Wortstoffhof - Axel Hacke - E-Book

Wortstoffhof E-Book

Axel Hacke

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Beschreibung

"Sie sehen: Es geht hier um nichts anderes als um den Spaß am Valschen, die Poesie des Irrtuhms, die Freude an der Fehlleistunck - um einen Reichtum also, der erst durch menschliche Schwäche entsteht. Von welch' anderem Reichtum könnte man dies behaupten?" Seit Jahren betreibt Axel Hacke einen Wortstoffhof, in dem er Wörter sammelt: falsche, unsinnige, unbrauchbare. Sie sind weder nützlich noch irgendwie verständlich. Sie kommen zum Beispiel aus Speisekarten, Gebrauchsanweisungen, Tourismusprospekten. Aus den Lautsprechern der ICE-Züge gleich in ganzen Sätzen. Selbst in seriösen Zeitungen findet man den schönsten Unsinn. E-mails sind eine einzige Fundgrube. Mancher hingeworfene Politikersatz ist der reine Restmüll, ein anderer dann wieder von rarer Schönheit - auch hier gilt es, wie auf dem Wertstoffhof in jeder deutschen Gemeinde, das Verbrauchte von Noch-Brauchbaren zu trennen. Gerade das Falsche ist das Schöne an der Sprache. Das ist Axel Hackes Credo, und davon erzählt keiner so wie er. Seine wunderbar kuriosen Sprach­geschichten sind in diesem Buch von Äh bis Zee-sik-kai-ten geordnet. Ein Geschichten-Alphabet, das den Reichtum der deutschen Sprache vom verlegenen Stottern bis zu ihrer Japanhaftigkeit zeigt - und die Welt, wie sie ist und sein könnte.

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Seitenzahl: 207

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Axel Hacke

WORTSTOFFHOF

Sprachgeschichten von Äh bis Zeitfenster

Verlag Antje Kunstmann

WORTSTOFFHOFVORWORT

Kaum ein Land dürfte es auf der Welt geben, in dem der Wiederverwertungsgedanke ausgeprägter wäre als in unserem lieben Deutschland. Jede Gemeinde hat ihren Wertstoffhof, auf dem man von leeren Flaschen bis zu alten Lampen einfach alles abgeben kann; nahezu jedes Haus hat mindestens eine Altpapier-, eine Bio- und eine Restmülltonne; fast jede Wohnung hat ihr Schächtelchen für alte Batterien, ihren Korb für leere Flaschen, ihr Eimerchen für leer geleckte Joghurtbecher.

Dieser Idee folgend (dass also fast kein Müll einfach nur Müll ist, sondern immer Rohstoff) habe ich einmal vor vielen Jahren beschlossen, in meinem Büro auch ein Eckchen für Sprachabfall einzurichten: gesprochenes und geschriebenes Zeug, das ich nicht mehr benötigte, leere Floskeln, hohle Sprüche, zu oft verwendete Wörter, verbrauchte Sätze, so etwas. Man findet das ja überall, in den Zeitungen wie im Fernsehen, selbst wenn die Ehepartnerin spricht oder die eigenen Kinder oder man selbst.

Viele Jahre lang hatte ich zum Beispiel eine wöchentliche Kolumne im Berliner Tagesspiegel, in der ich mich nicht selten mit der Sprache der Politiker, der Sportler, der Wirtschaftsleute beschäftigte. Sie glauben ja nicht, wie schnell der Sprachmüllkorb sich da füllte.

Oder glauben Sie es doch? Ja, ich sehe schon, Sie glauben es doch.

In einer anderen Kolumne, Das Beste aus meinem Leben im Magazin der Süddeutschen Zeitung, richtete ich zur gleichen Zeit eine Art Unterkolumne namens Der Sprach-Wertstoffhof ein, mit dem Ziel, ebenfalls für nicht mehr benötigte Sprache einen Platz zu schaffen, von dem aus sie wieder verwertet werden kann. Denn auch in der Sprache gibt es eigentlich keinen Müll. Aus fast allem kann man noch etwas machen, und genau das soll mit diesem Buch hier bewiesen werden. Auch Leser sammelten also jetzt anderswo nicht mehr brauchbare Wörter, Wortfetzen, Sätze, Satzteile und Satzzeichen. Sie schickten und schicken mir auf wunderbarste Weise schlecht übersetzte Speisekarten, rätselhafte Schild-Texte, kryptische Gebrauchsanweisungen, falsch getrennte Wörter, vollkommen unkapierbare Tourismus-Prospekte. Nichts von dem erklärt uns etwas oder ist irgendwie verständlich, es ist alles unnütz – und doch, und doch … Der Behalter in uns sagt: Man könnte es vielleicht noch mal gebrauchen. Man soll Wörter nicht gering achten. Man soll sie nicht wegwerfen. Man kann sie vielleicht wieder verwenden, und wenn es nur zum Spaß ist. Zum Basteln.

