mit einem langen Blick, dann konzentrierte sie sich aufs Fahren.

Ich war drei Wochen zuvor anlässlich der Beerdigung meines Vaters nach Lake Bluff zurückgekehrt. Er war erst fünfundsechzig gewesen, und obwohl er nie auf sein Gewicht oder seinen Nikotin- und Whiskeykonsum geachtet hatte, war sein Tod ein Schock gewesen. Dass ich zugestimmt hatte, zu bleiben und seine verbleibende Amtsperiode als Bürgermeister zu Ende zu bringen, hatte sich als noch größerer Schock entpuppt, aber trotzdem war ich nun hier.

Ich sah aus dem Fenster, als wir die Stadt verließen und die Schnellstraße nahmen, die zum Lunar Lake führte. Die Stadt in ihrer heutigen Form kauerte wenige Kilometer vom See entfernt auf einem Hügel, sodass man eine atemberaubende Aussicht hatte, ganz gleich, wo in Lake Bluff man sich aufhielt.

Der Großteil der Bevölkerung – knapp fünftausend Menschen – verdiente seinen Lebensunterhalt in den Geschäften, Restaurants und urigen kleinen Pensionen, die die Hauptstraßen säumten. Einen nicht unerheblichen Teil unseres Einkommens verdankten wir unserem alljährlichen Vollmondfestival.

Die Leute reisten von weit her, um die einwöchige Feierlichkeit mitzuerleben, die an dem Tag beziehungsweise in der Nacht des August-Vollmonds mit einer Parade, einem Picknick und einem Feuerwerk ihren Höhepunkt fand. Wir rechneten in diesem Jahr mit einem gewaltigen Ansturm, denn in dieser Nacht würde eine sehr seltene totale Mondfinsternis eintreten.

Jedes Jahr ereigneten sich zwei bis vier Mondfinsternisse, doch nur in den wenigsten Fällen schnitt die Erde den Mond vollständig vom Licht der Sonne ab.

Soweit ich wusste, war das Vollmondfestival noch nie mit einem solchen Vorkommnis zusammengefallen. Dementsprechend würden wir nicht nur die üblichen Sommertouristen beherbergen, sondern auch Sterngucker – Amateure wie Profis –, die herbeiströmten, um sich das Naturschauspiel anzusehen. Da viele der geplanten Veranstaltungen am See stattfinden sollten, verstand ich Grace’ Besorgnis wegen der Zigeuner.

Wir schlängelten uns die asphaltierte, kiesgesäumte, zweispurige Landstraße hinab ins Tal, wo der Lake Lunar glitzerte.

Die Sonne warf ihre Strahlen durch die prächtigen immergrünen Bäume auf seine glatte Oberfläche. Auf der anderen Seite des Tals ragten die Berge in einen Himmel, der dieselbe Farbe hatte wie der See.

„Also …“ – ich riss mich von dem Anblick los – „… kommen hier zur Zeit viele Zigeunerkarawanen durch?“

Grace bog auf die festgefahrene Schotterpiste ab, die zum See führte. „Keine einzige.“

„Gibt es in der Gegend überhaupt noch Zigeuner?“

„Sie sind wohl zur selben Zeit ausgestorben wie die Indianer.“

„Noch mehr Sarkasmus. Spitze!“

Ihre Lippen zuckten, brachten aber kein Lächeln zustande. Das taten sie nur sehr, sehr selten. „Zigeuner gibt es überall, Claire. Die meisten Leute bemerken sie nur nicht.“

Wir nahmen eine letzte Kurve, dann trat Grace auf die Bremse. Für einen Augenblick hatte ich den Eindruck, als wären wir in die Vergangenheit gereist – vielleicht nach Rumänien im siebzehnten Jahrhundert?

Ich weiß nicht, was ich vorzufinden erwartet hatte. Eine Gruppe Obdachloser? Jedenfalls hatte ich definitiv nicht damit gerechnet, auf ein Wirrwarr pferdegezogener Planwagen und eine Horde bunt gekleideter Zigeuner zu treffen.

„Nun, du hast ja gesagt, dass es auch heute noch Zigeuner gibt“, bemerkte ich.

Grace warf mir einen finsteren Blick zu – zumindest vermutete ich, dass er finster war. Ich konnte ihre Augen hinter der Knallharter-Bulle-Sonnenbrille nämlich nicht erkennen.

Kaum dass wir in Sicht kamen, trat plötzliche Stille ein. Während Grace und ich aus dem Streifenwagen stiegen, musterten sie uns ebenso aufmerksam wie wir sie.

Sie wirkten, als wären sie der Disney-Version von Der Glöckner von Notre-Dame entsprungen. Die Männer trugen schwarze Hosen und bunte, bauschige Hemden, die Frauen lange Röcke in allen Farben des Regenbogens, dazu weiße Bauernblusen und Kopftücher. Überall funkelten goldene Armreife, Perlenketten und Kreolen.

Mehrere Wagen waren mit Gitterstäben versehen, hinter denen Tiere unruhig auf und ab liefen, allerdings waren die Fuhrwerke zu weit entfernt, der Wald zu dicht und dämmrig, als dass man irgendwelche Spezies hätte ausmachen können. Die Pferde, die die Wagen zogen, waren riesig – Clydesdales vielleicht, auch wenn sie, abgesehen von ihrer Größe, keine Ähnlichkeit mit der Budweiser-Crew aufwiesen. Sie waren scheckig grau statt braun, und bei näherem Hinsehen hatten sie breitere Brustkörbe und gedrungenere Rümpfe.

„Polizei von Lake Bluff.“ Grace nahm ihre Sonnenbrille ab und hakte den Bügel in ihre Bluse, bevor sie mit einer Hand auf dem Knauf ihrer Pistole auf die Gruppe zusteuerte.

Die, die in der vordersten Reihe standen, wichen zurück. Hinter ihnen erhob sich fremdsprachiges Gemurmel.

„Wie ein Elefant im Porzellanladen“, schimpfte ich leise. Ich mochte mich verändert haben, sie hatte das nicht getan.

Nachdem ich mein bestes CNN-Moderatorinnenlächeln aufgesetzt hatte, schloss ich zu ihr auf. „Ich bin Claire Kennedy, die Bürgermeisterin von Lake Bluff. Darf ich fragen, was Sie hier machen?“

Das Gemurmel erstarb fast vollständig, aber noch immer starrten uns alle an. Ein paar bekreuzigten sich sogar, zumindest machte es den Eindruck. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich angenommen, dass sie sich vor mir fürchteten. Möglicherweise fürchteten sie sich aber einfach nur vor Grace.

„Nimm die Hand von der Waffe“, flüsterte ich.

„Nein.“

„Du jagst ihnen Angst ein.“

„Vor dem Sheriff Angst zu haben, ist gut für die Gesundheit.“

Ich presste die Lippen aufeinander. Mein veränderter Ausdruck ließ das unverständliche Gebrabbel von Neuem anschwellen. Ich erhob die Stimme. „Gibt es hier einen Verantwortlichen?“

„Jemand, der Englisch spricht?“, ergänzte Grace.

