Wollter + Fechter - Olaf W. Fichte - E-Book

Wollter + Fechter E-Book

Olaf W. Fichte

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Beschreibung

Special Edition // Wollter + Fechter = 2 Romane nach wahren Begebenheiten in einem E-Book. Über das Buch Wollter: Authentisch, lebendig und humorvoll wird aus der Sicht des jungen Wollter erzählt. Die Erlebnisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und als vermutlich erster DDR-Jugendlicher sechs Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste, sind Grundlage für die Geschichte des fiktiven Romanhelden Wollter, der nach der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird. Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu. Er wird verhaftet und kann - sarkastisch gesagt - nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR- und BRD-Knast am eigenen Leibe erleben. Über das Buch Fechter: Auf lebendige Weise wird aus dem Leben und der Sichtweise eines jungen Söldners erzählt. Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet - und ihn dafür bezahlt. Ob z. B. im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste resp. Nachrichtendienste wie z. B. dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst (BND), Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung. Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen. Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.

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Seitenzahl: 653

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Olaf W. Fichte

 

 

WOLLTER + FECHTER

 

SPECIAL EDITION

 

 

 

 

2 rasante und dynamische Thriller in einem Band.

 

 

 

 

Beide Romane beruhen auf wahren Ereignissen.

 

 

 

 

 

 

ZEIT DER HAUPT-HANDLUNGEN

Von Mitte der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre.

 

 

 

Über den RomanWollter // Buch 1

 

Der Roman zeichnet die tragischen Ereignisse eines 16jährigen Schülers in der DDR, der aus politischen Gründen zu mehreren Jahren Haft verurteilt, inhaftiert und als vermutlich erster DDR-Jugendlicher viele Monate in verschärfter Einzelhaft verbringen musste auf ebenso authentische wie fesselnde und humorvolle Weise nach. Seine Erlebnisse wurden die Grundlage für die Geschichte des fiktiven Romanhelden Wollter, der während der Haft mit 18 Jahren gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert und in die BRD abgeschoben wird.

 

Wollter, der mit den Verhältnissen in der BRD nicht vertraut ist, der dort keine Verwandten oder Bekannte hat und dem weder Behörden noch Organisationen helfend unter die Arme greifen, findet nur Anschluss zum kriminellen Milieu.

 

Er wird verhaftet und kann – sarkastisch gesagt – nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Knast und BRD-Strafvollzug am eigenen Leibe erleben.

 

 

 

Über den RomanFechter // Buch 2

 

Unterhaltsam umreißt der Roman spannende Auszüge aus dem Leben eines Söldners.

Nach seiner Zeit bei der Fremdenlegion arbeitet er für jeden, der, wie er, sich gegen Terroristen wendet – und ihn dafür bezahlt.

 

Ob im Libanon oder im Einsatz für Geheimdienste wie dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst (BND), Wolf Fechter, der Protagonist, ist Söldner aus tiefster Überzeugung.

Bis zu dem Tag, als man ihn zum Narren hält und sich weigert, ihn zu bezahlen.

 

Folgen Sie Wolf Fechter u. a. nach Spanien, in den Libanon, die Niederlande und durch Deutschland.

 

 

 

Über denAutor // anno 2024

 

Fichte war der Name seines Vaters, der verstarb, als er zwei Jahre jung war. Er hat keine Erinnerungen an ihn. Und doch, oder gerade deshalb, möchte er an ihn erinnern, indem er seinen Namen trägt. Sein zweiter Vorname war der Vorname seines Vaters. Weder im realen Leben noch im Internet gab es Spuren von seinem Vater – bis Olaf ihn als Autor trug.

 

Olaf W. Fichte ist Jahrgang 1961. Er verfasste sein erstes Gedicht mit 13 Jahren und seine erste Geschichte mit 14 Jahren – einen Kurzkrimi auf 64 Seiten.

Nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, im Jahr 1979, verbrachte er viele Jahre in verschiedenen Ländern weltweit.

 

Mehr als 40 Jahre war Olaf W. Fichte unter anderem als Sicherheitsberater, Strategieberater und Söldner weltweit in mehr als einem Dutzend Konflikte involviert; er war Berater für Computer-Sicherheit und Internet-Sicherheit, Webentwickler und Webdesigner, Einsatzleiter in der privaten Sicherheit, Supervisor, Coach, Unternehmensberater, aber auch Ghostwriter, Autor, Schriftsteller sowie als Interim-Geschäftsführer tätig.

 

Mit seiner Veröffentlichung von „Wollter“ kehrte er im Jahr 2011 zu seinen Wurzeln zurück. 2012 erschien „Fechter“. Beide Romane sind sehr stark autobiographisch geprägt, wenn auch nicht chronologisch.

 

Derzeit arbeitet er an einem weiteren autobiographischen Tatsachenroman, dessen Ereignisse zeitlich vor dem Roman „Wollter“ angesiedelt sind.

Darüber hinaus befinden sich weitere Romane in der Planungsphase.

 

Das unabhängige Literatur-Kuratorium des Freistaates Sachsen sprach ihm 1998 für den Inhalt seines Romans „Wollter“ Fördermittel des Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst zu.

 

 

 

Copyright © 1993 by Olaf W. Fichte / Germany

Copyright © 2024 by Olaf W. Fichte / Germany

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

 

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig.Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

 

5. Auflage 2024

 

 

 

 

WOLLTER

ROMAN

 

Olaf W. Fichte

 

 

 

 

Dieser Thriller beruht auf wahren Ereignissen.

 

 

 

 

Copyright © 1993 by Olaf W. Fichte / Germany

Copyright © 2024 by Olaf W. Fichte / Germany

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

 

5. Auflage 2024

 

 

I

Die Luft war trocken, es roch nach altem Papier und Körperausdünstungen, aber auch nach einer Spur Tod, die mehr und mehr nahte, sich verdichtete, aus dem Nebel trat und mich für den Bruchteil eines Augenblicks meine Blähungen vergessen und auf das Entfalten dieser zaghaften Knospe hoffen ließ. Doch sie lebte nicht – und ich hörte wieder das Lachen. Ein bitteres, ein böses Lachen. Und sie lachten und lachten. Es nahm kein Ende. Meine Ohren dröhnten, Wut verfärbte sie purpurn.

 

In einer lächerlich wirkenden Pose hing ich wie ein dahingeworfenes, kunstvoll gefaltetes Gästehandtuch auf einem unbequemen, harten Holzstuhl und sah mit seitlich verdrehtem Kopf zu ihnen auf. Mein Hals signalisierte Schmerz, aber sonst empfand ich nichts. Speichel mit dem Geschmack erdbeersüßer Mordgier sammelte sich auf meiner Zunge und seilte sich über den rechten Mundwinkel zwischen meinen Oberschenkeln zum Boden ab. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich aufspringen und beide gleichzeitig erwürgen können. Den einen mit der Linken, den anderen mit der Rechten – und schnapp! Würgend ihr abstoßendes Hohn Lachen zerquetschen. Ein für alle Mal die längst fällige abgestandene Luft aus ihnen lassen.

Jesus, hatten die ein verdammtes Glück, dass ich mich zurückhielt. Na ja, genau genommen war ich zwangsgehemmt und tat mich deshalb bei der Umsetzung meines Vorhabens etwas schwer. Kräftig genug war ich wohl, allein die Beherrschung zu verlieren, gelang mir nicht.

 

In weiser Voraussicht legten mir die beiden Rohlinge Handschellen an, führten sie um ein Tischbein herum und zerrten meinen Stuhl einen halben Meter nach hinten weg, so dass mein Kopf auf die Knie nickte und sich mein Hintern in Windeseile auf der abgerundeten Kante des Stuhls Halt suchend ausbalancierte. Es drückte ein wenig quer, möchte ich mal sagen. Vorbei mit aufrecht sitzen. Gepflegter Rundrücken war angesagt. Ganz klar, dass sie so ungestraft ihre Späße mit mir treiben konnten.

Die Situation war mir nicht ganz neu, die Haltung dagegen schon. Äußerlich regte sich kein Muskel an mir, weil diese Begebenheit eben nichts grundlegend Neues offenbarte und meine gewöhnungsbedürftige Pose kein schmerzloses Muskelspiel zuließ.

„Wollte er oder wollte er nicht?“

„Der Butler wollte!“

„Nein, nein, James wollte nicht!“

„Doch! Er wollte, konnte aber nicht!“

Wie spaßig! So ging es in einem fort. Ich bin beileibe kein Kostverächter, leihe einem anständig schmutzigen Witz gern beide Ohren, aber mein Verständnis für solcherart Humorausbrüche hat Grenzen. Wenn ich etwas wirklich nicht ausstehen kann, dann sind es zusammengeschusterte, völlig deplatzierte Witze ohne Pointe. Wie nennt man eigentlich den Witz eines Witzes? Staats-Diener?

 

Ja, ich heiße James Wollter – na und?

Und damit auch das gleich geklärt ist: Ich bin weder Butler noch Komiker – und war es auch nie.

Geboren wurde ich als kleines rotes, vom Ast gepurzeltes Käfigkind; war hässlich, wie ein Teller Hafergrütze und zu allem entschlossen.

Heute ist das alles anders.

 

Aber der Reihe nach.

 

II

Eifrige Geschäftigkeit deutete am Nachmittag dieses 26. Oktober im Nürnberger Polizeipräsidium Feierabendstimmung an. Türen knallten, irgendwelche Menschen stürzten durch schmucklose Gänge; rempelten uns an, grummelten, ohne aufzusehen und hasteten weiter durchs grelle Neonlicht in die Nächsten hinein.

 

Merochs und sein Partner zerrten mich an einer Handschelle hinter sich her zur erkennungsdienstlichen Behandlung, wie sie die Schweinereien mit einer Farbe, die zu lösen mir erst beim siebenden Waschgang glückte, verhüllend umschrieben. Mit geübter Hand rollte Merochs die angeschwärzten Fingerkuppen meiner Hände über weißes Papier.

