Wolken die nach Zukunft schmecken - Rhiana Corbin - E-Book

Wolken die nach Zukunft schmecken E-Book

Rhiana Corbin

4,0

Beschreibung

Noraly White betreibt in der Küstenstadt Cap Charles eine kleine Frühstückspension. Sie kümmert sich rührend um ihre Stammgäste. Merkwürdig kommt ihr nur ein Gast vor: Aden Black. Ein gut aussehender Geschäftsmann, der sich auffällig für ihre Pension interessiert. Die weiblichen Gäste liegen ihm zu Füßen, die Männer halten ihn für einen Ehrenmann. Das liegt nicht nur daran, dass er der Trauzeuge von Maddox Reed, ihrem Jugendfreund ist. Nora will nicht auf Blacks Flirtversuche hereinfallen, denn seit dem Tod ihrer Mutter, lässt sie niemanden an sich heran. Jedoch sie muss sich anstrengen, seinem Charme nicht zu verfallen. Als sie erfährt, wer Aiden ist, bereut sie ihre Schwäche ... Der Roman ist abgeschlossen, ohne Cliffhanger ...

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Seitenzahl: 166

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Rhiana Corbin

Wolken die nach Zukunft schmecken

Wolken die nach Zukunft schmecken

Rhiana Corbin

Inhalt

1. Noraly

2. Aiden

3. Noraly

4. Noraly

5. Aiden

6. Noraly

7. Aiden

8. Noraly

9. Noraly

10. Noraly

11. Aiden

12. Noraly

13. Noraly

14. Noraly

15. Aiden

16. Noraly

17. Noraly

18. Aiden

19. Noraly

20. Aiden

21. Noraly

22. Aiden

23. Noraly

Danksagung

Leseprobe

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2019, Rhiana Corbin

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung

1. Auflage

Covergestaltung: Andrea Wölk

Unter Verwendung folgender Fotos:

© pha88 by shutterstock.com

Andrea Wölk, Lutherstr. 16, 46414 Rhede

www.mybooklove.de

1

Noraly

Meine beste Freundin unter die Haube zu bekommen schien ein schwieriges Unterfangen. Vor wenigen Sekunden hatte Ireland noch am Altar gestanden, jetzt sah mich Maddox, ihr Bräutigam, mit großen Augen an.

»Wo ist sie hin?«, zischte er mir zu.

Ich unterdrückte das Bedürfnis, meine Schultern zu heben. Blickte den Kirchengang entlang, den Ireland gerade hinuntergelaufen war. Wohlgemerkt, bevor sie Maddox das Ja-Wort gegeben hatte.

Die Stille in der Kirche wurde nur durch das Prasseln des Regens gegen die langen Bleiglasfenster unterbrochen. Ein Schauer ging über Cap Charles nieder, der sich gewaschen hatte. Da niemand Anstalten machte, Irelands Verschwinden auf den Grund zu gehen, erhob ich mich und lief ebenfalls den Gang entlang. Meine hohen Schuhe klackerten laut auf dem Steinboden. »Ich bin gleich wieder da«, rief ich den anderen Gästen über meine Schulter zu, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob dieses gleich der Wahrheit entsprach.

Als ich durch das Kirchenportal trat, blieb ich abrupt stehen. Es regnete wirklich Bindfäden. Aber ich musste jetzt dort hinaus, daran ging kein Weg vorbei. Traurig blickte ich an meinem eleganten langen Kleid hinunter. Es war aus hellblauer Wildseide, ganz schlicht geschnitten, aber wunderschön. Ich würde es mir ruinieren. Aber was war schon ein Kleid gegen ein Lebensglück? Ich tastete nach meinen hochgesteckten Haaren. Meine Frisur würde sich in Sekunden in Luft auflösen und ich wie ein begossener Pudel aussehen.

Scheiß drauf.

Ich hob mein Kleid an und wollte in den Regen hinauslaufen, als eine tiefe Stimme hinter mir erklang. »Wir sollten den Regenschirm nehmen.« Jemand spannte einen großen dunklen Schirm über meinem Kopf auf. »Wo kann sie hingelaufen sein?«

Ich blickte zu meinem Retter auf. Es war der Trauzeuge des Bräutigams. Er war mir schon in der Kirche aufgefallen. Ich kannte seinen Namen nicht, weil er bei den Proben gefehlt hatte, doch er war mir durch sein schönes Gesicht und die stattliche Größe aufgefallen. Vermutlich war er heute Morgen erst angereist. San Francisco, wenn ich es richtig in Erinnerung hatte. Man sah es ihm an, er wirkte in der kleinen Küstenstadt Virginias so fehl am Platz, wie ein Kühlschrank am Nordpol.

»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, aber weit kann sie ja noch nicht sein«, beantwortete ich seine Frage.

»Sind Sie die Schwester der Braut? Sie sehen ihr so ähnlich.«

»Das ist sehr schmeichelhaft, aber ich bin nur die beste Freundin«, erklärte ich mit einem Lächeln. Er wollte charmant sein, was ich echt süß fand. Aber Ireland war die wunderschöne Freundin, die neben einem in der Klasse gesessen hatte. Die Abschlussballkönigin, die Freundin des Quarterbacks. Ich hingegen war die beste Freundin, die mit den farblosen Haaren, den Sommersprossen auf der Nase, die nur beachtet wurde, weil sie die Freundin der Schönheit war. Ich schloss kurz meine Augen. Was waren das denn jetzt für Gedanken? Wir waren seit mehr als zehn Jahren aus der Schule und immer noch fühlte ich mich wie das hässliche Entlein?

Ich konzentrierte mich wieder auf mein Gegenüber. Wie alt mochte er sein? Vermutlich Anfang Dreißig, sah verteufelt gut aus in seinem dunkelblauen Smoking, den er trug. Obwohl er dieses Bad Boy Lächeln zur Schau trug, und ich mich generell von solchen Männern fernhielt, gefiel er mir, das konnte ich nicht leugnen.

»Und Sie sind der Trauzeuge?«

Er nickte. »Aiden Black, wenn ich mich vorstellen darf.« Er reichte mir die Hand.

»Ich bin Noraly«, erklärte ich. »Noraly White.« Ich ergriff seine Hand. Er hatte schöne Hände. Bestimmt ging er einer Tätigkeit nach, bei der er nicht mit den Händen arbeiten musste. Vermutlich war er Rechtsanwalt, sowas in der Art. Ich mochte Männer mit schönen Händen. Und mit einem schönen Lächeln. Er lachte und es erreichte seine Augen, verursachte dort kleine Fältchen, die ihn sehr sympathisch aussehen ließen. »Ist das ein Zufall? Sie White und ich Black?«, fragte er.

Erst jetzt ging mir auf, was er meinte. Unsere Nachnamen. Er Schwarz und ich Weiß. Ja, das war wirklich ein lustiger Zufall. Ich nickte und grinste dümmlich.

»Dann wollen wir mal die entlaufene Braut wieder einfangen«, meinte er knapp, legte den Arm schützend um meine Schultern und lief mit mir in den Regen hinaus. »Wo wollen wir anfangen?«, fragte er mich.

Eine Schande, dass ich als Trauzeugin nicht wusste, wohin meine beste Freundin entschwunden sein konnte. Wir liefen die Straße hinab, die von der Kirche wegführte.

»Wo finden wir die nächste Bar?«, fragte er. Ich lief schnell neben Aiden her, weil er so große Schritte machte.

»Eine Bar?«, fragte ich verwundert und wurde langsamer.

»Nun, es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht schon mal in einem Film gesehen«, erklärte er grinsend. »Das ist das Lampenfieber. Bräute kneifen schon mal, wenn sie vor dem Altar stehen und es ernst wird. Dann rennen sie davon.«

»Ich dachte immer, es wäre der Bräutigam, der kalte Füße bekommt.«

Er schüttelte energisch den Kopf. »Nicht Maddox. Er steht zu seinem Wort.«

»Dann sollten Sie ihn vielleicht heiraten«, schlug ich ihm vor und grinste. »Aber das sind Sie ja sicherlich schon.«

»Geschieden, nach sechs Monaten Ehe. Meine Frau hat mich für ein jüngeres Model ausgetauscht. Wesentlich jünger.« Die letzten beiden Worte betonte er sorgsam und verdrehte die Augen.

