Wollust - Inga Bold - E-Book

Wollust E-Book

Inga Bold

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Beschreibung

Zwei Menschen treffen in der Anonymität der Großstadt zufällig aufeinander und beginnen sich für den anderen zu interessieren. Gelegenheit macht bekanntlich Diebe und so betreten Renate und Olaf eine Welt, die sie besser gemieden hätten. Was als willkommene Abwechslung zweier verheirateter Menschen beginnt, endet in einer Katastrophe. Ein erotischer Thriller, der mit emotionaler Raffinesse und dem untrüglichen Gespür für die Abgründe der menschlichen Seele im gewöhnlichen Alltag Berlins angesiedelt ist. Der dritte Roman des Autorenpaars, der sich mit den sieben Todsünden - diesmal der Wollust - beschäftigt.

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Seitenzahl: 286

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Inhaltsverzeichnis

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Epilog

April

1

Renate beendete ihre heutige Übungseinheit am Hometrainer. Die zurückgelegte Distanz war ausreichend und ihr Pulsschlag hoch genug. Die verbrannten Kalorien erlaubten eine kleine kulinarische Sünde. Aber nur eine kleine.

Schweißgebadet ging sie ins Bad und ließ warmes Wasser in den Whirlpool. Sie betrachtete sich im Spiegel. Im Großen und Ganzen war sie sehr zufrieden mit dem, was sie sah. Sie streifte ihr T-Shirt ab, zog die Leggings aus und betrachtete sich von neuem. Diesmal nackt. Mit den Händen strich sie sich über ihren Bauch. Er war flach, genau wie es sein sollte. Renate zog die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen und war immer noch zufrieden. 'Kein Gramm Fett zu viel', dachte sie und betastete ihre Brüste. Sie fühlten sich fest und straff an. Ihre Nippel zeigten nach vorn und nicht – wie bei den meisten Frauen ihres Alters normal – nach unten. Der kleine chirurgische Eingriff vor einigen Jahren hatte sich gelohnt, und die beiden kleinen Narben rechts und links unterhalb der Achseln sah man nur bei ganz genauem Hinsehen. Eigentlich sah man sie nur, wenn man es wusste. Ihr Mann kam immer viel zu erschöpft nach Hause, um sich an und mit ihr daran zu erfreuen. Aber im Moment dachte sie nicht daran, sondern hielt ihr Gesicht näher an den Spiegel.

Renate betrachtete ihre Zähne, und obwohl diese sehr weiß waren, stand für sie fest, wieder zum Bleaching zu müssen. 'Ich sollte nächste Woche einen Termin bei Doktor Zarnich machen', überlegte sie und sah zum Whirlpool.

Das Wasser war hoch genug. Renate ging rasch in die Küche und holte einen Liter Milch. Das tat sie immer, wenn sie badete. Nachdem sie zurückgekehrt war, verteilte sie die Milch gleichmäßig in der Wanne und stellte den leeren Tetrapack auf dem Boden ab. Dann kontrollierte sie die Temperatur des Wassers. Sie war perfekt. Langsam stieg sie hinein und legte sich ins milchige Nass. Sie schloss die Augen und gab sich ganz der entspannenden Massage hin, die die Düsen auf ihrem makellosen Körper veranstalteten.

Sanft strich sie sich mit den Händen über ihre Brüste und den Bauch. Als ihre Finger sich weiter nach unten tasteten, stellte sie fest, dass ihr Venushügel sich etwas kratzig anfühlte. Eine Intimrasur war fällig. Renate wollte das gleich erledigen; aber zuerst genoss sie die zärtlichen Berührungen ihrer Hände. Gefühlvoll kreisten ihre Fingerspitzen um die empfindsame Stelle. Unwillkürlich dachte sie dabei an Frank. Wie oft hatte er sie genau hier mit seiner Zungenspitze verwöhnen dürfen?

Renate dachte gern daran zurück, auch wenn das letzte Mal schon lange her war. Vier Wochen um genau zu sein. Hätte Frank nicht begonnen, bei einem seiner Freunde damit zu prahlen, dann dürfte er das heute noch. Doch spätestens als eine Bekannte sie diskret gefragt hatte, ob an dem Gerücht etwas dran sei, hatte Renate empört verneint und die kleine Liaison sofort beendet. Dabei hatte Frank sich während der Tanzstunden stets korrekt an ihre Absprache gehalten und niemandem war etwas aufgefallen. Ihre Treffen hatten immer tagsüber stattgefunden. Trotzdem mied sie seitdem den Tanzclub. Renate wollte dem Gerücht keine neue Nahrung geben, aber viel wichtiger war, dass Norbert nichts zu Ohren käme. Sie wollte ihren Mann nicht verletzen. Er vertraute ihr und so sollte es weiterhin bleiben. Zwar ging er nie zu den Übungseinheiten, doch er zahlte immer noch den Mitgliedsbeitrag. 'Man kann nie vorsichtig genug sein', dachte sie und begann, vorerst befriedigt, mit der Rasur.

Wenige Minuten später stieg sie aus dem Wasser und tupfte sich mit dem Badehandtuch trocken. Sie stellte sich auf die Waage und war mit der angezeigten Zahl zufrieden. "Vierundfünfzig Kilogramm bei einem Meter achtundsechzig Körpergröße sind perfekt", sinnierte sie und griff nach dem Mandelöl, mit dem sie sich nach dem Bad stets von Kopf bis Fuß einrieb.

