Wundertüte - Susanne Fröhlich - E-Book

Wundertüte E-Book

Susanne Fröhlich

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8,99 €

Beschreibung

Das Leben ist keine Wundertüte, aber auch kein Rohkostteller... Der neue Roman von Bestseller-Autorin Susanne Fröhlich Zu wem hält eine Frau, wenn die eine Freundin die andere mit deren Mann betrügt? Was tut man, wenn die eigenen Kinder plötzlich erwachsen werden und die alten Eltern immer mehr zu Kindern? Wie kann man mit einem Gemüseapostel glücklich werden, wenn man eher Spaghetti-Bolognese-Fan ist? Wie besänftigt man eine 15jährige, die entschieden hat, einen aus tiefstem Herzen zu hassen, weil man jetzt mit ihrem Vater zusammenlebt? Und der ist wirklich toll. Dass es mit einem Mann noch mal so schön sein würde, hätte Andrea Schnidt sich nie träumen lassen. Aber all die Fragen, denen sie sich jetzt stellen muss, machen das neue Glück nicht gerade unkompliziert. Aus den Turbulenzen kommt Andrea jedenfalls so schnell nicht raus … Voller Empathie, mit viel Witz und blitzgescheit erzählt Susanne Fröhlich davon, was es heißt, eine neue Liebe zu leben – und das, wenn beide schon eine Familie haben. Einfach ist da gar nichts.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 378




Susanne Fröhlich

Wundertüte

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Widmung1234567891011121314Danksagung

»Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?«

 

Charles Dickens

 

 

Für meine Kinder Charlotte und Robert in Liebe

1

Mein Schwiegervater hat mich verlassen. Wegen eines Mannes. Genauer gesagt, wegen Paul. Meinem Neuen. Vor vier Wochen ist Paul bei mir eingezogen, und heute Morgen, nach vier Wochen, ist Rudi ausgezogen. Einer kommt, einer geht.

Ein Männernullsummenspiel sozusagen.

»Hier is nur Platz för aan Kerl!«, hat Rudi gesagt, kurz die Brauen hochgezogen und mir dann mitgeteilt, dass er zu seiner Irene zieht.

Ich weiß, er ist nur mein Schwiegervater, aber trotzdem hätte ich gerne gehabt, dass er bei mir bleibt. Ich bin traurig. Rudis Tatkraft, seine liebevolle Art, seine Kocherei und sein wunderbarer Pragmatismus fehlen mir jetzt schon. Genau wie die Nutella, die mit ihm auszieht.

Paul mag Nutella nicht. Er ist sehr streng in Sachen Ernährung. Süßigkeiten, weißes Mehl und Fertiggerichte findet er nicht nur unnötig, sondern schädlich. Seit er bei uns wohnt, wacht er wie ein Oberst der Ernährungsstasi über unsere Lebensmittel. Er hat bei seinem Einzug direkt unsere Vorräte durchgeguckt und bergeweise aussortiert. Selbst normale Fruchtjoghurts wurden nach ein paar Tagen Schonfrist schon nicht mehr geduldet. »Die kann man sich prima auch selbst mischen! In den Fertigprodukten sind Sägespäne drin und so gut wie keine Früchte! Nehmt Naturjoghurt und schneidet euch einen Apfel rein!«

Auf mein Gewicht wirkt sich das erfreulich aus, auf meine Stimmung leider nicht. Aber, was lernen wir aus Frauenzeitschriften? Ohne Kompromisse geht es in neuen Partnerschaften nicht. In alten übrigens schon gar nicht.

Paul ist laut meinem Sohn Mark ein Hard-Core-Öko. Er isst nur selten Fleisch und wenn, dann nur Bio. Am liebsten handgestreichelte Tiere, die einen hübschen Namen hatten.

Rudi, mein Schwiegervater, findet das albern und noch dazu Geldverschwendung. »Wieso sollte ich jetzt noch meine Ernährung umstellen? Ich bin bisher gut gefahrn mit dem, was ich ess. Es is nur Esse, kaa Religion! An ’nem Stück Kuche is noch keiner zugrunde gegange, aber ich streichel dem auch gern die Putenbrust, wenn’s hilft!«, hat er nicht nur eimal gemosert. »Die Engländer sin auch net ausgestorben, und die esse echt Dreck. Allerdings frittierte Dreck, und frittiert schmeckt alles! Auch ungestreichelt!«

Paul hat Rudi immer wieder lange Vorträge gehalten. Mit leicht erhobenem Zeigefinger und sehr viel medizinischen Ausdrücken. Aber niemand wird gerne belehrt, und nicht jeder wird schnell bekehrt. Also habe ich versucht, die beiden Lager irgendwie zu versöhnen. Habe abgepackte Wurst – von Rudi trotzig im Discounter gekauft – in eine Tupperdose umgeschichtet und behauptet, sie sei vom Wochenmarkt. Habe so getan, als sei das harte Vollkornbrot von Paul unglaublich lecker, und heimlich mit Rudi Baguette gegessen. Aber das reicht meinem Schwiegervater nicht. Pauls mahnende Blicke, jedes Mal wenn er sich ein »verbotenes« Lebensmittel in der Pfanne gebrutzelt hat, haben ihn mürbe gemacht. Natürlich ist Paul auf der richtigen Seite. Politisch absolut korrekt. Und trotzdem kann ich auch Rudi verstehen, dem das alles hier zu ungemütlich und zu vitaminlastig geworden ist.