»So alt scheinen Sie aber gar nicht zu sein.«

»Vierunddreißig, da kann man mit einem Dreiundzwanzigjährigen nicht mithalten.«

Ich schüttelte lachend den Kopf. Das war echt absurd. Er sah umwerfend aus, war in blendender Verfassung, wenn man sich seinen Sprint so ansah. Welche Frau ließ so ein Musterstück laufen?

Wir wandten uns der linken Straße zu, sprangen über Pfützen. Der Regen wurde immer dichter. Der Saum meines Kleides war schon durchnässt, als wir auf das Old Spice zuliefen. Es war eine Kneipe, die von Henry betrieben wurde. Henry lebte schon immer in Cap Charles. Er gehörte sozusagen zum Inventar, er war eben auch Old Spice.

In der Kneipe war es ziemlich dunkel, die üblichen Verdächtigen saßen auf ihren Barhockern und starrten in ihre Gläser, dessen Inhalt schon schal war.

»In der Damentoilette«, rief Henry mir zu und nickte in die Richtung.

»Das ist dann ja wohl ein Fall für mich. Ich bin gleich wieder da«, rief ich Mr. Sexy-Black zu, raffte meinen Rock und lief in den hinteren Teil der Bar.

Ich stieß die Tür zu den Toiletten auf und da stand sie. Gebeugt über dem Waschbecken und spülte sich den Mund aus.

»Ein Glück, dass du nicht eher gekommen bist, sonst hättest du mich mit dem Kopf über der Kloschüssel entdeckt«, murmelte sie und sah mich missmutig an.

»Was ist mit dir?«, fragte ich besorgt.

»Nervöser Magen, kalte Füße oder schwanger?«, zählte ich die Alternativen auf.

»Such dir was aus, alles drei kommt infrage.« Ireland richtete sich auf, blickte mich hilfesuchend an.

Ich ging langsam auf sie zu. »Nun, zuerst würde ich mal den Vater des Kindes heiraten. Über den nervösen Magen und die kalten Füße kannst du dir später immer noch Gedanken machen.«

Sie sah mich ernst an, dann brach sie in lautes Lachen aus. »Echt jetzt? Das soll der Rat einer besten Freundin sein?« Sie schüttelte den Kopf und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

»Ja, und wenn du länger darüber nachdenkst, ist es der beste Rat der Welt. Maddox Reed ist der tollste Mann, den du dir wünschen kannst. Er liebt dich und wird dich auf Händen tragen. So einen Mann muss man erst mal finden. Nur schade, dass er gerade in einer Kirche wartet, weil ihm seine Braut abhandengekommen ist.«

Plötzlich sah Ireland mich ernst an. »Glaubst du, ich tue das Richtige?«

Ich löste mich von der Tür und griff nach ihren Händen, drückte sie fest. »Wer weiß schon im Vorhinein, ob er das Richtige tut. Das weiß man doch immer erst hinterher. Tu das, was dein Herz für richtig hält. Folge deinem Verstand in die Richtung, die dein Herz vorgibt, hat meine Mutter immer gesagt. Also Ireland, was wirst du tun? Da draußen sitzt nämlich ein verdammt heißer Typ, der euer Trauzeuge ist und ich würde gerne mehr über ihn herausbekommen.«

»Aiden?«, fragte Ireland verblüfft.

»Ja. Aiden Black trifft auf Noraly White! Wenn da nicht das Schicksal seine Hände im Spiel hat.« Ich verdrehte die Augen und Ireland grinste. »Na komm schon, lass uns endlich heiraten.« Ich hielt ihr beide Hände entgegen.

Sie nickte.

»Warte«, ich hielt sie zurück. »Bist du wirklich schwanger?«, wollte ich wissen.

Ireland sah mich an, dann nickte sie. »Verrückt oder? Ich und Mutter, das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Irrtum, du bist die Einzige, die ich mir als Mutter vorstellen kann. Herzlichen Glückwunsch, Baby.« Ich drückte sie an mich und einen sanften Kuss auf die Wange. »Mit dir wird es wirklich nie langweilig.«

»Bitte verrate noch nichts. Maddox weiß es noch nicht. Ich will warten, bis sich der richtige Moment ergibt.«

»Natürlich, dein Geheimnis ist bei mir sicher.« Ich öffnete die Tür und schob sie in den Gastraum hinaus, wo sie vom Beifall der Stammgäste erwartet wurde.