„Das wäre dann wohl ich.“

Eine Art Welle – der Geräusche und Bewegungen – entstand in den hinteren Reihen, begleitet von einer Aura der Unterwürfigkeit, als die Menschen die Köpfe neigten. Die Menge teilte sich, und ein Mann kam uns entgegen.

„Heilige Scheiße!“, entfuhr es Grace.

Mir verschlug es die Sprache, allerdings nicht wegen ihrer Formulierung, sondern wegen seines Anblicks. „Heilige Scheiße!“ traf den Nagel auf den Kopf.

Er trug die gleichen schwarzen Hosen wie die anderen Männer, dazu schimmernde, kniehohe schwarze Stiefel, aber sein Oberkörper war nackt und glänzte vor Schweiß oder Seewasser – ohne eine Geschmacksprobe ließ sich das schwer feststellen.

Der Gedanke ließ mich blinzeln, denn mir waren Gedanken von dieser Sorte in letzter Zeit nicht viele gekommen.

Seidige gebräunte Haut floss über geschmeidige Muskeln und einen harten Waschbrettbauch. Eine frische Brise wehte aus Richtung Berge heran, und die plötzliche Kühle bewirkte, dass sich sein Körper mitsamt seinen Bizepsen anspannte.

Aber es war nicht ausschließlich seine Figur, die mich sprachlos machte. Seine Augen glänzten wie Blut im Mondschein; Wangen, Kinn und Nase waren wie aus Granit gemeißelt – wer könnte es mir also verdenken, dass ich ihn anstarrte?

Jemand reichte ihm ein Handtuch, und er rieb sich mit ebenso effektiven wie aufreizenden Bewegungen die Brust trocken. Mein Bauch fing an zu flattern, und ich musste mich beherrschen, den Blick nicht von seinem plötzlich amüsierten Gesicht abzuwenden, um den Bewegungen seiner Hände zu folgen.

Er hob das Handtuch zu seinem leicht lockigen pechschwarzen Haar, das gerade lang genug war, dass es den Ansatz seines Schlüsselbeins berührte. Während er es trocken rubbelte, flogen Wassertropfen nach allen Richtungen davon, und die Strähnen spielten Verstecken mit dem silbernen Kreuz, das an seinem linken Ohr baumelte.

Er warf das Handtuch hinter sich, als erwartete er, dass jemand es auffing, was auch geschah, bevor man ihm ein unglaublich weißes Hemd reichte. Während er es sich über den Kopf zog, schaute ich zu Grace, die die Augen verdrehte.

„Sheriff“, begrüßte er sie mit einem Akzent, der so irisch war, dass ich Klee zu riechen glaubte. „Bürgermeisterin Kennedy. Mein Name ist Malachi Cartwright.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Nennen Sie mich Mal.“

„Es lohnt sich nicht, vertraulich zu werden“, belehrte Grace ihn. „Sie werden nämlich nicht bleiben.“

Cartwright zog die Augenbrauen und einen Mundwinkel hoch. „Ach, werden wir nicht?“

2

Die Finger fest um den Knauf ihrer Pistole geschlossen, wollte Grace einen weiteren Schritt nach vorn machen. Ich ließ den Arm zur Seite schnellen und blockte sie ab. Sie knurrte zornig.

„Hör auf damit!“, verlangte ich. „Ich kümmere mich darum.“

Mein Vater hatte immer gesagt, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig, und ich hatte die Erfahrung gemacht, dass das stimmte. Natürlich hatte Grace’ Vater die Meinung vertreten, dass Macht ausnahmslos vor Recht geht, und sichergestellt, dass das auch zutraf. Grace kam mehr nach ihrem Vater als ich nach meinem.

Sie ignorierte meine Worte, drängte sich an mir vorbei und stellte sich, ihre Hand weiterhin auf der Waffe verharrend, vor mich. „Sie können hier nicht einfach kampieren. Wir veranstalten in wenigen Tagen ein Festival.“

„Und genau aus diesem Grund sind wir hier, Süße.“

Cartwright streckte den Arm aus, und in seiner Handfläche wurde ein Packen Papier sichtbar. Ich wusste, dass das Bündel nicht einfach so dort aufgetaucht war, aber wer auch immer ihm die Dinge anreichte, tat das verdammt schnell.

Mit einer schwungvollen Geste präsentierte er uns die Dokumente. „Wir wurden engagiert, um Ihnen Vergnügen zu bereiten.“

Die Art, wie er „Vergnügen“ sagte, ließ brennende Hitze in meinem Bauch aufsteigen. Ich hatte keinen Zweifel, dass seine Vorstellung von Vergnügen und meine weit auseinanderklafften – andererseits konnten sie sich, wenn man die Richtung bedachte, die meine Gedanken einschlugen, auch vollständig decken.

Grace warf mir einen missmutigen Blick zu.

„Das war ich nicht.“ Ich hob abwehrend die Hände.

Sie riss Cartwright die Papiere aus der Hand, überflog die erste Seite und schaute wieder zu mir.

„Joyce“, sagten wir wie aus einem Mund. Grace reichte mir den Vertrag.

Tatsächlich hatte meine Assistentin die Karawane angeheuert, damit sie während der Woche des Vollmondfestivals für Unterhaltung sorgte.

Die Planung hatte lange vor meiner Rückkehr begonnen, und da diejenigen, die dafür zuständig waren, das schon seit Jahren machten, hatte ich sie gewähren lassen. Wahrscheinlich hätte ich ihnen mehr auf die Finger gucken sollen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Bewohner von Lake Bluff sonderlich erfreut reagieren würden, wenn sie feststellten, dass Wanderzigeuner am See kampierten. Dem Blick nach zu urteilen, mit dem Grace die Leute fixierte, fand auch sie die Idee nicht gerade knuffig.

Leider hatten sie schon einen erheblichen Betrag aus unserer Geldschatulle kassiert, und selbst wenn wir die finanziellen Möglichkeiten gehabt hätten, wäre es jetzt zu spät gewesen, noch jemand anders zu engagieren. Das Festival war unser Goldesel. Ohne ihn würde Lake Bluff nicht überleben.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Cartwright.

Ich schaute auf und verlor mich wieder in seinen tiefdunklen Augen. Nicht nur ihre seltsame Farbe irritierte mich, sondern auch ihr intensiver Blick. Was war an mir, das ihn so sehr faszinierte?

Vielleicht lag es daran, dass ich ein ungewohnter Anblick war. Zwar war ich nicht die einzige blauäugige Rothaarige in Lake Bluff, aber ich war die einzige hier, und niemand in der näheren Umgebung trug wie ich ein Kostüm und hochhackige Schuhe. Clever von ihnen. Ich schwitzte mich in meiner Dior-Jacke zu Tode, meine Kenneth-Cole-Pumps waren staubbedeckt und die Absätze gruben sich mit jedem Schritt in den Kies, sodass das Leder hinterher bestimmt unrettbar zerschrammt sein würde.

„Es scheint alles seine Richtigkeit zu haben“, stellte ich fest und gab ihm den Vertrag zurück.

Seine Finger strichen über meine, als er ihn entgegennahm. Ich zuckte zurück und hätte die Papiere durch meinen hastigen Rückzug fast entzweigerissen.

Die Zigeuner murmelten etwas. Cartwrights Lächeln erstarb. Grace warf mir einen gereizten Blick zu.

Meine Reaktion war rüde gewesen, so als wollte ich nicht, dass er mich berührte. Was der Wahrheit entsprach. Nicht wegen dem, wer er war, sondern wegen dem, was er war.

Ein Mann. Und die machten mir Angst.

„Ich schätze, Sie können bleiben“, kapitulierte Grace. „Aber Sie müssen Ihre Leute unter Kontrolle halten.“

Cartwrights Augen wurden schmal. „Was wollen Sie damit andeuten, Sheriff?“

„Ich will damit Folgendes andeuten: Jeder hier in Lake Bluff besitzt eine Schusswaffe, und niemand scheut sich, sie auch zu benutzen. Im Dunkeln herumzuschleichen, wo man nichts zu suchen hat, kommt einer Einladung, erschossen zu werden, gleich.“

„Dann verdächtigen Sie uns also, dass wir stehlen, vielleicht sogar ein paar von euren Sprösslingen kidnappen könnten?“

Cartwright musterte Grace von Kopf bis Fuß. Sein Urteil fiel nicht schmeichelhaft aus – was Grace vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben widerfuhr.

„Sie sollten nicht alles glauben, was Sie hören. Es sind ebenso wenig alle Zigeuner Diebe und Kindesräuber, wie alle Indianer faule Trunkenbolde sind.“

Grace’ Wangen wurden rot. „Sie haben recht. Ich entschuldige mich.“

Meine Augen weiteten sich. Noch ein erstes Mal.

„Trotzdem bleibt es bei der Warnung. Andere in Lake Bluff könnten nicht so einsichtig sein wie ich.“

Cartwrights Mundwinkel zuckten. „Natürlich nicht.“

Er sagte etwas zu seinen Leuten in ihrer Sprache, woraufhin sie mit den Füßen scharrten, vor sich hin brummelten und uns böse anstarrten.

„Was haben Sie zu ihnen gesagt?“, wollte ich wissen.

„Dass sie nach Einbruch der Dunkelheit im Camp bleiben sollen.“

„Spricht außer Ihnen noch jemand Englisch?“

„Ein paar. Aber wir bevorzugen Romani, die Sprache der Roma. Der Zigeuner“, erklärte er. „Wir wollen unsere Tradition bewahren.“

„Verständlich“, kommentierte Grace.

Während unserer Kindheit hatte sie viel Zeit damit verbracht, mit ihrer Urgroßmutter, einer Medizinfrau der Cherokee, die alten Bräuche zu studieren, denn auch sie hatte die Meinung vertreten, dass das uralte Wissen nicht verloren gehen durfte.

Ich fragte mich, wie viel Grace, jetzt, da sie im öffentlichen Dienst stand, von ihrem familiären Hintergrund preisgab. Der Sheriff von Lake Bluff wurde gewählt, und auch wenn die Bewohner daran gewöhnt waren, Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner in ihrer Stadt zu sehen, hieß das noch lange nicht, dass sie ihren Polizeichef im Mondschein einen Regentanz aufführen sehen wollten. Falls die Cherokee überhaupt einen Regentanz gekannt hatten.

Ich wandte mich an Cartwright. „Welche Art von Unterhaltung bieten Sie eigentlich?“

Nach allem, was ich wusste, konnten sie hier sein, um unbekleidet Regentänze aufzuführen, was auf keinen Fall die Art von Unterhaltung war, die wir auf unserem Familienfestival haben wollten.

„Menschenopfer und solches Zeug.“

Ich riss fassungslos den Mund auf; Grace ebenso. Ein paar der Zigeuner begannen zu lachen.

„Entschuldigung.“ Cartwright spreizte die Hände. „Ich konnte einfach nicht widerstehen.“

Als weder Grace noch ich lächelten, sagte er ein paar kurze Worte auf Romani, woraufhin sich die Menge ziemlich rasch zerstreute. Sobald wir allein waren, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf uns.

„Wir geben dieselbe Vorstellung wie schon unsere Vorfahren. Wie Sie sehen können …“ – Cartwright machte eine ausholende Armbewegung, um auf die Planwagen, die Tiere, die bunt gekleideten Menschen hinzuweisen –, „… bemühen wir uns, den Flair der Alten Welt in die Neue zu transportieren. Die Roma sind schon seit langer Zeit auf Wanderschaft.“

„Wie kommt das?“, fragte Grace.

„Weil wir so leichter Verhaftungen wegen unserer Diebstähle und Entführungen entgehen können.“

Ich fing an, seinen Humor zu verstehen, und lachte; Grace tat das nicht.

„Jetzt mal im Ernst“, insistierte sie. „Was hat es nun mit Ihrer explosiven Vergangenheitsshow auf sich?“

„Die Leute lieben sie.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir sind anders und deshalb oft über Wochen ausgebucht.“

„Wenn Sie sagen ‚anders‘ …“

„Wir haben Wahrsager, Tierakrobatik, Tand zu bieten.“

„Echt sensationell“, spottete Grace. „Hab ich alles schon hundertmal gesehen.“

„Nicht in dieser Form.“ Er sagte das zu mir, so als ob ich diejenige wäre, die ihn unter Beschuss nahm. „Wenn Sie zu einem anderen Zeitpunkt noch mal wiederkommen möchten, Bürgermeisterin Kennedy, zeige ich Ihnen gern, was uns so besonders macht.“

3

„Der fährt auf dich ab“, bemerkte Grace, als wir vom Parkplatz rollten.

Ich sah mich nach hinten um. Malachi Cartwright schaute uns nach, und seine dunklen Augen schienen sich in meine zu bohren. Schnell richtete ich den Blick nach vorn. „Nein, tut er nicht.“

„‚Kommen Sie mal vorbei, Bürgermeisterin Kennedy‘“, frotzelte sie und klang dabei wie das uneheliche Kind von Scarlett O’Hara und dem Lucky-Charms-Kobold. „‚Vorzugsweise allein. Ohne diesen unsympathischen Sheriff. Dann zeige ich Ihnen meine Briefmarkensammlung.‘“

„Grace“, protestierte ich lachend. „Er wollte nur freundlich sein, und da du ja deine Godzilla-stampft-auf-all-den-kleinen-Leuten-rum-Show abziehen musstest …“

„Er konnte den Blick nicht von dir wenden“, unterbrach sie mich. „Während der ganzen Zeit, die wir dort waren, hat er kaum in meine Richtung geschaut.“

„Und ich wette, das kennst du nicht.“

„Nein“, räumte sie ein. „Aber ich wollte auch gar nicht, dass er mich ansieht. Seine Augen sind …“ Sie verstummte.

„Was?“

„Pechschwarz. Wie die eines Dämons oder so.“

„Eines Dämons? Hast du dich mal wieder über die Friedenspfeife hergemacht?“

„Niemand hat pechschwarze Augen“, beharrte sie.

„Und er hat auch keine. Sie sind dunkelbraun. Es war eine optische Täuschung.“

„Ganz bestimmt.“

Ich verzichtete auf eine weitere Diskussion. Mit Grace zu streiten, lohnte nie die Kopfschmerzen, die damit einhergingen.

Als wir vor dem Rathaus anhielten, ließ Grace den Wagen im Leerlauf weiterlaufen. „Kommst du nicht mit rein?“, fragte ich.

„Nein. Ich hab zu tun, muss Leute verhaften und so.“ Ich stieg aus; doch Grace rief meinen Namen, und ich drehte mich noch mal um. „Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte sie.

„Warum hast du mich überhaupt darum gebeten?“ Ihre Brauen zuckten über den Rand ihrer Sonnenbrille. „Es ist ja nicht gerade so, als ob ich in einer prekären Situation irgendeine Hilfe wäre.“

Ich deutete auf mein Kostüm und die Pumps, die durch den Ausflug an den See ziemlich ramponiert waren.

„Du trägst zwar keine Schusswaffe und hast auch nicht wirklich Mumm in den Knochen“, begann sie.

„Wow, Sheriff McDaniel, manchmal sind Sie derart politisch korrekt, dass man geradezu Angst bekommen könnte.“

„Aber“, fuhr sie mit missbilligender Miene fort, „zumindest hast du das flotte Mundwerk deines Vaters geerbt.“

Jeremiah Kennedy war der vollendete Politiker gewesen. Er hatte die Namen sämtlicher Einwohner gekannt, und auch die ihrer Hunde, Kinder und Enkel. Er war in einem Ausmaß gut in seinem Job gewesen, von dem ich bezweifelte, dass ich es je erreichen würde.

Allmählich fragte ich mich, ob ich überhaupt noch in irgendetwas gut war. An der Highschool war ich nicht nur Cheerleader, sondern auch Vorsitzende des Debattierklubs und Gewinnerin des staatlichen Rhetorikwettbewerbs gewesen. Die Euphorie, die ich dabei empfunden hatte, vor einer Menschenmenge zu sprechen, war berauschend gewesen.

Ich hatte den Rat meines Vertrauenslehrers befolgt und mich – mit dem Traum von einer Karriere im hellen Scheinwerferlicht – bei CNN dem Fernsehjournalismus zugewandt, nur um feststellen zu müssen, dass ich weder hübsch noch talentiert genug war. Verdammt, ich besaß von nichts „genug“, um erfolgreich zu sein!

„Mit Ausnahme von heute“, ergänzte Grace und brachte mich auf das eigentliche Thema zurück. „Der Typ hat dich in ein gackerndes Huhn verwandelt.“

„Hat er nicht.“

Sie ignorierte meinen Einwand. „Ich werde die Zigeuner später überprüfen. Sieh du, was du bei Joyce in Erfahrung bringen kannst.“

„In Ordnung.“ Ich richtete mich auf, und Grace fuhr davon.

Sie hatte sich nie viel aus gackernden Hühnern gemacht, was verständlich war. Sie war das jüngste von fünf Geschwistern und das einzige Mädchen. Ihre Mutter hatte sich aus dem Staub gemacht, als Grace drei Jahre alt war – etwa zum gleichen Zeitpunkt, als meine Mutter auf einer vereisten Straße, auf der sie nichts zu suchen hatte, gestorben war.

Meine Mom stammte aus Atlanta und hatte die Stadt an jedem einzelnen Tag vermisst. Sie hatte als Zeitungsreporterin gearbeitet, und in den späten Siebzigern war Atlanta ein sehr aufregendes Pflaster gewesen. Nachdem sie meinen Vater im Zuge einer Reportage über Kleinstadt-Bürgermeister kennen- und lieben gelernt hatte, hatte sie ihren Traumjob aufgegeben und war nach Lake Bluff gekommen, wo sie die nächsten vier Jahre damit verbrachte, sooft wie möglich auszubüxsen – zumindest hatte ich das den während meiner Kindheit geflüsterten Gesprächsfetzen entnommen.

Grace und ich hatten uns – beide mutterlos, beide meist von unseren Vätern, die sich größeren Dingen als der Kindeserziehung verschrieben hatten, ignoriert – angefreundet.

Ich war von Grace’ Andersartigkeit ebenso fasziniert gewesen wie sie von meiner. Nicht, dass sie mich nicht gnadenlos damit aufgezogen hätte, was dazu führte, dass ich sie ebenso gnadenlos aufzog. Wir waren wie Schwestern gewesen, und ich wünschte mir diese Innigkeit sehnsüchtiger zurück, als ich mir seit langer, langer Zeit irgendetwas gewünscht hatte.

Auf der Center Street herrschte emsige Geschäftigkeit; jeder traf letzte Vorbereitungen für das Festival. Direkt gegenüber dem Rathaus befestigte Bobby Turnbaugh, der Besitzer des Good Cookin’ Café, gerade ein Transparent mit der Aufschrift: Blue Ridge Dining – gute Küche. Waffeln mit Schokoladensauce nach Südstaatenart.

Ich zog eine Grimasse. Waffeln mit Schokoladensauce waren nie meine Vorstellung von guter Küche gewesen, aber mein Vater hatte das Zeug schon zum Frühstück gegessen.

Bobby hob eine Hand. Ich tat das Gleiche. Wir waren im dritten Highschool-Jahr miteinander gegangen, und er hatte mir auf dem Vordersitz des Pick-ups seines Vaters ein paar Dinge beigebracht, an die ich mich noch einige Jahre lang gern zurückerinnerte.

Gleich neben dem Café befand sich eine Kombination aus Buchhandlung und Souvenirladen, die neben indianischem Schmuck auch Erinnerungsstücke aus den Appalachen und Bürgerkriegsandenken feilbot. Auf der anderen Seite lagen ein Schönheitssalon, dann das Gun & Loan, wo man Schusswaffen kaufen und so gut wie alles andere leihen konnte, sowie ein Coffeeshop, in dem man die ausgefallenen Lattes und Chai-Tees kredenzte, die sich in den Großstädten so großer Beliebtheit erfreuten. Niemand hatte damit gerechnet, dass das Center Perk gut laufen würde, aber hunderttausend Starbucks konnten nicht irren.

Weiter südlich wartete das Lake Bluff Hotel mit einem Feinschmeckerrestaurant und einem hochwertigeren Geschenkartikelladen auf. In den dahinterliegenden Straßen gab es mehrere Frühstückspensionen, Kerzen- und Süßwarengeschäfte sowie diverse Läden, in denen man Schmuck, Nippes und andere funkelnde und glitzernde Dinge erwerben konnte. Ich wunderte mich immer wieder, wie viel Schnickschnack die Leute kauften, wenn sie im Urlaub waren.

Ich ließ meinen Blick über die rastlosen, bienenfleißigen Einheimischen schweifen, die einen starken Kontrast zu den gemächlich umherflanierenden Touristen bildeten, die einzutrudeln begonnen hatten. Ich hätte Grace vorhin fragen sollen, ob sie die örtliche Polizei eigentlich ausreichend durch auswärtige Kollegen verstärkt hatte, andererseits war ich überzeugt davon, dass sie ihren Job beherrschte und keine Ratschläge von mir brauchte.

„Claire!“

Joyce’ schrille Stimme schallte, kaum dass ich das Rathaus betreten hatte, durch das hohe, von einem Kuppeldach überspannte Foyer.

Das Gebäude war noch vor dem Bürgerkrieg erbaut worden, zu einer Zeit also, als man sich noch Regierungsgebäude aus Stein und Marmor leisten konnte. Es war eine Monstrosität, die bis ans Ende aller Tage fortbestehen würde.

Meine Assistentin eilte mir entgegen. Mit ihren knapp einen Meter achtzig und den strahlend weißen Schnürschuhen war Joyce – in Statur und Temperament – solide wie eine Eiche. Ihre Haare waren raspelkurz und noch so rabenschwarz wie am Tag ihrer Geburt – das Ergebnis eines Dauerabonnements bei Miss Clairol. Joyce kleidete sich wie der Holzfäller, der ihr Vater gewesen war: Jeans, Flanellhemd, Stiefel im Herbst und im Winter, Kakishorts, Schottenrock, ärmellose Blusen und Straßenschnürschuhe im Sommer.

Sie hatte ihre berufliche Karriere als Sportlehrerin an der Highschool begonnen, aber als die Kinder aufmüpfiger wurden und sich die Möglichkeiten eines Lehrers, ihnen deswegen die Hammelbeine lang zu ziehen, in Wohlgefallen auflösten, war sie in den städtischen Dienst getreten. Sie hatte nie geheiratet, sondern sich unter Verzicht auf alles andere für diesen Job und meinen Vater aufgeopfert. Es gab Zeiten, zu denen ich mich gefragt hatte, ob zwischen ihnen etwas lief; ich beschloss, es lieber nicht wissen zu wollen.

„Alle sind gegangen.“ Sie presste missbilligend die Lippen aufeinander.

„Wer sind alle?“

„Ich hatte Ihnen gesagt, dass ein paar Leute Sie sprechen wollten, aber Sie haben sich einfach durch die Hintertür davongeschlichen.“

Upps.

„Ich wusste, dass Sie und Grace wieder Ihre alten Tricks abziehen würden, kaum dass ich Ihnen den Rücken zukehre.“

Bei der Erinnerung an ein paar dieser alten Tricks musste ich ein Grinsen unterdrücken. Zwar bezweifelte ich, dass Grace und ich auch heute noch heimlich einen Joint rauchen oder uns bis zum Erbrechen mit billigem Wein volllaufen lassen würden, aber man konnte ja nie wissen.

Zum ersten Mal seit meiner Rückkehr überkam mich das Gefühl, dass meine Entscheidung eine gute war und nicht die zweitdümmste, die ich je getroffen hatte.

„Sie müssen unangreifbar sein“, belehrte Joyce mich. „Die ganze Stadt beobachtet Sie.“

Mein Bedürfnis zu lächeln erstarb. „Ich weiß.“

Als ich anlässlich der Beerdigung meines Vaters nach Lake Bluff gekommen war, hatte ich nicht die Absicht gehabt zu bleiben, und das, obwohl ich keinen anderen Ort hatte, an den ich gehen konnte. Ich hatte kurz zuvor als Produzentin bei einem der größten Fernsehsender Atlantas gekündigt.

Ich war deswegen nicht wirklich am Boden zerstört gewesen. Ich war eine passable Produzentin, aber keine herausragende. Ich würde die Karriereleiter nicht weiter hochklettern können, und zum ersten Mal in meinem Leben reizte mich Atlanta nicht mehr. Der goldene Glanz, den ich über die Stadt gestäubt hatte, weil meine Mutter sie früher so sehr geliebt hatte, war stumpf geworden.

„Balthazar war hier“, sagte Joyce.

„Er ist ständig hier.“

Balthazar Monahan war ein Neuzugang aus dem Norden. Niemand wusste genau, woher er kam; niemand wusste genau, warum er gekommen war, außer dass er offensichtlich zum nächsten Bürgermeister gewählt werden wollte. Er war seit dem Tag seiner Ankunft scharf auf den Job gewesen und hatte nicht gerade erfreut reagiert, als man ihn mir angeboten hatte.

Er hatte die letzten drei Wochen damit zugebracht, all meine Fehler aufzulisten und sie in die Gegend hinauszuposaunen, was ein Leichtes für ihn war, da ihm die Lake Bluff Gazette gehörte.

„Was wollte er dieses Mal?“

Joyce zuckte mit den Achseln. „Sobald er feststellte, dass Sie weg waren, fing er an, im Flüsterton auf die Leute einzureden, die mit Ihnen sprechen wollten.“

„Scheiße“, murmelte ich.

„Das können Sie laut sagen.“

„Scheiße!“

Joyce kicherte. „Entspannen Sie sich. Die Menschen müssen Ihnen die Chance geben, sich an den Job zu gewöhnen. Das Amt des Bürgermeisters zu haben, ist keine leichte Aufgabe.“

„Sagen Sie das Balthazar.“

„Würde nichts bringen. Der Kerl ist der geborene Quälgeist.“

Joyce hatte ihn längst in eine Schublade gesteckt, so wie sie es bei den meisten Menschen tat. Ich weiß nicht, ob es an ihren Jahren als Lehrerin oder an ihren Jahren im Rathaus lag, jedenfalls ordnete sie die Leute sekundenschnell in Kategorien ein. Gut, böse, hässlich – Joyce genügte ein Blick, und sie wusste alles über einen. Was der Grund war, warum sie trotz ihrer Neigung, herumzuzicken, zu jammern und mich zu bemuttern, noch immer für mich arbeitete.

„Da wir gerade beim Thema Quälgeist sind“, sagte ich. „Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, diese Wanderzigeuner zu engagieren?“

Ihr Gesicht hellte sich auf. „Sie sind da?“

„Lesen Sie jemals die Notizen, die ich Ihnen hinlege?“

„Manchmal.“

Ich rieb mir die Stirn. „Warum Zigeuner?“

„Sie haben mich kontaktiert.“

Ich ließ die Hand sinken. „Sie haben was?“

„Der Anführer …“ Joyce schürzte die Lippen. „Ein biblischer Name. Er liegt mir auf der Zunge.“

„Malachi Cartwright?“

„Ja, genau. Das letzte Buch des Alten Testaments.“

„Ich entsinne mich nicht an ein Cartwright-Buch.“

„Hahaha. Sie sollten auf ihr forsches Mundwerk achten, jetzt, da Sie in der Politik sind.“

Wie üblich hatte sie recht. Meine spitze Zunge hatte mir in Atlanta gute Dienste geleistet, aber hier könnte ich ihretwegen gelyncht oder zumindest abgewählt werden.

