Wolfswille - Melanie Vogltanz - E-Book
Beschreibung

London im Jahr 1888: Alfio ist ein Hemykin, ein unsterblicher Wolfsmensch. Sein Leben ist gezeichnet von der Angst vor dem Kontrollverlust – der Angst, wieder zu zerstören, was er liebt. Nach Jahrzehnten des Exils verschlägt es ihn nach London, wo er sich als Kopfgeldjäger verdingt und das Tier in sich mit Opium betäubt. Doch im Herzen Englands lauert eine Bedrohung, die selbst den übermächtigen Wolfsmann in Bedrängnis bringt. Grausame Morde erschüttern Whitechapel. Die Opfer: Prostituierte, in deren Adern ebenso wie in Alfios das schwarze Blut der Unsterblichkeit fließt. Gegen seinen Willen wird Alfio in einen Sumpf der Gewalt und Intrigen gezogen. In der Hoffnung, den Mörder unschädlich machen zu können, setzt er den letzten Rest seiner Menschlichkeit aufs Spiel.   Lesen Sie alle Teile der Reihe Schwarzes Blut. Alle Teile sind voneinander unabhängig lesbar: - Maleficus - Mortalitas - Munditia - Wolfswille - Wolfswut - Wolfswahn

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:469

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design

ISBN 978-3-94952-334-6

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Wolfswille
Impressum
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Teil 3
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Melanie Vogltanz
Danksagungen

1. Buch:

Frost

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Jenseits von Gut und Böse, Friedrich Nietzsche

Seit Eva vom Apfel gekostet hat, hängt viel vom Essen ab.

Lord Byron

1.

Hochgeschätzte Lady Jane Franklin,

am heutigen Tage, dem 5. Mai 1859, werden wir Cap Victoria verlassen und mit einem kleinen Schlittentrupp aus acht Mann und zehn Hunden die King Williams Insel auskundschaften. Basierend auf den Berichten des Forschers John Rae sind wir guter Dinge, hier auf neue Erkenntnisse zu stoßen, die Licht auf den Verbleib Ihres Gatten sowie der übrigen verschollenen Mannschaft der Erebus und der Terror werfen.

Ich werde weiterhin über die Ergebnisse unserer Expedition berichten.

Hochachtungsvoll, Ihr ergebenster

William R. Hobson, Lieut. RN

5. Mai 1859

Zwischen neun und zehn Uhr stießen wir auf einen großen Steinmann, der nicht von Eskimos gebaut zu sein schien. Bei näherer Untersuchung entdeckten wir darin eingebettet ein Schriftstück. Unglücklicherweise war es den Witterungsverhältnissen ungeschützt ausgesetzt, so dass die Botschaft nicht mehr zu entziffern ist.

In unmittelbarer Nähe fanden wir Überreste eines Lagers: diverse Zeltbauten, Feuerstellen und Reste abgebrannten Brennholzes, Kleidung, Teleskope, einige Bärenfelldecken, etc. Einiges weist daraufhin, dass die Mannschaft der Erebus und der Terror hier eine Rast einlegte. Das Lager wirkt, als wäre es in aller Eile verlassen worden.

Zwei der Zelte scheinen von einem Sturm oder einer ähnlich heftigen Gewalt niedergerissen worden zu sein. Möglicherweise auch das Werk eines Polarbären.

Die Position unserer Funde ist 69° 63´ Long., 98° Lat.

Ein Schneesturm erschwert das Fortkommen ungemein. Obgleich die Hunde nicht leicht zu ermüden sind, kommen wir nur langsam voran. Wir hoffen auf eine baldige Besserung des Wetters.

6. Mai 1859

Zwei Wegstunden von unserer gestrigen Fundstelle entfernt stießen wir auf eine weitere Wegmarkierung. Darin fand sich ein Messingzylinder unter einem losen Stein und darin geschützt eine Notiz, unterzeichnet von den Captains Crozier und Fitzjames. Das Dokument besagt, dass Sir John Franklin am 11. Juni 1847 verstarb. Damit ist auch die letzte Hoffnung seiner Gattin tot und begraben, dass Sir Franklin die Expedition vor zehn Jahren überlebt hat. Ich hoffe, dass sie zumindest in der Gewissheit um sein Schicksal ein wenig Trost finden kann.

Über die genauen Todesumstände von Sir John Franklin ist dem Dokument nichts zu entnehmen, ebenso wenig über den Verbleib seiner sterblichen Überreste.

Crozier und Fitzjames, die nächstranghöheren Mitglieder der hundertfünfköpfigen Mannschaft, übernahmen nach dem Tod Sir Franklins das Kommando. Sie schreiben, dass sie im Packeis eingeschlossen wurden und, als ihre Vorräte auf dem Schiff zur Neige gingen, einen Versuch unternehmen wollten, zu Fuß nach Süden vorzudringen. Die zittrige Handschrift auf dem Schreiben zeugt davon, dass die beiden Männer in schlechter gesundheitlicher Verfassung gewesen sein müssen, als sie ihre Reise antraten.

Wir werden unsere Fahrt in Richtung der im Schreiben angegebenen Koordinaten fortsetzen.

Um den Steinmann herum fanden sich zahlreiche verstreute Ausrüstungsgegenstände, die scheinbar überstürzt zurückgelassen wurden. Offensichtlich hat sich die Mannschaft jedes unnötigen Ballastes entledigt, in der Hoffnung, den Klauen des Eises doch noch rechtzeitig entfliehen zu können.

Das Wetter verschlechtert sich weiter. Die Hunde wirken ungewöhnlich unruhig und reizbar.

15. Mai 1859

Als Edgars und Louis heute von der Robbenjagd zurückkamen, erzählten sie, dass sie auf einen Stamm Eskimos gestoßen seien. Die Wilden berichteten von weißen Männern, die vor einigen Jahren in Richtung Süden gereist und dabei der Reihe nach gestorben seien. Einige Meilen entfernt soll es ein Massengrab mit um die dreißig Toten geben. Das Grab würde einen vierzehntägigen Umweg für unseren Trupp bedeuten, den wir mit unserem verbliebenen Proviant nicht bewältigen könnten, so dass wir darauf verzichten, es selbst in Augenschein zu nehmen.

Die Eskimos warnten Edgars und Louis sehr eindringlich davor, weiter nach Süden vorzudringen. Als Grund dafür nannten sie etwas namens »quallunqutuq taarunjuttuq«, was in ihrer unzivilisierten Sprache wohl so viel wie »weißer Schatten« bedeutet. Sie sollen sehr verängstigt gewirkt haben.

Mich beunruhigt der Aberglaube der Wilden nicht weiter. Primitive Stämme wie diese zeigen vor allem Möglichen Furcht und Schrecken.

Die Männer hingegen sind verunsichert. Die lange Reise, die Kälte, die eintönige Landschaft und der Schnee zermürben sie allmählich. Ich verstehe dies durchaus, denn mir geht es ähnlich. Ich sehne mir die langen, trüben Regentage Londons zurück. Niemals wieder werde ich über das nasskalte englische Wetter lamentieren.

19. Mai 1859

Ein schnelles Vorankommen wurde heute durch einen unangenehmen Zwischenfall beinahe unmöglich gemacht. Unser Schlitten wurde mehrere Stunden lang von einem großen Raubtier verfolgt, dessen Witterung die Hunde in den Wahnsinn trieb. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich um einen Wolf gehandelt hat, während Patricks der Ansicht ist, es sei ein Polarbär gewesen. Auf die große Entfernung war das nicht zweifelsfrei auszumachen. Das Tier hatte weißen Pelz, was es zusätzlich erschwerte, es im starken Schneetreiben genauer zu identifizieren. Was es auch war, es war gewitzt genug, nicht in Reichweite unserer Harpunen und Gewehre zu kommen. Als wir unser Lager aufschlugen, war es nirgends mehr zu sehen. Offenbar hatte es das Interesse an uns verloren.

Trotz meiner Erschöpfung bin ich mir nicht sicher, ob ich in dieser Nacht ruhig schlafen werde. Die Hunde knurren und schnappen unablässig und sind noch gereizter als üblich. Ich hoffe nur, dass sie sich nicht gegenseitig anfallen. Wir sind auf sie angewiesen.

20. Mai 1859

Wir haben in dieser Nacht zwei Hunde verloren. Der Wolf oder Bär muss sie sich geholt haben. Der Schnee war mit gefrorenem, schwarzem Blut besprenkelt. Ein dritter Hund war schwer am Bein verletzt worden und dadurch nicht mehr in der Lage, den Schlitten zu ziehen. Wir mussten ihn töten. Patricks, der sich für die Tiere verantwortlich fühlt, hat das selbst in die Hand genommen. Seither ist er sehr schweigsam und in sich gekehrt. Die Stimmung der Mannschaft ist gedrückt.