So, und nun machen wir kurz Pause mit dem Vorwort. Ich schlage vor, Sie lesen mal ein, zwei kurze Kapitel dieses Buchs, um zu verstehen, was ich meine, Lustmühle vielleicht und, na … ja, genau: Mpfplan.

So. Sind Sie wieder da? Schön.

Sie sehen: Es geht hier um nichts anderes als um den Spaß am Valschen, die Poesie des Irrtuhms, die Freude an der Fehlleistunck – um einen Reichtum also, der erst durch menschliche Schwäche entsteht. Von welch anderem Reichtum könnte man dies behaupten?

Übrigens entdeckte ich dann eines Tages bei Goethe den Begriff Wortstoff, und zwar in einem Satz, in dem er sich gegen die Sprachreiniger und Puristen wendet:

»Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat … Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben (der Sprache) hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.«

Da hat er recht, finde ich. Und ich habe hier jetzt eben einen Wortstoffhof.

Was ich noch sagen wollte: Ein bisschen wundert es mich schon, vor welchem Berg von Material ich hier sitze, in einem Altwörterlager von nicht mehr überschaubaren Ausmaßen. Ich muss mir morgens, um überhaupt an meinen Schreibtisch zu gelangen, mit einem Schneeschieber den Weg durch Wörterhaufen bahnen und überlege andererseits, warum nie jemand bisher auf den Gedanken kam, analog zu den Altkleidersammlungen in Deutschland Altwörtersammlungen zu veranstalten. Oder wenigstens an den wichtigsten Straßenecken Gebrauchtwörter-Container aufzustellen. Es bleibt sonst – und dies in unseren zunehmend ausdrucksarmen Zeiten! – wertvolles Verbalmaterial ungenutzt. Wir haben es hier, ganz klar, mit einer Ausformung deutscher Sprachleidenschaft zu tun, die ich besonders erfreulich finde, weil sie sich nicht in Besserwisserei und den anderswo beliebten Falsch-Richtig-Kategorien äußert. Sprachkritik sollte ja, finde ich, nicht darin bestehen, sich über die lustig zu machen, die es nicht besser können. Sondern sie hat sich, wenn schon, jene vorzunehmen, die es nicht besser wollen, die also Sprache als Imponierinstrument oder zur Verschleierung ihrer wahren Absichten benutzen. Oder die einfach zu faul sind, das Richtige zu sagen.

Und, um auch dies gleich mal zu sagen: Ich halte nicht viel von denen, die das Deutsche »pflegen« wollen, als sei es ein Patient. Oder die nach aussterbenden Wörtern suchen, als sei die Sprache ein bedrohtes Ökosystem und der Verlust des Wortes »Backfisch« dem Aussterben des Kabeljaus gleichzusetzen. In Wahrheit stehen bei uns, wenn ein Wort ausstirbt, doch gleich zwei neue an der nächsten Straßenecke, und noch im letzten Ich-mach-dich-Messer-Dialog zweier Neuköllner Türkenjungs steckt mehr von der Kraft des Deutschen als in den Teilnehmern betulicher Sprachhütertagungen.

Wir vom Wortstoffhof versuchen Tag für Tag, in neue Sprachdimensionen vorzudringen. Und fragen uns, wie sehr eine Sprache vielleicht gerade durch das Falsche bereichert wird.

