Wumbabas Vermächtnis - Axel Hacke - E-Book

Wumbabas Vermächtnis E-Book

Axel Hacke

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7,99 €

Beschreibung

Das ist einfach wumbaba! So hört man es inzwischen landauf, landab. Seit Axel Hackes Bestsellern "Der weiße Neger Wumbaba" und "Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück" ist das Verhören zum Volkssport geworden. Alle haben sich schon mal verhört und finden Gehör, im Radio zum Beispiel: Praktisch jeder deutsche Sender hat nun seinen "Verhör-Hammer" oder Ähnliches im Programm. Ist das nicht wumbaba? Im abschließenden Band seiner kleinen Trilogie beschäftigt sich Axel Hacke mit Wumbabas Vermächtnis, das in die Tiefen der Fantasie und in die Sprachverwirrung einer modernen Gesellschaft zielt. Vor allem das internationale Liedgut beflügelt zu den schönsten Geschichten. Was meint Peter Maffay, wenn er singt: "Sieben Donkleare musst du überstehn"? Warum hat Herbert Grönemeyer "Fruchtzwerge" in seinem Bauch? Worin besteht der Heizplan Gottes? Und wer trägt Wumbabas Vermächtnis in die Zukunft? Es sind, dies wollen wir hier schon verraten, seine neuen Freunde: der Waldzwerg aus dem Walzwerk, der Kuhfürst und seine Bullen, das Ejakulationsteam, das heilige Geißlein, das Entchen von Tharau, Opa Dong und auch Arrivi, der Tschiroma. Lang sollen sie leben und uns begleiten immerdar: in den Geschichten von Axel Hacke, in den Bildern von Michael Sowa.

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Seitenzahl: 70

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Axel Hacke & Michael Sowa

WUMBABAS VERMÄCHTNIS

Drittes Handbuch des Verhörens

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Von Hör- und Seeschwachen:Wumbabas Erbe und Vermächtnis

Manchmal hatte ich in den vergangenen Jahren ein schlechtes Gewissen, Matthias Claudius betreffend: Der Mond ist aufgegangen wird in manchen Häusern nun nicht mehr nur falsch verstanden, sondern gleich gar nicht mehr richtig gesungen. Dieses wunderbare Lied!

Andererseits schrieb mir Frau F. aus Kleinmachnow, sie habe sich bei der Geburtstagsfeier ihrer 85 Jahre alten, nicht mehr gut hörenden Tante mit einer jüngeren Verwandten unterhalten, während zwischen ihnen beiden die Tante saß. Sie selbst, F. also, habe von einem Buch erzählt, das sie gerade gelesen habe, Der weiße Neger Wumbaba heiße es.

Darauf die Tante: »Oh, wie schön dieses Lied ist … der weiße Nebel wunderbar!«

So herum geht es also auch.

Interessanterweise ist der Schwerhörige im Alltag eine einerseits komische, andererseits bisweilen milde nervende Figur. Warum? Zwei Gründe. Der Grund fürs Komische ist, dass schlechtes Hören immer wieder Grund zu aberwitzigsten Missverständnissen gibt – und das Missverständnis gehört nun mal zu den Grundelementen der Komik. Und der Grund fürs Nervende? Dass die meisten, die schlecht hören, oft bis zum Letzten versuchen, sich selbst und ihre Umwelt darüber hinwegzutäuschen. Wer schlecht sieht, trägt bald eine Brille; mittlerweile machen sich Menschen schon zu Brillenträgem, die sehr gut sehen, weil eine Brille ein schickes Accessoire sein kann. Aber ein Hörgerät? Das versucht man zu vermeiden, bis es nicht mehr anders geht, wer weiß warum!?

Nun sind die wenigsten, die einen Liedtext falsch verstehen, schwerhörig; meist liegt das Problem beim Sänger oder bei den Sprachkenntnissen, oft ist es auch nur so, dass man sich an den Text eines Liedes nicht mehr recht erinnert, es aber trotzdem singen möchte. Dann singt man aus der Erinnerung.