Aiden trat auf uns zu. Er hatte sich an der Bar mit Henry Schuman unterhalten. »Alles klar?«, fragte er und seine grauen Augen musterten uns abwechselnd.

Ich war ein wenig geflasht. Er nahm den ganzen Raum für sich ein. Die Leute beobachteten jede seiner Bewegungen, hingen quasi an seinen Lippen. So etwas hatte ich noch nie gesehen, zumindest nicht bei einem Mann. Ireland kannte es aus eigener Erfahrung. Wenn sie den Raum betrat, zog sie stets alle Blicke auf sich. Daher wunderte es mich ein wenig, dass sie sich für einen Mann wie Maddox entschieden hatte. Er war ein sehr ruhiger Kerl, gut aussehend, aber ein stiller, lieber Mensch, der die große Bühne eher mied. Ein Aiden Black würde meines Erachtens viel besser zu ihr passen. Doch er war nun mal nicht in Cap Charles aufgewachsen. Obwohl Ireland die große weite Welt liebte, würde sie wohl an keinem anderen Ort wohnen wollen. Ein Spleen, den ich auf jeden Fall mit ihr teilte.

Ich war ein Cap Charles-Mädchen und das würde auch immer so bleiben.

»Klar«, antwortete ich auf seine gestellte Frage und nickte dazu auffällig.

»Alles wieder gut. Ein Gespräch mit Noraly bewirkt Wunder«, gestand Ireland und lächelte zaghaft.

»Na, dann ist ja alles bestens und es kann geheiratet werden.« Aiden rieb sich die Hände, als wäre er der ungeduldige Bräutigam und hielt Ireland wie ein edler Ritter seinen Arm entgegen. Aussehen tat er zumindest so. »Wenn ich die Braut nun zum Altar führen darf?«

2

Aiden

Entspannt stand ich am Tresen der improvisierten Bar und trank ein Bier. Dass Maddox diese Trauung hinter sich gebracht hatte, wollte nicht in meinen Kopf. Er hatte den Schritt in die Ehe gewagt, obwohl wir uns auf dem College beide einig waren, dass wir nie heiraten würden. Diesen Fehler wollten wir anderen überlassen. Tja, jetzt blieb es wohl nur an mir, die Fahne hoch- und das Junggesellenleben am Leben zu erhalten.

Maddox trat mit einem Grinsen auf mich zu.

»Du hast es wirklich getan«, sagte ich laut und nahm ihn in eine Männerumarmung, klopfte ihm auf die Schultern.

»Ja, ich kann es selbst nicht glauben. Wie hast du Ireland dazu gebracht, dass sie ihre Meinung änderte?«

Ich hob die Schultern. »Die Lorbeeren gebühren nicht mir, sondern eurer Trauzeugin. Sie hat deine Frau dazu gebracht, dich zu heiraten.«

»Noraly? Ja, sie ist eine tolle Frau. Sie bringt alles fertig. Diese Frau ist wie eine Naturgewalt«, schwärmte er.

»Bist du sicher, dass du die richtige Frau geheiratet hast?«, fragte ich nachdenklich.

»Ja, auf jeden Fall. Noraly und ich kennen uns, seit wir denken können. Wir sind wie Bruder und Schwester aufgewachsen. Wenn ich sie geheiratet hätte, würde sich das irgendwie komisch anfühlen. Ich würde meine rechte Niere für sie geben, aber heiraten, nein, da muss ein anderer Kerl ran. Obwohl sie niemanden so schnell an sich heranlässt. Noraly ist nicht einfach und Männer nehmen sich meist nicht die Zeit, hinter ihre schroffe Fassade zu blicken.«

»Schatz, wir müssen den Tanz eröffnen.« Die frischgebackene Ehefrau winkte Maddox zu. Ireland war echt ein Hingucker, ohne Zweifel, doch insgeheim hatte mir ihre Freundin mehr imponiert. Wie sie Ireland dazu gebracht hatte, diese Hochzeit doch noch durchzuziehen, anstatt in Panik auszubrechen, Hut ab. Keine Ahnung, was sie ihr hinter der geschlossenen Toilettentür erzählt hatte, doch als die Braut wieder zum Vorschein kam, war sie wie ausgewechselt.