„Warum haben Sie sich freiwillig gestellt?“

Fasziniert sah ich auf die Hinterlassenschaften meiner Finger und Handflächen in den schwarz geränderten Feldern.

Ob man das verkaufen kann? Bestimmt. Musst nur einen finden, der sich freut und dafür löhnt, dann ist es Kunst und teuer.

So viele kleine Kringel zählt also ein Verbrecher. Doch eigentlich war ich ja gar kein Verbrecher, nur eine Nummer. Zwölf Kästchen mit den Kringeln einer Nummer. Nummern begehen keine Verbrechen.

„Sie müssen nicht antworten. Ihre Vernehmung wird erst in München stattfinden. Wir sind nur neugierig. Es ist nun mal nicht alltäglich, dass sich einer, wie Sie, stellt.“

Einer wie ich? Hohoho! Wohl Autogrammjäger? Ich unterließ es, vor den beiden meine Gründe auszubreiten. Wie sollten ausgerechnet zwei trieblose K 21-Bullen meine Beweggründe verstehen, war ich mir doch selbst nicht mehr sicher, warum ich es tat und weshalb mich mein Weg der letzten Wochen bis zu diesem Tisch führte. Einerseits hegte ich Zweifel, andrerseits war ich recht froh und auf eine eigenartig traurige Weise erleichtert.

 

Bei der sich anschließenden Fotosession bewerkstelligte es Merochs Juniorpartner nicht, den Film manuell zu transportieren. Technik zum Schmunzeln. Ich war sehr gespannt, zu sehen, wie ein Profi ein echtes Harakiri hinlegt. Früher mal sah ich das in einem Film. War nicht sehr appetitlich. Aber hochinteressant. Eigentlich könnte er mir die kleine Freude machen.

Unablässig stieß mein Seppukuanwärter unflätige Flüche aus und zitterte mit fiebrig langen, spindeldürren Fingern um das zarte, schutzlose schwarzsilbrige Gerät, bis er beschloss, dem Japaner mit deutscher Geduldsamkeit zu begegnen. Und, siehe da, schon nach zwanzig Minuten hatte er meine drei Fotos im Kasten und befahl mir entnervt, zu jenem Tischchen zu gehen, an welchem ich zuvor – wie wir in Fachkreisen zu sagen pflegen – Klavier spielte.

Lustlos tapste ich die fünf Schritte am Kameraständer vorbei zum Tisch und sah mich fragend nach ihm um.

„Setzn!“

Wenn du meinst.

Junior kniete neben mir nieder, löste routiniert wie ein alter Bulle die Handfessel von meinem linken Handgelenk, forderte mit einem kräftigen Ruck meinen rechten Arm zum Nachgeben auf, führte den blitzenden Stahl um das angeknabberte linke Tischbein herum und ließ ihn wieder an meinem Handgelenk einrasten.

Huch, mächtig verkeimt hier unten, war das Erste, was mir nach dem unvermittelten Hechter durch den Kopf ging. Und das Zweite: Sieht so der Dank für meine Reserviertheit aus? Keinen Mucks gab ich von mir, als du mit dem Japaner kämpftest. Gelangweilt sah ich zur Decke, tapfer hielt ich geistreiche Bemerkungen nieder und tötete den aufsteigenden, quälend drängenden Lachkrampf ab.

Alles weitere ist bereits bekannt.

 

Sie drehten mir ihre Rücken zu, schaukelten sich hoch und ich kaute an meiner Wut. Schmerzliche dreißig Minuten vergingen, dann endlich nahte die Erlösung. Zwei Uniformierte schoben sich in den Raum, als müssten sie ihren Körpern vor jeder Bewegung gut zureden. Der eine lüpfte seine Schirmmütze und wischte sich mit dem Handrücken über die trockene Stirn; der andere hielt sich die Dunstkiepe vors Gesicht und gähnte angestrengt.

Danach ging alles sehr schnell. Sie wickelten mich vom Pflock – und Schwups fand ich mich auf einem muffigen Zellentrakt im Keller wieder.

Mitten auf dem Gang saß ein Doppelpack in Grün an einem kümmerlichen Tischchen und füllten mit heraushängender nachdenklicher Miene irgendwelche Formulare aus. Vielleicht verfassten sie auch Lyrik oder hakten den Speiseplan ab, so genau habe ich das aus drei Meter Abstand nicht erkennen können. Es erschien mir auch nicht so wichtig.

Mein müder Begleiter stupste mir in die Seite und befahl mit schleppendem Stimmchen, all die guten Sachen aus meinen Taschen vor den beiden Gelehrten auszubreiten. Artig kam ich seinem höflich vorgetragenem Wunsche nach. Ich war heilfroh, keinen Striptease hinlegen zu müssen. In ihrem Verlies zog es fürchterlich.

Während einer der Protokollführer meine Habseligkeiten, die aus einem silbernen Drehkugelschreiber, einer silbernen Halskette mit silbernem Wassermannanhänger, einem silbernen Dupont-Feuerzeug, einem silbernen Zigarettenetui, einer silbernen Handgelenkkette und einem schwarzen Ledergürtel mit silberfarbener Schnalle bestanden, und von denen ich mich nur schweren Herzens trennte, lieblos in einen hundekotbraunen Karton mit dem vielsagendem Schriftzug „Erdbeer-Konfitüre“ warf, zählte sein Kollege meinen unermesslichen Reichtum. Bei 20,49 DM brach er ab und übertrug die Zahlen, akkurat mit ruhig geführter Schönschreibschrifthand, in ein eigens dafür entworfenes Formblatt.

Nicht zu glauben; der andere schleuderte mein Geschmeide doch tatsächlich in einen klebrigen Marmeladentrog. Ja, und außerdem war das Ding auch noch viel zu groß. Doch ich hielt mich zurück, schlug die Zähne aufeinander und verfolgte mit geballten Fäusten in den Hosentaschen die Flugbahn meiner Kleinodien. Die grünen Männlein waren in der Übermacht.

Nichts von alldem würde ich vor meiner Entlassung wieder zwischen die Finger bekommen, so der psychologisch schwergewichtige Einschüchterungsversuch des Schmuckweitwerfers. Die paar Tage, dachte ich, und fühlte mich schlagartig besser. Hastig warf ich Blicke über das Papier. Sie drängelten, hätten noch Wichtigeres zu tun.

„Aus Gründen, die zur Schädigung von Leben und Gesundheit sowie zur Beschädigung fremder Sachen geeignet seien“, las ich und kritzelte ein halbes Dutzend Mal meinen Namen. Deshalb also. Natürlich sah ich nun ein, dass die Formalitäten unerlässlich waren.

Aber ließe sich dieses zweckmäßig formulierte, dieses verspielte und zugleich kesse Sprüchlein nicht auch als Warnhinweis an Fußbälle, Biergläser oder Automobile anbringen? Und weshalb, fragte ich mich weiter, beließen sie mir ausgerechnet die Schuhbänder? Sollte ich sie darauf hinweisen? Oder kommentarlos auf den Tisch legen? Nein, nein, sie hatten Wichtigeres zu tun.

 

Auf dem Weg zur Schlafstelle, so an die sechs Meter den Flur entlang, beschlich mich im Duster der Kellergewölbe ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Ohne netten Plausch löste sich unsere heitere Männerrunde auf. Meine Konversationsbestrebungen ignorierend, bohrte einer der Sheriffs in der Nase. Er bohrte tief, wurde aber nicht fündig, so dass er den Meißelrhythmus intensivierte, was verständlicherweise keinen Dialog mit mir zuließ. Die anderen drei taten es ihm zwar nicht nach, folgten jedoch seinen Bemühungen mit verstohlen neugierigen Blicken, so als erwarteten sie nach dem Heben das Aufteilen außergewöhnlich seltener Fundstücke.

 

Blitzartig durchfuhr mich das Entsetzen. Ich hätte wissen, daran denken müssen, dass so etwas geschehen konnte, bevor ich den wahnwitzigen Entschluss fasste, mich auszuliefern. Mir schauderte, meine Hände zitterten, Schweiß ergoss sich über meinen Körper und mein Magen wollte unbedingt noch einmal herzeigen, was ich ihm vor Stunden zuführte. Unbeweglich stand ich da, starrte hinauf in das fahle Licht der nackten, sich schamhaft in einer kleinen, quadratischen Vertiefung über der Tür versteckenden Glühlampe. Hilfesuchend umklammerten meine eiskalten Hände die Gitterstäbe, wurden feucht und glitten an ihnen hinab. Tränen tauchten meine Perspektive unter einen dichten Schleier. Und irgendwo – weit, sehr weit weg – sah ich ein sanftes weißes Schimmern um ein verschwommenes dunkles Nichts.

„Wie spät?“, fragte ich leise den Geologen.

„Nach sechs“, beschied er mürrisch, schlug das Eisengitter und kurz darauf die schwere Zellentür ins Schloss.

 

III

Verstört warf ich den Kopf herum. Angst trocknete meine Augen. Scheppernd verhakte sich sein hässliches mausgraues Maul, rastete ein, verband sich mit der umlaufenden Mauer zu einem Ganzen. Kein Entrinnen. Ich fühlte mich beengt und bedroht. Auf puddingweichen Knien wankte ich durch den Schlund der Hoffnungslosigkeit, als folge ich einem gespannten Gummiband. Was mich antrieb, ich kann es nicht sagen. Oder doch: Eigentlich trieb mich nichts, ich wurde getrieben.

Wieder dieses Zucken. Kalte Blitze durchfuhren alle Glieder. Mein Körper bebte, doch sah ich mich nicht um, als das zweite stählerne Schleusentor sein meterhohes gefräßiges Maul schloss, mich gefangen nahm, würgte und verschlang. Ich sah nach vorn und mir wurde kotzübel.