Wir haben Fußspuren im hart gefrorenen Boden gefunden, die ich keinem bekannten Tier zuordnen kann. Für einen Caninen wirken sie zu groß, allerdings scheint es sich bei dem Urheber um einen Zehen- und keinen Sohlengänger zu handeln, was wiederum einen Bären ausschließt. Vielleicht eine bis dato nicht klassifizierte Spezies? Ich habe die Bemerkung fallengelassen, dass es das Ansehen unserer Expedition erheblich steigern würde, ein Exemplar zu erlegen und in die Heimat zu bringen, aber die Männer sprachen sich heftig dagegen aus. Wir müssen sparsam mit unserem Proviant umgehen, und auch unsere körperlichen Kräfte sind nicht unerschöpflich. Vermutlich ist es tatsächlich vernünftiger, all unsere Konzentration auf den Auftrag zu verwenden, für den Lady Franklin uns die Mittel vorgestreckt hat. Eine pragmatische, vernünftige Einstellung, obgleich meine Neugierde sich durch rationale Gründe nur schwerlich beeindrucken lässt.

Um die Mittagszeit stießen wir auf mehrere primitive Steinskulpturen, die wohl vor Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten von Eskimos errichtet wurden. Ich vermute, dass es sich um rituelle Heiligenstätten handelt. Wir haben diverse Tierknochen im Schnee gefunden – skelettierte Füchse, Lemminge, Robben, sogar mehrere Karibus, einige davon noch recht frisch, andere dagegen schon sehr alt. Opfergaben an eine heidnische Gottheit? Möglicherweise an »quallunqutuq taarunjuttuq«, den weißen Schatten?

Durch den starken Rückenwind kommen wir nun schneller voran. Die verbliebenen Hunde rennen, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

24. Mai 1859

Wir stießen heute an der Küste auf einen bahnbrechenden Fund: ein großes Boot, das zu einer Art Schlitten umgebaut worden ist. Die schwersten Bestandteile aus Eisen und Holz wurden entfernt, um es besser über den Schnee ziehen zu können. An der Vorderseite des Bootes klaffte ein gewaltiges Loch, wahrscheinlich von einem Bärenangriff.

Um und in dem Boot fanden wir mehrere menschliche Skelette. Es gibt keinen Zweifel, dass sie zur Mannschaft der Terror und der Erebus gehörten. Die Identität der Toten lässt sich nicht mehr feststellen. Zumindest einer von ihnen scheint, wie die Überreste seiner Kleidung verraten, ein Offizier gewesen zu sein.

Das Boot war randvoll gefüllt mit Proviant und Ausrüstungsgegenständen. Einige der Gegenstände waren kurios: ein mehrteiliger Satz aus Silberbesteck, diverse religiöse Bücher, etc. Ebenfalls im Boot waren zwei doppelläufige Pistolen, eine davon leergeschossen, eine vollständig geladen; mehrere Schachteln Munition; englischer Tee; Schokolade; einige Messer. Die Kleidung war so stark an den Leichen festgefroren, dass man sie nur entfernen konnte, indem man sie mit einem Eispickel zerschlug.

Einige der Skelette scheinen unvollständig zu sein. Die Knochen weisen Schab- oder Bissspuren auf. Niemand von uns möchte es aussprechen, doch wir wissen, dass diese Spuren zweierlei bedeuten können: Raubtiere oder Kannibalismus. Doch ist das tatsächlich notgedrungen eine Entweder-oder-Frage?

Unsere Position ist 60°-09´ Long., 99°-28´ Lat. Morgen früh treten wir unsere Rückreise an. Gottlob.

26. Mai 1859

Am Morgen fanden wir in der Nähe unseres Lagers den ausgeweideten Kadaver eines Polarbären. Das Tier muss zweifellos alt oder krank gewesen sein, andernfalls ist schwer vorstellbar, welcher natürliche Räuber einen solchen Koloss hätte niederstrecken können. Seine Bauchhöhle war vollständig zerfetzt, als hätte sich etwas buchstäblich in seinen Leib hineingefressen. Beunruhigend ist, dass der Bär weder alt noch krank aussieht.

So oder so, ich werde heilfroh sein, wenn wir wieder zum Rest der Mannschaft dazustoßen. Die Arktis ist nicht für zivilisierte Menschen gemacht.

27. Mai 1859

Etwas ganz und gar Groteskes ist mir widerfahren, das mich fragen lässt, ob die lange Reise nicht nur meinem Gemüt, sondern auch meinem Verstand zugesetzt hat. Ich werde dennoch versuchen, die Ereignisse so neutral und wirklichkeitsnah wiederzugeben wie möglich.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Mai setzte unter den Hunden ein ohrenbetäubendes Gebell ein, das mich aus meinem unruhigen Schlaf riss. Da wir bereits drei unserer Tiere verloren hatten und wir keine weiteren Verluste verkraften konnten, entschied ich mich, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit einer geladenen Schrotflinte verließ ich das Zelt, hoffte und hoffte zugleich nicht, dem Tier zu begegnen, das wir bislang nur aus der Ferne gesehen hatten und das so wunderliche Spuren im Schnee hinterließ.

Der Nachthimmel war von Aurora borealis in ein kränklich-grünes Licht getaucht. Etwa hundert Fuß von unserer Lagerstelle entfernt stand eine schlanke, hochgewachsene Gestalt im Schnee.

Da ich ein Raubtier erwartet hatte, kam mir gar nicht in den Sinn, meine mitgebrachte Waffe auszurichten. Für einen Moment glaubte ich sogar an die Möglichkeit, einem Mannschaftsmitglied gegenüberzustehen, doch die Gestalt trug keine Fellmäntel, trug eigentlich rein gar nichts. Ihre helle Haut schimmerte im grünen Schein des Polarlichts, ihr Haar war ebenfalls hell und lang gewachsen. Obwohl der Unbekannte nackt war, schien er nicht zu frieren – völlig reglos stand er da und starrte zu mir herüber.

»Wer da?«, rief ich.

Ich hatte nicht wirklich erwartet, eine Antwort zu erhalten. Doch die Gestalt – es war zweifelsohne ein Mann – sagte: »Cosa volete qui?«

Ich verstehe so gut wie kein Italienisch, gerade genug, um die Sprache zu erkennen und mich über die Tatsache zu wundern, dass diese geisterhafte Erscheinung mich auf diese Weise adressierte.

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich. »Sind Sie mit einem Forschungsteam hier hergekommen? Wurden Sie von Ihrer Mannschaft getrennt?«

Der Unbekannte versuchte es mit einer anderen Sprache, die ich noch weniger verstand: »Mit akar itt?«

»Ich verstehe Sie nicht«, wiederholte ich. Noch immer kläfften die Hunde wie toll.

»Ön angol«, sagte er, und dann, in flüssigem Englisch, das nur durch seltsam platzierte Pausen und einen ungewöhnlichen Sprechrhythmus auffiel: »Was wollt ihr hier?«

Er hätte ein Eskimo sein können, doch er sah nicht so aus, und nicht einmal die unzivilisierten Ureinwohner waren so wahnwitzig, vollkommen unbekleidet durch den Schnee zu laufen.

Ich bin mir nicht sicher, warum ich dem Fremden überhaupt Rede und Antwort stand, aber ich schien nicht in der Lage zu sein, nicht zu antworten: »Wir sind auf der Suche nach einem Expeditionstrupp, der hier vor vielen Jahren verschollen ist.«

»Hier lebt niemand mehr, nessuno, hai capito? Verschwindet von hier, solange ihr noch könnt. A halál vár. Hier wartet nur der Tod auf euch.« Das grüne Nordlicht tanzte über seine Haut, warf zuckende Schatten auf sein Gesicht.

»Wer sind Sie?«, fragte ich erstickt. Ich war mir nicht sicher, ob es die Kälte oder meine langsam wachsende Angst war, die meine Lippen betäubte.

»Nessuno«, sagte er nochmals. »Quallunqutuq taarunjuttuq. L’ombra bianca. Der weiße Schatten.«

»Was bedeutet das?«

»Verschwindet«, sagte er. »Andate. Bevor es zu spät ist.«

Da sah ich, dass seine Hände weniger hell wirkten als der Rest seines Körpers. Die Nordlichter machten es schwierig, Farbunterschiede zu erkennen, aber es schien, als wären seine Arme bis zu den Ellenbogen von einer schwarzen, feucht glänzenden Haut überzogen.

Obwohl ich eigentlich nicht denke, dass es schwarz war. Nein. Ich denke, es war rot. Blutrot.

Ich kann nicht rational erklären, was ich dann tat. Ich vermute, mein Gehirn hat sich in eine Art Schutzmechanismus geflüchtet, einer instinktiven Reaktion. Ich drehte mich um und ging, ohne auch nur einen weiteren Blick zurückzuwerfen, zum Zelt zurück. Dann legte ich meine Schrotflinte neben mein Lager, wickelte mich in meine Bärenfelldecke und schloss die Augen. Mein Kopf war wie leergefegt.

Draußen bellten die Hunde. Es klang panisch. Hysterisch. Ich hielt mir die Ohren zu.

Am nächsten Morgen waren zwei weitere Hunde verschwunden. Ihr heißes Blut hatte rote Löcher in den zertrampelten Schnee geschmolzen. Ich fand Spuren – dieselben riesigen Pfotenabdrücke, die ich schon einmal gesehen hatte.