Aber peinlich ist es den meisten immer noch, etwas falsch verstanden zu haben. Es ist eine Fehlleistung, und Fehlleistungen sind in einer Leistungsgesellschaft unangenehm. Umso wunderbarer ist Wumbabas Existenz: eine Instanz, vor der man seinen Irrtum leichten Sinnes eingestehen kann. Sein Vermächtnis lautet: Wumbaba verurteilt nicht. Wumbaba lacht. Denn Wumbaba weiß: Was die Menschen am meisten eint, sind ihre Fehler. Und wenn Fehler so komisch oder so poetisch oder, im besten Fall, so poetisch-komisch sind wie hier, dann gibt es keinen Grund, über Fehler nicht zu reden. Im Gegenteil.

Weil wir von den Brillenträgern sprachen: Frau B. aus Chemnitz schrieb mir, sie sei in der DDR groß geworden. Dort habe es morgens eine Kinderhörfunksendung namens Der kleine Pfennig gegeben, danach eine Sendung für Erwachsene, in der Geburtstagswünsche veröffentlicht wurden. In dieser Sendung grüßte man, so verstand das die kleine B., oft »die Blinden und Seeschwachen«, die in Heimen zusammenlebten. Erst spät, so B., habe sie begriffen, dass es um »Sehschwache« ging, aber da war das Wort »seeschwach« schon in der Welt.

Ich finde, wie B., vor allem das Zusammenleben von Blinden und Seeschwachen sehr schön. Auf einem Schiff könnten Blinde den Seeschwachen helfen, später im Heim (tief im Binnenland) im Gegenzug die Seeschwachen den Blinden zur Hand gehen, das ist gut. Mir fällt eine E-Mail von Frau H. aus Seeheim (tatsächlich, Seeheim) ein, die in einem Vorabdruck des Romans Seelen (nicht: Sehlen) von Stephenie Meyer einen geheimnisvollen »Sehtang« entdeckte, der durch die Welt irrt, »wahrscheinlich auf der Suche«, schreibt H., »nach seinen Brüdern Hörtang, Riechtang, Schmecktang und Tasttang«. Wenn man sich vorstellt, im Meer zu stehen, und plötzlich beäugt einen neugierig ein Sehtang…

Gelegentlich höre ich, es gebe Leute, die dächten, ich würde solche Briefe erfinden. Einerseits ehrt mich das: Welche Phantasie mir zugetraut wird! Andererseits bin ich ärgerlich: Wenn ich die Briefe erfunden hätte, würde ich es sagen. Ich habe sie aber nicht erfunden, nicht einen einzigen. Bloß nenne ich immer nur die Anfangsbuchstaben der Briefschreiber, weil ich nicht weiß, ob jeder mit vollem Namen und Wohnort in einem Buch stehen möchte. In diesem Büchlein hier lasse ich in manchen Fällen auch die Initialen weg, meistens weil ich den entsprechenden Verhörer von mehreren Lesern gleichzeitig bekam, oft aber auch der besseren Lesbarkeit wegen. Großer Dank all jenen, die mir in den vergangenen Jahren geschrieben haben!

Im Grunde gehört Wumbaba auch nicht mir. Er gehört dem Volk. Besser: Er gehört niemandem. Er ist einfach da. Und er bleibt da, auch wenn Sie das Buch wieder zugeklappt haben.

Mit diesem Band ist die Wumbaba-Trilogie beendet. Einmal muss Schluss sein. Ich gebe das Thema zurück an die Menschen, von denen es gekommen ist. An die Volksbewegung der Hörschwachen. Wumbaba lebt weiter, wo es auch sein mag. Und alle, die sich verhört haben, wissen: ER versteht uns immer.

Der Kuhfürst und das heilige Geißlein:Elf neue Freunde für Wumbaba

Natürlich ist mir Wumbaba nach vielen Jahren immer noch das liebste jener wundersamen Wesen, die nur entstehen, weil Menschen schlecht hören. Aber es sind Freunde dazugekommen, die mir ans Herz wuchsen, der großartige Erdbeerschorsch vor allem oder selbst so finstere Gesellen wie der Schlächter Müller und der Kinder-Lehmann.

Hier stelle ich nun elf neue Freunde vor.