 

Die Sonne schien, prasselte unbarmherzig auf mich hernieder. Ein wunderschöner Tag für ein Picknick im Grünen. Und höllisch heiß für einen Tag Anfang Februar. Ich schwitzte nicht. Warum wurde es nicht dunkel? Kommt wohl noch. Bitte etwas Regen, nur einen kühlenden Schauer.

Wer friert, lebt.

Ich fror nicht.

 

 

 

 

Erst neun Monate lag das zurück. Fast auf den Tag genau. Bevor ich an diesem freundlichen Februartag durch das Haupttor der Jugendstrafanstalt in Ichtershausen, einem ehemaligen Kloster, das irgendwann korrigiert wurde, schlenderte, drückte ich mich fünfzehn Monate in verschiedenen volkseigenen Gefängnissen herum.

 

Ichtershausen war nicht irgendein Jugendknast. Wen die Justiz des Arbeiter- und Bauernstaates hierher karrte, der war entweder Gewaltverbrecher oder Wiederholungstäter. Schon mit fünf Jahren war man dabei und durfte sich unter Mörder, Bankräuber und auch Republikflüchtlinge mischen; sie sogar als Freunde gewinnen, wenn man was Anständiges vorzuweisen hatte.

 

Während sich die Mehrheit mitten im Vollrausch der Pubertät befand, glitt ich zufällig – oder vielleicht auch nicht – genau an diesem Tag charmant und leichtfüßig über die viel gepriesene Schwelle zur Volljährigkeit. Doch irgendwie wollte es mir nicht so richtig feierlich ums Herz werden. Mag sein, es lag daran, dass noch fünfundvierzig Monate vor mir lagen. Kein Pappenstiel, aber mir machte das alles überhaupt nichts aus. Natürlich nicht!

 

Festgenommen wurde ich übrigens auf der Herrentoilette des Dresdner Hauptbahnhofs. Drei Monate später verurteilte mich ein Jugendschöffengericht des Bezirksgericht Dresden Nord wegen versuchter Republikflucht zu sechzig Monaten Jugendhaft. Den Qualm verdankte ich den Aussagen zweier Klassenkameraden. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es keine x-beliebigen, sondern wirklich dicke Schulfreunde waren.

 

 

 

 

Acht Tage verbrachte ich mit Nichtstun auf der Zugangsabteilung, während deren die Leitung knobelte, auf welche Gruppen sie uns neun Neuzugänge am zweckmäßigsten verteile.

Als ehrlicher und unaufdringlicher Junge, der ich nun einmal war, sagte ich ihnen, um Missverständnissen vorzubeugen, gleich am ersten Tag, was ich von ihnen hielte und sie mich höflicherweise könnten, wenn ihnen mal danach sei. Da mussten sich die Herren aber erschrocken haben, denn sie knobelten und knobelten, knobelten und knobelten – oder taten jedenfalls so. Reine Zeitverschwendung, denn ich wiederholte nur, was ich drei Wochen zuvor auch schon meinen Verurteilern anbot.

Ihr Ergebnis blieb ohne Alternative und nannte sich verschärfte Einzelhaft. Eine ebenso umständliche wie blöde Bezeichnung für ein simples Fingerschnippen.

 

Zum Davonlaufen! Irgendwas oder irgendwer moderte vor sich hin. Die Luft stand – und ich mittendrin, nackt vor dem Tresen der Effektenkammer auf dem schummerigen Dachboden des zweistöckigen Häuschens, nur wenige Schritte der Zugangsabteilung über den Hof. Und plötzlich fror ich. Mir wurde kalt, richtig furchtbar kalt. So kalt, dass ich ..., dass mir ... Oh, nein! Ich hob den Kopf, schlug die Backenzähne fest aufeinander und verzog mein Gesicht zu einer Miene, die ausdrücken sollte, „Wer jetzt Witze macht ...“ Den Rest schenkte ich mir. Keiner interessierte sich für meine Gedanken. Also änderte ich die Zielrichtung und dachte ungeniert weiter. Ich schrie, oder besser, ich flehte in mich hinein: „Komm schon, komm schon.“ Er hatte sich verkrochen, so klein gemacht, dass eine halbe Walnussschale genügte, ihn unsichtbar werden zu lassen. „Jetzt wird nicht Verstecken gespielt. Hör auf damit! Mach mir keinen Ärger. Bitte, bitte!“ Wie beiläufig sah ich auf die verstreut am Boden liegenden Kleidungsstücke, die ich auf Zugang habe tragen müssen, streifte ebenso beiläufig über die Stelle, an der ich ihn vermutete, doch schien es, als habe ich ihn nun erst recht eingeschüchtert. Von Begeisterung jedenfalls keine Spur. „Tu mir das nicht an. Komm her, Mann!“ Nichts. Er regte sich nicht. „Willst du wohl!“ Nichts. „Wie du willst. Fortan sollst du fahnenflüchtiger Karottenstumpf Hermann heißen“, knurrte ich und griff geschwind nach der Unterhose. Mit unruhigen Fingern riss ich sie vom Tresen und schlüpfte hinein. Schon wärmer. Sehr viel wärmer. Weniger hastig streifte ich den dünnen, ausgewaschen blauen Overall, den mir einer der drei Kammerkalfaktoren reichte, über, schnürte die ausgetretenen, absatzlosen schwarzen Halbschuhe an mir fest und schob das dunkelblaue Schiffchen entsprechend der Anstaltsordnung vorschriftsmäßig auf den Kopf. Nur natürlich viel lässiger.

 

Kaum eine Armlänge entfernt stand Oberleutnant Borrmann zu meiner Linken und betrachtete mit wissenschaftlichem Forschungsdrang seit einer viertel Stunde stumm seine Fingernägel.

Er und zwei Schlüsselschwinger brachten mich vom Zugang hierher. Beim Überqueren des Hofes stellte sich mir Borrmann als Erzieher jener Gruppe vor, derer ich zugeteilt wurde, weil nun einmal jeder Jugendliche einer Gruppe zugeteilt werden müsse.

 

Meine erste Begegnung mit ihm lag einen Tag zurück. Beim Zugangsgespräch, im Aufenthaltsraum der Zugangsabteilung, gehörte er der fünfköpfigen Kommission an. Sie saßen vor rot-weiß gekästelten Gardinen hinter Schultischen. Ich stand und erzählte bruchstückhaft von meiner Verurteilung. Lust hatte ich keine, fast alles stand in meiner Akte. Was nicht darin stand, ging sie auch nichts an. Sie fragten nach meiner Familie, wie ich so in der Schule und beim Sport gewesen sei; welche Pläne ich für die Zeit nach meiner Entlassung habe und ob ich eine Freundin hätte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie wollten mich verarschen. Ich wurde sauer und fragte, ob ich denn wenigstens früher rauskäme, erzählte ich ihnen schlüpfrige Geschichten. Daraufhin bot mir einer „eine Kräftige auf mein großes Schandmaul an“ und Borrmann, welcher, während der zehnminütigen Aushorche, regungslos aufrecht auf seinem Stuhl saß, und einen blauen Kugelschreiber, den er wie eine Zigarette zwischen den Fingern der rechten Hand hielt, inspizierte, fragte mich, ohne den Blick vom Studienobjekt abzuwenden, nach den Gründen, die zu meiner Festnahme führten.

 

Gründe? Welche Gründe? Sieben unscheinbar gekleidete Herren nahmen meine beiden Freunde und mich auf dem Bahnhof fest. Schleiften uns vom Pinkelbecken weg. Dabei taten wir nichts Unrechtes, standen einfach nur da, pinkelten, rauchten und amüsierten uns über anstößige Kritzeleien an den Kacheln vor uns.

Zuerst dachte ich an Kinderräuber oder so was, brachte meine Fäuste in Position und brüllte: „Ich darf nicht mit fremden Männern mitgehen!“. Doch die Kinderräuber waren schneller, warfen sich auf mich und legten mir eine Acht an. Die erste Acht in meinem Leben. Und die war wirklich total echt. Gott, war ich stolz auf das Ding. Ich verdrehte den Kopf, sah in die Leidensmienen meiner Freunde, hob die Hände wie zum Gruß – Hunderte kleiner Blitze schossen über meine Acht hinweg – und rief ihnen zu: „Jetzt sind wir wer!“

„Halt die Luft an!“, befahl irgendeiner hinter mir.

Jetzt war ich mir ganz sicher, dass die Kinderräuber Abgesandte der Staatsmacht waren.

„Seht her, sie haben Angst!“, sagte ich laut und lachte vergnügt.

 

Weit nach Mitternacht, die Vernehmungen waren abgeschlossen und meine Freunde nach Hause geschickt, stellten sie mir meinen Hauptgewinn zu. Beide hatten unabhängig voneinander Protokolle unterschrieben, in denen es hieß, ich habe die Absicht geäußert, die Deutsche Demokratische Republik illegal zu verlassen. Ein gewöhnliches, sieben Zentimeter kleines Klappmesser, das ich immer bei mir trug, und wie es sich vermutlich in der Hosentasche jedes Sechszehnjährigen gelernten DDR-Bürgers finden ließ, untermauerte ihre Behauptung und brach mir schließlich das Genick.

Es war mir egal. Ich war hungrig und immer wieder fielen mir die Augen zu.

Versuchte Republikflucht unter Anwendung einer Waffe, nannten sie es. Ganz was Schlimmes. Sie meinten bestimmt nicht mich.

