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Julia Eiger-Strom, die sich erfolgreich als selbstständige Kosmetikerin etabliert hat, wird durch einen dummen Zufall dazu gebracht, für ein paar Wochen im Büro einer Bekannten auszuhelfen. Sofort springt Jochen in die Bahn und verlangt, dass Julia sich ... neben ihrer Selbstständigkeit ... für vormittags wieder einen Halbtagsjob sucht. Und wieder fügt sie sich in die Wünsche ihres Mannes. Julia arbeitet "rund um die Uhr" und wird dadurch sehr belastet. Hinzu kommen immer häufiger Beschwerden ihres Mannes, dass sie keine Lust mehr auf Sex habe und auch sonst die Familie sehr vernachlässige. In Julia beginnt es zu arbeiten. Und in einer einzigen Nacht, in der Jochen sie wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen überhäuft, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung...
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2022
Claudia Gesang, Jahrgang 1962, lebt mit ihrem Ehemann in einer Kleinstadt nahe Wiesbaden. Die Trilogie „Being Julia“ (die aus den Titeln WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN!, WOLLEN, ABER DÜRFEN? und ICH DOCH NICHT! besteht) bezeichnet sie als Roman, in Wahrheit ist es aber ihre ganz eigene, bewegte Lebensgeschichte.
Eine Leseratte war Claudia Gesang schon immer und ihren ersten Schreibversuch (ein Sachbuch über die Kultur der Azteken) startete sie im zarten Alter von 12 Jahren. Allerdings blieb es damals beim Versuch. Sie beendete ihre Schulzeit 1980 mit einem sehr guten Abitur, absolvierte dann eine Ausbildung als Industriekauffrau und arbeitete viele Jahre als erfolgreiche Direktions- und Geschäftsleitungsassistentin.
Während des Erziehungsurlaubs ließ sie sich als Kosmetikerin ausbilden und führte zehn Jahre lang ihr eigenes Wellness-Institut. Ein heftiger Burnout zwang sie zur Aufgabe und regte sie 2010 zur Ausbildung als Heilpraktikerin für Psychotherapie (mit staatlicher Prüfung und Zulassung) an.
Der Wellness- und Gesundheitsbranche ist Claudia Gesang bis heute treu geblieben. Sie schreibt seit Jahren sehr erfolgreich als freie Autorin Fachartikel für die beiden größten deutschen Kosmetik-Fachzeitschriften. Bei Kosmetik-Messen wird sie gerne als Fachreferentin gebucht. Stundenweise unterstützt sie die Praxis ihrer Hausärztin als Assistentin an der Patientenaufnahme.
Und wenn sie sonst nichts weiter zu tun hat, schreibt sie Bücher. Ihre Webseite finden Sie unter: www.claudia-gesang-balance.de.
Sie ist passionierte Chor- und Solosängerin in einem Kammerchor im rheinhessischen Oppenheim und kümmert sich in ihrer Freizeit um ältere Nachbarn.
Claudia Gesang
WOLLEN, ABER DÜRFEN?
Ein autobiografischer Roman
© 2022 Claudia Gesang
Umschlag, Illustration: Claudia Gesang
Lektorat, Korrektorat: Claudia Gesang
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-75457-7
Hardcover:
978-3-347-75458-4
e-Book:
978-3-347-75459-1
Großschrift:
978-3-347-75460-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40 – 44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind von meinem persönlichen Umfeld inspiriert, entsprechen aber nicht den realen Personen!
Vorwort
Hatschiii!
Oh weh, nicht schon wieder niesen! Meine Nase ist schon ganz wund und gerötet. Ich habe mir eine dicke Erkältung zugezogen und liege mit Schal um den Hals und eingemummelt in eine dicke, selbst gehäkelte Decke auf der Couch. Ach, es geht mir ja so schlecht. Der Husten tut weh, die Augen tränen, im Kopf fühlt es sich wie Watte an und ich habe Fieber.
Vorsichtig nippe ich an einer Tasse heißen Pfefferminz-Tees, von dem gleich eine ganze Kanne auf dem Tisch neben mir steht. Gerade bin ich von einer längeren Schlafphase aufgewacht und habe gehofft, mich besser zu fühlen. Aber leider Fehlanzeige.