»Wenn des hier so weitergeht mit dene Jutetasche un dem ganzen Kram, dann muss ich demnächst vegan lebe. Und Andrea, ich bin zu alt dadezu, un ich hab auch gern, wenn’s mer schmeckt! Un isch fühl mich aach ganz prima un kein bissche krank!«

»Du kannst doch weiter essen, was du magst. Lass dir doch nicht reinreden!«, habe ich versucht, Rudi umzustimmen.

»Ne«, hat er sofort geantwortet. »Wie der mich immer anguckt, wenn isch nur ’ne Scheibe Salami uffs Brot tu – als tät ich en Säugling grille. Des macht mer schlechte Laune, un darauf hab isch keine Lust, un uff Heimlichkeite schon gar net. Isch will öffentlich ohne schlechtes Gewisse esse. Ohne dass mich aaner so blöd aaguckt. Aanfach nur esse. Wie mein ganzes Lebe lang. Uff en letzte Meter noch so en Schischi, des is net meins. Un teuer is de Kram aach noch. Ein Herr Doktor kann sich des natürlich leiste.«

Ich muss einsehen: Männer kann man manchmal einfach nicht halten. Selbst die Männer nicht, die man sehr liebt.

 

In meinem Haus finden zurzeit, nicht nur essenstechnisch, große Veränderungen statt. Es kommt mir so vor, als würde ständig jemand aus- oder einziehen.

Angefangen hat meine Tochter Claudia damit. Zwei Wochen nach ihrem eher mittelprächtigen Abitur (2,8) hat sie verkündet, dass sie für ein Jahr nach Australien geht. »Work and Travel! Ich lerne die Sprache, und ihr müsst nur den Flug bezahlen! Und natürlich will ich auch das Land und seine Kultur entdecken! Außerdem muss ich nach all dem Stress mal raus!«, hat sie ihren Plan präsentiert.

Ich wüsste gern mal, welchen Stress sie meint. Work and Travel in Australien. Keine besonders originelle Idee. Mittlerweile sind in Australien bestimmt dermaßen viele deutsche Abiturienten unterwegs, dass man da wahrscheinlich schon erstaunt ist, wenn noch jemand akzentfrei Englisch spricht. Allein in der nächsten Nachbarschaft weiß ich von drei Kindern, die jetzt auch dort sind. Und mit Sicherheit ist meiner Tochter der Kulturaspekt besonders wichtig. Hier war in den letzten Jahren ja auch kaum ein Museum vor ihr sicher …

Mir ist bei dem Gedanken, meine Tochter alleine nach Australien zu lassen, nicht wirklich wohl gewesen. Ich bin keine Klammermami, aber Australien ist doch sehr weit weg. Da kann man nicht eben mal vorbeikommen und nachschauen, ob alles okay ist. Ob das Kind ausreichend eingecremt ist und bei der Hitze auch genug trinkt. Wasser meine ich natürlich. Dazu diese unglaubliche Tiervielfalt: Spinnen – handtellergroß, giftige Quallen, Haie und jede Art von Schlangen. Und das Ozonloch nicht zu vergessen. Ich habe nicht erwartet, dass sie Work and Travel im Westerwald macht, aber ein bisschen weniger weit weg, vielleicht innerhalb der europäischen Grenzen, hätte mir doch besser gefallen. Irland ist doch auch schön grün und liegt am Meer.

Andererseits kann ich ihr Zimmer sehr gut gebrauchen. Und ich gehöre bestimmt nicht zu den Müttern, die weinend im leeren Kinderzimmer stehen, schluchzen und beteuern, dass sie selbst die Dreckwäsche vermissen. Immerhin ist Claudia nicht gerade unanstrengend, und oft genug ist bei aller Liebe ein gewisser räumlicher Abstand doch sehr förderlich fürs Verhältnis.

So oder so – sie ist jetzt volljährig und kann auch ohne meine Zustimmung machen, was sie will. Was sie mir im Übrigen seit ihrem 18. Geburtstag bis zu ihrer Abreise auch mindestens dreimal täglich mitgeteilt hat.

»Ohne meine Zustimmung vielleicht, aber nicht ohne mein Geld!«, habe ich irgendwann ziemlich grantig erwidert. Ich weiß, das ist eine ausgesprochen miese und spießige Bemerkung, geradezu ein Elternklassiker, aber sie musste raus.

»Papa bezahlt es mir! Der findet es nämlich toll!«, war ihre pampige Antwort. »Der ist da viel aufgeschlossener als du!«

Ich habe mir jeglichen Kommentar verkniffen. Zum Beispiel den, dass Christoph das Geld, das er ihr gibt, mir irgendwo abzieht und ich dann am Ende doch diejenige bin, die zahlt. Nur ohne die Lorbeeren dafür zu ernten. Ein wirklich ganz besonders guter Deal.

 

Christoph, mein Ex, und ich haben momentan ein etwas angespanntes Verhältnis. Es gefällt ihm nicht, dass Paul, der neue Mann in meinem Leben, in »seinem« Haus wohnt, in »seinem« Bett und vor allem mit »seiner« Frau schläft. So viel zum Aufgeschlossensein. Im Übrigen hat auch mir in den letzten Jahren vieles nicht gefallen. Aber dass Paul Miete an ihn zahlt, das wiederum gefällt ihm. Nein, nicht für mich – sondern fürs Wohnendürfen.

»Weshalb Miete? Er hält sich nur in meiner Haushälfte auf!«, habe ich zu Beginn halb scherzend, halb schnippisch behauptet, aber Christoph, der sonst diese Art Scherze durchaus zu nehmen weiß, war kein bisschen amüsiert.

»Man muss doch nicht gleich zusammenziehen!«, hat er vorwurfsvoll gesagt.