 

Meinten sie doch. Denn nun stand ich vor Borrmann und schob mit beiden flach aufgelegten Händen mein Schiffchen noch eine Idee in Richtung rechtes Ohr. Borrmann zupfte unsichtbare Fussel von seiner dunkelblauen Uniform und sagte: „Das haben allein Sie sich zuzuschreiben. Denken Sie mal nach. Sie machen alles nur noch schlimmer als es ohnehin schon ist. Kommen Sie zur Vernunft.“

Ohne es rational begründen zu können, war mir Borrmann auf Anhieb irgendwie, na ja, sagen wir mal, jedenfalls nicht so richtig ganz sympathisch. Und doch fühlte ich mich von diesem schlanken Mittdreißiger angezogen. Sein babyarschglattes, urlaubsgebräuntes Gesicht allein konnte unmöglich diese Kraft erzeugen. Dazu wirkte es zu weich, zu anfällig. Woraus schöpfte dieser Teufel? Wurde ich Opfer seiner aufgesetzt abweisend, desinteressiert gelangweilten Art und vielleicht auch der überdeutlichen, jedes Wort betonenden, leisen, hinterhältigen Sprache?

Quatsch nicht rum, mach die Tür auf.

„Ich bin müde“, sagte ich schnippisch, langte nach der übelriechenden, braunen Pferdedecke auf dem Tresen; klemmte das kratzige Ding unter den rechten Arm, steckte beide Hände in die Taschen des Overalls, drückte mich am fusselsuchenden Borrmann vorbei und folgte den beiden Obermeisterdienstgraden die Holztreppe hinunter und über den Hof in ein kleines, freistehendes, einstöckiges gelbes Gebäude.

Ich meine natürlich ein Gartenhäuschen. Hängepetunien bepflanzte Blumenkästen suchte ich zwar vergebens, doch fiel mir im entzückend kleinen Vorraum gleich die Schreibblockgroße Glasscheibe im Mauerwerk zu meiner Rechten auf. Eine wirklich durchdachte Lösung. Öffnen ließ sie sich nicht, dafür aber hatten durchblickende Aufseher eine nur anderthalb Meter entfernte, Ocker Farbe abstoßende Wand vor sich. Und beugten sie sich dann nach vorn und drehten den Kopf mal nach links, mal nach rechts, kamen sogar noch die Eingangstür und bestimmt zwei Zellentüren hinzu.

 

Locker schlenderte ich durch den Vorraum auf einen quer verlaufenden fensterlosen Flur. Er lag im Halbdunkel. Das lustlose Glühlämpchen aus dem Vorraum brachte keine Erleuchtung. Es tat sich schwer, vielleicht wollte es auch keinen Schritt um die Ecken wagen. Ich atmete flach in kleinen Häppchen. Zunächst glaubte ich, einer der Schließer habe einen mächtigen Koffer abgestellt, doch hier hinten wurde aus dem Koffer die Gepäckabfertigung eines internationalen Flughafens. Ich dachte nicht weiter nach und atmete mehrere Male tief ein. Mein Brustkorb blies sich auf wie ein Ballon, der, ließe man ihn gewähren, im nächsten Augenblick die ihm eingepresste Luft mit hohem Druck angewidert ausstieß.

 

Als Kinder spielten wir oft in der Kanalisation unserer Stadt. Manchmal Verstecken, meistens aber erschlugen wir Ratten. Übler Fäkaliengestank war mir nicht fremd, es befremdete mich nur, ihn nun auch in der Wohnung zu haben.

 

Sechs pedantisch ausgerichtete dunkelbraune Zellentüren verteilten sich wie Pferdeboxen über die gesamte Breite des Gebäudes.

„Links! Leg die Decke hintn aufn Haufn drauf!“, befahl mir ein übergewichtiger Schließer.

Gehorsam trabte ich die sechs Meter bis zum Ende des Gangs. Unmittelbar neben der Zelle mit der schwarzen Nummer eins auf der Tür türmten sich zwei Stapel Seegrasmatratzen auf. Der eine mit neun, der andere mit sechs dieser, selbst in mattem Licht gut erkennbaren, versifften Teile. Auf dem kleineren Haufen machte ich etwas aus, das ich für zwei ordentlich zusammengelegte Pferdedecken hielt. Ich nahm die Hände aus den Hosentaschen und warf meinen Lappen achtlos dazu.

„Mach das anständig, du Sackgesicht!“

Ich tat einfach so, als hätte ich ihn nicht gehört. Überlegte es mir aber anders, als mich sein Bummi mit voller Wucht auf dem Rücken traf und mich ein furchtbar lästiger Schmerz zusammenfahren ließ.

„Los, anständig die Decke da drauf, sonst setzt’s noch was!“

Danke für den freundlichen Hinweis. Schon überredet. Lächelnd nahm ich sie auf, legte sie ordentlich zusammen und zurück auf die beiden anderen.

„Geht doch. Man muss bei euch Gesindel nur etwas nachhelfen. Komm, hier geht’s rein, du Schwein!“

Gib mir für eine Minute deinen Bummi; nur eine Minute – und ich zertrümmere dir deine aufgeschwemmte Visage. Mit funkelnden Augen drehte ich mich eine halbe Drehung nach rechts, musterte das Grinsen im feisten Gesicht des Schließers, der abwartend neben der geöffneten Tür lauerte, und sagte: „Nach Ihnen, Herr ... äh?“

„Rein ins Loch!!!“, schrie das Ferkel mit hochrotem Kopf.

Ich ging hinein, als suche ich nach Beginn der Vorstellung einen Platz im Kino und zuckte zusammen, als er das Gitter hinter mir zuwarf und abschloss. Ich drehte mich nicht um, spannte jeden Muskel meines Körpers und zuckte doch wieder zusammen, als er die beiden Riegel vor die Tür schob und den Schlüssel zwei Mal im Schloss drehte.

 

Zelle eins war keine Zelle. Es war der wahrgewordene Albtraum, den zu träumen ich vermied. In meiner Verzweiflung trat ich wie ein ausschlagender Gaul mehrfach gegen das Gitter. Mein Rücken schmerzte, und ich kämpfte mit den Tränen.

„Gib Ruhe, sonst setzt’s noch mehr!“

Zum dritten Mal zuckte ich zusammen und hasste mich dafür.

Du bist ein Knacki in Einzelhaft. Halte dich daran! Sei gefälligst hart und lass diese verdammt weibische Schreckhaftigkeit.

Doch sein Angebot kam derart schnell und unverhofft, dass ich mich erschrocken umwandte und mit aufgerissenen Augen zunächst das Gitter anstarrte, bevor mir gewahr wurde, dass er mich durch den Spion in der Tür beobachtete.

 

Mein Albtraum bestand aus vier Quadratmeter Finsternis hinter einem eigenen Zaun. So von der Art eines Hundezwingers – nur vielleicht nicht ganz so komfortabel. Dem eingehenden Trettest entnahm ich, dass die Einfriedung keinen Strom führte.

Der Tür gegenüber eine Fensteröffnung, bei der das Gitter nicht wie sonst bei klassischen Bauwerken dieses Typs üblich, auf der Außenseite, sondern innen angebracht war. Vielleicht um Unbeholfenen den Gang zu erleichtern. Nur einen spaltbreit ließ sich das maulwurfsgraue Milchglas kippen – nach außen. Was sich dahinter verbarg, es blieb mir verborgen. Ein außen um die Fensteröffnung angebrachter, geschlossener grüngelber Drahtglaskasten mit dunklem, möglicherweise lebendig, saftig grünem Moosteppich nahm mir die Kraft der Sonne, die Hoffnung des Regens und die Philosophie der Winde. Er saß wie der Deckel auf einem Einweckglas, das Großmutter weit hinten im feuchten Kellerregal vergaß.

Ich sah auf dieses Loch in der Wand und fragte mich, ob ich nicht viel zu viele Gedanken daran verschwendete, denn schließlich war ich hart, unbeugsam und überhaupt ein schlimmer Finger.

Im Rücken die stumme Traurigkeit des Zaunes, der wie ein Moskitonetz von der Decke zum Boden fiel und sich quer durch die Zelle von einer Wand zur anderen spannte. Womöglich ein Qualitätsprodukt des Stahlwerkes Riesa – Knackischweiß vom Anfang an. Und dahinter mein Vestibül, wenn ich mal so sagen darf. Ein schönes Vestibül. Brach lag es da, erstreckte sich vom Zaun bis zur einem Meter zwanzig entfernten Tür. Nein, keine Tür. Es musste etwas anderes sein. Türen haben Klinken, Sargdeckel haben niemals Klinken.

Wände, Decke und Fußboden in den ruhigen Farben nasser Friedhofserde. Eine schwachbrüstige Glühbirne oberhalb des Deckels, in einer Vertiefung hinter einem Schutzgitter. Das arme Dinge strengte sich an, gab ihr Bestes, und erhellte mein Daheim doch kaum mehr als es eine Kerze vermochte. Irgendwann erlosch es.

Zwei in der Höhe versetzt angebrachte dunkelbraune Bretter, über Betonstützen fest in der linken Wand verankert, dienten als Stuhl, Hocker ... – was auch immer, jedenfalls zum Hinsetzen und als Tisch.

Unmittelbar neben dem Sitz, in der Ecke links unterhalb des Fensters, ein Kübel. Kübel – das Imagemobiliar harter Jungs. Skeptisch musterte ich meinen ersten Kübel, kniete schließlich vor ihm nieder, klappte die kreisrunde, schwarze Plastiksitzfläche hoch und öffnete den darunter liegenden Deckel. Mausgraue Farbsplitter bröselten vom Metall.

„Scheiße!“, brummte ich und warf in einem Schub von Atemnot angewidert den Kopf zurück. Abgestandene Vernehmerzimmerluft schlug mir entgegen, traf mich unvorbereitet und hart wie Dickerchens Bummi. Daher also das atemberaubende Bukett des Zellenhäuschens. Ich erholte mich schnell und wagte einen erneuten Vorstoß. Mein Blick fiel ins Innere. Der Eimereinsatz war leer. An seinen Wänden hafteten fingerdicke schwarzbraune Ablagerungen, die mehr Bakterien beherbergten als ein Kreiskrankenhaus.