Als sie fertig war, zog sie den seidenen Bademantel über und sah zum Whirlpool. Das Wasser war noch nicht vollständig abgelaufen und das ärgerte sie. Warum musste es wieder ihr Bad betreffen und nicht das ihres Mannes? Wobei das nicht der wahre Grund ihres Ärgers war. Sie mochte den Klempnermeister nicht, der immer kam und sich um alle anfallenden Arbeiten im Apartment kümmerte. Aber ihr Mann bestand darauf, ihn zu beauftragen. Nur so konnte er die Kosten über seine Hausverwaltung abrechnen. Klempnerei Wessel war ein fester Bestandteil seiner Firmenpolitik. "Never change a running system", sagte Norbert immer und der Erfolg gab ihm recht. "Was soll's", murmelte Renate und ging ins Arbeitszimmer, um die Rufnummer der Klempnerfirma herauszusuchen.

Als sie einige Minuten später das Telefonat beendet hatte, war sie wieder etwas zufriedener. Der Inhaber der Klempnerei, Herr Wessel, war krank, und das hieß, morgen käme ein anderer Mitarbeiter seiner Firma vorbei. 'Na wenigstens bleibt mir der Anblick des Fettsacks erspart', dachte Renate und ging zurück in ihr Bad. Im Whirlpool stand immer noch eine kleine Pfütze. Sie zog den Bademantel wieder aus und hing ihn auf den Bügel. Nackt ging sie in ihr Schlafzimmer, um sich die passende Garderobe für den Nachmittag auszusuchen. Sie wollte noch etwas Bummeln gehen. Vor 20 Uhr war nicht mit Norberts Erscheinen zu rechnen. Eher später, doch dann würde er sich rechtzeitig bei ihr melden. Das war immer so, und darauf war Verlass.

Renate sah aus dem Fenster. Das Aprilwetter schien sich im Monat geirrt zu haben. Es war sonnig, mild und trocken. Stilsicher griff sie in den Schrank und begann, sich anzukleiden. Währenddessen kam ihr eine neue Idee, und sie beschloss, doch nur eine Kleinigkeit essen zu gehen. In unmittelbarer Nähe gab es gute Restaurants. Renate schwankte noch zwischen italienischer und spanischer Küche. Doch die Wahrscheinlichkeit, einige bekannte Gesichter zu treffen, war im "Mar y Sol" größer, und damit stand auch fest, für welche Schuhe sie sich entschied; es durften die Hochhackigen sein, denn der Weg dorthin war nicht weit.

Kurz vor zwanzig Uhr kehrte sie nach Hause zurück. Der Nachmittag war amüsant gewesen, und wie erwartet, hatte sie eine langjährige Bekannte getroffen. Die Frauen hatten ausgiebig miteinander geplauscht. Es war nichts Weltbewegendes, über das sie gesprochen hatten; aber bei diesen ungeplanten Treffen konnte die Hackordnung auf freundliche Art und Weise wieder klargestellt werden. So war es auch heute gewesen. Begeistert machte sich Renate jetzt an die Zubereitung eines kleinen Abendimbisses. Jeden Moment musste Norbert nach Hause kommen.

Sie schnitt gerade das Gemüse, als ihr Mann die Küche betrat.

"Hallo, mein Engel", sagte er und kam zu ihr an den Tisch. Er küsste sie kurz. "Wie war dein Tag", erkundigte er sich. Sie erzählte ihm, morgen käme ein Klempner vorbei und sie habe Firma Wessel beauftragt. Norbert lächelte zufrieden, als er das hörte. Auf seine Frau war Verlass." Wie lief es heute bei dir?", fragte nun Renate ihrerseits.

"Wie immer gab es viel zu tun", begann Norbert und das ließ ihre Aufmerksamkeit spürbar sinken. Es war ihr egal, als er zu erzählen begann, der Generalunternehmer für das Sanierungsobjekt in Wilmersdorf sei wieder zu ihm ins Büro gekommen und hätte die korrigierten Angebotslisten gebracht. Norbert berichtete, worum es dabei ging, doch Renate hörte nur mit einem Ohr zu und briet – dabei immer wieder mit dem Kopf nickend und Aha sagend – das Fleisch an. Die Geschäfte ihres Mannes waren zwar kein Buch mit sieben Siegeln, aber interessierten sie auch nicht sonderlich. Seit sie vor fünfundzwanzig Jahren ihre durchaus vielversprechende Karriere beendet und sich ganz der Familie verschrieben hatte, war das Interesse an den geschäftlichen Aktivitäten nach und nach abgeebbt. Ein Umstand, der sich allmählich eingeschlichen hatte, wie ihr selbst nach ungefähr zehn Jahren aufgefallen war. Seitdem hatte sie gelernt, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste daraus zu machen. Dieses Arrangement funktionierte bis heute und es funktionierte gut. Ihr Mann sorgte für den stetig steigenden Wohlstand und Renate sorgte für ihn. Nebenbei sorgte sie auch für sich selbst, aber davon wusste Norbert nichts. Das war auch gut so. Zumal sie in letzter Zeit bereits sehr oft daran gedacht hatte, wie es werden könnte, wenn er sich zur Ruhe setzt. Etwas Zeit blieb noch bis dahin, aber zwei Jahre zogen schnell ins Land. Ihr Sohn Patrick studierte noch in Konstanz, aber sollte im nächsten Jahr Teil des väterlichen Unternehmens werden, um es später zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen. Renate ertappte sich gelegentlich dabei zu hoffen, Patrick würde sich ungeschickt anstellen und so die Übergabe der Firma verzögern. Die Chancen dafür standen jedoch schlecht.