Ich finde, das geht ihn relativ wenig an. Um nicht zu sagen gar nichts. Ich war auch nicht begeistert von all seinen kleinen Techtelmechteln und von seiner Freundin Sarah Marie, die er mir schon kurz nach der Trennung präsentiert hatte. Dass sie ihn jetzt sitzengelassen hat, noch dazu für einen sehr muskulösen, leicht prolligen Mittdreißiger mit Sportwagen, dafür kann ich nun mal nichts. Aber ich habe mich insgeheim sehr darüber gefreut. Ich weiß, das ist kein schöner Charakterzug von mir – ja, ich bin ein latent schadenfreudiger Mensch. Seitdem jedenfalls schwächelt Christophs Super-Ego, und er würde am liebsten ganz schnell wieder zu mir zurückgekommen. Heim ins Nest. Eine Runde Wundenlecken. Aber so einfach geht es dann auch nicht. Ich kann nachtragend sein, und nur weil ihn seine Miezi verlassen hat, stehe ich ja nicht sofort wieder zur Verfügung. Zumal er zunächst ganz »vergessen« hatte, das überhaupt zu erwähnen. »Es passt nicht mehr zwischen uns!«, war alles, was er mir erzählt hat.

»Schön dumm!«, findet meine Mutter mein Verhalten. »Männer sind halt so, da darf man nicht so kleinlich sein. Was spielt so ein Ausrutscher auf der langen Strecke denn für eine Rolle? Der Christoph ist ein Guter. Und er ist dein Ehemann. Da muss man mal verzeihen können. Vergiss seine kleine Episode.« Meine Mutter! Ohne Worte!

Aber auch meinen Neuen findet sie nicht übel. Vor allem eins gefällt ihr: Er ist Arzt. Ansonsten ist er ihr etwas zu robust. So hat sie sich ausgedrückt: robust. Was sie eigentlich damit meint: nicht schick genug.

Paul ist kein Mann, der Wert auf Kleidung legt. Äußerlichkeiten hält er für überschätzt. »Das war mir früher mal wichtig, aber ich habe dazugelernt. Letztlich zählt der Inhalt! Alles andere ist nur Fassade«, ist sein Credo. Anzug trägt er nur, wenn es gar nicht anders geht.

»Der sieht gar nicht aus wie ein Mann mit Doktortitel!«, hat meine Mutter geseufzt. Ich weiß nicht, wie promovierte Männer auszusehen haben, kann mir aber vorstellen, was meiner Mutter so vorschwebt. Ich glaube, am liebsten wäre ihr, er würde rund um die Uhr ein blankpoliertes Stethoskop um den Hals tragen. Als Erkennungszeichen! Am allerliebsten über einem dunkelblauen Blazer. Zweireihig. Verziert mit Namensschild inklusive Titel. Fettgedruckt. Meine Mutter vergöttert Ärzte. »Wenn so einer abends heimkommt, der tagsüber schon ein paar Leben gerettet hat, ist das einfach aufregend. Das hat Sex-Appeal. Das ist doch gleich was völlig anderes als mit so einem Schalterbeamten.«

Etwas Ähnliches hat vor Jahren schon meine Freundin Sabine zu mir gesagt. Frauen sehen in Ärzten einfach die perfekte Mischung aus Handwerker und Akademiker. Dass mein Paul Fußspezialist für Kinder ist und schon deshalb eher selten Leben rettet, interessiert meine Mutter nicht. Arzt ist Arzt. Seit ich mit einem liiert bin, weiß ich, dass das aber definitiv nicht stimmt.

Die Welt der Medizin ist voller Dünkel. Nahezu jede Disziplin hält ihr Fachgebiet für das absolut wichtigste. Orthopäden gelten bei den Kollegen als grobschlächtig, »Was soll einer mit solchen Wurstfingern auch sonst machen? Neurochirurgie? Haha!«. Herzchirurgen halten sich für die Krone der Schöpfung, »Ohne Milz kann man leben. Aber ohne Herz …?!«, und Kinderärzte werden insgeheim belächelt: »Die verdienen nichts und haben nervige Eltern an der Backe!« Wer reich werden will, wird angeblich Radiologe oder plastischer Chirurg, und wer kaum Kontakt zu den Patienten haben will, wird Anästhesist, Pathologe oder noch besser Gerichtsmediziner. Paul ist dieses Gerede relativ schnuppe – oder wenigstens tut er so. Er mag seinen Beruf. Arbeitet gerne mit Kindern und findet Füße einfach unglaublich interessant.

»Ein Viertel aller menschlichen Knochen befinden sich im Fuß!«, hat er mir voller Stolz erzählt.

»Bist du Fußfetischist?«, habe ich ihn nach weiteren Fußgeschichten während unserer dritten Verabredung gefragt.

Er hat nur gegrinst und gesagt: »Wäre ich dann mit dir hier?«

Eine etwas kryptische Antwort. Was soll das heißen? Dass ich hässliche Füße habe? Ich habe nicht weiter nachgefragt. Meine Füße gehören nun wirklich nicht zu meinen offensichtlichen Problemzonen.

Ich habe mich schnell in Paul verliebt. Er macht es einem leicht. Er ist ein unbeschwerter Mann, ruht in sich und ist auf angenehme Art selbstsicher. Nicht selbstverliebt, nicht arrogant, eben selbstsicher. Paul ist ein Mann, der weiß, was er will, und ihm war früh klar, dass er mich will. Was er mir auch deutlich gezeigt hat. Das hat mir gefallen und meine Begeisterung für ihn geschürt. Es ist einfach schön, sich begehrt zu fühlen. Schmeichelhaft. Und es tut so unglaublich gut. Wenn ein Mann dann auch noch küsst, wie Paul küsst, dann kann man nicht mehr nein sagen.

