Wolfsglut - Lori Handeland - E-Book

Wolfsglut E-Book

Lori Handeland

4,4
8,99 €

Beschreibung

Seit sieben Jahren gilt Dr. Elise Hanover offiziell als vermisst. Dabei ahnt kaum jemand, dass sie in Wahrheit zu einer geheimen Organisation von Werwolfjägern gehört und im Verborgenen arbeitet. Doch Elise hütet ein noch weitaus finstereres Geheimnis: Einmal im Monat verwandelt sich die Wissenschaftlerin nämlich selbst in eines der haarigen Ungeheuer. Fieberhaft sucht sie deshalb nach einem Heilmittel gegen die Lykanthropie (Gestaltwandlung). Da taucht unerwartet Elises einstiger Geliebter, der FBI-Agent Nic Franklin, auf der Bildfläche auf und stellt ihre Gefühlswelt vollkommen auf den Kopf ... Dritter Teil der erfolgreichen Werwolf-Serie Geschöpfe der Nacht. Wolfsglut verbindet Action, Liebesgeschichte und Humor zu einer mitreißenden Geschichte ... macht Lust auf mehr! The Romance Reader

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 409




Inhalt

Titel

Widmung

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Impressum

Lori Handeland

Roman

Ins Deutsche übertragen von Patricia Woitynek

 

Für meine Lektorin Jen Enderlin,

die immer weiß, was falsch ist

und wie man es in Ordnung bringt.

Du bist wirklich die Beste von allen.

1

Schon immer habe ich die Dunkelheit des Mondes geliebt, wenn die Nacht still und klar ist und man nur die Sterne sehen kann.

Es gibt jene, die den Dunklen Mond als Neumond bezeichnen, doch am Mond ist nichts neu. Er war hier seit Anbeginn der Zeit und wird auch lange nach unserem Tod noch bestehen.

Ich verbringe meine Tage und den Großteil meiner Nächte in einer Steinfestung in der Wildnis Montanas. Von Beruf bin ich Ärztin, allerdings nicht eine von denen, die Impfungen durchführen, Tabletten verschreiben und anschließend Lutscher verteilen. Stattdessen mische ich ein wenig von diesem mit ein wenig von jenem, und das immer und immer wieder.

Meine Berufsbezeichnung lautet „Virologin“, und ich besitze sogar einen Doktortitel. Keine Sorge, ich werde nicht vor Aufregung darüber sterben. Schon eher vor Langeweile, falls die Einsamkeit mich nicht zuerst umbringt.

Natürlich bin ich nicht ganz allein. Vor meiner Tür steht ein Wächter, und dann gibt es auch noch meine Versuchspersonen, aber keiner von ihnen ist ein wirklich toller Gesprächspartner. Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden, was mir ziemlich ironisch vorkommt, wenn man bedenkt, dass ich diejenige bin, die für die Überwachungskameras zuständig ist.

Paranoia ist eines der ersten Anzeichen für Demenz; bloß, dass ich mich gar nicht verrückt fühle. Tut das irgendwer? Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass ich öfter rauskommen muss. Aber wo sollte ich hingehen?

An den meisten Tagen macht es mir nichts aus, am sichersten Ort im amerikanischen Nordwesten eingesperrt zu sein. Die Welt da draußen ist ziemlich beängstigend. Beängstigender, als die meisten Menschen auch nur ahnen.

Ihr denkt, Monster seien nicht real? Dass sie nichts weiter sind als die Ausgeburt einer kindlichen Fantasie oder wahnhafter Psychosen? Ihr täuscht euch.

Auf dieser Erde wandeln Kreaturen, die schlimmer sind als alles, was in den Märchen der Gebrüder Grimm zu finden ist. Unsolved Mysteries würde der Schlag treffen, wenn sie Einblick in meine X-Akten bekämen. Aber da Lykanthropie ein Virus ist, sind Werwölfe mein Spezialgebiet. Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, nach einem Heilmittel zu suchen.

Ich habe ein persönliches Interesse daran. Schließlich bin ich eine von ihnen.

All die klugen Köpfe behaupten, dass ein Leben geformt wird von Veränderungen, von Entscheidungen, die wir treffen, durch Wege, die wir nicht beschreiten, durch Menschen, die wir hinter uns zurücklassen. Ich tendiere dazu, ihnen zuzustimmen.

An dem Tag, als sich meine ganze Welt veränderte – wieder einmal –, trat der Mensch, den ich hinter mir zurückgelassen hatte, ohne Vorwarnung in mein Büro. Ich saß an meinem Schreibtisch, als das Scharren eines Schuhs auf Zement mich aufblicken ließ. Der Mann, der da in der Tür stand, ließ mein Herz ba-bumm machen. Das war immer so gewesen.

„Nic“, murmelte ich und hörte in meiner Stimme mehr, als ich hören wollte.

Die markante Nase, die vollen Lippen, die breite Stirn waren noch genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Doch die Falten um Mund und Nase, die dunklere Tönung seiner Haut deuteten darauf hin, dass er viel Zeit unter freiem Himmel verbrachte. Der silbrige Schimmer in seinem kurzen Haar war fast so schockierend wie sein unerwartetes Auftauchen hier.

Weder lächelte er, noch erwiderte er meine Begrüßung. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Ich hatte ihm Liebe geschworen, dann war ich verschwunden. Wir hatten seitdem nie wieder miteinander gesprochen.

Sieben Jahre. Wie hatte er mich gefunden? Und warum?

Die Neugierde wurde von Besorgnis verdrängt, und ich schob meine Hand verstohlen zu der Schublade, in der ich meine Pistole aufbewahrte. Der Wachmann hatte nicht angerufen, um einen Besucher anzukündigen, deshalb sollte ich eigentlich erst schießen und anschließend Fragen stellen. In meiner Welt konnte hinter jedem Gesicht der Feind lauern. Aber es war mir schon immer schwergefallen, Menschen zu erschießen. Was einer der vielen Gründe dafür war, warum mein Boss mich hier im Wald isolierte.

Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, ein Schulterholster unter einem Anzug zu erkennen. Nic trug eins. Eine verstörende Veränderung an einem Mann, der früher gleichermaßen gelehrt wie verträumt gewesen war, der das Gesetz geliebt hatte und mich, wenn auch nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Warum trug er eine Waffe bei sich?

Da er sie noch nicht gezogen hatte, kam ich ihm zuvor, indem ich meine auf seine Brust richtete. Sie war mit Silberkugeln geladen, damit war ich auf alles vorbereitet. Nur nicht auf den durchdringenden Blick seiner tiefblauen Augen und das vertraute Timbre seiner Stimme. „Hallo, mein Engel.“

Am College hatte mir dieser Kosename stets einen wohligen Schauder über den Rücken gejagt. Ich hatte Dinge versprochen, die zu versprechen ich kein Recht gehabt hatte. Jetzt machte mich dasselbe, vor kaltem Sarkasmus triefende Wort wütend.

Ich hatte ihn zu seinem eigenen Besten verlassen. Allerdings wusste er das nicht.

Ich stand auf, schlenderte um den Schreibtisch herum, kam ihm ein wenig zu nah. „Was tust du hier?“

„Ich hatte mir schon gedacht, dass du nicht gerade begeistert sein würdest, mich zu sehen, aber mit einem solchen Empfang hatte ich trotzdem nicht gerechnet.“

Er richtete den Blick auf meine Pistole, und ich wurde von seinem Duft abgelenkt. Frischer Schnee, Bergluft, meine Vergangenheit.

Nic packte die Waffe, entwand sie meinen Fingern, legte von hinten einen Arm um meine Kehle und drückte mich an sich. Ich war nicht gut im Umgang mit Schusswaffen. War es nie gewesen.

