Wolfshof - Ulrike Kucera - E-Book

Wolfshof E-Book

Ulrike Kucera

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Beschreibung

"Lieber zehn Mordfälle in der Stadt, als einer auf dem Land…", weiß Kommissar Jaspersen. Sein neuer Fall führt ihn auf einen abgelegegen Hof im Taunus, mitten in ein Gewirr an Sturherzigkeit, alten Familenfehden und bösem Gerede. Hermann Wolf, der vergiftet und zugleich erschossen in einem Waldstück gefunden wurde, hatte es ein Leben lang verstanden, sich Feinde zu machen. Und noch als Toter sorgt er dafür, dass auf dem Wolfshof kein Frieden einkehrt. Im Gegenteil. Ulrike A. Kucera versteht es meisterhaft, die Psychologie des Bösen zu entwickeln. Mit ihrem besonderen Gespür für das Abgründige im Menschen führt sie die Leser in eine enge und verdorbene Welt, in der Wut, Hass und falsch verstandene Liebe alle anderen Gefühle abschnüren. Es ist ein Buch voller überraschender Wendungen, und erst am Ende erkennt der Leser, wie tief sich das Böse in die Welt des Wolfshofs eingebrannt hat.

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ulrike A. Kucera
Wolfshof
Jaspersens 3. Fall Kriminalroman
Handlung und Personen sind absolut frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit Lebenden oder bereits Verstorbenen wäre rein zufällig. Die meisten Orte und Plätze in Frankfurt und Umgebung existieren nicht nur dem Namen nach tatsächlich. Die örtlichen Gegebenheiten wurden größtenteils respektiert, manchmal erforderte die Handlung jedoch Veränderungen, sogar beim Wetter.
Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag
© 2010 Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH
Satz: Nicole Proba, Societäts-Verlag
Schutzumschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am Main
eBook: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-027-7
„Homo homini lupus“Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.Plautus, Asinaria

1.

Samstag, 13. Mai – mittags
Soweit seine Augen blicken konnten, gehörte das Land ringsum ihm, in seinem Brustkorb jedoch verspürte Hermann Wolf eine beklemmende Enge. Er atmete schwer, auf seiner Stirn bildeten sich bereits die ersten Schweißperlen. Unwillkürlich legte er die rechte Hand auf die linke Brustseite, als könne er das ungewohnt heftige Pulsieren seines Herzens mit dieser Geste zähmen.
Einsam, in einem kleinen Tal, umgeben von Wald und Feldern, lag sein Gehöft, umsäumt von alten, weitausladenden Linden. An der Hofeinfahrt, wo er gerade stand, endete der schmale Sommerweg, der von der Landstraße bis zu seinem Hof führte. Vor einem Jahr hatte er ihn endlich asphaltieren lassen, weil in regenreichen Zeiten das Moor auf der Hälfte des Wegs eine Durchfahrt zu seinem Anwesen fast unmöglich werden ließ. Jahrzehntelang hatten er und seine Familie sich durch diese Stelle quälen müssen, von Oktober bis Mai stand der Traktor vor allem zum Herausschleppen eines im Morast steckengebliebenen Wagens bereit. Die Asphaltierung hatte ihn viel Geld gekostet, doch er bereute diese Investition nicht, sie hatte sich gelohnt. Allmählich, und es hatte mehr als zwanzig Jahre gedauert, war sein Anwesen beachtlich gewachsen und dank seiner Umsicht hervorragend gediehen. Wiederholt rang Hermann Wolf nach Luft, beinahe schien es ihm, als drohe der aufsteigende Stolz ihn zu ersticken. Sein Mund war trocken, und er verspürte jetzt unbändigen Durst. Bevor er sich umwandte, um in den Stall zu gehen, betrachtete er noch einmal den neuen Weg. Links und rechts davon begannen die Getreidefelder, die bis zum Vorgarten reichten. Der Winterroggen, bemerkte er zufrieden, war in den letzten Tagen aufgeschossen. Hinter dem Gehöft lagen die Koppeln, auf denen seine Pferde weideten, dahinter stiegen die sanften Hügel des Taunus auf. Die Maisonne lag auf den noch hellgrünen, zarten Blättern der Bäume und wärmte den Boden, ein Duft von Erde und Gras stieg ihm ihn die Nase, während über ihm zwei rote Milane kreisten. Wie gewohnt versuchte Hermann die Alarmzeichen seines Körpers zu ignorieren und begann, sich den anstehenden Aufgaben zu widmen. Seine Gedanken jedoch folgten ihm nicht, sie wanderten zurück in die Vergangenheit, mit jedem Schritt, den er sich vorwärts zwang. Jahre hatte Hermann Wolf kämpfen müssen, ehe er dieses Stück Land sein eigen nennen konnte, und noch einmal so lange, um sich den Respekt der Leute aus den umliegenden Dörfern zu verschaffen, obwohl er aus dieser Gegend stammte. In Naunstadt, auf dem Bauernhof seiner Eltern, war er geboren und aufgewachsen, als junger Mann, er war gerade achtzehn, hatte er fluchtartig seine Heimat verlassen. Zehn Jahre lang war er nicht zurückgekehrt, doch im Hochtaunuskreis war er keineswegs in Vergessenheit geraten. Sein Ruf war geblieben, und es war nicht der beste. Noch vor seiner endgültigen Rückkehr waren seine Eltern verstorben, doch weder zur Beerdigung seines Vaters noch seiner Mutter war er erschienen, obwohl er ihr einziges Kind gewesen war. Selbst wenn er gewollt hätte, Hermann konnte nicht zur Beisetzung seiner Eltern erscheinen. Auf dem Land wurde nichts vergessen, auch nicht, weshalb er vor siebenunddreißig Jahren aus Deutschland verschwinden mußte – eine dumme, aber wie er noch heute fand, tollkühne Geschichte, über die er selten sprach, wie auch über das, was er in den zehn Jahren seiner Abwesenheit erlebt und getan hatte. Natürlich hatte sich Hermann Wolfs Heimkehr damals in Windeseile bis nach Wetzlar herumgesprochen, und alle, die ihn kannten, begegneten ihm mit Argwohn. Über sämtliche Widrigkeiten hatte er sich hinweggesetzt, war unbeirrt und zielstrebig seinen Weg gegangen, ohne sich darum zu scheren, was die Leute über ihn sagten, dachten oder verbreiteten, es war ihm egal gewesen. Obwohl seinerzeit in den umliegenden Ortschaften viel über Hermann Wolf spekuliert und getuschelt wurde, hatten die meisten Leute, wenn auch zögerlich, begonnen, ihn zu respektieren und zu achten, trotz oder gerade wegen seiner Vergangenheit und seiner spröden, eher rücksichtslosen Art. Vor allem seine Pferdezucht und die Erfolge, die sein ältester Sohn Erik auf den Reit- und Springturnieren davontrug, brachten ihm Anerkennung, mit größter Leidenschaft und Härte trainierte er seine beiden Söhne. Auch sein Autohaus in Usingen lief gut, trotz der Krise konnte er nicht klagen. Ungefähr, er rechnete kurz nach, zehn Jahre hatte es gedauert, sich wieder zu etablieren, wie er es nannte, und noch einmal zehn Jahre, um von allen respektvoll „der Alte“ genannt zu werden. Er grinste, trotz zunehmenden Durstes und Herzklopfens. Ein Wolf war besonders, anders als die anderen – darauf war er stolz, auch wenn das Besondere für die anderen einen unangenehmen Beigeschmack haben mochte. Eine seltsame Erregung breitete sich in ihm aus, einem Beben ähnlich, das den gesamten Körper erschütterte und sich im Laufe der nächsten Stunde, aber das konnte er nicht wissen, noch verstärken sollte.
Hermann hatte sich vorgenommen, heute nach den gepachteten Heuwiesen zu sehen, die sich einige Kilometer entfernt von seinem Hof befanden. Gräser und Klee waren in diesem Mai bereits gut gewachsen, wahrscheinlich war es Zeit für die erste Mahd. Er knöpfte den Hemdkragen auf und fuhr nochmals mit der Hand über seinen Brustkorb, spürte die Herzschläge hart in der Kehle pochen und versuchte, trocken zu schlucken, was ihn würgen ließ – so viel hatte er doch gestern Abend nicht getrunken. Vielleicht lag es auch am Mittagessen, denn wie beinahe an jedem Wochenende hatte er vorhin bei seinem Sohn Erik und seiner Schwiegertochter Moira zu Mittag gegessen, natürlich zusammen mit Harry, seinem jüngeren Sohn. Samstagmittag war die Stunde, zu der sich die Familie traf, um die anstehenden Arbeiten, das Trainingsprogramm und die Planung für die nächste Woche zu besprechen. Sie lebten alle unter einem Dach, das alte Bauernhaus war groß genug dafür, und jeder von ihnen hatte seinen festgelegten Aufgabenbereich. Seit Rosi, seine Frau, ausgezogen war, kochte nunmehr Moira für die Familie. Sie war eine miserable Köchin, doch eine andere Frau war nicht im Haus. Was konnte er von einem zwanzigjährigen Mädchen aus der Stadt schon erwarten? Sie hatte nichts gelernt, hatte vom Leben auf einem Hof überhaupt keine Ahnung, aber sie hatte Erik innerhalb kürzester Zeit den Kopf verdreht und sich von ihm ein Kind machen lassen, im letzten September war sein erstes Enkelkind geboren worden. Immerhin ein Junge. Mit allen Mitteln hatte er versucht, Erik von dieser übereilten Eheschließung abzubringen, er war doch selbst noch ein Kind. Das einzig Erfreuliche an dieser Heirat war, daß sie seiner Überzeugung nach bald scheitern würde. Es gab bereits erste Anzeichen, dafür hatte er gesorgt, und das erfüllte ihn wiederum mit Genugtuung. Moira gehörte nicht an Eriks Seite und nicht auf seinen Hof, sie mußte weg, wenigstens darin war er sich, trotz ihrer Trennung, mit Rosi einig. Und wenn er sich gestern abend nicht furchtbar beherrscht hätte, läge das kleine Miststück jetzt im Krankenhaus oder irgendwo verscharrt …
Hermann Wolf öffnete die Tür, schleppte sich keuchend durch die Waschküche hinüber zum Stall, um das Zaumzeug und den Sattel aus der Kammer zu holen. Verdammt, Harry hatte die Stallgänge noch immer nicht aufgeräumt und gefegt, überall lagen Geräte und Dreck herum. Seinen jüngeren Sohn hielt Hermann Wolf, im Gegensatz zu Erik, für einen Versager – groß, stark, aber begriffsstutzig und faul. Er konnte sich nicht auf Harry verlassen, nicht einmal auf den Reitturnieren brachte er die erwünschten Leistungen. Charakterlich schlug er aus der Art und doch war er unleugbar sein Sohn, was jeder auf Anhieb erkennen konnte. Inzwischen hatte Harry seine dritte Lehrstelle, und es sah ganz danach aus, als würde er auch dort rausfliegen.