Der Anfang unserer Beziehung war rauschartig. Ich war verknallt wie in den besten Teenagerzeiten. Nur dass der Sex besser war als damals. Frei von jeglichen Pubertätsunsicherheiten. Paul ist ein Mann, bei dem man sich keine Gedanken über seine Oberschenkel macht oder sich fragt, ob der Bauch tageslichttauglich ist. Es spielt irgendwie keine Rolle. Spielt es natürlich eigentlich fast nie, aber Paul schafft es, dass man darüber wirklich gar nicht nachdenkt.

Und mal ehrlich, ich hätte ausreichend Grund, über meine Schenkel nachzudenken. Über meinen Bauch inzwischen auch. Je älter ich werde, desto mehr scheint mein Bauch zu wachsen. Auch meine Oberarme wären ein paar Gedanken wert. Das große Ganze könnte insgesamt einige Nachbesserungen vertragen. Paul findet trotzdem alles an mir gut. »Es passt und ist schön!«, hat er zu meiner kleinen Mängelliste nur gesagt. Damit war dieses Thema für ihn erledigt. Eine kluge Entscheidung. Was bringt es, sich über seine körperlichen Defizite ständig zu beschweren? Nichts. Entweder man »arbeitet« an seinem Körper oder man lässt professionell schnippeln oder man akzeptiert das vorhandene Material. Die letzte Variante ist mit Sicherheit die preiswerteste, aber nicht unbedingt die einfachste. So ganz schaffe ich es noch immer nicht, mich so zu nehmen, wie ich bin, aber dank Paul fühle mich wohler mit mir selbst. Jetzt, mit Ende vierzig, fange ich tatsächlich an, mich mit meinem Körper anzufreunden. Zaghaft, aber immerhin. Ich würde sagen, richtige Freunde sind wir noch nicht, aber doch schon sehr gute Bekannte.

Seit Paul an meiner Seite ist, macht mir Christoph wieder verstärkt Avancen. Ganz klassisch. Kaum interessiert sich ein anderer Mann ernsthaft für mich, kommt er angekrochen. Das hätte mich noch bis vor kurzem sehr zum Zweifeln gebracht, aber jetzt bin ich mir sicher, dass es mehr mit Revierverhalten, mit Besitzdenken, als mit Liebe zu tun hat. Und das ist es doch, was alle wollen. Liebe. Ich auch. Deshalb hatte ich mich ja von dem Gedanken verabschiedet, um jeden Preis einen Mann an meiner Seite haben zu wollen. Auch wenn es zwar Momente gab, wie ich zugeben muss, in denen ich das kurz vergessen hatte – aber es waren eben nur Momente. Keinen Mann zu haben bedeutet Ruhe. Weniger Anspannung. Weniger Zweifel. Ohne Mann ist das Leben sehr viel berechenbarer. Aber eben langweiliger, und es fehlt halt die Liebe.

Rückblickend weiß ich, dass auch der Zeitpunkt eine große Rolle gespielt hat. Hätte sich Christoph früher besonnen und sich um mich bemüht, wäre ich sicherlich eingeknickt. Aber seine Annäherungsversuche just in dem Moment, als Paul aufgekreuzt ist und Sarah Marie die Biege gemacht hat, hatten einen schalen Beigeschmack.

Geht es ihm um mich – wirklich um mich – oder eher darum, dass kein anderer mich »bekommt«, ist die entscheidende Frage. Und jetzt, wo Christoph wieder solo ist, hat er genug Zeit, sich in mein Leben einzumischen.

»Dein Leben ist auch mein Leben, wir sind schließlich verheiratet!«, hat er mir noch vor ein paar Tagen erklärt. Wie schnell sich Rollen verändern. Noch bis vor kurzem war ich diejenige, die genau darauf beharrt hat. Die an unsere, auf dem Papier noch existierende Ehe erinnert hat. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, empfinde ich jetzt so etwas wie Mitleid für Christoph. Verlieren ist nicht schön, ich weiß das. Derjenige zu sein, der allein dasteht und zuschauen muss, wie der Expartner glücklich scheint, auch nicht. Aber ich weiß auch, dass Mitleid keine Basis ist.

 

Auch Paul war mal verheiratet. Seine Ex Beate, genannt Bea, lebte mit der gemeinsamen Tochter zu Pauls großem Bedauern auf Mallorca.

Leider muss ich sagen lebte. Die beiden sind zurück in der Heimat, und das ist auch der Grund dafür, dass Paul relativ schnell bei mir eingezogen ist. Eigentlich ein bisschen zu schnell. Eher eine Art Notlösung. Seine Exfrau Bea hatte bei der Rückkehr nämlich weder Wohnung noch Geld. Also hat Paul, schon allein aus Sorge um seine Tochter Alexa, sofort seine hübsche Drei-Zimmer-Wohnung angeboten. Ich war etwas bestürzt, habe aber versucht, mir möglichst nichts anmerken zu lassen.

»Wollt ihr also wieder zusammen wohnen, als kleine Familie?«, habe ich so gefasst wie möglich gefragt.

Paul hat nur den Kopf geschüttelt. »Dafür ist zu viel passiert«, hat er mir erklärt. »Das kann ich nicht, auch wenn es für Alexa sicherlich gut wäre.«

Paul ist vernarrt in seine Tochter. Sie ist, wie mein Vater es ausdrücken würde, sein Augapfel. Sein Ein und Alles. Seine kleine Prinzessin.

»Wenn du sie erst triffst, wirst du mich verstehen. Sie ist unglaublich!«, hat er mir schon kurz nach unserem Kennenlernen gesagt.

