Wolfswahn - Melanie Vogltanz - E-Book
Beschreibung

Wien im Jahr 1921: Nach Jahren ohne Kontakt findet Dante seinen Schöpfer Alfio in einer Wiener Irrenanstalt wieder. Der Hemykin Alfio hat jegliche Erinnerung an sein altes Leben verloren, sogar seine eigenen Fähigkeiten sind ihm fremd geworden. Was ihm seit ihrer Trennung widerfahren ist, das kann er nicht sagen. Das einzige Indiz: eine ominöse Tätowierung auf seinem Arm. Gemeinsam mit einer Expertin für Unsterblichenkrankheiten suchen die beiden Wolfswandler nach Alfios verlorener Vergangenheit und decken dabei Ungeheuerliches auf. Am Ende muss Alfio sich nicht nur seinem größten Feind, sondern auch seinem schlimmsten Albtraum stellen. Die Zeit der Flucht ist endgültig vorüber!   Lesen Sie weitere Teile der Reihe Schwarzes Blut. Alle Romane sind voneinander unabhängig lesbar: - Maleficus - Mortalitas - Munditia - Wolfswille - Wolfswut - Wolfswahn

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:532

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Darum geht es in diesem Buch:

Wien im Jahr 1921: Nach Jahren ohne Kontakt findet Dante seinen Schöpfer Alfio in einer Wiener Irrenanstalt wieder. Der Hemykin Alfio hat jegliche Erinnerung an sein altes Leben verloren, sogar seine eigenen Fähigkeiten sind ihm fremd geworden. Was ihm seit ihrer Trennung widerfahren ist, das kann er nicht sagen. Das einzige Indiz: eine ominöse Tätowierung auf seinem Arm. Gemeinsam mit einer Expertin für Unsterblichenkrankheiten suchen die beiden Wolfswandler nach Alfios verlorener Vergangenheit und decken dabei Ungeheuerliches auf. Am Ende muss Alfio sich nicht nur seinem größten Feind, sondern auch seinem schlimmsten Albtraum stellen. Die Zeit der Flucht ist endgültig vorüber!

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design

ISBN 978-3-94952-336-0

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Wolfswahn (Schwarzes Blut VI)
Inhalt
Impressum
Damals …
Buch 1
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Buch 2
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Buch 3
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Epilog
Melanie Vogltanz
Danksagungen

Damals …

New Orleans, Louisiana, Vereinigte Staaten von Amerika, 1909 n. Chr.

Seite an Seite gingen sie die Straße Richtung Port Nola hinunter. Als Alfio Dante vor einigen Tagen von seinem Entschluss erzählt hatte, Semjon Jaroslawitch aufzusuchen, unter der Hitze der prasselnden Flammen, die den Leichnam seines Dieners verzehrten, da hatte er nicht überrascht gewirkt. Es war der einzige Weg, und Dante wusste das. Der kapitale Blutsauger wollte ihn sehen, und Alfio würde ihm das Treffen nicht länger verweigern. Doch wenn sie aufeinandertrafen, würde es zu Alfios Bedingungen geschehen, nicht zu denen des alten Strigois. Er würde ihm nicht als sein Gefangener gegenübertreten, sondern als Ebenbürtiger.

»Hier sind Funars Reiseunterlagen.« Dante reichte Alfio ein schweres, dickes Kuvert aus teuer aussehendem Papier. Es war nicht verschlossen.

Alfio warf einen Blick hinein, blätterte durch die Fahrpläne und Billets. »Das sind viele Transportmittel.«

»Es ist ein weiter Weg.«

»Die Fahrkarten gelten nur für eine Person. Du begleitest mich nicht?«

»Mein Weg ist ein anderer. Ich hätte niemals fortgehen dürfen, das ist mir jetzt klar. Das Wiedersehen mit dir hat viele Wunden aufgerissen, aber es hat mir auch etwas Bedeutendes klargemacht: Ich bin dir schon jetzt ähnlicher, als ich jemals sein wollte. Das muss ein Ende haben. Ich will deine Fehler nicht wiederholen.«

Alfio nahm es nicht persönlich. »Eine weise Entscheidung.«

Unvermittelt wurde Dantes Stimme eindringlicher: »Es ist noch nicht zu spät, Alfio. Du kannst immer noch mit mir kommen. Zurück nach London. Zurück zu Shannon.«

Alfio schüttelte den Kopf. »Du weißt, dass das nicht geht.«

»Natürlich nicht«, gab Dante bitter zurück. »Der weiße Wolf muss rennen. Vorwärts, nie zurück. Selbst wenn seine Beine gebrochen sind, muss er rennen, darf niemals stehen bleiben.«

»Es ist anders diesmal.«

Zu seiner Überraschung nickte Dante. »Ich weiß. Diesmal läufst du nicht vor etwas davon. Du läufst auf etwas zu. Stellst dich deinen Ängsten.« Er blickte Alfio ernst in die Augen.

»Ich hoffe, sie brechen dir nicht das Genick.«­­­­­­­

1. Buch:

Verirrt

Flieht auch manche Illusion,

die dir einst dein Herz erfreut,

gibt der Wein dir Tröstung schon

durch Vergessenheit!

Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.

»Die Fledermaus«, Johann Strauss

I

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, 12.03.1921

Die meisten unserer Patienten sind uninteressant. Wahn ist nicht kreativ, er ist vorhersehbar, ein Netzwerk wiederkehrender Muster wie in einem kundig gefertigten elektrischen Kreislauf. Manchmal allerdings, in vielleicht einem von hundert Fällen, begegnet man einem Patienten, der … interessant ist. Unvorhersehbar und undurchschaubar. Ein Enigma.

Nummer 62 ist ein solcher Patient. Er wurde vor einer Woche aus der Heilanstalt B. überführt. Seine Akte ist mager, es mangelt ihr an jeglicher persönlichen Information, ja, sie enthält nicht einmal seinen Namen. Das Personal in B. taufte ihn Weiß, eine Bezeichnung, die sich angesichts seiner Mähne ungezähmten schlohweißen Haares und seiner milchblassen Haut geradezu aufdrängt. Nummer 62 alias Weiß ist von imposanter Gestalt, ein Riese von über zwei Metern Körpergröße mit sehnigen Muskeln und einem schmalen, aristokratisch geschnittenen Gesicht, wie ein Wesen aus einer finsteren Fabel. Sein ungewöhnliches Erscheinungsbild hebt ihn sichtbar von den übrigen Patienten ab, allerdings würde das allein ihn noch nicht zu einem außergewöhnlichen Fall erklären. Sein psychisches Profil ist es, das ihn wahrhaft faszinierend macht.

Die Diagnose der Kollegen in B. lautet Amnesie, was den akuten Mangel an Informationen über den Patienten erklärt. 62 erinnert sich weder an seinen Namen noch an seine Herkunft. Es ist davon auszugehen, dass er kein gebürtiger Österreicher ist, denn sofern er überhaupt spricht, ist sein Deutsch durch einen nicht näher festzumachenden Akzent gefärbt. Möglicherweise aufgrund der Sprachbarriere ist 62 überaus unkommunikativ und wortkarg. In der Woche, die er sich nun bereits in dieser Einrichtung aufhält, hat er zusammengenommen kaum zehn Worte gesprochen. Dies gilt allerdings ausschließlich für den wachen Zustand. Seine Nächte hingegen sind hochaktiv.

Nummer 62 alias Weiß redet im Schlaf. Bislang war noch nicht festzustellen, ob es sich um Kauderwelsch oder eine tatsächliche Sprache handelt. Einer der Wärter war der Ansicht, Rhythmus und Sprachmelodie von seiner Zeit an der Isonzo-Front wiedererkannt zu haben, und behauptete, Weiß spreche Italienisch. Dies würde sich auch mit dem Verdacht einiger Kollegen decken, dass es sich bei Weiß um einen verirrten Kriegsgefangenen handle, der aufgrund seines Gedächtnisverlustes im Feindesland strandete. Kurz darauf erklärte der Wärter allerdings, er habe sich geirrt, er habe einen Kollegen gebeten, der die Sprache beherrscht, sich das Gebrabbel von Nummer 62 anzuhören, und der habe kein Wort davon verstanden. Es ist daher anzunehmen, dass es sich nur um sinnleere Silben handelt. Überaus bedauerlich, denn bestimmt wäre Weiß redseliger, würde man ihn in seiner eigenen Muttersprache adressieren.

Seiner Akte ist zu entnehmen, dass Nummer 62 zusätzlich zu seiner Amnesie an ausgeprägten Wahnvorstellungen leidet. Welcher Art diese Wahnvorstellungen sind, ist nicht vermerkt. Unser eigenes Personal konnte dergleichen bislang nicht beobachten, was allerdings nicht Weiß´ geistiger Gesundheit, sondern vielmehr dem Fehlen von Äußerungen jeglicher Art geschuldet ist, seien sie rational oder wahnhaft. Den Großteil des Tages verbringt er in einem Zustand der Katatonie, er interagiert weder mit Mitpatienten noch mit dem medizinischen Personal, es sei denn, er wird dazu genötigt. Das Pflegepersonal behauptet, er würde jegliche Nahrung verweigern. Unnötig hinzuzufügen, dass das medizinisch gesehen ausgeschlossen ist, andernfalls hätte er die vergangenen sieben Tage schwerlich überlebt. Festzuhalten ist jedoch, dass ihn bislang noch niemand bei der Nahrungsaufnahme beobachtet hat, was bei der engmaschigen Überwachung, die wir ihm auf meine Anordnung hin angedeihen lassen, durchaus bemerkenswert ist.

Anders als die meisten Patienten auf seiner Station ist Nummer 62 ein Quell des Gleichmuts. Während die übrigen Kranken, nicht wenige davon Zitterer und Hysteriker, leicht zu erregen sind, verliert Weiß niemals die Beherrschung. Selbst auf offene Provokationen und Handgreiflichkeiten anderer Patienten reagiert er mit Indifferenz. In dieser Hinsicht widerspricht er klar dem Krankheitsbild eines typischen Kriegsnervösen. Noch gilt es herauszufinden, ob dieses Verhalten auf seine Persönlichkeit oder vielmehr auf das Fehlen einer solchen (aufgrund eines Hirnschadens) zurückzuführen ist. Es gibt keine äußeren Anzeichen einer Schädelfraktur oder sonstiger Traumata, auch keine potenziellen Kriegsverletzungen, lediglich einige uralte, fast verblasste Narben, bei denen es sich um Messerstiche oder Bisse handeln könnte. Außerdem prangt auf seinem Unterarm eine ausgebleichte, wenig fachkundig gestochene Tätowierung, die ein bauchiges Symbol darstellt. Je nach Winkel der Betrachtung sind unterschiedliche Interpretationen möglich, es könnte sich um einen Huf oder um den Buchstaben D handeln, ein Halbmond oder die Zahl 0 lägen ebenfalls im Bereich des Möglichen. An mir nagt das intensive Gefühl, dass diese Tätowierung von Bedeutung ist, doch bislang war es mir nicht möglich, anhand des Zeichens irgendwelche Rückschlüsse auf Weiß´ Herkunft zu ziehen; das Symbol ist innerhalb des Pflegepersonals gänzlich unbekannt.

Bei Patient 62 zeigen sich weder Tremor noch Paralysen. Er ist, abgesehen von seiner psychischen Indisposition, in geradezu bemerkenswerter gesundheitlicher Verfassung. Kann er also überhaupt Kriegsdienst geleistet haben? Ist er womöglich ein Deserteur? Oder war er untauglich für den Dienst aufgrund seiner psychischen Störung? Ich habe mehrere Briefe nach B. geschrieben, um zu ermitteln, unter welchen Umständen Weiß in das Institut überstellt wurde, bislang allerdings keine Antwort erhalten.

Das Personal hat weiterhin Anweisung, mir über jeden ungewöhnlichen Zwischenfall betreffend 62 Bericht zu erstatten. Allein, wir stochern im Dunkeln.

———

Wien, 25.03.1921

Geschätzter Kollege,

verbindlichsten Dank für die Zusendung des Nachtschlafprotokolls Ihres Patienten Nummer 62. Die Konsultation mehrerer kompetenter Kollegen brachte Klarheit und ermöglichte eine Aufschlüsselung des hochinteressanten Materials. Offenbar handelt es sich nicht um eine Sprache, derer Ihr Patient sich im Schlaf bedient, sondern um eine Vielzahl von Sprachen. Die phonetische Schreibweise erschwerte ein Entziffern des Gehalts, doch in Zusammenarbeit gelang es uns, das Protokoll in eine angemessene Form zu bringen (im Anhang zu Ihrer Begutachtung die bereinigte Version). Wie Sie dem beigelegten Dokument entnehmen können, machten wir folgende Sprachen aus: Englisch, Französisch, Italienisch, Tschechisch, Ungarisch, Russisch und Latein. Eine weitere Sprache konnten wir noch nicht näher identifizieren, es ist jedoch anzunehmen, dass es sich um eine Art Ureinwohnerdialekt handelt. Davon gibt es zahlreiche und nur eine verschwindend geringe Anzahl an Schriftzeugnissen, was eine nähere Bestimmung verkompliziert.

Sie schrieben, die Herkunft Ihres Patienten sei ungeklärt. Bedauerlicherweise sind wir mit dem vorliegenden Material nicht in der Lage, die Unklarheiten diesbezüglich auszuräumen. Es kann lediglich festgehalten werden, dass ein solches Ausmaß von Polylingualität bemerkenswert ist. Viele hochgebildete und lange studierte Kollegen äußerten sich neidvoll über die Sprachfähigkeiten Ihres Patienten.

Mein bescheidener Vorschlag für die weitere Vorgehensweise in dieser Causa: Beschaffen Sie sich kompetente Nutzer der betreffenden Sprachen und testen Sie sie der Reihe nach durch, um zu sehen, auf welche Ihr Patient am besten anspricht.

Unterrichten Sie mich umgehend, sollten Sie in dieser Angelegenheit zu neuen Erkenntnissen gelangen.

Hochachtungsvoll,

Prof. Dr. Heinrich Scheib

Universität Wien

———

Gesprächsprotokoll

Station 4

Patientennummer: 62

Patientenname: »Weiß«

Datum: 04.04.1921

Zuständiger Arzt: Dr. Manfred Grauner

Sachverständige: J. Hilling, Dr. T. Vakov, P. Rathmann

Frage: Wie heißen Sie?

Weiß: Ich weiß nicht.

F: Woher kommen Sie?

W: Ich weiß nicht.

F: Wissen Sie, wo Sie sind?

W: … Gefängnis.

F: Sie sind in einer Anstalt für psychisch Kranke. Wissen Sie, warum Sie hier sind?

W: Krank.

F: Ja, Sie sind krank. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?

W: Der Wolf. Der Wolf.

F: Ist Wolf ein Name?

W: gibt keine Antwort.

F: Haben Sie Familie?

W: Ich weiß nicht.

F: Haben Sie im Krieg gedient? Waren Sie an der Front? Für welche Seite haben Sie gekämpft?

W: Ich weiß nicht.

F: Wurden Sie verwundet?

W: unverständlich

F: Können Sie das wiederholen?

W: Der Wolf.

F: Erzählen Sie mir mehr über den Wolf. Wurden Sie von einem Tier angegriffen?

W: Das Tier …

F: Der Wolf ist ein Tier?

W: Der Wolf ist eine Bestie.

F: Wie meinen Sie das?

W: gibt keine Antwort.

Kommentar des behandelnden Arztes: Die Fragen wurden von den hinzugezogenen Sachverständigen auf Deutsch, Ungarisch, Französisch, Italienisch, Tschechisch, Englisch und Russisch gestellt, was keine relevante Variation in Ws Antworten erbrachte. Festzuhalten ist, dass W. in der Tat jede der Sprachen verstand und, im Rahmen seiner geistigen Möglichkeiten, schlüssige und grammatikalisch korrekte Antworten gab. Dies schließt den Erklärungsansatz aus, dass er im Schlaf lediglich memorierte Sprachfetzen reproduziert. Auch ist nach diesem Gespräch fraglich, ob Ws Mangel an Kommunikationsbereitschaft fehlendem Sprachverständnis anzukreiden ist.

W. reagierte ungewöhnlich emotional auf den Klang des Russischen, allerdings nicht, wie erhofft, im positiven Sinne, sondern mit einer für den Patienten atypischen Gereiztheit. Die Sitzung wurde daraufhin abgebrochen und W. wurden drei Einheiten Morphium verabreicht.

———

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, 18.04.1921

Der Zustand von Patient Nummer 62 ist unverändert. Meine Bemühungen, Informationen über die Umstände seiner Aufnahme von den Kollegen in B. zu beziehen, bleiben fruchtlos. Anders als bei unserem eigenen Institut handelt es sich bei B. um eine private Einrichtung, jemand muss also für Weiß die Rechnungen beglichen haben. Aber das Personal der Anstalt weigert sich, Auskunft darüber zu geben, wer die Kosten für Weiß´ Behandlung und Unterkunft übernommen hat, obwohl ich mehrmals darauf hingewiesen habe, dass diese Informationen für den Heilprozess meines Patienten unabdinglich seien. Ebenfalls verweigerte man mir die Auskunft darüber, wer Weiß´ Verlegung initiierte und weswegen.

Nachdem mehrere Briefe unbeantwortet geblieben waren, rief ich schließlich persönlich in B. an und ließ mich mit dem Leiter der Anstalt verbinden. Von diesem wurde mir auf den Kopf zugesagt, ich solle mich nicht in die Angelegenheiten seiner Einrichtung einmischen, er wisse ohnehin, dass Patienten in unserem Institut lediglich bis zu ihrem Exitus verwahrt würden und von Behandlung oder gar Heilung keine Rede sein könne, meine impertinenten Fragen seien also eindeutig nicht meiner Sorge um meinen Patienten geschuldet, sondern allein meiner persönlichen und indiskreten Neugier. Er drohte mir ernstliche Konsequenzen an, sollte ich diese Neugier nicht zukünftig in Zaum halten. Ehe ich mich ausreichend fassen konnte, um eine Antwort auf diese Frechheiten zu formulieren, hängte er auf.

Diese Beleidigung konnte ich selbstverständlich nicht auf sich beruhen lassen. Ich tauschte mich mit mehreren Kollegen meiner Fachrichtung aus und berichtete, auf welch empörende Weise ich behandelt worden war. So erfuhr ich, dass die Einrichtung wohl einen überaus suspekten Ruf genoss. Offenbar hatten bereits mehrere Kollegen ähnliche Erfahrungen mit B. gemacht wie ich. Neben der Unwilligkeit, Informationen über Patienten herauszugeben, mit der ich selbst schon Erfahrung gemacht hatte, berichtete man mir ferner von großen Summen, die in B. verschwanden, sowie von einem undurchsichtigen Aufnahmeprozedere und offensichtlich gefälschten Studien. Die Leitung in B. wechselt regelmäßig, die Geldgeber und Entscheidungsträger hinter dem Institut halten sich im Dunkeln. Je tiefer ich grabe, desto mehr Ungereimtheiten decke ich auf. Patienten, Ärzte, Personal, Gelder … B. verschluckt alles und breitet den Mantel des Schweigens darüber.

Heute Morgen lag ein Brief auf meinem Schreibtisch. Der Umschlag war völlig blank, ohne Namen oder Adresse eines Absenders. Das einzelne Blatt darin war maschinenbeschrieben und enthielt nur eine Zeile:

Dies ist Ihre letzte Warnung. Zügeln Sie ihre Neugier oder tragen Sie die Konsequenzen.