Das Fleisch war gar und knusprig. "Reichst du mir bitte zwei Teller", sagte sie und Norbert holte sie aus dem Schrank. Renate tat das Fleisch und anschließend den Salat auf. Gemeinsam begannen sie zu essen.

"Liegt in den nächsten Tagen etwas Außergewöhnliches bei dir an?", unterbrach sie das Schweigen.

"Nein. Hast du dir überlegt, ob du am Wochenende mitkommst?"

"Lust habe ich keine."

"Aber dann beschwer dich nicht, wenn dir die Farben der Fliesen oder der Wände später nicht gefallen."

"Übernachten wir auf dem Grundstück?"

"Wenn ich allein fahre, übernachte ich da. Falls du mitkommst, können wir abends nach Hause fahren. Hast du schon was vor am Wochenende?"

"Nein, aber auch keine Lust auf den riesigen Garten. Was hältst du davon, wenn ich tagsüber mitkomme und wir abends mal wieder ins Theater gehen?" Renate sah ihren Mann lächelnd an. "Danach gehen wir noch in eine kleine Bar oder tanzen. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht", ergänzte sie.

Norbert überlegte kurz. "Einverstanden, mein Schatz. Ich gehe davon aus, du weißt schon, wo es hingeht und kümmerst dich darum?"

Renate nickte. "Natürlich. Beate hat mir am Nachmittag einige gute Tipps gegeben."

"Ah, du hast sie getroffen. Geht es ihr besser?"

"Sie macht wieder einen patenten Eindruck. Ich habe aber auch nicht nachgehakt. Du weißt ja, wie sie ist."

Norbert nickte zustimmend. "Allerdings, das weiß ich. Hoffentlich trauert sie bei ihrem Mann mal genauso wie bei ihrem Hund."

Renate musste unweigerlich schmunzeln. "Waldi war halt ihr ein und alles."

"Aber trotzdem nur ein Hund. Dem ist es egal, wie sein Frauchen aussieht. Ihrem Mann halt nicht. Sie hätte sich in den letzten Jahren nicht so gehen lassen sollen."

"Die Sorgen hast du nicht, mein Schatz", antwortete Renate mit erotischer Stimme. "Hast du Lust, mal wieder bei mir zu übernachten? Das hast du schon lange nicht mehr gemacht."

"Dann beschwer dich morgen nicht wegen des Schnarchens."

"Dann schlaf nicht vor mir ein."

"Oder schmeiß mich rechtzeitig raus."

"Okay."

Renate stand auf und räumte den Tisch ab. "Geh doch schon duschen. Treffen wir uns nun bei mir oder bei dir?", fragte sie währenddessen.

"Bei mir. Wir wissen beide, dass ich vor dir einschlafe."

"Dann bis gleich."

2

Renate erwachte in ihrem Schlafzimmer. Sie ging ins Bad und machte sich frisch. Mit ihrem Morgenmantel bekleidet lief sie zur Küche, wo Norbert gerade seinen ersten Kaffee des Tages zubereitete.

"Guten Morgen, mein Schatz. Möchtest du auch einen?", fragte er in ihre Richtung. Sie nickte nur leicht mit dem Kopf. "Wann bist du denn umgezogen?", erkundigte er sich bei seiner Frau.

"Kurz nachdem du eingeschlafen bist. Dein Sägen hat nicht lange auf sich warten lassen", antwortete sie schmunzelnd und küsste ihren Mann auf die Wange. "Was machen bloß die Frauen, die kein eigenes Schlafzimmer haben?"

"Ohrstöpsel sollen helfen", flachste Norbert, wohl wissend, das war mit Sicherheit nicht die Lösung. "Keine Sorge, im Wochenendhaus wird es auch zwei Schlafzimmer geben, aber nur ein gemeinsames Bad im Obergeschoss", ergänzte er und trank den ersten Schluck Kaffee. Dabei sah er auf die Uhr. "Ich muss los. Um neun Uhr habe ich einen Termin. Bis heute Abend, mein Engel." Er küsste Renate kurz, ging ins Arbeitszimmer, um seine Tasche zu holen und verließ das Apartment.

Renate saß allein in der Küche und dachte an ihren heutigen Termin. Um zwölf Uhr sollte der Klempner kommen. Bis dahin war noch reichlich Zeit und sie bereitete seelenruhig ihr Frühstück zu. Anschließend ging sie in ihr Bad und stellte verärgert fest, das Wasser staute auch beim Duschen. Irgendwo trafen sich die beiden Abflüsse schließlich. Das konnte nur heißen, das Hauptabflussrohr ihres Bades musste verstopft sein. Ein kurzer Blick in den Whirlpool bestätigte ihre Vermutung. Die Pfütze war nicht sehr hoch, aber diese ein bis zwei Zentimeter hohe Wasserlache gehörte nicht hierher. 'Na hoffentlich dauert das nachher nicht so lange', dachte sie und sah sich schon gelangweilt im Apartment herumsitzen, während der Klempner stundenlang die Verstopfung zu beseitigen versuchte.

Kurz vor zwölf klingelte es. Renate sah auf den kleinen Monitor, der neben der Eingangstür befestigt war. 'Ganz adrett', dachte sie und betätigte die Wechselsprechanlage. "Ja, bitte."

"Guten Tag, Frau Ziegert. Ich bin der Klempner und komme wegen der Reparatur. Schulz ist mein Name."

"Ich mache auf. Kommen Sie bitte ganz nach oben." Renate betätigte den Türöffner und sah, wie der junge Mann das Haus betrat.

Automatisch sah sie noch einmal in den großen Spiegel im Flur, und ihre Hände rückten die Frisur zurecht. An ihren Haaren veränderte das nichts, aber diese Bewegung war ein Reflex. Da war Renate genau wie andere Frauen. Sie war zufrieden mit ihrem Spiegelbild, und schlüpfte noch schnell in die etwas höheren Schuhe, die sie oft zu Hause trug.

Es klingelte erneut. Renate öffnete die Tür. Der junge Handwerker war gerade dabei, sich Füßlinge über seine Schuhe zu ziehen. Als er einige Sekunden später fertig war, betrat er das Apartment und stellte vorsichtig die beiden Werkzeugkästen ab. Er reichte ihr die Hand.

"Hallo Frau Ziegert. Der Chef kann heute nicht, deswegen hat Frau Wessel mich geschickt."

"Herr Wessel ist krank wie ich hörte. Was hat er denn?"

"Das weiß ich nicht, aber er fällt wohl länger aus."

"Da wird mein Mann nicht begeistert sein. Sie wissen sicherlich, dass Herr Wessel oft mit ihm zusammenarbeitet."

"Das hat mir die Frau des Chefs schon gesagt. Wo läuft es denn nicht ab?"

"Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen."

Renate ging vorneweg und der Klempner folgte ihr. In ihrem Bad angekommen, erzählte sie, wie schlecht das Wasser erst gestern im Whirlpool, aber auch heute Morgen beim Duschen abgelaufen war.

Der Klempner sah sich währenddessen kurz um. 'Da hat die Frau des Chefs nicht übertrieben. Hier ist wirklich alles vom Feinsten', dachte er. "Dann sehe ich mir die beiden Probleme mal an", sagte er, als Renate endlich fertig war.

"Tun Sie das. Möchten Sie einen Kaffee, Herr Schulz?"

"Sobald ich fertig bin, gerne."

"Ich bin in der Küche, falls Sie mich brauchen."

"Okay", sagte der Klempner, ohne zu wissen, wo sich die Küche befand.

Renate ging und der Handwerker blieb im Bad zurück. 'Da hat die Wessel nicht übertrieben. Die Bude scheint wirklich riesig zu sein', sinnierte er einen Augenblick und begann dann sofort mit seiner Arbeit.

In der Küche goss sich Renate etwas Mineralwasser in ein Glas und überlegte, was sie in der Zwischenzeit machen könnte. Sie hasste es, wegen solcher Kleinigkeiten zum Warten verurteilt zu werden, zumal sie um diese Zeit ihr persönliches Fitnessprogramm absolvierte. Ihr makelloser Körper war – abgesehen von der kleinen Korrektur – schließlich das Resultat harter Arbeit und Disziplin.

Gelangweilt zappte sie sich durch die verschiedensten Fernsehprogramme, um das Gerät nach einigen Minuten auszuschalten. Dann entschied sie sich, ihre derzeitige Lieblings-CD zu hören. Während die Musik lief, nahm sie sich einen Apfel und biss hinein. Das süße Aroma der Frucht, gepaart mit dem Klang des aktuellen Titels, ließ ihre Laune deutlich besser werden. 'Zumindest bleibt mir der Anblick des Fettsacks erspart. Ich wusste gar nicht, dass in seiner Bude auch attraktive Handwerker arbeiten', dachte sie und musste schmunzeln. Ihre Phantasie wurde beflügelt, doch gleichzeitig kam ihr die letzte Nacht in den Sinn. Sie war nicht unzufrieden mit Norberts Leistung, wusste aber auch, sie konnte nicht mehr von ihm erwarten. So war es halt nach über dreißig gemeinsamen Jahren. Wenn sie ihm sagen würde, woran sie manchmal dachte und was sie gern mit ihm täte, dann könnte er es nicht verstehen. Deswegen sagte sie es ihm nie. "Never change a running system", flüsterte sie leise und lächelte verträumt. Die kleinen Geheimnisse gingen ihr durch den Kopf. Nicht einmal ihre beste Freundin wusste davon, und das war gut so. Auch von ihren noch vorhandenen Wünschen wusste ihre Freundin nichts, und das war noch besser.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen als sie plötzlich hörte, wie der Handwerker nach ihr rief.

"Frau Ziegert, wo sind Sie?"

"Hier." Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. "Gibt es ein Problem?", rief sie noch im Flur, als sie fast mit ihm zusammenstieß.

"Ups", entwich ihr im letzten Moment.

"Entschuldigung", sagte der Handwerker, der auch abrupt gestoppt hatte, als er Renate vor sich stehen sah. "Ich wusste nicht, wo Ihre Küche ist und wollte nicht in der ganzen Wohnung suchen. Ich bin fertig."

"Schon?" Renate sah auf die Uhr. "Sie sind doch gerade mal eine halbe Stunde hier."

"Es war keine große Sache. Das Wasser läuft wieder ab, aber das Hauptabflussrohr müsste einmal richtig ausgefräst werden. Die Rohre sind alt, und im Laufe der Zeit setzt sich da so einiges ab. Das dürfte alle Abflüsse betreffen. Hat der Chef das schon mal gemacht?"