Dazu ein Beispiel. In Christian Eichlers sehr schönem Lexikon der Fußball-Mythen lese ich über die legendäre Abrechnung des Trainers Trapattoni mit den Fußballern seiner Mannschaft: »Nach einem Solo von 3 : 10 Minuten im Presse-Kabuff des FC Bayern, abgeschlossen mit dem legendären ›Ich habe fertig‹, war die deutsche Sprache nicht mehr dieselbe. Ausgerechnet ein aufgeregter Italiener zeigte, wieviel Kraft diese Sprache hat, wenn man auf ihre Korrektheit pfeift: ›Trapattoni‹, schrieb die Londoner Times, ›erfand eine ganze neue Art von Deutsch.‹«

Bitte sehr, hier ist jener Trapattoni: »Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr Mehmet e mehr Basler. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was hab ich gesagt? Danke.«

Wobei ich daraus jetzt keine große Theorie machen will, so etwas liegt mir nicht. Alles, worum es mir geht, ist in zwei Sätzen gesagt: Zwischen all den hoch ernsten Debatten über den Niedergang des Deutschen, über Rechtschreibreform, über Sprachverarmung, -fall und -lust, über schönste Wörter und Unworte des Jahres sollte man sich ab und zu etwas Spaß mit der eigenen Sprache gönnen. Bisschen mit ihr spielen.

Jedenfalls habe ich in meinem Berufsleben selten so viel Vergnügen wie in jenen Stunden, in denen ich auf dem Wortstoffhof arbeite und Eingeliefertes wie selbst Gefundenes auf seine Wiederverwendbarkeit oder (das gibt es ja nun auch) endgültige Unbrauchbarkeit prüfe. In denen ich Briefe öffne wie den von Herrn M. aus Egling, der schreibt, er sei gerade aus einem stundenlangen, ermüdenden »Meeting mit endlosem Palaver« gekommen und habe sich in der Küche erst einmal einen Kaffee holen wollen – da lese er auf dem Display der Kaffeemaschine: »Satzbehälter leeren!« Genauso wie die Kaffeemaschine habe er sich gefühlt, schreibt M., überfüllt mit Sätzen. Wohin damit? Auf den Wortstoffhof? Oder doch lieber in den Restmüll?

Ich würde sagen, in diesem Fall und was das Palaver betrifft: Restmüll. Aber den Ruf »Satzbehälter leeren!« kann ich natürlich sehr schön für den Wortstoffhof gebrauchen, denn auch hier müssen die Satzbehälter ständig geleert werden, damit sie frei sind für Neues.

Also, bitte: Besuchen Sie mich. Es ist durchgehend geöffnet.

A

ABSÄTZE

Eine der schönsten Einlieferungen in den Wortstoffhof überhaupt erreichte mich aus Karlsruhe, von Frau S. nämlich, die sich an einen Schuster erinnerte, in dessen Schaufenster sie ein Schild mit folgender Aufschrift sah:

»Auf Absätze kann gewartet werden.«

So etwas landet gar nicht erst auf dem Wortstoffhof, es wird direkt über meinem Schreibtisch befestigt, an dem ich bedrängt werde von Redakteuren, Verlegerinnen und Buchherstellern, die Texte wollen, Texte, Texte, Texte … Ich kann nun auf dieses Schild verweisen und auf die Wartebank neben meinem Arbeitsplatz. Ein Absatz dauert ja nicht lange, darauf können die Leute warten, aber ganze Manuskripte müssen weiterhin nach einigen Tagen, Monaten, Jahren abgeholt werden. Ich gebe dazu diese kleinen Nummernzettel aus, Sie kennen das vom Schuster oder aus der Wäscherei.

ÄH

Ich musste mein Büro aufräumen. Ich sortierte Wörter. Wenn man als Autor nicht täglich Wörter aufräumt, findet man sie nicht, wenn man sie braucht. Man muss zum Beispiel »Liebesglut« schreiben und kann es nicht, weil »Liebesglut« unter Zeitungen verborgen liegt. Dann schreibt man statt »Liebesglut« etwa »Feuer der Zuneigung«, aber das ist was anderes.

Viel Schwaches in der Literatur rührt daher, dass Autoren nicht aufräumen und sich mit dem behelfen müssen, was gerade daliegt. Es gibt Schriftsteller, die produktiver wären, wenn sie nicht dauernd passende Wörter suchen müssten. Irgendwo fand ich ein Äh und ein Ähm. Sind das eigentlich Wörter?, dachte ich. Oder nur Laute?