Keine Unterschrift – natürlich nicht –, und als ich meine Schreibkraft auf die Korrespondenz ansprach, behauptete sie, mir heute noch keine Post gebracht zu haben, sie wisse nicht, wie der Brief in mein Büro gelangt sei. Dennoch kann es keinen Zweifel geben, wem ich diesen charmanten Gruß zu verdanken habe.

Wenn die Anstaltsleitung von B. denkt, mich so leicht einschüchtern zu können, irrt sie sich. Mein Interesse ist nun erst richtig geweckt.

———

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, Datum 01.05.1921

Keine erkennbaren Fortschritte bei der Behandlung von Patient Nummer 62. Weiß ist lethargisch wie eh und je, seine Träume nach wie vor lebhaft. Wir sind dazu übergegangen, seine nächtlichen Äußerungen mit dem Phonographen aufzuzeichnen, in der Hoffnung, dadurch an brauchbare Informationen zu gelangen, aber die Übersetzung ist selbst in Zusammenarbeit mit der Universität mühselig und zeitaufwendig, das Ergebnis wenig aussagekräftig. Auch im Schlaf spricht Weiß vom »Wolf«, vom »Tier«, von der »Bestie« – Topoi, die wir bislang nicht zu entschlüsseln imstande waren. Die Möglichkeit ist nicht auszuschließen, dass wir es nur mit bedeutungslosen Wahnideen zu tun haben, die uns keinerlei Aufschluss über seine Person oder gar die Umstände in B. geben können.

Ein weiteres wiederkehrendes Wort ist detvora, der russische Begriff für »Kinder«. Hat 62 Familie? Um das herauszufinden, haben wir vergangene Woche eine Anzeige in einer regionalen Zeitung mit einer Fotografie und der Bitte um Informationen geschaltet. Sollte ihn jemand erkennen und Kontakt mit ihm aufnehmen wollen, wird die Person sich bei uns melden. Allerdings ist es nach dem Stand unserer aktuellen Erkenntnisse unwahrscheinlich, dass Weiß´ Familie sich in Wien aufhält; ebenfalls ist nicht gesichert, ob etwaige Familie überhaupt Bedarf an einer Wiedervereinigung sieht. Vielleicht wurde Weiß nach B. abgeschoben, nachdem seine psychische Indisposition nicht mehr zu verstecken war, aus Scham vor dem Auge der Öffentlichkeit verborgen. So ergeht es nach wie vor vielen Patienten mit Geistesstörungen, es ist nur naheliegend, dass Nummer 62 in diesem Fall keine Ausnahme bildet.

Das Pflegepersonal berichtete wiederholt von der Sichtung eines großen Tieres auf dem Klinikgelände, wahrscheinlich ein streunender Hund. Die Patienten sind beunruhigt. Sie haben Weiß´ Reden vom Wolf aufgeschnappt und befürchten wohl, er könnte sie holen kommen wie im Märchen. Der Tierfänger wurde verständigt, wurde aber auf dem Gelände nicht fündig und zog unverrichteter Dinge wieder ab.

———

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, 14.05.1921

Empörend! Eben ertappte ich R., einen langjährigen Wärter auf dieser Station, der mein vollstes Vertrauen und das des Anstaltsleiters genoss, beim handschriftlichen Kopieren vertraulicher Patientenakten. Die betreffende Akte gehörte natürlich zu Patient Nummer 62. Was schreibe ich, natürlich? Natürlich oder selbstverständlich ist nichts an dieser Angelegenheit, Frage häuft sich auf Frage, Mysterium auf Mysterium.

Trotz der Weigerung R.s, irgendetwas zuzugeben, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei ihm um die undichte Stelle handelt, die B. über mein Tun in Kenntnis setzte. R. muss auch für den anonymen Drohbrief verantwortlich gewesen sein, den ich auf meinem Schreibtisch vorfand. Dass es sich bei dem Überbringer dieser unerfreulichen Botschaft um einen Eingeweihten handelte, vermutete ich bereits. Doch welche neuen Erkenntnisse habe ich dadurch gewonnen?

R. kam nicht mit Weiß in dieser Anstalt an. Bedeutet das, dass er nachträglich infiltriert wurde? Oder wurde er bereits vorsorglich eingeschleust, Jahre vor der Verlegung von Nummer 62? R. verweigerte uns die Antworten auf diese Fragen.

Bei seiner Befragung fiel mir zum ersten Mal die verblasste Tätowierung an seinem Unterarm auf. Die Entdeckung jagte mir kalte Schauer über den Rücken, denn es handelte sich um dasselbe Zeichen wie jenes auf dem Unterarm von Weiß. Was aber bedeutet es? Auch dazu gab R. keine Auskunft.

»Ich nehme an, Sie werden mir erneut eine geschmacklose Warnung zukommen lassen?«, sagte ich, als klar wurde, dass dem Verräter keine Information abzupressen war.

»Zu spät«, behauptete er. »Sie hatten Ihre Warnungen. Nun erfolgt die Strafe.« Dabei grinste er, was bei mir ernste Zweifel über seinen eigenen Geisteszustand aufkommen ließ.

Die Polizei weigerte sich, R. in Gewahrsam zu nehmen; es läge keine Straftat vor. Doch ich weigere mich, ihn einfach so entwischen zu lassen.

Er hat die Antworten. Ich muss sie nur aus ihm herausholen.

———

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, 18.05.1921

Ich habe eine große Torheit begangen.

Nach der fruchtlosen Befragung des Verräters R. teilte ich der Anstaltsleitung mit, ich hätte ihn unehrenhaft entlassen und vor die Tür begleitet. Das war eine Lüge. R. hat das Klinikgelände in den vergangenen Tagen nicht verlassen. Ich katalogisierte ihn als Patient Nummer 63 und teilte ihm ein Bett zu. Im Kliniknachthemd und nach der einen oder anderen Dosis Morphium unterschied er sich nicht mehr sonderlich von den übrigen Insassen, und das Personal, das den Mann als ehemaligen Kollegen kannte, war leicht zum Schweigen zu bringen. Das Gehalt eines Wärters ist nicht besonders hoch, die meisten von ihnen sind dankbar für jede Möglichkeit, ihren Verdienst aufzubessern. Ironisch, wenn man bedenkt, dass R.s Verrat wohl aus ähnlichen Gründen seinen Anfang genommen hat.

Trotzdem vertraute ich keinem der Wärter genug, um ihn an den weiteren Befragungen R.s teilhaben zu lassen. Ich erspare mir eine genaue Beschreibung dieser Unterhaltungen. Sollten diese Aufzeichnungen je in die falschen Hände gelangen, diskreditiert mich die bisherige Schilderung bereits genug. Doch so viel sei gesagt: R. grinste nicht länger. Was noch viel wichtiger ist: R. schwieg nicht länger. Es war harte Arbeit, doch schließlich gab er mir einen Namen: Semjon Jaroslawitch. Russisch, wenn mich nicht alles täuscht. Allmählich fügen sich die einzelnen Teile zu einem Bild zusammen. Ich bin nur noch nicht sicher, was es darstellt.

Gewiss hätte ich ihm noch weitere Informationen abringen können, weitere Namen, Details, doch unglücklicherweise ist R. nicht mehr in der Lage, irgendetwas von seinem Wissen preiszugeben. Heute Morgen wurde er vom Personal tot in seinem Zimmer aufgefunden. Die körperlichen Anzeichen weisen auf eine Morphiumüberdosis hin. Vielleicht gelang es ihm trotz Schwäche und Drogenrausch, sich seines Wissens als ehemaliger Wärter zu besinnen und sich das Mittel zu beschaffen, doch ich bezweifle es. Ich denke, er hatte Hilfe.

Es war ein großer Fehler zu glauben, dass R.s Verrat ein Einzelfall war. Wie viele Mitglieder des Personals sind bereits infiltriert? Kann ich überhaupt noch jemandem trauen?

Ein weit größeres Problem, das sich mir nun stellt: Was tun mit der Leiche? Offiziell hat Patient Nummer 63 niemals existiert. Kann man den Tod von jemandem bekanntgeben, der nie wirklich gelebt hat? Es ist die Anstaltsleitung, die neue Patienten aufnimmt. Bei einer näheren Untersuchung, und die wird ein unvorhergesehener Todesfall nach sich ziehen, wird auffallen, dass etwas mit diesem Insassen nicht stimmt. Die offiziellen Wege sind zu riskant, also muss ich mich der sterblichen Überreste auf andere Weise entledigen. Noch gestern hätte ich mich dabei hilfesuchend an einen meiner Untergebenen gewandt, aber das wage ich nun nicht mehr. Ich traue ihnen nicht, keinem von ihnen. Je weniger sie über diese Angelegenheit wissen, desto sicherer ist es für mich.

Was also tun? Die Leiche hinausschaffen? Und dann? In der Welt außerhalb der Anstaltsmauern bin ich nur ein einfacher Mensch, der Gerichtsbarkeit hilflos ausgeliefert. Auf meiner Station bin ich mächtiger, sicherer. Ich muss den Körper hier entsorgen, und ich muss es allein tun.

Das sollte nicht allzu schwierig sein. Es gibt genügend Chemikalien, die Kochschinken schmelzen lassen wie Butter in der Sonne.

———

Sehr geehrter Herr Dr. Grauner,

uns wurden diverse Beschwerden über die Leitung Ihrer Station zugetragen. Einige der Ihnen unterstellten Mitarbeiter zweifeln offensichtlich an Ihrer Eignung, die Ihnen anvertrauten Insassen weiterhin angemessen zu betreuen. Besonders Ihre Fixierung auf einen einzelnen Patienten, während so viele Ihrer Aufmerksamkeit bedürfen, wurde mehrfach kritisch erwähnt. Das Personal hat daher von uns das Zugeständnis erhalten, Ihre Anweisungen bezüglich der Beobachtung des betreffenden Patienten nach eigenem Ermessen zu ignorieren, sollten ihre Kräfte an anderer Stelle dringlicher benötigt werden.