ERSTER FREUND: DER HOSERUNTER-PANTHER. Den fand ich im Wumbaba-Forum von brigitte.de, in dem seit Jahren unser Thema erörtert und mit immer neuen Facetten versehen wird, wobei sich die Sache so verselbstständigt hat, dass vor Jahren, als Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück erschien, eine Teilnehmerin fragte: »Hat der den Titel hier bei uns abgeschrieben?« Worauf eine andere sofort antwortete: »Nein, andersrum!«

Hier schrieb nun eine Leserin, die sechsjährige Tochter ihres Partners habe gerne im Fernsehen nicht den rosaroten Panther, sondern den »Hoserunter-Panther« sehen wollen, eine bemerkenswerte Figur, die mich erstens an eine Zeichnung von Marie Marcks erinnert, in der ein nackter Vater unter der Dusche steht, während die Kinder von draußen rufen: »Papa, dürfen wir Schweinchen Dick ansehen?« Und der Vater antwortet: »Meinetwegen, kommt schon rein, aber ab heute sagen wir Penis dazu!«

Zweitens lässt sich jetzt erzählen, was mir Herr K. aus Würzburg schrieb. Der berichtete vor Jahren, in den bayerischen Schulen hätten sich zur Verbesserung des Unterrichts sogenannte »Evaluationsteams« eingefunden. Auch in der Grundschulklasse, der sein Bruder als Klassenlehrer vorstand, sei ein Team gewesen. Um die Kinder auf den Besuch vorzubereiten, erklärte der Bruder den Kindern, wer da zu welchem Zweck dem Unterricht lauschen werde. Er ging auch auf den schwierigen Namen des Teams ein.

Als am nächsten Tag die »Evaluatoren« im Klassenzimmer saßen, fragte der Lehrer, ob sich jemand an das Fremdwort erinnern könne … Ein sonst eher träger Schüler habe sofort gerufen: »Das Ejakulationsteam!«

Es habe noch mehrere Fehlversuche von Mitschülern gegeben, bis schließlich der Lehrer die Lösung verriet: »Alles fast richtig. Ganz genau heißt das Team aber ›Evaluationsteam‹.«

Worauf der Schüler, der sich als Erster gemeldet hatte, protestierte: »Hab ich doch g’sacht.«

ZWEITER FREUND: DER WALDZWERG. »Ich wohne in der Nähe eines Stahl- und Walzwerkes«, schrieb mir Frau N. aus Braunschweig. »Eines Tages war ich mit meiner Tochter (vier Jahre alt) spazieren, und vom Walzwerk kamen laute, polternde Geräusche herüber. Meine Tochter fragte, was das sei, und ich sagte ihr, dass es vom Walzwerk käme, und versuchte, ihr in einfachen Worten zu erklären, dass es eine große Fabrik sei, in der Eisen verarbeitet würde.« Ein paar Tage später habe die Tochter gefragt, wie der Waldzwerg das in der Fabrik machen würde, die ganze Arbeit mit dem Eisen.

»Was muss sich da«, so N., »in ihrer Phantasie abgespielt haben??!!«

Können wir uns das nicht selbst vorstellen? Wie mitten im Wald ein einsamer Zwerg in einer viel zu großen Fabrik schuftet, überfordert, schweißgebadet, zwischen Riesenmaschinen hin und her eilend? Und haben wir nicht alle unsere Waldzwerg-Momente, wenn das Leben zu viel von uns verlangt?

DRITTER FREUND: DER KUHFÜRST. Den sehen wir vor uns, wie er auf einem Thron sitzt, zwischen den Hörnern eine Krone, ein Zepter in den Klauen, ein Stier, voller Würde auf seinen Hofstaat herabblickend, der sich vor ihm versammelt hat: Kühe, Ochsen, Kälber. Die Gestalt gehörte zur Phantasiewelt von Leserin M., die als Kind nicht weiter erstaunt war über dieses Wesen, denn im Zusammenhang mit dem Kuhfürsten tauchte häufig das Wort »Bulle« auf.

VIERTER FREUND: DER SAND-MARTIN. Um ihn zu finden, muss man das Lied vom Sankt Martin so hören:

»Sand-Martin ritt durch Schnee und Wind,sein Ross, das trug ihn fort geschwind.Sand-Martin ritt mit leichtem Mut,sein Mantel deckt’ ihn warm und gut.Im Schnee, da saß ein armer Mann,hatt’ Kleider nicht, hatt’ Klumpen an: