Beschreibung

New Orleans im Jahr 1909: Der Hemykin Alfio schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes durch. Als Ringkämpfer bestreitet er seinen Lebensunterhalt, wobei ihm seine Fähigkeiten als Wolfsmensch helfen, um schnell zu heilen und dem Publikum eine entsprechende Show zu liefern. Mit Opium hält er die Bestie, die in seinem Inneren schlummert, im Zaum, bis eines Tages ein Unbekannter auftaucht, der offenbar selbst übermenschliche Fähigkeiten mitbringt. Für Alfio beginnt eine Zeit der ungewöhnlichen Boxkämpfe, der unerklärlichen Voodoo-Rituale und der unvermeidlichen Erkenntnisse über einen Erzfeind. In den Sümpfen lauert das Böse, das nur auf Alfio gewartet hat. Aber die Welt ist nun mal nicht fair – ganz besonders nicht für Unsterbliche.   Lesen Sie alle Teile der Reihe Schwarzes Blut. Alle Teile sind voneinander unabhängig lesbar: - Maleficus - Mortalitas - Munditia - Wolfswille - Wolfswut - Wolfswahn

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Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design

ISBN 978-3-94952-336-0

www.papierverzierer.de
Inhaltsverzeichnis
Wolfswut (Schwarzes Blut 5)
Impressum
Buch I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Buch II
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Buch III
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Melanie Vogltanz
Danksagungen

1. Buch:

Verwundet

Da legte der Wolf die Pfote auf das Fensterbrett. Als die Geißlein sahen, daß sie weiß war, glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf.

Gebrüder Grimm,

»Der Wolf und die sieben jungen Geißlein«

Sachte, sachte an dem Hang

heimlich, lauernd schleicht‘s entlang,

Und ein Flüstern regt sich ängstlich

fern und nah –

Und der Schweiß deckt dein Gesicht,

denn vorüber strich‘s ganz dicht –

Das ist Furcht, o kleiner Jäger –

Furcht ist da!

Rudyard Kipling, »Gesang des kleinen Jägers«

I

New Orleans, Louisiana, Vereinigte Staaten von Amerika, 1909 n. Chr.

Der Schlag seines Gegners traf Alfio am Kinn und renkte seinen Kiefer aus. Die Menge tobte. Alfio ließ sich nach hinten fallen und federte seinen Sturz nicht ab; ungebremst schlug er mit dem Rücken auf dem harten Boden auf. Er wälzte sich herum, spuckte Blut und Speichel. Sein Angreifer packte ihn am Kragen, bevor Alfio sich hochrappeln konnte, und rammte seine Faust ein weiteres Mal in sein Gesicht. Diesmal war es seine Nase, die mit einem hellen Knacken nachgab. Jubel und Buh-Rufe brandeten auf – letztere eher verhalten.

»Du hältst dich für eine ganz große Nummer, was?« Sein Gegner atmete schwer durch den Mund, sein Gesicht glänzte vor Schweiß. »Wie du hier in den Ring stolziert bist, als könnte dir niemand etwas anhaben. Leute wie du widern mich an.«

Alfio antwortete nicht. Ohne zu blinzeln, starrte er den anderen an, während ihm sein eigenes warmes Blut über die Lippen und das Kinn lief.

Mit einem Mal wirkte der andere verunsichert. »Was soll das Starren?«, schrie er ihn an und schüttelte ihn. »Warum wehrst du dich nicht, du Memme? Verdammt, wehr dich endlich!«

Anstatt Alfio ein weiteres Mal mit der Faust zu bearbeiten, ließ er los und versetzte ihm mit den flachen Händen einen Stoß vor die Brust, der ihn rückwärts taumeln ließ. Diesmal fiel Alfio nicht. Er wirbelte um die eigene Achse – zu schnell, viel zu schnell, er musste langsamer machen – und brachte einen Schlag gegen das Schlüsselbein seines Gegners an, der es prellte oder brach. Sein Angreifer schwankte. Verwirrung, Erstaunen und Erschrecken spiegelten sich in seinem Gesicht. Die Menge war außer sich. Etwas aus den Zuschauerreihen prallte gegen Alfios Rücken – wahrscheinlich eine Bierflasche, und der Feuchtigkeit nach zu urteilen, die sein Hemd an seinen Körper klebte, noch halbvoll. In den Gestank von Schweiß und Blut mischte sich das herbe Aroma von Hopfen und Alkohol.

Alfio hatte einen Fehler begangen. Er hätte sich nicht provozieren lassen dürfen.

Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich Blut aus dem Gesicht und machte eine auffordernde Geste in Richtung Gegner.

Nicht fallen, beschwor er ihn innerlich, während er dabei zusah, wie der Angreifer röchelte und wankte wie ein Volltrunkener. Wenn du fällst, ist es vorbei. Nicht fallen.

Der Kampf dauerte bereits viel zu lange. Alfios Kiefer und seine Nase begannen schon zu heilen, und das war ein Problem. Es wurde Zeit, die Angelegenheit zu beschleunigen.

»Du kommst mir bekannt vor«, rief Alfio seinem Kontrahenten zu. Sein ausgerenkter Kiefer machte es schwer, verständliche Worte zu formulieren, und so klang es, als hätte auch er vor dem Kampf zu viel Whiskey gekippt. »Sind wir schon einmal gegeneinander angetreten?«

Das Gesicht des anderen verzog sich wie unter Schmerzen. »Meinen Bruder hast du letzte Woche zu Mus zerkloppt, du verdammter Scheißkerl. Muss seither auf Krücken gehen. Konnte keinen Tag arbeiten, seit er mit dir im Ring war.«

Alfio setzte ein Grinsen auf, bei dem sein heilender Kiefer vor Agonie kreischte. »Dann kann er dir ja deine Krücken leihen, wenn ich mit dir fertig bin.«

»Verfluchtes Drecksschwein!«

Wie Alfio gehofft hatte, schien der Gedanke an seinen Bruder, an den Alfio sich sehr gut erinnerte, seinem Gegner neue Kraft zu verleihen. Mit drei holprigen Sätzen stürzte er auf Alfio zu. Dieser machte einen quälend langsamen Ausfallschritt und drehte den Kopf leicht zur Seite, so dass der rechte Haken seines Angreifers nicht ein weiteres Mal gegen seine malträtierte Nase schmetterte, sondern ihn lediglich unter dem Auge traf. In dem Schlag hatte nicht einmal viel Kraft gelegen, doch Alfio kippte trotzdem um wie ein gefällter Baum.

»Da! Und da! Das hast du davon, du Bastard!« Die Fäuste des anderen prasselten auf ihn nieder wie ein heftiger Hagelschauer. Alfio musste all seine Selbstbeherrschung aufbieten, den Wutausbruch über sich ergehen zu lassen und wie benommen liegen zu bleiben.

Über ihnen erklang eine Stimme. »Eins! Zwei!«

Die Schreie der Menge dröhnten in Alfios Ohren. Es wurde gepfiffen und mit den Füßen gestampft. Sein Angreifer war mittlerweile dazu übergegangen, ihm in die Seite zu treten, etwas, das definitiv gegen eine der wenigen Regeln in diesem Ring verstieß. Alfio spürte, wie mehrere seiner Rippen splitterten. Allmählich wurde er richtig wütend.

»Fünf! Sechs!«

Ein finaler Tritt traf Alfio an der Schläfe und schleuderte seinen Kopf gegen den Boden. Kurzfristig fühlte es sich tatsächlich so an, als würde ihm sein Bewusstsein aus den Händen gleiten wie ein nasser Fisch. Alfio grunzte und schüttelte sich benommen, machte aber immer noch keine Anstalten, sich zu wehren oder auch nur zu schützen. Die Selbstbeherrschung, die er mittlerweile aufbieten musste, ließ seine Muskeln wie unter Stromschlägen erzittern.

»Neun! Zehn! AUUUS!«

Die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Noch mehr Gläser und Flaschen flogen, und auch der eine oder andere Hut. Alfios Gegner riss triumphal die Fäuste hoch. Bevor er den Ring verließ, zog er Rotz hoch und spuckte Alfio gezielt ins Gesicht.

Als der Betreiber des Rings sich einen von Alfios Armen um die Schultern legte und ihn unter Schnaufen und Ächzen ins Haus hievte, machte Alfio kaum Anstalten, ihm dabei unauffällig zu helfen, wie er es sonst zu tun pflegte. Nur ein ausgesprochen aufmerksamer Beobachter hätte das Zucken unter seinem noch heilen Auge bemerkt, das seine brodelnde Wut verriet.

»Du hättest eingreifen müssen, Esteban!«

Alfio hatte sich mit dem Betreiber des Rings in einen Lagerraum der Bar zurückgezogen, die als inoffizielles Wettbüro für den illegalen Boxring im Hinterhof diente. Von den Mauern blätterte der blanke Putz, und die Dielen waren von Feuchtigkeit aufgewölbt. In einem unüberschaubaren Chaos standen Flaschen, Fässer und Kisten herum, manche davon dick mit Staub verkrustet. Auf einer der Kisten saß Alfio.

Mit ruckartigen Bewegungen wickelte er die Bandagen von seinen Händen, die bei einem normalen Kämpfer verhindern sollten, dass einem beim Zuschlagen die Haut an den Knöcheln aufplatzte, die bei ihm aber kaum mehr waren als bloße Requisite. Probeweise bewegte er die Finger, dann öffnete er seine langen, weißen Haare, die er für den Kampf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Einige Strähnen hatten sich schon im Ring gelöst und waren braun und verklebt von seinem eingetrockneten Blut.