So ging es mir doch auch vor einigen Jahren, als ich wegen einer Grippe alle meine Kundinnen anrufen und ihre Kosmetik-Termine verlegen musste. Und ich hatte viele Stammkundinnen … damals. So viele, dass ich keine Neukundinnen mehr annehmen konnte.
Ach, das waren noch Zeiten!
Zusammen mit Frau Dr. Alice Neumann, meiner Nachbarin, führte ich unser Wunschgewicht-Programm durch, behandelte meine Kosmetik-Kundinnen und schrieb Fachartikel für die beiden großen Kosmetik-Fachmagazine COSMETICS UNLIMITED und WELLNESS INTERNATIONAL.
Und ganz nebenbei führte ich einen Haushalt in Wingertsdorf, bestehend aus meinem Sohn Tom, meinem Mann Jochen, unserem recht großen Haus und einem auch nicht eben kleinen Garten rundherum.
Man könnte also durchaus sagen, dass meine Tage damals mehr als ausgefüllt waren. Da meine Tätigkeiten mir aber allesamt viel Spaß bereiteten, fiel mir die Dreifach-Belastung nicht wirklich auf.
Mein Mann fuhr morgens ins Büro, mein kleiner Sohn ging in den Kindergarten und ich legte los, sobald die beiden aus dem Haus waren. Meine Eltern lebten beide ebenfalls in Wingertsdorf und meine Mutter kümmerte sich liebend gerne um ihren Enkel, wenn der Kindergarten zu Ende war. In der Zeit der Kampagnen (für die Nicht-Karnevalisten und Anti-Fassenachter: die Zeit zwischen dem 11. November und dem Aschermittwoch des Folgejahres) war ich auch an den Wochenenden gut gebucht – zum Schminken der Gardemädchen, Tanzmariechen und auch der Vortragsredner*innen. Ich kann heute noch mit gutem Gewissen behaupten, dass meine Umsätze sich für eine Part-Time-One-Woman-Show sehen lassen konnten.
Wir schrieben das Jahr 2004 und in dessen Frühsommer deutete nichts darauf hin, dass sich mein Alltag bald (massiv) verändern würde.
Erstes Kapitel
„Hallo, liebe Julia, hier spricht Maria, Maria Jobst. Hättest Du einen Moment Zeit für mich?“
Maria ist eine gute Bekannte – sie und ihr Mann Herbert führen eine Firma für Garten- und Landschaftsbau in Wingertsdorf – aber eine Kundin ist sie bisher nicht.
„Guten Morgen, Maria. Ja, sicher habe ich einen Augenblick. Meine nächste Kundin kommt erst in zehn Minuten. Was gibt es denn?“
„Ich muss etwas vorwegschicken: Wenn ich Dir mit meiner Frage zu aufdringlich erscheine, dann sag‘ es gleich und wir vergessen diesen Anruf.“
Jetzt hat sie mich aber am Haken.
„Schieß‘ los!“
„Julia, ich bräuchte dringend Hilfe im Büro. Meine langjährige Assistentin ist krank geworden und wird voraussichtlich eine ganze Weile lang nicht arbeiten können. Alleine schaffe ich das aber nicht. Herbert ist ja mit den Gärtnern fast jeden Tag bei den Kunden. Da bleibt die ganze administrative Arbeit für mich liegen. Ich muss mich aber auch um neue Aufträge kümmern. Und meine Mutter braucht immer häufiger meine Hilfe. Du bist doch ausgebildete Industriekauffrau – hättest Du nicht zwei, drei Stunden jeden Tag Zeit, um mich zu unterstützen?“
Oha! Jetzt muss ich schlucken. Ich will Maria natürlich nicht gleich mit einem Nein vor den Kopf stoßen und versuche, erst einmal Zeit zu gewinnen.