Zur übrigen Mannschaft sagte ich kein Wort. Sie hätten mein Erlebnis ohnehin nur für einen wirren Traum gehalten. Vielleicht war es auch nichts anderes als das – ein sehr lebhafter, verstörender Albtraum. Wäre nicht die geladene Schrotflinte neben meinem Lager gewesen, hätte ich fast daran glauben können.

Wir sind noch eine Tagesreise davon entfernt, dieser gottverlassenen Insel für immer den Rücken zu kehren und uns wieder dem Rest unserer Crew anzuschließen. Da wir nur noch die Hälfte der Hunde haben, mit denen wir ursprünglich aufgebrochen sind, müssen wir einiges an Ausrüstung zurücklassen, um den Schlitten leichter zu machen.

Ich bete, dass wir es schaffen.

27. Mai 1859, Nachtrag

Patricks hat sich vom Trupp entfernt, um auszutreten, und ist nicht wiedergekommen. Wir sind seinen Fußspuren gefolgt und fanden Blut im Schnee. Er hatte sogar Zeit gehabt, seinen Revolver zu ziehen und zu schießen. Einsam und vergessen lag die Waffe auf dem zertrampelten Schnee.

Ein wildes Tier muss Patricks verschleppt haben. Zumindest war es das, was ich der Mannschaft sagte. Ich werde den Teufel tun und den Männern mitteilen, was ich wirklich darüber denke.

Die Hunde sind wahnsinnig vor Angst. Sie wollen nicht einmal fressen. Sie wissen, dass uns etwas auf den Fersen ist. Die Eskimos nannten es den »weißen Schatten«. Eine unzulängliche Bezeichnung. Schatten sind harmlos – diese Kreatur ist es bei Gott nicht.

Ich will keine weitere Nacht auf dieser Insel verbringen. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass dieses Wesen erst angefangen hat, seinen Hunger zu stillen.

Aber bleibt uns denn eine Wahl?

2.

London, Vereinigtes Königreich, 1888 n. Chr.

»Eine sehr abenteuerliche Mär. Ist auch nur ein Wort davon wahr?«

Alfio sah nicht auf. Trotz des beruhigenden süßen Qualms der Opiumpfeife, der seinen Kopf angenehm träge machte und seine messerscharfen Instinkte einlullte, hatte er die Frau in dem eng geschnürten Mieder und dem zu stark geschminkten Gesicht schon bemerkt, als sie eine halbe Stunde zuvor angefangen hatte, den kläglichen Inhalt seiner Rocktaschen zu durchwühlen. Er hatte sie schon einige Male in der Opiumhöhle gesehen, wie sie mit jenen Männern kokettierte, die noch nüchtern genug waren, um den voluminösen Busen wahrzunehmen, der aus ihrem Ausschnitt quoll, und mit flinken Händen jene halb besinnungslosen Süchtigen um ihre Habseligkeiten erleichterte, die nicht einmal mehr ihre eigenen Körper wahrnahmen, geschweige denn irgendetwas um sich her. Er vermutete, dass sie eine delikate Abmachung mit dem Betreiber der Opiumhöhle – einem Asiaten mit einem lächerlich winzigen, grauen Ziegenbärtchen und dürren Spinnenbeinen namens Lin Chao – geschlossen hatte. Gelegentlich sah Alfio, wie die beiden in einem Hinterzimmer verschwanden, er selig grinsend, sie mit verheißungsvollem Augenaufschlag.

Als sie in Alfios Taschen nichts gefunden hatte außer einigen Bögen alten, handbeschriebenen Papiers, war sie überraschenderweise nicht enttäuscht zum nächsten Süchtigen weitergezogen, sondern hatte sich neben Alfio an den Rand des abgewetzten Kanapees gesetzt und zu lesen begonnen. Sie war nicht nur ein sehr vorwitziges, sondern offenbar auch ein verdammt neugieriges Freudenmädchen. Alfio hingegen tat das, was er immer tat, wenn jemand mehr Interesse an ihm an den Tag legte, als ihm lieb war: Er ignorierte sie und wartete darauf, dass sie weiterziehen würde wie ein unangenehmer Regenschauer.

»Hey«, sagte sie nun, als Alfio keine Anstalten machte, auf ihre Worte zu reagieren, und schüttelte ihn ungeduldig an der Schulter. »Ich hab dich was gefragt. Und glaub bloß nicht, dass du mich täuschen kannst. Ich sehe doch, wie mich deine Augen immer dann beobachten, wenn du denkst, dass ich nicht hinsehe. Du bist nicht so weggetreten, wie du mir glauben machen willst.«

Alfio lächelte dünn und mit halb geschlossenen Lidern, führte seine Opiumpfeife an die Lippen und inhalierte tief, um den Rauch dann wieder aus seinem Mund entweichen zu lassen.

Sie wedelte mit dem Papier vor seiner Nase herum. »Also? Ist das wahr?«

»Glaubst du denn, dass es wahr ist?«, sagte er nach einer Weile.

Sie blätterte durch die Aufzeichnungen, als wollte sie sich versichern, dass sie auch nichts darin falsch verstanden oder etwas Wichtiges übersehen hatte. Alfio kannte die Aufzeichnungen Wort für Wort auswendig. Von der Kleidung abgesehen, die er am Leibe trug, waren sie sein einziger persönlicher Besitz. Er hing mit einem für ihn ungewöhnlich starken Gefühl der Nostalgie daran, das er selbst nicht ganz verstand. Vielleicht lag es daran, dass es sich um das einzige schriftliche Zeugnis seines bisherigen Lebens handelte – wenn auch nur eines winzigen Bruchstücks davon. Und was niedergeschrieben war, konnte er nicht so leicht vergessen.

»Die Expedition?«, sagte sie dann. »Ja, ich denke, der Teil stimmt. Aber dieses mysteriöse menschenfressende Monster? Der nackte Mann im Schnee, der spricht, als stamme er aus der Zeit vor dem Turmbau zu Babel? Das ist wohl die Ausgeburt eines sehr wirren Geistes. Wahrscheinlich war dieser Leutnant krank. Hat gefiebert. Oder die Einsamkeit in dieser Eiswüste hat ihm den Verstand gekostet. Vielleicht hat er all das auch einfach nur erfunden, um sich irgendwie interessant zu machen.«

Alfios Lächeln schmolz. »Oh, er war ein sehr praktisch veranlagter Mann. Von der Marine zu einem funktionalen Soldaten gemeißelt. Das Erfinden von Geschichten gehörte nicht zu seinen Stärken.«

»Dann war er verrückt«, beharrte die Hure.

»Am Ende, ja. Aber nicht von Beginn an. Rationale Menschen verlieren oftmals den Verstand, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das ihren beschränkten Horizont übersteigt. Aber was er geschrieben hat, entspricht durchaus der Wahrheit. Jedes Wort.« Wieder nahm er einen Zug von seiner Pfeife. Lehnte sich zurück.

All das war nun … wie lange her? Zehn Jahre? Zwanzig? Dreißig? Es hätten dreihundert sein können. Zeit war für Alfio nicht länger von Bedeutung. Zeit war ein menschliches Konstrukt, und als Mensch fühlte er sich schon lange nicht mehr. An manchen Tagen war er menschlicher als an anderen, aber diese kurzen Phasen der Klarheit waren leer, ohne Sinn.

Auch Sinn war ein menschliches Konstrukt. Als man ihm das in einem anderen Leben gesagt hatte, wollte er es nicht glauben, doch seither hatte sich so vieles verändert – vor allem er selbst. Er hatte jeden Rest kindlicher Naivität abgelegt, sah die Realität völlig unverklärt. In Wahrheit zählte nur eines: das Überleben. Fressen und nicht gefressen werden. Alles, was darüber hinausging, war nur schmückendes Beiwerk.

Wieder packte ihn die Hure an der Schulter, und da bemerkte er, dass sie ihm eine Frage gestellt haben musste.

»Wieso lässt du mich nicht einfach in Frieden?«, fragte er müde. »Ich habe kein Geld und ich bin nicht an deinen Reizen interessiert. Ich komme hier her, um zu vergessen, nicht um von lästigen Weibsbildern an Dinge erinnert zu werden, die schon lange vergangen sind. Geh und leere jemand anderem die Taschen. Bei mir ist nichts zu holen.«

Darauf antwortete sie nicht, sondern sah ihn nur mit fest zusammengepressten Lippen an.

Er schloss die Augen. Tat so, als wäre er eingeschlafen.

Als er bereits tatsächlich kurz davor gewesen war wegzudriften, rüttelte sie zum dritten Mal an seiner Schulter. Seine Augen flogen so ruckartig auf, dass sie unvermittelt vor ihm zurückzuckte.

»Was. Willst. Du?« Seine Stimme war ein gutturales Knurren, das tief aus seinem Brustkorb stammte.