»Dieser Kerl hat auf einen Gegner eingetreten, der bereits am Boden lag«, fuhr Alfio mit nasaler Stimme fort. »Das ist aber nicht fair.«

»Die Welt ist nun mal nicht fair, White«, gab Esteban ungerührt zurück. Er schenkte sich großzügig Brandy ein und stürzte ihn in einem Zug. Er schüttelte sich und zog eine Grimasse. »Ich weiß gar nicht, wo dein Problem liegt. Das war doch gut! Du warst gut! Als es vor dem Ende so aussah, als könntest du das Ruder doch noch herumreißen … Goldwert! Eine großartige Show. Das Publikum hat gebrodelt!«

»Er hat mir ins Gesicht gespuckt. Nachdem ich ausgezählt war. Mich angespuckt, Esteban! Jeder normale Kämpfer hätte an diesem Punkt bereits in Lebensgefahr geschwebt. Er hätte einem Sterbenden ins Gesicht gespuckt. Und das kümmert dich gar nicht?«

Esteban grunzte lediglich und schenkte sich nach.

Alfio richtete sich drohend auf. »Esteban!« Er griff mit einer Hand nach seinem Kiefer, um ihn wieder in die richtige Position zu rücken, da das Sprechen anstrengend wurde. Das Knacken, mit dem er in die angestammten Gelenke schnappte, ließ Esteban leicht zusammenzucken.

Endlich blickte er auf und sah Alfio in die Augen. »Ich kann dich nicht ernst nehmen, solange dein Riechkolben absteht wie ein schiefer Nagel, Junge.«

Alfio betastete seine immer noch heiß pochende Nase. Seine insgeheime Befürchtung hatte sich bewahrheitet: Der Kampf hatte zu lange angedauert, und die Knorpel waren falsch zusammengewachsen. Er würde seine Nase ein zweites Mal brechen müssen, um sie wieder geradezurücken, und der Gedanke an die neuerlichen Schmerzen verstärkte seinen Unmut.

Er nahm Esteban den Brandy aus der Hand und leerte das Glas selbst. Wohltuend brannte er seine Kehle hinab und breitete sich als warmes Prickeln in seinem Magen aus.

»Spar dir dein Junge«, knurrte Alfio. »Du nimmst mich für zu selbstverständlich. Was, wenn ich hier und jetzt sagen würde, dass ich genug von diesem Theater habe? Was, wenn ich gehen würde, durch diese Tür, und nicht wiederkomme?«

Die Drohung ernüchterte Esteban sichtlich. »Das würdest du nicht«, sagte er langsam. »Du brauchst mich.«

»Nein«, murmelte Alfio. »Du bist es, der mich braucht. Kämpfen kann ich überall, aber einen Kämpfer wie mich wirst du unter Tausenden nicht finden.«

Esteban kratzte sein mit Bartstoppeln übersätes Kinn. »Wir haben eine Abmachung. Du kämpfst hier einmal die Woche und verlierst, wann immer ich es dir sage, und dafür stelle ich keine Fragen.« Sein Blick fixierte Alfios schiefe Nase.

»Glaub mir, ich habe es nicht vergessen.«

»Dann bin ich ja beruhigt – ich dachte schon, der letzte Tritt hätte deinem Gedächtnis geschadet. Hör zu!«, schob er rasch nach, als sich Alfios Miene verdüsterte. »Du kriegst dein Kraut von mir, und du kriegst einen nicht geringen Anteil am Wettgewinn – das ist mehr, als ich den meisten meiner Champions gebe. Was willst du denn noch?«

Alfio öffnete den Mund, aber er fand keine Antwort. Stattdessen nahm er Esteban die Brandyflasche ab und schenkte sich nach. Während er vor sich hinbrütete, starrte er in den bernsteinfarbenen Alkohol, betrachtete die Schlieren, die er am Glas zog.

»Respekt«, sagte er dann. »Ich will Respekt.« Er sprach mit erhobener Stimme weiter, als Esteban etwas einwerfen wollte. »Nicht von den Gegnern. Von diesen Tieren erwarte ich gar nichts. Aber verdammt nochmal von dir! Du hättest ihn mich nicht treten lassen dürfen. Du hättest den Kampf abbrechen, oder den Kerl wenigstens verwarnen müssen. Bei jedem deiner anderen Jungs hättest du es getan.«

»Es ist ja nicht so, als würde es dir irgendetwas ausmachen«, murmelte Esteban verstockt.

Alfios Kopf zuckte hoch. Er stellte Glas und Flasche auf einer der Kisten ab. Mit energischen Bewegungen öffnete er die Knöpfe an seinem Hemd, das am Rücken immer noch klamm und klebrig vom Bier war, und zog es aus. Darunter zum Vorschein kam eine Albtraumlandschaft aus violetten Blutergüssen, die im starken Kontrast zu seinem ungewöhnlich blassen Teint standen. Die gebrochenen Rippen stachen sichtbar von innen gegen seine Haut und ließen seinen Brustkorb aussehen, als bestünde er aus einem Bündel geknickter Reisigzweige.

Esteban verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als hätte er sich den Finger in einer Tür eingeklemmt.

»Denkst du etwa, ich spüre keinen Schmerz?«, fragte Alfio.

»White, ich …«

Alfio packte Estebans Handgelenk, zwang ihn, eine der gesplitterten Rippen zu berühren. Esteban stieß einen fast komischen Laut aus, der nicht mehr weit von einem Wimmern entfernt war.

»Gebrochene Knochen«, sagte Alfio. »Quetschungen. Blutungen. Ich spüre jede einzelne, noch so kleine Wunde, die ich für dich einstecke.«

»White, bitte …«

Widerwillig ließ Alfio zu, dass Esteban sich seinem Griff entzog. Er wandte sich ab. Langte nach dem Brandy – diesmal der Flasche, nicht dem Glas. Trank in langen Zügen. Vom Alkohol schwamm sein Kopf angenehm, doch Alfio wusste, dass das nicht lange anhalten würde. Es hielt nie lange an.

»Aber …«, setzte Esteban nach einigen Minuten der Stille an. »Aber du wirst doch trotzdem nächsten Samstag kämpfen können, nicht wahr?«

Alfio schnaubte, und ein Gutteil des Brandys, den er im Mund gehabt hatte, spritzte ihm von den Lippen. Esteban begriff nicht. Wahrscheinlich würde er es niemals begreifen. Alfio verschwendete nur seine Zeit.

Er hörte, wie Esteban sich unruhig hinter ihm regte. Alfios Drohung ließ ihn offenbar nicht so kalt, wie er ihm weismachen wollte.

»White«, sagte er beschwörend, als sein Schweigen anhielt. »Es … es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht. Sag mir, was du willst. Was immer du willst, du sollst es haben. Ich …«, er knirschte hörbar mit den Zähnen, »ich brauche dich.«

Für einige Minuten ließ Alfio den kleinen Spanier schmoren. »Ich trete an«, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen. »Aber nur unter der Bedingung, dass du für mich dieselben Regeln geltend machst wie für jeden anderen Kämpfer auch. Nicht nur für mich. Es geht auch um dich, Esteban. Du willst doch nicht, dass ich dort im Ring die Beherrschung verliere und denen, die du eigentlich als Sieger auserkoren hast, doch noch die Visage poliere, weil sie nicht wissen, wann Schluss ist?« Er nahm einen letzten Schluck von der Brandyflasche, die mittlerweile zu zwei Dritteln geleert war. »Fairness, Esteban. Mehr verlange ich nicht von dir. Gleiche Behandlung für alle.«

»Das sollte sich einrichten lassen«, antwortete Esteban kleinlaut.

»Gut für dich.« Alfio reichte Esteban das frisch gefüllte Brandyglas zurück. Er nahm es zwar, machte aber keine Anstalten, daraus zu trinken. Vielleicht hatte er Angst, dass Alfios Zustand ansteckend war.

Alfio faltete sein von Blut und Bier besudeltes Hemd, so gut es ging, und legte es auf eine der Kisten. »Hat es sich wenigstens für dich gelohnt?«, fragte er ohne sonderliches Interesse, während er sich an einer Schüssel mit bereitgestelltem, mittlerweile eiskaltem Wasser das Blut von der Haut und aus den Haaren wusch. Estebans Spelunke war noch weit davon entfernt, sich den Luxus von fließendem Wasser und modernen Sanitäreinrichtungen leisten zu können, und damit war er in diesem Viertel nicht der Einzige.