„Das kann ich gut verstehen, liebe Maria. Es ist nur so: Ich habe bisher immer im Schönheits- und Gesundheitsbereich gearbeitet. Vom Gärtnern, von Pflanzen und von den ganzen Tätigkeiten, die dazugehören, verstehe ich rein gar nichts. Wie könnte ich Dir da eine Hilfe sein?“
„Du musst keine Fachkenntnisse haben! Ich bin gelernte Arzthelferin. Es geht mir darum, dass jemand die Arbeitszeiten erfasst, die Fahrtenschreiber kontrolliert und die Rechnungen schreibt. Das ist wirklich nicht schwer – das kannst Du … wenn Du möchtest, natürlich.“
„Ich würde Dir sehr gerne helfen, Maria, das weißt Du ja sicher. Nur sehe ich gerade kein Zeitfenster bei mir.“
„Ja, das dachte ich mir schon“, murmelt sie traurig, „aber einen Versuch war es wert. Danke, dass Du mir zugehört hast, liebe Julia.“
„Halt, Moment! Lass‘ mich mal drüber schlafen, Maria. Ich kann jetzt weder zu- noch absagen. Außerdem muss ich erst mit Jochen darüber reden. Kann ich mich morgen bei Dir melden?“
„Oh ja, und schon mal vielen lieben Dank, dass Du nicht gleich NEIN gesagt hast!“
Es klingelt an der Tür und davor steht meine nächste Kundin. Ich schiebe dieses Thema also erst einmal in eine Schublade in meinem Kopf und bewältige den Arbeitstag.
Jochen kommt an diesem Abend ausnahmsweise einmal pünktlich aus dem Büro nach Hause und ich muss das Abendessen nicht warmhalten. Eine Seltenheit! Als alles verputzt ist, erledige ich die Küchenarbeit und Jochen spielt noch eine kleine Weile mit Tom, bevor es für den jungen Mann Zeit wird, ins Bett zu gehen.
„Mama, irgendwie bist Du heute so komisch. Beim Essen hast Du Papas Bier zu mir gestellt. Ich hätte zwar auch gerne mal davon getrunken, aber Papa hat‘s gleich bemerkt. Hast Du was?“
„Du merkst aber auch alles, mein Schatz. Ja, ich muss noch was mit Papa besprechen. Die Maria – weißt Du, die den Regen machen kann – braucht Hilfe im Büro. Und da hat sie mich gefragt.“
Tom hatte beim ersten Kennenlernen den Begriff „Beregnungstechnik“ sofort in „Regenmacher“ umgedeutet.
„Ja, aber Du hast doch jetzt schon so wenig Zeit, Mama! Willst Du vielleicht gar nicht mehr schlafen und die Hausarbeit nachts erledigen?“
Mein Sohn ist immer sehr pragmatisch und auch erfinderisch, wenn es darum geht, Lösungen für unlösbare Probleme zu generieren.
„Nein, das ganz bestimmt nicht, junger Mann. Und ich durchschaue Deine Verzögerungstaktik sehr wohl! Also, jetzt aber husch-husch ins Bett. Wo waren wir denn bei Winnie Puh gestern stehen geblieben?“
Gegen Ende des Kapitels schläft Tom tief und fest. Ich schleiche mich leise aus seinem Zimmer und gehe zu Jochen.
„Hast Du einen Moment Zeit, Jochen?“
„Hmmm, was gibt’s denn? Gleich kommen die Nachrichten…“
„Es geht sicher ganz schnell. Maria Jobst hat mich heute angerufen.“
In Kurzfassung berichte ich Jochen von diesem Telefonat und bitte ihn um seine Meinung, die er – ganz Jochen – auch sofort von sich gibt.
„Na, das ist doch eine prima Sache, Julia! Maria wird Dir ein festes Monatsgehalt bezahlen und Du kannst diesen Kotz-Metik-Kram endlich aufgeben. Darauf warte ich schon lange.“
„Das kannst Du doch nicht ernst meinen, Jochen!“
Ich bin entsetzt, denn damit hatte ich nicht gerechnet.
„Doch, das ist mein voller Ernst. Du bist zwar ziemlich erfolgreich geworden, das muss ich zugeben, aber Deine verschiedenen Tätigkeiten sind doch ein komplettes Durcheinander – Du behandelst, schreibst, machst Abnehmkurse … was denn noch alles? Du verzettelst Dich, das siehst Du doch sicher ein?! Mir ist schon klar, dass die Anstellung bei Maria zunächst nicht das Geld bringen wird, das Du gerade erwirtschaftest. Aber die Arbeit bei ihr wird sicher mehr werden und dann kannst Du die Stelle ausbauen. Ich bin also sehr dafür, dass Du ihr zusagst, Julia.“
Jetzt muss ich mich erst einmal hinsetzen. Ich dachte bisher, dass ich Jochen mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen nun endgültig überzeugt hätte. Aber offenbar hat er nur gute Miene zu einem für ihn bösen Spiel gemacht.
Ich bin sehr enttäuscht und traurig.
„Du bist also nicht wirklich einverstanden mit meiner Selbstständigkeit, Jochen?“
„Nein, das war ich nie und das werde ich sicher auch nie sein. Es ist immer ein Risiko. Du weißt nie genau, wie viel Geld am Monatsende übrig bleibt. Und immer wieder musst Du etwas investieren, was den Gewinn schmälert. Mit einem regelmäßigen Gehalt können wir viel besser planen. Das siehst Du doch sicher ein!“
„Ja, das sehe ich natürlich ein, Jochen. Aber bisher ist doch immer so viel Geld übrig geblieben, dass ich unsere Haushaltsausgaben locker davon bestreiten konnte. Und auch für die Urlaube kann ich immer wieder Geld zurücklegen. Ich möchte meine Selbstständigkeit nicht aufgeben. Was würden meine Kundinnen sagen?“
„Ach, das bewertest Du über. Die würden sich natürlich wundern, aber es gibt genug andere Kotz-Metikerinnen.“
„Von heute auf morgen kann ich auf gar keinen Fall aufhören, Jochen. Bitte, versteh‘ das doch. Kann ich nicht vielleicht beide Tätigkeiten nebeneinander ausführen?“
„Wie willst Du das denn machen? Du hast ja jetzt schon viel zu wenig Zeit für Tom – ganz zu schweigen von mir und dem Haushalt.“
Das sitzt.
Er hat ja nicht Unrecht. Durch die vielen verschiedenen Tätigkeiten bleibt wirklich wenig Zeit zum Spielen und Toben. Selbst Hausarbeiten – zumindest die Dinge, die keinen Krach machen – erledige ich oft, wenn Tom im Bett ist und Jochen fernsieht.
„Denk‘ einfach mal drüber nach, was aus Deinem Sammelsurium Du problemlos aufgeben kannst, Julia. Das kann doch nicht so schwer sein. Vielleicht die Abnehmkurse? Die Kundinnen können das doch jetzt auch alleine zu Hause weitermachen. Und die Riegel und Shakes kannst Du ihnen ja weiterhin verkaufen. Schau mal, so einfach ist das.“
Ja, für ihn sicher.
„Ich denke darüber nach, Jochen. Jetzt weiß ich ja, was Du für richtig hältst.“
„Na, also, dann kann ich ja jetzt hoffentlich den Rest der Nachrichten ansehen.“
Zweites Kapitel
Nachdem ich meine ehelichen Pflichten (wie übrigens fast jeden Tag) erledigt habe, liege ich noch lange wach. Jochen schnarcht schon vor sich hin, aber meine Gedanken finden einfach keine Ruhe.
Ich soll also – geht es nach meinem Ehemann – für eine unbestimmte, aber begrenzte Zeit Teile meines kleinen Unternehmens abschaffen, um Maria und Herbert unterstützen zu können. Das fühlt sich falsch an. Mein Bauch sagt mir sehr deutlich, dass ich mich nicht darauf einlassen möchte. Ich habe mein Institut mit viel Herzblut und Engagement aufgebaut. Das hat mich unendlich viel Kraft gekostet (die aber durch die Akzeptanz und Dankbarkeit meiner Kundinnen in gleichem Maße zu mir zurück fließt) und nun soll ich meine Selbstständigkeit peu à peu wieder aufgeben?
Nein, das will ich ganz und gar nicht!
Nur leider geht Jochen offensichtlich fest davon aus, dass ich seinen Wünschen entspreche.
Ich bin tief enttäuscht. In den letzten Monaten sah es für mich so aus, als hätte mein Mann sich mit meiner Selbstständigkeit arrangiert. Ab und an habe ich sogar ein kleines Lob aus seinem Mund erhalten!