„Cartwright hat mich kontaktiert“, wiederholte Joyce. „Er gab an, von unserem Festival gehört zu haben und dass sie gern auftreten würden. Dann …“ – sie reckte das Kinn vor und gab eine grauenvolle Marlon-Brando-Imitation zum Besten – „… machte er mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.“

„Was für ein Angebot?“

„Sie treten an jedem Abend der Woche auf, berechnen uns jedoch nur die Hälfte dessen, was jeder andere, mit dem ich sprach, verlangt hätte.“

„Warum?“

„Das habe ich nicht gefragt. Geschenkter Gaul und so weiter. Sie wissen, dass unsere Kasse fast vollständig leer ist?“

Das wusste ich. Wir mussten beim diesjährigen Vollmondfestival einen anständigen Profit einfahren, sonst würde sich die Lage dramatisch zuspitzen.

Manchmal spielte ich mit dem Gedanken, mein Amt einfach an Balthazar abzutreten und ihm die Kopfschmerzen zu überlassen, nach denen er sich so verzehrte. Bis mir wieder einfiel, dass ich ohne diesen Job vor dem Nichts stand.

„Taugen sie etwas?“, erkundigte ich mich.

„Das werden wir herausfinden.“

„Sie haben sich keine Referenzen geben lassen?“

„Referenzen?“ Joyce fing an zu lachen. „Es sind Zigeuner.“

„Das wurde mir spätestens klar, als ich die Ohrringe und die Pferdefuhrwerke sah, allerdings scheinen sie ein bisschen dick aufzutragen.“

„Effekthascherei ist Teil der Show.“

„Sie könnten eine Bande vagabundierender Serienkiller sein“, erwiderte ich.

„Grace wird sie auf Haut und Nieren überprüfen.“

„Ja, das wird sie, aber das hätte sie schon tun können, bevor Sie sie herholten, was uns allen einigen Stress erspart hätte.“

„Ich hatte es vergessen.“

Was Joyce nicht ähnlich sah, aber irgendwann musste wohl auch bei ihr die Demenz einsetzen. Nur warum musste dies ausgerechnet während meiner Amtszeit geschehen?

Der restliche Tag verging in hektischer Betriebsamkeit. Da der Bürgermeister von Lake Bluff für fast alles Kommunale die Verantwortung trug, das nicht in die Zuständigkeit des Polizeireviers fiel, und Joyce meine einzige Mitarbeiterin war, hatte ich reichlich zu tun.

Jede Woche hielten wir eine Stadtratssitzung ab. Ich fand nicht, dass wir wöchentliche Zusammenkünfte brauchten, aber da die ausschließlich männlichen, ausschließlich alten Stadträte nichts Besseres zu tun hatten und schon seit Anbeginn der Zeit jede Woche zusammenkamen, war ich überstimmt.

Seit ich da war, folgten die Treffen immer demselben Muster. Sie stritten; ich schlichtete. Nur selten wurde irgendein Beschluss gefasst, und um neun Uhr abends zogen sie sich in die American Legion Hall zurück, um sich mit Bud Light für zwei Dollar den Krug zu stärken. Sie luden mich nie ein mitzukommen. Meinen Vater hatten sie immer eingeladen.

Zu meinem Pech sollte an diesem Abend eine Zusammenkunft stattfinden.

Ich hörte sie schon streiten, bevor ich den Sitzungssaal erreichte. Mir kam der Gedanke, umzudrehen und sie sich selbst zu überlassen. Würden sie mein Fehlen überhaupt bemerken?

„Ich sage, wir brauchen einen Bürgersteig vor der Grundschule.“

„Ich sage, wir brauchen keinen.“

„Vielleicht sollten wir abwarten und noch eine Weile darüber nachdenken. Ich kann beide Standpunkte nachvollziehen.“

„Wir müssen die Steuern senken.“

„Wir müssen sie erhöhen.“

„Lasst uns nicht voreilig sein …“

Ich holte tief Luft und trat ein. Alles verstummte.

„Meine Herren.“

„Claire.“

Jeder von ihnen hatte mich schon gekannt, als ich noch in den Windeln gesteckt hatte, dementsprechend konnte ich schwerlich darauf bestehen, dass sie mich Bürgermeister Kennedy nannten. So hatten sie meinen Vater angesprochen.

Er hatte seinen Stadträten heimlich Spitznamen verpasst: Sieht-nichts-Böses, Hört-nichts-Böses, Sagt-nichts-Böses und Kennt-keinen-Spaß. Ich musste nicht erst fragen, wer wer war. Eine einzige Sitzung, und ich konnte die Spitznamen ohne Hilfe zuordnen.

„Was steht heute auf dem Plan?“

„Bürgersteige und Steuern.“

Warum hatte ich nur gefragt?

„Haben wir nicht erst letzte Woche über Bürgersteige debattiert?“

„Wir haben keinen Beschluss gefasst“, erinnerte Wilbur McCandless mich. Er hatte früher den Eisenwarenladen geführt, ihn inzwischen jedoch an seinen Sohn weitergegeben, und seither verbrachte er seine Zeit damit, sich über Bürgersteige den Kopf zu zerbrechen. Aber irgendwer musste das vermutlich tun.

Wilbur war unfähig, Entscheidungen zu treffen; für ihn hörten sich beide Seiten einer Medaille immer gleich gut an. Mein Vater hätte ihn besser Sagt-niemals-etwas-Konstruktives nennen sollen, doch das hätte nicht zu dem Witz gepasst, deshalb wurde Wilbur Sagt-nichts-Böses getauft.

„Wir haben auch unsere Beratung wegen der Steuern nicht zu Ende gebracht.“ Das kam von Hoyt Abernathy, dem ehemaligen Präsidenten der Lake Bluff Bank. Er sprach gern über Geld. Immer und überall.

Gerüchten zufolge hatte Hoyt am Tag seiner Pensionierung ein Freudenfeuer aus seinen Anzugschuhen veranstaltet, was erklärte, warum er heute nur noch Slipper trug. Eigentlich keine schlechte Idee.

Ich hatte Hoyt als Kennt-keinen-Spaß identifiziert. Für ihn war jedes noch so kleine Problem ein Desaster epischen Ausmaßes. Ginge es nach mir, würde man ihn wegen des jammernden Tonfalls, mit dem er seine Kommentare vorbrachte, I-Ah nennen.

„Wir können die Steuern nicht anheben!“, brüllte Malcolm Frasier, allerdings nicht, weil er wütend war, sondern schwerhörig. Hört-nichts-Böses und auch sonst nichts, was das betraf.

„Warum nicht?“, schrie Hoyt zurück.

„Den Leuten geht es jetzt schon schlecht. Höhere Steuern werden sie allesamt aus Lake Bluff vertreiben.“

„Warum sollte irgendjemand auf die Idee kommen, Lake Bluff zu verlassen?“, wunderte sich Joe Cantrell, einstiger Chef der Feuerwehr. „Es ist eine wundervolle Stadt.“

Für Joe – oder Sieht-nichts-Böses – war die Welt immer sonnig, was eine seltsame Wahrnehmung für einen Feuerwehrmann war. Allerdings gab es nicht viele Brände in Lake Bluff, und die wenigen, die sich ereigneten, waren nicht bedrohlich. Die Leute wohnten zu dicht beieinander und interessierten sich zu sehr für die Angelegenheiten ihrer Nachbarn, als dass ein Feuer je außer Kontrolle hätte geraten können.