Wir selbst beobachteten mit Missbilligung die horrenden Ausgaben, die Sie in den vergangenen Wochen getätigt haben und in keiner Weise zu rechtfertigen wussten. Der fahrlässige Umgang mit den Geldmitteln in einer Zeit wie dieser ist keinesfalls zu dulden.

Betrachten Sie dies als Ihre offizielle Warnung. Sollte sich keine baldige Besserung Ihrer Führungsqualitäten einstellen, sehen wir uns gezwungen, Ihre Stellung anderweitig zu besetzen.

Für die Anstaltsleitung

Dr. Friedrich Jotta

———

Journal von Dr. Manfred Grauner

Nervenheilanstalt Rosenhügel, 25.05.1921

Die Patienten spüren, dass etwas nicht stimmt. Die Station gleicht einem Affenhaus: wildes Gekreisch und fliegende Exkremente. Die Wärter sind überfordert, manche erscheinen nicht mehr zur Arbeit. Ich kann mich nicht darum kümmern. Es gibt so viel Wichtigeres, das meiner Aufmerksamkeit bedarf.

Weiß ist der Einzige, der ruhig bleibt. Alle sind irrsinnig vor Furcht, aber er nicht. Nicht er. Er weiß, was kommt.

Und ich … weiß es auch.

Der Wolf. Ich habe ihn gesehen. Das Tier, das auf dem Anstaltsgelände herumschleicht. Es ist kein Hund. Ich bin nicht einmal sicher, ob es ein Tier ist.

Es beobachtet mich. Belauert mich. Gelbe Augen wie Eiter. Pelz wie Staubgespinst. Kein Tier, ein Geist. Ein Dämon. D wie Dämon. Ich habe die Zeichen gesehen, wenn auch nicht gleich verstanden. Aber jetzt verstehe ich. Jetzt sehe ich. Zuerst hat er Weiß´ Verstand gestohlen, nun ist er hinter meinem her. Aber mich wird er nicht in die Knie zwingen. Mich nicht.

Ich werde ihn fangen. Ihn zähmen.

Ich habe die Station seit Tagen nicht verlassen. Wann habe ich zuletzt geschlafen? Ich entsinne mich nicht. Nacht für Nacht sitze ich an Weiß´ Bett. Ich kann den Aufnahmen des Phonographen nicht trauen. Aufnahmen kann man manipulieren, so viel einfacher als Menschen, und ich muss hören, was Weiß zu sagen hat. Die Worte, die er im Schlaf stöhnt, sind eine Botschaft an mich. All die Sprachen, hinter denen er sich versteckt, sind nur Maskerade, eine billige Ablenkung, damit wir die Wahrheit nicht erkennen. Aber ich werde die Botschaft entschlüsseln.

Wolf.

Wolf.

Wolf.

Immer wieder Wolf.

Heute Nacht habe ich ihn wachgerüttelt. Habe von ihm eine Antwort verlangt, eine Erklärung. Der Wolf ist ihm gefolgt, hierher. Er hat ihn zu uns geführt. Er ist uns die Antwort schuldig. Zumindest das. Zumindest das! Was will der Wolf? Was will er von uns? Ich habe ihm die Frage ins Gesicht geschrien, immer wieder, bis ein Wärter kam und mich von ihm fortzog.

Weiß starrte nur. Starrte nur.

Und sagte ein Wort.

Manchmal ist ein Wort genug.

Manchmal ist ein Wort zu viel.

Er sagte: »Fressen.«

II

Jetzt …

Wien, Republik Österreich, 1921 n. Chr.

Etwas hatte Weiß geweckt. Kein Geräusch. Eine Präsenz. Er setzte sich in seinem Bett auf. Der alte Mann im weißen Kittel saß auf einem Stuhl, wie immer. Manchmal starrte er ihn an, wenn er aufwachte, ein durchdringender Blick aus fiebrig glänzenden Augen. Öfter jedoch schlief er, wie jetzt, zusammengesunken in seinem Stuhl, von Erschöpfung übermannt. Es war ihm lieber, wenn der alte Mann schlief, denn dann konnte er ihm keine Fragen stellen – Fragen, auf die Weiß keine Antworten wusste, egal, wie oft er sie wiederholte. Der alte Mann verstand nicht, dass Weiß keine Antworten hatte, auch dann nicht, wenn er ihm Gift durch die Adern jagte oder ihn in Eiswasser tauchte oder ihm Strom ins Fleisch trieb, wenn er ihn schlug und anschrie, bettelte und flehte. Er verstand nicht, dass man nichts hervorholen konnte, das nicht da war.

In ihm war nichts mehr. Seine Träume zeigten ihm, dass das nicht immer so gewesen war, dass da einmal ein Leben gewesen war, aber er konnte die Bilder nach dem Erwachen nicht festhalten.

So wie jetzt.

Es war nicht die Gegenwart des alten Mannes, die Weiß aus dem Schlaf gerissen hatte.

Sein Blick wanderte weiter, heftete sich auf die andere Person im Raum – die Person, die nicht dort hingehörte. Sie trug keinen Kittel, auch kein Nachthemd. Das war ungewöhnlich.

»Es tut so gut, dich wiederzusehen«, sagte der Fremde. Er sprach Englisch – nicht das falsche, akzentuierte Englisch der alten Männer im Kittel, die versuchten, etwas zu sein, das sie nicht waren, sondern echt. Vertraut?

Weiß betrachtete ihn unverwandt – das aschgraue Haar, die gelben Augen. »Ich glaube, ich habe von dir geträumt«, sagte er in derselben Sprache.

»Ich habe auch von dir geträumt. Viele Male. Grässliche Träume. Sie wurden dir nicht gerecht.« Der Fremde warf einen Blick auf den alten Mann. »Er schläft sehr tief, doch wir sollten uns dennoch nicht zu lange Zeit lassen. Den Wärter draußen musste ich ausschalten, sein Kollege wird bald von seinem Rundgang zurückkehren. Bis dahin sollten wir verschwunden sein.«

Der Fremde wartete vergeblich auf eine Antwort. Als er keine bekam, trat er ans Bett heran. »Komm. Gehen wir dorthin, wo man die Sterne sieht.«

Der Grauhaarige legte sich einen seiner Arme um die Schulter und zog ihn hoch. Weiß, der es gewohnt war, von einem Ort zum anderen gezogen zu werden, ließ sich gehorsam auf die Beine hieven. Kopfschüttelnd betrachtete der Fremde ihn, als er vor ihm stand wie ein mechanisches Spielzeug, das darauf wartete, von einer Kinderhand aufgezogen zu werden. »Ich habe bereits befürchtet, dass es schlimm sein würde, aber das …« Er brach ab, straffte sich sichtlich. »Ich möchte, dass du mir folgst, und du musst es leise tun. Kannst du das?«

Weiß schwieg.

Der Fremde schien das als Bestätigung zu nehmen. »Ich hoffe es für dich. Los, gehen wir.«

Gehorsam folgte er dem Grauhaarigen durch die Station. Die Insassen schliefen tief und fest, dafür hatten die Wärter gesorgt. Die letzten Tage waren überaus turbulent gewesen, und die Glasspritzen mit dem müde machenden Medikament, das auch Weiß selbst schon das eine oder andere Mal zu spüren bekommen hatte, waren häufiger zum Einsatz gekommen als üblich. Doch selbst, wenn sie nicht geschlafen hätten, wären die Türen der einzelnen Zimmer über Nacht verschlossen gewesen. Nur seine eigene Tür blieb offen, seit der alte Mann im weißen Kittel ihm des Nachts Gesellschaft leistete.

Auch die Tür, an der die Station endete, war üblicherweise abgesperrt. Doch für den Fremden war das kein Hindernis. Er förderte einen Schlüsselbund zutage und sperrte auf. Ein langer Gang nahm sie auf, der nur von wenigen gedimmten Gaslampen erhellt wurde. Ringsum zweigten mehrere Türen ab, hinter denen Weiß leise Geräusche wahrnehmen konnte – ein Atmen und Seufzen, ein Rascheln und Rekeln. Geräusche von unruhigem Schlaf und ungeduldig Wartenden.

Weiß folgte dem Fremden zu einer großen, doppelflügeligen Tür, die er bislang erst ein einziges Mal gesehen hatte: als man ihn hergebracht hatte, vor einer langen, unendlich langen Zeit. Dann waren sie im Freien.

Der Fremde hatte ihn belogen. Weiß konnte die Sterne nicht sehen, nur einen tiefschwarzen Himmel, über den sich substanzreiche Wolken schoben. Es war kühl. Da wurde ihm klar, dass er weder Schuhe noch Hose trug, nur ein dünnes Leinennachthemd, das ihm gerade einmal bis zum Schienbein reichte.

Eisern schweigend gab der Fremde den Weg vor. Erst im Schutz einer Allee stramm stehender Eichenbäume, weit entfernt von den trutzenden Mauern des Anstaltsgebäudes, blieb er stehen und wandte sich ihm wieder zu.

»Du bist frei. Ich weiß nicht, wie lange du in dieser Hölle zugebracht hast, aber jetzt ist es vorbei.« Er bückte sich vor einem der Bäume, holte eine Tasche hervor, die er offenbar dort unter einer Schicht von Laub und Rindenmulch verborgen hatte. Darin befanden sich ein Bündel Kleider, Schuhe und …

»Ich nehme an, das hier wirst du am dringendsten brauchen. Wenn du mich schon nicht erkennst … das hier wirst du erkennen.« Der Grauhaarige hantierte mit einem Streichholz, dann drückte er Weiß einen qualmenden Gegenstand in die Hände.

Automatisch schloss er die Finger darum. Es handelte sich um eine Pfeife, wie der alte Mann im Kittel sie manchmal paffte. Das Kraut in der Brennkammer allerdings roch anders – schärfer.