Nichtsnutz, fluchte der Alte. Alles und alle mußte er kontrollieren, von allein kamen seine Söhne nicht auf das Naheliegende und Notwendige, von Moira ganz zu schweigen. Mit ihr hatte er heute kein Wort gesprochen, und das würde er auch in den nächsten Tagen nicht tun, sie hatte eine Strafe verdient. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war? Wütend nahm er seinen Hut vom Nagel, setzte ihn auf und öffnete die Tür zur Sattelkammer. Gerade wollte er wie gewohnt ausspucken, aber sein Mund war zu trocken, er hatte höllischen Durst und sein Herz, er spürte es, zuckte jetzt wie ein Kaninchen kurz vor der Schlachtung.
Mit verkrampften Bewegungen nahm er die nötigen Dinge, schleppte sie durch den weitläufigen Stallgang und entriegelte die Box. Seine beste Zuchtstute kam ihm entgegen, schnodderte und hielt ihm die Nüstern ins Gesicht. Zärtlich klopfte er ihr den Hals, sie war ihm die Liebste und hatte die meisten Trophäen und Preise geholt, nicht nur für ihre Fohlen, auch auf den Reit- und Springturnieren. Sie war jetzt zwölf Jahre alt, und damit im besten Pferdealter, wie auch er sich mit seinen fünfundfünfzig Jahren auf der Höhe seines Lebens glaubte.
Komm, Fee. Wir reiten aus, sagte er keuchend vor Atemnot und begann dem Pferd die Hufe auszukratzen und es zu striegeln, bevor er es zäumte und sattelte.
Es war der Stute anzumerken, wie gierig sie war, an die frische Luft zu kommen, nervös trippelte sie vor und zurück. Die anderen Pferde, auch ihr Fohlen, standen bereits auf der Koppel, während sie und zwei Wallache im Stall bleiben mußten, weil sie täglich trainiert wurden. Sie hob den Kopf und wieherte, von fern antwortete ihr Fohlen, gleich hinter den Stallungen befand sich die Koppel. Die Turnier-Saison hatte begonnen, und Hermann wollte in diesem Jahr beweisen, wie gut sein Material war. Letzte Woche hatte ihn der Nationaltrainer der deutschen Springreiter angerufen und sein Interesse an Erik und Fee bekundet. Die Olympischen Spiele waren Hermanns Ziel, er würde es der Welt beweisen, die Wolfs waren unschlagbar. Fee schreckte zurück, weil er mit dem Zigarrenstummel zu nah an ihr rechtes Auge kam.
He, he, ruhig bleiben.
Er tätschelte Fee den Hals, doch sie wich ihm aus, als könne sie seine Berührung nicht ertragen. Hermann deutete ihren Unwillen falsch und zog kräftig am Halfter.
Halt endlich still!
Nachdem er das Pferd fertig gesattelt hatte, ging er noch einmal zurück in die Waschküche, öffnete den Wasserhahn, beugte den Kopf darunter und schlürfte gierig das eiskalte Leitungswasser. Je mehr er trank, desto durstiger schien er zu werden. Komisch, dachte er, Moiras Essen war zwar eklig, aber doch nicht versalzen, im Gegenteil. Sie kann gar nichts richtig, außer sich mit Erik im Bett wälzen.
Kleine Schlampe, murmelte er, und es klang beinahe zärtlich.
Irgendwann, darauf hatte der Alte mit sich selbst eine Wette abgeschlossen, würde sie davonlaufen und Erik unglücklich machen. Aber wenn Moira ging, und er rechnete noch in diesem Jahr damit, dann ohne das Kind, dafür würde er sorgen. Er hatte versucht, Erik vor dem Unglück zu bewahren, doch er war ja nicht davon abzubringen, ausgerechnet dieses Mädchen zu heiraten. Sein Ältester war ein Sturkopf und in dieser Hinsicht ganz sein Sohn. Unwillkürlich dachte er an Rosi, seine Frau und Mutter seiner beiden Söhne. Ungefähr vor einem Jahr hatte sie ihn und den Hof verlassen, trotzdem blieb sie seine Frau, sie trug seinen Namen, noch waren sie nicht geschieden. Verzeihen würde er Rosi nur dann, wenn sie zu ihm zurückkehrte, bedingungslos und auf Knien. Niemals würde er in die Scheidung einwilligen, nie!
Es hämmerte hart in seinem Brustkasten, und für einen kurzen Augenblick wußte er nicht, wo er sich befand. Hermann schüttelte sich. Saß er erst einmal auf dem Pferd, so hoffte er, würde es ihm besser gehen. Mühsam stieß er das hohe Stalltor auf und führte die Stute hinaus, hievte sich keuchend aufs Pferd und trabte vom Hof.
Der Duft des Frühlings und die vermeintliche Freiheit erregten die Stute, fortwährend fiel sie in den Galopp, erhobenen Schweifes wollte sie lospreschen und ließ vor Glück die Winde fahren. Der Alte hatte Mühe, sie zu halten, parierte durch, riß Fee mit der Kandare unsanft im Maul und zog nach rechts, Richtung Naunstadt, über das Feld, auf dem der junge Weizen bläulich schimmerte. Dann durch den Wald, zu den Wiesen, die er vor einigen Jahren zu einem Spottpreis auf Lebenszeit gepachtet hatte. Herrmann Wolf hatte es geschafft, entgegen aller Logik, ausgerechnet mit dem alten Rink aus Naunstadt, diesen grandiosen Pachtvertrag abzuschließen, den Rinks Sohn, sofort nach dem Tod seines Vaters, für ungültig erklären lassen wollte. Aber Vertrag war Vertrag, das Landgericht hatte die Gültigkeit vor zwei Jahren nochmals bestätigt, und Heinz Rink war wie immer der Verlierer.
Hermanns Herz schlug jetzt noch härter, er bekam kaum Luft, als schnüre ihm etwas die Kehle zu. Mit fahriger Hand knöpfte er das Hemd weiter auf und zog die Zügel an. Die Stute fiel zurück in den Schritt, dann ließ er sie anhalten, denn der Sattel rutschte. Der Alte legte beide Zügel über ihren Rist, beugte sich nach unten, um nachzugurten. Verdammt, was war mit ihm los? Das Pferd ging langsam weiter, sie waren bereits am Waldrand angekommen. Er sehnte sich nach Schatten, dabei war es noch nicht einmal richtig warm. Früher hatten ihm Hitze, Trockenheit, Durst und Sonne nichts anhaben können, er war meilenweit und mit schwerem Gepäck durch die Wüste marschiert. Seine Umgebung nahm er nur noch verschwommen wahr, als habe sein Blick sich getrübt, kaum sah und hörte er etwas, nur den Hufschlag der Stute, der in seinem Schädel nachzuhallen schien. Fee lief den Waldweg entlang, spitzte die Ohren, drehte sie leicht nach hinten, weil sie spürte, daß mit dem Reiter etwas nicht stimmte, sie kannte ihn lange genug. Reflexartig preßte der Alte die Hacken in die Seiten des Pferdes und galoppierte los, jagte die Stute orientierungslos querwaldein. Plötzlich traf ihn ein heftiger Schlag an der Stirn, sein Hut flog davon, er kippte nach hinten, wurde aus dem Sattel gehoben und stürzte auf den Waldboden. Es knackte laut, denn sein massiger Körper prallte auf eine spitze Astgabel, die sich zwischen seine Rippen bohrte, ein fürchterlicher Schmerz durchzuckte ihn. Das Pferd scheute, bäumte sich auf und raste davon, zurück Richtung Stall.

2.