»Dieser Leutnant So-und-so Hobson«, sagte sie. »Das bist du – oder nicht?«

Sein Zorn verrauchte ebenso schnell, wie er in ihm hochgekocht war. Das Opium half nicht unwesentlich dabei. Außerdem kam er nicht umhin, die Hartnäckigkeit der Hure zu bewundern. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er ihre Entschlossenheit, ihn weiter zu reizen, besonders mutig oder ausgesprochen leichtsinnig fand.

»Warum sonst solltest du seine Aufzeichnungen mit dir herumtragen«, fuhr sie fort. »Du warst selbst dort, ein Teilnehmer dieser Expedition. So viel ist klar. Und dann ist da noch deine Kleidung. Du trägst Kleider, die einmal wertvoll gewesen sein müssen – goldene Manschettenknöpfe, weiße Hose, blauer Rock. Das sieht nach Militär aus, nach Marine. Aber der Wert der Kleider ist erst auf dem zweiten Blick zu erkennen, weil sie schon so abgetragen und alt sind, dass man Stoff und Farbe praktisch nicht mehr erkennen kann.«

»Und weiter?«

Die Hure runzelte die Stirn. »Nun – entweder bist du Hobson, oder einer seiner Mannschaftskameraden.«

»Spielt das eine Rolle?« Seine Pfeife war ausgegangen. Vorsichtig drückte er die Ascheschicht in der Brennkammer nach unten, riss ein Schwefelholz an, sog mit gleichmäßigen Zügen am Mundstück und entzündete das verbliebene Kraut neu.

»Was ist nach dem 27. Mai passiert?«, wollte sie wissen. »Hatte Hobson recht? Sind noch weitere Männer gestorben?«

Alfios Blick glitt an ihr vorbei in die Ferne, an die mit wurmstichigem Holz vertäfelte Wand, die sich von dem vielen Qualm dunkel verfärbt hatte. »Ja. Ja, viele starben. Nicht alle. Aber viele.«

»Du nicht«, sagte sie. »Bist du deswegen hier in diesem Loch und versuchst, dein Hirn zu betäuben? Weil dich die Erinnerungen quälen?«

»Zum Teil«, murmelte er und betrachtete das schmauchende Ende seiner Pfeife. »Aber die wirklich quälenden Erinnerungen habe ich schon lange verloren. Fast die Hälfte meines Lebens fehlt mir.«

»Das muss schwer sein«, sagte sie überraschend einfühlsam.

»Es ist nicht schwer. Es ist notwendig. Der einzige Grund, weshalb ich nicht wahnsinnig werde.« In dem Moment merkte Alfio, was er da sagte – zu wem er es sagte. Unwillig schüttelte er den Kopf, als wollte er eine lästige Bremse vertreiben.

»Hobson, warum hast du …«, setzte die Hure an.

Alfio machte eine abgehackte Geste mit der Rechten, in der er die Pfeife hielt. Glimmende Glut und Tabakkrümel wirbelten durch die Luft. »Das ist nicht mein Name. Der Mann, der ihn trug, ist seit vielen Jahren tot.«

»Aber ich dachte …«

»Du dachtest falsch.« Er nahm einen tiefen Zug. Hielt den süßlichen Qualm so lange in seiner Lunge, bis es schmerzte. Starrte an ihr vorbei ins Nichts. »Ich bin nicht der Mann. Ich bin die Bestie.«

Als Alfio die Opiumhöhle verließ, war es Nacht. Er konnte sich nicht mehr erinnern, ob die Hure noch weitere Fragen gestellt oder so eingeschüchtert von seiner Antwort gewesen war, dass sie das Weite gesucht hatte – das Opium hatte irgendwann seine Wirkung getan und ihn in einen narkotischen, traumlosen Schlaf versetzt. Einige Stunden später war er mit der erkalteten Pfeife im Schoß aufgewacht, die Papierbögen steckten sorgfältig gefaltet in seiner Rocktasche und seine neugierige Gesprächspartnerin war verschwunden.

Nun wanderte er mit schleifenden Schritten durch die nächtlichen Straßen, vorbei an warm glimmenden Gaslaternen und Stricherinnen in ausladenden Röcken, die ihm verheißungsvolle Versprechungen zuraunten.

Die Frau war fort, aber sie hatte einen Stein losgetreten, der eine ganze Gerölllawine nach sich zog.

Seltsamerweise erinnerte er sich kaum mehr an William R. Hobson, Leutnant RN. Fast alles, was er von ihrer Begegnung wusste, stammte aus eben diesen Aufzeichnungen, die er in seiner Rocktasche mit sich herumtrug. Wie die meisten seiner Erinnerungen war auch diese verschüttet. Alfio wusste nicht mehr, dass er den Marine-Leutnant in irgendeiner Nacht aufgesucht und in einer Mischung aus den ihm vertrauten Sprachen vor seinem nahenden Ende gewarnt hatte. Es war auch nur schwer vorstellbar. Alfios Zeit in der Arktis war eine dunkle Zeit gewesen, und nicht bloß wegen der niemals enden wollenden Polarnächte in den Wintermonaten. Die Inuit, die, abgesehen von den wenigen Forschern, die von Zeit zu Zeit durch die Tundra irrten, die einzigen menschlichen Wesen gewesen waren, die er dort zu Gesicht bekommen hatte, hatten ihn zu Recht gefürchtet.

Die Forscher … Alfio wusste nicht, wie viele von ihnen er damals verschlungen hatte. Als er nach vielen rastlosen Jahren, in denen er als einsamer Jäger durch die Welt gezogen und ein Dorf nach dem anderen geplündert hatte, auf einen Walfangschoner geraten war – vielleicht aus Zufall, vielleicht in einem seiner damals so raren Momente der geistigen Klarheit –, da hatte er geglaubt, dass Gott doch noch so etwas wie Erbarmen mit ihm gezeigt hatte. Er war gestrandet an einem Ort, abgeschnitten von der restlichen Welt, ohne Nahrung für die unersättliche Gier, die ihn angetrieben hatte, immer weiter zu fressen und zu töten und zu vernichten. Die Kälte der Arktis, der Mangel an Beute und die Einsamkeit hatten ihm dabei geholfen, wieder mehr Kontrolle über sich und das Tier zu bekommen, das unter seiner Haut lauerte. Und selbst wenn die Bestie die Oberhand gewann, musste er sie nicht fürchten, denn es gab kaum jemanden an diesem lebensfeindlichen Ort, dem er hätte schaden können. Nachdem die ersten der ihren gestorben waren, waren die Inuit klug genug gewesen, am äußeren Rand ihrer Siedlungen Heiligenstätten zu errichten und regelmäßige Opfergaben darzubringen, um ihn davon abzuhalten, in ihren Dörfern einzufallen. Der Wolf hatte ihre Gaben bereitwillig angenommen und ihre Leben – meist – verschont. Tatsächlich hatten sie den Wolf besser unter Kontrolle gehabt, als es Alfio jemals gelungen war.

Die Forscher waren gänzlich anderer Natur: dumm und leichtsinnig, erfüllt von einer himmelschreienden Hybris, die ihr Todesurteil war. Sie waren laut, unvorsichtig und schwach, hatten Alfios unersättlichem Hunger und seinen messerscharfen Klauen nicht das Geringste entgegenzusetzen. Die Warnungen der Inuit, die das Land und seine Gefahren so viel besser kannten als diese Fremden, schlugen sie spöttisch aus, taten sie als Aberglauben ab.

Alfio erinnerte sich daran, dass die Forscher nach Heimat geschmeckt hatten – nach der Sonne und Wärme des Festlandes. Ihr Blut war so viel gehaltvoller gewesen als das der Tiere und der Inuit, die von dem zehren mussten, was ihnen das karge Land bot, ihr Fleisch so viel sättigender und vollmundiger. Jedes Mal, wenn Alfios kräftige Kiefer ihre Knochen zermalmt hatten, überkam ihn ein seltsam ziehendes Gefühl – Heimweh. Der Wolf hatte Heimweh. Und das, obwohl der Wolf praktisch keine Gefühle kannte, abgesehen von brennender Gier und verzehrendem Hunger.

Die St. Botolph’s Aldgate Church, auch »Hurenkirche« genannt, da die hiesigen Prostituierten sich dort gerne ihre Freier angelten, sandte acht tiefklingende, tönende Glockenschläge in die kühle Nachtluft.

In dieser Stadt waren Geräusche, Gerüche und Bewegung allgegenwärtig. Ganz London schien zu atmen wie ein eigenständiges Wesen. Der schwarze Smog, der zu jeder Tages- und Nachtzeit aus den Schornsteinen der großen Fabriken quoll, ließ die Luft bitter und metallisch schmecken und verdunkelte an manchen Tagen sogar die Sonne. Alles hier war so völlig anders als das Leben im Eis, zu dem Alfio sich selbst verurteilt hatte. Nicht einmal vor seiner Zeit im Exil konnte er sich entsinnen, je etwas Vergleichbares erlebt zu haben – so viele Menschen, zusammengepfercht auf engstem Raum wie die Hühner, deren Mist sich so hoch stapelte, dass sie darin zu ersticken drohten. Seit seinem Verschwinden hatte sich die Welt weitergedreht, war zu einem Schmelztiegel des Lärms, des Gestanks und des Schmutzes verkommen.

