Wolfsgesang - Lori Handeland - E-Book

Wolfsgesang E-Book

Lori Handeland

4,5
8,99 €

Beschreibung

Früher war Leigh Tyler Kindergärtnerin und hatte große Pläne für ihre Zukunft. Doch seit ihr ehemaliger Geliebter sich in einen Werwolf verwandelt und ihre Familie getötet hat, kennt sie nur noch ein Ziel: Rache zu nehmen. Als Mitglied einer geheimen Organisation von Werwolfjägern wird Leigh nach Wisconsin gerufen, weil dort einer der mythischen Wölfe sein Unwesen treiben soll. In Crow Valley begegnet ihr der verführerische Ire Damien Fitzgerald, der tiefe Gefühle in ihr weckt. Doch Leigh hat sich geschworen, nie wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 451




Inhalt

Titel

Widmung

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Impressum

Lori Handeland

Roman

Ins Deutsche übertragen von Patricia Woitynek

 

Für Robert „Buck“ Miller – den ich schlicht Dad nenne

1

Man sagt, der Jagdmond habe früher Blutmond geheißen, und ich weiß auch, warum. Der helle Schein eines Vollmonds in einer frostigen Herbstnacht verwandelt Blut von Purpurrot in Schwarz.

Ich persönlich ziehe die Farbe von Blut im Mondschein seiner Schattierung im grellen Kunstlicht bei Weitem vor. Aber ich schweife ab.

Ich bin eine Jägerin. Ein Jägersucher für die Eingeweihten – von denen es nur eine Handvoll gibt. Ich jage Monster, und für den Fall, dass ihr denkt, dies sei ein Euphemismus für die Serienmörder von heute, so ist das nicht. Wenn ich „Monster“ sage, meine ich damit die entfesselte Hölle, Klauen und Reißzähne, frei herumlaufende, übernatürliche Geschöpfe. Die Art von Kreaturen, die einem niemals endende Albträume bescheren. Ich weiß, wovon ich spreche.

Meine Spezialität sind Werwölfe. Ich muss schon tausend getötet haben, dabei bin ich erst vierundzwanzig. Leider war meine berufliche Auslastung noch nie in Gefahr. Ein Umstand, der mir mal wieder allzu bewusst wurde, als mich mein Chef, Edward Mandenauer, an einem Tag im Oktober in aller Herrgottsfrühe anrief.

„Leigh, ich brauche Sie hier.“

„Wo ist hier?“, ächzte ich.

Ich bin kein fröhlicher, strahlender Morgenmensch. Das liegt vielleicht daran, dass ich den größten Teil meines Lebens in der Dunkelheit verbringe. Werwölfe zeigen sich erst nachts, bei Mondschein. Sie sind diesbezüglich ziemlich eigen.

„Ich bin in Crow Valley, Wisconsin.“

„Nie gehört.“

„Genau wie der Rest der Welt.“

Plötzlich hellwach und mit sämtlichen Sinnen in Alarmbereitschaft, setzte ich mich auf. Das hatte verdächtig nach einem trockenen Witz geklungen. Edward machte keine Witze.

„Wer spricht da?“, fragte ich barsch.

„Leigh.“ Mandenauers langes, gequältes Seufzen war ebenso typisch für ihn wie sein schwerer deutscher Akzent. „Was ist heute Morgen los mit Ihnen?“

„Es ist morgens. Reicht das nicht?“

Ich war niemand, der jeden neuen Tag freudig begrüßte. Mein Leben war einer einzigen Sache gewidmet – die Erde von Werwölfen zu säubern. Nur so konnte ich vergessen, was passiert war, mir vielleicht verzeihen, dass ich lebte, während alle, die ich je geliebt hatte, gestorben waren.

„Liebchen“, murmelte Mandenauer, „was mache ich nur mit Ihnen?“

Edward hatte mich an jenem lang zurückliegenden Tag voller Blut, Tod und Verzweiflung gerettet. Er hatte mich bei sich aufgenommen, mir Dinge beigebracht und mich dann losgeschickt, um sie in die Tat umzusetzen. Ich war seine eifrigste Agentin, doch nur Edward und ich wussten, warum.

„Es geht mir gut“, versicherte ich ihm.

Das tat es nicht und würde es vermutlich auch nie. Aber ich hatte mich damit abgefunden und neu angefangen. Sozusagen.

„Natürlich geht es Ihnen gut“, erwiderte er sanft.

Keiner von uns beiden ließ sich von meiner Lüge oder seiner Billigung derselben täuschen. Auf diese Weise blieben wir auf das fokussiert, was wichtig war. Sie alle zu töten.

„Die Stadt liegt im Norden des Staates“, fuhr er fort. „Sie werden nach Minneapolis fliegen, sich einen Leihwagen nehmen, und dann müssen Sie in … ich glaube, östlicher Richtung fahren.“

„Ich komme nicht nach Shit Heel, Wisconsin, Edward.“

„Crow Valley.“

„Was auch immer. Ich bin hier noch nicht fertig.“

Ich hatte auf Mandenauers Anweisung hin in Kanada gearbeitet, nachdem vor ein paar Monaten in einem kleinen Kaff namens Miniwa die Hölle losgebrochen war. Irgendwas in Zusammenhang mit einem Blauen Mond und einem Wolfsgott – ich kannte die Details nicht. Sie interessierten mich auch nicht. Das Einzige, was mich interessierte, war die Tatsache, dass jede Menge Werwölfe nach Norden unterwegs waren.

Aber so gern ich es auch getan hätte, konnte ich nicht einfach jedem Wolf, der mir über den Weg lief, eine Silberkugel verpassen. Es gab diesbezüglich Gesetze – sogar in Kanada.

Die Jägersucher waren eine geheime Spezialeinheit der Regierung. Wir selbst betrachteten uns gern als eine Art Sondereinsatzkommando in Sachen Monsterjagd. So etwas wie Akte X kontra Grimms Märchenfiguren auf Steroiden.

Jedenfalls mussten wir unter allen Umständen im Verborgenen operieren. Ein Haufen toter Wölfe – eine gefährdete, in manchen Gegenden sogar vom Aussterben bedrohte Spezies – würde zu viele Fragen aufwerfen.

Die Jägersucher hatten schon genug Probleme, das Verschwinden jener Menschen zu vertuschen, die in Wahrheit Werwölfe gewesen waren. Trotzdem war es in unserer modernen Welt immer noch einfacher, vermisste Personen zu erklären als tote Tiere. Traurig, aber wahr.

Mein Job, sollte ich ihn denn annehmen – und das hatte ich vor langer Zeit getan –, würde darin bestehen, die Werwölfe in flagranti zu ertappen. Während sie sich verwandelten. Dann hatte ich die Befugnis, ihnen eine Silberkugel ins Gehirn zu jagen.

Bürokratie in Reinkultur.

Sie zu erwischen war gar nicht so schwer, wie man meinen könnte. Die meisten Werwölfe bewegten sich genau wie echte Wölfe in Rudeln. Wenn sie in den Wald liefen, um sich zu verwandeln, hatten sie dort meistens ein Lager, wo sie ihre Kleidung, Geldbeutel und Autoschlüssel zurückließen. Vom Zweifüßler zum Vierfüßler zu werden brachte ein paar Nachteile mit sich, wie, zum Beispiel, keine Hosentaschen zu haben.

Einmal habe ich ein solches Versteck aufgespürt … Sagt euch die Redewendung „auf Enten in einem Teich schießen“ etwas? Sie ist eine meiner liebsten.

„Sie werden da nie fertig werden.“ Edwards Stimme riss mich aus meiner Gedankenversunkenheit. „Und momentan werden Sie hier gebraucht.“

„Warum?“

„Aus dem üblichen Grund.“

„Es gibt dort Werwölfe. Erschießen Sie sie selbst.“

„Ich brauche Sie, damit Sie einen neuen Jägersucher ausbilden.“

Was waren denn das für neue Sitten? Edward hatte sich sonst immer selbst um das Training der Neuzugänge gekümmert, und ich …

„Ich arbeite allein.“

„Es ist an der Zeit, das zu ändern.“

„Nein.“

Ich war nicht gut im Umgang mit Menschen. Wollte es auch gar nicht sein. Ich war gern allein. Auf diese Weise konnte niemand, der mir nahestand, getötet werden – nicht noch einmal.

„Es ist keine Bitte, Leigh, sondern ein Befehl. Sie sind spätestens morgen hier, sonst können Sie sich einen neuen Job suchen.“

Damit legte er auf.