Ich weiß nicht, ob Sie die psycholinguistische Debatte in den USA und Großbritannien verfolgen … Sehr interessant. Man hat dort lange Äh und Ähm (im Englischen Uh und Um) nicht als Bestandteile der Sprache gesehen, eher als Geräusch oder Sprech-Abfall.

Dann haben Forscher den Fluss der Sprache untersucht. Und heute finden sie, Äh und Ähm seien normale Wörter. Das eine signalisiere eine kurze, das andere eine längere Pause im Redestrom.

Und dann, hier, Folgendes, ein Aufsatz in Bild der Wissenschaft, das Äh betreffend: Schottische Experten maßen die Stromspannung auf der Kopfhaut von Versuchspersonen und stellten fest, dass ein gut platziertes Äh es dem Zuhörer erleichtert, sich auf überraschende, schwer verständliche Wörter einzustellen. Er wird aufmerksamer. Auch hilft das Äh ihm, sich später an das Wort zu erinnern.

Liz Shriberg, eine Psychologin aus Kalifornien, sagte dazu vor Jahren, wenn man erkenne, wie sauber Äh und Ähm in Sätzen verteilt seien und dabei »eine sehr elegante Struktur haben, sieht man, dass sie überhaupt kein Müll sind«. Sondern Wortstoff.

Übrigens: Elegante Struktur …

Werfen diese Untersuchungen nicht auch, lange nach seiner Amtszeit als bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, ein neues Licht auf die Sprachführung unseres lieben Edmund Stoiber? Der mit seinem Äh in einer Weise unvergesslich geworden ist, dass unsere Kopfhäute sich noch in Jahrzehnten spannen werden, wird sein Name genannt. Wer die Verwendung des Äh durch Stoiber bei seinem legendären Christiansen-Auftritt im Januar 2002 noch mal unter die Lupe nimmt, wird hier eines Variantenreichtums und einer Eleganz gewahr, bitte … Ich möchte jetzt einen Beitrag zum psycholinguistischen Diskurs leisten, indem ich eine Systematisierung des Äh-Einsatzes bei Stoiber vorlege.

Das einleitende Äh: »Äh, es geht doch nicht darum …«

Das Äh im Satz: »Ich glaube, dass, äh, viele …«

Das Doppel-Äh im Satz: »Das hat, äh, äh, verschiedene Aspekte …«

Das einfache, Wort einrahmende Äh: »Wir schaffen das, äh, mit, äh, Schwierigkeiten …«

Das doppelte, Wort einrahmende Äh: »… Herr Merz, äh, äh, Frau, äh, äh, Frau Merkel …«

Das einfache, mehrere Wörter einrahmende Äh mit Wiederholung des Eingerahmten außerhalb der Einrahmung: »… äh, zahlen sie, äh, zahlen sie die Zeche …«

Das einfache, Wörter einrahmende Äh mit Wiederholung des Eingerahmten innerhalb der Einrahmung: »… äh, dass wir, wir, wir, dass wir natürlich uns vernünftig, äh …«

Das einfache, Silben einrahmende Äh mit Vernichtung der eingerahmten Silbe: »… die 209 Milliarden DM, die, äh, ver-, äh, für Fort-, die, den Solidarpakt, also das bitte ich …«

Das doppelte, Wörter einrahmende Äh mit Wortwiederholung und einem Wort innerhalb des zweiten Äh, Äh: »… das ist noch lange nicht abschließend, äh, äh, abschließend, äh, damit, äh, befunden …«

Das ins Wort eingesprungene einfache Äh mit Anlauf: »… von, von, von, von Ost nach West-, äh, -deutschland.« Das ins Wort eingesprungene einfache Äh mit Wiederholung eines anderen Wortes in diesem Wort, ohne Anlauf: »… zwei Prozent des, äh, Brutt-, äh, des, des, des Bruttosozialprodukts …«

Das mehrmals in den Satz gestreute Äh, mit Wiederholung von Satzbestandteilen und einer falsch angeredeten Person in der Einrahmung: »Wir liegen mit 5,8 Prozent, äh, wenn Deutschland, äh, bei 5,8 Prozent Arbeitslosigkeit läge, dann hätten wir viele Probleme nicht, also ich glaube, dass Sie nicht unbedingt jetzt den Spitzenreiter oder den Zweiten…, ja, Frau Merkel, ich bin, Frau…, Sie sehen, Sie sehen, Sie sehen, wie, Entschuldigung, aber Sie sehen, wie eng, ich hab auch heute zweimal mit ihr telefoniert, wie eng wir natürlich auch, äh …«