Es war betäubend und übelkeitserregend, und es war wundervoll. Ein Fuchs hat keinen Grund, sich an der Enge, den Geräuschen und dem Dreck im überfüllten Hühnerstall zu stören. Er sperrt einfach seinen Rachen auf und schlägt sich den Bauch voll.

Vielleicht hätte Alfio noch viele weitere Jahrhunderte in der Arktis verbracht, wären die Forscher nicht gewesen. Vor ihrem Auftauchen war es leicht gewesen, dem Tier die Zügel zu überlassen und einfach auf dem Strom der Zeit mitzutreiben – zu jagen, zu fressen, zu schlafen und dann wieder zu jagen, Jahr für Jahr für Jahr.

Wenn sie nicht gewesen wären, hätte er vielleicht ewig verdrängen können, dass das nicht genug war – niemals genug sein konnte.

Als blinder Passagier an Bord der Fox zu gelangen, die ihn in die Zivilisation zurückbrachte, war sehr einfach gewesen. Alfio hatte nichts weiter tun zu müssen, als sich erschießen zu lassen.

Auf einer Brücke hielt Alfio inne und starrte auf das gemächlich dahinfließende Wasser eines schmalen Seitenarms der Themse herab. Seine übernatürlich scharfen Augen konnten sein gespiegeltes Konterfei auf der Wasseroberfläche erkennen – die langen, ungekämmten Haare unter dem zerknautschten Zylinder, die irgendwann einmal weiß gewesen waren, nun aber vom Kohlestaub und Ruß der Stadt grau wirkten; der abgetragene und vielfach geflickte Gehrock, der für eine viel kleinere Person gefertigt worden war; der aschfarbene Inverness-Mantel über seinen Schultern; das weiße, ausgezehrte Gesicht. Er rieb sich mit einer Hand über den sichtbaren Bartschatten.

Vor zwanzig, vielleicht auch dreißig Jahren hatte er aufgegeben, die Welt vor seinem unersättlichen Hunger retten zu wollen, und war in den Schoß der Zivilisation zurückgekehrt. Als die Fox damals im Hafen von Plymouth eingelaufen war, hatte er sich von der Schusswunde längst erholt und menschliche Gestalt angenommen gehabt. Niemand hatte es für notwendig befunden, die vermeintlich tote Trophäe einzuschließen oder gar in Fesseln zu legen. Er hatte sich wahllos Kleidungsstücke gegriffen, sich angekleidet und war an Land gegangen. Erst sehr viel später hatte er bemerkt, dass in den Taschen des an ihm lachhaft kurz aussehenden Gehrocks ein Teil des Journals von Leutnant Hobson gesteckt hatte. Die Kleider mussten also ihm gehört haben.

Alfio wusste nicht, was aus dem Mann geworden war. Wahrscheinlich war er tot. Vielleicht hatte Alfio ihn getötet. Der Wolf hatte kein Gedächtnis für Namen oder Gesichter.

Seit jenem Tag lebte Alfio in England, ein Fuchs mitten unter Hühnern. Wochen-, manchmal sogar monatelang gelang es ihm, ohne Beute zu leben. Seit er den wunderbar betäubenden Effekt jenes chinesischen Krauts entdeckt hatte, von dem sich in London Hafenarbeiter, Schriftsteller und Bänker gleichermaßen berauschen ließen, gelang es ihm sogar noch besser, den Wolf zu besänftigen und seine menschliche Maske für einige Zeit zu bewahren.

Doch früher oder später brach der Wolf an die Oberfläche. Fraß. Und zog sich irgendwann wieder zurück – mal mehr und mal weniger freiwillig. Die längste Zeit, die Alfio im Vereinigten Königreich im Pelz des Wolfes zugebracht hatte, belief sich auf fünf Jahre, in denen er die weitläufigen Moore in Devon durchstreift und Schafe, Hirten und Wanderer zerrissen hatte. Er wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem der Wolf nicht mehr weichen würde. Der Gedanke barg keinen Schrecken für Alfio.

Nicht mehr.

Alfio ging weiter. Er warf einen Blick auf ein loses Flugblatt, das der Wind vor sich hertrug (sie schrieben also das Jahr 1888), und versuchte abzuschätzen, wie lange es her war, dass er zum letzten Mal dem Wolf die Führung überlassen hatte. Drei Monate? Eher vier. Noch kündigte sich das Tier in ihm nicht an, aber Alfio wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. Wenn es so weit war, musste er schnell handeln, die dicht besiedelten Gebiete verlassen und in die Moore verschwinden, besser noch sich auf eine der kleinen schottischen Inseln zurückziehen, um sicherzugehen, dass die Gier des Wolfes ihn nicht wieder hierher zurücktreiben würde. Nur so konnte er menschliche Verluste gering halten. Der Wolf kannte keinerlei Gewissen. Alfio dagegen … versuchte es zumindest.

Die dröhnende Stimme der Aldgate Church erklang ein Mal. Mittlerweile war sie weit entfernt, und es war nur Alfios übermenschlich scharfem Gehör zu verdanken, dass er sie überhaupt noch wahrnehmen konnte. Die Docks kamen in Sichtweite, und der vertraute Geruch nach stehendem Gewässer, Fisch und menschlichen Fäkalien stieg Alfio in die Nase. Schoner, Barkassen und Kutter ankerten im Hafen und dümpelten auf dem schwarzen Wasser vor sich hin. Es wäre ein friedlicher Anblick gewesen, wären da nicht die vereinzelten in grobe Decken gewickelten Gestalten gewesen, die unter freiem Himmel schliefen – Heimatlose, die darauf hofften, dass der nächste Morgen Arbeit und eine Mahlzeit bringen würde. Manche von ihnen würden den Sonnenaufgang nicht mehr erleben. Alfio witterte die Krankheit und den Verfall an ihnen, sah den Tod, der drohend über ihren zusammengekauerten Körpern schwebte. Sie würden sterben, und es würde niemanden kümmern.

Im East End von London hatte Alfio seinen idealen Unterschlupf gefunden – eine Gegend, in der niemand Fragen stellte, in der niemand zweimal hinsah. Gesetzeshüter wagten sich kaum in den östlichen Stadtteil, er war ein blinder Fleck der Rechtlichkeit. Hier war Alfio nur eine unter vielen Bestien.

Er steuerte auf einen der im Hafen liegenden Kutter zu und sprang mit einem genau berechneten Satz an Bord. Der Lack des Bootes war schon vor langer Zeit abgeblättert, der Name darauf nicht mehr zu entziffern, das Holz des Decks vom vielen Schrubben aufgewellt und verquollen. Wie von selbst glichen Alfios Beine das sachte Schwanken des Bootes unter seinen Füßen aus, während er sich auf die winzige Kajüte zubewegte.

Das wenige Mondlicht, das durch das einzelne Bullauge hereinfiel, zeigte einen grob gezimmerten Stuhl und einen Haufen zerschlissener Decken und Kissen, die Alfio über Jahre hinweg gesammelt hatte und die ihm als Schlafstatt dienten. Selbst wenn er Wert auf ein richtiges Bett gelegt hätte, hätte er in diesem kleinen Raum keines unterbringen können.

Bevor Alfio diesen Kutter gefunden hatte, verbrachte er die meisten seiner Nächte unter freiem Himmel. Zwei, drei Wochen lang hatte er das heruntergekommene Boot beobachtet, bevor er den Hafenmeister darauf ansprach. Dieser sagte ihm, dass der Besitzer wohl gestorben sei – auf jeden Fall sei er irgendwann nicht wiedergekommen und habe sein Boot einfach an seinem Anlegeplatz verrotten lassen. Der Kutter befand sich in einem so erbärmlichen Zustand, dass die Arbeit und die Materialien, die man gebraucht hätte, um ihn wieder richtig seetauglich zu machen, dem Hafenmeister die Mühe nicht wert waren, weshalb Alfio den Kutter übernehmen durfte. Auf dem kleinen, im Wellengang sacht schwankenden Gefährt fühlte er sich erstaunlich wohl.

Er zog die quietschende Kajütentür hinter sich zu, nahm den Hut ab, trat seine Stiefel von den Füßen, schälte sich aus seiner schmutzstarrenden Kleidung und kauerte sich auf seinem Schlafplatz zusammen. Das beruhigende Geräusch, mit dem die Wellen sanft gegen die Planken anliefen, machte ihn schläfrig.