Ich blieb in meiner Unterwäsche auf der Bettkante sitzen und hielt den Hörer gegen mein Ohr, bis er zu piepsen anfing, dann legte ich ihn auf die Gabel und starrte noch einen Moment länger vor mich hin.

Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich war keine Lehrerin, ich war ein Killer. Welches Recht hatte Edward, mich rumzukommandieren?

Jedes Recht der Welt. Er war mein Boss, mein Mentor, das, was für mich einem Freund am nächsten kam, was wiederum bedeutete, dass er es besser wissen sollte, als von mir zu verlangen, etwas zu tun, das ich zusammen mit meinem einstigen Leben aufgegeben hatte.

Ich war tatsächlich eine Lehrerin gewesen, vor langer, langer Zeit.

Ich zuckte zusammen, als die Erinnerung an singende Kinderstimmen durch meinen Kopf waberte. Miss Leigh Tyler, ihres Zeichens Grundschullehrerin, war so tot wie der Mann, den sie einst hatte heiraten wollen. Auch wenn sie manchmal noch durch meine Träume geisterte. Aber was konnte ich dagegen schon machen? Sie erschießen?

Das war zwar meine übliche Methode, Probleme zu lösen, aber bei der sorglosen Traum-Leigh funktionierte sie nicht wirklich. Leider.

Ich schleppte mich vom Bett zur Dusche, dann packte ich meine Siebensachen und machte mich auf den Weg zum Flughafen.

Niemand hier in Elk Snout – oder wie zur Hölle dieses Kaff, in dem ich gejagt hatte, hieß – würde bemerken, dass ich weg war. Wie ich es überall, wohin mich mein Weg führte, praktizierte, hatte ich auch hier eine abgelegene Hütte gemietet und jedem, der fragte – und es war schockierend, wie wenige das taten –, erzählt, dass ich vom Department of Natural Resources hergeschickt worden sei, um einen neuen, die Wolfspopulation bedrohenden Tollwuterreger zu untersuchen.

Diese Erklärung rechtfertigte bequem meine seltsamen Arbeitszeiten, meine Angewohnheit, ein bis drei Schusswaffen mit mir herumzuschleppen, und auch mein mürrisches Wesen. Die Jagd- und Fischereibehörde war bei den Leuten nicht gerade beliebt. Also ließ man mich in Ruhe – was mir sowieso am liebsten war.

Als ich am Flughafen ankam, stellte ich fest, dass es pro Tag nur einen Flug nach Minneapolis gab. Zum Glück ging er am späten Nachmittag, und es waren noch jede Menge Plätze frei.

Ich hatte von den Jägersuchern die entsprechenden Papiere, die mich als Beamtin des DNR auswiesen und mir gestatteten, meine Waffen – eine serienmäßige Remington-Flinte Kaliber .12, mein persönliches Jagdgewehr und eine halbautomatische Glock Kaliber .40, die ebenfalls zur Standardausrüstung des DNR gehörte – mit an Bord zu nehmen. Eine Stunde nach der Landung war ich auf dem Weg nach Crow Valley.

Ich machte mir nicht die Mühe, Mandenauer anzurufen, um mich anzukündigen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass ich kommen würde. Ganz gleich, was er von mir verlangte, ich würde es tun. Nicht, weil ich ihn respektierte, auch wenn ich das tat, und zwar mehr als jeden anderen Menschen, den ich je gekannt hatte, sondern weil er mich tun ließ, was ich tun musste. Die Tiere, die Monster, die Werwölfe töten.

Es war das Einzige, wofür ich noch lebte.

2

Als ich die kleine Stadt in den nördlichen Wäldern endlich erreichte, ging gerade der Mond auf. Nicht dass ich mehr als den halben hätte sehen können.

Aber die Kugel war dort oben – wartete, atmete, schwoll an. Ich wusste es, und die Werwölfe wussten es ebenfalls. Nur weil der Himmel nicht silbern erstrahlte, bedeutete das nicht, dass die Monster sich nicht verwandelten, jagten und töteten.

Als ich meinen Wagen – der, das schwöre ich, dieselbe vierzylindrige Mistkarre war, die ich am Flughafen in Kanada abgegeben hatte – verlangsamte, erregte eine huschende Bewegung in einer Seitengasse meine Aufmerksamkeit. Ich hielt am Straßenrand und stieg aus.

Crow Valley verströmte diese typische unbelebte Atmosphäre, wie sie jeder kleinen Stadt ab dem frühen Abend anhaftet. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob das hier der klassische Bürgersteige-Hochklapp-Effekt war, oder ob sich die Bevölkerung wegen der Wölfe angewöhnt hatte, nach Einbruch der Dunkelheit drinnen zu bleiben.

Edward musste mich aus einem schwerwiegenderen Grund als wegen einer schlichten Werwolf-Epidemie herzitiert haben. Auch wenn ich einen neuen Jägersucher trainieren sollte, musste es ein Motiv dafür geben, es ausgerechnet hier in Shit Heel zu tun. Ich meine Crow Valley.

Das Scharren eines Schuhs auf Zement drang an mein Ohr.

„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“, murmelte ich, während ich die Pistole aus dem Auto nahm.

Das Gewehr oder die Flinte wären besser gewesen, aber so gern ich es auch getan hätte, konnte ich nicht einfach mit einer Schusswaffe, die so lang war wie mein Bein, die Hauptstraße entlangspazieren. Ich hatte zwar den entsprechenden Ausweis, war aber nicht in Uniform. Jemand würde mich aufhalten; dann würde es Fragen geben – und Antworten. Dafür hatte ich keine Zeit. Und falls da wirklich ein Wolf in dieser Gasse war, wäre er nahe genug, um ihn mit meiner Glock zu erledigen.

Ich kroch zu der Öffnung und blickte die Gasse hinunter. Eine einsame Straßenlaterne zeichnete für einen kurzen Moment die Silhouette eines Mannes gegen die Mauer, bevor er am entlegenen Ende des Gebäudes verschwand.

Ich hätte es auf sich beruhen lassen, wäre da nicht dieses Heulen gewesen, das plötzlich die nächtliche Stille durchdrang. Meine Nackenhärchen kribbelten, und ich schüttelte den Kopf. Vor langer, langer Zeit hätte der dicke Zopf, der bis zu meiner Taille reichte, dieses Kribbeln vertrieben. Aber ich hatte meine Haare damals abgesäbelt und trug inzwischen einen fast schon militärischen Bürstenschnitt. Das Leben war auf diese Weise so viel einfacher.

Während ich an der Vorderseite des Gebäudes entlangschlich und dabei der Richtung folgte, die der Mann eingeschlagen hatte, ertönte aus den umliegenden Wäldern ein vielstimmiges Heulen als Antwort.

Ich spähte um die Ecke und sah, wie ein Wolf auf die Bäume zutrottete. Ich seufzte erleichtert. Ich würde nicht lange warten müssen. Nur ein Anfänger würde einen Werwolf mitten in der Verwandlung erschießen. Dann stand man mit einer Leiche da, die halb Mensch und halb Wolf war, was ein bisschen schwer zu erklären ist. Glaubt mir. Ich habe es versucht.

Obwohl ich die Leichen immer verbrannte, konnte ich nie wissen, wer meinen Weg kreuzen würde, während das Feuer noch im Gang war. Es war immer besser zu warten, bis sie vollständig zu Wölfen geworden waren, bevor man sie erledigte.

Allerdings kann zu langes Zögern gesundheitsgefährdend sein. Doch zum Glück hatte ich es in diesem Fall mit einem schnellen Gestaltwandler zu tun – also entweder ein übereifriger oder ein sehr alter Werwolf. Dieser hier war nicht so groß wie das durchschnittliche Männchen, aber definitiv ein Wolf und kein Hund. Selbst riesige Hunde haben kleinere Köpfe als Timberwölfe, was einen der Hauptunterschiede zwischen dem Canis familiaris und dem Canis lupus darstellt.

Der Wolf sprang auf den Wald zu, während das Heulen in der Nacht verklang. Ich ließ ihn die Bäume erreichen, bevor ich die Verfolgung aufnahm. Der Wind war zwar mein Verbündeter, denn er wehte mir ins Gesicht, während ich über die Straße jagte, aber Wölfe verfügen über ein ausgezeichnetes Gehör – Werwölfe sogar über ein noch besseres –, deshalb wollte ich mich ihm nicht zu schnell nähern.

Gleichzeitig wollte ich auch nicht zu weit hinter ihm zurückbleiben, deshalb machte ich halb rennend drei lange Sätze und tauchte in die kühlere, dunklere Region des Waldes ein.