Es schien, als hätte Esteban nur auf diese Frage gewartet. »So ein Dandy hat dreißig auf den Herausforderer gesetzt. Die Quote stand zehn zu eins.«

Alfio hielt in der Bewegung inne. »Das sind dreihundert Dollar. Die meisten Menschen sehen so viel Geld nicht einmal in einem ganzen Jahr. Und du hast die Wette angenommen?«

»Es hätte zu verdächtig ausgesehen, hätte ich abgelehnt. Der Kerl war hier nur auf der Durchreise.«

»Ich verstehe.« Alfio hielt mit der Linken sein Haar hoch, während er sich mit der Rechten den Nacken mit einem feuchten Handtuch wischte. Das Gefühl war angenehm erfrischend, und allmählich spürte er, wie sich sein Pulsschlag verlangsamte und seine vom Kämpfen fiebrige Haut abkühlte, ebenso wie sein Gemüt. »Du wirst ihm den Gewinn doch auszahlen, nicht wahr?«

Alfio glaubte, Estebans Grinsen praktisch hören zu können. »Natürlich. Ich bin doch ein Ehrenmann. Ob er ihn allerdings behalten wird, kann ich nicht garantieren. Unfälle passieren doch andauernd. Vor allem Leuten, die mit zu viel Bargeld in der Tasche herumlaufen und nicht wissen, wie man sich in Bescheidenheit übt.«

Alfio wandte sich zu ihm um. »Man müsste annehmen, dass du dir den Verlust leisten kannst. Wen schickst du dem bedauernswerten Wurm diesmal auf den Hals? Einen deiner Rausschmeißer, oder meinst du es richtig ernst? Ich nehme an, deine übrigen Stammkämpfer brennen bereits darauf, sich zu beweisen, seit ich ihnen den Rang abgelaufen habe.«

Esteban zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Du weißt doch, wie diese Dinge laufen, White. Frag nicht, dann muss ich dich auch nicht belügen.« Er zeigte eine Reihe gelbstichiger Zähne. »Ich habe immer bedauert, dass du dir kein Zubrot außerhalb des Rings verdienen willst. Wenn ich dich als meine Geheimwaffe hätte, um Leute wie diesen Dandy in ihre Schranken zu weisen, würden mir solche unverschämten Glückspilze ihre Wettschulden freiwillig erlassen. Vermutlich würden sie mir Geld zahlen, nur um sicherzugehen, dass du sie niemals wieder heimsuchst.«

Alfio trocknete sich gänzlich ab. Er durchstöberte vier Kisten, ehe er in einer ein einigermaßen sauberes Unterhemd fand, das er sich überzog. »Tut mir leid, Esteban. Ich habe immer noch Prinzipien.«

Esteban lachte verhalten. »Die solltest du mal mitbringen.« Er fasste in die Tasche seines abgewetzten Jacketts und warf Alfio ein Samtsäckchen zu, das dieser aus der Luft fing. »Hier ist übrigens deine Bezahlung für den heutigen Kampf. Feinstes Kraut aus dem Orient, mein Junge, das bläst dir gepflegt die Birne weg. Wohl bekomm’s.«

Seine Zweckgemeinschaft mit Esteban war nicht geplant gewesen. Alfio hätte niemals geglaubt, dass er so bald wieder einen Sterblichen in sein Geheimnis einweihen würde, nachdem der letzte, dem er sich anvertraut hatte, seinen Körper für unmenschliche Experimente missbraucht und dabei vorübergehend Alfios Gedächtnis gelöscht hatte. Doch in seinem mehrere Jahrhunderte andauernden Leben hatte Alfio eines gelernt: Es kam immer anders, als man dachte.

Esteban einzuweihen, war gewissermaßen ein Unfall gewesen. Als sie sich begegneten, hatte Alfio bereits einige Jahre in den Staaten gelebt – sofern man es denn »Leben« nennen wollte. Nach all dem Leid und den Enttäuschungen, die er in London erfahren hatte, wollte er so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diesen Moloch von Stadt bringen, also hatte er etwas getan, das ihm zu diesem Zeitpunkt absolut logisch erschienen war: Wie viele andere vor ihm überquerte er den großen Teich, um neu anzufangen. Eine weitere Strecke konnte er kaum zurücklegen, ohne über den Rand der Zivilisation zu fallen.

Die großen Bürgerkriege, die das vielgepriesene Land der unbegrenzten Möglichkeiten erschüttert hatten, waren bereits vorüber, als er seinen Fuß das erste Mal auf amerikanischen Boden setzte. Doch der Schrecken von Kampf, Hunger, Entbehrung und nicht zuletzt Hass steckte der blutjungen Nation immer noch tief in den Knochen. Frustriert musste Alfio feststellen, dass es nicht so einfach war, sich in diesem Land zurechtzufinden, das in seiner scheinbaren Grenzenlosigkeit selbst Alfios Vorstellungskraft auf die Probe stellte – ein Land, in dem man auch mit modernsten Transportmitteln nicht Tage, sondern Wochen brauchte, um von einer Staatsgrenze zur anderen zu gelangen. Er versuchte, die Weite als Chance zu sehen, als Geschenk. Als er sich das letzte Mal an einem Ort zu lange heimisch gefühlt hatte, hätte es ihm fast das Leben und buchstäblich den Verstand gekostet, und er war nicht auf eine Wiederholung dieser Erfahrung aus. Also zog er von einer Stadt in die nächste und blieb nie länger als wenige Tage an einem Ort, lebte als ewiger Fremder unter Fremden. Dabei hauste er meist auf der Straße oder in schäbigen Hotelzimmern.

Immer wieder sagte er sich, dass es so richtig war – dass es keine Alternativen für eine Kreatur wie ihn gab. Doch insgeheim sehnte er sich nach Beständigkeit, nach einem sicheren Hafen, in den er zurückkehren konnte. Es war Schwäche. Pure, banale, menschliche Schwäche. Vielleicht war das der Grund, weshalb Alfio ihr am Ende nachgab: um sich selbst zu beweisen, dass er sich nach allem, was geschehen war, immer noch einen Rest Menschlichkeit bewahrt hatte.

In den kommenden Jahren tat Alfio vieles, auf das er nicht stolz war – er stahl, betrog und tötete. Nicht etwa, um sich selbst zu bereichern, sondern um an das kostbare Kraut zu gelangen, das seine zerstörerische Seite unter Kontrolle hielt und seine Existenz unter Menschen erst möglich machte. Nur durch den regelmäßigen Konsum von Opium konnte er das Tier in Zaum halten, das in ihm lebte, konnte verhindern, dass er unter den ahnungslosen Sterblichen ein blutiges Massaker anrichtete. In dieser Zeit war Opium sein einziger Antrieb, sein ultimatives Ziel.

Boxkämpfe wurden irgendwann zu seiner bevorzugten Art der Geldbeschaffung, denn dabei hatte er es wenigstens mit Gegnern zu tun, die ihre Gesundheit freiwillig aufs Spiel setzten. Die wenigsten Kämpfe, an denen Alfio teilnahm, richteten sich nach den Queensberry-Regeln, die Boxen vor einigen Jahren sicherer, aber aus Sicht vieler zahlungswilliger Zuschauer auch deutlich langweiliger gemacht hatten. Wenn Alfio kämpfte, dann in versifften Hinterhöfen übler Armenviertel, in die sich selten ein aufrechter Polizist verirrte. Ein- oder zweimal im Monat stieg Alfio in den Ring und gewann Preisgelder unterschiedlicher Höhe, die er schnellstmöglich für das so dringend nötige Rauschmittel versetzte. Nachts kämpfte er gegen gesichtslose Fremde in verrauchten, stickigen Dreckslöchern, tagsüber betäubte er seinen Verstand mit großzügig gestopften Pfeifen. So krochen die Jahre dahin. Es war kein angenehmes Leben, doch das einzige, das er kannte – das einzige, das er sich gestattete.

Da er aufgrund seiner übermenschlichen Stärke jeden Kampf spielend gewann, achtete er akribisch darauf, nicht öfter als zweimal in denselben Ring zu steigen, um nicht aufzufallen. Die Notwendigkeit, unsichtbar zu bleiben, machte es ihm unmöglich, sich irgendwo dauerhaft niederzulassen.

Bis er nach New Orleans kam. Eines Nachts verschlug es ihn in Estebans Spelunke. Er trat gegen seinen damaligen Champion an, ein Bär von einem Mann mit Haaren wie brennendes Stroh, dessen schwerer schottischer Akzent klang, als würde er mit Reißnägeln gurgeln. Alfio stampfte ihn ungespitzt in den Boden. Davor aber war seinem Gegner noch ein nicht gänzlich regelkonformer Tritt gelungen, der Alfios Kniescheibe zertrümmert und ihn gezwungen hatte, den Ring humpelnd zu verlassen.

Nachdem Esteban ihm sein Preisgeld ausgehändigt hatte, wollte Alfio sich wie üblich zurückziehen, aber Esteban kam ihm hinterher. Einige Querstraßen von seinem Lokal entfernt holte er Alfio in einer Seitengasse ein. »Du willst schon gehen?«, rief er ihm nach. Er war außer Atem und verschwitzt, was Alfio verriet, dass er gerannt war, um ihn abzufangen.

Alfio, der Ärger witterte, drehte sich gänzlich zu Esteban um. Die Sonne war bereits lange untergegangen, aber eine Gaslaterne beleuchtete Alfios hochgewachsene Gestalt. Da wurden Estebans Augen groß.

»Dein … Bein!«, brachte er hervor. »Im Ring war es noch völlig verdreht! Wie … wie hast du das gemacht?«

»Du täuschst dich«, sagte Alfio hart.

»Du warst verletzt«, beharrte Esteban. »Und nun bist du es nicht mehr.«

Alfio hatte nicht vor, auf die implizite Frage in den Worten des schmächtigen, kleinen Mannes mit der bronzefarbenen Haut und dem krausen Haar einzugehen. Er wandte sich ab, mit dem festen Entschluss, ihn einfach stehenzulassen. Ein Gerücht mehr über ihn in der Welt, damit konnte er leben. Er würde diesem Ort den Rücken kehren und niemals wiederkommen, wie schon so viele Male davor.