Samstag, 13. Mai – mittags
Hauptkommissar Edgar Jaspersen hatte an diesem Wochenende keinen Dienst, also schlief er lange. Wegen der Festnahme und der anschließenden Vernehmung zweier mutmaßlicher Mörder war es gestern nacht spät geworden, und der obligate, freitägliche Skat war für Edgar ausgefallen, was er sehr bedauerte. Als er gestern das Präsidium verließ, war es schon halb zwölf, genau wie jetzt. Seine Frau hatte bereits eingekauft, frische Brötchen zum Frühstück geholt und die Post auf den Tisch gelegt, wie sie es samstags immer tat. Seit Olga ihren Beruf als Konzertpianistin aufgegeben hatte, war bei den Jaspersens eine ungewohnte Häuslichkeit eingekehrt. Es fiel den beiden schwerer als gedacht, sich an ihr ständiges Zusammensein zu gewöhnen. Dieser Prozeß war längst nicht abgeschlossen, immer wieder waren sie überrascht, einander so häufig zu begegnen, vor allem im Bad oder im Bett. Das führte manchmal zu unerwarteten Problemen, zumal Edgar Jaspersen die Angewohnheit hatte, auf der Toilette zu lesen und damit den Ort unnötig lange zu blockieren, was Olga hin und wieder wütend kommentierte. Auch seine Schlafgewohnheiten, die Olga auf Dauer bisher eher im Urlaub hatte studieren können, erwiesen sich für sie im Alltag als Behinderung. Früher konnten sie ihre gemeinsamen Nächte als Besonderheit genießen, denn sie waren selten gewesen, und jeder hatte Rücksicht auf den anderen genommen oder sich in Nachsicht geübt. Jetzt stellte sich heraus, daß Edgars Schnarchen bei Olga zu Schlafstörungen führte, wenn sie ihr Ohropax vergaß, während sie wiederum Edgar zur Weißglut trieb, indem sie sich unzählige Male hin und her wälzte, bevor sie endlich einschlief. Seine liebevolle Angewohnheit, im Schlaf ein Bein über ihr Becken zu legen, wurde für sie zur Bedrängung, schon weil es die häufigen Drehungen ihres Körpers behinderte, außerdem war Edgar nicht gerade ein Leichtgewicht. Auch wenn er nicht dick war, neigte er inzwischen doch ein wenig zur Bauchesfülle. Stieß sie dann sanft, aber bestimmt sein schweres Bein von sich, brummte er verärgert oder schimpfte im Halbschlaf über ihre brutale Abweisung. Er fühlte sich zurückgewiesen und war beleidigt, weshalb Olga ein schlechtes Gewissen bekam, denn für sie war es ja keine Zurückweisung, sondern eine Befreiungsaktion. Früher hatte sie nie gemurrt, wenn Edgar spät vom Dienst kam, zum einen, weil sie gar nicht daheim war, zum anderen hatte sie genug Beschäftigung und vor allem das Bedürfnis nach Ruhe, wenn sie in den Tournee-Pausen einmal zu Hause sein durfte. Törichterweise hatte sie vor einiger Zeit damit begonnen, abends auf ihren Mann zu warten, obwohl sie geglaubt hatte, so etwas würde ihr niemals passieren. Warten auf den Ehemann, der Tisch gedeckt, die Töpfe auf dem Herd, später unter der Bettdecke und noch viel später erneut auf kleiner Flamme, um dann doch allein zu essen. Sie freute sich, wenn er am Wochenende weder Dienst noch Bereitschaft hatte, mußte dann aber traurig zusehen, wie er den halben Samstag und Sonntag verschnarchte, statt mit ihr spazierenzugehen oder einen Ausflug zu machen, obwohl er es versprochen hatte. Edgar indessen fühlte sich von Olgas Erwartungen bedrängt und geriet unter Druck, pünktlicher Feierabend zu machen, was gar nicht möglich war bei der Mordkommission, zumal sich seine Partnerin, Sabine Kluge, wegen ihrer kleinen Tochter an bestimmte Zeiten halten mußte. Also war Edgar derjenige im Team, der flexibel sein mußte und, wenn nötig, die Nacht oder ein ganzes Wochenende durcharbeitete. Mörder und Selbstmörder nahmen nun einmal keine Rücksicht auf das Familienleben der Kriminalbeamten.
Olga war bereits seit zehn Monaten zu Hause, und allmählich gerieten sie in einen Zwiespalt, entdeckten aneinander noch unbekannte Eigenheiten, die sie manchmal amüsierten, die aber auch zu Spannungen und Verspannungen führen konnten. Während sich Edgars Eifersucht auf fremde Menschen, denen Olga früher auf ihren Konzertreisen begegnet war, erübrigte, entdeckte Olga im Gegenzug ihre Eifersucht, vor allem wenn er mit Kollegen oder Mördern mehr Zeit verbrachte als mit ihr. Ging Edgar an den dienstfreien Freitagabenden wie gewohnt zum Skatspielen, fühlte sie sich neuerdings vernachlässigt, dabei existierte diese Skatrunde schon seit zwölf Jahren. Du hast deine Musik, sagte er zu Olga, und ich meinen Skat. Einmal fragte sie ihren Mann, ob sie nicht beim Kartenspiel zusehen dürfe, was Edgar empört ablehnte – daraufhin schmollte sie mehrere Tage lang. Olga hatte sogar in Erwägung gezogen, Skat spielen zu lernen, um an diesen Abenden teilzuhaben, aber Edgar weigerte sich, es ihr beizubringen. Allzu selten seien Frauen für dieses Spiel begabt, betonte er immer wieder. Sabine Kluge war natürlich eine Ausnahme, sie war in der Lage, logisch zu denken, und mathematisch talentiert, während Olgas weiblich-intuitive Art des Denkens, die er auf seine Weise durchaus zu schätzen wußte, beim Skat katastrophal wäre. Darüber hinaus, ließ Edgar seine Frau wissen, sei ein Skatspiel zu fünft absonderlich, und außerdem brauche auch er seine Freiheiten!
Diese Erklärungen stimmten Olga sehr nachdenklich – hatte ihre Ehe nur so lange halten können, weil sie früher ständig unterwegs war und eigentlich nur auf Besuch nach Hause kam? Waren sie vielleicht gar nicht für ein tagtägliches Zusammenleben geschaffen und hatten es fünfundzwanzig Jahre lang nicht bemerkt? Bisher hatte jeder sein eigenes Leben geführt, beruflich vollkommen unabhängig voneinander – wie sollten sie das nun umstellen? Beiden fiel es schwer, ihre Wünsche und Bedürfnisse einander anzugleichen, deshalb verfiel Olga auf eine Idee. Bei einem nächtlichen Gespräch im Bett schlug sie ihrem Mann vor, sie sollten sich jeden zweiten Donnerstag als festen Abend einrichten und an einem neutralen Ort treffen, um über ihr Zusammenleben zu sprechen und sich aufeinander abzustimmen, wie ein Orchester auf den Kammerton A, erklärte sie. Edgar murrte und fand das gar nicht gut, keinesfalls wollte er so etwas über sich ergehen lassen, wußte er doch im voraus, daß Olga nur an ihm herumkritisieren würde. Wenn sie sagte, sie müßten mal wieder miteinander reden, hatte er sofort den Reflex, seine schußsichere Weste anzulegen oder weglaufen zu müssen. Gemaßregelt wurde er von seinem Dienststellenleiter genug. Warum, fragte er sich, wollen Frauen ständig über ihre Beziehung reden? Nach einem schweren Arbeitstag wollten Männer nämlich ihre Ruhe und bitte keine Kritik, aber das konnte er ihr schlecht sagen. Leider fiel ihm in jenem Moment keine Alternative ein, und er gab lediglich ein gedehntes Hhmhm von sich. Diesen zweiwöchigen Rhythmus, das wußte er, konnte er aus dienstlichen Gründen sowieso nicht einhalten, und das würde bei seiner Frau logischerweise neuen Verdruß auslösen. Er sah Olga schon überpünktlich und allein im Restaurant sitzen, drachengleich, vor Hunger übelst gelaunt und wütend, weil er sie zwei Stunden warten ließ oder gar nicht kommen konnte. Diese Vorstellung bereitete ihm Not, obwohl er glaubte, mit Olgas Wut umgehen zu können, doch in Wirklichkeit war er ihr jedes Mal wieder hilflos ausgeliefert.
Ach, Olga, wie soll das weitergehen, fragte sich Edgar, jetzt allein am Frühstückstisch sitzend. Er goß nochmals Kaffee in seine Tasse, Milch dazu und fingerte eine Zigarette aus der Schachtel. Selbst wenn die Ermittlungen in einem Mord manchmal in einer Sackgasse landeten, fand er fast immer wieder einen Weg, sich herauszumanövrieren und den Fall aufzuklären, während eine Beziehung in der Sackgasse oft genug im Desaster und manchmal mit dem gewaltsamen Tod eines oder beider Partner endete.
Noch immer müde, rieb er sein Gesicht und das Kinn, um, was ihm ganz lieb war, seine Gedanken auf die Arbeit zu richten.