Ich würgte, und er lockerte den Klammergriff um meine Luftröhre, ließ mich jedoch nicht los. Aus den Augenwinkeln erhaschte ich einen Blick auf etwas Metallisches auf dem Schreibtisch. Er hatte meine Pistole dort abgelegt. Eine Sorge weniger.

„Was willst du?“, keuchte ich.

Anstatt zu antworten, vergrub er die Nase in meinem Haar, und sein Atem strich an meinem Ohr entlang. Meine Knie zitterten; meine Augen brannten. Nic so nah zu spüren rief Erinnerungen wach, die ich seit Jahren zu vergessen versuchte. Sie taten weh. Verdammt, ich liebte ihn noch immer.

Eine ungewohnte Woge von Emotionen überschwemmte meine Muskeln und versetzte meinen Magen in Aufruhr. Ich war es nicht gewohnt, irgendetwas zu empfinden. Ich hielt mich selbst für kühl, überlegen, selbstbeherrscht: Dr. Elise Hanover, die Eiskönigin. Wenn ich meinem Zorn freien Lauf ließ, geschahen schlimme Dinge.

Doch niemand hatte je so eine Wirkung auf mich gehabt wie Nic. Niemand hatte mich je so glücklich und so traurig gemacht. Niemand konnte mich wütender machen.

Ich trat mit meinem Pfennigabsatz auf seinen glänzenden, schwarzen Schuh und stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht darauf. Nic zuckte zusammen, und ich rammte ihm den Ellbogen in den Bauch. Ich vergaß, die Wucht meines Schlages abzumildern, sodass er gegen die Wand flog. Ich schoss herum und sah zu, wie er mit geschlossenen Augen zu Boden sackte.

Ups.

Ich widerstand dem Drang, zu ihm zu laufen, sein Gesicht zu berühren, seine Stirn zu küssen. Wir durften nicht noch einmal mit alldem anfangen.

Nics Lider flatterten, und er murmelte irgendetwas Unflätiges. Ich ließ den Atem entweichen, den ich angehalten hatte.

Ich bezweifelte, dass er bei einem Kampf oft auf der Verliererseite stand. Er hatte Muskeln aufgebaut, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte – die Kombination aus Lebensjahren und ein paar tausend Stunden an Kraftgeräten.

Was hatte er sonst noch in der Zeit seit unserer Trennung getan? Er hatte vorgehabt, Anwalt zu werden, nur dass er kein bisschen wie ein Anwalt aussah. Der Anzug, ja, aber unter dem steifen dunkelgrauen Gewebe war er mehr als ein bürokratischer Schnellredner. Vielleicht ein Soldat im Sonntagsstaat.

Ich ließ den Blick über ihn gleiten und blieb an der schwarzen Sonnenbrille hängen, die er in seine Sakkotasche gehakt hatte.

Anzug. Muskeln. Männer mit dunklen Brillen.

„FBI“, murmelte ich.

Jetzt war ich wirklich sauer.

Nic schlug die Augen auf, blinzelte einmal, dann fixierte er mein Gesicht. „Du warst schon immer klüger, als du aussiehst.“

Ich war so oft das Opfer von Blondinenwitzen gewesen, dass es für eine ganze Ewigkeit reichte. Die stupiden Sticheleien und blöden Bemerkungen waren mir nahegegangen, bis ich plötzlich begriffen hatte, dass ich die Einstellung der Leute zu meinem Vorteil nutzen konnte. Solange sie mich für dumm hielten, erwarteten sie nichts anderes von mir.

Deshalb ignorierte ich Nics Provokation. Er war von den großen Jungs hergeschickt worden, und das bedeutete Ärger.

„Ich nehme an, du willst, dass ich dir meine Waffe aushändige“, brummte er.

Ich zuckte die Achseln. „Behalt sie.“ Eine mit normaler Munition geladene Pistole war das geringste meiner Probleme.

Er rappelte sich hoch, und ich durchlebte einen Moment der Besorgnis, als er deutlich schwankte. Ich hatte ihn viel zu hart getroffen.

„Lass mich dir einen Rat geben“, sagte er. „Ich war schon immer der Überzeugung, dass die Menschen, von denen wir am wenigsten erwarten, dass sie auf uns schießen, dies für gewöhnlich tun.“

Witzigerweise war das auch meine Meinung.

„Was tust du hier?“, wiederholte ich.

Er zog die Brauen hoch. „Keine Umarmung, kein Kuss? Du freust dich nicht, mich zu sehen? Wenn ich mich recht entsinne, bin ich derjenige, der sauer sein sollte.“

Er setzte sich unaufgefordert auf einen Stuhl.

„Oh, warte.“ Sein Blick traf meinen. „Das bin ich ja auch.“

Nic hatte jedes Recht, wütend zu sein. Ich hatte mich eines Nachts einfach davongeschlichen, so als hätte ich etwas zu verbergen.

Moment mal. Das hatte ich ja auch.

Trotzdem tat es weh, ihn hier zu sehen. Ich konnte ihm nicht erklären, warum ich ihn verlassen hatte. Ich konnte mich nicht entschuldigen, weil es mir nicht wirklich leidtat. Ich konnte ihn nicht so berühren, wie ich es wollte. Ich konnte nie wieder jemanden auf diese Weise berühren.

„Du bist nicht gekommen, um über die Vergangenheit zu reden“, fuhr ich ihn an. „Was hat das FBI mit den Jägersuchern zu schaffen?“

Ich war nicht die Einzige, die Monster bekämpfte, sondern nur ein sonderbares Mitglied einer Gruppe Auserwählter.

Obwohl von der Regierung finanziert, wurde die Existenz der Jägersucher vor allen außer jenen, die Bescheid wissen mussten, geheim gehalten. Wenn herauskäme, dass überall Monster frei herumliefen, würde Panik ausbrechen.

Nicht nur das, es würden auch Köpfe rollen. Uneingeschränkte Gelder für eine Monster jagende Spezialeinheit? Ein paar Leute würden definitiv ihren Job verlieren – und wir dabei unsere finanzielle Grundlage. Also gaben wir vor, etwas zu sein, das wir nicht waren.

Ich zum Beispiel war eine Forscherin, die eine neue Form von Tollwut innerhalb der Wolfspopulation untersuchte. Die meisten unserer operativen Agenten trugen Papiere bei sich, die sie als Mitarbeiter verschiedener Naturschutzbehörden auswiesen.

Bis heute hatten die Vorsichtsmaßnahmen funktioniert. Nie zuvor hatte jemand bei uns herumgeschnüffelt.

Die Frage lautete: Warum jetzt?

Und warum er?

2

„Ich arbeite für die CID.“

Die Criminal Investigations Divison, übersetzte mein Gehirn, während Nic in seine Jacke fasste, seinen Ausweis herauszog und ihn mit geübter Geste aufklappte.

Ich machte mir nicht die Mühe, ihn mir anzusehen. Ich wusste, wer er war. Seine Dienstmarke war mir egal. Ich wollte erfahren, weshalb er aus der Vergangenheit zurück in mein Leben gekommen war. Ich wollte herausfinden, wo der Junge geblieben war, den ich einst geliebt hatte, und wann dieser Fremde an seine Stelle getreten war.

Vor sieben Jahren war Nic witzig und locker gewesen. Ich hatte mit ihm mehr gelacht als je zuvor mit einem Menschen.

Er war ein Feuerwerk der Kontraste gewesen. Schnell mit Zahlen, gewitzt mit Worten, flink mit den Händen, träge beim Lächeln und großartig im Küssen.

Wir waren beide allein auf der Welt gewesen und hatten nach etwas gesucht, vielleicht auch nach jemandem. Wir hatten es aneinander gefunden. Mein Leben war schon immer unterteilt gewesen in die Zeit vor Dominic Franklin und in die danach.