Sein Blick glitt gleichgültig von dem Gegenstand ab, verlor sich wieder in der Schwärze des Himmels. Das schmale hölzerne Mundstück hing unbeachtet zwischen seinen Fingern.

Zum ersten Mal zeichnete sich auf dem Gesicht des Fremden ehrliches Entsetzen ab. »Mein Gott, Alfio. Was haben sie dir angetan?«

Damals …

Prag, Böhmen 1909 n. Chr.

Alfio zog am Mundstück, genoss das Gefühl, mit dem der schwere Rauch seine Lunge füllte, hielt ihn für einige Sekunden dort. Sein Blick schweifte über den geschäftigen Bahnhof. Er zählte.

Drei. Nein, halt. Vier. Der Mann im schäbigen Rock, der an der unverputzten Ziegelmauer lehnte und seine Zeitung schon seit zehn Minuten nicht umgeblättert hatte, gehörte offensichtlich dazu. Also vier Männer, an strategisch günstigen Positionen des Bahngleises postiert, um sicherzustellen, dass kein auffälliger Passagier ihrer Aufmerksamkeit entging. Einer rauchte eine Zigarette nach der anderen und wirkte augenscheinlich nervös, der zweite blickte immer wieder auf seine Taschenuhr und der dritte drehte schon die fünfte Runde, vom Bahnsteig zum Bahnhofsausgang und wieder zurück, jedes Mal im selben gemächlichen Tempo, das ihn deutlich von den übrigen geschäftigen Reisenden abhob, die ihre Koffer gar nicht schnell genug von einem Punkt der Welt zum anderen tragen konnten.

Am verräterischsten jedoch: Alle vier hatten kein Gepäck. Man belädt sich nicht mit zusätzlichem Ballast, wenn man einen Gefangenen eskortieren soll.

Alfio ließ den scharfen Opiumqualm durch die Nase entweichen. Tat so, als würde er seine Aufmerksamkeit dem gefalteten Fahrplan in seinem Schoß widmen – nur ein weiterer Reisender, der auf seinen Anschlusszug wartet.

Hatten sie ihn bereits entdeckt? Alfio war sich nicht sicher. Schon als er vor einer Woche nach der Überquerung des Atlantischen Ozeans im französischen Hafen von Brest vor Anker gegangen war, hatte er sich um eine oberflächliche Verkleidung bemüht: Sein weißes, langes Haar war mit einem Haarband zusammengefasst und unter einer Mütze verborgen, seine Reisekleidung war alltagstauglich und unauffällig. Die Eigenschaft, die ihn am stärksten auszeichnete, nämlich seine überdurchschnittliche Körpergröße von über sieben Fuß, konnte er allerdings nicht kaschieren. Deswegen hatte er sich, nachdem er vor mittlerweile fünfzehn Minuten den Zug im Prager Bahnhof verlassen hatte, gleich auf einer der für müde Reisende bereitstehenden Bänke niedergelassen. Von hier aus konnte er sich nicht nur bequem einen Überblick über die Lage verschaffen, im Sitzen würde auch seine Größe nicht auffallen.

Aber all diese Vorsichtsmaßnahmen verschafften ihm nur ein paar zusätzliche Minuten zum Nachdenken. Noch weniger, wenn einer der Männer unsterbliches Blut in sich trug. Der Rauch seiner Pfeife kaschierte Alfios nicht-menschliche Witterung vorübergehend , doch er konnte sie nicht ewig am Brennen halten. Sollte es auch nicht. Für das, was er vorhatte, brauchte er einen einigermaßen klaren Kopf.

Er wurde erwartet, das war sein größtes Problem. Semjon Jaroslawitch wusste, dass Alfio in diesen Zug nach Prag gestiegen war, immerhin hatte er die Reisekosten übernommen. Allerdings dachte er, Alfio käme als Gefangener nach Böhmen, in Begleitung einer seiner Handlanger und unter Einfluss einer stark suggestiven Droge, die ihn gefügig machen sollte wie einen Schoßhund. Das war sein Irrtum; die sterblichen Überreste des Handlangers hatte Alfio vor Wochen unter der brütenden Sonne Louisianas den Flammen übergeben, die Droge war schon lange aus seinem Organismus gewaschen. Die geplante Reise hatte er dennoch angetreten. Semjon Jaroslawitch, unter Unsterblichen zu Recht als »Djávol« – Teufel – bekannt, hatte große Anstrengungen unternommen, Alfio lebendig zu fassen. Und Alfio wollte wissen, warum.

Allmählich wurden die Männer unruhig. Der Bahnsteig begann sich zu leeren, und immer noch zeigte sich ihr Kontaktmann nicht. Alfio bemerkte, wie der Mann mit der Zeitung nach etwas unter seinem Mantel tastete. Also bewaffnet, wahrscheinlich mit einem Revolver. Die übrigen auch? Das würde eine direkte Auseinandersetzung gefährlicher und erheblich schmutziger machen.

Alfio lehnte sich zurück, ließ sich vom Rauch einnebeln. Spürte, wie seine Gedanken langsamer dahinglitten. Da blieb kaum Zeit für Sorgen. Als er aus dem Zug gestiegen war, hatte er kaum mehr klar denken können. Wochenlang war er gereist, hunderte Kilometer weit, auf engstem Raum mit Menschen zusammengepfercht, deren verlockender Puls an seinen Sinnen klopfte wie eine willige Geliebte an die Tür ihres Freiers. Der Wolf in ihm war ausgehungert, und auch das war ein Problem. In den vergangenen Jahrhunderten hatte Alfio gelernt, dem Tier in sich Freiraum zu geben, wenn es nach Freiraum verlangte, hatte sich der Jagd hingegeben, bevor er selbst Opfer seines Hungers geworden war. Doch das war auf dieser Reise nicht möglich gewesen. Er hatte einen Zeitplan einzuhalten gehabt, und der Wolf hielt sich nicht an Termine. Also hatte Alfio ihn gänzlich wegsperren müssen. Diese Zugfahrt war die schlimmste gewesen; im ersten Zug, auf der Strecke von Frankreich nach Preußen, hatte er das Drängen des Tieres noch mit Laudanum in Zaum halten können, doch die Flasche war irgendwo nahe den Alpen leer geworden. Auf den letzten hundert Kilometern, zwischen Preußen und Böhmen, hatte er nur noch seine Willensstärke gehabt. Und eine eiserne Reserve Opium, aufgespart für den äußersten Notfall, die nun in seiner Pfeife verpuffte.

Alfio hatte seit zwei Nächten nicht mehr geschlafen.

Knisternd verzehrte die Glut das letzte Kraut. Die Pfeife erlosch. Alfio klopfte die Brennkammer am Rand der Bank aus. Säuberte sie mit einem Taschentuch. Steckte die Pfeife in die Brusttasche seines Mantels. Warf einen Blick auf den Fahrplan. Erhob sich zu seiner vollen Größe von sieben Komma drei Fuß.

Es war schwierig, die Körpergröße von jemandem einzuschätzen, wenn man sie zu nichts in Relation setzen konnte. Der Bahnsteig war beinahe leer, somit gab es auch keine Menge, aus der Alfio hätte herausstechen können. Das bedeutete jedoch auch, dass er zurzeit das einzige bewegliche Objekt war, das die Aufmerksamkeit der Posten auf sich ziehen würde. Sie konnten ihn gar nicht übersehen. Das war in Ordnung, denn Alfio wollte nicht länger übersehen werden.

Als Alfio sich vom Bahnsteig entfernte, setzten sich zwei der vier Männer ebenfalls in Bewegung. Anstatt frontal auf ihn zuzuhalten, folgten sie ihm mit etwas Sicherheitsabstand über das Bahnhofsgelände. Die übrigen beiden verblieben auf ihrem Posten. Waren sie sich unsicher, ob es sich bei Alfio um ihre Zielperson handelte? Fürchteten sie die Konsequenzen, wenn sie sich entgegen ihren Anweisungen verhielten? Alfio konnte sich vorstellen, dass die unerwartete Situation äußerst verwirrend für sie war. Das hier hätte einfach für sie werden sollen, wenig Aufwand, um im Ansehen ihres Herrn erheblich zu steigen, und nun sahen sie sich einer Herausforderung gegenüber, auf die sie nicht vorbereitet und für die sie wahrscheinlich auch nicht ausgebildet worden waren. Selbstständige Entscheidungen zu treffen, gehörte mit Sicherheit nicht zu ihren Kernkompetenzen. Erschwerend hinzu kam, dass sie sich nicht untereinander austauschen konnten. Nicht unauffällig, nicht ohne sich zu verraten.

Ihre Verwirrung war Alfios Vorteil.

Er ließ sich in keiner Weise anmerken, dass er seine Schatten bemerkt hatte, und tat weiterhin so, als wäre er gänzlich in das Studieren des Fahrplans und der Bahnsteigbeschriftungen versunken. Er musste sich nicht nach seinen Verfolgern umsehen, um zu wissen, dass sie noch da waren; er hörte ihre Schritte, ihre Atmung, sogar das Pumpen ihrer Herzen – etwas zu schnell, um als normal durchzugehen. Er roch ihren Schweiß, roch ihre Unruhe.

Manchmal ist Schweiß so gehaltvoll, dass man den Unterschied zu Blut kaum schmeckt, wenn man ihn mit geschlossenen Augen von der Haut leckt.

Alfio rieb sich unwillig über das Gesicht. Das Opium hatte den Wolf in seine Schranken weisen sollen, aber es machte ihn auch müde – noch müder, als er ohnehin schon war. Und Müdigkeit konnte er sich im Moment nicht leisten. Mit purer Willensstärke zwang er die bleierne Schwere zurück, die sich in seinem Kopf breitmachen wollte.

Nach all den Wochen und zurückgelegten Kilometern durfte er jetzt nicht versagen.