"Sie können Fragen stellen. Er war ein paar Mal hier und hat irgendwelche Installationen vorgenommen. Soweit ich mich erinnern kann, war das die zweite Verstopfung seitdem wir hier wohnen. Dann setze ich uns Kaffee auf. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie so schnell fertig werden. Kommen Sie." Renate ging zurück in die Küche und der Handwerker folgte ihr. "Nehmen Sie Platz. Der Kaffee dauert nicht lange. Möchten Sie normalen Kaffee oder lieber einen Espresso oder Cappuccino?"

"Cappuccino bitte."

Sie bereitete flott zwei Tassen zu, stellte sie auf den Küchentisch und nahm gegenüber dem Handwerker selbst Platz.

"Danke schön. Frau Wessel hat mir gesagt, dass ich bei Ihnen keine Abrechnung machen soll."

"Jaja. Mein Mann und Ihr Chef regeln das unter sich. Aber warten Sie, ich bin sofort wieder bei Ihnen."

Renate stand auf und lief ganz nach vorn in den Flur. Sie holte ihr Portmonee. Auf dem Rückweg sah sie kurz in ihr Bad. Alles war aufgeräumt und die beiden Werkzeugkästen standen ordentlich vor der Tür. Sie hatte auf den ersten Blick nichts auszusetzen und ging zurück in die Küche. Unterwegs fingerte sie einen Fünfzig-Euroschein aus ihrer Börse, und als sie ankam, setzte sie sich wieder und schob dem Handwerker das Geld über den Tisch.

"Für Ihre flotte Arbeit."

"Das ist nett gemeint, aber die Chefin hat gesagt, ich darf bei Ihnen kein Trinkgeld annehmen."

"Von mir erfährt sie es nicht." Renate lächelte den Handwerker an. Sie fand ihn sehr attraktiv. Wie alt mochte er sein? Danach fragen wollte sie nicht.

"Danke." Der Handwerker nahm den Schein und steckte ihn in die Brusttasche seiner Latzhose.

"Wie lange arbeiten Sie schon in der Firma Wessel?"

"Seit zwei Jahren."

"Weil ich Sie noch nie gesehen habe."

"Wie auch? Ich bin ständig unterwegs und beseitige Verstopfungen. Bei Ihnen tagsüber, aber die meisten Notfälle passieren komischerweise abends und nachts. Insofern sehe ich den Chef und seine Frau auch nicht sehr oft und wenn, dann meist nur kurz. Abrechnungen und Einsatzzettel vorbeibringen, das war’s. Die neuen Aufträge kommen in aller Regel telefonisch."

"Dann sind Sie ein Nachtarbeiter. Ich wusste gar nicht, dass es das bei Klempnern gibt."

"Mehr als Sie denken. Außerdem bringt es durch die Zuschläge das meiste Geld."

"Stört es Ihre Frau nicht, wenn Sie nachts nie zu Hause sind?" Renate hatte den Ehering an seiner Hand bemerkt.

"Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran, und die Raten fürs Haus müssen auch bezahlt werden."

"Wem sagen Sie das. Mein Mann verlässt auch täglich um acht die Wohnung und kommt nie vor zwanzig Uhr zurück. Häufig noch viel später. Da bleibt das Privatleben auf der Strecke. Manchmal denke ich, was nutzt das viele Geld, wenn man nichts davon hat, weil man immer nur arbeitet. Wie heißen Sie eigentlich?"

"Olaf."

"Olaf, was halten Sie davon, diese Fräsarbeiten demnächst zu erledigen?"

"Wenn die Chefin mich wieder damit beauftragt, gerne."

"Ich meine privat, als kleiner Nebenverdienst für Sie. Genau wie heute. Sie kommen gegen Mittag und erledigen peu à peu die ganzen Abflüsse. Ab abends machen Sie dann Ihre Noteinsätze."

Renate lächelte ihn an und ihre Zungenspitze strich an ihrer Lippe entlang.

"Das sollte sich machen lassen", antwortete Olaf zwar, war sich aber nicht sicher, ob er das Angebot richtig verstand.

"Wann könnten Sie wieder herkommen?"

"Wenn Sie wollen, nächste Woche. Ich habe jetzt nicht das richtige Werkzeug dabei."

"Ich glaube schon, aber nächste Woche ist okay."

3

Olaf lud die Werkzeugkästen ins Auto. Er sah auf die Uhr und dachte kurz darüber nach, was er in seiner verbleibenden Freizeit machen könnte. 'Ich hole Katja nachher ab', überlegte er, wollte aber zuerst weg von hier und das schnellstmöglich. Er war sich nicht sicher, wie er reagiert hätte, wenn seine Auftraggeberin weitergegangen wäre.

Er startete den Wagen und fuhr los. Die Fahrt führte ihn nach Berlin-Mitte. Auf halber Strecke suchte er eine Parkmöglichkeit. Als er sie endlich gefunden hatte, stieg er aus und ging zu einem Imbiss.