„Sollte mich nicht wundern, wenn hier schon während der Kreuzzüge reingeschissen wurde“, blabberte ich mit Blick auf die leckere Kruste, welche einem Hornissennest mit gleich vielen gedeckelten und leeren Zellen nicht ganz unähnlich war.

 

Ja, und dann hätte ich mich um Haaresbreite beinahe doch noch übergeben. Allein der Gedanke, mein jugendlich zartes Engelsgesicht über diesen Pott halten zu müssen, bewahrte mich vor unkontrolliertem Aktionismus und sehr wahrscheinlich auch vor beschleunigter Alterung, Haarausfall, Erblindung, Mundgeruch, Fußpilz und Impotenz.

Was mochten die beiden verstaubten Röhrchen wohl führen, die sich unterm Fenster schüchtern durch mein spartanisches Appartement schlängelten. Ich hatte da so einen heißen Verdacht, berührte sie mit den Fingerspitzen und zuckte sogleich zurück. Dann umschloss ich mit der Hand das obere Röhrchen. Lauwarm. Mein Ofen schlummerte, auch im Winter – und sogar tagsüber.

Ich setzte mich auf den kalten Betonboden, streckte die Beine lang aus, lehnte mich an meinen Ofen und begutachtete das letzte Möbel: Ein flach an der rechten Wand angebrachtes Holzbrett. Holzbrett ist vielleicht ein ganz klein wenig übertrieben für die paar grob zusammengenagelten Latten. Bis auf ein paar Zentimeter auf der Zaunseite und der Fensterwand, füllte es die gesamte Breite der Wand. Ein sehr schlichter, doch umso praktischerer Wandschmuck. Ich stand auf und versuchte das Brett zu befreien. Fehlanzeige. Wie gemein: Es hielt sich an einem Vorhängeschloss fest. Einem sehr billigen. Aber ohne Werkzeug spielte auch das nur eine eher untergeordnete Rolle.

 

So, da wären wir also. Ich habe mich umgesehen, alles angeschaut. Wirklich alles. Ehrlich wahr. Und, was soll ich sagen, ich bin kein bisschen beeindruckt. Tabak habe ich nicht gefunden, und auch keinen Feuerstein. Ihr könnt mich jetzt wieder abholen. Hallo, hallo, holt mich hier rauaus! Ihr wollt mich nicht rauslassen, richtig? Richtig! Wie ihr wollt, dann bleibe ich eben hier. Macht mir gaaaaar nichts aus.

Scheiße, macht mir doch was aus! Verdammte Scheiße, ich habe keine Lust auf dieses Dreckloch. Ich werde blöd hier drinnen. Macht den Deckel auf! Bitte! Ich ersticke doch. So wird das nichts ... Dann zieht doch wenigstens gleich den Vorhang zu.

 

Spät am Abend, längst hatte sich mein Appartement ihr kleines schwarzes übergestreift, öffnete sich, so gegen 22 Uhr, weil sich die Zeitabläufe in allen Knästen gleichen, die Tür und ein Schwall gedämpften Lichts ergoss sich über mich.

„Nimm dir drei Matratzenteile und eine Decke“, sagte ein kleiner, uralter Schließer in überraschender, angenehm höflicher Tonlage und schloss dabei mit ruhiger, geübter Hand meine Zauntürchen auf.

Kraftlos und müde ging ich an ihm vorbei, trat auf den Flur hinaus und tat, was mir aufgetragen wurde. Zwischenzeitlich entfernte Opa das Vorhängeschloss von meinem Wandschmuck, kam mir nach und knipste von außen das Licht in meiner Wohnung an.

Wieder in der Zelle, legte ich die Matratzen auf den Tischersatz, ließ das Brett herunter, breitete die drei Teile darauf aus und wartete, was als nächstes auf mich zukäme.

Der zutrauliche Alte verschloss das Gitter, sah mich an und sagte in väterlichem Ton: „Junge, überlege dir genau, was du tust. Es ist noch keinem gelungen. Nach einigen Wochen hat noch jeder aufgegeben. Du kannst mir glauben, ich bin schon sehr lange hier und habe schon einiges gesehen und erlebt. Gute Nacht, ... und denk über meine Worte nach.“

„Nacht“, erwiderte ich leise und hoffte, der Schwätzer möge endlich den Deckel verriegeln, um mich aufs Bett werfen zu können.

 

Die Tür knallte ins Schloss, ein Schlüssel drehte sich mehrmals in ihm, dann ging das Licht aus. Dunkelheit – von einer Sekunde auf die andere. Und mit einem Satz lag ich auf dem Brett unter der Decke.

Wovon sprach dieser versponnene Zwerg? Was ist noch keinem gelungen? Worüber soll ich nachdenken? Ja, und was tue ich denn? Was wollte mir der Alte sagen? Hält sich wohl für besonders intelligent und glaubt, deshalb in Rätseln sprechen zu dürfen. Ich weiß nicht, was abgeht, und das Stück Trockenobst belegt mich. Ob er weiß, dass er eine volle Knastmacke hat? Wohl kaum.

Und werde ich in ein paar Tagen ebenso delirieren? Schon möglich, aber mir total Brust. Wenn es so weit ist, merke ich es ohnehin nicht. Und wenn doch, dann ist es eben noch nicht weit genug. Geduld, mein Freund, was Bessres kann dir fast nicht passieren.

 

Kaum hatte ich die Augen geschlossen und mich einem anregend schlüpfrigen Traum genähert, klirrte irgendein Nachtwächter sein schweres Schlüsselbund gegen die Zellentür, knipste das Licht an und sah durch den Spion. Instinktiv sprang ich jedes Mal von der Pritsche, bezog vor dem Fenster Stellung und machte mich voll zum Löffel. Im Halbschlaf nahm ich Ausbrüche höchster Belustigung wahr.

Irgendwie fand ich das gar nicht lustig. Doch steckte mir die Reaktion seit der Untersuchungshaft noch im Blut. Dort tönte allmorgendlich eine ohrenzerreißende Hupe durchs Haus. Wer das Wecksignal überhörte, konnte unmöglich noch unter den Lebenden weilen. Kurz darauf flog die Zellentür auf. Alle Insassen hatten stramm vor dem Fenster Aufstellung genommen und einer, in aller Regel der, der Mund und Augen aufbekam, erstattete lautstark Meldung: „Guten Morgen, Herr Hauptwachtmeister! Zelle Vierhundertzwölf mit drei Inhaftierten! Keine besonderen Vorkommnisse!“

Der Angebrüllte nickte selbstzufrieden, trat einen Schritt zurück und ein Kalf reichte eilig das herein, was sie gerne auch als Frühstück bezeichneten.

 

Nach zwei Tagen, oder besser Nächten, hatte ich herausgefunden, was sie mit ihren stündlichen Störmanövern bezweckten. Von da ab war Schluss mit Löffel. Ich hob nur noch einen Arm oder wackelte mit einem unter der Decke hervorgestreckten Fuß, um meinem besorgten Nachtwächter zu zeigen, dass ich zu Hause sei und mich bester Gesundheit erfreue. Dann schlief ich friedlich weiter – bis zur nächsten Runde.

 

Wecken war um sechs. Locker aus dem Handgelenk, ersetzten ein paar kräftige Schläge mit dem Schlüsselbund gegen die Tür das Hupsignal. Nach dem Aufschluss brachte ich Matratzen und Pferdedecke zurück auf den Flur, klappte meinen Wandschmuck hoch, nahm den Kübeleinsatz und schlenderte zum anderen Ende des Bunkers, als befände ich mich auf dem Weg zum Bäcker.

In Zelle Nummer sechs leerte ich den Kübelinhalt in eine richtige Toilettenschüssel und drückte eine richtige Wasserspülung. Die hatten wirklich jeden Schnickschnack. Dann wusch ich mich am einzigen Waschbecken mit eisig kaltem Wasser. Übrigens einem winzigen Ding, das zudem meinem Kübel frappant ähnelte.

Immer fand sich irgendwo auf dem Beckenrand eine Ecke Kernseife. Und auch an Zahnbürsten herrschte kein Mangel. Ich wählte eine unter den fünf auf der Ablage in Brusthöhe über dem Waschbecken liegenden aus und schrubbte meine Zähne. Es war ein schönes Gefühl, sich etwas aussuchen, selbst bestimmen zu können. Mein Gesicht ließ ich an der Luft trocknen, und meine Hände wischte ich an das Handtuch, welches Freitags gewechselt wurde.

 

Eines Morgens, ich vermute, es war der siebente Tag, entdeckte ich auf der Ablage eine Tube Chlorodont 69. Es war ein Morgen wie jeder andere: Kein Mond, der mich führte; kein Sonnenstrahl, der mich wärmte – und doch sandte er einen Lichtblick.

Ein Schließer musste die Zahnpasta vergessen haben. Sofort war ich hellwach. Ich lauschte, ob sich ein Schlüssel näherte und hörte ein dumpf hämmerndes Geräusch – mein wild klopfendes Herz. Blitzschnell schnappte ich die Tube, drückte deren Inhalt einen fingerbreit nach oben, faltete den Tubenfalz zwei Mal um und bog sie so lange hin und her, bis sie abbrach. Geschwind ließ ich es im Overall verschwinden, knickte das Ende der Aluminiumtube weitere zwei Mal und legte sie zurück auf die Ablage.

 

Arrestanten unterlagen einem strikten Sprechverbot. Obwohl mir nicht ganz klar war, welche Strafe mir drohte, umging ich dieses Verbot, da sie mir bereits alles gaben, was sie anzubieten hatten, hielt ich es dennoch ein. Aber nur, weil einem überzeugten Morgenmuffel wie mir nichts Besseres hatte passieren können.

In Gegenwart eines Schließers begrüßten wir uns mit einem Lächeln und einer kurzen Kopfbewegung. Was selten genug geschah, denn die meiste Zeit verbrachte ich allein im Dunkel der frühen Morgenstunden.