Esteban aber hatte andere Pläne mit ihm. »Ich will dich.«

Es war wohl eher die Entschlossenheit in Estebans Worten als ihr Inhalt, die Alfio erneut innehalten ließ. »Du willst mich? Was soll das bedeuten?«

»Bleib hier. Kämpf für mich. Dein Schaden wird es nicht sein.«

Alfio würdigte das Angebot nicht einmal einer Antwort, sondern ließ Esteban wortlos stehen. Er versuchte nicht, ihn aufzuhalten – hätte er es getan, wäre Alfios Entscheidung vermutlich anders ausgefallen. Aber Estebans Worte ließen ihn nicht los. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann war er das rastlose Herumstreifen schon seit Jahren leid. Zum ersten Mal, seit er das Vereinigte Königreich verlassen hatte, bot sich ihm die Chance, sein Vagabundendasein wenigstens für kurze Zeit ruhen zu lassen, und Alfio war mittlerweile mürbe und desillusioniert genug, gierig danach zu greifen wie ein Verdurstender nach einem Sack Schnee.

Schon am nächsten Tag kehrte er in die Spelunke zurück, und er und Esteban trafen die Abmachung, die ihn seither zum besten – und verhasstesten – von Estebans Champions gemacht hatte. Von da an bestritt Alfio jede Woche einen der riskanten und daher illegalen Bare-Knuckle-Kämpfe für ihn. Damit die Zuschauer ihr Geld auch gelegentlich gegen Alfio setzten, was sie wohl früher oder später nicht mehr getan hätten, wenn er ausnahmslos jeden Gegner besiegt hätte, einigten Esteban und er sich darauf, dass er auch hin und wieder verlieren musste. Seine Gegner wurden über diese Abmachung selbstredend im Dunkeln gelassen.

Alfio war sich bewusst, dass er ein Risiko einging, wenn er sich dem kleinen Mann mit den großen Ambitionen auslieferte. Doch mit Esteban, davon war er bereits nach dem ersten gemeinsamen Gespräch überzeugt, war es anders als mit Hendrik van Streiken, der ihre Freundschaft mit einem Händedruck begonnen und mit einer Knochensäge beendet hatte. Esteban schien gar kein echtes Interesse daran zu haben, mehr über die Beschaffenheit von Alfios Wesen herauszufinden. Er stellte niemals Fragen zu seiner Vergangenheit, und auf den Ursprung seiner Unverwundbarkeit hatte er ihn noch kein einziges Mal angesprochen, fast so, als würde er ahnen, dass er mit einer unbedachten Frage Gefahr lief, Alfio für immer zu vergraulen und so seinen lukrativsten Kämpfer zu verlieren. Seit er in jener Nacht das erste Mal die Auswirkungen von Alfios Kräften erlebt hatte, nahm er sie mit einer fast stoischen Akzeptanz hin, ganz so, als hätte Alfio eine zwar ungewöhnliche, aber nicht weiter besorgniserregende anatomische Anomalie, wie eine dritte Brustwarze oder einen elften Finger.

Anfangs hatte Alfio diese Gleichgültigkeit misstrauisch gemacht, doch bald war ihm klar geworden, dass diese zur Schau gestellte Ignoranz gegenüber der Vergangenheit seiner Kämpfer ein grundlegender Bestandteil von Estebans Lebenseinstellung war. Es kümmerte ihn nicht, was seine »Jungs« außerhalb des Ringes trieben oder wie sie ihren Lebensunterhalt vor der Zeit als seine Champions verdient hatten. »Wer nicht fragt, wird auch nicht belogen« gehörte zu seinen liebsten Aussprüchen.

Estebans Kämpfer wussten seine Diskretion ebenso zu schätzen wie Alfio – vielleicht auch ein Grund für ihre ungewöhnlich starke Loyalität. Auf einen unwissenden Beobachter mochte Esteban harmlos, ja, schwächlich wirken. Doch wer ihn einmal in Gegenwart seiner Champions und Schläger erlebt hatte, begriff schnell, dass man sich von seinem Aussehen nicht täuschen lassen sollte. Estebans »Jungs«, wie er sie ungeachtet ihres Alters, ihrer Körpergröße oder ihres Gewichtes nannte, waren ihm gegenüber so treu wie gut abgerichtete Pitbulls. Ein Wort von ihm genügte, und sie zerrissen einen Unruhestifter für ihn in der Luft. Wie er das zustande brachte, blieb für Alfio ein Rätsel. Er mochte ganz anständig zahlen, doch das taten auch andere. Anfangs hatte Alfio vermutet, dass er seine Männer bedrohte, vielleicht erpresste, um sich ihre Treue zu sichern, doch schon bald hatte er erkannt, dass das genaue Gegenteil der Fall war. Estebans Kontrolle über seine Kämpfer war tiefreichender und allumfassender; als wären sie nicht seine Söldner, sondern ein Teil seiner Familie.

So oder so, Estebans Akzeptanz gegenüber Alfios Fähigkeiten schien echt zu sein. Ob das ein Zeichen seiner ausgesprochenen Dummheit oder eher seines Respekts gegenüber Alfio war, konnte er allerdings auch nach Monaten in seinem Dienst nicht beurteilen.

Respekt. Alfio wusste nicht genau, warum er zuvor so auf Respekt gepocht hatte. In seinem unnatürlich langen Leben hatte er nie wirklich Wert darauf gelegt, von irgendwem respektiert zu werden – weder in dem Kloster, in dem er als Waise aufgewachsen und in dem er kaum besser behandelt worden war als ein tollwütiger Hund, noch als Schutzbefohlener des fanatischen Hemykinen Nero, der der festen Überzeugung gewesen war, dass nur Schmerz allein Alfios Ausbrüche der Unbeherrschtheit kontrollieren konnte. In Hunderten von Jahren hatte Alfio formvollendet gelernt, sich zu disziplinieren und diszipliniert zu werden – hatte gelernt, zu erdulden, was die meisten anderen unentschuldbar fanden. Und auch wenn es absurd klang: Unter all jenen, denen Alfio sich bislang untergeordnet hatte, zählte Esteban noch zu den fürsorglichsten und verständnisvollsten Herren.

Warum also war er nach dem heutigen Kampf so wütend auf den kleinen Mann gewesen?

Die Antwort war im Grunde einfach, auch wenn Alfio es sich nur ungern eingestand. Nicht er selbst war es, der sich zornig, frustriert und eingesperrt fühlte. Nicht er selbst war es, der sich weigerte, unter einem schmächtigen Wicht wie Esteban zu stehen, dessen Genick er mit einer beiläufigen Bewegung hätte brechen können wie einen Zweig auf dem Feldweg.

Der Wolf in ihm war unruhig – und er schien immer unruhiger zu werden, je länger Alfios Abmachung mit Esteban andauerte.

Der Wolf verstand nicht, warum Alfio wiederholt willentlich Kämpfe verlor, warum er schwachen Sterblichen ungestraft gestattete, ihn zu demütigen. Alfio spürte das unter seiner menschlichen Hülle lauernde Tier in einem Kampf so viel deutlicher, wenn er dazu verdammt war, untätig zu bleiben. Auch heute im Ring hatte er es wahrgenommen – das Zittern seiner Muskeln, das Vibrieren seiner Haut, gegen die der Wolf gierig seine Fratze gepresst hatte.

Die Bestie war begierig darauf, die Kontrolle zu übernehmen, wann immer Alfio im Ring freiwillig Schläge einsteckte. Verlieren war um so vieles schwerer – und gefährlicher – als gewinnen. Irgendwann, das wusste Alfio nur zu gut, würde er das Tier nicht mehr zurückhalten können, und dann würde alles Opium der Welt ihm nicht mehr helfen, es zurück in seinen Käfig zu sperren.

Gedankenverloren betastete Alfio die fühlbare Erhebung an seinem Nasenbein, wo die Knochen und Knorpel schief zusammengewachsen waren. In der freien Hand hielt er das Säckchen, mit dem Esteban ihn ausgezahlt hatte, ließ es langsam durch seine Finger wandern.

Wie immer nach einem Kampf war er im Schutze der Nacht zu seiner kleinen, zugigen Doppelhaushälfte zurückgeschlichen, die nur wenige Straßen von Estebans Spelunke entfernt lag. Beide Teile des heruntergekommenen Double-Shotgun-House gehörten Estebans Cousin, mit dem Alfio sich als direkter Nachbar eine Wand und den Hintergarten teilte. Er vermietete Alfio eine Hälfte der Hütte für wenige Dollar im Monat und hatte offenbar genug Respekt vor seinem Verwandten – oder zumindest dessen Stammkämpfern –, um Alfio keine dummen Fragen zu stellen.

Für gewöhnlich würde Alfio sich nach einem solchen Kampf strategisch betäuben, um den aufgeputschten Wolf in die Ecke seines Bewusstseins zurückzutreiben, in die er gehörte. Doch diesmal lagen die Dinge anders. Alfio versuchte sich daran zu erinnern, wann er dem Tier das letzte Mal gestattet hatte zu jagen, und konnte es nicht. Der Wolf war ausgehungert. Das schwächte ihn – und geschwächte Tiere waren unberechenbar.

Alfio legte das Opium widerwillig beiseite und stand von dem ungeordneten Haufen aus alten Decken und Kissen auf, der ihm als Bett diente. Vor einem halbblinden Spiegel mit einem von Grünspan überzogenen Messingrahmen nahm er Aufstellung und betrachtete sein hohlwangiges Konterfei. Mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände umfasste er seine Nase. Atmete tief ein.

Es knackte unheilvoll, als Alfio den Druck an den Bruchstellen verstärkte. Der Schmerz, der bis in sein Hirn hinaufschoss, fühlte sich schlimmer an als der ursprüngliche Faustschlag, der ihn getroffen hatte, als er mit Adrenalin vollgepumpt gewesen war. Er blinzelte die Tränen ungeduldig weg, die der Reflex in seine Augen trieb, und rückte seine Nase knirschend gerade.

Dann wartete er.