Olaf bestellte zwei Currywürste mit Pommes frites und eine Cola. Während er aß, ließ er den letzten Einsatz noch einmal Revue passieren. Was sollte er von diesem eindeutig zweideutigen Angebot halten? Es war schon gelegentlich vorgekommen, dass Frauen ihm als Bezahlung Sex angeboten hatten. Meist waren das alleinerziehende Mütter, die das Geld für die dringend benötigte Reparatur nicht aufbringen konnten oder wollten. Einmal hatte er das Angebot angenommen, aber das war schon einige Jahre her. Das schlechte Gewissen hatte ihn damals lange begleitet. Olaf war glücklich verheiratet, und sein Leben mit Katja und ihren zwei gemeinsamen Kindern lief in geordneten Bahnen. Das wollte er nicht aufs Spiel setzen. Doch diese Frau machte ihn nicht an, um die Reparaturkosten zu sparen. Geld schienen die Ziegerts mehr als genug zu haben, und Olaf käme eine kleine Finanzspritze sehr gelegen. Die Doppelbelastung durch die noch zu zahlende Miete sowie die bereits an die Bank zu zahlenden Raten für das unfertige Haus trübte die Stimmung zu Hause etwas ein. Die nächtlichen Touren halfen zwar finanziell – deswegen hatte er sich vor zwei Jahren in Absprache mit seiner Frau darauf eingelassen –, aber einige Scheinchen extra konnten sie gerade gut gebrauchen. Er war sich auch nicht sicher, ob er die Andeutungen und Gesten richtig interpretiert hatte. 'Hat diese Frau das nötig?' Olaf überlegte hin und her. Er konnte nicht einmal sagen, wie alt Frau Ziegert war. 'Die sieht noch verdammt attraktiv aus und ist auf jeden Fall älter, aber wie viel?' Er hatte keine Antworten, und vielleicht waren seine Überlegungen völlig unnötig. 'Bis nächste Woche fließt viel Wasser durch die Spree', schloss er seine Gedanken ab und schob sich den letzten Bissen in den Mund.

Er sah wieder auf seine Uhr und kramte das Handy hervor. Olaf rief seine Frau an und schlug vor, sie abzuholen. Katja war sofort einverstanden. "Dann bis gleich", beendete Olaf das Gespräch und schlenderte zurück zum Auto.

Als er einige Minuten später den Checkpoint Charlie erreicht hatte, kontaktierte er Katja noch einmal. "Schatz, ich bin gleich da. Bist du in fünf Minuten unten?" Sie sagte zu und Olaf fuhr die wenigen Meter bis zur Charlottenstraße. Dort hielt er in der zweiten Reihe und wartete auf seine Frau. Bereits nach drei Minuten kam sie freudig auf ihn zu und stieg ein.

"Hallo Schatz, das ist ja eine nette Überraschung." Katja gab ihrem Mann einen Kuss und schnallte sich an. "Holen wir die Kinder gemeinsam ab?"

Olaf nickte. "Na klar."

Die Fahrt führte das Paar nach Berlin-Marzahn. In der Ganztagsschule nahmen sie erst ihre Tochter Susanne, sie war acht Jahre alt, und dann ihren zwei Jahre älteren Sohn Tobias in Empfang. Anschließend fuhren sie nach Hause in die Mehrower Allee.

Die Wohnung lag im zwölften Geschoss eines riesigen Wohnkomplexes. Hier war die Anonymität der Bewohner sicher. Bis auf die unmittelbaren Nachbarn kannte niemand niemanden. Schon deswegen freuten sich Olaf und Katja auf ihr eigenes Haus in Neu-Lindenberg. Die restlichen Arbeiten sollten noch etwa drei Monate dauern, und mit dem Beginn der Schulferien im Sommer war der Umzug geplant. Die Ferien im Haus und im Garten sollten einen kleinen Ausgleich für die nicht stattfindende Urlaubsreise in diesem Jahr sein. Das war zumindest der Plan der Familie.

"Schaffen wir es noch, gemeinsam zu essen, bevor du losmusst?", fragte Katja ihren Mann.

Olaf sah auf die Uhr. "Wenn es schnell geht, dann ja. Um 19 Uhr muss ich in Lichtenberg sein."

"Wenn du mit Spagetti einverstanden bist."

"Spagetti passen immer", antwortete er. Auch die Kinder waren seiner Meinung.

4

Am Samstagmorgen fuhren Renate und Norbert gemeinsam los. "Wann kommt der erste Handwerker?", fragte Renate etwas gelangweilt.

"Gegen zehn Uhr. Wir haben also noch zwei Stunden Zeit."

"Hoffentlich dauert es nicht so lange. Ich habe zwei Karten für die Revue gekauft. Um 20 Uhr geht es los."

"Dann müssen wir spätestens um 16 Uhr zurück. Ich hoffe, dir genügt eine Stunde im Bad?" Norbert musste etwas schmunzeln.

"Es ginge auch kürzer, aber dann beschwer' dich nicht", konterte Renate schlagfertig.

"Das würde ich nie wagen, mein Engel."

Norbert gab etwas mehr Gas und der schwere Porsche Cayenne zog mühelos an. Während der Fahrt über die Autobahn konnte sich Renate ganz der Musik und ihren Gedanken hingeben. Norbert sprach nicht gern, während er fuhr. Sie hatte sich schon lange damit abgefunden.

Die CD war noch nicht komplett abgespielt, als sie die Autobahn wieder verließen. 'Noch zehn Minuten', dachte sie und war gespannt, was sie auf dem Grundstück erwartet. Den Gedanken, in zwei oder drei Jahren dort dauerhaft zu wohnen – zumindest während der Sommermonate –, hasste sie. Sie wollte nicht aufs Land, sie war ein Stadtmensch. Doch Norbert besaß diese knapp 4.000 m2 mit dem Häuschen darauf bereits seit 25 Jahren. Als ihr Sohn noch klein war, hatten sie die eine oder andere Woche hier verbracht, aber es waren nie mehr als zwei gewesen. Auch später nicht.