Wie so oft, kurz bevor er ohne die betäubende Wirkung von Opium in den Schlaf hinüberglitt, tauchte das Gesicht einer Frau vor seinem inneren Auge auf. In diesen Momenten sehnte er den Wolf herbei, denn nur in seiner Haut musste er sie für Monate oder sogar Jahre nicht sehen – dieses ebenmäßige Gesicht eines gefallenen Engels. Meistens war der Ausdruck darauf melancholisch, manchmal sehnend. In Alfios besonders dunklen Stunden jedoch lag ein namenloses Grauen auf den porzellanenen Zügen. Alfio wusste nur wenig über seine Vergangenheit, aber es reichte aus, um zu erkennen, dass dieser Ausdruck des blanken Entsetzens keine Ausgeburt seiner Fantasie war. Es war eine Erinnerung. Die letzte, die Alfio von ihr besaß. Er wusste nicht, was sie bedeutete – wem das Grauen in ihrem Blick galt, das ihm noch Jahrhunderte später das Herz zu einem schmerzhaften Klumpen zusammenpresste. Die Unwissenheit war Fluch und Segen zugleich.

Denn eigentlich weißt du sehr wohl, was passiert sein muss. Nicht wahr?, fragte eine hämische Stimme in seinem Hinterkopf.

Sie war das letzte Wesen gewesen, das ihm auf dieser Welt jemals etwas bedeutet hatte, und Alfio würde sie niemals wiedersehen. Dass der Wolf seine Erinnerungen überschattet hatte, änderte nichts an dieser Gewissheit.

Der Wolf kannte kein Erbarmen – am wenigsten mit Alfio selbst.

Bist du deswegen hier in diesem Loch und versuchst, dein Hirn zu betäuben? Weil dich die Erinnerungen quälen?, hallte die helle Stimme der Hure hinter seiner Stirn wider.

Wenn es doch nur funktionieren würde, dachte er bitter. Er richtete sich halb auf seinem Lager auf, starrte aus dem Bullauge hinaus zum nächtlichen Firmament, wo der Mond zwischen Wolkenschwaden hing wie ein ausgebleichter Schädelknochen.

Wenn es doch nur funktionieren würde …

3.

Das ohrenbetäubende Gekreisch hungriger Möwen weckte Alfio. An den Docks herrschte für diese Zeit ungewöhnliche Unruhe. Die Hafenarbeiter, Händler und Reeder wirkten seltsam angespannt, und die ansonsten allgegenwärtigen Hafendirnen ließen sich überhaupt nicht blicken. Etwas schien über Nacht vorgefallen zu sein – etwas, das erschreckend genug war, um den Bodensatz der Gesellschaft aufzuwirbeln.

Alfio kümmerte es nicht. Was immer auch passiert sein mochte, es hatte nichts mit ihm zu tun. Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich in die Geschicke der Menschen einmischen zu wollen.

Misstrauische Blicke folgten ihm, als er sich über den Pier bewegte. Die Spannung, die in der Luft lag, war beinahe greifbar, wie unmittelbar vor einem drohenden Gewitter. Erst als der Hafen außer Sichtweite war und er sich durch verwinkelte leere Gassen bewegte, hatte Alfio das Gefühl, wieder freier durchatmen zu können. Er glaubte nicht, dass diese Art von Unwetter sonderlich lange anhalten würde – Verbrechen, ganz gleich welcher Art, waren im East End zwar unangenehm, aber ebenso wenig Grund für anhaltenden Groll wie verschüttete Milch.

Die Adresse, die sein Ziel war, befand sich nicht unweit von seiner eigenen Unterkunft. Nicht nur die kleine Prostituierte, die er am Vorabend kennengelernt hatte, war mit dem Betreiber seiner Stammopiumhöhle eine Abmachung eingegangen. Da Alfio weder Geld besaß, noch Wert darauf legte, welches zu besitzen, hatte er sich mit Lin Chao darauf geeinigt, sein Kraut mit gewissen Diensten abzubezahlen. Obwohl diese Dienste etwas weniger intim waren als die seiner neuen Bekannten, waren sie ihm kaum weniger verhasst. Dinge zu tun, die einen selbst anwiderten, schien ganz im Geiste dieser neuen Zeit zu sein.

Das Haus, das sich wie ein geprügelter Welpe in eine Ecke zwischen anderen Backsteinbauten presste, war selbst für die Verhältnisse von Whitechapel arg heruntergekommen. Ein Großteil der Schindeln hatte sich verabschiedet, die wenigen Scherben, die noch in den Fensterrahmen standen, waren blind und undurchsichtig, und als Alfio leicht gegen die Tür drückte, schwang sie mit erbärmlich quietschenden Angeln nach innen. Ein intensiver Gestank nach billigem selbstgebranntem Schnaps, Schweiß und Schimmel schlug ihm entgegen.

Alfio seufzte gottergeben. Er wusste, dass die Wohnstätte ein genaues Abbild der Person war, die darin hauste. Seine Ziele glichen sich meist wie ein fauliges Ei dem anderen.

Da er Manieren hatte, klopfte er gegen die offenstehende Tür. Wie erwartet erfolgte keine Antwort. Er trat ein.

»Bob?«, rief er in die Schwärze des Hauses hinein. Staub flirrte in einem goldenen Sonnenstrahl, der durch ein Loch in der Decke fiel. »Robert Vandish? Jemand zu Hause?«

Er stieß die Tür mit dem Absatz zu. Sie fiel aus den Angeln und krachte draußen auf die Straße. Alfio verzog unwillig die Lippen.

»Hallo?«

Natürlich wusste Alfio, dass das Haus nicht leer war. Er hörte Herzschläge, Atmen, sogar das Pumpen von Blut. Unglücklicherweise wussten seine Ziele das nicht, andernfalls hätten sie wohl kaum versucht, sich vor ihm zu verbergen.

Oder vielleicht doch – Menschen waren irrationale Kreaturen.

Sein Blick fiel auf ein Kleiderbündel in der hinteren Ecke des Zimmers. Zumindest sah es aus wie ein Kleiderbündel, bis es anfing, sich zu bewegen. Unter Fetzen schmutzstarrenden Stoffes lugte ein bleiches, ausgezehrtes Gesicht hervor. Es gehörte einer Frau. Für Alfio war es unmöglich zu schätzen, wie alt sie war – vielleicht zwanzig, vielleicht sechzig. Die Unterernährung machte sie androgyn und alterslos – allerdings nicht auf eine gute Weise, sondern eher im Sinne einer in der Sonne verschrumpelten Frucht. Ihr spärliches Haar war fast grau vor Schmutz. Ihre Augen wirkten trübe, und sie starrte Alfio nicht direkt an, sondern geradewegs an ihm vorbei, auf einen leeren Punkt an der gegenüberliegenden Wand.

Als er einen Schritt auf sie zumachte, versteifte sie sich unvermittelt, und er sah, wie sie das Bündel in ihren Armen fester an ihre Brust presste. Auch das Bündel selbst hatte einen Herzschlag, doch er war sehr viel schwächer als der der Frau, kaum mehr zu hören. Obwohl sie ihr Kind so fest an sich drückte, dass sie ihm unweigerlich wehtun musste, weinte es nicht. Alfio glaubte nicht, dass es das noch konnte.

Er ließ sich vor der Frau in die Hocke sinken. Ihre Augen wurden so riesig, als wollten sie ihr Gesicht fressen. Ihre Angst stach Alfio in die Nase – ein saurer, scharfer Geruch, der den Wolf tief in seinem Inneren im Rachen kitzelte.

»Wo ist er?«, fragte Alfio geduldig. Mehrere Minuten verstrichen, in denen sie ihn einfach nur ansah. Schließlich brachte sie mit krächzender Stimme hervor: »In der Fabrik.«

»Gut, ich verstehe.« Alfio sprach langsam. Geduldig. »Das war ganz klar meine Schuld. Ich hätte mich etwas klarer ausdrücken sollen. Was ich meine, ist: Wo ist er wirklich?«

Die Frau weinte nicht. Manchmal taten sie das – schluchzten, bettelten und flehten, klammerten sich an die Schöße seines Rockes und rutschten auf Knien vor ihm im Staub. Sie tat nichts dergleichen. Alfio vermutete, dass ihr selbst dafür die Kraft und der Wille fehlten.

»Machen Sie mit ihm, was Sie wollen, aber rühren Sie mein Kind nicht an.«

»Dein Kind interessiert mich nicht«, antwortete Alfio. »Ich bin nur wegen Vandish hier.«

Sie deutete ein Nicken an. »Werden Sie ihn töten?«

»Nicht, wenn ich es nicht muss.«

Wieder nickte sie. »Die Fabrik hat ihn schon vor Wochen rausgeworfen. Er denkt, dass ich es nicht weiß, aber ich bin nicht dumm, wissen Sie? Ich bin nicht dumm.«

Alfio sagte nichts, wartete, dass sie von alleine weitersprach, was sie schließlich auch tat. Tief in ihrem Inneren wollten sie alle reden.

»Es war ein mieser Job. Hat kaum genug Geld eingebracht, um täglich einen halben Laib Brot zu kaufen. Ich kann mein eigenes Kind nicht mehr stillen, hab keine Milch mehr. Wir sind mit der Miete im Rückstand und werden wohl bald unser Haus verlieren. Das Wenige, das wir hatten, hat er verprasst.«

»Und einiges, das er nicht hatte«, fügte Alfio hinzu. »Deswegen bin ich hier.«

Wieder Nicken. Es schien, als wären ihre Halswirbel zu schwach, um das Gewicht ihres Kopfes zu tragen. Für einen Moment flackerte eine Spur von Leben in ihren Augen auf, und ihre Lippen pressten sich entschlossen zusammen. »Er ist bei einem Freund. Ich weiß nicht, ob er ihn um Geld anpumpen will oder sich nur mit ihm besäuft, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er dort ist.«

»Wo?«, fragte Alfio beinahe sanft.