Ich weiß noch immer nicht, ob ich an die Liebe auf den ersten Blick glaube. Ich hatte Nic so oft gesehen, bevor ich mich in ihn verliebte. Aber an eine wahre, tiefe, ewige Liebe? Daran glaube ich fest.

„Warum du?“

Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich die Frage laut gestellt hatte, bis er sie beantwortete.

„Weil ich der Beste in meinem Metier bin.“

„Das da wäre?“

„Verschwundene Personen aufzuspüren.“

„Was hat das mit uns zu tun?“

„Sag du es mir. Was tust du eigentlich genau?“

Würde ich ihn abwimmeln können, indem ich ihm die Lügen erzählte, die ich anderen schon Hunderte von Malen aufgetischt hatte? Ein Versuch konnte nicht schaden.

„Ich untersuche einen neuen Tollwuterreger innerhalb der Wolfspopulation.“

„Davon habe ich nie gehört.“

„Die Regierung will geheim halten, dass das Virus zunehmend resistent auf den Impfstoff reagiert.“

„Tut es das?“

„Nein, ich habe das frei erfunden.“

Meine Zähne schlugen hörbar aufeinander, als ich den Mund schloss. Warum konnte ich nicht die Klappe halten?

Seine Lippen zuckten, fast war es ein Lächeln. Doch der Ausdruck verschwand so schnell wie der Mond bei Morgengrauen.

„Du wolltest immer Ärztin werden.“

„Das bin ich.“

„Du arbeitest in der Forschung, nicht in der medizinischen Praxis.“

Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, Kranke zu behandeln, nachdem ich zum ersten Mal pelzig geworden war. Es ist irgendwie schwer, sich eine Praxis aufzubauen, wenn man nie sicher sein kann, ob man am Morgen nach einem Vollmond nicht voller Blut aufwachen wird.

In Wahrheit hatten mich Viren schon immer fasziniert – wo sie herkamen, wie sie weitergegeben wurden, wie zur Hölle wir sie unter Kontrolle bringen können. Einer der wenigen Lichtblicke in den letzten sieben Jahren war meine Arbeit gewesen. Man hatte mir völlig freie Hand dabei gelassen, etwas zu studieren, von dem niemand sonst auch nur wusste. Welcher Wissenschaftler wäre da nicht in Versuchung geraten?

Nic starrte mich weiter an, zweifellos wartete er noch immer auf meine Erklärung, warum ich keine Babys auf die Welt holte oder als Gehirnchirurgin arbeitete. Da konnte er lange warten.

„Und du wolltest Anwalt werden.“

Im Zweifelsfall immer mit dem Finger auf den anderen zeigen.

„Das bin ich auch geworden. Viele unserer Agenten kommen ursprünglich aus juristischen oder kaufmännischen Berufen.“

Hoppla. Man lernt nie aus.

„Diese Einrichtung wirkt riesig“, fuhr er fort. „Wie viele Forscher arbeiten hier?“

Ich war mit meinen Lügen und meiner Geduld am Ende.

„Wenn du mehr Informationen willst, musst du mit meinem Chef, Edward Mandenauer, sprechen.“

Ein Anruf von Mandenauer in Washington, D.C., und Nic würde hochkant rausfliegen.

„Schön. Wo ist er?“

„Wisconsin. Das liegt ein ganzes Stück östlich von hier.“

Seine Augen wurden schmal. „Wo in Wisconsin?“

„Verschlusssache.“ Ich zuckte die Schultern. „Tut mir leid.“

„Elise, du machst mich langsam wütend.“

„Nur langsam?“

Fast kam wieder dieses Lächeln zum Vorschein, und ich dachte schon, na bitte, doch eine Sekunde später bekam er sich wieder in den Griff und runzelte die Stirn.

Dieser neue Nic machte mich nervös. War er wegen seines Jobs so ernst und schwermütig geworden oder meinetwegen? Mir gefiel keine der beiden Möglichkeiten.

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor der Stirn. „Ich werde einfach warten, bis er anruft.“

Ich öffnete den Mund, dann schloss ich ihn wieder. Ich war mit meinem Latein am Ende. Auf keinen Fall durfte ich ihn hier herumlungern lassen. Ich lag ohnehin schon hinter meinem Zeitplan zurück. Abgesehen davon, wie sollte ich ihm erklären, dass in diesem Gebäude niemand war außer mir, einem einzelnen Wachmann und den Werwölfen im Untergeschoss?

Ich könnte Nic rausschmeißen oder es den Wachposten tun lassen; allerdings würde ein solches Verhalten nur zusätzliche Fragen aufwerfen und uns ohne Zweifel in den Genuss weiterer Besuche des FBI bringen. Es wäre besser, Nic davon zu überzeugen, freiwillig zu gehen, falls das möglich war.

„Edward wird sich während der nächsten Tage nicht melden. Er ist im Außendienst. Aber du kannst ebenso gut mir sagen, worum es geht.“

Nic starrte mich ein paar Sekunden lang an, bevor er sich nach vorn beugte und die Arme auf den Tisch legte. „Ich arbeite schon seit Jahren an einem Fall. Eine Menge Leute sind nicht mehr dort, wo sie eigentlich sein sollten, und auch nirgendwo anders aufgetaucht.“

„Seit wann fallen vermisste Personen in die Zuständigkeit des FBI?“

„Seit wir guten Grund zu der Annahme haben, dass es hier um mehr geht als um spurloses Verschwinden.“

Ich hörte, was er nicht sagte. Das FBI glaubte, es mit einem Serienkidnapper, wenn nicht sogar mit einem Serienkiller zu tun zu haben. Zur Hölle, vermutlich traf das zu. Was sie dabei jedoch nicht ahnten, war, dass es sich bei dem Missetäter höchstwahrscheinlich um ein alles andere als menschliches Wesen handelte.

„In dieser Welt verschwinden wesentlich mehr Leute, als irgendjemand weiß“, murmelte ich.

Nic hob eine Braue. Ich schätze, das hätte ich ihm nicht sagen müssen. Es war sein Job, die Vermissten zu finden. Was ihn zu einer Gefahr für meinen Job machte.

Um die Bevölkerung ruhig zu halten, gehörte es zur Arbeit eines Jägersuchers, Ausreden zu erfinden, abzuwiegeln, sicherzustellen, dass jene, die von bösen Wesen ermordet worden waren, nicht von ihren Familien oder den Behörden gesucht wurden.

„Ich verstehe noch immer nicht, wie wir dir helfen können. Stammt eine der vermissten Personen hier aus der Gegend?“

„Nein.“

„Habt ihr jemanden hierher verfolgt?“

„Nein.“

Ich warf die Hände in die Luft. „Was dann?“

„Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen.“

Ich bezähmte den Drang, zu schnauben und die Augen zu verdrehen. Die bösen Jungs versuchten unablässig, uns die Behörden auf den Hals zu hetzen. Solange wir uns mit Formalitäten herumplagen mussten, konnten wir keine Monster suchen und jagen.

Bisher waren alle derartigen Versuche von höherer Stelle abgeschmettert worden. In Washington galt das Gesetz, dass Edward Mandenauer über jede Kritik erhaben war. Er durfte nicht behelligt werden, genauso wenig wie sein Team. Offensichtlich hatte Nic das streng vertrauliche Memo nicht gelesen.

Ich starrte ihn an, als mir eine andere Möglichkeit in den Sinn kam. Die Organisation der Jägersucher operierte zwar im Verborgenen, und der Standort unserer Zentrale war nur wenigen bekannt, aber trotzdem waren in letzter Zeit viele unserer Geheimnisse preisgegeben worden. Wir hatten einen Verräter in unserer Mitte und wussten nie, wann jemand sterben würde.