Gestern, am frühen Nachmittag, konnten dank eines Hinweises aus der Bevölkerung zwei junge Männer, die wegen der Tötung einer sechzehnjährigen Schülerin gesucht wurden, festgenommen werden. Er war erleichtert, in diesem Fall endlich vorangekommen zu sein, die Tat lag bereits eine Woche zurück. Die beiden Festgenommenen waren geständig, wenngleich ihre Aussagen einige Lücken und Widersprüche enthielten. Vom dritten Täter, und den sollte es angeblich geben, fehlte jede Spur. Die beiden behaupteten, den Dritten im Bunde vorher nicht gekannt zu haben. Sie hätten ihn, wie auch das Opfer, erst an jenem Abend, als die Tat geschah, beim Verlassen der Diskothek am Flughafen, dem Dorian Gray, kennengelernt, seien ins Gespräch gekommen und hätten sich dann zu viert von dort auf den Weg nach Frankfurt begeben. Der unbekannte Dritte, sagten beide übereinstimmend aus, hatte ihnen angeboten, sie mit seinem Auto in die Stadt zurückzufahren, da um diese Nachtzeit keine S-Bahn mehr fuhr. Das war für eine Großstadt wie Frankfurt zwar unglaublich, entsprach jedoch den Tatsachen. Und weil eine prima Stimmung unter ihnen herrschte, hatten sie auf der Fahrt spontan beschlossen, noch irgendwo in Frankfurt gemeinsam etwas zu trinken, was sie dann auch taten, und zwar reichlich, in der Nachtbar, Ecke Sandweg und Habsburger Allee, nur einen Steinwurf von Jaspersens Wohnung entfernt. Die beiden Täter behaupteten, das Mädchen sei plötzlich und ohne ersichtlichen Grund aggressiv geworden. Der Dritte, an dessen Namen sie sich nicht erinnern konnten, habe ihr später auf der Straße, nachdem sie die Nachtbar verlassen hatten, mehrere Male ins Gesicht geschlagen und in den Bauch geboxt, bis sie still war und mit ihren Beschimpfungen aufhörte. Wie und warum es zu dieser Eskalation gekommen war, wußten sie angeblich nicht mehr. Gemeinsam schleppten sie das Mädchen dann zum Auto, zerrten es gegen seinen Willen hinein und dieser Typ fuhr los, Richtung Fechenheim, während die beiden weiterhin auf die junge Frau, die auf der Rückbank zwischen ihnen lag, einschlugen, sobald sie sich regte. Es sei wie ein Zwang gewesen, auf sie einzudreschen, und der Fremde hatte sie angefeuert. Los, haut ihr eine rein, macht sie fertig. Die Russen-Schlampe soll das Maul halten und kriegen, was sie verdient. Später kamen sie am Heinrich-Kraft-Park vorbei und fuhren weiter zu dem kleinen Weiher, hinter dem Fechenheimer Forsthaus, zogen das inzwischen wehr- und bewußtlose Mädchen aus dem Auto, schleiften es zum See und versenkten seinen Körper darin. Das alles geschah ohne jegliche Absprache, behauptete der eine Verdächtige, irgendwie automatisch und ohne nachzudenken. Wir drei waren uns einig, bis sich der Fremde, unerwartet und ohne ein Wort zu sagen, aus dem Staub machte. Während die beiden mitten in der Nacht an der Uferböschung standen und die Leiche im Wasser versank, hörten sie den Motor aufheulen und begriffen, daß ihr Fahrer abgehauen war. Noch vollkommen benommen und von plötzlicher Angst gepackt, liefen sie zu Fuß wieder Richtung Stadt. Keiner von beiden konnte sich an die Autonummer erinnern, nur an den Autotyp, ein alter Golf, der entweder dunkelblau oder -grün oder vielleicht auch dunkelrot war. In dem Auto, sagten beide, hatte es gestunken, wonach, konnten sie nicht beschreiben, einfach tierisch. Jaspersen kamen diese Aussagen merkwürdig vor, und Camilla Dorn, die Sabine Kluge bei der Vernehmung ablöste, bezweifelte die Existenz eines geheimnisvollen Dritten, auf den sie die Hauptschuld abwälzten. Auch Jaspersen fand es befremdlich, daß sie sich nicht an seinen Namen erinnern konnten und an den des Mädchens nur ungefähr. Ilona, sagten sie, doch sie hieß Ileana. In dieser Nachtbar müßte sich jemand an die vier jungen Leute erinnern können, auch wenn die Tat eine Woche zurücklag. Als Jaspersen gestern abend dort war, war in der Bar eine andere Bedienung, die in der Tatnacht keinen Dienst gehabt hatte. Er wollte es heute noch einmal probieren, zumal er nur einen Katzensprung entfernt wohnte.
Trotz seiner jahrelangen Tätigkeit bei der Mordkommission würde er wohl nie begreifen, was Menschen dazu bewegen konnte, scheinbar grundlos ein Mädchen bestialisch zu verprügeln und es dann in einem See zu versenken. Ob betrunken oder nicht, ungerührt hatten sie den Tod eines Menschen in Kauf genommen. Beim besten Willen konnte Jaspersen ihre Handlungsweise nicht nachvollziehen, und er war kein Anfänger in diesem Fach. Einfach so, reflexartig, behaupteten die beiden, einem Zwang gehorchend. Was für ein Irrsinn, dachte er. Ein Sexualverbrechen, versicherte Professor Winter nach der Obduktion, konnte ausgeschlossen werden. Das war kein Trost, es linderte auch nicht die sinnlose Brutalität und die Kaltblütigkeit, mit der die jungen Männer vorgegangen waren. Zumindest zwei der mutmaßlichen Täter saßen nun in Untersuchungshaft, den dritten Beteiligten mußten sie noch finden. Irgendein Kellner oder Gast in der Nachtbar würde sich hoffentlich an ihn erinnern. Die beiden Verdächtigen hatten eine Personenbeschreibung abgeliefert, von der er nicht wußte, ob sie ausgedacht war. Beide hatten unabhängig voneinander eine einigermaßen übereinstimmende Beschreibung des Mannes abgegeben, die natürlich zuvor unter ihnen verabredet worden sein konnte. Vielleicht, um sich aus der Affäre zu ziehen, falls Camilla Dorn recht hatte und es einen Dritten gar nicht gab. Aber für so clever hielt er die beiden nicht, sie hatten, was ihre Intelligenz betraf, eher schlicht auf ihn gewirkt. Der Mittäter sei, so gaben sie an, ungefähr einsfünfundachtzig groß, breitschultrig, robuste Figur, helle Augen, sehr kurz geschorenes Haar, fast Glatze, ungefähr Anfang Zwanzig, wie sie selbst. Keine Narben oder besonderen Merkmale, keine offensichtlichen Tätowierungen, aber er trug einen kleinen, goldenen Ohrring. Kein Ausländer, bestimmt Deutscher, einen speziellen Dialekt wollten sie nicht herausgehört haben.
Immerhin hatten die beiden eine Woche Zeit gehabt, sich abzusprechen, meinte Camilla. Einen Dritten erfinden und die Schuld auf ihn abwälzen, das war auch eine Methode.
Dafür waren sie nicht intelligent genug, dachte Jaspersen. Wenn der Unbekannte tatsächlich die Hauptlast trug, weil er die treibende Kraft gewesen war, mußte es in ihrem Interesse liegen, den Mann zu finden, er war ihre Entlastung. Horst Faber hatte ein erstes, grobes Phantombild anfertigen lassen, die Fahndung nach diesem Unbekannten war bereits eingeleitet. Ralf Möller, Chef der Spurensicherung, hatte mit seinen Leuten die Wohnungen der beiden Festgenommenen durchkämmt, die Kleidung und die Schuhe, die die beiden in jener Nacht getragen hatten, sicherstellen können und bereits zur Analyse ins Labor geschickt. Am Montag sollten die Ergebnisse spätestens vorliegen. Die Kriminaltechnik hatte an den Kleidungsstücken einige augenfällige Spuren gefunden, die Beweiskraft trugen, auch Professor Winters Autopsiebericht war aufschlußreich und eindeutig. Letztlich war Ileana Sorescu, eine Rumänin und keine Russin, wie die jungen Männer geglaubt hatten, nicht an den Mißhandlungen gestorben, sondern ertrunken. Rein juristisch handelte sich also nicht um Mord, sondern um Körperverletzung mit Todesfolge oder Totschlag. Ein paar Jahre, vielleicht drei oder vier, würden die Täter in der JVA auf jeden Fall absitzen müssen. Gewiß zu wenig, meinte Jaspersen. Durch die vielen Fußspuren am See konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, ob wirklich ein Dritter beteiligt war, denn es war ein sandiger Platz, der häufig und gern von Anglern frequentiert wurde. Schließlich war es auch ein Angler gewesen, der das Mädchen im Morgengrauen, wenn die Hechte am besten bissen, gefunden hatte. Am Ufer wimmelte es von Schuhabdrücken im Sand, und auf dem Rasen, der den See breitflächig umsäumte, waren keine signifikanten Spuren nachweisbar. Am Opfer selbst, unter ihren Fingernägeln, befanden sich fremde Gewebespuren, die noch im Labor analysiert wurden, um sie mit der DNS der beiden Festgenommenen zu vergleichen. Jaspersen hoffte, die DNS des unbekannten Dritten sicherstellen zu können. Seltsamerweise fanden sich in den Wollfäden des Pullovers, den die Tote trug, auch zwei Tierhaare, eindeutig von einem Pferd, sagte Dr. Geibel, die Leiterin des Labors. Vielleicht war sie Reiterin, vielleicht stammte das Haar aber auch aus dem Auto, das schmutzig gewesen sein und tierisch gestunken haben soll.
Tierisch, wiederholte Jaspersen. Worauf deutete das hin? Es gab verschiedene Möglichkeiten, denn die beiden jungen Männer, übrigens Deutsche, konnten tierisch von kraß nicht unterscheiden.
Willst du die Post nicht durchsehen?
Edgar sah erstaunt auf, Olga stand wie eine Erscheinung in der Tür, die ihn in eine andere Wirklichkeit zurückbeorderte. Um ihren Mund lag ein bitterer, ihm wohlbekannter Zug.