Sofort wurden die Lichter der Stadt gedimmt; die Luft frischte auf. Ich stamme aus Kansas, einem Bundesstaat mit sehr wenigen Bäumen, und bis heute überfällt mich ein gespenstisches Gefühl, wenn ich einen Wald betrete.

Die Nadelbäume waren gigantisch, so alt wie manche der Kreaturen, die ich jagte, und so dick, dass es schwierig war, sich zwischen ihnen zu bewegen. Was vermutlich der Grund war, weshalb es den Großteil der Wölfe genau wie die meisten Werwölfe nach Norden zog.

Meine Augen gewöhnten sich schnell an die Finsternis, und ich hastete mit gezückter Pistole dem buschigen, grauen Schwanz hinterher. Ich hatte das hier schon oft genug gemacht, um nicht auf die Idee zu verfallen, meine Waffe wegzustecken. Ich war kein Wyatt Earp und hatte nicht vor, erst zu ziehen, wenn der Werwolf vor mir stand. Diese Biester waren schnell wie der Teufel und genauso hinterlistig.

Ein Geräusch zu meiner Linken ließ mich erschrocken herumfahren. Ich hielt den Atem an, lauschte, starrte angestrengt in die Dunkelheit. Hörte nichts als den Wind und sah noch weniger. Ich stand auf einer kleinen Lichtung – der umwölkte Mond erhellte meine Umgebung nur wenig.

Ich drehte mich wieder um, hastete weiter, blinzelte. Wo war dieser Schwanz? Vor mir gab es nichts als Bäume.

„Dieser Bastard –“

Ein tiefes Grollen war meine einzige Warnung, bevor mich etwas von hinten ansprang und ich mit dem Gesicht voran zu Boden stürzte. Die Pistole flog in die Büsche. Mein Herz schlug so schnell, dass ich nicht denken konnte.

Meine Ausbildung übernahm die Kontrolle, als ich den Wolf im Genick packte und ihn über meine Schulter warf, bevor er mich beißen konnte. Wenn es etwas gibt, das ich noch mehr hasste, als am Leben zu sein, dann war es, pelzig und am Leben zu sein.

Er schlug auf der Erde auf, jaulte, wand sich und sprang wieder auf die Füße. Ich nutzte die paar Sekunden, die ich hatte, um in die Hocke zu gehen und das Messer aus meinem Stiefel zu ziehen. Es gab einen guten Grund, dass ich sie sogar bei sommerlicher Hitze trug: Es ist verdammt schwierig, ein Messer in einem Turnschuh zu verstecken.

Ich hatte dem Tier bei dem Schulterwurf büschelweise graues Fell ausgerissen, das jetzt im Wind davonflatterte. Der Wolf knurrte. Seine blassblauen und viel zu menschlichen Augen verengten sich zu Schlitzen. Er war stinkwütend und dachte deshalb nicht nach, bevor er sich auf mich stürzte.

Er rammte mich zu Boden. Noch im Fallen stieß ich ihm das Messer bis zum Heft in die Brust, dann drehte ich es mit einer flinken Bewegung um.

Flammen schossen aus der Wunde hervor. Silber hatte diese Wirkung bei Werwölfen, was einer der Gründe war, weshalb ich es vorzog, sie aus einer gewissen Distanz heraus zu töten.

Das Tier fletschte die Zähne. Trotz der Hitze, trotz des Blutes, hielt ich das Messer weiter fest, und als die Kreatur in meinen Armen starb, beobachtete ich, wie ihre Augen von denen eines Menschen zu denen eines Wolfs wurden. Diese Verwandlung am Ende war eine Absonderlichkeit, die ich nie ganz begreifen würde.

Die Legende besagt, dass Werwölfe im Tod wieder ihre menschliche Gestalt annehmen, aber das ist nicht wahr. Nicht nur, dass sie Wölfe bleiben, sie verlieren auch noch den letzten Rest Menschlichkeit, während sie auf direktem Weg zur Hölle fahren – zumindest hoffe ich, dass sie dort landen.

Sobald das Feuer erloschen war und der Wolf aufgehört hatte, zu zucken, schob ich den Kadaver von mir weg und zog das Messer heraus. Dann machte ich eine beunruhigende Entdeckung.

Der Wolf, den ich getötet hatte, war weiblich.

Ich sah mich um, hielt Ausschau nach dem Rüden, den ich eigentlich erwartet hatte. Ich war mir sicher, dass der Schatten, den ich in der Gasse gesehen hatte, der eines Mannes gewesen war. Ich war dem Wolf gefolgt, der auf der anderen Seite herausgekommen war. Oder nicht?

Könnte es diese Fähe gewesen sein? War der Rüde aus der Stadt ihr vielleicht genauso gefolgt wie ich? Aber falls dem so war, hätte er mich angegriffen, als sie es tat. Sie konnten nicht gegen ihre Natur an.

Ein weiteres Rätsel. Warum überraschte mich das nicht?

Ich holte meine Pistole, säuberte das Messer im Gras und steckte es zurück in meinen Stiefel. Ich wischte mir die blutigen Hände an meiner Jeans ab – sie war, genau wie mein Hemd, bereits fleckig, aber zumindest ließ sich durch den dunklen Stoff der Kleidungsstücke und den nicht gerade hellen Himmel verbergen, was genau das für Flecken waren.

Meine Handflächen kribbelten. Eine flüchtige Überprüfung zeigte mir, dass sie zwar wund waren, aber ohne Blasen, deshalb ignorierte ich sie, während ich der Standard-Verfahrensweise der Jägersucher folgte und einen Scheiterhaufen aufschichtete, um die Beweise zu vernichten.

Nachdem ich den Kadaver mit einem speziellen Brandbeschleuniger – eine neue Entwicklung der Forschungsabteilung unserer Organisation – besprengt hatte, warf ich ein Streichholz darauf. Die Flammen schossen an meinem Kopf vorbei. Heiß, stark, feurig rot. Genau was ich brauchte, um meinen Job schnell über die Bühne zu bringen.

Bis vor Kurzem hatte das Verbrennen der Wölfe sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Um im Verborgenen operieren zu können, mussten die Jägersucher sämtliche Spuren ihrer Arbeit zerstören, bevor ihnen jemand auf die Schliche kommen konnte. Der neue Brandbeschleuniger erwies sich in dieser Hinsicht als sehr hilfreich.

Ich dachte daran, mich bei Edward zu melden, während ich darauf wartete, dass das Feuer erstarb. Aber dummerweise hatte ich mein Handy im Auto gelassen. Wenn ich ihn wecken würde, wäre das die passende Rache dafür, dass er mich geweckt hatte. Und ich stand auf Rache – fast so sehr, wie ich darauf stand, Werwölfe zu töten.

„Ist das nicht illegal?“

Die Stimme, die ohne Vorwarnung hinter mir ertönte, ließ mich meine Pistole ziehen, während ich gleichzeitig herumwirbelte. Der Mann starrte – ohne auch nur zu blinzeln – die Glock an.

Ich runzelte die Stirn. Die meisten Menschen erschraken, wenn man eine Schusswaffe auf ihr Gesicht richtete. Und meine war auf sein Gesicht gerichtet. Er war so nah an mich herangekommen, dass ich ihm fast den Lauf in die Nase gerammt hätte.

Wie hatte er sich so lautlos anschleichen können?

Mit zusammengekniffenen Augen unterzog ich ihn einer gründlichen Musterung. Was ziemlich einfach war, weil er nämlich kein Hemd anhatte.

Die Venen in seinen Armen traten hervor, als ob er regelmäßig Gerätetraining machte – allerdings eher Ausdauerübungen zur Muskeldefinition als Gewichtheben zur Kraftsteigerung. Seine Brust war glatt und gleichzeitig strukturiert, mit flachen, braunen Brustwarzen, die die blasse Perfektion noch betonten.

Ich hatte nie viel für Muskelprotze übriggehabt. Verdammt, um ehrlich zu sein, hatte ich für Männer im Allgemeinen nicht viel übrig. Mit anzusehen, wie der eigene Verlobte im elterlichen Esszimmer in blutige Fetzen gerissen wird, kann so etwas bei einem Mädchen bewirken.

Aber jetzt stellte ich fest, dass ich dieses Exemplar hier anstarrte – völlig hingerissen von der prägnanten Kontur seiner Bauchmuskeln. Sogar sein wirres, braunes Haar war faszinierend, genau wie seine seltsam hellbraunen Augen, die im diffusen Schein des Mondes beinahe gelb wirkten. Ich vermutete, dass sie im Tageslicht ganz gewöhnlich haselnussbraun sein würden.