Es trat Stille ein, und alle Blicke richteten sich auf mich.

„Ups!“, murmelte Joe.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war fortgegangen, weil ich es musste. Es war eine Notwendigkeit gewesen. Aus dem gleichen Grund war ich zurückgekehrt. Aber darüber wollte ich mit ihnen nicht sprechen.

Ich nahm Haltung an. Wenn ich Bürgermeisterin sein und die Rolle nicht nur spielen wollte, musste ich auch wie eine auftreten. Dieser Zeitpunkt eignete sich so gut wie jeder andere, um damit anzufangen.

„In Ordnung.“ Ich klopfte zweimal mit den Knöcheln auf die Tischplatte. „Genug geplaudert.“

„Was?“ Malcolm formte mit der Hand einen Trichter um sein Ohr.

„Keine Diskussionen mehr!“, rief ich. „Wir stimmen ab. Heute Abend. Wir fällen eine Entscheidung. Zu diesem Zweck wurden Sie alle gewählt.“

„Eine Abstimmung?“, echote Wilbur. „Sind Sie sicher? Normalerweise reden wir einfach nur über die Dinge.“

„Ab jetzt nicht mehr. Meine Herren, greifen Sie zu Ihren Stiften!“

Fünfzehn Minuten später war die leidige Angelegenheit vom Tisch. Neue Gehsteige vor der Schule, nachdem die alten zu Staub zerbröselt waren, und eine minimale Steuererhöhung, um sie zu finanzieren.

„Das hat Spaß gemacht“, befand Joe. „Lasst uns das noch mal tun!“

Wilbur krümmte sich auf seinem Stuhl zusammen. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir so vorschnell einen Beschluss hätten fassen sollen.“

Ich ignorierte beide und fragte stattdessen: „Irgendwelche neuen Themen?“

Alle sahen sich schulterzuckend an.

„Wir waren so sehr damit beschäftigt, uns über die alten den Kopf zu zerbrechen, dass uns gar keine neuen eingefallen sind“, bekannte Wilbur.

Gott sei Dank! Allerdings befürchtete ich, dass das nicht von Dauer sein würde. Sie hatten nicht viel anderes zu tun, als sich neue Themen auszudenken.

„Ihr Vater hat uns nie abstimmen lassen“, brummte Hoyt.

„Vielleicht hätte er das tun sollen.“

Alle vier starrten mich entgeistert an. Ich machte mich auf eine Rüge gefasst. Es stand mir nicht zu, Kritik zu üben. Mein Vater hatte dreißig Jahre lang gute Arbeit geleistet.

„Die Sitzung ist geschlossen“, erklärte ich, als keine kam.

„Was?“, schmetterte Malcolm.

Die drei anderen steuerten im Gänsemarsch die Tür an; bestimmt konnten sie ihr Budweiser schon riechen. Malcolm sah sie abziehen und schloss sich ihnen hastig an. Ich guckte auf die Uhr. Die Versammlung hatte gerade mal eine halbe Stunde gedauert. Ich war so verdammt stolz auf mich, dass ich einen Luftsprung hätte machen können. Vielleicht würde ich diesen Job am Ende doch bewältigen. Es würde im schlimmsten Fall ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen.

4

Als ich eine Stunde später die Rathaustür hinter mir absperrte, zog am Horizont gerade die Dämmerung herauf. Joyce war gegen sechs gegangen, um wie jeden Tag in flottem Tempo die zwei Kilometer nach Hause zu traben.

Mein eigener Heimweg war beträchtlich kürzer. Mein Vater hatte mir das größte Haus in Lake Bluff hinterlassen – ein weißes, weitläufiges, zweistöckiges Gebäude mit einer Veranda, die das Erdgeschoss umsäumte und zu einer Terrasse mit Blick über den Garten führte. Um nach Hause zu gelangen, musste ich nicht mehr tun, als die entgegengesetzte Richtung zu den Geschäften auf der Center Street einzuschlagen und drei Blocks bergauf zu laufen.

Die Straßenlaternen brannten noch nicht. Die untergehende Sonne warf Ranken aus Licht und Schatten auf den Asphalt.

Meine Absätze klapperten – ein vage unheimliches Geräusch, das meine Einsamkeit unterstrich, aber ich hatte hier nichts zu befürchten. Kriminelle Übergriffe waren in Lake Bluff praktisch unbekannt. Die einzige Zeit, in der so etwas vorkam, war während des Festivals, und dann steckten ausnahmslos Nichteinheimische dahinter. Es hatte hier seit Jahrzehnten keinen Mord mehr gegeben.

Wie kam es dann, dass mich plötzlich dieses Frösteln überlief und ich in eine wesentlich schnellere Gangart verfiel?

Mächtig und mitternachtsblau ragten in der Ferne die Berge zum Himmel. Was auch geschah, diese Gipfel würden immer dort sein. Ihr Anblick beruhigte meine Nerven.

Mit einem fast hörbaren Seufzen tauchte die Sonne unter den Horizont, und das graue Zwielicht des frühen Abends breitete sich über meine Umgebung.

Ein Kiesel kullerte zu meiner Rechten den Hang hinab. Mein Blick zuckte in die Richtung, dann sah ich einen Schatten zwischen den Bäumen davonhuschen. Zögernd schaute ich zum Rathaus, das inzwischen weiter entfernt war als meine Haustür.

Mit neuer Entschlossenheit wandte ich das Gesicht nach vorn und setzte meinen Weg fort.

Seit fast drei Wochen legte ich diese Strecke zweimal täglich zurück und war dabei nie nervös gewesen. Andererseits hatte ich bis heute Abend hier draußen auch noch nie eine Präsenz gespürt.

Etwas heulte – das Geräusch war scharf und unvertraut. Ich hatte in meinem Leben schon Tausende Kojoten gehört, aber keiner hatte so geklungen.

„Muss aber einer sein“, murmelte ich. Trotz der weiten, unbebauten Flächen und der Unmenge an Bäumen hatte es in diesen Bergen seit sehr langer Zeit keinen Wolf mehr gegeben.

Der schrille, kummervolle Ton erstarb. Ich wartete auf eine Antwort, doch es kam keine.

Seltsam. Wann immer ich als Kind Kojotengeheul gehört hatte, war es mehr als ein Tier gewesen.

Ein Kratzen auf dem Asphalt ließ mich herumfahren, dann stieg ein Schrei in meiner Kehle auf, als ich den Mann hinter mir entdeckte.

„Balthazar“, keuchte ich. „Was tun Sie hier?“

Er trat zu nahe an mich heran; das tat er immer. Ich war mir nie ganz sicher, ob er ein Nahredner war oder einfach nur ein Mistkerl, der seine Statur missbrauchte, um andere einzuschüchtern.

Balthazar Monahan musste über einen Meter neunzig groß und um die hundertdreißig Kilo schwer sein. Sein riesiger, von einem schwarzen Hemd verhüllter Brustkasten nahm mir die Sicht. Aus seiner zum Bersten gespannten Knopfleiste sprossen vereinzelte Haare hervor. Balthazar war nicht nur ein Hüne, sondern auch extrem behaart.