Renate hatte immer darauf vertraut, seine Idee, mit ihr den Ruhestand hier zu verleben, wäre nur eine Schrulle gewesen; aber seit mittlerweile einem Jahr werkelte Norbert immer wieder hier draußen herum. Eigentlich ließ er werkeln und betreute das Ganze lediglich. Sein Entschluss schien unverrückbar zu sein. Von etwa Mai bis September wollte er den Ruhestand, hier draußen auf dem Land, genießen und hatte sogar laut darüber nachgedacht, ob es noch sinnvoll wäre, die Wohnung am Savignyplatz zu behalten. Doch davon hatte Renate ihn überzeugt. Schon Patrick wegen. Sie liebte dieses Apartment und die 230 m2große Wohnfläche empfand sie als angemessen. Auch wenn sie den Rest des Jahres reisen wollten, eine vernünftige Anschrift musste sein. Dieses Kuhdorf in der Nähe des Beetzsees, als solches sah sie es, war keine Alternative.

Norbert kannte ihre Bedenken, und darum war er einverstanden, die Innenausstattung nach ihren Wünschen vornehmen zu lassen. Er hielt kurz an, stieg aus und öffnete das Tor der Zufahrt. Als er wieder einstieg, sagte er: "Bis zum Sommer öffnet das Tor elektrisch."

Renate nahm es stumm zur Kenntnis.

Norbert gab wieder Gas und fuhr auf das Grundstück. Was Renate jetzt sah, ließ sie aus ihrer Lethargie erwachen. Sie hatte das Haus anders in Erinnerung. Es waren sicherlich noch die alten Mauern, aber die Fenster waren größer und das gesamte Gebäude neu verputzt worden. Außerdem zog sich eine überdachte Terrasse, die gleichzeitig Balkon zu sein schien, über die gesamte Länge des Hauses. Auch die Doppelgarage an der Gebäudeseite war neu, und Norbert fuhr direkt auf sie zu.

"Gib mir bitte mal die Fernbedienung aus dem Handschuhfach."

Renate öffnete es und reichte sie ihm.

"Die Garageneinfahrt funktioniert schon." Norbert drückte die entsprechende Taste und sofort begann das Tor, nach oben zu fahren. "Ich hoffe, der mediterrane Stil gefällt dir?" Er sah seine Frau lächelnd an.

"Das weißt du ganz genau. Warum hast du nie etwas gesagt?"

"Renate, wie lange kennen wir uns? Denkst du, ich habe nicht gemerkt, dass du gegen meine Pläne bist. Ich hoffe nur, so hältst du es die Sommermonate über mit mir hier draußen aus. Innen ist noch nicht alles fertig und das wird dein Part."

"Ich weiß selbst, dass wir unterschiedliche Meinungen wegen des Hauses haben, aber ich muss zugeben, es gefällt mir auf den ersten Blick sehr gut. Du hättest ruhig was sagen können. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es fast ein Neubau wird", meinte sie vorwurfsvoll.

Norbert fuhr grinsend in die Garage und beide stiegen aus. Das Tor blieb oben, damit die Handwerker sehen konnten, dass sie da waren.

"Lass uns zuerst den Kaffee aufsetzen. Dann zeige ich dir alles, bevor die Leute kommen", schlug er vor.

Im Inneren des Hauses war bisher nur die Küche fertiggestellt worden. Die anderen Räume waren vorbereitet, aber überall fehlte der Anstrich. Im Obergeschoss gab es die beiden geräumigen Schlafzimmer und das Bad. Bis auf die Anschlüsse war jedoch auch hier nichts gemacht worden.

"Tja, Frau Innenarchitektin, hier können Sie sich nach Herzenslust austoben."

"Das mach ich."

Renate gab Norbert einen Kuss. Relativ glücklich und innerlich versöhnt ging sie mit ihm wieder nach unten und goss Kaffee in die Tassen. In einer halben Stunde sollten die Handwerker kommen und die weiteren Innenausbauten mit ihnen besprechen. Renate hatte sofort sehr konkrete Vorstellungen, wie die Räume gestaltet werden könnten. Der mediterrane Stil sollte sich auf jeden Fall im Inneren fortsetzen. Die Farben der Wände, der Fußböden und der Fliesen mussten von ihr ausgewählt werden. Innerlich sah sie sowieso schon alles vor sich und freute sich darauf, in den nächsten Wochen die passenden Möbel und Accessoires zu beschaffen. 'Warum habe ich nie in meinem Job weitergemacht, als Patrick zur Schule kam?', überlegte sie kurz und kannte die Antwort selbst am besten.

Sehr zufrieden traten Norbert und Renate am Nachmittag den Heimweg nach Berlin an. Er war zufrieden, weil sie zufrieden war und sie war zufrieden, weil sie völlig freie Hand bei der Ausgestaltung der Räumlichkeiten hatte. Mit den Grundrissen und Fotos der Zimmer wollte sie sich ab Montag beschäftigen, und das vereinbarte Zeitfenster von zwei Wochen stellte kein Problem für sie dar. Zwei Tage hätten auch gereicht. Renate war hochmotiviert und insgeheim räumte sie die Möglichkeit ein, sich vielleicht doch noch mit den Zukunftsplänen ihres Mannes anzufreunden. Aber das war momentan nebensächlich. Es war Samstagnachmittag, und ein schöner Abend mit Norbert stand unmittelbar bevor. Sie freuten sich beide darauf.