„Was war das für ein Hinweis?“

„Eine E-Mail. Mit dem Wortlaut, dass ich hier finden würde, wonach ich suche.“

Ich runzelte die Stirn. „Nicht gerade ein brauchbarer Tipp.“

„Stell dir mal meine Überraschung vor, als ich deinen Namen auf der Mitarbeiterliste der Jägersucher entdeckte.“

Was erklärte, weshalb er so ruhig geblieben war, als er mich gesehen hatte, während ich selbst wie gelähmt gewesen war. Er hatte gewusst, dass ich hier sein würde.

„Dafür, dass das hier eine Regierungseinrichtung ist, fanden sich ziemlich wenige Informationen in diesen Personalakten.“

Da eine nicht unerhebliche Anzahl unserer Agenten früher auf der falschen Seite des Gesetzes gestanden hatten – manchmal braucht es ein Monster, um ein Monster zu fangen –, wäre es nicht ratsam, die Personalakten irgendeinem Außenstehenden zugänglich zu machen. Sie waren so gehalten, dass sie nur das Allernötigste preisgaben – oder in manchen Fällen überhaupt nichts.

„Ich dachte, du wärst tot“, murmelte er. „Aber stattdessen warst du die ganze Zeit über hier.“

Seltsam, wie es manchmal nicht mehr als ein winziges Detail erfordert, um ein großes Mysterium zu enträtseln. Den Leuten ist nicht bewusst, wie oft Mörder wegen eines Unfalls oder Zufalls geschnappt werden, wegen eines einzigen scharfen Blicks in einen Bericht, der plötzlich eine Verbindung herstellt.

Nein, ich war nicht tot, aber das hieß nicht, dass ich es mir nicht wünschte.

So als würde er spüren, dass er der emotionalen Grenze zu nah gekommen war, die keiner von uns beiden überschreiten wollte, zog Nic ein Blatt Papier aus seiner Jackentasche.

„Kannst du mit deinen Kollegen oder mit Mandenauer sprechen und feststellen, ob jemand einen der Namen auf der Vermisstenliste kennt?“

Seine Miene drückte Bestimmtheit aus, seine Augen waren eisig blau geworden. Ich war am Leben; ich wurde nicht länger vermisst. Ich konnte fast sehen, wie er meinen Namen von seiner Gedankenliste strich.

Würde er je wieder an mich denken, sobald er dieses Zimmer verlassen hatte? Vermutlich nicht, und das war auch gut so.

Warum fühlte ich mich also derart schlecht?

Nic stand noch immer mit der Liste in der Hand vor mir. Ich nahm das Papier, faltete es und steckte es ein, ohne einen Blick darauf zu werfen.

„Meine Nummer steht ganz oben.“

Er stand auf, und sein Blick blieb an etwas auf meinem Schreibtisch haften. Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus, als ich feststellte, dass er die kleine Plüschkrähe anstarrte, die er einmal für mich auf einem Jahrmarkt gewonnen hatte.

Na ja, gewonnen war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Er hatte das Fünffache von dem, was das geschmacklose Kuscheltier wert war, auf den Versuch verschwendet, einen Basketball in einem Korb zu versenken. Damals war er eher jungenhaft als athletisch gewesen.

Ich musterte seine breiten, von dem dunklen Anzug verhüllten Schultern. Heute würde er wahrscheinlich auf Anhieb treffen oder den Ball einfach durch schiere Willenskraft in den Korb befördern.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Tatsache, dass ich das Ding die ganzen Jahre über behalten hatte, war eine viel zu sentimentale Geste für die kühle, distanzierte Frau, die ich sein wollte.

„Ich mag Krähen.“

Meine Stimme klang eindrucksvoll blasiert, so als bedeutete mir das Andenken gar nichts, doch meine Augen begannen zu brennen. Ich musste wegsehen, sonst würde ich mich selbst in Verlegenheit bringen.

Ich blinzelte ein paarmal, schluckte, drehte mich zu ihm um, um festzustellen, ob er meine Lüge glaubte, und entdeckte, dass er schon halb zur Tür hinaus war. Überrascht lief ich ihm hinterher, doch dann blieb ich im Gang stehen.

Er ging, ohne mir weitere Fragen über die Jägersucher zu stellen. Ich sollte froh darüber sein. Menschen, die sich mit Edward Mandenauer anlegten, bezahlten das oftmals mit ihrem Leben.

Ich war damals fortgegangen, um zu verhindern, dass Nic die Wahrheit herausfand und verletzt würde. Dieses Mal ließ ich ihn fortgehen, und zwar aus demselben Grund.

Ich hastete weiter zur Vorderseite des Gebäudes, um zu beobachten, wie Nic für immer aus meinem Leben verschwand. Selbst wenn er zurückkehren sollte, würde er keinen Zutritt mehr bekommen. Ich gab dem Wachmann diesbezüglich ausdrückliche Instruktionen.

Ich sollte meinen Boss kontaktieren, ihn über den Besuch vom FBI informieren, aber es war erst zwölf Uhr mittags. Edward würde noch schlafen, nachdem er die ganze Nacht gejagt hatte. Es war noch ausreichend Zeit, ihn anzurufen, nachdem ich mein neuestes Experiment überprüft hatte.

Zugang zu dem Kellerlabor fand man nur über den hinter einem Wandpaneel versteckten Aufzug draußen vor meinem Büro. Die Tür glitt auf, sobald ich die Handfläche gegen den Sicherheitsmonitor presste.

„Guten Tag, Dr. Hanover.“

Die Computerstimme ärgerte mich jedes Mal wieder; ich wusste nicht genau, warum. Extreme Sicherheit war Teil meines Lebens. Obwohl das, was ich tat, wichtig war, gab es trotzdem einige, die vor nichts zurückschrecken würden, um mich daran zu hindern.

Während der Aufzug ins Untergeschoss fuhr, intonierte dieselbe mechanische Stimme: „Netzhautkontrolle, bitte.“

Ich positionierte mein Gesicht vor der Kamera. Ohne die entsprechenden Netzhäute säße jeder, dem es gelungen wäre, bis hierher zu gelangen, in der Falle. Natürlich bestand immer die Möglichkeit, dass jemand mir die Hand abhacken und die Augen rauspulen würde, um in den Keller zu gelangen.

Zum Glück, oder vielleicht auch nicht, saßen die meisten Kreaturen, die zu einem solchen Ausmaß an Brutalität fähig waren, eingekerkert auf der anderen Seite der Tür.

Die Aufzugtür öffnete sich. Eine Reihe von Panzerglastüren säumte die Wände. Jedes der Zimmer – verdammt, wollen wir doch ehrlich sein, es waren Gefängniszellen – war belegt.

Das mit den Werwölfen im Keller war kein Scherz gewesen.

3

Werwölfe sind nachtaktiv – genau wie die Wölfe, denen sie so ähneln. Selbst unter der Erde, bei Neonlicht, verhalten sie sich wie die Tiere, die sie sind. Dementsprechend schlief zu dieser Tageszeit der Großteil meiner Gäste.

Ich eilte den Korridor entlang. Während die meisten Räume leicht erhellt waren, um die gedämpften Strahlen der Sonne zu simulieren, herrschte im letzten vollkommene Finsternis.

Es war dort so dunkel, wie Billy Baileys Seele es gewesen wäre, hätte er eine besessen.

Vor jeder Zelle stand ein Tisch mit den für das an dem Insassen durchgeführte Experiment notwendigen Geräten.

Ich kontrollierte die Objektträger mit Billys Blut. Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte, sondern hoffte einfach, dass es klick machen würde, sobald ich es entdeckte. Aber nach all den Jahren der Suche war ich mir inzwischen nicht mehr sicher, ob ich die Antwort jemals finden würde.