Es dauerte ungewöhnlich lange, bis der stechende Schmerz in seinem Nasenbein abklang und die Knochen sich wieder zusammenfügten. Zu lange.

Alfio versuchte, diesen Gedanken zu vertreiben, und zog sein Hemd aus. Unzufrieden betrachtete er seinen Brustkorb im Spiegel. Die Blutergüsse waren mittlerweile verblasst, doch als er mit den Fingern über die einzelnen Rippen wanderte, spürte er immer noch ein schmerzhaftes Ziehen. Er atmete tief ein und fühlte die Bruchstellen der Knochen übereinanderreiben.

Alfio konnte die Warnsignale nicht länger ignorieren: Seine Heilkräfte ließen nach. Jede Faser seines unnatürlichen Körpers schrie nach Beute. Wenn Alfio sie ihm noch länger vorenthielt, würde der Wolf die Kontrolle mit Gewalt an sich reißen, und dann würden zahlreiche Unschuldige sterben. Ihm blieb nur eine Wahl: Er musste den Wolf freilassen – zu seinen eigenen Bedingungen – und hoffen, dass er sich zurückziehen würde, sobald er sattgefressen war. Bislang war es Alfio noch jedes Mal gelungen, seinen Körper zurückzuerobern, wenn die Jagd der Bestie vorüber war, auch wenn es mitunter Wochen, manchmal sogar Monate dauerte. Doch er hatte den Wolf auch noch nie zuvor so frustriert, noch nie so gereizt erlebt. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hatte er die Jagd so unverantwortlich lange hinausgezögert, weil er Angst hatte. Angst, dass er dem Wolf gegenüber jedes Recht verspielt hatte, sich denselben Körper mit ihm zu teilen. Angst, dass er es diesmal zu weit getrieben hatte. Angst, dass er vom nächsten Beutezug nicht mehr zurückkehrte.

Du kannst es ohnehin nicht verhindern, sagte er sich. Nur aufschieben. Und dadurch wirst du es nur schlimmer machen.

Wie es aussah, würde er sein Versprechen gegenüber Esteban brechen müssen. Er würde am nächsten Samstag wohl doch nicht in den Ring steigen. Anders als alle Kämpfe, die er für Esteban bestritt, war der Ausgang des Kampfes, der ihm nun bevorstand, ungewiss.

Mit einem letzten reuigen Blick auf das gut gefüllte Opiumsäckchen zog er sein Hemd wieder an, setzte seinen Hut auf und hüllte sich in seinen Mantel. Dann ging er hinaus in die klare Nacht.

II

In New Orleans musste man keine weiten Strecken zurücklegen, um die ersten tückischen Sümpfe zu erreichen, die mit einem Dickicht robuster Vegetation überwachsen waren. Mit der ersten Stadtbahn fuhr Alfio an die Peripherie der Stadt, anschließend ging er zu Fuß weiter. Schon nach einigen Stunden hatte Alfio das Gefühl, sich durch menschenverlassene Wildnis zu bewegen. Er orientierte sich am Bayou St. John und folgte dem Strom tief in den Sumpf. Nachdem er ein im Schilf liegendes Boot im Wasser gefunden hatte, dessen abgeblätterter Lack ebenso wie die verschimmelten Decken im Heck davon zeugten, dass sein Besitzer es vergessen oder aufgegeben hatte, ging er an Bord und stakte damit den Bayou entlang. Nach einer Weile mündete der Fluss über einen Kanal in den breiteren Mississippi River. Alfio manövrierte das Boot durch den reißenden Fluss, ließ sich von ihm tiefer und tiefer in unberührtes Sumpfgebiet tragen.

Ringsum zeugte ein Rascheln und Knacken und Wispern und Schleifen im Gebüsch von der Anwesenheit kleiner und großer Tiere, die seine Ankunft mit Skepsis oder sogar Furcht verfolgten. In das gleichmäßige Plätschern des Mississippi mischte sich gelegentlich ein lautes Platschen, wenn etwas die Flucht ergriff, das sich bislang am Ufer gerekelt hatte. Gefährlicher jedoch waren die Tiere, die fast lautlos durch das trübe Wasser oder über Laub und Farne glitten – Tiere im Schuppenkleid, deren geschlitzte Pupillen Alfio taxierten, um einzuschätzen, ob es sich bei diesem Neuankömmling um Beute oder Rivale handelte.

Diese Einschätzung würde ihnen schon sehr bald leichter fallen. Selbst die großen Reptilien des Sumpfes hatten seiner Schnelligkeit und seiner Körperkraft nichts entgegenzusetzen, sobald er jede Kontrolle fahren ließ. Bestimmt würde ihr kaltes Blut hochinteressant schmecken.

Er war bereits über vierundzwanzig Stunden unterwegs, als er schließlich aus dem Boot ans Ufer kletterte. So tief in den Sumpf würden sich nur Lebensmüde wagen. Obwohl er nur wenige kurze Pausen eingelegt hatte, fühlte er sich nicht erschöpft. Seine Sinne sangen wie gespannte Drahtseile. Die Aussicht auf die kommende Jagd erregte und belebte ihn auf eine Weise, die mit keiner anderen Empfindung vergleichbar war, und daran konnte auch seine Furcht nichts ändern. Die Lust der Jagd lag ihm im Blut.

Während sich der Horizont zwischen den dichten Baumkronen violett färbte und einen neuen Morgen ankündigte, legte Alfio seine Kleider ab. Es war Frühling, und ihm fröstelte, als er Hemd, Hose und Mantel sorgsam zusammenlegte und in einem umgestürzten, hohlen Baumstamm versteckte, dessen Wurzeln wie haltsuchende Finger aus dem aufgeschwemmten Sumpfboden ragten. Seine Stiefel und sein Hut folgten. Nackt wie Adam vor dem Sündenfall stand er inmitten ungezähmter Wildnis. Nackt, doch nicht schutzlos.

Die Vögel, die eben noch den neuen Tag begrüßt hatten, waren verstummt.

Alfio zitterte – nicht vor Kälte, sondern vor Anspannung. Er witterte das Leben ringsum, hörte die Pulse zahlreicher Tiere, spürte das Pochen ihrer kleinen Herzen bis in seine Fingerspitzen, als wären sie lediglich Verlängerungen seines eigenen Körpers.

Alles war Beute.

Seine Kopfhaut kribbelte, die Härchen an seinen Armen und seinem Nacken richteten sich auf. Seine Knie zitterten. Alfio suchte Halt an einem der umstehenden Bäume. Seine Nägel waren lang, schwarz und scharf. Als Alfio die Hand zur Faust ballte, hinterließen sie tiefe Wunden in der alten Borke.

Der Wolf knurrte.

»Ich habe keine Angst vor dir«, flüsterte Alfio. »Ich werde wiederkehren. Nichts wird mich davon abhalten, zurückzukommen.«

Er überstreckte den Nacken. Sank auf alle viere, als sein Rückgrat sich bog und den aufrechten Gang unmöglich machte. Seine krallenartigen Finger wühlten den schlammigen Boden auf.

»Ich. Habe. Keine. Angst.«

Wieder knurrte der Wolf.

Und Alfio knurrte mit ihm.

Seine erste bewusste Empfindung war Schmerz – ein Reißen, Brennen und Kreischen in seiner Brust, das Klopfen seines Pulses in seinen Fingern und an seinem Hals. Er kannte dieses Gefühl. Sein Herz wollte mehr Blut pumpen, als seine Venen fassten.

Alfio stöhnte. Wie immer nach der Jagd wusste er nicht, wie lange er weggetreten gewesen war oder was er getan hatte. Verschwommene Bilder von aufgesperrten Alligatorenrachen, davonhuschenden Opossums und um sich schlagenden Schlangenleibern zogen durch seinen Kopf, und in seinem Rachen saß der Geschmack von salzigem Fleisch. Der Wolf hatte gefressen. Hatte getötet.

Alfio richtete sich auf, fand jedoch keinen Halt im morastigen Boden. Er rutschte weg und klatschte geräuschvoll in den Schmutz zurück. Schlamm spritzte. Das Reißen in seiner Brust nahm zu. Alfio blickte an sich hinunter. Aus seinem nackten Oberkörper, der von einer dicken Schicht Blut und Schmutz verkrustet war, ragte der Griff einer Waffe.

Alfio presste die Augen zu. Tiere neigten nicht dazu, ihre Angreifer mit Waffen zu attackierten. Waffen bedeuteten Menschen. Dabei war er so sicher gewesen, dass sich nur Irrsinnige so tief in den Sumpf wagen würden. Offensichtlich hatte er sich getäuscht. Der Wolf hatte einen Menschen attackiert – vermutlich sogar mehr als einen. Und dann, als irgendjemand einen glücklichen Stich gegen das Tier geführt hatte und es nicht in der Lage gewesen war, den Schmerz zu beseitigen, hatte es sich feige zurückgezogen und Alfio in diesem beschädigten Körper zurückgelassen. Der Wolf war noch nie gut darin gewesen, Probleme zu lösen.

Vermutlich war die Attacke sogar ein Glücksfall gewesen. Es fühlte sich nicht so an, als wäre seit seiner Verwandlung sonderlich viel Zeit vergangen. Wer vermochte schon zu sagen, wie lange das Tier gejagt hätte, hätte dieses Messer es nicht vertrieben? Vielleicht Jahre. Vielleicht für immer.

Alfio grunzte unwillig und würgte den Gedanken gewaltsam ab. Mit einer Hand, die taub von Kälte und Blutverlust war, fasste er nach dem Messergriff zwischen seinen Rippen. Er brauchte einige Anläufe, ehe er die Finger fest genug um das raue Leder des Hefts geschlossen hatte, um die Waffe aus seinem Fleisch zu ziehen.