»Die Pflicht ruft.« Maddox leerte sein Glas und grinste mich an, dann nahm er seine Frau in den Arm und führte sie zur Tanzfläche.

Die Gäste versammelten sich um das Paar, klatschten im Takt zur Musik und sahen dabei zu, wie sie sich zur Musik bewegten. Es war ein langsamer Lovesong, zu dem sie eng umschlungen tanzten.

Auf der gegenüberliegenden Seite sah ich die Trauzeugin stehen. Sie lächelte und sah irgendwie reizend aus. Ich löste mich von meinem Beobachtungsposten an der Bar und wanderte um die Tanzfläche herum, bis ich hinter ihr zu stehen kam.

»Wir sollten dem Hochzeitspaar Gesellschaft leisten. Wenn ich bitten darf?« Ich hielt ihr meine Hand entgegen.

Überrascht sah sie mich an. »Dann wollen wir unsere Pflichten als Trauzeugen mal erfüllen«, stimmte sie zu und begab sich auf die Tanzfläche. Kurz darauf folgten uns auch die anderen Gäste, der Platz auf dem Parkett wurde enger.

»Hätten Sie nicht mit mir getanzt, wenn wir beide keine Trauzeugen wären?«, fragte ich neugierig und versuchte, in ihrem hübschen Gesicht zu lesen, denn eine Antwort erhielt ich nicht. Dabei tat ich ihr unrecht. Sie war nicht nur hübsch, sie war eine wahre Schönheit. Doch das erkannte man nicht auf Anhieb. Während ihre Freundin auffallend hübsch war, hatte diese Noraly eine innere Schönheit, die leuchtete, wenn man sich die Zeit nahm, sie genauer zu betrachten. Und das hatte ich den ganzen Nachmittag getan. Ihr glattes blondes Haar hatte sie kunstvoll aufgesteckt und einzelne Strähnen hatten sich bereits aus der Frisur gelöst. Doch es waren ihre strahlenden Augen, die einen nervös werden ließen. Dieses Blau war leuchtend und durchdringend. Es erinnerte mich an den Himmel, kurz bevor die Sonne unterging. Dann, wenn er sich leicht violett färbte. Wenn sie lächelte, zeigten sich kleine zarte Fältchen an den Augen, die vermuten ließen, dass sie nicht mehr ganz so jung war, wie man denken mochte. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Also knapp fünf Jahre jünger als ich. Die Art, wie sie sich bewegte, war ebenfalls ein Hinweis darauf, dass sich unter dem hellblauen langen Kleid ein fantastischer Körper versteckte. Er machte einen Teil dieser Schönheit aus, die Grazie und Eleganz vermittelte. Ich musste innerlich über mich selbst lachen. Was für Worte mir da durch den Kopf schwirrten. Als würde ich gerade ein Wörterbuch für Liebesromane schreiben.

»Warum lächeln Sie?«, wollte Noraly wissen.

»Mir ist da nur so ein Gedanke durch den Kopf gewandert«, erklärte ich vage.

»Woher kennen Sie den Bräutigam? Ich habe Sie noch nie hier an der Küste gesehen.«

»Wir haben uns auf dem College kennengelernt und wurden Freunde. Der Kontakt ist nie abgebrochen. Wir sind die besten Kumpels, doch ich reise viel durch die Welt, und bis Cap Charles habe ich es bisher nie geschafft.«

Die Musik endete und sie wollte sich aus meinen Armen drehen, doch ich hielt sie fest. »Wie wäre es mit einem weiteren Tanz?«, fragte ich und sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken.

»Es ist ein Blues«, sagte sie leise.

»Das ist mein Lieblingstanz«, bemerkte ich und zog sie noch dichter an mich, während sie mir die Arme um den Hals legte, ihre Wange an meine Schulter. Sie duftete so ausgezeichnet, nicht süßlich oder schwer, sondern ein wenig herb nach Orangen, Lavendel und Maiglöckchen.

Ihr Kleid war am Rücken tief ausgeschnitten und meine Hände lagen auf nackter Haut, die sich ganz weich anfühlte. Wer hätte gedacht, dass diese kleine Elfe Gefühle in mir auslöste, weil mir solche Tatsachen auffielen?