Ich wich zurück und starrte nach oben in seine großen, bebenden, gleichfalls behaarten Nasenlöcher. Mit einem blechernen Geräusch gingen die Straßenlaternen an, und ihr Licht verlieh seinen braunen Augen einen goldenen Schimmer.

Er grinste, und in diesem Moment erkannte ich, dass er mir absichtlich Angst machte, vermutlich sogar stundenlang zwischen den Bäumen darauf gewartet hatte, dass ich nach Hause gehen würde. Ich hatte versucht, meine Panik vor Männern zu verbergen, aber gleich einem wilden Tier hatte Balthazar meine Schwäche erkannt und beutete sie nun aus.

„Ich will ein paar Informationen über diese Illegalen unten am See.“

Ich runzelte die Stirn. Wie hatte er davon so schnell erfahren?

So, wie er instinktiv meine verletzliche Stelle erraten hatte, schien er nun meine Gedanken zu erraten. Er redete in seinem flachen Yankee-Akzent weiter, der schlimmer an meinen Nerven zerrte als zuvor das mysteriöse Heulen.

„Einer meiner Reporter hat Sie und unseren Häuptling in diese Richtung abdüsen sehen.“ Er zeigte zum See.

Balthazar bezeichnete Grace ständig als unseren Polizeihäuptling, als wäre diese Anspielung die witzigste Sache der Welt.

„Sie hatten es so eilig“, setzte Monahan hinzu, „dass er beschloss, Ihnen zu folgen.“

Manchmal erinnerten Balthazars Reporter eher an Spione.

„Stellen Sie sich seine Überraschung vor, dort auf Zigeuner zu stoßen.“

„Stellen Sie sich meine vor“, murmelte ich.

Sein Grinsen wurde breiter, und ich hätte mir am liebsten eine geschallert. Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Worte schon als morgige Schlagzeile.

„Die Karawane wurde als Unterhaltungsprogramm für das Festival engagiert“, ruderte ich zurück. „Wenn Sie mehr wissen wollen, sprechen Sie mit Joyce.“

„Ich spreche lieber mit Ihnen.“

Ich knirschte so heftig mit den Zähnen, dass das Geräusch laut hörbar die plötzliche abendliche Stille durchdrang. Was war mit dem … was auch immer geheult hatte, passiert?

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit zurück zu meinem aktuellen Problem. „Sie bieten traditionelle Zigeuner-Unterhaltung – Wahrsagerei und dergleichen.“

„Wenn die wirklich nur als Unterhaltungsprogramm hier sind, warum sind Sie und die Rothaut dann während der Arbeit so überstürzt dorthin gefahren?“

Seine Wortwahl schockierte mich, trotzdem unterließ ich es, ihn zu korrigieren. Grace würde ihm eines Tages in den Arsch treten, und ich würde dabei zusehen, vielleicht sogar helfen. Es war schon so lange her, dass wir zusammen Spaß gehabt hatten.

Da ich Balthazar Monahan auf gar keinen Fall verraten würde, dass Joyce die Karawane ohne mein Wissen angeheuert und Grace mich zum See gezerrt hatte, um sie zu verscheuchen, log ich: „Wir wollten die Karawane in der Stadt willkommen heißen.“

„Sie wissen mit Ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen?“

Während des ganzen Gesprächs hatte ich gegen meine Angst, mit einem Mann allein im Dunkeln zu sein, angekämpft. Jetzt wurde ich wütend, was mich für gewöhnlich in Schwierigkeiten brachte.

„Es ist jetzt fast neun, und ich bin gerade erst aus einem Büro rausgekommen, das ich heute Morgen um die gleiche Zeit betreten habe. Warum schreiben Sie das nicht in Ihrer Zeitung?“

Er presste seine papierdünnen Lippen aufeinander. Seine Wangen verfärbten sich dunkel, was seinem rötlichen Teint eine fleckige Marmorierung verlieh. Zorn blitzte in seinen schwarzen Augen auf, und ich hätte schwören können, dass er knurrte, als er nach mir fasste.

Noch bevor er die Finger um meinen Arm schließen und tun konnte, was auch immer ihm vorschwebte, ertönte ein Heulen aus dem Wald. Es war so laut und so nah, dass ich aufkeuchte und mir vor Schreck fast das Herz zersprang.

„Was zur Hölle ist das?“, murmelte Balthazar.

„Klingt nach einem Wolf.“ Damit rechnend, dass das Tier aus dem Wald hervorbrechen und nicht nur unserer Neugier, sondern auch unseren Leben ein Ende setzen würde, starrte ich zwischen die dichten, düsteren Baumreihen.

Ich machte mich darauf gefasst, dass Monahan mich auslachen und daran erinnern würde, dass die letzten Timberwölfe schon vor Urzeiten Jägern zum Opfer gefallen waren und sich die Neuansiedlung von Rotwölfen als Misserfolg entpuppt hatte. Die einzigen großen wild lebenden Tiere in diesen Bergen waren Bären und Rotluchse, und die heulten nicht.

Als er stumm blieb, riskierte ich, meinen Blick von den Schatten, die mit schwindelerregender Geschwindigkeit zu flackern und zu tanzen begonnen hatten, abzuwenden und auf ihn zu richten.

Das Einzige, was ich sah, war sein Rücken, als er in die entgegengesetzte Richtung davonhastete. Die Erleichterung, die mich durchströmte, machte mich noch schwindliger. Es störte mich noch nicht mal, allein zu sein mit … was auch immer – solange nur Balthazar verschwunden war.

„Braves Hündchen“, flüsterte ich und trat vorsichtig den Rückzug an. Mein Haus lag nur noch ein kurzes Stück hügelaufwärts hinter einer Kurve, trotzdem ließ ich die Bäume nicht aus den Augen. Sollte ich von einem wilden Tier zerrissen werden, das es in dieser Gegend gar nicht geben durfte, wollte ich es zumindest kommen sehen. Zu viele schlimme Dinge in meinem Leben hatten mich unvorbereitet von hinten getroffen.

Mein keuchender Atem überlaut in der Stille, schlich ich mit klackenden Absätzen meiner sicheren Zuflucht entgegen.

Die Bäume raschelten. Ein Schatten irrlichterte.

Der Wind? Oder etwas Substanzielleres und Tödlicheres?

Ich hätte schwören können, dass mir aus den Tiefen des Waldes Augen entgegenstarrten. Ich blinzelte; ich konnte nicht anders. Nachdem ich den ganzen Tag und den halben Abend durchgearbeitet hatte, war ich todmüde. Als ich meine Augen wieder öffnete, war das andere Augenpaar verschwunden.

Ich drehte mich um und stieß so unerwartet mit Malachi Cartwright zusammen, dass ich strauchelnd zurückprallte.

Er stabilisierte mich, dabei kratzten seine rauen Hände über meine Ärmel. Ich hob meinen erschrockenen Blick zu seinem Gesicht und geriet in den Bann seiner Schönheit.