Überrascht sog er die Luft zwischen den Zähnen ein. Die Klinge saß fest. Er konnte sie keinen Fingerbreit bewegen. Da sein Körper bei der Rückverwandlung eilfertig jegliche Fremdkörper überwucherte, die sich noch in ihm befanden, hatte Alfio mit einem gewissen Widerstand gerechnet, doch das war absurd. Was sein Gewebe in die eine Richtung hatte teilen können, musste es schließlich auch in der anderen Richtung teilen können.

Er nahm die zweite Hand hinzu, und unter großer Kraftanstrengung gelang es ihm, die Klinge ein Stück weit hervorzuzerren; allerdings nur, indem er sie ruckartig hin- und herbewegte und die Einstichwunde großzügig ausweitete. Dabei musste er sich auf die Lippen beißen, um einen Schmerzlaut zu unterdrücken.

Er erkannte das Problem bereits, als er den feucht glänzenden Stahl wenige Fingerbreit aus seinem Torso befreit hatte. Offensichtlich hatte er es nicht mit einer normal geschliffenen Klinge zu tun. Diese hier war mit zahlreichen hässlichen Widerhaken versehen, die sich tief in sein Fleisch gegraben und dort verankert hatten. Welcher Schmied, der noch bei Verstand war, produzierte eine so sinnlos grausame Waffe? Ein solches Messer konnte nur einem einzigen Zweck dienen: Schmerzen zu bereiten. Zugegeben, Pfeile mit Widerhaken waren keine absolute Seltenheit, wenn auch nicht unbedingt die feine Art, aber ein Messer war noch einmal eine gänzlich andere Dimension. Etwas Vergleichbares hatte Alfio noch nie zuvor gesehen, nicht einmal im Folterarsenal der Genuinità.

Kein Wunder, dass der Wolf das Weite gesucht hat, dachte Alfio grimmig. Wie es aussieht, ist er an den falschen Gegner geraten. Der Gedanke hätte ihn mit Schadenfreude erfüllt, wäre da nicht sein Blut gewesen, das in Strömen über seine Finger lief, während er am mittlerweile glitschig gewordenen Messerheft herumzerrte.

Endlich kam die Klinge mit einem Ruck frei. Sie rutschte ihm aus den Fingern und versank ein Stück weit im Schlamm.

Alfio atmete schwer. Seine Arme fielen neben ihm zu Boden. Aus dem ausgefransten Loch zwischen seinen Rippen quoll Blut und vermischte sich mit dem Schlamm unter seinem Körper. Sein Kopf fühlte sich leicht an, und jedes Gefühl war aus seinen Fingern gewichen. Innerlich zählte er die Sekunden, wartete darauf, dass der Blutfluss versiegen würde. Doch das geschah nicht.

Wenn er noch einen Funken Energie in sich gehabt hätte, hätte er gelacht. Hatte er dem Wolf nicht die Führung überlassen, um neue Kraft zu tanken? Hatte er ihn nicht auf die Jagd geschickt, um seinen Heilkräften neuen Auftrieb zu geben? Und nun lag er ausblutend, frierend und missgelaunt in der Wildnis und war offensichtlich genauso geschwächt wie zuvor. Wenn nicht sogar noch mehr. Der Wolf hätte sich wenigstens sattfressen können, bevor er sich wie ein dummer Streuner hatte schächten lassen.

»Er wird wohl alt«, murmelte Alfio mit tauben Lippen und musste grinsen. Vielleicht war es auch bloß ein Zähnefletschen, er spürte sein Gesicht kaum. »Nach dreihundert Jahren wäre das … wohl das Mindeste.«

Seine eigene Stimme klang weit entfernt, als hätte jemand seine Ohren mit Watte verstopft. Obwohl seine Augen weiterhin geöffnet waren, hatte Schwärze sein Sichtfeld gefressen. Er glaubte zwar, dass sein Blick in den Himmel gerichtet sein musste, doch er konnte ihn nicht sehen. Immerhin ebbte der Schmerz in seiner Brust endlich ab. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass die lange überfällige Heilung einsetzte.

Oder ein Zeichen dafür, dass er kurz davorstand, zu verbluten.

Alfio war schon lange nicht mehr gestorben – bestimmt seit zwanzig Jahren nicht mehr. Doch gewisse Dinge verlernte man nie.

Er lief mit ausgreifenden Sprüngen über eine weite Ebene, über ihm ein stahlfarbener Himmel. Die Luft flirrte vor Hitze, doch trotz seines dicken Pelzes empfand er sie nicht als unangenehm. Er genoss es, wie die Luft beim Einatmen in seinen Atemwegen brannte und seine Lungen zum Singen brachte. Durch sie fühlte er sich lebendig.

Er war der Fährte eines großen Tieres bereits über einige Meilen hinweg gefolgt, konnte es aber immer noch nicht sehen. Allmählich begann er sich zu fragen, ob seine Sinne ihm vielleicht einen Streich gespielt hatten. Wenn es so gewesen wäre, hätte es ihn nicht einmal gekümmert. Solange er den heißen Wind spürte, der sein Fell durchwühlte, und die harte, von nur wenigen robusten Halmen durchbrochene Erde unter seinen Pfoten, hätte er ewig so laufen können.

Ewig … ewig …

Mitten im Schritt erstarrte Alfio. Der Wind war umgeschlagen und hatte ihm eine gänzlich andere Fährte zugetragen. Sein Kopf ruckte herum, seine Ohren zuckten nervös.

Das Land war so flach, dass Alfio meilenweit sehen konnte. Am Horizont, in der Windrichtung, aus der er gekommen war, stand eine Gestalt und blickte starr zu ihm herüber. Sie hatte vier Beine, wie er. Aber sie zeigte keine Furcht.

Ein Schaudern ergriff Alfio, an dem auch die Hitze nichts ändern konnte. Obwohl das Tier begriffen zu haben schien, dass er seine Anwesenheit bemerkt hatte, setzte es sich in Bewegung und kam auf ihn zu. Vermutlich war es ihm schon eine Weile gefolgt.

Du bist dreist genug, den Jäger zu jagen?, bellte Alfio ihm zu.

Und zu seiner Überraschung antwortete ihm das Tier, mit einer Stimme, die viel zu nah war: Ich bin mutig genug, die Bestie zu jagen. Und als es einen Satz vorwärts machte, war es plötzlich unmittelbar vor Alfio, und es hatte Reißzähne und gelbe Augen, in denen wilder Hass loderte. Mit einem Geifern stürzte es sich auf Alfios Kehle, und Alfio schrie und schrie und schrie …

Ewig.

»Ist er tot? Er sieht ziemlich tot aus.«

»Wenn er tot ist, begraben wir ihn hinter dem Haus? Ich weiß noch, wo die Schaufel liegt.«

»Wieso darfst du ihn begraben? Ich will das machen.«

»Du kannst das nicht. Mädchen begraben keine Leute. Die waschen höchstens die Leichen.«

Ein dumpfer Schlag von Haut auf Haut.

»Mamá, Felicia schlägt mich schon wieder!«

»Gar nicht wahr.«

»Jetzt lügt sie auch noch!«

»Hey, der Tote wacht auf!«

»Jetzt will sie nur ablenken.«

»Nein, wirklich, schau doch!«

Alfio setzte sich stöhnend auf. Die kleinen, hohen Stimmen ringsum taten ihm in den Ohren weh – und das waren nicht die einzigen Schmerzen, die er spürte. Mit einer Hand tastete er über seinen Brustkorb. Jemand hatte einen Verband um seinen Oberkörper gewickelt. Alfio machte Anstalten, ihn abzunehmen.

»Tio, komm schnell, der Tote macht, was er nicht machen soll!«

»Geht mal beiseite, ihr Quälgeister. Na los, trollt euch, wir brauchen euch hier nicht.« Eine schroffe, aber warme Stimme mischte sich ein. Eine Stimme, die Alfio kannte.

Wo war er überhaupt? Eben war er noch tief in den Sümpfen Louisianas gewesen, und nun lag er hier in … was? Einer Kinderstube?

Nach einigen Protesten erklang das Trappeln kleiner Füße, gefolgt von einer zuschlagenden Tür, dann kehrte fast so etwas wie Ruhe ein.

»White?«

Alfio wandte den Kopf und blickte geradewegs in das von zahlreichen Linien durchzogene, abgehärmte Gesicht von Esteban.

»Wo … wo bin ich?«, fragte Alfio.

»Bei mir zu Hause.« Esteban zwang ein Lächeln auf seine Lippen. »Wasser? Du musst am Verdursten sein.« Er griff nach einer Karaffe, die auf einem grob gezimmerten Beistelltisch stand. Alfio legte eine Hand auf Estebans Unterarm und hielt ihn ab.

»Ich will kein Wasser. Ich will Antworten.«

Estebans Lächeln wich nicht, wurde jedoch erheblich bitterer. »Glaub mir, Junge, die will ich auch.«

Alfio ließ den Blick über das hohe, karg eingerichtete Zimmer schweifen. Er saß auf einem Bett, in Laken, die zwar löchrig und grau gewaschen waren, aber sauber rochen. Ein Jesusbild an der Wand und kunstvoll verzierte Holzleisten, die den Übergang zwischen Wand und Decke bildeten, stellten den einzigen Schmuck dar.

»Dein Haus?«, fragte Alfio.