Schließlich das vierfache, ins Wort eingesprungene Äh mit vierfacher, ins Äh eingesprungener Wiederholung eines anderen Wortes – mit Anlauf (nie vorher wurde so etwas versucht!): »… jetzt schreiben die großen Firmen, ob das British Telecom, ob das VIAG, ob das Telek-, äh, die, die, die, die, äh, äh, äh, die große deutsche Gesellschaft ist, Herr Sommer, der schreibt jetzt ab…«

Ganz groß. Ein Rhythmiker. Ein Sprachmusiker. Ein Virtuose des Äh.

ALPENHAUPTKAMM

Gott, wie ich dieses Wort mag! Alpenhauptkamm. Manchmal bilde ich mir ein, ich wohne nur deswegen in München, weil ich in Norddeutschland dieses Wort viel zu selten hören würde. Denn für die Menschen in den Tiefebenen sind ja die Haupt- und Nebenkämme der Alpen weitgehend bedeutungslos. Ob es auch einen Pyrenäenhauptkamm oder einen Karpatenhauptkamm gibt? Egal, es wäre bedeutungslos. Rein klanglich nicht zu vergleichen. Nur der Alpenhauptkamm hat dieses über die Vokale A, e, au und die Konsonanten l, p, n und h sich langsam Erhebende, dann plötzlich steil zum schmalen, scharfen Grat des -ptk-Emporschnellende, schließlich weich ins Bett des -amm Hinunterfallende.

Alpenhauptkamm. Man hört das oft im Wetterbericht.

Da fällt mir der Brief von Herrn E. aus Göppingen ein. E. verfolgte Anfang März 2006 den Wetterbericht im Bayerischen Fernsehen und hörte dort, dass »die Niederschläge zunehmend weniger« würden, eine Wortwahl, die mich an einen pubertierenden Neffen erinnert, mit dem zusammen ich einmal ein Lokal betrat, in dem sich fast keine Gäste befanden, was meinen Neffen zu der Bemerkung veranlasste: »Ist ja voll leer hier!«

E. indessen dachte nach diesem Wetterbericht über einen Kurzurlaub in Südtirol nach, bis, so schreibt er, das Fernsehen einige Tage später berichtete, dass es »die Sonne südlich des Alpenhauptkamms immer öfter schaffen würde, sich vor die Wolken zu schieben«. E. war alarmiert: die Sonne vor den Wolken! Südlich des Alpenhauptkamms! In Südtirol! Er verzichtete auf seinen Urlaub, »dieser brandgefährlichen Lage wollte ich mich dann doch nicht aussetzen«. Fast wundert es einen, dass es heute südlich des Alpenhauptkammes überhaupt noch Leben gibt, ja, dass – im Gegenteil – gerade in der Nähe des Alpenhauptkammes das Leben sich in einer Weise intensiviert, nein: extensiviert zu haben scheint, sodass es zum Beispiel in Arosa der Firma B.Hilty, Heizung, Sanitär, Lüftung, Haustechnik möglich ist, einen »25h Service« anzubieten, wie mir Leserin P. mitteilte und durch Foto des Firmenwerbeschildes auch belegen konnte.

ALTGERT

Von Herrn H. aus München bekam ich ein Foto geschickt: Man sieht darauf einen großen gelben Müllcontainer mit der Aufschrift »Männer«, wie er sich laut Auskunft von H. in der Gemeinde Zell unter Aichelberg befindet. Und man staunt: dass hier am Fuße der Schwäbischen Alb offensichtlich Männer problemlos entsorgt werden können beziehungsweise vielleicht sogar einem Recycling zugänglich zu machen sind, auf einer Art Männer-Wertstoffhof. Ich erinnerte mich angesichts dessen an den Kollegen M., der vor vielen Jahren nach seiner Scheidung einen Verein für Gebrauchtmänner ins Leben rief. Keine Ahnung, was aus dem geworden ist, dem Verein, meine ich. Der Kollege ist natürlich längst wieder verheiratet.