Ein Körper warf sich mit solcher Gewalt gegen die Tür, dass die Absperrvorrichtung erzitterte. Unbeeindruckt hob ich den Blick vom Mikroskop zu dem nackten Mann, der am Panzerglas seiner Gefängniszelle klebte.

„Billy.“ Ich machte mir eine Notiz im Protokoll.

„Miststück“, begrüßte er mich im Plauderton.

„Das war unnötig“, murmelte ich, und er drosch mit der Faust gegen das Glas.

Er wollte, dass ich kreischte, aufkeuchte, zumindest zusammenzuckte. Aber das geschah nur selten. Warum sollte ich ihm noch mehr Befriedigung geben, als er in seinem Leben schon genossen hatte?

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie er wieder im Dunkeln verschwand. Erst da ließ ich den Atem entweichen, den ich angehalten hatte.

Billy Bailey jagte mir eine Höllenangst ein. Ich hätte nie darum bitten dürfen, dass man ihn hierher brachte, aber ich war verzweifelt gewesen.

Ich hatte alles versucht, um ein Gegengift zu entwickeln, welches die Menschen wieder zu dem machen würde, was sie gewesen waren, bevor sie gebissen wurden. Bisher ohne jeden Erfolg.

Allerdings war es mir zumindest gelungen, ein Serum zu entwickeln, das bei Vollmond die Gier eines Werwolfs nach menschlichem Blut zu lindern vermag. Und dazu noch ein Gegenmittel, das das Virus abtötete, falls es dem Opfer vor seiner ersten Verwandlung injiziert wurde. Leider funktionierte der Impfstoff nicht bei denen, die bereits pelzig waren.

Ich starrte in die Finsternis, in der Billy lauerte und darauf wartete, dass mir ein Fehler unterlief.

„Du brauchst mehr Blut“, sagte er.

Seine Stimme schlängelte sich aus der Dunkelheit, und ich unterdrückte ein Schaudern. Billy beobachtete mich ständig. Er wusste, dass mit mir etwas nicht stimmte, war sich aber nicht sicher, was es sein könnte. Weil ich wie er war, und dann auch wieder nicht.

Wie schon die Legenden berichten, wird ein Werwolf durch den Biss eines anderen Werwolfs erschaffen. Natürlich gibt es noch weitere Möglichkeiten, wie Menschen pelzig werden können. Die Liste ist ebenso unendlich wie die Anzahl der Monster.

Ich war das perfekte Beispiel. Ich hatte die ersten zweiundzwanzig Jahre meines Lebens in gesegneter Ahnungslosigkeit verbracht, was die Existenz von Werwölfen betraf. Dann, eines Nachts, war ich einfach … zu einem geworden.

Ich war ein Werwolf, aber ich hatte nicht den Dämon in mir – die unter den Jägersuchern verwendete Abkürzung für das geisteskranke Vergnügen, jeden zu töten, der einem über den Weg läuft.

Das Töten machte mich fertig. Dennoch überfiel auch mich nach wie vor jeden Monat der Blutdurst. Deshalb meine erste Erfindung.

Trotzdem verwandelte ich mich, selbst wenn ich meine Medizin nahm, bei jedem Vollmond. Ich konnte nichts dagegen tun. Allerdings wusste außer Edward und mir niemand von meinem Geheimnis. Was der Grund war, warum meine bloße Existenz Billy noch verrückter machte, als er ohnehin schon war.

Ich sah auf, als er sich wieder aus der Dunkelheit schälte. Billy weigerte sich, Kleidung zu tragen. Ich bin überzeugt, er spürte, dass seine Nacktheit mich nervös machte, wenn auch nicht aus sexuellen Gründen.

Seine extreme Körpergröße, seine unglaubliche Schulterbreite, die riesigen … Füße würden auch ohne das Kreuzmuster der Narben, die sich über Brust und Rücken zogen, jeden nervös machen.

Da ein Mensch seine Narben behält, wenn er zum Werwolf wird, nahm ich an, dass Billy in seinem früheren Leben ein sehr schlimmer Junge gewesen sein musste.

„Deinen Arm, bitte.“

Billy verzog die Lippen. Trotz des Panzerglases fühlte ich seinen Zorn auflodern wie eine Stichflamme. Gleichzeitig waren seine grauen Augen die kältesten, die ich je gesehen hatte. Nur für einen kurzen Moment in sie zu blicken verursachte mir manchmal stundenlang Übelkeit.

„Was, wenn ich dir meinen Arm nicht gebe?“

Mit Billy war alles ein Kampf.

„Du weißt, dass ich dich zwingen kann.“

Er stürmte nach vorn und warf sich noch einmal gegen die durchsichtige Wand. Manchmal dachte ich wirklich, dass Billy nicht das hellste Licht im Hafen sein konnte. Wie oft musste er das Glas noch malträtieren, bevor er glaubte, dass es undurchdringlich war?

„Das hat keinen Sinn, Billy.“

Billy Baileys Schicksal war eigentlich besiegelt gewesen, als ich darum bat, dass man ihn hierher verlegte. Edward hatte ihn nicht am Leben lassen wollen, nachdem er ihn jahrzehntelang gejagt hatte.

Er war ein sehr alter Werwolf. Niemand wusste genau, wie alt, und Billy verriet es nicht.

Es war sehr schwer gewesen, ihn zu fassen, da er sich mit den anderen nicht gut vertrug. Wölfe sind soziale Tiere, Werwölfe ebenfalls. Nur sehr wenige bleiben ihr Leben lang allein. Normalerweise suchen sie nach ihresgleichen und schließen sich zu einem Rudel zusammen.

Ein einsamer Wolf ist nicht nur ein gefährliches Tier, sondern auf seinen Streifzügen durch die Wälder und Großstädte dieser Welt auch schwer zu fangen. Eine Nadel im Heuhaufen war nichts im Vergleich zu Billy.

Seine Größe ließ mich an einen Wikinger denken, nur dass er dunkelhäutig wie ein Hunne war. Seine Gesichtsform und das struppige schwarze Haar erinnerten an einen Cro-Magnon-Menschen.

Ganz gleich, wann Billy geboren worden, wann er verwandelt worden war, es bestand kein Zweifel daran, dass er uralt und tödlich war und außerdem länger Übung im Verrücktsein hatte, als ich in irgendetwas Übung hatte.

„Wenn ich hier rauskomme, werde ich dich ficken. Erst auf die eine Art, dann auf die andere.“ Er senkte die Hand und begann, sich selbst zu stimulieren. „Ich werde dich nageln, bis du schreist. Ich ficke dich, bis du stirbst.“

Obwohl meine Hände zitterten, begegnete ich seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Du wirst hier nicht rauskommen, Billy. Niemals.“

Er betete seine Fantasien von Vergewaltigung, Fesselspielen und Folter jedes Mal herunter, wenn ich in seine Nähe kam. Sie vollbrachten Wunder, was mein schlechtes Gewissen darüber betraf, Männer und Frauen in Käfigen zu halten. Es waren keine Menschen.

Nicht wirklich. Nun nicht mehr.

Ich zog mir ein Paar Handschuhe über, hob eine Spritze auf und drückte einen Knopf an der Zellenwand. Ein surrendes Geräusch kündigte das Ausfahren der Vorrichtung für Billys Arm an. Er sollte seinen Unterarm nun eigentlich in eine Ausbuchtung legen. Handschellen würden sich um ihn schließen, sodass ich ihm Blut abnehmen könnte, ohne Gefahr zu laufen, verletzt zu werden.

Doch anstatt sich in die Prozedur zu fügen, riss Billy das Gerät aus der Wand. Seufzend warf ich Handschuhe und Spritze auf den Tisch, während gleichzeitig eine Stahltür über die Glasscheibe glitt.