Esteban nickte. »Und mein Zimmer.«

»Ich liege in deinem Bett.«

»Du hattest es dringender nötig als ich.«

»Ich verstehe nicht, wie ich hier herkomme. Wie hast du mich gefunden?«

»Das war nicht weiter schwierig.« Esteban wich seinem Blick aus. »Du lagst vor deiner Hütte. Bewusstlos. Verdreckt. Blutend. Und … nackt. Rafael hat dich gefunden. Er hat dich ins Haus getragen, mich verständigt. Ich bin froh, dass er mich rief und nicht sofort einen Arzt holte – der hätte womöglich gemerkt, dass du ein wenig … anders bist als die meisten seiner Patienten. Ich meinte, es wäre besser, dich hier herzubringen, zu uns. Verwundete sollten nicht alleine sein.«

»Dein Cousin hat mich vor meiner Haustür gefunden?« Alfio schüttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn.«

»Das ist es, was dir Sorgen macht? Dass du vor deiner Hütte lagst? Nicht etwa, dass du blutgebadet und unbekleidet warst?«

»Danke für deine Gastfreundschaft.« Alfio schwang die Beine über den Bettrand. »Ich strapaziere sie besser nicht länger. Wir sehen uns beim nächsten Kampf.«

»Du wirst jetzt nicht einfach gehen!« Esteban wurde laut. »Du warst vier Tage lang verschollen! Niemand wusste, wo du warst! Und dann tauchst du plötzlich mit einer Stichwunde wieder auf und willst mir nicht einmal sagen, was passiert ist? Ich habe letzte Nacht wegen dir kein Auge zugemacht, du egoistischer Saukerl!«

Alfio blinzelte überrascht. Mit diesem Ausbruch hatte er wahrhaftig nicht gerechnet. »Esteban, ich … Ich wusste nicht …« Er räusperte sich. »Ich bin nicht gewöhnt, dass sich jemand um mein Wohlergehen sorgt.«

Esteban grummelte etwas Unverständliches und schenkte Wasser in einen bereitgestellten Becher. »So ist das nicht«, sagte er, ohne von seinem Tun aufzublicken. »Es ist nur … wegen der Kämpfe. Du weißt schon.«

»Wegen der Kämpfe«, echote Alfio. »Natürlich.«

»Im Übrigen solltest du so sowieso nicht vor die Tür«, murmelte Esteban. »Du hast nichts an.«

Alfio blickte an sich herab und stellte fest, dass Esteban recht hatte. Alfios eigenes Schamgefühl war nicht sonderlich stark ausgeprägt – eine Bürde, die, wie er wusste, die meisten Wolfsmenschen trugen –, doch da Estebans Gesicht mittlerweile hochrot angelaufen war, zog er beiläufig die Decke wieder über sich.

»Also?« Mit einem Knall stellte Esteban die Karaffe ab. Seine Stimme klang eine Oktave höher als üblich. Er räusperte sich übertrieben. »Wie kam es dazu?« Er deutete auf Alfios bandagierten Oberkörper. »Und wo hast du dich in den letzten Tagen rumgetrieben? Du bist mir keine Rechenschaft schuldig, darauf hatten wir uns geeinigt, aber in diesem Fall … Wenn mein bester Kämpfer schon sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzen muss, will ich wenigstens wissen, warum. Das ist ja wohl kaum zu viel verlangt.«

Nur vier Tage, hatte Esteban gesagt. Länger war Alfio nicht in den Sümpfen gewesen. Der Wolf hatte offenbar tatsächlich kein Jagdglück gehabt. »Ich hatte etwas zu erledigen«, sagte Alfio. »Und bin dabei an die falschen Leute geraten. Das ist alles.«

»Das ist alles, ja?« Esteban verschränkte seine behaarten Arme vor der Brust. »Ich habe dich kämpfen sehen, White. Willst du mir etwa weismachen, es gibt auf Gottes grüner Erde irgendeinen Gegner, der dich überrumpeln kann?«

»Offenbar.« Weil er merkte, wie Esteban immer missgelaunter wurde, griff er nach dem Wasserbecher und trank ein paar Schlucke, um ihn ein wenig milder zu stimmen. »Ich weiß nicht, wer mich angegriffen hat«, sagte er, als er den Becher wieder abstellte. »Das ist die Wahrheit. Ich erinnere mich nicht.«

Estebans dichte Augenbrauen rutschten nach oben. »Du erinnerst dich nicht? Wegen der Wunde?«

»Nein. Nein, nicht deswegen.« Alfio überlegte, wie viel er Esteban anvertrauen wollte. Er betrachtete das Bett, in dem er saß – Estebans Bett –, den sorgfältig gebundenen Verband und nicht zuletzt seine von Blut und Schlamm gereinigte Haut. Überrascht stellte er fest, dass er Esteban vertrauen wollte. Doch auch van Streiken hatte seine Wunden versorgt – bevor er dazu übergegangen war, ihm selbst welche zuzufügen. Wenn er eines gelernt hatte, dann, dass man nicht in einen Menschen hineinblicken konnte.

»Es ist kompliziert«, sagte Alfio schließlich. »Ich habe von Zeit zu Zeit Erinnerungslücken.«

»Hängt es damit zusammen, dass deine Wunden so schnell heilen?«, wollte Esteban wissen.

»Ja.«

Esteban schien nachzudenken. »Ich verstehe, dass du mir nicht alles sagen kannst«, meinte er schließlich. »Und vermutlich will ich es auch gar nicht so genau wissen. Aber eine Sache musst du mir erklären.« Sein Blick fixierte den von Wundwasser gelblich verfärbten Verband auf Alfios Brust. »Wieso hat sich diese Wunde nicht geschlossen? Ich habe dich schon weit schlimmer zugerichtet gesehen. Aber diesmal war es anders. All das Blut …« Er schauderte sichtlich. »Es hörte nicht auf. Es hörte einfach nicht auf. Das war beängstigend.«

Alfio schüttelte den Kopf. »Du musst dich irren. Sie hat sich geschlossen. Es hat nur länger gedauert als üblich.« Er begann, den Verband abzulösen.

»Das solltest du nicht tun«, warnte Esteban.

Alfio hörte nicht auf ihn. Er löste mehrere Schichten Mullbinden ab. Dann erstarrte er mitten in der Bewegung. »Was ist das?« Mit den Fingern betastete er den Schorf, der sich über dem großen, ausgefransten Loch zwischen seiner vierten und fünften Rippe gebildet hatte.

»Du hattest recht. Es sieht schon erheblich besser aus.« Esteban klang erleichtert. »Als wir den Verband anlegten, war es, als könnten wir direkt in dich hineinsehen. Kein schöner Anblick, das kann ich dir versichern.«

Vorsichtig löste Alfio etwas von dem Schorf mit seinem Fingernagel. Warme Feuchtigkeit brach darunter hervor, und ein dünnes, hellrotes Rinnsal lief an seinem Bauch und seiner Hüfte herab und versickerte in den Laken.

»Tu das besser nicht.«

»Da sollte nicht mehr als eine Narbe zu sehen sein«, murmelte Alfio. »Meine Heilkräfte sind in den letzten Tagen ein wenig schwächer geworden, aber die Verletzung muss doch schon Stunden her sein.«

»Wir haben dich gestern hergebracht«, sagte Esteban leise. »Du warst über einen Tag lang ohne Bewusstsein.«

Alfio starrte ihn an. »Das ist absolut unmöglich.«

»Es ist aber so.«

Alfio schüttelte den Kopf. »Bist du sicher, dass ich bewusstlos war? Habe ich noch geatmet? Hatte ich einen Puls?«

Esteban wurde bleich. »White … fragst du mich etwa, ob du gestorben bist? Du redest doch mit mir! Wie kannst du da gestorben sein? Das ist doch irrsinnig …«

Alfio hörte ihm kaum zu. »Ich muss tot gewesen sein. Verblutet. Ich war noch nie länger als wenige Stunden bewusstlos. Aber selbst das erklärt nicht, warum die Wunde noch so … so frisch aussieht.« Erneut löste er etwas Schorf ab. Das Rinnsal verbreitete sich. Mittlerweile waren Laken und Verband mit roten Sprenkeln durchsetzt, und Blut klebte unter seinen Fingernägeln.

»Himmel, würdest du bitte damit aufhören?«

Alfio blickte auf. Estebans Stimme hatte vor mühsamer Beherrschung gezittert.

»Willst du mir etwa erklären«, fuhr er mit immer noch bebender Stimme fort, »dass es zu deinem Alltag gehört, zu sterben und … und wieder aufzuwachen? Du kehrst von den Toten zurück?«

Alfio bereute, dass er davon angefangen hatte. »Ich dachte, du wüsstest das.«

»Ich wusste, dass du Wunden überlebst, die jeden anderen Mann niederstrecken. Aber nicht, dass du wie … wie ein verdammter Untoter aus dem Grab aufsteigst, wenn man dich erledigt.«

»Ganz so ist es nicht«, log Alfio.

Esteban schien ihm gar nicht zuzuhören. »Ja … nein …« Fahrig fuhr er sich mit einer Hand durch sein ohnehin zerzaustes Haar und brachte es noch mehr in Unordnung. »Ich sollte einen Topf Brühe aufsetzen, du bist doch sicher hungrig.« Seine Augen zuckten zu Alfio. »Du … du isst doch, nicht wahr?« Offenbar fiel ihm eben ein, dass er Alfio noch niemals Nahrung hatte zu sich nehmen sehen.