Er steckte den Fahrplan weg und folgte der Bahnhofsbeschilderung in eine Bedürfnisanstalt. Dem Toilettenwärter, der sichtlich gelangweilt auf einem Stuhl gefläzt saß, warf er ein paar Münzen hin (nicht die hiesige Währung, aber das kümmerte den Wärter nicht; wahrscheinlich hätte er nicht einmal protestiert, hätte Alfio Knöpfe in die Schale geworfen, solange sie nur klimperten) und betrat den Raum mit den Pissoirs, der ihn mit seinem strengen, aber auch überaus menschlichen Geruch empfing.

Er positionierte sich mit dem Rücken zur Tür. Lange musste er nicht warten, da hörte er, wie sich die Tür öffnete. Hörte die Schritte von zwei eintretenden Personen. Hörte die Tür ins Schloss fallen. Hörte das Schlagen zweier Herzen, eine winzige Spur zu schnell.

Alfios Hoffnung erfüllte sich – die Verwirrung machte seine Verfolger unvorsichtig. Arglos wie blutige Anfänger waren sie direkt in seine Falle getappt.

In einer fließenden Bewegung wirbelte Alfio herum und brach dem, der sich leichtsinnig dicht an ihn herangewagt hatte, das Genick. Die Tat ging völlig lautlos vonstatten, ein tödlicher Tanzschritt, unzählige Male praktiziert. Reaktionsschnell fing Alfio die Leiche des Mannes auf und ließ sie fast sanft auf den Steinboden gleiten.

Der zweite Mann, die Augen geweitet, zog einen Revolver und richtete die Mündung auf Alfios Gesicht. Er stieß einige harsch klingende Worte hervor. Alfios Tschechischkenntnisse beschränkten sich auf ano (»ja«), ne (»nein«) und Já Vám nerozumím (»Ich verstehe Sie nicht«), doch sein Russisch war flüssig, und die Sprachen ähnelten sich genug, dass er die Essenz des Gesagten herausfiltern konnte: Sein Gegenüber wollte wissen, was Alfio hier tat und was mit Funar passiert war – dem Mann, in dessen Obhut Alfio sich eigentlich hätte befinden sollen.

Langsam hob Alfio beide Hände. Führte einen Finger in einer international verständlichen Geste seine Kehle entlang. Grinste entschuldigend.

Der andere erbleichte. Alfio nahm ihn ungewöhnlich intensiv wahr: rasant pochendes Herz, schweißnasse Finger, die den Revolvergriff nicht stabil halten konnten, rauschendes Blut, das sich durch zu enge Adern zwängte – Alfio schmeckte die Angst des anderen förmlich auf der Zunge. Bestimmt hatte er gehörigen Respekt vor Alfio, immerhin hatte sein Herr es für nötig befunden, vier seiner Leute zu schicken, um einen vermeintlich handlungsunfähigen Gefangenen zu überwachen. Wie sollte er ihm da im Alleingang das Wasser reichen können, wenn Alfio ihm bewusstseinsklar und im Vollbesitz seiner Kräfte gegenüberstand?

Der andere sprach erneut, ratternd und atemlos – Alfio verstand kein Wort.

Er unterbrach den Redeschwall seines Gegenübers mit einer bestimmten Geste. »Magyar? Russki? Deutsch?«, bot er an.

»Deutsch.« Die Stimme des anderen klang heiser. Ein Schweißtropfen perlte auf seiner Nasenspitze. Natürlich sprach er Deutsch, Alfio hätte es gleich wissen müssen. In Prag taten sie das alle.

»Die Pistole in deiner Hand: nur ein Spielzeug gegen mich. Das weißt du.« Es war einige Jahrhunderte her, seit Alfio Deutsch gesprochen hatte. Die harten Konsonanten radierten seinen Gaumen entlang, er gurgelte mit den Silben wie mit Kieseln. »Du kannst schießen, aber das wird dich nicht retten. Willst du leben? Dann sag mir, was ich wissen will.«

Der andere lachte auf. »Du drohst mir? Ich habe die Waffe und du hast nichts!«

»Dann schieß«, bot Alfio an, »und sieh, was passiert.«

Alfio pokerte hoch. Er war längst nicht so unverwundbar, wie er vorgab; eine gut platzierte Kugel in seinem Schädel würde ihn nicht töten, aber für lange Zeit außer Gefecht setzen. Wenn der andere sich von seiner Vernunft anstelle seiner Angst leiten ließ, würde er schießen – musste er schießen.

Er schoss nicht, hielt die Waffe umklammert wie einen Talisman.

Alfio spielte sein nächstes Blatt aus. »Ich biete dir einen Handel an. Das ist mehr, als dein Freund gekriegt hat.« Er deutete auf den Toten zwischen ihnen, dessen Kopf in einem unnatürlichen Winkel auf dem Hals saß, die leeren Augen auf sein eigenes Schulterblatt gerichtet.

»Du bist Abschaum. Nur ein Hund.« Der Finger des Tschechen spannte sich fester um den Abzug.

»Schieß«, wiederholte Alfio. »Wenn du genau triffst, hast du eine kleine Chance. Wenn nicht … hast du es wenigstens versucht. Besser ein toter Held als ein lebender Feigling, nicht wahr? Es sei denn, ich sorge dafür, dass deine Leiche nie gefunden wird. Was dann? Würden sie denken, du wärst geflohen? Hättest dich im Angesicht der Gefahr abgesetzt? Sterben ist tragisch. Umsonst sterben tragischer. Ist es das wirklich wert?«

Damit schien Alfio ihn tatsächlich zu erreichen. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich, seine Mundwinkel sackten herab, er schloss die Lider – zu lange für ein gewöhnliches Blinzeln. Er bewegte die Lippen kaum, als er sagte: »Wenn er es erfährt … wenn ich noch lebe und er erfährt, dass ich gegen seinen Willen gehandelt habe … Der Tod ist besser. Viel besser.«

»Du weißt, was ich bin, nicht wahr? Wozu ich fähig bin. Ich habe sehr lange gehungert. Es wird nicht so schnell gehen wie bei deinem Freund, und es wird längst nicht so schmerzlos sein.« Alfio wollte dem Mann Angst einjagen, doch noch während er die Worte aussprach, wurde ihm bewusst, dass er sie ernst meinte. Wenn erst Blut floss – seines oder das des anderen –, würde der Wolf sich nicht mehr von ihm bevormunden lassen. Zu wenig Opium, zu wenig Schlaf. Zu wenig Beute. Er würde den Mann in der Bedürfnisanstalt zerreißen, direkt zwischen den harnfleckigen Urinalen, und der Toilettenwärter würde nachsehen kommen, angelockt von den Schreien, und ebenfalls sterben.

»Was … was willst du?«, presste der Mann mit dem Revolver hervor. Er senkte die Waffe nicht, aber die Frage war ein Schritt in die richtige Richtung.

»Es ist sehr einfach«, behauptete Alfio. »Djávol möchte, dass ihr mich zu ihm bringt. Ich möchte zu ihm gebracht werden. Du missachtest seinen Auftrag nicht, und du rettest dein Leben. Das ist ein gutes Angebot, ein hervorragendes Angebot. Du wärst dumm, es auszuschlagen.«

Der Blick des anderen zuckte zu dem Toten auf dem Boden. Alfio wusste, dass Djávol bei seinen Handlangern ein Vier-Augen-System anwandte: lückenlose gegenseitige Überwachung, um absoluten Gehorsam zu garantieren. Alfio hatte dieses System zerstört, hatte zwei der vier Augen ausgestochen. Sein Partner konnte ihn nicht mehr denunzieren, konnte ihn nicht mehr ans Messer liefern.

»Du … willst gefangen genommen werden?«, versicherte er sich.

»Ich will wissen, wo Djávol sich verkrochen hat«, verbesserte Alfio. »Wo er sich aufhält. Ich will, dass du mich zu seinem Versteck bringst.«

»Das geht nicht.«

Ein Knurren entrang sich Alfios Brust. Nicht geplant, nicht berechnet, einfach da.

Doch es verfehlte seine Wirkung nicht. »Es geht nicht, weil ich sein Versteck nicht kenne«, sagte der andere hastig. »Kaum einer weiß, wo er lebt. Er ist vorsichtig.«

»Wohin sollt ihr mich bringen?«

»In eine Einrichtung nicht weit von hier.«

»Einrichtung bedeutet Gefängnis?«

Ein kurzes Zögern, vielleicht Indikator einer Lüge. Dann: »Ja.«

»Und danach?«

»Ich weiß es nicht«, versicherte er, und Alfio glaubte ihm. Semjon Jaroslawitch neigte nicht dazu, seine Untergebenen in seine Pläne einzuweihen.

»Bring mich hin«, sagte Alfio. »Bring mich zu dieser Einrichtung. Du kannst gegenüber den anderen behaupten, Funar hätte mich unterwegs verloren, du hättest mich verwirrt aufgegriffen, ich sei harmlos – noch immer unter dem Einfluss der Teufelsposaune.«

Alfio konnte im Gesicht des Tschechen lesen, dass er ernsthaft über sein Angebot nachdachte. Er wollte den einfachen Weg wählen, den Weg, der für ihn das geringste Risiko bedeutete, die geringste Abweichung von seinen Befehlen. Alfio war sicher, dass er einwilligen würde.

In dieser Sekunde öffnete sich die Tür zur Bedürfnisanstalt und ein Mann kam herein: untersetzt, rotwangig, Zylinder und Reisetasche, die fleischgewordene Harmlosigkeit.

Er sah den Toten auf dem Boden, sah den Mann mit der gezogenen Waffe – und schrie Zeter und Mordio. Instinktiv zuckte Alfio vorwärts.

Ein Schuss krachte, ein heißer Schmerz jagte durch seinen Körper. Der scharfe Gestank nach Pulver schwängerte den Raum.