Übermorgen ist es nun so weit. Da werde ich den Wunder-Teenager endlich sehen. Alexa will wissen, wie ihr Papa wohnt. Wie er jetzt lebt. Vor allem, mit wem er jetzt lebt. Sie kommt uns besuchen.

»Ganz zwanglos, zum Abendessen. Sie ist ganz verrückt drauf, dich kennenzulernen. Ich habe ihr schon so viel von dir erzählt. Auch von Mark. Das wird sicher ein schöner Abend.«

Ich muss zugeben, ich bin nervös. Die Situation hat etwas von einem Vorstellungsgespräch.

»Hoffentlich mag sie mich!«, sage ich zu Paul.

»Wer könnte dich nicht mögen!«, antwortet er nur und lacht. »Andrea, sie ist ein Kind, ein liebes Kind. Ein ganz besonderes Kind. Ihr werdet euch phantastisch verstehen. Meine zwei Lieblingsfrauen!«

Mir fallen eine Menge Leute ein, die mich nicht mögen könnten. Oder auch nicht mögen. Aber ich will Pauls Euphorie und Optimismus nicht zerstören. Ich werde mir alle Mühe geben. Ich habe schließlich Kinder und bin den Umgang mit ihnen gewöhnt. Was nicht heißt, dass ich weiß, wie es geht. (Diesen Satz würden meine Kinder mit Sicherheit unterschreiben.)

Alexa ist 14 Jahre alt und auf den Fotos, die Paul mir gezeigt hat, ausgesprochen hübsch. Langes dunkles Haar, Schmollmund. »Das hat sie von ihrer Mutter, sie sieht genau aus wie Bea.«

Auch das noch. Mit anderen Worten: Auch die Ex sieht bombe aus. Man sagt doch immer, Töchter ähneln ihren Vätern. Ausgerechnet bei Paul muss es anders sein. Alexa sieht laut Papa nicht nur unglaublich gut aus, sondern ist selbstverständlich auch noch sehr schlau.

»Sie spricht Deutsch, Englisch, Spanisch und Mallorquín – fließend!«, informiert mich Paul.

»Dann kann sie ja direkt als Dolmetscherin anfangen und sich den weiteren Schulbesuch sparen«, scherze ich.

Paul lacht nicht. »Das sollte keine Angeberei sein«, bekomme ich einen kleinen versteckten Tadel. »Wenn man auf Mallorca lebt, lernt man eben alle diese Sprachen.«

»Schön für sie«, schlage ich einen versöhnlichen Ton, frei von jeglicher Ironie, an. Weil sie ein Sprachenwunder ist, geht Alexa, seit sie wieder in Deutschland lebt, auf die Internationale Schule. Sie könne sonst ihr Potential gar nicht ausschöpfen, haben Mutter und Tochter argumentiert. Paul hatte ein Einsehen und zahlt, denn seine Ex hat leider einen klitzekleinen finanziellen Engpass.

»In die Bildung muss man investieren!«, versucht er, sich die knapp eintausendfünfhundert Euro im Monat schönzureden. Für mich wäre es undenkbar, eine solche Summe jeden Monat für Schule auszugeben – egal, wie viel Bildung man dafür bekommt. Das verdiene ich nicht mal.

Auch für Paul ist es viel Geld. »Aber was soll’s. Ich verdiene gut und bin selbst nicht so anspruchsvoll.«

Dazu kommen die Kosten für ein Auto. Denn Bea fährt Alexa täglich zur Schule, weil der öffentliche Nahverkehr sich nicht an Alexas Stundenplan hält, und weder Papa noch Mama wollen, dass ihre Tochter eine Stunde mit Umsteigen unterwegs ist. Das Auto, mit dem Bea fährt, ist Pauls Wagen.

»Ich komme auch eine Weile ohne Auto zurecht! Ich fahre halt Fahrrad oder S-Bahn. Mir macht das nichts. Wenn Bea wieder arbeitet, kauft sie sich ein Auto«, erklärt Paul mir.

Tja, so warte ich halt abends länger auf ihn oder hole ihn, wenn es meine Zeit erlaubt, vom Krankenhaus ab. Hauptsache Bea und Alexa müssen keinen Schritt zu viel machen. Insgeheim stinkt mir das, aber ich versuche, meinen Groll runterzuschlucken.

Dabei war Bea, seine Ex, sehr reich liiert. Sie hat Paul wegen eines Finanzmaklers verlassen. Ich habe bis heute keine genaue Idee davon, was so jemand eigentlich macht, aber es hat für meinen Geschmack irgendwie etwas Windiges. Jedenfalls ist Bea dann mit dem Finanzmakler Richtung Mallorca abgezogen und hat Alexa mitgenommen.

Paul war unglaublich traurig, aber das hat Bea eher weniger interessiert. »Ich hätte es rechtlich verhindern können, aber ich wollte den ganz großen Streit vermeiden, und ich hätte ja auch nicht die Zeit gehabt, mich allein um Alexa zu kümmern«, hat Paul mir erklärt.

Also ist Alexa mit Mama Bea nach Mallorca ausgewandert. Und da würden die beiden heute noch leben, wenn der Finanzmakler nicht insolvent geworden wäre. Er musste die Villa verkaufen und hat sich dann auch vom letzten Ballast und Kostenfaktor namens Bea samt Anhang getrennt. Da war dann plötzlich niemand mehr, der Beas Lebensstil bezahlen konnte und vor allem wollte.

»Hat sie denn nichts gearbeitet?«, habe ich, vermutlich relativ naiv, bei Paul nachgefragt.

»Doch, sie hat so Einrichtungssachen gemacht. Deko bei Bekannten. Fincas und Villen neu gestylt. Dafür hat sie echt ein Händchen.«

»Ist sie Innenarchitektin?«, wollte ich wissen.

»Nein, sie hat mal ein paar Semester Kunstgeschichte studiert und einfach einen unglaublich guten Geschmack. Sie hat für andere eingekauft und Ideen entwickelt.«

Ich musste mich schwer zusammenreißen, um keine kleinen gehässigen Bemerkung zu machen. Eine Dekotante also. Alternativ hätte sie auch Schmuckdesignerin sein können. Das sind typische Berufe, die Frauen ausüben, die gut verheiratet sind und ein kleines Hobby brauchen. So eine Beschäftigung muss man sich erst mal leisten können. Erstaunlich, dass die so begnadete Wohndesignerin jetzt nichts mehr zu tun hat. Und sich nicht mal eine kleine Wohnung leisten kann. Aber all das habe ich natürlich nicht gesagt. Man soll nie schlecht über die Ex sprechen. Auch wenn es schwerfällt – lieber die Klappe halten. Bei dem Thema kann man nur verlieren.

»Warum ist sie denn nicht auf Mallorca geblieben? Villen gibt’s da doch genug!«, habe ich so freundlich wie möglich gefragt.

»Weil ihr John weg musste, da hat Bea auch nichts mehr gehalten. Für sie ist die Insel mit ihm verbunden!«, hat mir mein Paul geantwortet.

Die Insel ist mit John verbunden. Aha. So klein ist Mallorca ja nun auch nicht. Ehrlich gesagt, denke ich, sie brauchte einen neuen Financier. Aber auch das habe ich selbstverständlich nicht laut gesagt. Paul ist klug und wird hoffentlich selbst drauf kommen. Allerdings gibt es ja erstaunlicherweise Männer, die unglaubliche Fertigkeiten haben, zum Beispiel Atomkraftwerke bauen können, und trotzdem bei emotionalen Themen auf dem Schlauch stehen. Wahrscheinlich eine Art von Selbstschutz.

»So oder so, Andrea, ich bin unglaublich glücklich, meine kleine Alexa wieder in meiner Nähe zu wissen. Wir haben viel nachzuholen«, beendet Paul das Thema. Ich habe verstanden und halte den Mund.

 

Meinen Sohn Mark interessiert das Thema Alexa herzlich wenig. »Sie wird sein wie alle Tussis in dem Alter, nervig halt!«, ist sein Kommentar.

»Sie ist kaum jünger als du!«, weise ich ihn zurecht.

Er lacht nur und sagt: »Ach Mutter!« Und zwar in einem Ton, in dem man mit verhaltensauffälligen, debilen oder renitenten Alten spricht.

Mark ist inzwischen fast 17 und hält sich für unglaublich cool, und so gebärdet er sich auch: Mutter hat keine Ahnung, Vater – netterweise – auch nicht. Mark verbringt seine Zeit hauptsächlich in seinem Zimmer, genauer gesagt im Bett oder vor dem Computer. Ansonsten isst er mir die Haare vom Kopf und wirft seine Dreckwäsche in den Keller. Meine Beschreibung hört sich vielleicht nicht besonders liebevoll an, entspricht aber der Wahrheit. Familienleben interessiert ihn offensichtlich nicht die Bohne. Der Einzige, den er akzeptiert, ist Rudi. »Der ist cool!«, ist Marks Überzeugung. Dass Rudi wegen Paul ausgezogen ist, bedauert er. Paul ist ihm mehr oder weniger egal.

Natürlich habe ich mit ihm gesprochen, bevor Paul zu uns gezogen ist. »Würde dir das was ausmachen?«, habe ich nachgefragt.

»Solange der nicht meint, mich erziehen zu wollen, ist mir das egal! Er ist nicht mein Vater!«, hat mein Sohn geantwortet. »Ach ja, und ich will nicht hören, wie ihr Sex habt oder so!«, hat er noch leicht verschämt hinzugefügt.

Was ›oder so‹ ist, weiß ich nicht, kann ihn aber gut verstehen. Eltern und Sex sind auch für mich Worte, die nicht zusammengehen, obwohl sie sich zumeist bedingen.

Dabei würde Mark nicht mal hören, wenn es ein ganzer Swingerclub im Nebenraum lautstark treiben würde. Er trägt eigentlich permanent Kopfhörer. Selbst im Bett.

»Solltest du je ’ne Freundin haben, müsstest du die vielleicht mal abnehmen«, habe ich neulich abends zu ihm gesagt.

Sein Kommentar: »Mutter!« Es ist unglaublich, was er mit diesem einen Wort alles sagen kann. Nur durch die Tonlage und den genervten Unterton. »Mutter!«, heißt übersetzt alles von »Geh mir nicht auf den Wecker« über »Lass mich in Ruhe« bis »Halt dich da raus« und »Was weißt du schon!« Und meistens bedeutet es alles in einem. Davon abgesehen gehört mein Sohn zu einer Generation, die nicht mehr viel spricht. Und dazu ist er noch männlich. Eine fatale Kombination. Wahrscheinlich würde er mir als Antwort am liebsten eine WhatsApp-Nachricht schicken. Er telefoniert auch so gut wie nie. Telefonieren ist out. »Dauert zu lange!«, findet mein Sohn.

Ich telefoniere immer noch gerne. Bei mir geht es schneller anzurufen, als eine Nachricht zu tippen. Ich vertippe mich oft und beschränke mich inzwischen darauf, nur ganz kurze Mitteilungen zu senden. (Vor allem nachdem ich, wegen dieser automatischen Wortergänzung, neulich statt »Wie ticken die denn!« »Wie ficken die denn!« an meinen Chef geschickt habe).