Kaum hatte ich H. s Brief gelesen und beantwortet, schrieb mir Herr K. aus München. Er hatte von der Karstadt-Filiale in Augsburg eine »Wertmarke fr den Transport von 1 Altgert« zugeschickt bekommen, versehen mit der Anmerkung: »Kleben Sie diese Wertmarke auf das zu entsorgende Gert«.

Man ahnt ja nun, wo Altgert landen wird, nicht wahr? Aber ist es nicht schnöde, den Gert, kaum dass er verbraucht ist, nur noch »das Gert« zu nennen?

Dies wenige kann man doch auch für den ältesten Gert der Welt noch tun, nämlich dass man ihn in einen anständigen Container für alte Männer wirft, wobei ich spätestens hier jetzt leider erwähnen muss: Das Geheimnis des Containers in Zell unter Aichelberg liegt im Kleingeschriebenen unter dem Wort »Männer«. Er gehört der Entsorgungsfirma von Herrn Willi Männer in Bissingen.

ANDEREMÄNNER

Jetzt mal zu einem Wort, das mir lange Zeit sehr auf die Nerven ging: Anderemänner.

Anderemänner, es reichte mir ganz schön mit Anderemänner. Wenn ich es nur hörte, Anderemänner, ich hätte in die nächste Wirtschaft rennen und mich volllaufen lassen können wie ein Fass, so zuwider war es mir. Anderemänner. Anderemänner sind die, die es anders machen als ich. Besser in jedem Fall. Anderemänner lassen ihrer Frau ein duftendes Bad ein, wenn sie gestresst ist. Massieren ungefragt, aber immer im richtigen Moment ihre Kopfhaut. Sie kochen einen Tee, wenn ihre Frau noch nicht einmal gedacht hat, dass sie einen Tee wünschen könnte, aber es gleich denken wird – dann steht der Anderemänner-Tee schon da. Anderemänner sind von großer emotionaler Präsenz, und wenn sie es gerade einmal nicht sind, können sie mit sanfter Stimme begründen, warum nicht. Anderemänner kommen auf Gedanken, die mir nicht kommen, jedenfalls nicht im richtigen Moment. Anderemänner sind der Wahnsinn, die ganze Welt scheint voll von ihnen zu sein, sie schlafen nie, ihre Energie ist unerschöpflich, und falls sie doch erschöpflich ist, lassen sie es sich nicht anmerken, oder sie weisen zum rechten Zeitpunkt (wenn es also einer Frau gerade überhaupt nichts ausmacht) auf diese momentane und bald vorübergehende Erschöpflichkeit hin.

Manchmal sind Anderemänner bei uns zu Besuch. Freund D. zum Beispiel kam mit seiner jungen Frau zum Kaffeetrinken vorbei, ihren winzigen Sohn hatten sie im Tragekörbchen bei sich, und wenn der winzige Sohn einmal auch nur winzig wenig wimmerte, stand D. sofort auf, um die noch gar nicht geäußerten und vielfach auch gar nicht äußerbaren Wünsche des Kleinen zu erfüllen. Ein Fläschchen. Ein Nuckinucki. Ein Windelchen. Ein Streichelchen.

Und wenn D. sich dann wieder setzte, ging er an seiner Frau vorbei und strich ihr mit zärtlicher Gebärde über den Kopf. Und ich wusste schon, was kommen würde, ich betrachtete D. mit flackerndem Blick, aber er machte einfach weiter.

Kaum waren sie gegangen, rief Paola: »Hast du gesehen, wie er ihr immer über die Haare strich! Ach, wenn du doch nur einmal …«

Jahrzehntelang kannte ich nur einen Wunsch: einmal wie Anderemänner sein. Und neulich erfüllte es sich, dieses Sehnen.

Da waren wir mit Paul und seiner Frau Anna zum Abendessen verabredet, in einem Restaurant. Anna und Paul haben ein Kind, das ist anderthalb Jahre alt, und wir haben auch so ein Kind, das anderthalb ist, Sophie heißt es. Aber für diesen Abend hatten wir Babysitter engagiert, Anna und Paul einen und Paola und ich auch einen. So konnten wir eben im Restaurant sitzen und uns in aller Ruhe gegenseitig von großen Müdigkeiten berichten, den verschiedenen Müdigkeitsformen und -stufen von Eltern, die jede Nacht aufstehen müssen, um Fläschchen zu bereiten oder sonstwie nett zu sein zu ihrem Baby.