Hast du wieder Schmerzen?
Sie nickte leicht, wandte sich aber sofort um, denn sie wollte nicht darüber reden. Das rechte Schultergelenk schmerzte, den Arm konnte sie kaum bewegen. In der Nacht, sie war davon aufgewacht, hatte sie eine kurzzeitige Lähmung im rechten Arm bemerkt und war zutiefst erschrocken. Tabletten wollte sie nicht nehmen, denn wenn sie ein oder zwei davon schluckte, bekam sie unweigerlich Magenkrämpfe und Durchfall. Schon seit mehreren Wochen hatte sie diese Armprobleme. Ihr Hausarzt, den sie vorgestern aufgesucht hatte, wollte ihr wieder Spritzen verabreichen, was sie ablehnte. Ratlos kopfschüttelnd wie immer, verordnete er neben den Dichlorphenac- auch Tetrazepamtabletten. Olga war verzweifelt, sie konnte weder Klavier spielen, noch sich richtig bewegen oder schlafen. Es war eine Tortur, sich anzuziehen, sie fürchtete jeden Gang auf die Toilette, denn sie wollte sich von Edgar dabei nun wirklich nicht helfen lassen. Trotzdem hatte sie das Frühstück bereitet und war einkaufen gegangen, schon weil sie vor Schmerz nicht mehr im Bett liegen konnte und sich ablenken wollte. Während sie die Küche verließ, nahm Edgar die Post, um sie zu sichten, das überließ Olga ihrem Mann. Er seufzte traurig, denn er wußte, wie Olga sich quälte, und das Schlimmste war für ihn, ihr nicht helfen zu können. Anscheinend konnte ihr niemand helfen, jedenfalls kein Arzt, nur ein Wunder – und Edgar glaubte nicht an Wunder, das entsprach nicht seinem Wesen.
Sein Blick fiel auf ein Kuvert, der Absender kam ihm äußerst seltsam vor, denn er entsprach seiner eigenen Adresse: GbR Kantstraße 12. Er wußte nicht, was er sich darunter vorstellen sollte, und riß den Brief auf. Irritiert überflog er die Zeilen, worin ein sogenannter Diplomkaufmann behauptete, nun Eigentümer des Mietshauses Kantstraße 12 zu sein, also des Hauses, in dem er und Olga seit mehr als zwanzig Jahren unbehelligt wohnten. Eindeutig handelte es sich um eine Immobiliengesellschaft, und Edgar ahnte, was diese Ankündigung zu bedeuteten hatte. Seine Vermieter, die dieses Haus vor einigen Jahren von einer reichen Tante geerbt hatten, wollten das Erbe nun anscheinend zu Geld machen, vermutlich um ihre Ruhe zu haben vor einem Haus, um das sie sich ohnehin kaum bemüht hatten, das seit hundert Jahren nur notdürftig instand gehalten worden war. In den Kellerräumen der Mieter gab es bis heute kein Licht, schon solange sie hier wohnten. Sämtliche Renovierungen oder Modernisierungen, die in den Wohnungen vorgenommen worden waren, hatten die Hausbewohner selbst durchgeführt oder veranlaßt und obendrein aus eigener Tasche bezahlt. Einige hatten sich richtige Bäder und Gasheizungen einbauen lassen, denn als sie einzogen, gab es in den „Frankfurter Bädern“ und in den Küchen teilweise noch Kohleöfen. Die elektrischen Leitungen lagen auf Putz und zerbröselten vor Altersschwäche, die Gasrohre wucherten wild durch die Zimmer, Jaspersens Toilette sah aus wie ein U-Boot von innen. Oft genug stank es nach Gas, und immer wieder wurde ein Leck in den alten Verschraubungen gefunden. Trotzdem blieben die meisten Mieter in diesem Gemäuer, es hatte seine Vorzüge, und sie lebten alle schon ziemlich lange hier. Die Wohnungen waren groß, hell und gut geschnitten, und das Haus lag zentral in einer ruhigen Straße. Jeder hatte Schweiß, Nerven und eine ganze Menge Geld investiert, um seine Wohnung zu modernisieren und zu erhalten. Im Gegenzug hatten die Vermieter den Mietzins auf einem Niveau belassen, das für Frankfurter Verhältnisse erträglich war. Edgar schluckte, und noch ehe er die Bedeutung dieses Schreibens vollends begriff, hatte er den Eindruck, als zöge ihm jemand den Boden unter den Füßen, das Bett unter dem Hintern fort. Ein Gefühl von Obdachlosigkeit überkam ihn, und er fröstelte. Was haben die vor? Werden die unsere Wohnungen als Eigentum wieder verkaufen, müssen wir dann ausziehen, wohin denn? Dann dachte er an Mieterhöhungen, Prozesse, nervenaufreibende Ärgernisse und aufwendige Baumaßnahmen – Bedrohungen, mit denen er sich in seinem ganzen Leben nicht hatte herumschlagen müssen.
Verdammt, fluchte er, die haben das Haus samt Mietern einfach verkauft, als seien wir nichts weiter als lebendes Inventar, das bei Bedarf entsorgt werden kann.
Diese Nachricht traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, niemals wollte er hier ausziehen, auch wenn die Keller feucht und voller Schimmel, das Dach undicht, die Wasserleitungen noch immer aus Blei und die Abwasserleitungen zugewachsen waren. Wenn im Haus eine Waschmaschine lief, röhrten die Rohre gewaltig, das Abwasser stieg in die Waschbecken und stank zum Erbrechen nach Kloake. Sie hatten sich nicht wirklich daran gewöhnt, konnten den Zustand aber auch nicht verändern – und die bisherigen Eigentümer hatten es abgelehnt, größere Summen zu investieren. Jetzt war ihm klar, weshalb, sie hatten längst vorgehabt zu verkaufen, nur deshalb hatten sie im vergangenen Jahr die Vorderfassade neu streichen lassen. Edgar haßte Veränderungen jeglicher Art, schon deshalb hatte sich die Frage eines Umzugs für ihn nie gestellt, das wäre ein gewaltsamer Einschnitt in seinem Leben, den er nicht ertragen würde, ganz zu schweigen von Zorbas. Wo war eigentlich der Kater? Er hatte ihn heute noch gar nicht gesehen, nicht einmal, als er die Wurst aufs Brötchen legte. Wahrscheinlich lag er auf der Couch im Wohnzimmer. In letzter Zeit, schien es Edgar, war Zorbas etwas schwerfällig, schlief viel und kämpfte nur noch selten mit ihm. Manchmal hustete er, doch Olga beruhigte ihn, auch Katzen müssen mal abhusten, und Zorbas war eine Raucherkatze. Wieder fuhr Edgar sich mit der Hand übers Gesicht. Um sich zu beruhigen, zündete er die nächste Zigarette an. Mit einem Blick zum Aschenbecher stellte er fest, ohne es zu merken bereits drei Zigaretten geraucht zu haben. Diese hinterhältigen Schweine, fluchte er in sich hinein. Plötzlich und vollkommen unerwartet, fiel ihm seine Dienstwaffe ein, die SIG Sauer, kurz P6 genannt, was ihm auf privater und persönlicher Ebene noch nie passiert war. Selten genug dachte er an den Gebrauch seiner Waffe, es sei denn, auf dem Schießstand wurden die obligaten Schießübungen abgehalten oder er mußte sich auf die jährliche Leistungsprüfung vorbereiten, was ihm ein Greuel war, denn er war nun einmal kein besonders guter Schütze. Seine Waffe diente ihm nur im Notfall zur Verteidigung, er reinigte und schonte seine P6, nur wenige Male war er bisher gezwungen gewesen, sich ihrer im Dienst zu bedienen. Nie vorher hatte er einen derart mörderischen Impuls verspürt, und er wunderte sich über sich selbst.
Die Sonne schien auf den Küchentisch, und die Tanne rechts neben dem Fenster prahlte mit ihrem neuen Maischuß, leuchtend frisch und saftig, doch er registrierte es kaum. Edgar stand auf, den Brief in der Hand, um zu Olga hinüberzugehen. Die Tür zum Wohnzimmer stand offen und von der Schwelle aus sah er seine Frau auf der Couch liegen, neben ihr hatte sich der schwarze Kater zusammengerollt. Olga und Zorbas öffneten die Augen und sahen ihn an. Zorbas blinzelte, Olga schaute gequält.
Schlechte Nachrichten, murmelte Edgar leise.
Was denn?
Lies es selbst.
Was meinst du, Edgar?
Die haben uns verkauft.
Wer, wie verkauft? fragte Olga verwirrt, denn sie konnte ihrem Mann nicht folgen.
Er legte seiner Frau den Brief auf den Bauch und ging schleppend hinüber zu dem alten Schrank, dessen Türen sich nur unter lautem Knarren öffnen ließen. Normalerweise wäre er in einer solchen Situation zum Kühlschrank gegangen, hätte sich nach diesem Schock ein paar Negerküsse herausgeangelt und vertilgt. Seit Jahresbeginn hatte er jedoch seiner süßen Leidenschaft abgeschworen, was durchzuhalten ihm enorm schwer fiel. Er und sein Gaumen hatten noch immer Entzugserscheinungen, Negerküsse waren einfach göttlich. Mit fragend kritischem Blick beobachtete Olga, wie Edgar jetzt eine Flasche Whisky aus dem Schrank holte, ein Glas nahm und sich einschenkte. Rasch überflog sie die Zeilen.