Seine Wangenknochen stachen scharf hervor, sein restliches Gesicht wirkte eingefallen – so als ob er in letzter Zeit nicht gut gegessen und auch nicht besser geschlafen hätte. Und trotz des blassen Farbtons seiner Augen lag in ihnen eine Dunkelheit, die tief unter die Oberfläche reichte. Gleichzeitig war er auf eine Weise attraktiv, die jenseits von hübsch und kurz vor atemberaubend lag.

Er hatte es zwar geschafft, sich eine schwarze Hose anzuziehen, allerdings stand der oberste Knopf offen, und seine Schuhe mussten irgendwo bei seinem Hemd sein. Was erklärte, wie es ihm gelungen war, sich so nahe an mich heranzupirschen, ohne dass ich ihn gehört hatte.

Argwöhnisch zielte ich mit meiner Glock weiterhin auf sein linkes Nasenloch. „Wer sind Sie?“

„Wer sind Sie?“

„Ich habe zuerst gefragt.“

Er hob eine Braue angesichts meiner kindischen Erwiderung. Für einen Mann, auf dessen Gesicht eine Pistole zeigte, wirkte er schrecklich gelassen. Vielleicht rechnete er nicht damit, dass sie mit Silberkugeln geladen war.

Der Gedanke bewirkte, dass ich den Griff fester umfasste. War das der Mann, den ich in der Gasse gesehen hatte? Der, von dem ich glaubte, dass er sich in einen Werwolf verwandelt hatte und anschließend in die Wälder gelaufen war?

„Erlauben Sie?“ Er griff nach dem Lauf, schob ihn von seinem Gesicht weg, dann entwand er mir mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung die Pistole.

Ich verkrampfte mich, da ich mit einem Angriff rechnete. Stattdessen gab er mir die Waffe mit dem Griff voran zurück. Ich hatte noch nie zuvor jemanden sich derart schnell bewegen sehen. Zumindest keinen Menschen.

Falls er ein Werwolf wäre, hätte er mich erschossen oder gemeinsam mit seiner Gefährtin attackiert. Ich entspannte mich, wenn auch nur ein bisschen. Er war noch immer ein Fremder, und der Teufel wusste, was er hier im Dunkeln und ohne Schuhe im Wald wollte.

„Wer sind Sie?“, wiederholte ich.

„Damien Fitzgerald.“

Damien? War das nicht der Name eines Dämons? Zumindest war er das in so einem Horrorfilm aus den 1970ern gewesen, den anzuschauen ich mich geweigert hatte. Ich hatte nie viel für Blutrünstigkeiten übriggehabt, und das auch schon, bevor solche Widerwärtigkeiten ein fester Bestandteil meines Lebens geworden waren.

Der Name Fitzgerald erklärte die blasse Haut, das dunkle Haar und sogar die goldbraunen Strähnen, die die Sonne hineingebleicht hatte. Aber die Augen waren falsch. Sie sollten eigentlich so blau sein wie die irische See.

Ihre Farbe beunruhigte mich fast genauso sehr wie die tiefe Traurigkeit und das schuldbewusste Flackern in ihnen. Ich hatte diesen Ausdruck schon tausend Male gesehen.

Im Spiegel.

Er verschränkte seine unglaublichen Arme vor seiner glatten Brust und starrte zu mir runter. Er war nicht wirklich groß, vielleicht einen Meter achtzig, aber selbst mit Schuhen brachte ich es gerade mal auf eins fünfundsechzig.

Ich hasste es, klein, zierlich und fast blond zu sein. Aber ich hatte gelernt, dass Schusswaffen ein hervorragender Ausgleich waren. Es spielte keine Rolle, dass ich nur fünfzig Kilo wog – ich konnte trotzdem einen Abzug drücken. Mehrere Jahre Judo hatten auch nicht geschadet.

Damals, in meiner Miss-Tyler-Zeit, hatte ich Strähnchen in meinen Haaren gehabt, rosa Lippenstift und Stöckelschuhe getragen. Ich unterdrückte ein Würgen.

Seht nur, was es mir eingebracht hat. Narben innen wie außen.

„Was ist mit dem toten Wolf da in dem Feuer?“, fragte er.

Ich betrachtete mein Werk. Es war schwer zu erkennen, was ich da verbrannte, aber vielleicht war er schon länger hier, als ich ahnte. Also band ich ihm denselben Bären auf wie allen Zivilisten.

„Ich arbeite für das DNR.“

Er verzog das Gesicht, was, wie ich aus Erfahrung wusste, die typische Reaktion auf das Department of Natural Resources war. Aber er benahm sich nicht wie die meisten Leute, wenn ich mich vorstellte – indem er nämlich ohne sich noch mal umzusehen so schnell wie möglich das Weite suchte. Stattdessen starrte er mich mit unverhohlener Neugier an.

„Was ist?“, fragte ich schließlich.

„Warum verbrennen Sie einen Wolf? Ich dachte, das wäre eine bedrohte Spezies.“

„Nur gefährdet.“

Sein ausdrucksloser Blick verriet, dass er nicht die geringste Ahnung von den formalen Spitzfindigkeiten diese Tiere betreffend hatte. Gefährdet bedeutete, dass Wölfe unter bestimmten Umständen von bestimmten Personen getötet werden durften. Namentlich von mir. Was nun die Umstände anging …

„Es gibt da ein klitzekleines Tollwutproblem bei den Wölfen hier in der Gegend“, log ich.

Eine seiner Brauen schoss nach oben. „Tatsächlich?“

Er glaubte mir nicht? Das war mal was Neues. Ich war eine sehr gute Lügnerin.

„Tatsächlich.“

Meine Stimme war fest. Ich wollte keine weiteren Fragen. Vor allem keine Fragen, bei denen es mir schwerfallen würde, sie zu beantworten. Wie zum Beispiel, wie wir den Unterschied zwischen einem tollwütigen Tier und einem, das an etwas anderem erkrankt war, feststellten.

In Wahrheit konnten wir das nicht ohne entsprechende Tests im Madison Health Lab. Die Richtlinien des DNR schrieben vor, als Erstes den zuständigen Wildhüter und dann APHIS – das Amt für Gesundheitskontrolle von Tieren und Pflanzen – zu kontaktieren.

Zum Glück kannte sich der Durchschnittsbürger mit behördlichen Abläufen nicht aus, weshalb meine Lügen in der Regel funktionierten. Es war dabei hilfreich, dass das Wort Tollwut an sich schon für Panik sorgte. Die Leute wollten, dass das Virus ausgerottet wurde, und zwar vorzugsweise gestern, und so stellten sie nicht allzu viele Fragen, wenn jemand in Uniform oder mit einem Regierungsausweis bereit war, sich um das Problem zu kümmern. Sie machten mir einfach den Weg frei.

Dumm nur, dass Damien nicht wie der Durchschnittsbürger reagierte. Stattdessen legte er den Kopf zur Seite, sodass ihm sein strubbeliges, braunes Haar über die Wange fiel. „Tollwut? Wie kommt es, dass ich davon noch nichts gehört habe?“

Ich hatte diese Lüge schon hundert Mal erzählt, deshalb strömte sie aus meinem Mund, ohne dass ich auch nur nachdenken musste.

„Diese Nachricht ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es würde eine Panik ausbrechen.“

„Ah.“ Er nickte. „Also deshalb tragen Sie keine Uniform.“

„Genau. Warum die Leute beunruhigen? Ich kümmere mich um die Sache. Sie können also dorthin zurückgehen … wo auch immer Sie hergekommen sind.“ Ich runzelte die Stirn. „Woher kommen Sie überhaupt?“

„Aus New York.“

„Gerade eben?“

Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können, es aber nicht war. „Nein, ursprünglich.“

Was den leichten Akzent – die Bronx vielleicht, aber ich war mir nicht sicher – erklärte. Einem Mädchen aus Kansas, das die letzten paar Jahre im Wald verbracht hatte, um Werwölfe zu jagen, bot sich nicht oft die Gelegenheit, den Akzent attraktiver Iren aus New York City zu erforschen.

„Leben Sie schon lange hier?“ Ich drehte ihm den Rücken zu und schürte mit einem kräftigen Stock das Feuer.