Ich wollte Billy aus genau diesem Grund. Er war der älteste lebende Werwolf, von dem wir wussten. Ohne seine unglaubliche Kraft hätte er nicht all diese – wie ich vermutete – Jahrhunderte überleben können. Ich hoffte darauf, dass sein mächtiges Blut mir dabei helfen würde, ein mächtiges Virus zu besiegen.

Ich wog meine Optionen ab, die nicht sehr zahlreich waren. Ich hatte die anderen Werwölfe während eines ganzen Mondzyklus beobachtet. Keiner von ihnen hatte mich irgendwie weitergebracht. Ich musste Billys Blut heute Nacht und dann eine Woche lang jede weitere testen. Ich konnte ihn nicht betäuben; das würde die Ergebnisse verfälschen. Ich musste ihn fesseln, was ebenso beängstigend wie schwierig war.

Billy feixte. Er wusste, was ich dachte, plante, und er konnte es gar nicht erwarten.

Wildes Heulen ertönte aus dem Lautsprecher an der Wand. Die echten Wölfe, die draußen gehalten wurden.

Ich sah auf die Uhr, dann biss ich mir auf die Lippen. Ihre übliche Fütterungszeit lag noch in weiter Ferne. Vielleicht war ein Waschbär an ihrem Gehege vorbeigetrottet und hatte auf der anderen Seite des Zauns ein kleines Tänzchen vollführt. Das brachte sie immer zur Raserei.

Das Geheul verwandelte sich in Gejaule, dann verebbte es zu leisem Gewimmer. Irgendetwas stimmte nicht.

„Sie klingen beunruhigt.“ Billy verzog den Mund zu einem Grinsen, das mehr einem Zähnefletschen glich.

Die Wölfe stimmten wieder ein wildes Geheul an, und die Härchen auf meinen Armen richteten sich auf.

„Du solltest lieber nach ihnen sehen.“ Er legte den Kopf schräg. „Aber das ist nicht dein Job, stimmt’s?“

Ich runzelte die Stirn. Woher wusste er so verdammt viel über mich, obwohl er hier unten eingesperrt war?

„Ich denke darüber nach, wovor du Angst haben könntest. Und dann male ich mir aus, wie ich dich damit bestrafe.“

Billy schlängelte sich so nahe ans Glas, dass seine omnipräsente Erektion dagegen pochte. Er fing wieder an, sich einen runterzuholen, zweifellos angetörnt von der Vorstellung meiner Angst.

„Großer, böser Jägersucher.“ Seine Stimme war nun atemlos. „Oh, ja. Fürchte dich, Baby.“

Ich wandte mich ab. Es würde mir nichts anderes übrig bleiben, als Edwards Rat anzunehmen und Billy loszuwerden. Er war einfach zu wahnsinnig, selbst für diesen Ort.

Das Schnarren des Aufzugs war ein ebenso tröstliches Geräusch wie das Klappern meiner Absätze auf dem gefliesten Gang, der zur Hintertür führte. Ich entfernte mich von Billy, dem Keller, dem Gebäude. Was könnte schöner sein?

Nachdem ich den Code eingetippt hatte, um den Alarm abzustellen, trat ich ins Freie und reckte das Gesicht gen Himmel. Die Dämmerung nahte. Ich war länger unten gewesen, als ich gedacht hatte. Ich verlor ständig jedes Zeitgefühl, wenn ich arbeitete.

Eine Überwachungskamera war an derselben Wand angebracht wie das Maschinengewehr, das von innen bedient werden konnte. Edward scheute keine Kosten, um das Labor vor Eindringlingen zu schützen – nur das FBI schien sich davon nicht aufhalten zu lassen.

Ich schlüpfte aus meinen Pumps und stieg in ein Paar alte Turnschuhe, die ich neben der Hintertür aufbewahrte. Ich kam hier nicht oft raus, aber wenn ich es tat, wechselte ich immer die Schuhe. Hohe Absätze und feuchte Erde passen in etwa so gut zusammen wie Spaghetti und Thunfisch.

Während ich den Trampelpfad hinunterlief, rutschten meine Füße in den Schuhen herum, die eigentlich dazu gedacht waren, in Kombination mit Baumwollsocken getragen zu werden.

Der Zaun begann etwa dreißig Meter von der Festung entfernt und umschloss ein Freigehege von mehreren Kilometern Durchmesser. Es war wesentlich kleiner als das normale Territorium eines Wolfrudels, doch das war nötig, damit wir die Tiere beobachten konnten. Es war ein Gefängnis, ganz gleich, was wir uns auch vormachen wollten.

Im Inneren hatten die vier ausgewachsenen Tiere und die zwei Welpen zu heulen aufgehört, allerdings kauerten sie am Waldrand, als ob sie verängstigt wären.

Ich hatte sie ein paar ersten Experimenten unterzogen, aber Wölfe waren nun mal keine Werwölfe. Genauso wenig wie Werwölfe Menschen waren. Die hier hatten mich auch nicht weitergebracht.

Sobald die Tiere mich sahen, drängten sie sich noch tiefer in die Schatten der Bäume. Genau wie Billy wussten sie, dass ich nicht war, was ich zu sein schien, deshalb hielten sie so weit Abstand wie möglich. Seufzend drehte ich mich um, als mir beinahe das Herz stehen blieb.

Nic stand nur ein paar Schritte entfernt.

Wie war es ihm gelungen, sich an mich ranzuschleichen? Niemand konnte das. Vielleicht war meine Wahrnehmung von zu viel lockerem Leben getrübt.

„Die haben mir den Zutritt verweigert“, sagte er.

Mein Mund bewegte sich, aber es kamen keine Worte heraus. Nic schien meine plötzliche Sprachlosigkeit nicht zu bemerken. Er nickte zu den Wölfen. „Was ist mit ihnen?“

„Ich … ich bin mir nicht sicher.“ Na also. Ich konnte es doch noch. „Sie haben geheult. Irgendetwas hat sie aufgeregt.“ Ich runzelte die Stirn. „Hast du dich hier draußen versteckt?“

Das würde das seltsame Verhalten der Wölfe erklären, andererseits waren sie an Menschen gewöhnt. Die Wachleute kümmerten sich um ihre Bedürfnisse, deshalb sollte Nics Gegenwart allein sie eigentlich nicht derart aus der Fassung gebracht haben.

Ich betrachtete das Gebäude, dann starrte ich mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Überwachungskamera. Allerdings hätte Nics Gegenwart den Wachmann alarmieren müssen – insbesondere, nachdem ich Letzterem gesagt hatte, dass dieser Mann hier nicht willkommen war.

„Ich bin weggefahren“, erwiderte er. „Als ich wiederkam, wollte dein Gorilla mich nicht mit dir sprechen lassen.“

„Es gibt nichts mehr zu sagen.“

„Da bin ich anderer Meinung.“ Er trat zu mir und deutete auf die Wölfe. „Sind sie infiziert?“

Seine Schulter streifte meine, und ich hätte beinahe ausgerufen: „Infiziert?“, so als hätte ich keine Ahnung, wovon er redete.

Diese eine Berührung, die überhaupt keine Berührung war, sondern ein Versehen – Stoff an Stoff, nicht Haut an Haut –, rief mir viel zu viele Dinge in Erinnerung.

Der Geschmack seines Mundes in der Dunkelheit. Der Duft seines regennassen Haars. Die Länge seiner Beine, die mit meinen verschlungen waren.

Wir hatten nie miteinander geschlafen, ansonsten aber fast alles getan. Ich hatte ihn mit all der angestauten Leidenschaft eines Teenagers begehrt. Ihn nie besessen zu haben machte Nic nur noch mehr zum Zentrum jeder meiner Fantasien.