»Telefonieren ist weniger effizient!«, findet inzwischen auch mein Ex.

Effizient? Mag sein, aber wenn es in meinem Leben nur nach Effizienz gehen würde, dann wäre das doch reichlich armselig. Außerdem ist Telefonieren klarer. Man hört die Stimme des anderen und kann erkennen, in welcher Stimmung er gerade ist. Aber man kann das Telefon auch mal klingeln lassen und einfach nicht erreichbar sein. Theoretisch jedenfalls. Eine Nachricht ploppt auf und ist da, nicht bereit, ignoriert zu werden. Ich weiß, das klingt irgendwie altmodisch, aber ich weigere mich, mein Leben nur der Effizienz unterzuordnen. Als ich das meinem Sohn erklärt habe, hat er noch nicht mal »Mutter« gestöhnt, sondern nur verdutzt geguckt.

Wie auch immer, das Thema Alexa interessiert ihn wenig.

»Was meinst du, was ich zum Abendessen machen soll?«, erfrage ich dennoch seinen Rat. »Lasagne!«, antwortet er prompt. Zufälligerweise ist Lasagne sein Lieblingsessen.

»Wie uneigennützig!«, antworte ich etwas spitz.

»Jeder mag Lasagne, nicht nur ich. Ich habe, was Essen angeht, einen gewöhnlichen Durchschnittsgeschmack«, reagiert er gelassen.

Da hat er sogar recht. Jeder mag Lasagne. Bis auf Vegetarier natürlich. Ich habe meinen Ex mit Lasagne bezirzt. Vor vielen, vielen Jahren. Aber damals waren wir so heiß aufeinander, ich hätte ihm auch kalte Hafergrütze auftischen können, er wäre hin und weg gewesen. Das Essen war nur das konventionelle Vorspiel, um nicht direkt übereinander herzufallen.

Wo ist diese Begierde nur geblieben? Ist Begierde dem ganz normalen Verschleiß unterworfen? Ist das der sogenannte Lauf der Dinge? Unvermeidbar? Wie schaffen das andere Paare? Akzeptieren sie den Verlust von Leidenschaft als etwas Unabänderliches? Ist Leidenschaft in langen Beziehungen irgendwann nur noch eine wunderbare, weitentfernte Erinnerung, von der man versonnen zehrt? Wir hatten es schön damals. Hätte ich gewusst, wie schön ich es einmal rückblickend empfinden würde, hätte ich es sicherlich mehr genossen. Schade. Das ist mit Beziehungen nicht anders als mit dem eigenen Körper. Immerzu hadert man, und in der Rückschau wird man ganz wehmütig und sehnt sich nach Oberschenkeln, die man damals verflucht hat.

»Ist deine Tochter Vegetarierin?«, erkundige ich mich bei Paul.

»Wäre ihr Lieblingsrestaurant dann dieses sauteure Steakhouse?«, lacht er. Stimmt, Paul und sie gehen häufiger mal Steaks essen.

»Meinst du, sie mag Lasagne?«, will ich es noch mal genau wissen.

»Jeder mag Lasagne. Aber ein Brot tut es auch. Mach dich doch nicht so verrückt, Andrea, das ist ein normales Abendessen mit meiner Tochter. Es geht doch nicht ums Essen!«

Der hat gut lachen. Ich will, dass sie mich mag. Nett findet. Wenigstens sympathisch.

Ich werde Lasagne machen. Selbstverständlich mit Bio-Hack. Dazu Salat.

Immerhin der Essensplan steht. Jetzt geht es darum, den Rest zu planen.

Als Erstes ermahne ich meinen Sohn: »Sei ja nett!«

»Ich bin immer nett!«, antwortet er. Er sieht meinen skeptischen Blick und ergänzt: »Wenn die nett ist, bin ich auch nett. Keine Sorge, ich spucke sie nicht an oder so. Wir müssen ja nicht beste Freunde werden! Entspann dich mal!«

Das tue ich dann auch. Immerhin habe ich noch zwei Tage Zeit, um mich aufzuregen, und ansonsten ja auch noch das ein oder andere zu tun.

 

Heute Abend werde ich endlich mal wieder mit meiner Tochter skypen. Die Australier sind uns acht Stunden voraus. Wenn ich gegen Mitternacht anrufe, ist es bei Claudia schon früh am Morgen des nächsten Tages. Nicht ihre Lieblingsskypezeit, überhaupt nicht ihre Zeit, aber die einzige Zeit, in der ich sie sicher erreichen kann. Inzwischen skypen wir etwa einmal die Woche. Am Anfang habe ich mich fast täglich bei ihr gemeldet.

»Da hätte ich ja gleich zu Hause wohnen bleiben können!«, hat meine Tochter gestöhnt. »Ich muss mich doch mal abnabeln, ich bin jetzt erwachsen.«

Seitdem versuche ich, mich zu bremsen. Ich will keine Glucke sein.

Claudia ist über eine Organisation nach Australien gegangen. Flug, Job und Unterkunft waren geregelt. Sie wollte, zu meiner großen Überraschung, auf einer Farm arbeiten.

Hier hatte sie bisher wenig Interesse an Gartenarbeit gezeigt. Und das ist noch freundlich ausgedrückt. Das Einzige, was sie in unserem Garten gemacht hat, war, auf der Liege liegen.

»Das ist doch was ganz anderes! Diese weite Natur kannst du doch nicht mit unserem Reihenhausgärtchen vergleichen. Da geht es doch nicht um Rasen mähen, Unkraut zupfen und Laub rechen.«

Ich habe mir wie so oft einen Kommentar verkniffen. Acht Stunden lang auf dem Feld zu arbeiten, und das bei sengender Sonne, ist mit Sicherheit wesentlich weniger romantisch, als sich das meine latent verwöhnte Tochter da noch vorgestellt hat. Und auch in Australien gibt es sicherlich ausreichend Unkraut.