„Sie haben mir immer noch nicht Ihren Namen genannt“, erwiderte er. „Können Sie sich ausweisen?“

Ich stocherte weiter im Feuer herum, während ich mir eine Antwort überlegte. Es wäre kein Problem, ihm meinen Namen zu verraten. Ich hatte einen Ausweis des DNR in der Tasche. Die Jägersucher verfügten über beachtliche, in manchen Fällen geradezu verblüffende Ressourcen. Aber warum dieses Interesse?

„Was sind Sie?“, gab ich schließlich zurück. „Ein Cop?“

„Volltreffer.“

Erschrocken drehte ich mich um. Damien Fitzgerald war verschwunden, als hätte er nie existiert.

Die Frau, die jetzt auf die Lichtung trat, trug eine Sheriff-Uniform. Sie war sowohl groß als auch üppig, was mir auf Anhieb missfiel, und ihr Gang verriet die Selbstsicherheit eines Menschen, der auch ohne Schusswaffe gut auf sich selbst aufpassen konnte. Ihr dunkles, kurz geschnittenes Haar umrahmte ein ansprechendes, wenn auch nicht wirklich hübsches Gesicht.

Sie musterte den Scheiterhaufen, dann glitt ihr Blick zu mir. „Sie müssen der Jägersucher sein.“

3

Ich zuckte zusammen, dann sah ich mich auf der Lichtung um. „Schsch“, zischte ich.

Sie zog die Brauen hoch. „Was denken Sie denn, wer mich hören könnte? Die Waschbären?“

„Da war ein Mann –“ Ich runzelte die Stirn. „Haben Sie ihn nicht gesehen?“

„Nein. Sie haben Selbstgespräche geführt, als ich hierherkam.“

„Das habe ich nicht. Da war wirklich ein Mann.“ Ich wedelte mit der Hand. „Er trug eine Hose.“

„Immer eine gute Entscheidung.“

„Aber sonst nichts.“

„Noch besser. Das letzte Mal, als ich im Wald einem nackten Mann begegnet bin, war das der Anfang von etwas Großartigem.“

„Er war nicht nackt. Zumindest nicht ganz.“

Die Frau zuckte die Achseln. „Schade. Aber wo ist er abgeblieben?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie sind sich ganz sicher, dass da ein Mann war?“

War ich das? Ja. Definitiv. Ich hatte nicht den Verstand verloren … zumindest nicht mehr, seit ich ihn das letzte Mal wiedergefunden hatte.

„Er sagte, sein Name sei Damien Fitzgerald. Kennen Sie ihn?“

„Nicht, dass ich wüsste. Allerdings sind Mandenauer und ich auch erst seit letzter Woche hier. Nach dem, was Sie da erzählen, klingt er nach einem Spitzenkandidaten für den Fell-und-Fänge-Club.“

Plötzlich wurde mir klar, was sie da sagte – was sie gesagt hatte. Sie wusste von den Jägersuchern, den Werwölfen, Edward. Der Typ, den ich ausbilden sollte, hatte sich gerade in eine Frau verwandelt. „Sie sind …“

„Jessie McQuade. Und Sie müssen Leigh sein, meine Lehrerin.“

Ich verzog das Gesicht. Das würden wir noch sehen. Mir fiel nicht viel ein, worauf ich weniger Lust hatte, als dieser eindrucksvoll kompetenten Frau alle meine Tricks beizubringen.

„Sie sind doch Leigh?“

Ich grunzte.

Was sie als Zustimmung aufnahm. „Mandenauer wartet bei mir zu Hause. Kommen Sie mit.“

Ohne weiteres Herumgerede ging sie zu den Überresten des Feuers und trat die Asche aus. Dann marschierte sie in derselben Richtung davon, aus der ich zuvor gekommen war.

Ich ließ den Blick über die Lichtung schweifen, entdeckte jedoch keinen Hinweis auf den halb nackten Mann. Ich lief sogar zu der Stelle, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte, und kroch in dem Gestrüpp herum, um den Boden auf Fußabdrücke zu überprüfen. Aber die Erde war hart, und er hatte keine … na ja, fast gar nichts angehabt.

Das Heulen eines Wolfs ertönte nah genug, dass ich zusammenzuckte, gleichzeitig aber so weit weg, dass ich Jessie mit gleichmäßigen Schritten folgte, statt zu rennen. Ich würde weder sie noch jemanden sonst merken lassen, wie nervös ich war.

Hatte ich wirklich einen Mann namens Damien getroffen? Vermutlich.

War er wirklich nur ein Mann? Oder mehr als das? Ich würde das vielleicht nie mit Bestimmtheit wissen.

Jessies Zuhause war eine Wohnung in einem kleinen, an die Polizeiwache angrenzenden Mietshaus. Ich parkte neben dem Streifenwagen und folgte ihr die Treppe hinauf in den zweiten Stock.

„Sind Sie wirklich ein Cop?“, fragte ich. „Oder ist das nur Tarnung?“

„Ich bin ein Cop.“

Sie führte das nicht näher aus, trotzdem erfasste mich neuer Ärger. Jessie McQuade durfte ihrem selbst erwählten Job nachgehen, während sie die Welt rettete. Ich musste vorgeben, eine Beamtin des DNR zu sein, was mir überall nur Ablehnung einbrachte.

Aber ich konnte schlecht gleichzeitig Werwolfjägerin und Grundschullehrerin sein. Schon der Gedanke war lächerlich.

Die Tür schwang auf, noch bevor Jessie sie berührte, und ein langer, ausgemergelter Schatten breitete sich über den Boden des Treppenhauses aus.

„Edward“, murmelte ich.

Jessie warf mir einen schnellen, überraschten Blick zu, und mir wurde bewusst, dass ich seinen Namen laut und mit einer freudigen Stimme, die nicht mir gehörte, ausgesprochen hatte. Ich konnte mir keine Bindungen erlauben, noch nicht mal zu ihm, deshalb straffte ich die Schultern, räusperte mich und streckte ihm meine Hand entgegen. „Schön, Sie zu sehen, Sir.“

„Lieber Himmel, warum schlagen Sie nicht gleich die Hacken zusammen und salutieren?“, spottete Jessie, als sie sich an ihm vorbeizwängte.

Edward Mandenauer war der unwahrscheinlichste Anführer einer elitären Monsterjäger-Organisation, den man sich vorstellen konnte. Er war dürr wie ein Skelett und sah keinen Tag jünger aus als die achtzig–plus–x Jahre, die er auf dem Buckel hatte. Aber er konnte noch immer einen Abzug betätigen und hatte mehr Monster zur Strecke gebracht als jeder andere, sogar mehr als ich. Ich bewunderte ihn. Mehr, als ich je zugeben würde.

„Warum sind Sie nicht direkt zu mir gekommen, Leigh?“ Edward trat einen Schritt zurück, um mich in die Wohnung zu lassen.

„Jetzt bin ich hier.“

„Sie haben einen Umweg gemacht.“

„Woher wissen Sie das?“ Ich sah ihn finster an. „Wie hat sie mich gefunden?“

„Sie haben Ihren Wagen im Ort zurückgelassen. Jessie hat das Nummernschild überprüft und ist Ihnen dann in den Wald gefolgt.“

Mein Interesse war geweckt. Das Verfolgen einer Fährte war noch nie meine Stärke gewesen. Ich hatte nicht die nötige Geduld. Jessie musste sehr gut sein, nachdem sie mich so schnell im Dickicht eines Waldes gefunden hatte, der ihr ebenso unvertraut sein musste wie mir.

„Ihrem kleinen Freudenfeuer nach zu urteilen“, warf Jessie im Plauderton ein, „hat sie schon damit angefangen, sie abzuknallen.“

„Das ist mein Job“, fauchte ich.

„Und das hier ist meine Stadt.“

„Mädchen, Mädchen“, sagte Mandenauer beschwichtigend.

„Nennen Sie mich nicht Mädchen“, herrschten Jessie und ich ihn gleichzeitig an.

Wir wechselten einen finsteren Blick. Mandenauer seufzte. „Ihr beide müsst zusammenarbeiten. In Crow Valley gehen seltsame Dinge vor sich.“

Damit hatte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. „Noch seltsamer als Werwölfe?“

„Das möchte ich meinen. Ist Ihnen der Name dieses zauberhaften Städtchens aufgefallen?“

Crow Valley. Krähental. Ich hatte nicht darüber nachgedacht. Wie dumm von mir.

Aus der Wissenschaft unbekannten Gründen gestatten die Wölfe den Krähen, sich an ihrer Beute gütlich zu tun. Einige Naturforscher glauben, dass die Vögel vorausfliegen, geeignete Beutetiere auskundschaften und die Wölfe anschließend hinführen. Aus Dankbarkeit oder als Belohnung für den erwiesenen Dienst verjagen die Wölfe die Krähen nicht von den gerissenen Tieren.