„Nein“, sagte ich barsch. „Die hier sind nicht infiziert.“

„Aber …“

„Ich brauche auch gesunde Wölfe. Ich kann keine Krankheit kurieren, wenn ich nicht weiß, wie das Gegenteil aussieht.“

Was der Wahrheit entsprach. Ich versuchte, die Lykanthropie zu heilen, ein Virus, das Menschen in Wölfe verwandelte – oder etwas ihnen Ähnliches.

Nic starrte zusammen mit mir in den Wald. Der Mann, den ich kannte, würde in einem Problem herumstochern, bis er eine Antwort hatte – ein ärgerlicher Charakterzug, der ihn zu einem großartigen Anwalt gemacht hätte. Und ihn vermutlich zu einem noch besseren FBI-Agenten machte. Ich hoffte nur, dass er nicht in den Geheimnissen der Jägersucher herumstochern würde, bis er sie alle aufgedeckt hätte.

Mein Boss würde alles tun, um unsere Arbeitsplätze zu erhalten. Genau wie ich wusste er, dass wir mehr Leben retteten, als wir verloren. Was wir taten, war wichtig, und man musste es uns weiterhin tun lassen.

Ich legte die Handfläche an den Maschendrahtzaun. Ich hätte wieder hineingehen sollen, aber hier im Wald, mit dem Rücken zu der Steinfestung, vergaß ich beinahe, wie das Leben da drinnen war.

Nics Finger lagen auf meinen. Seine Hand war groß und dunkel, gleichzeitig sanft und rau. Erschrocken suchte ich seinen Blick, und da küsste er mich.

Binnen einer Sekunde war ich wieder jung; ich hatte noch Hoffnung und eine Zukunft. All die Liebe kam in einer einzigen Welle zurück, erfüllte mich und hinterließ gleichzeitig qualvolle Leere. Ganz gleich, wie oft ich ihn berührte, war es doch nie genug.

Er schmeckte noch genau wie früher – wie Rotwein an einem kalten Winterabend. Seine Hitze hatte schon immer mein Eis zum Schmelzen gebracht. Bei Nic war ich warm, geschützt, lebendig gewesen. Ich hatte mich seither nie mehr so gefühlt.

Was der einzige Grund war, warum ich ihn nicht von mir stieß, wie ich es hätte tun sollen. Ich öffnete den Mund, um ihn willkommen zu heißen, fuhr mit der Zunge über seinen schiefen Eckzahn. Stöhnend drängte er mich gegen den Zaun.

Ich vergaß, wo ich war, wer ich war und wer er war, während ich seine Jacke öffnete, die Krawatte lockerte und dann mehrere Knöpfe seines Hemds aufspringen ließ, sodass ich meine Finger hineingleiten lassen und das weiche, lockige Haar, das seine Brust bedeckte, streicheln konnte. Seine Muskeln zitterten und spannten sich an. Raue Schwielen, die er vor sieben Jahren noch nicht besessen hatte, verfingen sich an meiner Strumpfhose, als er die Hände meine Oberschenkel hinauf- und unter meinen Rock schob.

Wir hätten das aus mehr als nur einem Grund nicht tun sollen. Besonders wegen der Kamera nicht, durch die sich der Wachmann gerade auf unsere Kosten amüsierte.

Der Gedanke ließ mich erstarren, aber ich konnte nicht fliehen. Nic drückte meine Schultern gegen den Maschendraht. Er knabberte an meiner Lippe, dann hob er mich ein Stück hoch.

Ich vergaß die Kamera. In diesem Moment war es mir vollkommen egal, wer uns sah. Ich brauchte … etwas. Oder vielleicht jemanden. Ein Körper stieß von hinten so wuchtig gegen meinen Rücken, dass ich aufkeuchte. Ohne Nic wäre ich zu Boden gestürzt.

Er hob den Kopf; seine Augen weiteten sich, und er lockerte seine Umarmung. „Was zur Hölle war das?“

Ich schoss herum. Die vier erwachsenen Wölfe liefen Amok, indem sie sich knurrend und zähnefletschend gegen den Metallzaun warfen. Die beiden Welpen schlichen an der Baumgrenze entlang. Unter gelegentlichem Wimmern warteten sie und beobachteten uns, kamen dabei aber kein Stück näher.

„Du hast gesagt, sie seien nicht tollwütig.“

Nic hatte den Arm noch immer um mich gelegt, sodass meine rechte Seite gegen seine linke gedrückt wurde. Ich trat von ihm weg. Ich konnte nicht klar denken, wenn ich ihm so nah war.

„Das waren sie auch nicht. Ich meine, das sind sie nicht.“

„Für mich sieht das sehr wohl nach Tollwut aus.“ Stirnrunzelnd musterte er den Geifer, der ihnen von den Schnauzen tropfte, und das rollende Weiß ihrer Augen.

Ich hatte diese Wölfe von Kopf bis Fuß untersucht. Es gab kein Problem mit ihnen. Von dieser psychotischen Raserei einmal abgesehen.

Ich sah mir die Tiere nun genauer an. Sie hatten Angst, aber nicht vor Nic. Sie waren zornig, aber nicht auf mich. Stattdessen warfen sie sich weiter sabbernd und knurrend gegen den Zaun, so als wäre etwas, das sie nur allzu gern in blutige Fetzen reißen würden, in dem Labor.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Wölfe nicht bösartig – es sei denn, sie sind halb verhungert oder tollwütig. Auf meine Wölfe traf nichts davon zu. Was bedeutete …

Ich machte einen Schritt auf das Hauptquartier zu, als es im selben Moment in die Luft flog.

4

Die Wucht der Explosion schleuderte uns beide zu Boden. Durch irgendein akrobatisches Manöver gelang es Nic, sich über mich zu werfen.

Überall regneten Trümmer herab. Meine Ohren klingelten. Ich glaubte schon, taub zu sein, bis mir klar wurde, dass die Wölfe direkt neben meinem Kopf heulten.

Nic rollte sich von mir runter. „Was war das?“

Ich setzte mich auf und starrte zu dem brennenden Gebäude. „Ich schätze, eine sehr große Bombe.“

„Eine Bombe?“ Er sprang auf. „Wie kommst du darauf?“

„Du bist doch dieser Teufelskerl vom FBI. Wir sieht es denn für dich aus?“

„Nach einer Gasexplosion?“

„Wenn es hier draußen Gas gäbe. Das Gebäude wird elektrisch beheizt. Und soweit ich weiß, bewirkt Elektrizität keine Explosion.“

Er musterte für mehrere Sekunden seine plötzlich schmutzigen Schuhe, dann streckte er mir die Hand entgegen. „Du hast recht.“

Da es keine gute Idee gewesen war, ihn anzufassen, und ihn zu küssen sogar eine noch schlechtere, stand ich aus eigener Kraft auf. Immer wenn ich Menschen berührte, passierten schlimme Dinge.

Ich dachte an die Hitze und die Flammen. Wirklich schlimme Dinge.

Das Labor war inzwischen nicht mehr als ein brennender Krater. Der Wachmann war tot. Was die Werwölfe im Keller betraf, war ich mir nicht sicher.

Wenn man die Körper verbrannte, nachdem man sie mit einer Silberkugel erschossen hatte, blieb Asche zurück, aber würde auch eine Brandbombe einen Werwolf töten? Ich hatte nicht den leisesten Schimmer.

Mich überfiel ein Frösteln, das nichts mit dem Wind zu tun hatte. Was, wenn Billy überlebt hatte?

Ich taumelte und wäre beinahe gestürzt. Was, wenn er am Leben und in Freiheit war?