Gib mir auch einen, sagte sie langsam.
Wirklich?
Olga nickte nur, sie meinte es ernst, obwohl sie sonst keinen Whis ky trank, schon gar nicht um diese Tageszeit.

3.

Samstag, 13. Mai – früher Nachmittag
Endlich, Moira atmete erleichtert auf, der Alte war weg. Die Atmosphäre bei Tisch war unerträglich gewesen, der Alte hatte sie während des Essens nicht einmal angeschaut, als existiere sie überhaupt nicht oder, schlimmer noch, als sei Moira widerwärtiger Abschaum. Er hatte nur die Hälfte von dem, was er auf seinen Teller gehäuft hatte, gegessen und ihn dann angeekelt weggeschoben. Sie wußte, das war die Strafe für ihr Aufbegehren gestern nacht, dauernd mußte sie daran denken. Zu gern hätte sie mit Erik noch einmal darüber gesprochen, aber sie hatten keine Gelegenheit gefunden. Bei Tisch hatte der Alte seine Befehle abgespult und Anweisungen erteilt, und zwar in einem Tonfall, der Lava gefrieren ließ. Moira hatte nicht gewagt, einen Laut von sich zu geben, sie hatte sogar versucht, geräuschlos zu atmen. Mehrere Male hatte er Erik grundlos barsch angefahren, um ihn dann mit seinem vernichtenden Blick widerlich anzugrinsen, den Zigarrenstummel schon wieder im Mundwinkel, als wolle er sagen: Na, du kleines Arschloch, wage es nur, mir zu widersprechen. Erik erwiderte jeweils nur kurz, mit gesenktem Blick nahm er die Anordnungen seines Vaters entgegen. Hermann Wolf duldete keine Widerworte und schon gar keine Entschuldigungen oder Erklärungen für Versäumnisse, er war der Bestimmer, und nur wenn er nicht anwesend war, was eher selten geschah, durfte Erik pro forma seine Stelle einnehmen. Das war die natürliche Rangfolge, seit Rosi vor einem knappen Jahr den Hof verlassen hatte. Harry und Moira waren die letzten Glieder in der Kette, weder hatten sie eine Stimme noch ein Stimmrecht. Die Anspannung bei Tisch war quälend gewesen, als habe die Luft den Aggregatzustand gewechselt oder als sei sie durchtränkt von Gift, das der Alte mit Blicken und Worten verspritzte. Moira durchzuckte ein körperlicher Schmerz, während sie daran dachte. Auch Harry hatte wie versteinert dagesessen, obwohl er nicht wissen konnte, woher diese Mißstimmung rührte, denn er war gestern nacht nicht daheim gewesen. Ungerechterweise und doch wie üblich, wurde er von seinem Vater mehrmals herablassend abgebügelt, und Moira konnte beobachten, wie schwer es Harry fiel, sich zu beherrschen und sitzen zu bleiben. Während Erik devot die Weisungen des Alten entgegennahm, starrte Harry mit verschränkten Armen auf seinen abgegessenen Teller, was Hermann natürlich als Auflehnung verstand, und das war es auch. Weshalb Harry heute widerspenstiger schien als sonst, konnte Moira nicht erraten, außerdem waren Erik und sie allein, als es passierte. Harry war wie sooft mit Freunden unterwegs und erst im Morgengrauen in sein Bett gefallen. Die Angst saß ihr noch in den Gliedern, aber was hätte sie denn tun sollen? Es war nun einmal geschehen.
Meist drehten sich die Gespräche beim samstäglichen Mittagessen um die Turniere und Konkurrenten, das Pferdematerial und neue Trainingsmethoden. Erst kürzlich hatte der Alte vorgeschlagen, die Tiere beim Training mit Stromschlägen zu behandeln, damit sie höher sprangen. Das allgemein übliche Barren war längst verboten, was ihn nicht daran hinderte, es trotzdem anzuwenden, aber es konnte unangenehme Spuren hinterlassen, und das wollte er vermeiden, also verordnete er Strom. Moira war über diesen Vorschlag entsetzt, sagte aber nichts dazu, denn ihre unqualifizierte Meinung war nicht gefragt. Seltener sprachen sie über das Autohaus in Usingen, und noch seltener gab einer von ihnen etwas Persönliches preis oder erzählte eine Begebenheit. Erik arbeitete als Autoschlosser bei seinem Vater in der Werkstatt des Autohauses, diesen Beruf hatte er auch dort erlernt, was sich als praktisch erwiesen hatte, weil er für den Alten jederzeit habhaft war. Harry hatte seit kurzem eine neue Lehrstelle bei einem Parkettleger in Weilburg, die ihn, wie die zwei vorherigen, auch nicht begeisterte. Während die Männer am Tage außer Haus waren, blieb Moira auf dem Hof zurück und versuchte, ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gerecht zu werden. Seit dem Auszug ihrer Schwiegermutter war sie allein unter Männern, kümmerte sich um die Hühner und Katzen, legte Beete für das Gemüse an und versuchte, Blumen und Büsche zum Blühen zu bringen, obwohl sie wenig Erfahrung darin hatte. Sie war in Frankfurt aufgewachsen, in einem Mietshaus im Ostend, wo es kaum Bäume, Büsche oder Gemüsegärten gab. Sie übte noch, und sie wohnte erst seit knapp zwei Jahren hier draußen in der Einsamkeit. Das nächste Dorf war zwei Kilometer vom Wolfshof entfernt, Grävenwiesbach zwölf, Usingen siebzehn Kilometer. Als sie Hals über Kopf zu Erik zog, hatte sie sich das Leben auf dem Land anders vorgestellt. Mit ihren damals knapp achtzehn Jahren war sie ein naives, romantisch veranlagtes Mädchen aus wohlbehütetem Hause, das sich erst in die Natur und dann in Erik verliebte. Was Moira bei ihrem ersten Besuch auf dem Hof sah, wirkte so verheißungsvoll, genau danach glaubte sie sich immer gesehnt zu haben. Wie sehr liebte sie diese abendliche Stimmung im Hochsommer, das Licht der untergehenden Sonne auf den sanft ansteigenden Hügeln und Feldern, den friedlichen Anblick der Pferde auf der Koppel, das alte, behaglich wirkende Fachwerkhaus, den Duft von Heu und reifem Getreide. Hinter dem Haus im Garten der Tisch und vier Stühle unterm Apfelbaum, es schien genau das zu sein, was sie sich immer gewünscht, wovon sie geträumt hatte. Sie erinnerte sich, wie sie damals auf dem Hof stand, als Erik die Stalltür öffnete und mit Fee losritt. In diesem Moment, es war das zweite Mal, daß sie ihm begegnete, hatten sie wieder nur einen langen Blick und noch kein Wort miteinander gewechselt. Harry, der Moira gegenüberstand, begriff sofort, er kannte seinen Bruder. Moira hatte Harry kurz zuvor auf einem Reit- und Springturnier in Bad Homburg kennengelernt, wohin ihre Freundin Anja sie mitgenommen hatte. Anja war selbst Reiterin und machte Moira mit Harry bekannt. Am späten Nachmittag des letzten Turniertags sah Moira auch Erik, ohne zu wissen, wer er war. Als er den Parcours fehlerfrei und mit Bestzeit verließ, begegneten sich ihre Blicke zum ersten Mal, und Erik hatte sich nach ihr umgedreht. Harry bat die beiden Mädchen, ihn zu besuchen, was sie eine Woche später auch taten. Danach fuhr Moira mit Anja des öfteren zum Wolfshof, Anja und Harry fachsimpelten über Pferde und Reiterei, während Moira die ersten Male vergeblich auf Eriks Erscheinen hoffte und die Pferde streichelte. Eines Tages lud Harry die beiden zu seinem Geburtstag ein, und sie kamen. An jenem Nachmittag lernte Moira Hermann und Rosemarie Wolf kennen. Argwöhnisch wurde sie von Rosi gemustert, während Hermann sie eher ignorierte. Die Wolfs kannten Anja von den Turnieren, wie alle anderen Reiter auch. Sie saßen zusammen am Kaffeetisch im Wohnzimmer, Hermann dozierte über Pferde und den Turniersport, der Kuchen war längst aufgegessen, als Erik erschien. Er trug noch seinen Blaumann, gab auch Moira kurz die Hand und tat den Rest der Zeit, als sähe er sie nicht. In Wirklichkeit beobachtete er sie ununterbrochen. Eine Stunde später sagte Moira, sie müsse jetzt unbedingt aufbrechen, ihre Eltern würden sich sonst sorgen. Aber Anja, mit deren kleinem Auto sie hierhergekommen waren, wollte noch bleiben. Erik sprang auf und sagte, er müsse ohnehin beim Tierarzt vorbeischauen, er würde Moira bis Grävenwiesbach bringen, das sei kein großer Umweg. Von dort könnte sie dann mit der Regional- und S-Bahn nach Frankfurt zurückfahren. Alle waren einverstanden, und endlich hatten Erik und Moira die erste Gelegenheit, miteinander allein zu sein. Während er lässig den Wagen lenkte, schaute er sie immer wieder an, und sie erwiderte seine Blicke, die in ihrem Oberbauch ein Beben auslösten. Sie verabredeten sich, trafen sich danach mehrere Male, und nachdem sie sich ein paar Wochen kannten, verlobten sie sich heimlich und stellten ihre Eltern vor fast vollendete Tatsachen. In beiden Familien löste dieses übereilte Versprechen viel Ablehnung und Kopfschütteln aus. Gegen den Willen ihrer und Eriks Eltern zog Moira zu ihm – sie waren Träumer und dickköpfig obendrein. Seltsamerweise ließen Hermann und Rosi es geschehen, obwohl sie beide dagegen waren. Es schien wie ein Experiment oder Lehrstück, um Erik vorzuführen, wie schnell es fehlschlagen mußte, davon waren sie fest überzeugt. Hätte Moira Erik nicht kennengelernt, sondern ihr Abitur gemacht, würde sie jetzt Biologie oder Pharmazie studieren. Ihre Eltern, vor allem ihr Vater, hatten es sich so vorgestellt, denn Moira beschäftigte sich schon seit ihrem zwölften Lebensjahr leidenschaftlich mit Gewächsen aller Art. Sie kannte die meisten einheimischen Pflanzen und Pilze mit Namen, sammelte und trocknete alles, was ihr interessant und selten erschien, oder bestimmte die ihr unbekannten Pflanzen anhand von Nachschlagewerken. Tatsächlich ging an ihr eine Wissenschaftlerin verloren, denn sie besaß die nötige Neugier und Ausdauer. Ihr Vater hatte ihr schon als Mädchen den Beinamen Fräulein Doktor angehängt, sie war sein ganzer Stolz und hatte seine Erwartungen mit dem Abbruch ihres Abiturs schwer enttäuscht. Seit Moiras Auszug hatte er kein Wort mehr mit seiner jüngsten Tochter gesprochen. Der Kontakt zu ihren Eltern war überaus spärlich, nur selten telefonierte Moira mit ihrer Mutter oder ihren Schwestern. Ihre Familie hatte noch nicht einmal den kleinen Paul gesehen, obwohl er bereits neun Monate alt war, dafür gab es jedoch verschiedene Gründe.