Dann wusch eine Welle von pulsierendem Rot über Alfios Wahrnehmung hinweg und verschluckte alles andere.

Jetzt

Wien, Republik Österreich 1921 n. Chr.

Weiß saß mit seinem Befreier in einer winzigen Wohnung in einer Mietskaserne in der Nähe des Simmeringer Zentralfriedhofs. Vor dem Fenster streckte der Nebel seine feuchten Finger nach dem Feld aus Grabsteinen und marmornen Statuen aus.

Ein niedriger Tisch trennte sie, darauf stand eine Öllampe. Offenes Feuer. Der Grauhaarige hantierte viel mit offenem Feuer, etwas, das in Weiß´ bisherigem Leben strikt verboten gewesen war. In dem einzigen Leben, das er kannte – abgesehen natürlich von den Träumen.

Der Fremde hatte ihn im Schatten der Alleebäume angezogen, mit sehr viel mehr Geduld, als die Wärter jemals für ihn aufgebracht hatten. Die Schuhe an seinen Füßen beengten seine Zehen, und die Hose saß zu knapp und schnürte seine Hüfte ein. Trotzdem fühlte sich die Kleidung an seinem Körper gut an – als hätte er einen Teil seines Körpers zurückerhalten, von dem er bislang nicht einmal gewusst hatte, dass er ihm fehlte.

»Woran erinnerst du dich?«, fragte der Fremde, nachdem er ihn auf den mit abgewetztem Samt bezogenen Stuhl gesetzt hatte. »Kennst du denn wenigstens noch deinen Namen?«

»Sie nennen mich Weiß«, sagte Weiß.

Die Lippen des Grauhaarigen verzogen sich bitter. »Natürlich tun sie das. Aber dein Name ist nicht Weiß. Sondern Alfio. Erinnerst du dich an gar nichts?«

Weiß starrte in die zuckende Flamme. Er wollte sie berühren. Es war lange her, dass er irgendetwas hatte tun wollen. Er kannte nur den Wunsch, Dinge von sich zu stoßen – die Schmerzen, die Fragen, den Lärm. Aber nach etwas fassen? Sich auf etwas zubewegen, freiwillig?

Seine Hand hob sich langsam, wie in Trance. Er streckte die Finger nach dem Feuer aus.

Plötzlich schoss der Grauhaarige vor, packte sein Handgelenk. Sein Griff tat weh – und darin unterschied er sich in keiner Weise von den Wärtern und den Kitteln. Grob drehte er Weiß´ Arm nach außen, so dass die Tätowierung besser sichtbar war. »Woher hast du das?«, fuhr er ihn an. »Dieses Zeichen?«

Da waren sie wieder – die Fragen. Erst Schmerzen, dann Fragen. Genau wie in der Anstalt. Andere Kostüme, andere Darsteller, aber das Stück hatte sich nicht verändert.

Er kannte seinen Text. »Ich weiß es nicht.«

Unvermittelt ließ der Grauhaarige los. »Du hast ihn also gefunden«, sagte er düster. »Du hast ihn gefunden, dich ihm gestellt – und verloren.« Die Flamme der Öllampe zuckte, als er die Luft in einem schweren Seufzer ausstieß. »Um die Wahrheit zu sagen, ich habe nie erwartet, dass du in einer direkten Auseinandersetzung gegen ihn bestehen würdest. Nein, es überrascht mich nicht, dass du verloren hast. Mich überrascht, dass du verloren hast … und noch lebst.«

Weiß starrte an dem anderen vorbei an die Wand.

»Andererseits ist leben wohl ein äußerst dehnbarer Begriff«, fügte der Grauhaarige hinzu.

Weiß reagierte nicht. Er war es gewohnt, dass Menschen um ihn herum redeten, über ihn redeten, als sei er überhaupt nicht anwesend.

Aus seinem Rock holte der Grauhaarige eine Papiermappe hervor, die er zwischen ihnen auf den Tisch legte. Eine Nummer stand darauf: 62.

»Deine Akte«, erklärte er. »Ich habe sie mitgenommen. Was darin steht, gehört nicht diesen Irrenärzten. Es gehört auch nicht mir, sondern einzig und allein dir. Lies sie. Du entscheidest, was damit geschehen soll.«

Weiß´ Blick schnappte zurück zum Gesicht des anderen. Hatte er das richtig verstanden? Er sollte etwas entscheiden? Er durfte nie entscheiden – nicht wann er sich ins Bett legte oder aufstand, wann er seine Kleider wechselte, ein Bad nahm oder seine Notdurft verrichtete.

Der Grauhaarige wartete auf eine Antwort. Als er keine erhielt, stand er auf und wollte den Raum verlassen.

»Warte.« Weiß´ Stimme klang heiser. Wieder war es Englisch, das über seine Lippen quoll. Die Sprache des Fremden. Die Sprache der Träume.

Der Grauhaarige hielt inne.

»Sag mir …« Weiß fuhr sich mit der Zunge über die rissigen Lippen. Seine Mundhöhle war staubtrocken, seine Zunge ein pelziges Tier, das erschöpft aus seinem Rachen hing. »Sag mir deinen Namen.«

»Du solltest dich an ihn erinnern. Schließlich hast du ihn mir gegeben.« Der Grauhaarige verzog bitter die Lippen, wie über einen Witz, der sich nur ihm allein erschloss. »Dante. Ich heiße Dante.«

»Dante.« Die Silben fühlten sich vertraut an. Richtig. »Du kennst mich? Woher? Sind wir … Freunde?«

»Freunde?«, wiederholte Dante. Das Lächeln erstarb. »Mit Sicherheit nicht. Du, Alfio, hast keine Freunde, und das aus sehr gutem Grund.«

Seine harten Worte durchzuckten Weiß wie die Stromschläge der Pinselelektroden.

Der Grauhaarige deutete auf eine verblasste, hässliche Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog. »Das hast du mir angetan. Bei unserer letzten Begegnung, vor über zehn Jahren.«

»Du musst dich irren. Ich verletze niemanden. Niemals. Ich kenne keine Gewalt.« Es war mühselig, so viel zu sprechen, mühselig, die Worte zu finden und richtig anzuordnen. Doch es hatte auch einen belebenden Effekt auf ihn. Der graue Schleier, der über seinem Geist gelegen hatte, lichtete sich nach und nach.

Oder waren es die Medikamente, die ihre Wirkung verloren?

»Damals kanntest du sie«, behauptete Dante. »Und das ist noch lange nicht das Schlimmste, das du angerichtet hast. Du hast verstümmelt, gemetzelt, gemordet.«

»Im Krieg?«, fragte Weiß. Er hatte gehört, wie andere Insassen über den Krieg gesprochen hatten. Viele hatten gedient und waren als andere Menschen vom Feld zurückgekehrt. Die Zitterer, hatte der alte Mann im Kittel sie genannt, gebeutelt von einem Grauen, das sie auch Jahre später nicht aus ihrem Gedächtnis tilgen konnten. Nicht wenige von ihnen neideten es Weiß, dass seine Erinnerungen nur wenige Monate zurückreichten.

»Ich habe keine Ahnung, ob du je an der Front warst«, sagte Dante. »Du warst Krieg, schon lange bevor all diese Länder ihre Söhne zum Sterben ausschickten. Er zog in deinem Schatten, wo auch immer du deine Schritte setztest. Du warst Krieg und Verderben und Blut und Schmerz.«

Weiß starrte in die Flamme der Öllampe. Er erinnerte sich nicht, erinnerte sich an nichts davon. Doch es konnte nicht stimmen. Wenn er so ein Ungeheuer gewesen wäre, wie der andere behauptete, hätte er sich dann nicht gegen die Behandlung der Kittel gewehrt? Man konnte seinen Namen vergessen, seine Vergangenheit, doch niemals sein ganzes Wesen.

Oder etwa doch?

»Warum?«

»Warum?«, wiederholte Dante irritiert. »Du meinst, warum du getötet hast? Warum singen Vögel? Warum saugen Mücken Blut? Weil es in ihrer Natur liegt. Das war nun einmal deine Natur.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte Weiß.

Dante betrachtete ihn nachdenklich. »Ja. Jetzt nicht mehr«, räumte er schließlich ein. »Auch wenn du dir nicht wünschen solltest, dass diese Entwicklung von Dauer ist. Was bleibt von einem Vogel, der nicht mehr singen kann? Selbst ein eingesperrter Vogel ist besser dran als ein stummer.«

»Wenn stimmt, was du sagst«, brachte Weiß hervor, »und wir keine Freunde sind, ich dir sogar Schmerzen bereitet habe – wieso hilfst du mir dann? Wieso hast du mich aus der Anstalt befreit?«

»Weil ich eine Schuld zu begleichen habe«, erwiderte Dante. »Und weil Blut verbindet. Es ist manchmal fast lästig, wie sehr.« Anstatt diese letzte Bemerkung zu erklären, deutete er auf die Akte auf dem Tisch. »Lies. Ich bin in zwei Stunden zurück, höchstens drei. In der Zwischenzeit … streune nicht herum. Es war mühsam genug, dich zu finden, mir steht nicht der Sinn nach einer weiteren Suche.«

Zum ersten Mal sah Weiß sich in der Funktion des Fragestellers. Diese Position wollte er nicht so schnell wieder aufgeben. »Wo gehst du hin? Was hast du vor?«

»Ich bin sehr hungrig. Also gehe ich auf die Jagd.« Dantes gelbe Augen funkelten. »Vielleicht möchtest du mich ja lieber begleiten, anstatt zu lesen?«

»Ich … bin nicht sicher«, erwiderte Weiß wahrheitsgemäß. »Wonach jagst du?«

»Wenn du erst darüber nachdenken musst, ist diese Jagd nichts für dich.« Wirkte Dante enttäuscht? Es war schwer, in seinen vernarbten Zügen zu lesen, in denen Emotionen nur winzige Spuren von Bewegung hinterließen. Sein graues Gesicht war ebenso starr wie seine Augen lebendig.