Das passt für mich nicht wirklich zusammen. Aber es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als zu entscheiden, ob ich tue, was Jochen will, oder ob ich (was ich gerne vermeide, denn das hat meist eine längere Phase ätzenden Schweigens und/oder verbaler Seitenhiebe zur Folge) eine Konfrontation mit ihm auf mich nehmen will.
Und da ist ja auch Tom, dessen Bedürfnisse für mich an erster Stelle stehen sollten. Mein kleiner Sohn braucht Zuwendung, Zeit und eine fröhliche Mama. In wenigen Wochen wird aus dem „Alten Hasen“ im Kindergarten ein Schulkind werden. Dann werde ich mehr Zeit für die Hausaufgaben-Betreuung brauchen. Die Behandlungstermine haben sich heimlich, still und leise vom Vormittag bis in den späten Nachmittag ausgedehnt und an einem Abend pro Woche kommen die Wunschgewicht-Teilnehmerinnen.
Wenn ich das alles bedenke, wäre es vielleicht doch besser, einer regelmäßigen Vormittagstätigkeit nachzugehen und danach Zeit für Kind, Mann, Haus und Garten zu haben, oder?!
Im Prinzip, ja – aber Maria hat klar gemacht, dass sie mich nicht mehr brauchen wird, sobald ihre erkrankte Assistentin wieder einsatzfähig ist. Und was wird dann? Jochen erwartet meinen finanziellen Beitrag zu unserem Haushalt – was, wenn sich der „geschlossene“ Teil meines Instituts nicht so einfach reaktivieren lässt? Dann fehlen diese Umsätze …
Ich kann und kann nicht einschlafen. Was soll ich nur machen? Ewig kann ich Maria nicht warten lassen und auch Jochen wird morgen eine Reaktion erwarten.
Drittes Kapitel
„Guten Morgen, Maria, hier spricht Julia Eiger-Strom.“
„Ach Julia, guten Morgen!“
„Maria, ich bin Dir ja noch eine Antwort schuldig. Also nachdem ich mit Jochen gesprochen und die Sache nochmal überschlafen habe, kann ich Dir zusagen. Ich komme vormittags und helfe Dir aus, so lange Du mich brauchst.“
„Julia – jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen! Vielen herzlichen Dank dafür! Komm‘ doch später vorbei und lass uns alles in Ruhe besprechen.“
„Ja, das mache ich. Wäre Dir 12.30 Uhr recht?“
„Das passt gut. Also bis später und nochmals vielen Dank, Julia!“
So, jetzt ist es raus. Ich habe die ganze Nacht mit mir gekämpft … und verloren. Die Argumente, die für Tom und die Schule sprechen, sind einfach nicht außer Acht zu lassen. Und ich habe nicht mehr die Kraft, noch einmal gegen Jochens Willen etwas durchzusetzen.
Meine Wunschgewicht-Teilnehmerinnen muss ich informieren, dass ich aus Zeitgründen leider die Bio-Impedanz-Analysen nicht mehr anbieten kann. Die Shakes und Riegel können die Teilnehmerinnen selbstverständlich weiterhin bei mir kaufen. Jetzt aber muss ich erst einmal ein wichtiges Telefonat führen, bevor die erste Kundin des Tages kommt.
„Guten Morgen, Alice. Hier ist Julia. Schön, dass ich Dich gleich erreiche. Ich muss Dir etwas Wichtiges sagen. Ab nächster Woche werde ich die Wunschgewicht-Analysen nicht mehr durchführen können.“
„Waaaas? Was ist denn los? Bist Du krank? Soll ich gleich mal rüberkommen?“
„Nein, nein, mir geht’s gut. Es ist nur so, dass ich Maria Jobst halbtags im Büro unterstützen soll, bis ihre Assistentin wieder ganz gesund ist. Das kann Monate dauern … und ich muss Teile meines Instituts schließen, sonst schaffe ich das alles nicht. Tom kommt ja in ein paar Wochen in die Schule und da muss ich sowieso zurückschrauben, damit ich ihm bei den Hausaufgaben und beim Lernen helfen kann. Jochen findet die Möglichkeit, wieder in Teilzeit mit regelmäßigem Feierabend zu arbeiten, sehr gut und hat darauf bestanden, dass ich das mache.“
„Jetzt zieht es mir aber die Beine weg, Julia. Das kann doch nicht wahr sein! Du willst wirklich unser Wunschgewicht-Programm fallen lassen? Jetzt, wo es sich so gut etabliert hat und allein durch Mundpropaganda expandiert? Ich fasse es nicht! Überleg‘ Dir das doch nochmal!“
Alice ist richtig laut geworden, was sonst gar nicht ihre Art ist. Ich hatte mich ja schon auf Widerspruch eingestellt, aber die Heftigkeit überrascht mich doch sehr.