Nach der erfrischenden Morgentoilette und dem Sichern des Holzbrettes mittels Vorhängeschlosses, erhielt ich mein Frühstück – zwei Schwarzbrotscheiben mit hauchdünn aufgekratzter dunkelroter Marmelade und ein halb volles Plastiktässchen geschmacksneutralen Tees zum Runterspülen.

Abends klebte irgendwo zwischen den beiden Brotscheiben Wurst, manchmal auch Käse. Mittags servierte man etwas Warmes in einer Plastikschüssel mit Plastiklöffel. Insgesamt nicht üppig, aber ausreichend.

 

Beim täglichen Hofgang entrann ich der Abgeschiedenheit und Einsamkeit meiner Tage, wenn auch nur für kurze Zeit. Sechzig Minuten lief ich vor dem Zellenhäuschen im Kreis. Jeden einzelnen Augenblick unter freiem Himmel genießend. Ich kannte weder gutes noch schlechtes Wetter, nur die Gier auf ein paar Schritte in Freiheit. Ja, in Freiheit – auch wenn es merkwürdig klingen mag. Schneller und schneller, so als verlängere sich die Zeit, liefe ich so weit wie irgend möglich. Ich drehte meine Runden, trampelte lächelnd durch Pfützen und nickte vergnügt, tippte sich einer der beiden zur Überwachung abgestellten Schließer an die Stirn.

Zu anderen Gefangenen, drehten sie nun mit mir ihre Runden oder gingen sie nur vorüber, musste ich zwei Meter Abstand halten. Stehen bleiben, miteinander sprechen oder sich gar auf den Boden setzen führte zum sofortigen Abbruch des Luftschnappens.

Ihren Verboten zeigte ich die Brust, denn ich liebte diese Vorschriften. Ich wollte laufen, laufen, laufen, niemals wieder stehen bleiben. An keiner Stelle verweilen, nur eilen, weiter, weiter, vorwärtsstreben. Und sprechen? Worüber? Was hatte ich schon zu erzählen. Ich sah nährende Erde und ziehende Wolken. Das gehörte mir – ganz allein nur mir.

 

In diesem reizvollen Fluidum verbrachte ich zwei volle Wochen, an deren Ende ich fest davon überzeugt war, jeder weitere Tag triebe mich dem Tod in die Arme. Tagsüber turnte ich am Zaun, führte Selbstgespräche oder schlief auf dem kalten Boden liegend. Der Deckel öffnete sich zu den Mahlzeiten, zum Hofgang und zur Nachtruhe.

Die Abstände waren groß genug, um gelegentlich auch mal meinem Klappbett etwas Bewegung zu verschaffen.

Aus dem Kragen meines Overalls fummelte ich den Aluminiumfalz der Zahnpastatube und drückte und drehte sie einige Sekunden im Schloss. Vernahm ich sein ungeduldiges Knacken, verbunkerte ich zunächst den Schlüssel im Kragen, bevor ich es losband.

Ausgesprochen erholsam waren die Tagesstunden auf ihm freilich nicht. Ruhen war durchaus drin, schlafen nein. Unablässig suchte ein Ohr den Flur vor meiner Wohnung ab. Empfing es Geraschel, gar Klimpern, sprang ich vom Brett, klappte es hoch, ließ das sich nicht selten sträubende Schloss einschnappen und legte mich unschuldig schlafend auf den Boden.

Sieht man mal von Borrmanns Gegenwart ab, mangelte es mir an nichts. Nicht dass er mir irgendwie abging. Ich hätte nur zu gern gewusst, weshalb ich in verschärfte Einzelhaft kam. Rein der Ordnung halber. Neugierig war ich bestimmt nicht.

 

Überraschenderweise besuchte er mich am vierzehnten Tag. Flankiert von zwei Schließern baute er sich vor meinem Zaun auf und fingerte desinteressiert an seinem korrekt sitzendem Plastikgezwirn.

„Wie haben Ihnen die zwei Wochen gefallen?“, fragte er, an mir vorbei auf den Kübel starrend.

Ich folgte seinem Blick.

„Ich habe sie genossen, Genosse“, provozierte ich in meiner gewohnt charmanten Art.

„Möchten Sie auf Gruppe?“

„Gern.“

„Und arbeiten?“

„Noch gerner. Oder gibt’s das Wort nicht?“

„Also los!“, sagte Borrmann, lächelte zuvorkommend, als böte er einem Mütterchen beim Heruntertragen des Abfalls seine Hilfe an, und befahl seinen Lakaien: „In Absonderung!“, machte auf den Absätzen seiner hochglanzpolierten Halbschuhe kehrt und verließ mich.

Ich warf den Kopf herum. Meine Augen weiteten sich, mein Mund war trocken und unter den Armen traten Bäche über die Ufer. Der will mich töten, war mein erster Gedanke. Ganz langsam, peu à peu.

Wohl blöd geworden, das Dingsda. Ich werde nicht zulassen, dass der mich umbringt. Nicht der! Ich werde ihm die Brust zeigen. Ganz einfach die Brust zeigen. Aus! Basta!

 

Von der Einzelhaft in die Absonderung. Na, wenn das nicht Ölwandwechsel bedeutet.

Ohne weiteres Aufsehen klemmte ich die Pferdedecke untern Arm und folgte den beiden von Borrmann zurückgelassenen Schließern zur Kammer, wo mir dieselbe Ausstattung an Bekleidung, Bettwäsche, Decken, Besteck und dergleichen Notwendigkeiten, wie sie jeder andere auch erhielt, feierlich überreicht wurde.

Feierlich, weil mich die beiden Kalfaktoren gleichermaßen höflich und doch kumpelhaft begrüßten. Außerdem grinsten sie unentwegt. Und daran trug nicht allein meine Frage „Trägt das der gut gekleidete Knacki dieses Jahr?“ beim Überstreifen der Kleidung bei. Es waren ganz einfach nette Burschen, die, ohne dass ich darum bat oder dafür zahlte, Stapel von Wäsche nach den am besten erhaltenen Stücken durchwühlten. Selbst ein Offiziersstoff-Schiffchen, die nur von einer Handvoll Auserwählter, den durchsetzungsfähigsten und somit höhergestellten getragen wurden, steckten sie mir zu.

 

Nachdem ich mich in eine komplette Garnitur weißer Feinrippunterwäsche, in kratzige, dicke graue Militärsocken, einen nagelneuen dunkelblauen Schlosseranzug und ebenfalls neue schwarze Halbschuhe gehüllt hatte, warf ich die übrigen Utensilien in den blauweiß karierten Bettbezug und diesen wie einen Sack Kartoffeln über die rechte Schulter.

„Auf geht’s!“, verkündete ich fröhlich und lächelte meinen Bewachern aufmunternd zu. Dabei hätte ich heulen können, so viel Angst hatte ich vor der Einzelhaft.

Schnurstracks führten sie mich über den Hof. Einen Block weiter, im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, dem einzigen Bau, in dem es Nonnen nicht getrieben haben konnten, weil er sicher kaum älter als dreißig, vierzig Jahre war, machten wir halt.

Vor herumstehenden, neugierig glotzenden Teenies abgeschirmt, schoben sie mich vierzehn Stufen hoch und linksseitig in einen Zellentrakt. Scheppernd schloss sich die schwere Stahltür hinter mir. Auch an diesem auserwählten Ort standen mir fünf Wohnungen zur Auswahl. Alle unbewohnt. Wieder so ein Geisterflur. Spontan entschied ich mich für die Kleine links hinten. Doch ausgerechnet die gefiel den anderen nicht. Sie pfiffen mich zurück und bedrängten mich, die mittlere gegenüber zu beziehen. Und da sie ganz und gar nicht den Eindruck machten, mit mir handeln zu wollen, gab ich eben nach.

 

Kaum hatte sich das Brett hinter mir geschlossen, warf ich meinen Bettbezugrucksack schwungvoll auf die Pritsche, sah mich kurz nach allen Seiten um und begab mich gierig auf Erkundungstour durch mein neues Domizil. Jede Ecke und jede noch so kleine Ritze nahm ich genauestens in Augenschein. Unter dem Tisch suchte ich ebenso wie unter dem Stuhl, den Fugen am Fenster und im Hohlraum unter dem Toilettenbecken. Im, auf, unter und hinter dem an der Wand festgeschraubten Schrank.

Dann – Der Herr sei gepriesen! – am Winkelstahl unter der Pritsche wurde ich schließlich doch fündig. Zufrieden ließ ich mich auf dem Deckel der Kloschüssel nieder und entrollte das kleine Stückchen Zeitungspapier. Vorsichtig, ganz vorsichtig und immer darauf bedacht, meine Hände im toten Winkel des Spions zu halten.

Ich war lange genug im Knast, um die wichtigsten ungeschriebenen Gesetze zu kennen, ohne die ein Überleben prinzipiell möglich, aber weniger aufregend gewesen wäre. Eines der Gesetze lautete: Vererbe deinem Nachfolger, was von dem, was du in die Absonderung oder den Arrest geschmuggelt hast, übrig ist.

Behutsam, als handle es sich um ein Fabergé-Ei, breitete ich den wertvollen Inhalt auf dem linken Oberschenkel aus. In meinen dankerfüllten braunen Augen bildeten sich Rinnsale der Zuversicht. Um meine Lippen spielte ein vergnügtes Lächeln. Tausendfach dankte ich meinem Vorgänger für die zehn Millimeter lange Bleistiftmine, die kleine Glasscherbe und für den drei Millimeter großen Feuerstein. Vornehmlich aber für die Tabakbrösel, aus denen ich bestimmt fünf, vielleicht sogar sieben kräftige Lungenzüge holen könnte.

 

Kurz: Ich war happy. Meinen Körper durchzuckte ein bis dahin unübertroffenes Glücksgefühl, das sich sogleich über Achselfeuchte schamlos nach außen hin mitteilte. Mir war nach tanzen und schreien. Ja, selbst einen Borrmann hätte ich in diesem Moment umarmt und womöglich sogar küssen können. Letzteres strich ich dann doch lieber wieder. Man muss ja nicht gleich übertreiben.