Ob an der Sache etwas dran ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass da, wo sich eine Menge von der einen Spezies rumtreibt, man immer auch eine Menge von der anderen vorfindet. Wölfe fühlen sich in Gesellschaft von Krähen wohl. Werwölfe anscheinend ebenfalls.

„In dieser Gegend hat es immer viele Wölfe gegeben, aber in letzter Zeit ist ihre Zahl noch gestiegen“, erklärte Mandenauer gerade.

„Woher wollen Sie das wissen?“

Er bedachte mich mit einem seiner typischen Blicke. Edward wusste alles.

„Als der frühere Sheriff diese Stadt verließ –“

„Verließ oder gefressen wurde?“

„Nein, nicht gefressen. Dieses Mal nicht. Die seltsamen Vorgänge bei den Wölfen beunruhigten ihn. Er wandte sich mit seinen Märchengeschichten an die Behörden, woraufhin man mich benachrichtigte. Ich überzeugte ihn davon, sich vom Dienst beurlauben zu lassen, und setzte Jessie auf seinen Posten.“

Ihr glaubt, dass es in Regierungskreisen massenhaft Verschwörungen gibt? Ihr habt ja keine Ahnung, in wie viele Edward verstrickt ist. Sobald irgendwo irgendein merkwürdiger Bericht eingeht – über unerklärliche Ereignisse, Amok laufende Wölfe, bergauf und bergab wandernde Monstrositäten –, wird die Information an Edward weitergeleitet, der daraufhin einen Jägersucher losschickt, damit der feststellt, was getan werden muss, und es dann tut.

„Was ist mit Jessies früherem Job?“, fragte ich.

„Wir haben in Miniwa getan, was wir konnten. Die Wölfe sind anschließend von dort geflohen. Wir haben gewartet, aber sie sind nicht zurückgekommen.“

„Und was geht hier vor sich?“

Er sah Jessie an. „Erzählen Sie ihr, was wir wissen.“

Sie zögerte kurz, doch dann ließ sie sich auf die Couch sinken und bedeutete mir mit einem Winken, mich auf einen nahe stehenden Stuhl zu setzen. Die Wohnung war ausreichend möbliert, dabei aber trotzdem so schlicht, als hätte Jessie nur das Allernötigste mitgebracht.

Keine Bilder an den Wänden, kein Nippes auf den Tischen – wobei Jessie auch nicht gerade wie jemand wirkte, der auf Nippes stand. Stattdessen war jede freie Oberfläche mit Büchern, Papieren und Notizblöcken bedeckt. Sie machte zwar auch keinen besonders lerneifrigen Eindruck, aber was wusste ich schon?

„In Crow Valley werden Werwölfe getötet“, begann sie.

„Schön für Sie.“

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, wie wir den Unterschied zwischen einem toten Wolf und einem toten Werwolf erkennen. Ich verrate euch ein kleines Geheimnis. Wenn man auf Werwölfe mit Silber schießt, explodieren sie. Lebendig oder tot spielt dabei keine Rolle. Irgendwie mag ich es sogar, den toten eine Kugel zu verpassen. Haltet mich ruhig für abartig. Das tun die meisten.

„Sie wurden schon getötet, bevor wir hier eintrafen“, fuhr Jessie fort. „Soweit ich das beurteilen kann, fing es vor etwas mehr als drei Wochen an.“

Ich setzte mich kerzengerade auf. Vor etwas mehr als drei Wochen war der letzte Vollmond. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Ich sah Edward an. „Sie haben niemanden nach Crow Valley geschickt?“

„Nein.“

„Ein abtrünniger Agent?“

„Das bezweifle ich.“

„Warum?“

„Weil die Werwölfe nicht mit Silberkugeln erschossen werden.“

„Wie können sie dann tot sein?“

„Es gibt noch eine einzige andere Methode, einen Werwolf zu töten“, erklärte Edward.

„Wie kann es sein, dass ich noch nie davon gehört habe?“

„Weil es nicht oft vorkommt.“

„Und warum?“

„Die einzige Methode, wie ein Werwolf außer mit einer Silberkugel getötet werden kann, ist durch einen anderen Werwolf.“

„Sie töten nie einen ihrer Artgenossen. Das verstößt gegen ihre Benimmregeln.“

„Offensichtlich haben wir es mit einem zu tun, der nicht lesen kann.“

Schon wieder ein Witz. Was war nur in den Mann gefahren?

„Wölfe und Werwölfe erscheinen vielleicht identisch“, meldete sich Jessie zu Wort, „aber das sind sie nicht.“

„Kein Scheiß?“, murmelte ich. Ich hatte schon jetzt die Nase voll von der kleinen Miss Naseweis.

Sie ignorierte mich einfach. Kluges Mädchen.

„Es kommt zwar selten vor, trotzdem würde ein Wolf einen anderen Wolf töten. Auf Werwölfe trifft das nicht zu. Sie kämpfen und vertreiben einander aus einem Territorium, aber sie töten sich nicht. Ich würde behaupten, dass es ein letztes Aufbegehren ihrer Menschlichkeit ist, aber wie wir alle wissen, sind die meisten Menschen nicht sehr menschlich.“

Wie wahr.

„Also, was passiert da?“, fragte ich.

„Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

„Warum eigentlich?“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Welchen Unterschied macht es schon, wer sie umbringt, solange sie hinterher tot sind?“

Jessie sah zu Edward, der daraufhin übernahm.

„Es ist nicht relevant, wer sie tötet. Relevant ist nur, dass es da draußen einen Werwolf gibt, der sich nicht wie ein Werwolf verhält. Das gefällt mir nicht.“

„Weil …?“

„… das letzte Mal, als sich einer von ihnen seltsam benahm, wir es mit dem Wolfsgott zu tun bekamen.“

„Sie glauben, dass noch mal jemand versucht, einen Wolfsgott zu inthronisieren?“

Mandenauer schüttelte den Kopf. „Ein Wolfsgott kann nur unter einem Blauen Mond erschaffen werden. Dieser Zeitpunkt ist verstrichen.“

„Was dann?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe ein sehr ungutes Gefühl.“

Ich arbeitete schon lange genug mit Edward zusammen, um zu wissen, dass, wenn er ein sehr ungutes Gefühl hatte, schon bald die Kacke am Dampfen sein würde.

„Wie ist der Plan?“

„Sie bringen Jessie alles bei, was sie wissen muss.“

„Warum ich? Sonst haben immer Sie die neuen Leute ausgebildet.“

„Ich bin nicht mehr so jung wie früher.“

„Willkommen im Club.“

Seine Lippen zuckten, als würde er ein Lächeln unterdrücken. Der Typ steckte wirklich voller Überraschungen.

„Ich habe einen Experten hinzugezogen, um die Geschichtsbücher zu überprüfen. Vielleicht finden wir einen Hinweis darauf, was sie aushecken, bevor es zu spät ist. Bis dahin bin ich im Hauptquartier zu erreichen. Elise braucht dort meine Hilfe.“

Elise war Dr. Hanover, die Leiterin der Jägersucher-Forschungsabteilung in unserer Zentrale in Montana und Edwards rechte Hand. Da war noch etwas anderes zwischen den beiden, aber ich hatte nie so ganz kapiert, was dieses Etwas war. Er war alt genug, um ihr Großvater zu sein.

„Sie wollen mich doch nicht etwa mit ihr allein lassen?“, fragte ich ungläubig.

„In dieser Stadt leben mindestens vierhundert Menschen. Sie werden nicht allein sein.“

„Wissen Sie was?“ Jessie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Ich bin in Miniwa bestens zurechtgekommen, und das ganz ohne Training.“

„Ja, davon habe ich gehört“, spottete ich. „Dank Ihnen hat sich die Werwolf-Population in dieser Gegend verdoppelt, und ganz Kanada wird von neuen Bissopfern überrannt. Ich habe die letzten drei Monate damit verbracht, sie zu dezimieren.“

Mit geballten Fäusten machte Jessie gerade einen Schritt auf mich zu, als die Wohnungstür aufging.

Mir blieb bloß eine Sekunde, um zu registrieren, dass ein Mann durch den Raum auf Jessie zurannte; dann fasste er sie um die Taille und hob sie hoch.