„Es geht einfach nicht, Alice. Ich schaffe nicht noch eine Teilzeit-Tätigkeit zusätzlich zum Institut.“
„Nein, das sollst Du ja auch nicht. Aber lass doch den Quatsch mit der Büroarbeit sein. Für wie lange ist der Job denn sicher? Was ist danach? Einfach so wieder anfangen, geht nicht – das weißt Du selbst am besten.“
„Natürlich weiß ich das, Alice. Ich habe mir die Entscheidung auch nicht leicht gemacht. Heute Nacht habe ich kein Auge zugetan. Aber ich denke, ich muss bald mehr für Tom da sein können … ich hab‘ ja jetzt schon oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder mal keine Zeit zum Spielen habe. Und Jochen besteht darauf …“
„Aha, das ist also der wahre Grund. Du lässt Dir von Deinem Ehemann vorschreiben, was Du zu tun oder zu lassen hast. Ehrlich, Julia, Du solltest emanzipierter sein! Du wuppst den gesamten Haushalt, bist eine gute Mutter (nein, unterbrich mich nicht!) und Jochen kommt sicher auch nicht zu kurz. Warum lässt Du Dich so bevormunden?“
„Weißt Du, Alice, mein schlechtes Gewissen Tom gegenüber ist schon Grund genug – aber wenn Du es genau wissen willst: Ich habe keine Kraft mehr, um mich noch einmal gegen Jochen durchzusetzen wie damals bei der Gründung meines Instituts. Ich bin die ewigen Streitereien leid, die eine Weigerung jetzt wieder nach sich ziehen würde. Deshalb habe ich Maria schon meine Zusage gegeben. Du sollst nur als Erste wissen, dass das Wunschgewicht-Programm nicht weitergehen wird. Es tut mir sehr leid, Alice – ich weiß, dass Du damit immer viel Spaß hattest (ich ja auch!) und dass Du mich finanziell so wenig wie möglich belastet hast. Dafür danke ich Dir von Herzen – und schäme mich ziemlich, dass das alles jetzt so abrupt kommt.“
„Na ja, wenn Du Dich so entschieden hast, dann muss ich das akzeptieren. Ich jedenfalls werde das Programm weiterführen. Bitte sei so nett und gib mir die Teilnehmer-Kartei, die Geräte und die Produkte rüber. Ich möchte unsere Teilnehmerinnen nicht einfach im Regen stehen lassen, das verstehst Du sicher. Wir werden uns über das Finanzielle sicher einig – wie immer. Schade, dass das so enden muss.“
Dieses Telefonat macht mir schwer zu schaffen. Ich fühle mich wie eine Verräterin. Aber gleich kommt die erste Kundin – ich darf mir nichts anmerken lassen!
In der Mittagspause hole ich meinen Sohn vom Kindergarten ab und wir spazieren beide zu Maria.
„Mama, was willst Du denn bei Maria?“
„Weißt Du, Mäusekind …“
„Also ehrlich, Mama, ich bin kein Mäusekind mehr! Bald gehe ich in die Schule und da ist man dann schon fast erwachsen. Daran musst Du Dich endlich gewöhnen!“
„Oh ja – entschuldige vielmals, junger Mann! Es wird nicht wieder vorkommen. Also, mein Mäusekind …“
Wir beide müssen herzhaft lachen – bei mir klingt es etwas gequält, aber zum Glück bemerkt mein Mäusekind/fast erwachsener Sohn das nicht.
„Maria hat mich gefragt, ob ich ihr im Büro aushelfen kann. Ihre Assistentin ist länger krank und Maria schafft die Arbeit nicht alleine. Und deshalb gehen wir jetzt zu ihr.“
„Ach so. Ja, aber was wird aus Deinem Kosmetikstudio, wenn Du jetzt bei Maria arbeitest?“