Sorgsam rollte ich nach einigen Sekunden der Andacht den kleinen Schatz wieder zusammen und beförderte ihn zu meinem anderen in die Unterhose.

Zu den Glanzpunkten der Absonderung, wenn ich mal so sagen darf, gehörte neben der gelblichen Ölwand, dass ich Bücher und Zeitungen lesen durfte. Am Schreibverbot hielt Borrmann aber weiterhin fest. Seit meiner Landung in Ichtershausen gestattete man mir nicht, Briefe zu schreiben oder zu empfangen. Desgleichen galt auch für den Empfang von Paketen und Besuche, ohne dass ich erfuhr, weshalb.

Die Bleistiftmine versetzte mich nunmehr in die vorteilhafte Lage, anderen Informationen zukommen und sogar nach draußen zu meiner Familie schmuggeln lassen zu können. Zu dumm nur, dass ich keinen kannte, den ich um diesen oder jenen Gefallen bitten konnte. Die Zeit, die ich auf Transport und der Zugangsabteilung verbrachte, war einfach zu kurz, um jemanden so gut kennenzulernen, dass ich ihm rückhaltlos vertraute.

 

Nach dem Abendessen baute ich mein Bett, legte meine erste eigene Zahnbürste akkurat auf die Kante des Waschbeckens und machte ein wenig Ordnung in der Zelle. Dabei zielte ein Ohr so lange in Richtung Tür, bis mir das markante Scheppern der Stahltür zurief, nunmehr ungestört zu sein. Jedenfalls für eine Stunde.

 

Aufgeregt fummelte ich in meiner Unterhose bis ich endlich das kleine Röllchen – Nein, das andere! – zu fassen bekam. Umständlich entblätterte ich auf dem Tisch das Papier und entnahm ihm alles außer den Tabak. Dann rollte ich mit leicht zittrigen Fingern das Zeitungspapier zu einem kleinen Tütchen, stopfte mit dem Griff des Rasierapparats, den ich auf der Kammer erhielt, den bröseligen Tabak fest hinein und drehte mit Daumen und Zeigefinger das vorn überstehende Papier fest zusammen. Die beim Aufräumen eingesammelten feinen Staubflocken, von denen es besonders unter dem Bett reichlich abzustauben gab, legte ich aufgehäuft auf dem Boden bereit. Anstatt einer Klinge, die mir nur unter Aufsicht eines Schließers überlassen werden durfte, spannte ich den Feuerstein an der Außenkante des Rasierapparats so ein, dass er ein klein wenig überstand. Dann ging es dem ultimativen Höhepunkt entgegen. Den Rasierapparat in der Linken, das Tütchen im Munde und die Glasscherbe in der rechten Hand – so kniete ich auf dem abgewetzten, knastkaffee-braunen, linoleumähnlichen Bodenbelag über der fetten Wollmaus gebeugt. Einige Augenblicke hielt ich die Luft an und horchte zum Gang hinaus, zog dann die Scherbe kratzend am Feuerstein entlang, horchte wieder und kratzte mit der Scherbe erneut über den Feuerstein. Ich zitterte am ganzen Leib vor Aufregung. Funke um Funke besprang die Wollmaus, bis sie schließlich Feuer fing. Hurtig hielt ich mein Tütchen in die für zwei oder drei Sekunden hochschlagende Stichflamme.

Geschafft!

Um keine verräterischen Brandspuren zu hinterlassen, schlug ich mit der flachen Hand auf mein Feuerzeug ein und fegte mit der rechten Handfläche die noch glimmenden Flusen dahin zurück, von wo ich sie aufgelesen hatte.

Damit ich die wenigen Züge in ihrer Gänze genießen konnte, setzte ich mich auf den Stuhl und lehnte mich entspannt zurück. Aufgrund der mir zwangsverordneten Abstinenz der letzten Wochen, war dies auch dringend geboten. Ich streckte die Beine lang aus, legte den Kopf in den Nacken, sah zur Decke und lächelte zufrieden. Das Zeug verursachte mir Schwindelgefühle. Eine überaus angenehme Begleiterscheinung.

Ah, so lässt es sich aushalten.

 

Der Service stimmte, war kaum noch zu übertreffen. Jeden Morgen wurde mir mit dem Frühstück eine JUNGE WELT gereicht. Tatsache! Nun ja, mittags hatte ich sie wieder abzugeben. Doch las ich bis dahin alles, einfach alles – jede noch so unsinnige Zeile. Und davon gab es reichlich. Tausende, möchte ich meinen. Chinesen bekriegten sich mit Vietnamesen. Soso. Natürlich erfuhr ich nichts wirklich Interessantes. Und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als zu der erfreulichen Erkenntnis zu gelangen, dass es für einen Knacki, abgesehen von einer noch erfolgreicheren Getreideernte, unmöglich war, etwas zu verpassen.

 

Die Nachmittage verbrachte ich über irgendeinem Buch gebeugt und trieb zwischen den Kapiteln Gymnastik. In der übrigen Zeit schlummerte ich so vor mich hin.

Die Tage vergingen.

 

Nach zwei Wochen meldete sich Borrmann mit seinen beiden Lakaien zurück. Er begehrte zu wissen, ob ich meine Meinung geändert habe. Natürlich hatte ich diese nicht geändert. Warum auch? Zur Güte, und um ihm zu zeigen, dass ich durchaus willens war, bot ich ihm an, mir einige Tage Gesellschaft zu leisten.

Natürlich war das völliger Humbug. Natürlich suchte ich ihn zu provozieren. Ich wollte ihn aus der Reserve locken, seinen Feindseligkeiten und Bedrohungen, die mich auch ohne Worte und Gestiken erschreckten, etwas entgegensetzen. Bloß keine Schwäche zeigen; am Ende springen die einem ohne Vorwarnung an die Kehle. Natürlich war mir nicht klar, was ich tat. Und natürlich wusste ich nicht, worum es eigentlich ging.

 

Borrmann, der sich zwei Schritte vor mir aufgebaut hatte, kam auf mich zu. Ohne mit der Wimper zu zucken, bettete er seine rechte Faust in mein schutzloses Gesicht. Sie traf mich mit voller Wucht. Na, ich war ja vielleicht baff. Mit so manchem hatte ich gerechnet, nur nicht damit. Seine Antwort hatte mich derart übertölpelt, dass ich das Gleichgewicht verlor und rücklings aufs Bett fiel.

Ein gefundenes Fressen für den Stänkerer. Auf sein Kommando hin packten mich alle drei, drehten mich auf den Bauch, zerrten Arme und Beine in die Länge und fesselten sie mit Handschellen an die Ecken des Bettgestells. Abscheulich, wie sie meine Hilflosigkeit ausnutzten. Einer, ich konnte ihn nicht erkennen, weil ein anderer meinen Kopf zur Wand gedreht festhielt, warf eine Decke über mich.

„Wer darf zuerst, Klaus?“

„Ich!“, sagte Borrmann.

Und schon hielt einer, kurz darauf drei Bummis auf meinem Rücken Einzug. Die gingen wirklich stramm zur Sache.

„Auaaaa!“, sagte ich langgezogen und lachte.

„Auaaaa! Hör sofort damit auf, Klausi!“

Ich lachte laut und schluckte an den rasenden Schmerzen des einsetzenden Trommelwirbels, der, so als klebte ich an einer verdammten Hochspannungsleitung, aus meinem Körper ein dunkles, heftig krampfartig zuckendes Pferdedeckenbündel machte. Ein Solo für drei. Ich verstummte und biss, um nicht aufzuschreien und ihnen ein Gefühl des Erfolgs zu vermitteln, wild in den Kopfkissenbezug.

Den Klausi hätte ich mir wohl besser gespart. Zu spät. Du weißt, mit den Zuckungen werden augenblicklich auch die Schmerzen gehen. Bitte, ich mag nicht mehr zucken.

„Dich biegen wir auch noch zurecht! Ich habe schon ganz andere Kaliber kleinbekommen! Lasst das Schwein liegen! Am Nachmittag zur Kammer und in Arrest mit dem! Die Tür bleibt bis dahin offen! Du bleibst hier und passt auf die Sau auf!“

 

Ein furchtbar netter Mensch, mein Klausi. Aber er schrie. Ja, er brüllte tatsächlich. Ich hatte ihn herausgelockt. Und noch etwas ließ mich frohlocken: Borrmann gestand, dass er nicht weiterwusste. Üblicherweise schlägt sich das in Formulierungen wie, dass man auch schon ganz andere kleinbekommen habe, nieder. Jedes abschreckende Moment musste zwangläufig in die Hose gehen, wenn man die Beinkleider seiner Ausweglosigkeit so offensichtlich herunterlässt.

Lasst mich zucken! Lasst mich zucken!

Als ich hörte, dass einer von ihnen einen Stuhl über die Fliesen zog und es sich auf ihm vor der offenstehenden Zelle bequem macht, kam ich nicht umhin zu sagen: „Also, von zweien habe ich was verspürt. Na ja, etwas. Aber von dem dritten ... das war bestimmt unser Klausi mit seinem Kleinmädchenschlag.“

„Halt deine Fresse, sonst gibt’s was ohne Decke!“

„Na gut. Dann bedanke ich mich ganz artig.“

„Schnauze!“

Recht hatte er insofern, als dass ihre Bummis ohne den Schutz einer Decke weitaus schlimmere Verwüstungen auf meinem Rücken hinterlassen hätten. Aber auch mit Decke konnten sie ganz ordentliche Schäden an beispielsweise den Nieren verursachen.