Moira zog die Nase hoch. Während sie den Kuchenteig anrührte, sah sie Harry durch das Küchenfenster Richtung Koppel trotten, beladen mit verschiedenen Werkzeugen, um den Zaun endlich auszubessern, wie der Alte es vorhin angeordnet hatte. Seit Tagen rissen sich die Pferde an den scharfen Kanten der provisorisch eingesetzten Eisenpfähle die Flanken und Bäuche auf. Für die groben Arbeiten auf dem Hof war Harry zuständig, er schlachtete das Vieh, wenn Hermann es nicht selbst tat, und tötete die jungen Katzen, sobald sie in ihren Verstecken gefunden wurden. Holzhacken, dem Schmied zur Hand gehen, die schweren Geräte aus dem Schuppen holen, das waren seine Aufgaben, und Harry erfüllte sie. Lieber war es ihm allerdings, mit dem kleinen Paul im Kinderwagen über die Wiesen in den Wald zu rumpeln. Das übernahm er freiwillig mit Vergnügen, er liebte seinen Neffen, und Moira vertraute ihm, denn bei Harry wußte sie ihr Kind gut behütet. Wenn sein Onkel mit ihm über die Waldwege gondelte, schien Paul die seligsten Träume zu haben oder jauchzte vor Glück.
Sie stellte den Kuchen in den Backofen, dann holte sie den schlafenden Jungen aus dem Bett und legte ihn behutsam in den Kinderwagen, damit er im Garten frische Luft bekam. Nachdem Moira ihren Sohn dem Schatten des Apfelbaums anvertraut hatte, begutachtete sie die Beete, das heranwachsende Gemüse, den Salat, den Spargel. Dann schaute sie auf die blühenden Obstbäume und auf die dahinterliegenden Koppeln, wo zwölf Pferde weideten, blickte Richtung Wald, in dem der Alte vorhin verschwunden war. Inzwischen kannte sie seine Wege und hoffte, er würde so bald nicht wieder auftauchen. Jetzt durfte Moira die Sonne auf ihrer winterblassen Haut spüren und den Vogelstimmen zuhören. Sie wandte sich um und betrachtete die dicken Knospen der Rosen vor dem Haus, direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster. Erst gestern hatte sie die Erde nochmals aufgelockert und die Blüten der Gloria Dei gezählt. Sechzehn waren es, und das hatte sie mit Freude erfüllt. Im letzten Herbst hatte sie die verwilderten Rosenbüsche beschnitten, in diesem Frühling dankten sie es ihr. Sofort bemerkte sie die abgeknickten Blätter und Knospen, sie sah die Fußspuren im Beet, die keinesfalls von Pferden, Rehen oder Wildschweinen stammten – Erik hatte recht gehabt. Neben dem Luftschacht in der Hausmauer, der die Fußbodendielen belüftete, damit sie nicht faulten, weil das Haus an dieser Stelle nicht unterkellert war, entdeckte sie Asche. Zigarrenasche, die nur von Hermann stammen konnte. Sie beugte sich hinab und fand unter den Blättern der Maiglöckchen zwei ausgeglühte Zigarrenstummel. Wie schon gestern nacht wurde sie wieder wütend, ihr Herz begann, aufgeregt zu klopfen. Er hat es wirklich getan, dachte sie. Er hat hier, unter unserem Schlafzimmerfenster gesessen – und nicht nur einen Augenblick, sondern ziemlich lange. Der Alte hatte sie und Erik erst getäuscht und dann belauscht, dabei waren sie sich sicher gewesen, allein zu sein. Harry war gestern abend unterwegs in Weilmünster, Usingen oder Wetzlar in irgendeiner Disko, denn Freitag abends, wenn er die Pferde versorgt hatte, war für ihn feiern angesagt. Gäbe es Paulchen nicht, wäre sie gern einmal mitgefahren, Moira tanzte für ihr Leben gern, aber Erik verweigerte es ihr. Er fand tanzen albern, eine Disko aufzusuchen war unter seinem Niveau und nur etwas für Trottel, die im Leben keine Aufgabe hatten, behauptete er.
Gestern abend glaubten sie, der Alte sei ebenfalls unterwegs. Erik hatte gesehen, wie er mit seinem Wagen vom Hof fuhr. Und so ergriffen sie die wunderbar seltene Gelegenheit und liebten sich ausgiebig, ohne auf andere Hausbewohner Rücksicht nehmen zu müssen. Irgendwann, während Erik nicht ablassen konnte, die zarten Innenseiten ihrer Schenkel zu erkunden, hielt er inne und flüsterte, sie möge ganz still sein, wie versteinert lauschte er plötzlich in die Dunkelheit.
Was ist los? wollte Moira wissen.
Hast du es nicht gesehen?
Was denn?
Den Lichtschein?
Welchen Lichtschein?
Draußen, vor dem Fenster. Ich dachte, ein Licht wäre angegangen, und ich hab auch etwas gehört. Ein Rascheln, vielleicht ein Feuerzeug, ich weiß nicht, Moira.
Quatsch, wer sollte das sein?
Erik schwieg, aber Moira ließ nicht locker.
Sag schon.
Der Alte, flüsterte Erik zurück. Er sitzt da draußen, vor den Belüftungssteinen, und er kann jedes Wort, jedes Geräusch hören.
Das glaube ich nicht.
Er hat es schon öfter getan.
Das heißt, murmelte Moira, er sitzt jetzt da und …?
Still, sagte Erik, legte ihr schützend die flache Hand auf den Mund, drückte Moira sanft ins Kissen zurück und deckte sie fürsorglich zu.
Aber er ist doch weggefahren.
Wir reden morgen, hauchte Erik. Schlaf jetzt.
Natürlich konnte Moira nicht schlafen, sie war viel zu empört und aufgewühlt. Am liebsten wäre sie aufgestanden, um aus dem Fenster zu schauen, doch das traute sie sich nicht. Sie wollte nicht glauben, daß der Alte sie im Bett belauschte, was hatte das für einen Sinn? Einige Zeit später hörten sie Hermann mit dem Auto zurückkehren, sahen den Lichtschein der Scheinwerfer an der Zimmerdecke, vernahmen seine Schritte schon im Haus, wie er die Türen öffnete, die große Küche und ihr Wohnzimmer durchquerte. Noch während sie sich fragten, weshalb er versuchte, sie zu täuschen, indem er irgendwo das Auto abstellte und zu Fuß zum Haus zurückschlich, um heimlich zu lauschen, riß er ohne Ankündigung ihre Schlafzimmertür auf. Beide schreckten hoch, Moira umklammerte die Bettdecke und hielt sie schützend vor ihren nackten Körper. Hermanns Silhouette füllte beinahe den Türrahmen aus, die Zigarre in seinem Mund glimmte in der Dunkelheit.
Sag Harry, er soll morgen früh zuerst den Wallach longieren, schmiß er seinen Befehl in das dunkle Schlafzimmer.
Ja, klar, antwortete Erik verängstigt und pflichtschuldig.
Eigentlich hätte er den Alten aus seinem Schlafzimmer schmeißen müssen, aber dazu fehlte ihm der Mut. Er kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, was dann geschehen würde, schon als Kind hatte Erik sich ihm ausgeliefert gefühlt.
Raus, zischte Moira plötzlich, und Erik zuckte zusammen. Raus aus unserem Schlafzimmer. Es reicht jetzt!