Und plötzlich sagte Paola, seit einer Weile, seit sie nämlich zu und zu müde geworden sei vom nächtlichen Aufstehen und stundenlang schon gar nicht mehr einschlafen könne, wenn sie einmal nachts aufgestanden sei, seitdem also stünde ich (ihr Mann nämlich) nachts auf, um Fläschlein zu geben und Windilein zu wechseln und Dutzidutzi zu machen. Und sogar erhöbe ich mich um halb sieben schon wieder, um dem Luis sein Frühstück zu machen und dann ins Büro zu gehen – nur damit sie einige Monate lang mal wieder normal schlafen könne. Das sagte sie in die Gesichter Annas und Pauls hinein.

Und ich sah Interesse in den Augen Annas, und in denen ihres Mannes erblickte ich etwas wie, nun ja, war es Angst? War es Hass?

Jedenfalls wusste ich: In diesem Moment war ich Anderemänner für ihn und würde es noch eine Weile bleiben, und, wie soll ich sagen: Es war ganz schön, Freunde, es war ganz okay.

ANREDE

»Meine gefühlten Herzgrüße und Empfehlungen« – so beginnt eine E-Mail, die Professor S. in Tübingen eines Tages auf seinem Bildschirm fand, abgesandt von einem Absolventen der Universität Madras/Indien, der sich bei ihm um einen Posten bewarb, »ungeachtet der Tatsache, dass ich in ganz eine bequeme Position in der gegenwärtigen Universität gelegt werde«.

»Ist er schon deutscher Beamter?«, fragt dazu S.

Meine gefühlten Herzgrüße: eine ganz wunderbare Grußformel, wie ich finde, geeignet sowohl für Anfang wie für Ende von Briefen, wobei ich statt des ewigen »Mit freundlichen Grüßen« auch jenen Briefschluss in Erwägung ziehen würde, den mir Frau S. aus dem Münchner Fremdenverkehrsamt überließ, ein schönes und rares Stück aus Belgien: »Vorwärtshörfähigkeit von Ihnen bald schauend, danken wir Ihnen für Ihre Hilfe und Mitarbeit.«

Vorwärtshörfähigkeit – das haben viel zu wenige Menschen. Rar sind schon jene, die voraus schauend sind, aber vorwärts hörend? Ich wüsste niemand zu nennen. Rätselhaft bleibt, wie man eine Vorwärtshörfähigkeit schaut. Aber gut.

Alternativ kann ich anbieten, was Herr Dr. H., seines Zeichens Philologe in München, mir von einem seiner Kollegen in Weimar berichtete: Der erhielt eines Tages das Schreiben eines japanischen Germanisten, welches, so H., in die »unübertreffliche Formulierung« mündete: »Mit kochendheißem Dankgebet.«

Ein bisschen spezieller, weil persönlicher ist, was ich einem Schreiben von Leser T. aus Waldshut entnehme, der in seiner Familie vor Jahren eine französische Austauschschülerin zu Gast hatte, Anne aus Blois war das. Kaum nach Blois zurückgekehrt, schrieb Anne einen Brief, dankte für den angenehmen Aufenthalt und schloss mit einem besonderen Gruß an die Tochter: »Und viele Nordwinde für Petra.« Ein Rätsel. Bis man im Lexikon nachschlug und entdeckte, dass Anne wohl hatte schreiben wollen: »Und viele Küsse für Petra«. Kuss bzw. Wangenkuss heißt bise im Französischen, schlägt man aber unter bise nach, findet sich als erste deutsche Bedeutung »Nordwind«, dann erst »Wangenkuss«. Aber ist ein Nordwind – zumal in einem heißen Sommer – nicht ein ganz wunderbarer Gruß aus der Fremde?