 

Das zärtlich Bummi genannte Schlagwerkzeug war in Fachkreisen als gemeiner Totschläger bekannt. Es bestand aus drei biegsamen Teleskopgliedern an dessen vorderem Ende eine Stahlkugel eingelassen war. Dieses Gegengewicht bewirkte, dass sich bei jedem Schlag die dunkel-braun gummierten Glieder liebevoll an die jeweilige Rundung schmiegte; die Spitze mit der Kugel herumpeitschte und garantiert irgendwo am Körper einen Gruß hinterließ. Schlugen sie etwa von vorn auf die Schulter, passten sich die Glieder kaum spürbar den Konturen der Schulter an. Die Kugel aber schlug schmerzvoll auf dem Rücken ein. Betäubender Schmerz und Blutergüsse waren, mit etwas Glück, das Resultat dieses teuflischen Instruments, das klein und handlich, wie ein Mini-Regenschirm an jedem Schließerhandgelenk baumelte.

Draußen auf dem Flur verkündete ein piepsendes Stimmchen, es habe Mittagessen für mich.

„Der will heute nichts“, wies ihn mein Aufpasser ab.

„Doch, ich will!“, rief ich so laut es meine ungemütliche Pose erlaubte.

„Schnauze da drinnen! Und du hau mit dem Futter ab!“

Wie lange ich verknotet im Bett lag, vermochte ich nicht genau abzuschätzen. Es mussten Stunden – oder auch Monate – gewesen sein, und ich musste dringend mal auf den Topf.

„Wenn ich schon kein Essen bekomme, kann ich dann wenigstens aufs Klo?“

Wer so lange wie ich auf dem Bauch liegend ans Bett gefesselt ist, der entwickelt seine eigene Logik.

„Nix da!“

„Ich muss pissen! Dringend!“

„Mach meinetwegen in die Hose!“, empfahl er und lachte gehässig.

 

Nachdem der Druck von meiner Blase gewichen war, bat ich ihn, meine Wäsche wechseln zu dürfen. Irgendwie musste ich seine Anweisung falsch interpretiert haben, denn er kam zur Tür hereingestürzt, traktierte mich mit seiner Phallusprothese und schrie hysterisch: „Die alte Drecksau! Pinkelt diese Sau doch Tatsache ins Bett! Diese Drecksau!“

Und es war so schrecklich, so verdammt schmerzvoll, doch ich lachte. Ich lachte laut und handelte mir zusätzliche Schläge ein. Na bitte: Programm auswendig gelernt. Nahm er vielleicht an, ich lache über ihn? Wie recht er doch hatte.

„Hauptwachtmeister!“

„Die Drecksau hat ins Bett gepinkelt“, verteidigte er kleinlaut sein Tun.

„Raus! Raus! Raus!“

Borrmann stand unmittelbar neben mir. Ich roch seine schweißgetränkte Unterwäsche. Oder war es Rasierwasser?

„Halt! Nehmen Sie ihm die Fessel ab.“

„Ich bitte darum“, murmelte ich und summte eine Melodie. Ich glaube, die eines Kinderliedes.

 

Murrend löste er die Eisen. Ich rollte mich auf die Seite und sah hinauf zu Borrmann. Und jetzt reichts mir. Endgültig! Morgen lasse ich mich kopieren. Dann kannst du auf den anderen eindreschen.

Zu den Schmerzen meines Rückens kamen nun noch die Druckstellen der Handschellen hinzu. Ich rieb die Gelenke meiner Hände und setzte an, die der Füße zu erreichen, doch war der Schmerz nicht auszuhalten. Mein Rücken strafte mich unbarmherzig ab, drehte oder bog ich ihn auch nur eine Winzigkeit.

„Für den Schaden, den Sie hier angerichtet haben, werden Sie aufkommen müssen. Packen Sie zusammen und gehen Sie auf Kammer duschen und umziehen. Eines verspreche ich Ihnen, so wie bisher machen Sie nicht mehr lange weiter. Ich werde Ihren dummen Stolz brechen.“

„Ach, und gar nicht mein Rückgrat?“

„Dein elend großes Maul auch.“

Glaubte der denn, ich bereite ihm Ungemach? Recht hat er! Ich sah ihm ins Gesicht, gähnte mit weit aufgerissenem Mund bis sich meine Augen mit Tränen füllten, schlug die plombierten Zähne klirrend aufeinander, sog zischend Speichel durch sie und wackelte gewichtig mit dem Kopf.

„Wirklich zu dumm, dass ich nur noch etwas mehr als dreieinhalb Jahre hier sein darf“, und mein Körper schmerzte mit jedem Atemzug mehr.

Stolz hatte ich ohne Zweifel. Doch mehr noch hatte ich Angst. Ohnmächtige Angst vor dem, was Klausi aus mir machen könnte. Seine Macht schien unbegrenzt. Ich war viel zu jung, um mir ein Leben in der Psychiatrie – ganz ohne Disco, Mädchen und Bier – vorstellen zu wollen.

Weit weniger freilich, im Pflegebett eines muffigen Knastkrankenhauses, gefesselt an eine Beatmungsmaschine. Eben diese Angst war es, die alles mobilisierte und mir ungeahnte Kräfte des Widerstands verlieh. Vor allem dann, wenn ich mal wieder an der Richtigkeit meines Handelns zweifelte.

 

IV

Wann wurde ich, was ich bin? Wie ich mich kenne, mit dem Tag meiner Geburt. Spätestens aber vor vier Jahren. Damals, ich war schlanke Vierzehn, standen zu einem höchst unpassenden Zeitpunkt die Feierlichkeiten anlässlich der Aufnahme in die Freie Deutsche Jugend an. Kein Achtklässler wurde verschont. Natürlich auch ich nicht, weshalb ich mich selbst verschonen und ins Stadion verdrücken musste. Einem Fußballspiel von Dynamo Dresden beizuwohnen, erschien mir ergreifender und zwangloser als die freiwillige Aufnahme in die FDJ. Sport hatte einen unvergleichlich höheren Stellenwert für mich als irgendwelches steifes Blauhemdentheater.

 

Schon als Sechsjähriger begann ich aktiv Fußball zu spielen. Und mit zwölf erfüllte sich mir ein ganz, ganz großer Traum: Als Ballholer nahm ich fortan an sämtlichen Dynamo-Spielen teil. Direkt am Rasen, in unmittelbarer Nähe der von mir verehrten Stars.

Weder meine Klassenleiterin noch die Schulleitung zeigten Verständnis für meinen Sport und sprachen mir einen Tadel aus. Ein herber Rückschlag für einen, der sich zu den besten der Klasse zählen durfte.

Wer suchte die Konfrontation? War ich es, der provozierte? Oder sie, beständig auf der Suche nach dem Erlebnis ihres unbefriedigten Daseins? Wer weiß das schon so genau. Jedenfalls häuften sich seither die Vorkommnisse.

 

Einmal spazierte ich in einer rosaroten Jeans mit braunen aufgesetzten Taschen zur Schule. Auf dem rechten Knie prangte ein handtellergroßes schneeweißes Zeichen. Ein Symbol, nichts als ein Symbol, welches an das heiß begehrte Sammlerobjekt Mercedes-Stern erinnerte, nur dass der mittlere Balken nach unten durchgezogen war. Ich glaube, es hatte irgendwas mit Frieden zu tun.

Nun ja, eigentlich hatten wir ja eine dressierte weiße Taube. Eine, die keine Fensterbretter vollkleckert.

Wie auch immer: das Ding kam aus dem Westen und sah gar nicht so übel aus. Von einem Foto auf der ersten Seite unserer Zeitung sprang es mich an. Es war das einzige Bild dieser Ausgabe, und es war auch größer als sonst. Eine Menschentraube mit aufgerissenen Mündern, auf irgendeinem Platz in Westberlin, wie ich dem Text unter dem Foto entnahm. Einige hielten Papierschilder mit dem Zeichen über ihre und die Köpfe der anderen. Es war wohl ein sehr wichtiges Symbol für sie.

Lange betrachtete ich das Foto, bevor ich das Symbol abmalte, auf einen quadratischen weißen Bügelflicken übertrug, ausschnitt und über ein kleines Loch meiner Lieblingshose bügelte.

Versuche meiner ausrastenden Klassenleiterin, es mit Zornesröte und unpädagogischer Gewalt abzureißen, scheiterten an meinem erbitterten Widerstand. Kurzerhand verbot sie mir, die Hose zu tragen. Wollte wohl sehen, ob und was ich darunter trug, das Ferkel. Natürlich zog ich meine Hose nicht aus. Ich trug sie weiterhin – auch in der Schule.

Mit jedem Verbot, mit jeder Drohung wich mein Respekt ein Stück weiter vor ihnen zurück.

 

Auf den Gipfel hievten, oder besser, katapultierten sie mich, als des Volkes Polizei meinen Personalausweis kassierte und mir stattdessen eine PM 12 in die Hand drückte. Ein kleines ordinäres Faltblättchen mit meinen persönlichen Daten und Lichtbild. Damit nicht genug: Sie machten mir auch noch zur Auflage, bei ihnen kniefällig zu werden und untertänig um Erlaubnis zu bitten, wollte ich die Stadt verlassen.

Zeitgleich flog ich aus meinem Fußballverein, verlor meine Stelle als Ballholer und auch die Tore der Gesellschaft für Sport und Technik, wo ich Sportschießen und Segelflug trainierte, blieben von da ab für mich verschlossen.

Das saß.

Stück für Stück zerbröselte eine Welt um mich herum, die ich nicht mehr verstand. Geräuschlos, ohne Staub, ohne Lärm.

Und ich, noch nicht ganz sechzehn, verkroch mich in schummrigen Kneipen, soff vom Schulschluss bis zur Polizeistunde und sah illusionslos desinteressiert dabei zu. Niemand fragte nach mir. Nach einem, den es nicht gibt, lässt es sich schlecht fragen.

 

Tja, und keine drei Monate später saß ich hinter Gittern.

 

V

„He, bleib da! Was ist mit dem Ramsch hier?“