Ich wollte schon eingreifen, als Mandenauers Hand auf meinem Arm mich innehalten ließ. Zum Glück, weil der Mann nämlich inzwischen seine Lippen auf Jessies presste, und die beiden den tiefsten, heißesten, feuchtesten Kuss tauschten, den ich je außerhalb eines Pornofilms gesehen hatte.

Ich wusste, dass ich weggucken sollte, aber ich konnte den Blick nicht von den beiden losreißen. In meiner Branche bekam ich nicht viel Zuneigung zu sehen. Dort gab es nichts als den Tod, und genauso wollte ich es haben. Warum also beobachtete ich Jessie und wer auch immer der Typ war mit verträumten, sehnsüchtigen Augen?

Weil ich heute zum ersten Mal seit Jahren einen halb nackten Mann zu Gesicht bekommen hatte. Meine Libido spielte verrückt. Meine Haut kribbelte, mein Bauch flatterte. Ich bekam Damien Fitzgerald nicht aus dem Kopf, und das passte überhaupt nicht zu mir.

Der Mann betrachtete Jessies Gesicht und berührte ganz sanft mit den Knöcheln ihre Wange. Lächelnd legte sie ihre Hand auf seine. Es war, als würden Edward und ich, vielleicht sogar die ganze Welt, gar nicht existieren.

Wahre Liebe. Verdammt.

„Sie wird uns alle umbringen“, murmelte ich.

4

Jessie und ihr Freund drehten sich zu mir um. Ich biss die Zähne aufeinander, damit mein Mund nicht aufklappte. Er war nicht nur Indianer, sondern mit ziemlicher Sicherheit auch der hinreißendste Mann, den ich je gesehen hatte. Mehr sogar noch als Damien, mein potenzielles Hirngespinst.

Sein geschmeidiger, muskulöser Körper überragte Jessies. Seine ganze Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass er irgendeine Art von Kampfsport praktizierte. Sein Haar war kurz, und an einem Ohr schaukelte eine goldene Feder. Er war exotisch – gleichzeitig wild und gezähmt. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzustarren.

„Sie müssen Leigh sein. Herzlich willkommen.“

Der Mann streckte mir die Hand entgegen, aber Jessie zerrte ihn zurück. „Einen Moment mal, Kumpel; die Prinzessin hier geht mir tierisch auf die Nerven.“

„Da das schrecklich einfach ist, Jess, werde ich es ihr nicht zur Last legen.“

Ich lächelte. Er kaufte ihr die Nummer nicht ab.

„Ich bin Will.“ Er reichte mir noch mal die Hand, und ich schüttelte sie, bevor Jessie es verhindern konnte. „Will Cadotte.“

„Leigh Tyler.“

„Und warum genau denken Sie nun, dass Jessie uns umbringen wird?“

Er war nicht nur sexy, sondern hatte auch ziemlich gute Ohren.

„Beziehungen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Man kann keine haben, wenn man ein Jägersucher werden will.“ Ich sah zu Edward. „Was ist los mit Ihnen? Haben Sie sie nicht gründlich genug überprüft? Oder ist er eine neue Entwicklung?“

Ich konnte nicht behaupten, dass ich ihr das verübeln würde. Cadotte war eine verdammt nette Entwicklung. Trotzdem würde ich mir nicht die Kehle rausreißen oder den Kopf wegschießen lassen, nur weil Jessie ihre Gedanken nicht von seinen Aktiva losreißen konnte.

„Er ist ebenfalls einer von uns.“

Ich starrte Edward für einen langen Moment an. „Es ist also endlich passiert.“

„Was meinen Sie?“

„Sie sind senil geworden. Aber Sie verbergen es gut, das muss ich schon sagen.“

Seine blassblauen Augen wurden schmal. „Hüten Sie Ihre Zunge, junge Dame. Ich weiß genau, was ich tue.“

Das blieb abzuwarten.

Ich richtete den Blick auf Cadotte. „Ohne beleidigend klingen zu wollen, aber Sie sehen nicht gerade wie ein Jäger aus.“

„Vermutlich, weil ich keiner bin.“

„Er ist der Experte, von dem ich gesprochen hatte.“

Ich musterte Cadotte von Kopf bis Fuß. „Darauf möchte ich wetten.“

Cadottes Arm schnellte vor, um Jessie zu stoppen, bevor sie durch das Zimmer auf mich zustürzen und mir eine verpassen konnte. Oder es zumindest versuchen. Wir würden uns noch diverse Male fetzen, bevor das hier vorbei war. Es war nur eine Frage der Zeit.

„Sie müssen Leigh verzeihen“, sagte Edward. „Aber sie ist ihrer Arbeit treu ergeben.“

„Entschuldigen Sie sich nicht für mich. Ich bin diejenige, die sie ausbilden soll, und ich sehe, dass sie total vernarrt in ihn ist. Wenn er in Gefahr gerät, wird sie nutzlos sein.“

„Ganz im Gegenteil. Jessie war auch dann noch überaus nützlich, als Will in großer Gefahr schwebte. Es ist einer der Gründe, weshalb ich sie ausgewählt habe.“

Mein Blick begegnete Edwards. Seiner war so entschlossen, dass ich mich ins Unvermeidliche fügte. Jessie war jetzt eine von uns, genau wie ihr Freund.

„Was für eine Art von Experte ist er?“

„Er ist übrigens hier“, bemerkte Cadotte. „Ich bin Professor für indianische Geschichte und auf Totems spezialisiert.“

„Was uns inwiefern helfen wird?“

Seine Lippen zuckten. Aus irgendeinem Grund fand Cadotte mich eher amüsant als nervtötend, was mich nur noch mehr aufbrachte. Aber natürlich war das auch bei mir nicht weiter schwer. Mit jedem verstreichenden Moment schienen mehr Gemeinsamkeiten zwischen Jessie und mir aufzutauchen.

„Ich verbringe meine Zeit damit, Berichte seltsamer Ereignisse zusammenzutragen.“

„Will war unbezahlbar während unseres Abenteuers mit dem Wolfsgott“, erklärte Edward.

„Der Wolfsgott ist vernichtet.“

„Aber nicht vergessen“, flüsterte Jessie.

Ein Schatten flackerte über ihr Gesicht. Will nahm ihre Hand. Ich überlegte, was das wohl zu bedeuten hatte, und da ich noch nie meine Klappe hatte halten können, fragte ich nach.

„Haben Sie den Wolfsgott gekannt?“

„Es war meine beste Freundin.“

„Nette Freundin.“

„Wenigstens hatte ich eine.“

„Mädchen –“ Mandenauer brach ab, als Jessie und ich ihn unisono böse anguckten. „Äh, meine Damen, muss das sein?“

„Ich schätze, das muss es“, murmelte Cadotte. „Es ist so etwas wie ein Revierkampf.“

„Warum pinkeln sie nicht einfach an Bäume, so wie wir?“

„Das wäre auf jeden Fall leiser“, stimmte Cadotte ihm zu.

Ich starrte Edward an, dann richtete ich den Blick auf Jessie. „Was haben Sie mit ihm angestellt?“

Jessie runzelte die Stirn. „Nichts.“

„Er hat nie Witze gerissen, bevor er Ihnen begegnet ist.“

„Dann ist meine Arbeit hier ja erledigt.“ Sie rieb sich die Hände.

„Leigh, wenn wir nicht hin und wieder lachen könnten, welchen Wert hätte das Leben dann?“

„Ich weiß es nicht; welchen Wert hat es?“

Schweigen senkte sich über den Raum. Edward sah weg. Jessie und Will musterten mich mit einem Anflug von Mitleid im Blick. Und dabei kannten sie mich noch nicht mal.

Ich warf die Hände in die Luft. „Ist ja auch egal. Wo werde ich wohnen? Sagen Sie bloß nicht hier, weil Sie das nämlich vergessen können.“

„Guter Witz“, murmelte Jessie.

„Es gab in Crow Valley nur ein kleines Apartment zu mieten“, erwiderte Edward.

„Nur ein Apartment? Kein Bungalow? Kein Hotel?“

Jessie verdrehte die Augen. „Sie sind nicht länger in Kansas, Prinzessin.“

Ich zuckte zusammen. Kansas. Wusste sie Bescheid? Oder war das nur ein Zufallstreffer gewesen?

Edward, der wie stets sensibel auf meinen Schmerz reagierte, eilte mir zur Hilfe. „Crow Valley ist kein Touristenort. Niemand kommt hierher, um Urlaub zu machen.“

Nach dem, was ich bisher gesehen hatte, verstand ich, warum.