Sie nannte ihm eine Adresse, die nur etwa eine halbe Stunde entfernt lag.

Alfio bedankte sich und ließ die Mutter mit ihrem halbtoten Säugling zurück. Auf dem Weg nach draußen lehnte er die kaputte Tür an die Hausmauer.

Alfio betätigte den gusseisernen Türklopfer in Form eines Vogelkopfes – ein höchst ungewöhnliches Motiv, wie Alfio fand. Im Vergleich zu Vandishs Rattenloch wirkte dieses Haus beinahe nobel: heile Fenster, unbeschädigte Fassade. Das Dach wies zwar einige verschiedenfarbige Schindeln auf, die zeigten, dass es mehrmals geflickt worden war, schien aber durchaus in der Lage zu sein, dem Regen zu trotzen.

Eine ältliche Frau mit von der Arbeit knotigen, geröteten Fingern öffnete. »Ja?«, fragte sie misstrauisch und reichlich unzeremoniell. Ihr Blick wanderte an seinem abgetragenen Havelock und dem geflickten Rock herab, zu den ehemals weißen, nun aber grauen Beinkleidern und weiter zu den speckigen Stiefeln. Er konnte praktisch dabei zusehen, wie sie sich innerhalb eines Atemzuges ein Urteil über ihn bildete.

»Tag, Ma’am«, sagte Alfio nicht unfreundlich. »Ich bin auf der Suche nach einem gewissen Robert Vandish.«

»Hier wohnt niemand mit diesem Namen.«

»Das ist mir durchaus bewusst, Ma’am«, gab Alfio zurück. »Seine Frau schickt mich. Sie hat mich darüber informiert, dass er hier wohl dem Hausherrn einen Besuch abstattet.«

Die wässrigen Augen der Alten zogen sich zu Schlitzen zusammen, als sie darüber nachzudenken schien. »Moment, ich frage nach«, sagte sie schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit, schlug Alfio die Tür vor der Nase zu und verschwand ins Haus.

Mit einem Finger strich Alfio an den Konturen des Türklopfers entlang. Ein Vogel, zweifelsohne. Kein Adler – eher ein Rabe oder eine Krähe. Seltsam, sich die Miniatur eines solch ordinären Tiers an die Haustür zu nageln.

Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür wieder. »Sie haben sich in der Adresse geirrt«, sagte die Haushälterin. »Guten Tag.«

Wieder wollte sie die Tür zuziehen, aber Alfio war schneller und schob seinen Fuß in den Spalt.

»Das ist aber unangenehm«, sagte Alfio.

»Das kann ich mir denken«, schnaubte die Haushälterin. »Aber ich bin sicher, Sie werden fündig werden.«

»Sie missverstehen mich. Ich meinte, unangenehm für Sie. Ich werde furchtbar ungehalten, wenn Menschen mir Lügengeschichten auftischen, Ma’am. Darf ich eintreten? Danke.« Mit etwas mehr als sanfter Gewalt zog er die Tür – gegen den Widerstand der Haushälterin, die nun erregt schnaufte wie ein Dampfkessel – vollends auf und betrat das Haus. Ein enger Flur mit einem fleckigen roten Läufer empfing ihn. An den Wänden hingen gerahmte Bilder – ausgeblichene, sepiafarbene Fotografien, die Menschen mit ernsten Gesichtern in Anzügen und langen, umständlichen Kleidern zeigten. Alfio hatte noch nie den Reiz an dieser neumodischen Technologie verstanden. Die körnigen, farblosen Bilder konnten mit dem Können eines wahren Künstlers einfach nicht mithalten.

»Ich muss – ich muss – ich muss doch sehr bitten!« Das Gesicht der kleinen, alten Dame hatte besorgniserregend schnell von käsig-weiß zu puterrot gewechselt. »Verlassen Sie sofort dieses Haus oder ich rufe die Polizei!«

»Natürlich tun Sie das.« Alfio schob sich an ihr vorbei in einen Rauchersalon, aus dem er gedämpfte Stimmen hörte, die abrupt verstummten, als er eintrat.

Zwei Männer saßen an einem Tisch, auf dem sich Spielkarten, ein von Zigarren überquellender Aschenbecher, zwei Gläser und eine halbvolle Flasche befanden. Sogar aus mehreren Yards Entfernung konnte Alfio den hochprozentigen Alkohol riechen, der allgegenwärtig in der Luft hing. Es verwunderte ihn fast, dass kein Unglück geschehen war, als sie ihre Zigarren entzündet hatten. Ebenfalls auf dem Tisch lagen einige Münzen sowie Papier, bei dem es sich vermutlich um Wechsel handelte. Auch hier wurde ein Vermögen verprasst, das gar nicht existierte.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen ihn wegschicken, Miss Philipps?« Ein älterer Mann mit Schnurrbart erhob sich von seinem Platz und legte seine Karten beiseite.

»Das hat sie, doch ich hielt es für besser, selbst zu entscheiden, was ich zu tun und zu lassen habe«, antwortete Alfio anstelle der Haushälterin. Sein Blick wanderte zu dem zweiten Mann, der ein paar Jahre jünger war, aber weit verwahrloster und verbrauchter aussah. Seine Kleider waren ihm zu weit, und obwohl er einen voluminösen Ranzen vor sich hertrug, waren seine Glieder unverhältnismäßig dürr.

Während der Schnauzbart deutlich empört wirkte, war Bierbauch starr vor Angst.

»Robert Vandish?«, fragte Alfio.

Der Mann mit dem gewaltigen Bauch zuckte zusammen, als hätte Alfio eine Waffe auf ihn gerichtet.

»Ich verbitte mir diese Unverschämtheit!«, sagte der erste Mann. Er ging um den Tisch herum und baute sich vor Alfio auf. Sein Schnurrbart zitterte wie der einer Maus, die in ein elektrisches Kabel gebissen hatte. »Sie können doch nicht einfach hier reinplatzen und meine Gäste verschrecken! Verlassen Sie augenblicklich meinen Grund und Boden, sonst …«

Mit einem Ruck wandte Alfio ihm den Kopf zu und bohrte seinen Blick in die von blutigen Äderchen durchzogenen Augen des Hausherrn. Er verstummte.

»Überlegen Sie sich gut, wie Sie diesen Satz zu Ende bringen wollen«, riet Alfio. »Ich bin nicht Ihretwegen hier, sondern einzig und allein wegen ihm.« Er deutete auf Vandish. »Ist Ihnen dieses Stück Taubenkacke wirklich so wichtig, dass Sie sich zwischen ihn und mich stellen wollen?«

Der Hausbesitzer musterte ihn von oben bis unten. Erst dann schien ihm aufzufallen, dass Alfio ihn um gut zwei Köpfe überragte. Alfio konnte geradezu dabei zusehen, wie sein Mut verdampfte. Er sagte kein Wort.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich nun gerne meine Angelegenheiten klären«, sagte Alfio ruhig. »Es sei denn, Sie haben etwas dagegen einzuwenden.«

Der andere schluckte deutlich hörbar. »Nein. Nur zu.«

»Dachte ich mir.« Alfio nickte Vandish zu. »Bob, wir haben etwas zu bereden.«

Vandishs feiste Wangen zitterten. »Sie können mich nicht zwingen, mit Ihnen zu gehen. Sie können mich nicht zwingen!«

»Gehen? Nicht doch. Hier ist es doch so gemütlich.« Alfio trat näher an ihn heran.

Vandish wimmerte. Er roch ebenso schlecht wie sein Haus – nach altem Schweiß und Moder und Fusel. Aus den Augenwinkeln sah Alfio, wie sich der Hausbesitzer stillschweigend zurückzog. Die Haushälterin hatte schon Minuten zuvor das Weite gesucht. Nicht nur Katzen und Hunde vermochten Erdbeben wahrzunehmen, bevor sie eintraten – in manchen Situationen waren auch Menschen dazu in der Lage, eine herannahende Naturgewalt zu wittern und rechtzeitig Schutz zu suchen.

»Ich nehme an, du weißt, warum ich hier bin.«

»Ich habe es Lin Chao erst letzte Woche gesagt – ich kriege sein Geld bald zusammen!«, versicherte Vandish energisch. »Das heißt, ich habe es bereits. Es ist nur im Augenblick nicht zugänglich, verstehen Sie? Es ist … an einem sicheren Ort verwahrt. Nächste Woche kann ich ihn auszahlen, bestimmt.«

Alfio beugte sich nach vorne und stützte sich auf dem Tisch ab, der unter seinem Gewicht bedrohlich knarrte. Vandish wich so weit zurück, wie es die Stuhllehne in seinem Rücken zuließ.