Der Grauhaarige war schon fast durch die Tür, als Weiß fragte: »Jagst du Wölfe?«

Dante erstarrte, die Hand an der Klinke. »Wieso Wölfe?«

Die Rollen kehrten sich um, Fragesteller und Befragter fielen wieder auf ihre angestammten Plätze. Sofort flüchtete Weiß sich wieder in seine stoische Abwehrreaktion. »Ich weiß nicht.«

Doch so einfach ließ Dante sich nicht abwehren. Seine Augen hefteten sich auf die blasse Tätowierung an Weiß´ Unterarm. »Was weißt du noch über Wölfe?«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Schwachsinn!«, schnappte Dante. »Schließlich hast du selbst davon angefangen. An etwas scheinst du dich also zu erinnern.«

»Nein. Nein. Nein.« Stur schüttelte Weiß den Kopf.

»Was tut der Wolf dieser Tage, Alfio? Lässt er dir deinen Nachtschlaf? Trieb er dich nie gegen einen der Ärzte, gegen deine Mitinsassen? Zeigt er nicht länger seine Zähne?«

»Die Wärter sagen, es gibt keinen Wolf.« Weiß´ Stimme war nur ein Murmeln, bei dem er kaum die Lippen bewegte. Seine Finger fuhren durch sein langes, weißes Haar, wieder und wieder.

»Aber du weißt doch, dass sie lügen?«

»Lügen? Nein. Warum sollten sie? Sie haben recht. Da ist kein Wolf. Ich höre ihn nicht. Es fühlt sich an, als müsste ich etwas hören. Es fühlt sich falsch an. Als würde etwas fehlen, als wäre da ein Loch in mir, ein schwarzes, eiskaltes Loch. Die Wärter sagen, ich bin krank. Sehr krank.«

Mit versteinerter Miene nickte Dante. »Ja, du bist krank. Offenbar viel kränker, als ich für möglich hielt.«

»Du hast dir etwas davon versprochen, als du mich befreit hast.« Weiß konnte seinen Retter nicht mehr ansehen. Er hatte das furchtbare Gefühl, dass er die Bemerkung über die Wölfe für sich hätte behalten sollen. Schweigen war besser. Schweigen war immer besser. Doch nachdem er erst zu reden angefangen hatte, fiel es ihm erstaunlich schwer, wieder in den Zustand der Stille zurückzukehren. »Wir sind keine Freunde, sagst du, also war es kein Gefallen. Du wolltest, dass ich etwas für dich tue. Du dachtest, ich würde für dich töten. Ich soll Krieg für dich sein. Wie früher. Ist es nicht so?«

»Alfio …«

»Ist es nicht so?«, wiederholte Weiß lauter – so viel lauter, als er in der Anstalt je gesprochen hatte. Nicht einmal, als sie Dutzende Volt durch seinen Körper gejagt hatten, hatte er seine Stimme erhoben.

Dante blieb enervierend ruhig. »Ja. So der Plan.«

»Vielleicht hättest du mich nicht rausholen sollen«, flüsterte Weiß, den Blick auf die Hände in seinem Schoß gesenkt.

»Vielleicht nicht.«

»Wirst du mich zurückbringen? Zurück in die Anstalt?« Zu den Elektroschocks, den Spritzen, den Eisbädern? Den endlosen Fragen? Das sprach er nicht aus, doch es kam ihm vor, als würde Dante es trotzdem hören.

»Möchtest du denn zurück?«

Weiß zwang sich aufzusehen. »Ich würde alles tun – einfach alles –, um nicht wieder zurückzugehen. Auch töten, wenn das dein Preis ist.«

»Was soll ich mit einem kranken Kämpfer? Krank nützt du mir nichts.« Dantes Miene blieb unerbittlich.

Weiß öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Warum nur hatte er ihn je geöffnet? Nun würde der Grauhaarige ihn zurückbringen. Nachdem Weiß ein Stück Freiheit gekostet hatte, würden ihm die Ausmaße seines Gefängnisses so viel enger erscheinen.

Zumindest zu Anfang – bis er vergaß, wie Freiheit sich anfühlte. Das erschien ihm beinahe noch grausamer: dass er früher oder später vergessen würde, dass es noch etwas jenseits der vergitterten Fenster und versperrten Türen gab, jenseits des Spaliers weißgekleideter Gestalten. So, wie er es schon einmal vergessen hatte, vor langer, unendlich langer Zeit.

»Deswegen sollten wir alles unternehmen, um dich zu heilen«, fügte Dante hinzu.

Bevor die Bedeutung seiner Worte völlig in Weiß´ Bewusstsein vorgedrungen war, hatte Dante die Tür hinter sich zugeschlagen.

Weiß war allein.

In der Abwesenheit des Grauhaarigen tat Weiß, was er ihm geraten hatte: Er las seine Akte. Neben den teils handschriftlichen, teils maschinengeschriebenen Bemerkungen über ihn selbst fanden sich auch einige persönlichere Berichte des Arztes darin. Doch nichts in der Mappe gab ihm irgendeine Auskunft darüber, wer er vor seinem Aufenthalt in der Irrenanstalt gewesen war. Hätte Dante nicht behauptet, er würde ihn kennen, Weiß hätte glauben müssen, er wäre aus dem Nichts erschienen, einfach in die Welt gewachsen wie das daumengroße Kind in dem Märchen, das eine der freiwilligen Helferinnen in gestärkter Schwesterntracht den Insassen gerne vorlas.

Als Dante von seiner Jagd zurückkehrte, dämmerte der Morgen. Das Öl in der Lampe war aufgebraucht, die Flamme erloschen. Eine bleierne Müdigkeit hatte sich in Weiß´ Gliedern breitgemacht.

»Du sitzt ja noch immer hier«, stellte Dante fest. »Hast du dich überhaupt vom Fleck bewegt, seit ich gegangen bin?«

Weiß erwiderte seinen Blick nur schweigend.

Dante setzte sich ihm gegenüber. Ein seltsamer Geruch hing ihm an, der zuvor noch nicht dagewesen war, wild und schwer. Weiß bemerkte, dass er seinen Rock falsch zugeknöpft hatte. Für solche Details hatte er in der Anstalt ein Auge entwickelt, denn die Wärter wurden regelmäßig gerügt, wenn ihr Erscheinungsbild nicht makellos war.

»Hast du die Akte gelesen?«

Weiß nickte.

»Und etwas gefunden, das dir weiterhilft?«

»Ich bin nicht sicher, wonach ich suchen muss. Du weißt mehr über mich. Lies du sie.« Er schob ihm die Akte über den Tisch zu – wollte die Verantwortung von sich schieben, die viel schwerer auf ihm lastete, als er erwartet hatte.

Dante griff nicht danach. »Das kann ich nicht.«

»Natürlich kannst du. Es kümmert mich nicht, wenn du erfährst, was darinsteht. Ich … erlaube es.«

Dante schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich falsch, Alfio. Ich kann sie nicht lesen, weil ich es nicht kann. Ich kann nicht lesen. Habe es nie gelernt. Manche Wörter habe ich mir eingeprägt und erkenne sie wieder, aber zu mehr reicht es nicht.«

Weiß sah ihn perplex an. Manche der übrigen Insassen in der Anstalt waren nicht in der Lage, ihren Speichel zu schlucken oder ihren Urin bei sich zu behalten, doch alle von ihnen, die noch zu irgendeiner Form der Kommunikation fähig waren, konnten lesen.

»Nun sieh mich nicht an, als müsste ich mich wegen irgendetwas schämen«, sagte Dante unwillig. »Meine Prioritäten waren bislang einfach anders gelagert, das ist alles. Ich komme auch so hervorragend zurecht. Nun sag mir einfach, was du erfahren hast.«

Weiß nahm die Akte wieder an sich, rollte sie in seinem Schoß zusammen. »Da steht, dass sie nicht wissen, wer ich bin. Woher ich komme.«

»Unbedeutend. Weil ich es weiß. Sag mir nicht, was nicht darinsteht, sondern das, was darinsteht.«

»Ich spreche neun Sprachen.«

»Mehr, als ich dachte. Aber auch das ist nicht wichtig.«

»Die Nervenklinik, aus der du mich befreit hast, war nicht die erste Irrenanstalt, in der ich untergebracht war. Man hat mich verlegt, von … woanders.«

Nun war es ihm doch gelungen, Dantes Interesse zu wecken. »Tatsächlich? Und du wusstest das nicht?«

Weiß schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich an keine andere Anstalt. Nur an die, aus der du mich geholt hast.«

»Das ergibt keinen Sinn, findest du nicht? Denn das würde ja bedeuten, dass dein Vergessen begonnen hat, nachdem du in der ersten Anstalt eingeliefert wurdest. Wofür haben sie dich dann das erste Mal weggesperrt?«

»Die Akte sagt Amnesie. Und … Wahnvorstellungen.«

»Vergiss die Wahnvorstellungen. Uns braucht nur dein Gedächtnis zu interessieren. Warum erinnerst du dich nicht an dieses erste Irrenhaus? Verläuft dein Vergessen episodisch, verlierst du deine Erinnerungen immer wieder von neuem?«

»Ich … ich weiß nicht«, presste Weiß hervor. Episodisches Vergessen. Der Begriff machte Weiß Angst. Bedeutete das, dass er Dante in ein paar Tagen oder Wochen wieder vergessen haben würde? Dass er erneut ganz von vorne anfangen musste, wieder und wieder?

»Was ist deine erste Erinnerung?«, wollte Dante wissen.

»Ich weiß ni…«

Dante riss eine Hand hoch, um den Einspruch im Keim zu ersticken. »Schluss damit. Sollte ich diese drei Worte noch einmal aus deinem Mund hören, setzt es Schläge. Ich scherze nicht.«