Sie war über ihre Worte selbst erschrocken, doch sie standen im Raum, genauso wahrhaftig wie der Alte selbst. Es vergingen zehn bedrohliche Sekunden, und es war so still, daß sie Paul, der auch in ihrem Zimmer schlief, atmen hörten, zum Glück war er nicht aufgewacht. Seltsamerweise erwiderte Hermann nichts, wahrscheinlich hatte er nicht mit Moiras Aufbegehren gerechnet, das hatte sie schon einmal gewagt, und es war ihr nicht gut bekommen. Erik stockte der Atem, er hatte wahnsinnige Angst vor dem, was jetzt passieren mußte. Aber er würde Moira beschützen, und wenn sein Vater ihm sämtliche Rippen brach. Niemand, außer seiner Mutter, hatte sich je getraut, den Alten in seine Grenzen zu weisen, noch dazu in seinem eigenen Haus – dafür hatte Rosi einen hohen Preis bezahlen müssen. Hermann schloß die Tür, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Mit rasendem Herzklopfen hatten Moira und Erik im Bett gesessen und gewartet, ob der Alte noch einmal zurückkehrte und was dann geschehen würde. Erik traute ihm alles zu, er kannte ihn und wußte, wozu er fähig war, und er befürchtete, Hermann könnte mit seiner Pistole zurückkehren.
Es blieb still, wider Erwarten kam der Alte nicht noch einmal zurück. Moira und Erik rauchten im Dunkeln noch eine Zigarette, ohne miteinander sprechen oder einschlafen zu können. Als Moira nach Eriks kalter Hand faßte, spürte sie sein Zittern. Es wäre nicht das erste Mal, daß Hermann Erik wutschnaubend an den Haaren aus dem Bett zerrte, hinüber ins Wohnzimmer schleifte, um ihm dann die Pistole an die Schläfe zu halten oder in den Mund zu stecken, aus einer unergründlichen Laune heraus, ihm zu zeigen, was er in der Legion gelernt hatte. Danach konnte Erik seine Haare büschelweise aufklauben. Erst kurz bevor es hell zu werden begann, waren beide vor Erschöpfung in einen leichten Dämmerschlaf gesunken, zwei Stunden später waren sie wieder aufgestanden, Paul und die Tiere wollten versorgt werden.
Während das Geschehen der gestrigen Nacht noch einmal vor Moiras innerem Auge vorbeizog, rannen ihr die Angsttränen über die Wangen. Die Worte waren ihr herausgerutscht, sie konnte sie nicht zurückholen. Wie sollte sie Erik und sich selbst vor Hermann schützen? Und sie mußten sich doch schützen, oder? Sie konnte doch nicht alles, was Hermann tat, schweigend hinnehmen oder über sich ergehen lassen, etwas mußte geschehen. Die Frage war nur, was? Diese Bespitzelung wollte sie nicht länger ertragen, wie konnte Hermann so etwas tun und vor allem warum? Jetzt hörte sie ihren Sohn im Wagen schreien, rasch wischte sie sich die Tränen ab und lief zu ihm hinüber, um ihn zu beruhigen, bevor Ajax, ihr Wachhund, laut bellend in sein Geschrei einstimmen würde. Sobald der Kleine weinte, schlug Ajax an, und sein Gebell bekam ein Echo, das sich weithin im Tal ausbreitete und vom Wald zurückgeworfen wurde. Als Paul aus dem Wagen gehoben wurde, beruhigte er sich sofort, Moira küßte ihn zärtlich und sprach sanft auf ihn ein. Die Pferde auf der Koppel wieherten, Ajax blaffte zweimal kurz auf. Zufällig blickte sie Richtung Wald und sah erstaunt, wie Erik geradezu panikartig über die Wiesen zum Weg rannte, der vor dem Bach am Waldrand entlangführte. Leise, damit Paulchen nicht erschrak, rief sie ihm hinterher, natürlich hörte er sie nicht. Verwundert legte sie das Kind zurück in den Wagen und ging ins Haus, um nach dem Kuchen im Backofen zu sehen und den Kaffee aufzusetzen. Sie strich ihr kurzes, braunes Haar aus dem Gesicht, blieb einen Moment in der Waschküche stehen und betrachtete sich in dem schadhaften Spiegel, der über dem großen Spülstein hing. Nach Pauls Geburt hatte sie abgenommen, jetzt wog sie noch 45 Kilogramm, ihr Gesicht war schmal und blaß. Die dunklen Augen starrten sie wie aus Höhlen an, sie gefiel sich nicht mehr. Außerdem blühten jetzt ihre Sommersprossen auf, die sie noch nie gemocht hatte. Sie konnte ihre Angst sehen, die Angst vor dem Alten und vor dem, was werden würde, wenn er … Dieser Gedanke wurde von einem dumpfen, trockenen Knall zerrissen, der von weit her zum Hof heranschwappte.
Seltsam, dachte sie, es war doch Schonzeit.
Abrupt wandte sie sich vom Spiegel ab und öffnete die ewig klemmende Küchentür, die auf dem Terrazzoboden ein kreischendes Geräusch verursachte, Moira bekam eine Gänsehaut. Sie fragte sich, wohin Erik gerannt und was das für ein Schuß war.
Alles wird gut, sagte sie leise zu sich selbst und sah nach dem Kuchen, der ihr goldbraun entgegenduftete.
Eine dreiviertel Stunde später wurde die Küchentür aufgerissen, Moira erschrak. Völlig außer Atem, verschwitzt und mit einem vorwurfsvollen Blick, stand Erik vor ihr. Seine Ader, die senkrecht über die Stirn verlief, war herausgetreten, was immer dann geschah, wenn er sich anstrengte oder angespannt war.
Wo warst du? schrie er sie fast an.
Hier, was ist denn los?
Ich habe dich gesucht.
Warum, ich war doch hier, Erik. Was hast du?
Scheiße, gut.
Kannst du mir erklären, was du meinst? fragte Moira gereizt.
Vorhin dachte ich, sagte Erik noch außer Atem, ich hätte dich mit dem Alten im Auto wegfahren sehen.
Wie kommst du auf die Idee? Der ist doch mit Fee unterwegs zu den Wiesen, und sein Auto steht in der Scheune. Das weißt du doch.
Schon, aber ich hatte Angst, wegen gestern. Ich traue ihm alles zu, sagte Erik und sank kraftlos auf einen Stuhl. Er hätte auch zurückkommen können und … Er brach den Satz ab, denn er konnte es nicht aussprechen.
Ich hab gerufen, sagte sie, aber du hast mich nicht gehört.
Ich dachte … keuchte Erik.
Was?
Letzte Nacht hat der Alte ja auch so getan, als sei er mit dem Auto weggefahren. Er hätte uns heute genausogut vortäuschen können, er sei mit Fee unterwegs, und hätte dann ungesehen zurückkommen können.
Und wozu? fragte Moira irritiert.
Wegen dir, murmelte Erik und schaute zu Boden. Harry ist ja draußen auf der Koppel, und als ich zu ihm gehen wollte, sah ich auf dem Weg, der am Bach entlangführt, ein Auto fahren. Ich hätte schwören können, er war es und hat dich mitgenommen. Ich hatte wahnsinnige Angst, er tut dir was an, weil du ihn gestern rausgeschmissen hast.
Hör auf, sagte sie entsetzt, ihr Magen zog sich zusammen, denn Eriks Vorstellung kam ihren eigenen Befürchtungen bedrohlich nahe. Schon seit längerem begleiteten Moira ähnliche Gedanken, obwohl sie immer wieder versuchte, sie als unsinnig von sich zu weisen. Manchmal kam Hermann mittags aus Usingen nach Hause, dann war Moira allein mit ihm, und sie fürchtete sich davor. Schon einige Male hatte sie überlegt, ob und wo sie sich mit Paul vor ihm verstecken sollte, doch sie hatte keinen sicheren Ort gefunden, nicht einmal in der Scheune oder oben auf dem Dachboden, wo die ehemaligen Kinderzimmer waren und Harry noch immer hauste. Der Alte würde sie suchen und finden, sie hatte diesen Gedanken aufgegeben, es hatte gar keinen Sinn. Also wartete sie, bis er zu ihr in die Küche kam, gutgelaunt, die Zigarre im Maul. Machst du Kaffee? – und Moira kochte türkischen, wie er ihn am liebsten mochte, setzte sich zu ihm an den Küchentisch, und er begann zu reden. Das tat er gern, wenn er mit Moira allein war. Komisch, dachte sie, denn ihr fiel plötzlich ein, er hatte eigentlich immer gute Laune, wenn er allein mit ihr beim Kaffee saß. Er tat dann so, als verstünden sie sich prächtig, und erzählte ihr Geschichten von früher, sprach von seinen Eltern und von Rosi und behauptete, er liebe sie in Wirklichkeit noch immer, was Moira nach all dem, was sie miterlebt hatte, kaum glauben konnte. Hin und wieder hatte der Alte ihr ins Gewissen geredet, sie sei zwar ein intelligentes Mädchen, aber nicht für das Leben auf einem Bauernhof geeignet, und sie solle Erik nicht unglücklich machen. Das würde er nicht verkraften, denn Erik sei ein sensibler Mensch. Erik würde den Hof erben, und später sollte Paul genau wie Erik ein erfolgreicher Springreiter werden und den Hof weiterführen. Er würde ihm kleine Reitstiefel und einen Kindersattel anfertigen lassen, er versprach, seinem Enkel ein Pferd zu schenken, wie er auch Erik als Kind ein Pferd geschenkt hatte. Moira saß da, hörte ihm zu und wußte nicht, was sie davon halten sollte. Waren es nun Versprechungen oder gut verpackte Drohungen?
Tu das nie wieder, bitte, bat Erik sie.
Was denn? Moira schreckte aus ihren Gedanken.
Du weißt schon, sagte Erik.