»Sie sollten Ihre Hände besser nicht weiter nach unten wandern lassen, wenn sie Ihnen lieb sind«, murmelte sie an meinem Hals.

Ich versteifte mich, dann musste ich leise lachen. So bekam ich einen kleinen Einblick davon, was Maddox gemeint hatte, als er vorhin über Noraly sprach. Allein dieser Name weckte in mir die Annahme, als hätte ich es mit einem kleinen Mädchen zu tun. Doch was ich hier in den Armen hielt, war alles andere als ein kleines Mädchen. Sie war eine junge Frau, die mich nun finster anblickte.

»Ich habe nichts versucht«, sagte ich schon fast erschrocken.

»Das weiß ich doch, sonst würden Sie hier auch nicht mehr stehen können.«

Oh wow! Diese Frau wusste wirklich, wie man sich beliebt machte.

»Was ist mit Ihnen los? Sind Sie sauer, weil niemand um Ihre Hand anhält?«, rutschte es mir heraus. Ich erntete damit einen weiteren bösen Blick. »Was denn? Sie haben angefangen, ich habe nur zurückgeschossen.«

»Wie alt sind Sie, dass Sie immer noch Cowboy und Indianer spielen?«, fragte sie grimmig.

»Ich habe noch gar nicht zu spielen begonnen«, knurrte ich leise an ihrem Ohr. Diese Frau hatte es wirklich drauf, mich auf die Palme zu bringen. Unglaublich! Warum ging sie auf mich los?

Plötzlich brandete Bewegung im Raum auf.

»Komm, Noraly! Ireland und Maddox werden jetzt in die Flitterwochen starten!«, rief uns jemand zu, den ich nicht kannte.

»Sie haben es gehört. Die Feier ist vorbei. Kommen Sie, wir verabschieden die Brautleute.« Sie hakte sich bei mir ein und führte mich vor die Tür. Der Regen hatte zum Glück nachgelassen und einzelne Sonnenstrahlen kämpften sich durch die tief hängenden Wolken.

»Achtung!«, rief Ireland und im nächsten Augenblick flog der Hochzeitsstrauß im hohen Bogen durch die Luft. Alle Frauen streckten ihre Hände danach aus, nur Noraly nicht. Das war aber auch nicht notwendig, denn der Strauß traf meine Brust und bevor er auf dem Boden landete, fing ich ihn schnell auf. Was für ein Gag!

»Du bist der nächste!«, rief Maddox und lachte schallend.

Ich feixte und hielt den Strauß weit von mir, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

»Wollen Sie ihn nicht?«, zischte ich Noraly schnell zu.

»Um Gottes willen, nein, behalten Sie den mal schön selbst«, sagte sie und verschränkte die Hände vor der Brust. Was für ein Desaster.

3

Noraly

Am nächsten Morgen stand ich bereits um sechs Uhr auf, um das Frühstück für meine Gäste zuzubereiten. Obwohl ich mir sicher war, dass sie heute alle etwas länger schlafen würden. Der Großteil meiner Pensionsgäste bestand aus Angehörigen des Brautpaars, und hatte gestern an der Hochzeit teilgenommen, bis tief in die Nacht noch weitergefeiert. Sie würden heute wieder abreisen und der Trubel würde sich wieder legen. Es gab nur einige Stammgäste, die so früh in der Saison, Mitte Mai, ihre Ferien hier verbrachten. Es waren meist ältere Paare, die die Ruhe in Cap Charles liebten. Sie kamen bereits seit Jahren und wussten, was sie hier erwartete.

Ich buk Brötchen, stach Butterstücke in Blumenform aus. Dann dekorierte ich den Buffettisch mit frischen Blumen, trug Wurst, Marmelade, Honig und Käse auf. Milch und Müsli kamen hinzu. Als es auf sieben Uhr zuging, briet ich Speck mit Rührei in der Küche. Gestern hatte mich meine Angestellte, Sofia, vertreten, da ich ja wegen der Hochzeit den ganzen Tag beschäftigt gewesen war. Sie hatte heute ihren freien Tag, also würde ich das Auschecken übernehmen. Meine Pension hatte nur zwölf Zimmer, aber es reichte aus, um in Cap Charles gut davon zu leben.