Bei zu viel Nordwind kann ein Brief allerdings auch enden wie der, den vor Jahren eine meiner Leserinnen bekam. Er war unterzeichnet mit den Worten »Nach Diktat vereist«. Kaum hatte ich davon in einer Lesung dem Publikum berichtet, meldete sich Frau F. aus Köln, die den Abschiedsbrief einer aus der Firma scheidenden Kollegin zitierte. Er endete so: »Damit verbleiche ich mit freundlichen Grüßen.«

ANSCHLUSSMOBILITÄT

Was ich an der Deutschen Bahn immer besonders geliebt habe, war, dass sie eine eigene, ganz unverwechselbare Sprache hat (→ Fahrgastwunsch, Übergangsreisender), die einem immer neu zu denken gibt. In der es Wörter gibt wie »Anschlussmobilität«, das ich vor Jahren in der Bahn-Zeitschrift mobil entdeckte.

Was damit gemeint ist?

Einfach, dass man auch nach Verlassen des Zuges nicht stehen bleibt, sondern sich weiter bewegt, zum Beispiel mit Call a Bike oder DB Carsharing, ihrerseits ganz neue Wörter aus dem Bahnsprech. Man kann natürlich auch weiter gehen. Oder sich von der Ehefrau mit dem Auto abholen lassen, gute alte Formen der Anschlussmobilität, für die wir aber bisher einfach kein Wort hatten. Solche Wörter erfindet die Bahn für uns, da ist sie ganz groß, das macht ihr keiner nach.

Leser T. schickte mir eine E-Mail, in der er beschrieb, was er auf der Anzeigetafel las, als er von München aus mit dem ICE nach Mannheim fahren wollte: »Zug verkehrt in umgekehrter Zugreihung.«

Das sind Momente, in denen der Reisende sich wünscht, es gäbe ein kleines Lexikon der Bahnsprache, in dem man nachschlagen könnte, was eine »Zugreihung« ist, sodass man sich dann selbst vorstellen könnte, was es bedeutet, wenn man diese Zugreihung umkehrt. Herr T. schrieb, er habe dank der Wagennummerierung seinen reservierten Sitzplatz gefunden und gleich darauf den »Zugbegleiter« (auch so ein Wort!) gehört, wie er über Lautsprecher bekannt gab: »Dieser Zug verkehrt heute in umgereihter Zugreihung…«

Hä?

»… das heißt, die erste Klasse befindet sich am Zuganfang.«

Aha. Und wo war noch mal der Zuganfang?

Am Bahnsteigende.

Apropos Anfang und Ende. Da fällt mir ein, was der Zugchef einmal auf einer Fahrt nach Westdeutschland mitteilte: dass nämlich der Zug einen »Zuglaufteil« mit sich führe, der nur bis Köln »verkehre« – und dann? Darüber informierte der Zugchef dergestalt, dass er sagte: »Die Wagen verbleiben in Köln und enden dort.« Und auch Herr H. aus Erlangen schrieb mir, er habe sich neulich »in der Anfahrt« (ach, seufz!) auf Nürnberg befunden, als es hieß: »Der Zug endet hier, bitte alles aussteigen!«

Dazu bemerkt H. in seinem Brief: »Nachdem ›alles‹ ausgestiegen ist, werfe ich einen wehmütigen Blick auf den noch ganz rüstig aussehenden Zug, der hier endet, und bin froh, daß ich mit meinem Gepäck dem Ende entrinnen konnte!« In der Zeitung las ich dann, die Bahn bemühe sich nun um einen neuen Ton in ihren Ansagen, man werde die Bahnsprache reformieren und zum Beispiel nicht mehr vom »Wagen mit der Ordnungsnummer sieben« reden, wenn man auf den Speisewagen verweise, sondern einfach vom »Wagen Nummer sieben«.

Eine Sprachwelt geht unter. Endet hier.

Schade.

AUFSTELLUNGSORT DES SEINS

Das Reisen ist ja in den Zeiten der Pauschalreisen und Billigflieger bis zur Unerträglichkeit so banalisiert worden, dass der empfindsame Mensch am liebsten nur zu Hause bliebe. Doch lässt sich beweisen, dass es noch Ziele gibt, an denen es Unglaubliches zu entdecken gibt (→ Betäubunglärm), Abenteuer der Poesie und Leidenschaft, so erregend, dass ich mit dem Gedanken spiele, eine Tourismus-Gesellschaft zu gründen, Wortstoffhof-Tours, warum nicht? Hier eine Auswahl möglicher Ziele:

Das Hotel S. Mamede