5

Olaf und Katja waren froh, dass Tobias und Susanne heute zur Geburtstagsparty eines Klassenkameraden ihres Sohns eingeladen worden waren. Das verschaffte ihnen endlich die Zeit, die für das Haus benötigten Tapeten und Farben zu kaufen. Vor allem ungestört. Von ihren ursprünglichen Wünschen hatten sie einige Abstriche gemacht. Das hieß nicht, sich aus Kostengründen nur für den Kauf von Raufasertapete zu entscheiden. Bei den Kinderzimmern hielten sie an ihren Plänen fest. Auch die Fliesen für die Sanitärbereiche und die Küche hatte ihr Budget noch hergegeben, doch dann war es eng geworden. "Lass uns unser Schlaf- und Wohnzimmer erst mal mit Raufasertapete machen. Die Flure auch. Das können wir in einem Jahr immer noch ändern", hatte Katja vor zwei Tagen gesagt und Olaf über ihren Vorschlag nachgedacht. "Ein neues Haus muss sich erst setzen, weil die Mauern und der Boden arbeiten. Dabei entstehen kleine Risse", hatte sie noch argumentiert, und Olaf eingewilligt. Das Haus stand zwar schon seit einigen Monaten, aber ihr Argument half, die ursprünglichen Träume nicht vollends zu begraben. So war es, das wahre Leben. Nichtsdestotrotz waren sie zufrieden. Immerhin hatten sie es schon zu einem hochverschuldeten Haus gebracht, das nur noch fertig gestellt werden musste. Noch drei Monate hatten sie Zeit dafür. Erst gestern hatte sich Katja um die Kündigung ihrer Mietwohnung gekümmert. Sollte es doch unverhofft einen Geldsegen geben, dann konnten sie die Raufasertapete und die Farbe immer noch für die Schönheitsreparaturen in der alten Wohnung verwenden.

Die Kassiererin zog alle Artikel über den Scanner der Kasse, und die beiden bemühten sich, im selben Tempo den Einkaufswagen wieder zu befüllen.

"War das alles?", fragte die Kassiererin irgendwann.

"Ja."

"Das macht dann 837 Euro und 46 Cent."

Olaf schnaufte kurz und zog seine Geldbörse aus der Jackentasche. Beim Herausholen der EC-Karte sah er die Visitenkarte, die Frau Ziegert ihm noch gegeben hatte, bevor er gegangen war "Rufen Sie nächste Woche an, dann können wir einen Termin vereinbaren", hatte sie gesagt und dabei wieder zweideutig gelächelt. 'Vornehm geht die Welt zugrunde', dachte Olaf nur und reichte die EC-Karte der Kassiererin. Während die Bezahlung durchgeführt wurde, überlegte er, wann er Renate anrufen sollte und beschloss, es Montag oder Dienstag zu versuchen. Für einige Euros nebenbei gäbe es gerade keinen geeigneteren Zeitpunkt, und vielleicht ging es wirklich nur um das Ausfräsen der alten Abflüsse. 'Solche aufgetakelten alten Weiber wie die wollen doch nur zeigen, wer sie sind', schloss er seine Gedanken ab und steckte die EC-Karte wieder ein, nachdem er den Kassenbon unterschrieben hatte.

6

Renate war in Gedanken gerade bei der Gestaltung des Wohnzimmers, als das Telefon klingelte. Genervt sah sie auf das Display. Sie kannte die Nummer nicht, nahm den Anruf aber trotzdem entgegen.

"Ziegert."

"Hallo Frau Ziegert, hier ist Olaf Schulz."

"Ja?"

"Der Klempner. Ich hatte letzte Woche die Verstopfung beseitigt."

"Oh ja, entschuldigen Sie bitte. Sie rufen sicherlich wegen der anderen Arbeiten an. Diese Woche wird das nichts. Können Sie sich in einer Woche nochmal melden? Bei mir ist unverhofft etwas dazwischengekommen."

"Kein Problem."

"Dann bis nächste Woche."

Wegen des vorerst entgangenen Auftrags legte Olaf unzufrieden auf. Andererseits war er sich nun sicher, letzte Woche zu viel in ihre zweideutigen Anspielungen interpretiert zu haben. "Hauptsache, der Auftrag kommt noch zustande", murmelte er und dachte an die nächste Rechnung im Baumarkt. Sie würde nicht lange auf sich warten lassen.

Mai

1

Renate betrachtete die Ausdrucke noch einmal. Sie war zufrieden. Die dominierenden Pastelltöne wurden lediglich durch Terrakotta unterbrochen. Auch die rötlich geäderten Marmorfliesen des Bades fügten sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Die Beschaffung der virtuell aufgestellten Möbel sollte kein Problem darstellen.

Sie legte die Ausdrucke beiseite und hängte den bereits vorbereiteten Mails die Bilddateien an. Sie waren für die Handwerker bestimmt und sollten exakt nach ihren Wünschen ausgeführt werden. Damit war die Planung aus ihrer Sicht abgeschlossen. Jetzt hieß es nur noch, die Umsetzung zu kontrollieren und die Möbel einzukaufen. Aber das eilte nicht.