Nic, der sich der Feuersbrunst genähert hatte, lief zu mir und umfasste meinen Ellbogen. „Ist dir schwindlig?“

Ich schloss die Augen, als mir ein weiterer aufmunternder Gedanke kam. Ich musste mir nicht nur wegen Billy Sorgen machen, auch meine Notizen, mein Serum, das Gegengift – all das war verloren.

„Elise, du solltest dich lieber wieder hinsetzen.“

Ich schüttelte seine Hand ab, holte tief Luft, ließ sie langsam entweichen, wiederholte das Ganze.

„Meine Arbeit“, würgte ich hervor. „Alles war da drinnen.“

Er blinzelte, sah zu der Ruine, dann zu mir. „Du musst doch irgendwo noch Sicherheitskopien haben.“

Das stimmte. Allerdings wusste ich nicht, wo dieses Irgendwo war. Das wusste nur Edward, und der war in Wisconsin.

„Etwa nicht?“ Nics Stimme klang ungläubig.

„Doch, natürlich. Aber da drinnen waren ein paar Dinge, die ich dringend brauche.“

Ich blickte zum Himmel hoch, betrachtete den Dreiviertelmond.

Bald.

Nic klopfte auf seine Jackentasche, dann huschte ein verblüffter Ausdruck über sein Gesicht, dem gleich darauf aufdämmerndes Begreifen folgte. „Ich hab mein Handy im Auto gelassen.“

Benommen folgte ich ihm um das einstürzende Gebäude herum bis zum vorderen Parkplatz. Als er plötzlich stehen blieb, prallte ich gegen seinen Rücken.

„Oh-oh“, murmelte er.

Ich lehnte mich zur Seite, und da erkannte ich das Problem. Die Autos hatten ebenfalls Feuer gefangen.

„Ich schätze, das ergibt Sinn“, sagte Nic fast wie zu sich selbst. „Diese Art von Beschädigung deutet in der Regel auf eine Autobombe hin.“

Er musste es vermutlich wissen.

„Wie viele Autos sollten hier eigentlich stehen?“

Ich musterte den Haufen brennenden Metalls und zählte. „Eines weniger, als da in Flammen stehen.“

Er verzog den Mund. „Das sagt uns nicht wirklich viel, aber ich kann jemanden hinzuziehen, der Licht ins Dunkel bringt. Hast du ein Telefon?“

„In meinem Büro.“

„Na, großartig.“

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, sodass ein paar Strähnen wirr von seinem Kopf abstanden. Wenn er nicht einen Meter fünfundachtzig groß gewesen wäre und knapp hundert Kilo gewogen hätte, hätte man ihn für einen kleinen, verstrubbelten Jungen halten können. Ich stellte fest, dass ich mich wesentlich bezauberter fühlte, als gut für mich war.

„Das Ganze ergibt doch keinen Sinn“, fuhr er fort. „Warum sollte jemand eine medizinische Forschungseinrichtung in die Luft sprengen?“

Da wir wesentlich mehr waren als das, gab es jede Menge Menschen – und auch Nicht-Menschen –, die alles daransetzen würden, das Hauptquartier der Jägersucher dem Erdboden gleichzumachen. Nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch Edward, mich und jeden anderen Agenten, den sie auf diese Weise loswerden konnten.

Wir brauchten hier kein FBI. Gott allein wusste, was die Agenten alles entdecken würden, wenn sie sich erst mal durch den Trümmerhaufen gruben. Falls ich vor Nic an ein Telefon gelangen könnte, würde Edward sich um die Vertuschungsarbeit kümmern.

Ein kalter Wind strich durch die Bäume und brachte den Geruch von Winter mit sich. Wir hatten bislang Glück gehabt; obwohl es schon November war, hatte es kaum geschneit.

Etwas zerbarst und stürzte in den schwelenden Krater, dann hallte das Geräusch durch den Wald wider. Hinter dem Zaun jaulte ein Wolf – keiner von meinen –, und langsam machte es mich ein wenig nervös, ohne Waffe im Freien zu sein.

„Wo ist die nächste Stadt?“, fragte Nic.

„Etwa hundert Kilometer von hier.“

Er starrte mich ausdruckslos an. Er schien das nicht fassen zu können. „Wo wohnst du?“

Ich deutete auf die Flammen.

„Du lebst und arbeitest hier?“

„Es gibt keine Alternative.“

Abgesehen davon arbeitete ich sowieso die ganze Zeit über. Warum sollte ich also irgendwo zur Miete wohnen, selbst wenn es sicher gewesen wäre?

Klar, manchmal verließ ich das Hauptquartier oder sogar den Staat, wenn ich einen besonderen Auftrag von Edward erhielt. Doch sobald ich die Aufgabe erledigt hatte, hetzte ich zurück und verschwand wieder hinter verschlossenen Türen.

„Was ist mit Lebensmitteln, Kleidung …?“ Er spreizte seine riesigen Hände. „Der übliche Kram halt?“

„Zweimal im Monat werden Vorräte geliefert.“

Er öffnete den Mund, dann klappte er ihn wieder zu und runzelte die Stirn. „In dieser Einrichtung wird mehr betrieben als nur medizinische Forschung, oder?“

Ich gab keine Antwort.

Ein Schatten flitzte hinter einen Baum am Rand des Parkplatzes. Ich drehte mich zu ihm um und wünschte mir dabei verzweifelt, meine Pistole eingesteckt zu haben. Nic hatte eine, aber ohne Silberkugeln würde sie nur wenig gegen die meisten Dinge, die hinter mir her waren, ausrichten. Trotzdem …

Ich fasste nach Nics Arm, um ihn um seine Waffe zu bitten oder ihn zumindest aufzufordern, sie zu ziehen, als der Schemen wieder auftauchte, beinahe Gestalt annahm, bevor er erneut mit dem Halbdunkel verschmolz. Neugierig geworden, ließ ich die Hand sinken und machte einen Schritt auf die Bäume zu.

Aus dem Wald drang ein Geräusch, das ich zuvor erst ein paarmal gehört hatte. Aber wenn es um Pistolenschüsse geht, ist einmal mehr als genug. Ich riss Nic mit mir zu Boden.

Die Kugel pfiff genau an der Stelle durch die Luft, wo eben noch unsere Köpfe gewesen waren, bevor sie in etwas Massivem auf der anderen Seite des Parkplatzes einschlug.

Ich sah Nic an. Er hielt, ohne dass ich auch nur die leiseste Bewegung registriert hätte, plötzlich eine Glock in der Hand. Nicht schlecht.

„Wo ist der hergekommen?“, fragte er.

„Von dort drüben.“

Ich zeigte zu dem Baum, wo ich die Umrisse eines menschlichen Wesens gesehen zu haben glaubte – außer dass sie in meiner Welt nicht zwingend menschlich waren.

Falls Billy am Leben war, würde er sich nicht mit einer Pistole abmühen. Er hatte so viel bessere Waffen in seinem Arsenal. Außerdem gehörte er zu der Sorte, die sich gern die Hände schmutzig machten – und die Reißzähne.

Nic versuchte aufzustehen, aber ich zog ihn wieder nach unten. „Keine gute Idee.“

„Ich werde hier nicht als leicht zu treffendes Ziel hocken bleiben. Ich bin ebenfalls bewaffnet.“

Was ihm überhaupt nichts nützen würde, wenn er auf einen Werwolf feuerte.

Dieser Gedanke ließ mich lange genug zögern, dass Nic aus meiner Reichweite schlüpfen konnte. Doch anstatt in den Wald zu laufen, starrte er mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Wer ist da so wütend auf dich, Elise?“

„Auf mich? Wer sagt, dass der Schütze es nicht auf dich abgesehen hat?“

Er runzelte die Stirn. Ich schätze, daran hatte er noch gar nicht gedacht.