»Ist das so?«, fragte Alfio freundlich.

»Natürlich! Ich würde niemals lügen, niemals!« Vandish knetete seine fetten Wurstfinger.

»So? Dann ist es bestimmt nur Zufall, dass du Chao dieselbe Geschichte bereits letzte Woche aufgetischt hast. Und natürlich die Woche davor.«

»Ähm … nun … Eine unglückliche Verkettung von Zufällen hat dazu geführt, dass sich die Zahlung verzögert hat. Aber diesmal werde ich zahlen. Das schwöre ich bei meinem Leben.« Vandish hob eine Hand, als wollte er einen Eid leisten.

»Bei deinem Leben«, wiederholte Alfio. »Interessante Formulierung. Denn genau das wirst du verlieren, wenn du mich für dumm verkaufst.« Ohne jede Vorwarnung schoss seine Hand vor und umklammerte Vandishs Handgelenk.

»Bei allen Heiligen, Gnade!«, wimmerte er. Er kämpfte darum, seine Hand loszureißen. Ebenso gut hätte er versuchen können, eine Bärenfalle mit den Fingern aufzustemmen.

»Nur, um es dir in Erinnerung zu rufen – die Summe, die du Chao mittlerweile schuldest, beläuft sich auf sechsundachtzig Pfund«, sagte Alfio. Er ließ den Blick über den Tisch wandern, fasste nach den Münzen, die dort aufgehäuft lagen. »Wie viel ist das hier in etwa? Vierzig Schilling?« Ohne Vandish loszulassen, wischte er die Münzen in eine bereitgelegte Geldkatze. Auch die Wechsel steckte er ein, obgleich fraglich war, ob eine Bank ihm dafür Geld geben würde. »Ich nehme das hier als Anzahlung, um Chao deinen guten Willen unter Beweis zu stellen. Das ist mit Sicherheit auch in deinem Sinne, nicht wahr?«

»Das Geld gehört mir aber nicht, es gehört La…«

Alfio nahm seine zweite Hand hinzu, bog den kleinen Finger von Vandishs rechter Hand so weit zurück, dass er auf dessen rote Knollennase deutete und hörbar im Gelenk knackte. Vandishs Protest ging in ein unartikuliertes Wimmern über.

»Dachte ich mir doch, dass wir uns einig werden. Du hast sieben Tage Zeit, um die restliche Summe aufzutreiben. Sieben Tage, Bob. Keine Stunde länger. Wenn ich wiederkomme, erwarte ich, dass du mir das Geld auf den Penny genau aushändigst, andernfalls werde ich dich beim Wort nehmen und die Welt von dem Schandfleck, den du Leben nennst, befreien.«

Vandishs Selbstbeherrschung war deutlich weniger ausgeprägt als die seiner Frau. Tränen und Rotz liefen an seinen Wangen herab. »Sieben Tage sind zu wenig«, schluchzte er. »Das wird niemals reichen.«

»Was für ein Jammer für dich«, gab Alfio ungerührt zurück. Er ließ los und wischte sich die Hand an seinem Havelock ab, als hätte er sich besudelt. Zweifelsohne fühlte er sich schmutzig.

»Wir sehen uns nächste Woche, Bob.«

Alfio hob die halbvolle Flasche an, die auf dem Tisch stand, roch daran – Absinth – und nahm einen Schluck, um den fauligen Geschmack auf seiner Zunge loszuwerden. Anschließend steckte er die gefüllte Geldkatze in eine seiner weiten Rocktaschen.

Hätte Alfio keinen Penny vorgefunden, hätte er es Chao gegenüber nicht rechtfertigen können, seinen treuen, wenn auch nicht besonders zahlungswilligen Kunden am Leben zu lassen. Obgleich Vandish ihm das niemals glauben würde, wollte Alfio nicht töten – nicht einmal eine widerwärtige Kellerassel wie Vandish, der lieber zechte und Opium paffte, anstatt seine Frau und sein Kind zu ernähren. Es reichte, wenn der Wolf tötete. Alfio musste sich nicht auch noch die Hände schmutzig machen, solange es sich vermeiden ließ.

»Warum tun Sie das?«, jammerte Vandish, seine rechte Hand fest gegen die Brust gepresst. »Warum tun Sie mir das an? Haben Sie denn gar kein Gewissen, Sie Monster?«

»Du hast ja keine Ahnung«, murmelte Alfio. Er verließ den Rauchersalon und trat wieder in den Korridor hinaus. Hinter einer Tür, die einen Fingerbreit offenstand, lugte ein neugieriges Augenpaar hervor. Hastig wurde sie geschlossen, als Alfio daran vorbeiging.

»Monster!«, rief Vandish ihm nochmals mit sich überschlagender Stimme hinterher, bevor Alfio auf die Straße hinaustrat und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

4.

An diesem Abend wollte sich die Gemütsruhe und der Gleichmut, die das Opium für gewöhnlich mit sich brachten, einfach nicht einstellen. Alfio wusste nicht genau, woran es lag. An Vandish, dem er mit einigen schmutzigen Münzen sieben weitere Lebenstage erkauft hatte, verschwendete er kaum einen zweiten Gedanken – er war nur einer unter vielen. Auch seine Frau und ihr Kind beschäftigten ihn nicht weiter. Ihr Anblick war zwar traurig gewesen, aber in seinem langen Leben hatte Alfio bereits weit Schlimmeres gesehen. Warum also konnte er sich nicht einfach der betäubenden Schwere des Opiumrauches hingeben und in einen tiefen, traumlosen Schlaf versinken? Wieso suchten seine Augen stetig die Opiumhöhle ab, tasteten über die heruntergekommenen Süchtigen, die dort teils auf Kanapees und Strohmatratzen, teils auf dem blanken Boden saßen oder lagen, als erwartete er, irgendetwas zu sehen – oder irgendjemanden.

Er brauchte eine ganze Weile, bis ihm klarwurde, wonach er suchte. Die Hure war nicht da – jene vorwitzige Frau, die ihm am Vorabend so auf die Nerven gegangen war. Im ersten Moment verwunderte ihn das, doch dann fiel ihm wieder die Aufregung bei den Docks an diesem Morgen ein. Wenn ein schwerwiegendes Gewaltverbrechen geschehen war, konnte es gut möglich sein, dass ihr Zuhälter sich entschieden hatte, seine Mädchen nicht auf die Straße zu schicken und abzuwarten, wie sich die Lage entwickelte. In Anbetracht der Umstände durchaus vernünftig, wie Alfio fand.

Unterwegs hatte er das eine oder andere über das Verbrechen aufgeschnappt. Er hatte nicht bewusst hingehört, doch wenn man so scharfe Ohren hatte wie er, war es schwer wegzuhören. Die Berichte der einzelnen Menschen variierten stark, waren mit grausigen Details und wilden Spekulationen ausgeschmückt. Die Essenz des Ganzen war folgende: Im Bezirk Whitechapel hatte es einen brutalen Mord gegeben. Das Opfer war weiblich gewesen, und, zumindest erzählte man sich das, eine Prostituierte.

Dies war nicht der erste Mord in London und es würde auch nicht der letzte sein. Pferchte man so viele Menschen auf engem Raum zusammen, musste es früher oder später einfach zu Ausschreitungen kommen – sie waren wie Ratten, die sich aus Platzangst gegenseitig die Schwänze abbissen.

Alfio bemerkte, dass seine Pfeife ausgegangen war, und schnaubte unwillig. Er drückte die Asche mit bloßen Fingern nach unten und hielt ein Schwefelholz in die Brennkammer. Das Kraut weigerte sich hartnäckig, wieder richtig Feuer zu fangen, sondern schwelte und qualmte nur.

»Hallo, großer Mann.«

Alfio hob den Kopf und starrte direkt in ein großzügiges Dekolleté.

»Zündet es nicht?« Spott lag in der rauchigen Stimme.

Sein Blick wanderte an einem schwanengleichen, weißen Hals hinauf, zu süffisant verzogenen rubinroten Lippen und einem Paar schwarz umrandeter, bernsteinfarbener Augen, die amüsiert blitzten.

Es war nicht die Frau, die gestern versucht hatte, ihn auszurauben – sie sah zwar nicht älter, aber definitiv reifer aus. Und es gab noch einen anderen, erheblichen Unterschied, der Alfio nicht einmal unter Einfluss des betäubenden Krauts entging, das den Raum in diffusen Nebel hüllte, ein Unterschied, der seinen Nacken unvermittelt kribbeln ließ.

Die Frau beugte sich über ihn, so dass ihr wohlgeformter Busen nur wenige Inch vor seinem Gesicht hing, und gab ihm Feuer. Beinahe augenblicklich entzündete sich die Opiumpfeife. Sie schloss ihre roten Lippen um das Mundstück und sog daran. Da er die Pfeife festhielt, kam sie ihm dabei so nahe, dass ihre Haare seine Wange streiften. Ihr Haar roch erstaunlich gut – nach Honig, Kernseife und herbem Rauch.