»Ja.« Wieder ging ihm diese Unwahrheit spielend über die Lippen. Er wollte Esteban nicht noch mehr verunsichern, indem er über seine ungewöhnlichen Essgewohnheiten sprach. Und außerdem wirkte er ganz so, als würde er ein paar Minuten für sich brauchen, um diese neue Erkenntnis zu sortieren. »Ein Teller heiße Brühe wäre jetzt genau das Richtige.«

Esteban nickte unbestimmt und ging in Richtung Tür. Auf halbem Weg wandte er sich nochmal um und deutete auf Alfio. »Du bleibst hier!«, befahl er. »Wenn ich wiederkomme und du hast das Weite gesucht, kannst du dir dein Opium zukünftig selbst pflücken, kapiert?«

»Ich bleibe hier, keine Sorge«, versprach Alfio.

Esteban wirkte wenig überzeugt, verließ das Zimmer jedoch und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Sobald er allein war, verdunkelte sich Alfios Miene. Wieder betrachtete er die Wunde in seiner Brust. Die Stellen, an denen er den Schorf abgelöst hatte, waren von mittlerweile getrocknetem Blut verschlossen. Zu langsam. All das passierte viel zu langsam. Alfio begriff nicht, was mit ihm geschah. Zwar ging der Heilprozess immer noch schneller vonstatten als bei einem gewöhnlichen Menschen, doch so schleichend waren seine Verletzungen noch nie geheilt. Sein erster Gedanke war gewesen, dass die Klinge, die ihn durchbohrt hatte, vielleicht mit dem Speichel eines Unsterblichen versetzt gewesen war, doch dann wären seine übernatürlichen Genesungskräfte für diese Wunde völlig außer Kraft gesetzt gewesen. Esteban hatte recht: Die Wunde heilte immer noch schnell. Aber eben nur nach sterblichen Maßstäben. Wie er es auch drehte und wendete, es ergab keinen Sinn.

Er schreckte aus seinem Grübeln hoch, als die Tür sich wieder öffnete. Anstelle von Esteban kam jedoch eine kleine, stämmige Frau ins Zimmer, die ihr seidig schwarzes Haar zu einem strengen Knoten hochgebunden hatte. Ihre Haut war ebenso wie die Estebans karamellbraun.

Ihr Blick fiel auf Alfios halb gelösten Verband. »Das sollten Sie besser bleiben lassen«, meinte sie im Tonfall einer Feststellung. »Warten Sie, ich mach das.« Sie ging vor ihm in die Hocke und machte sich an der Gaze zu schaffen. Alfio wich irritiert zurück.

Sie wirkte amüsiert. »Kein Grund, schüchtern zu sein. Was glauben Sie, wer Ihnen den Dreck von Ihrem Prachtkörper gewaschen hat?«

Alfio räusperte sich. »Esteban«, sagte er wahrheitsgemäß.

»Stimmt. Aber ich hab geholfen. Und den Verband hab ich Ihnen allein angelegt. Deswegen weiß ich es auch nicht zu schätzen, dass Sie daran herumfummeln.«

Als sie erneut nach ihm griff, ließ er es zu. Stirnrunzelnd beobachtete er sie dabei, wie sie die Mullbinden wieder fest um seinen Torso wickelte und ihm dabei so nahekam, dass er die Seife in ihrem Haar riechen konnte. Seine Nacktheit schien sie, im Gegensatz zu Esteban, nicht sonderlich zu beunruhigen.

Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf und betrachtete ihre Arbeit abschätzend. »So, sieht doch wieder ganz ordentlich aus. Vielleicht haben Sie ja diesmal die Güte, die Finger davon zu lassen. Blutflecken gehen nur schwer wieder raus, und Sie haben schon bei Ihrer Ankunft einige meiner schönsten Laken ruiniert.« Missbilligend betrachtete sie die roten Flecken in der Bettwäsche.

»Das war nicht meine Absicht. Ich nehme an, Sie sind Estebans Frau?«

Sie lachte so heftig, dass ihr ein undamenhaftes Grunzen durch die Nase schlüpfte. »Seine Frau? Himmel, nein! Ich bin Gracia, seine Schwester.«

Diese Frau hatte ein seltsames Talent dafür, Alfio vor den Kopf zu stoßen. »Oh, ich dachte …«

»Sie dachten falsch, mein Lieber.«

»Und die Kinder, die hier vorhin im Zimmer waren …«

»Sind meine«, ergänzte Gracia. »Kleine Satansbraten.« Die Wärme und Zuneigung, die in dem letzten Wort mitschwang, stand in absurdem Gegensatz zu seiner Bedeutung.

»Mein Name ist …«

»Oh, ich weiß sehr gut, wer Sie sind«, unterbrach Gracia ihn. »Esteban spricht ununterbrochen von Ihnen. Und seit Sie blutüberströmt und nackt durch unsere Haustür getragen wurden, höre ich ihm dabei sogar gelegentlich zu.« Alfio kam nicht umhin, sich unter ihrem eindringlichen Blick unwohl zu fühlen. »Ich bin froh, dass es Ihnen besser geht. Esteban war ganz krank vor Sorge.«

»Ich bringe ihm eben gutes Geld ein. Er will seinen besten Kämpfer nicht verlieren.«

Gracia gab ein verächtliches Schnauben von sich. »Sie sind mir ja einer, Mr. White! Da kratzt Sie jemand vom Bürgersteig, gibt Ihnen sein Bett, wäscht und umsorgt Sie, und Sie denken, es ist nur wegen ein paar Dollar?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

Er begriff, dass er etwas grundlegend Falsches gesagt hatte. »Ich wollte nicht undankbar erscheinen«, versicherte er ihr. »Ich wollte nur …«

»Vergessen Sie’s.« Alfio war froh, dass Gracia ihm das Wort abschnitt, denn er hätte nicht gewusst, wie er den Satz beenden sollte. Allmählich fragte er sich, ob er womöglich noch im Delirium lag und fantasierte. Das alles fühlte sich schrecklich unwirklich an.

»Sie arbeiten doch schon seit Monaten mit ihm«, fuhr Gracia fort. »Kommt es Ihnen so seltsam vor, dass jemand Sie nicht nur wegen Ihrer Kampfkraft, sondern als Person schätzen gelernt hat?«

»Ja«, sagte Alfio, ohne nachzudenken.

»Dann haben Sie mein aufrichtiges Mitgefühl.« In Gracias Stimme lag keinerlei Häme. »Ihr Leben war wohl nicht gerade einfach, wenn Sie Ihre Mitmenschen so einschätzen. Doch andererseits, wessen Leben ist das schon?«

Sie schwiegen eine Weile. Draußen hörte Alfio Esteban mit den Kindern reden. Es klang, als würde er sie schelten, doch kurz darauf wurde ausgelassen gelacht. Auch Esteban lachte – ein dröhnender Laut, der nicht zu dem schmächtigen Wicht passte. Hatte er den drahtigen Spanier überhaupt jemals aufrichtig lachen gehört? Er konnte sich nicht erinnern.

Alfios Gefühl der Surrealität und der Deplatziertheit verstärkte sich. Er gehörte nicht in dieses Familienidyll.

»Ich dachte eigentlich immer, Esteban müsste reichlich Geld besitzen«, sagte Alfio und strich über die löchrigen Laken. Sein Blick wanderte über die schmucklosen Wände.

Gracia lachte hart und humorlos. »So, dachten Sie das? Eine vierköpfige Familie zu ernähren, geht ins Geld, Mr. White. Und auch das Betreiben der Bar, das Auszahlen der Gewinne und der Wettschulden ist nicht billig. Wir sind froh, wenn uns genug für die Miete und eine warme Mahlzeit am Tag bleibt.«

»Ich hatte keine Ahnung«, gestand Alfio. Nun verstand er etwas besser, warum Esteban den Dandy um seinen Gewinn hatte erleichtern wollen. Dreihundert Dollar waren eine Menge warme Mahlzeiten. »Esteban spricht selten über Sie, und wenn man ihn in der Bar oder bei den Kämpfen sieht, ist es schwer vorstellbar, wie sein Privatleben aussieht. Hinter dem Tresen und im Ring ist er …«

»Anders?«, bot Gracia an.

»Härter«, verbesserte Alfio.

Um Gracias Lippen zuckte es spöttisch. »Mein Bruder verdient Geld in einer Branche, in der man Stärke zeigen muss, Mr. White. Man muss eine undurchschaubare Maske tragen, seine wahre Natur verbergen, darf niemals Schwäche zeigen. Aber bestimmt verstehen Sie davon nichts – schließlich sind Sie ein Teil der Welt, vor der er sich verbergen muss.«

»Doch«, widersprach Alfio leise. »Ich denke, ich verstehe das sehr gut.«

Gracias Augenbrauen hoben sich. »Ich hoffe, Sie wissen sein Vertrauen in Sie zu würdigen. Die meisten seiner Kämpfer dürften seinen Neffen und seine Nichte nicht einmal zu Gesicht bekommen, wenn armdicke Stahlgitter sie voneinander trennten.«

»Warum vertraut er ausgerechnet mir?«

Gracia lächelte überraschend warm. »Weil er Sie mag, Sie Dummkopf. Doch ich soll verdammt sein, wenn ich weiß, warum. Auf mich wirken Sie ziemlich ordinär – abgesehen vielleicht von der einen oder anderen körperlichen Besonderheit.«

»Sie wissen es?«, entfuhr es Alfio. »Natürlich. Sie haben die Wunde gesehen. Und Sie wirkten nicht überrascht.«

»Selbstverständlich weiß ich es.«

Alfio konnte sein Erstaunen nicht verhehlen. »Esteban hat es Ihnen erzählt?«