„Wozu dann?“

„Um sich zur Ruhe zu setzen.“

„Hier?“

„Was stimmt nicht mit hier?“, fragte Jessie barsch. „Ich habe hier – oder zumindest ganz in der Nähe – den größten Teil meines Lebens verbracht.“

„Herzliches Beileid.“

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Ja, sie wollte mir definitiv eine verpassen. Was mir recht war, weil ich nämlich nichts dagegen hätte, mich nur so aus Spaß mit ihr zu prügeln.

Wieder schaltete sich Cadotte ein. „Ursprünglich wurde in Crow Valley Bergbau betrieben. Dies ist eine der Städte, wegen derer man Wisconsin den Dachs-Staat nennt.“

„Und ich dachte, weil es hier zu viele Dachse gäbe.“

Meiner Meinung nach war einer schon zu viel. Ich war auf meinen Reisen einigen Dachsen begegnet, und das waren wirklich bösartige kleine Scheißer.

„Die gibt es tatsächlich.“ Wills Gesichtsausdruck besagte, dass er selbst schon ein paar getroffen und in etwa dieselbe hohe Meinung von ihnen hatte wie ich. „Aber der Spitzname stammt von den Bergarbeitern, die Dachse genannt wurden, weil sie in der Erde herumgruben.“

„Welche Art von Bergbau?“

„Vor allem Bleierz. Ein bisschen Zink und Kupfer.“

„Und hier gibt es wirklich ein Bergwerk?“

„Ja, aber es wurde vor langer Zeit dichtgemacht. Aber die Stadt blieb erhalten. Es ist eine wunderschöne Gegend. Sehr friedlich.“

„Falls man gern acht von zwölf Monaten Schnee hat, im besten Fall einen Monat Sommer und so viele Bäume, dass man die Sonne die Hälfte der Zeit nicht sehen kann.“

„Manche Menschen mögen das.“

Cadotte war sehr gut darin, die Wogen zu glätten und Informationen weiterzugeben, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, einen Vortrag zu halten, auch wenn er genau das tat. Er musste ein großartiger Professor sein. So wie ich früher eine großartige Lehrerin gewesen war.

Ich schob diesen Gedanken augenblicklich beiseite und konzentrierte mich auf das, was er gerade sagte.

„Eine Menge Großstadtbewohner, die für die Ferien mit ihren Familien in den Norden kamen, haben sich in Crow Valley zur Ruhe gesetzt. Sie wollen nicht in einer Touristenfalle leben.“

„Also besteht die Stadt hauptsächlich aus alten Leuten?“

Leichte Beute für die Werwölfe.

„Nicht ganz. Eine ältere Gemeinde wie diese hier benötigt eine Vielzahl von Dienstleistungen. Medizinische Versorgung, Restaurants, Unterhaltung. Ich würde sagen, Crow Valley setzt sich zu gleichen Teilen aus Rentnern und jüngeren Leuten zusammen, die für sie arbeiten.“

„Also ist ein großer Bevölkerungsanteil nur auf der Durchreise.“ Meiner Erfahrung nach wechselten Kellner, Barkeeper und anderes Service-Personal oft den Standort. Ich wusste, dass ich es täte. „Wodurch sich schwer feststellen lässt, ob es in der Stadt einen neuen Werwolf gibt.“

„Ich habe nie behauptet, dass das hier einfach sein würde“, murmelte Edward. „Deshalb habe ich Sie hergerufen.“

Sein Lob wärmte die kalte Stelle in meiner Brust, die dort klaffte, seit ich Jessie begegnet war. Sie war zu groß, zu selbstsicher, zu vertraulich mit Edward und konnte sich zu verdammt glücklich schätzen, Cadotte zu haben.

Ich musste meinen Neid überwinden. Es war ja nicht so, dass ich ihr Leben gewollt hätte. Ich wusste es besser, als jemanden nahe an mich heranzulassen, und früher oder später würde Jessie es ebenfalls besser wissen. Ich wollte nicht dabei sein, wenn das passierte. Deshalb würde ich meinen Job machen und dann schleunigst verschwinden.

„Würdet ihr mir jetzt bitte sagen, wie ich zu meinem Zimmer komme? Die Nacht ist kurz.“

Die anderen wechselten vielsagende Blicke.

„Was ist?“, fauchte ich. Ich hasste es, wie ein Außenseiter behandelt zu werden – auch wenn ich einer war.

„Es ist bloß …“ Cadotte zuckte die Achseln. „Da ich im Moment noch nicht weiß, was da draußen los ist, wäre es vielleicht eine gute Idee, für eine Weile darauf zu verzichten, sie zu töten.“

„Klingt für mich nach einer ganz schlechten Idee.“

„Was, wenn sie es in Wirklichkeit darauf anlegen, dass man sie tötet?“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Ergibt in Bezug auf Werwölfe irgendetwas einen Sinn?“

Gutes Argument. Wenn ich an Werwölfe und eine ganze Kollektion anderer Geschöpfe der Nacht glauben konnte, war so ziemlich alles möglich. Sogar, dass sie getötet werden wollten. Trotzdem – wenn ich nicht ein paar von ihnen abknallen konnte, was sollte ich dann hier?

„Sie können Jessie trainieren“, schlug Edward vor, so als hätte er meine Gedanken gelesen.

Ich starrte mürrisch zu ihr rüber. Sie grinste.

„Sobald Will einen Hinweis darauf entdeckt, womit wir es hier zu tun haben, könnt ihr zwei die Jagd eröffnen“, ergänzte Edward beschwichtigend.

Auf gar keinen Fall würde ich zusammen mit Jessie oder irgendwem sonst jagen. Auf gar keinen Fall würde ich auf meinem Hintern rumsitzen und Werwölfe frei herumstreunen lassen, damit sie ihre abscheulichen Taten begehen und weitere Werwölfe produzieren konnten. Aber das musste ich ihnen ja nicht auf die Nase binden.

„Gut“, sagte ich. „Wir fangen morgen an.“

So wie Edward mich anstrahlte, hätte ich mich eigentlich schuldig fühlen müssen, weil ich ihn täuschte. Falls ich zu so einer Regung fähig gewesen wäre.

Alle redeten gleichzeitig drauflos und boten an, mich zu meinem Apartment zu bringen – das am anderen Ende der Stadt lag. Aber ich wollte allein sein. Wie sonst sollte ich mich davonschleichen?

„Gebt mir einfach die Adresse.“

„Kein Problem.“ Jessie schnappte sich einen Zettel vom Beistelltisch, kritzelte etwas in eine Ecke und riss sie ab.

Will fuhr bei dem Geräusch zusammen. „Jessie, würdest du bitte zuerst nachsehen, ob das vielleicht ein seltenes Dokument oder sonst irgendetwas Wichtiges ist, bevor du es in Stücke reißt?“, seufzte er.

„Hm? Oh, entschuldige.“ Sie zuckte mit den Schultern, dann gab sie mir die Ecke trotzdem. Anschließend kramte sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche.

Ich unterdrückte ein Grinsen. So nervtötend sie auch sein mochte, gab es trotzdem Momente, in denen ich mit ihr sympathisierte. Wie hielt sie es bloß aus, mit einem Eierkopf wie Cadotte zusammenzuleben?

Er zog eine Brille aus seiner Tasche, setzte sie auf und beugte sich über den Tisch, um zu lesen, was von seinem kostbaren Schriftstück noch übrig war. Ich bekam einen guten Ausblick auf seinen Hintern. Vielleicht würde dieser Job doch gar nicht so schlimm werden.

Auch schon bevor ich Fitzgeralds Brust gesehen hatte und von all der blassen, irischen Haut und den vielen Muskeln geblendet worden war, hatte ich nie ein besonderes Faible für Hinterteile gehabt. Aber das hieß nicht, dass ich Schönheit nicht zu schätzen wusste, wenn sie direkt vor mir zur Schau gestellt wurde.

Ich nahm den Blick von Wills Jeans. Er kollidierte mit Jessies. Während die meisten Frauen sauer gewesen wären, eine andere dabei zu ertappen, wie sie die Kehrseite ihres Freunds begutachtete, wirkte Jessie nur amüsiert, während sie mit den Achseln zuckte, als wollte sie sagen: Was kann man machen? Für einen kurzen Moment mochte ich sie.

Dann machte sie den Mund auf.

„Ich bin morgen früh um sieben bei Ihnen.“

„Das können Sie vergessen.“

„Leigh ist kein Morgenmensch“, erklärte Edward.

„Tja, nachts muss ich arbeiten, also werden wir in der Frühe trainieren.“

„Wir werden trainieren, wenn ich sage, dass wir trainieren. Mittags.“