Sie hat mir Bilder aus dem Internet gezeigt. Lachende, braungebrannte junge Menschen mit stylischen karierten Tüchern um den Kopf auf blühenden Feldern.

»Abends sitzt man dann am Lagerfeuer und schaut dem Sonnenuntergang zu!«

Ich habe nur genickt und mir meinen Teil gedacht. Schon beim Betrachten der Bilder hat mir der Rücken weh getan.

Ihr erster Job war es, Mangos zu ernten. »Das wird sicher toll, ich liebe Mangos, und wir können so viele essen, wie wir wollen! Umsonst!«

Ich musste erst mal googeln, wie Mangos eigentlich wachsen. An Bäumen habe ich erfahren. Wenn man sie erntet, kommt aus dem Stiel, den man abreißt, eine milchige Flüssigkeit. Leider reagieren manche Menschen auf diesen sogenannten Milchsaft allergisch.

Das Foto, das mir meine Tochter dann geschickt hat, war furchterregend. »Meine Liebe zu Mangos ist komplett abgekühlt. Die Arbeit ist sauanstrengend, mein Gesicht ist zugeschwollen, und die Leute sind doof. Davon mal abgesehen, liegt diese Mangofarm am Arsch der Welt. Hier kann man nix machen. Aber man kann sich abends eh nicht mehr rühren.«

Tja, das Mangofarmen selten neben internationalen schicken Metropolen, Einkaufszentren oder am Strand liegen, hätte ich ihr sagen können. Nach den Lagerfeuern und den Sonnenuntergängen mit karierten Kopftüchern zu fragen habe ich mir verkniffen.

Sie hat es dann später noch mit Zucchini versucht. Ähnlich erfolgreich – wenn auch ohne Allergie, dafür aber mit zahlreichen Kratzern.

»Ich konnte Zucchini noch nie leiden!«, war ihr Kommentar.

»Man gewöhnt sich an harte körperliche Arbeit!«, habe ich es mit Anspornparolen versucht.

»Woher willst du das eigentlich wissen?«, hat sie mich mit ihrer Frage ausgebremst. Mit ihrer ziemlich frechen Frage.

Jedenfalls hat sie daraufhin entschieden, sich bei ihrem Work-and-Travel-Programm erst mal aufs Traveln zu konzentrieren. »Hier kann man billig leben, dreißig Euro am Tag reichen völlig. Ich zahle das dann irgendwann zurück. Mit dem Arbeiten ist es irgendwie blöd.«

Ja, mit dem Arbeiten ist es oft irgendwie blöd. Ich weiß das nur zu gut. Bei Claudia kam die Erkenntnis allerdings verdammt schnell. 30 mal 30 und dazu die Krankenversicherung sind knapp 1000 Euro im Monat. Netto.

»Wie stellst du dir das vor?«, habe ich leicht irritiert nachgehakt.

»Ich habe doch eine Zweitkreditkarte von Papa für Notfälle. Also, kein Problem!«

Und bevor ich widersprechen konnte, hatte sie das Gespräch schon beendet.

Mein erster Gedanke war, sofort mit Christoph zu reden. Zu meinem Glück ging es um seine Karte.

Seitdem sind jedoch ein paar Monate vergangen, und Claudia lebt tatsächlich relativ sparsam. Außerdem hat sie einen Kellnerjob in Aussicht.

»Man will sich ja auch mal was kaufen können und nicht immer nur rumsparen müssen!«, hat sie mir beim letzten Gespräch vorgejammert. »Ich trage immerzu dieselben Bikinis!«

Es gibt wirklich viel Elend auf der Welt. Das arme Ding! Dass sie noch keine Petition abgefasst hat, wundert mich. Obwohl ihr Gejammer wahrscheinlich so etwas in der Art sein sollte. Abgesehen davon, scheint sich meine Tochter relativ gut zu amüsieren. Dank Facebook sehe ich ständig nette Partybilder und »immerzu dieselben Bikinis« an immer gleichen, wunderschönen Stränden. Wahrscheinlich ist sie in Badebekleidung auf der Suche nach der Kultur, die sie ja unbedingt entdecken will.

Aber bei aller Ironie: Ich gönne ihr den Spaß. Wenn nicht jetzt, wann dann? Sobald man in der Mühle – Beruf, Kinder, Familie, Altersvorsorge und Co – steckt, macht man solche Trips meistens nicht mehr. Reisen dieser Art gelten als unvernünftig. Lieber spart man dann doch auf den Kombi oder die Anzahlung fürs Reiheneckhaus und fährt für zehn Tage allinclusive nach Mallorca.

Dabei hätte ich mich mit den Mangos garantiert geschickter angestellt. Aber wen interessiert das schon. Manchmal, wenn ich die Facebook-Bilder meiner Tochter anschaue, bin ich fast neidisch. Nicht auf ihre Jugend, sondern auf die Möglichkeiten, die sich ihr in der Jugend bieten. Wie schön muss es sein, so sorglos leben zu können. Zu wissen, da liegt noch eine ganze Zukunft vor mir. Zu denken, man habe die Wahl.

Manchmal möchte ich all diese Jugendlichen oder jungen Erwachsenen am liebsten anschreien: »Nutzt diese Zeit. Bald ist sie vorbei. Ihr werdet nie wieder so frei sein, bis ihr in Rente geht!« Aber wahrscheinlich liegt das Geheimnis ihrer Sorglosigkeit und Freiheit genau darin, dass sie darüber gar nicht nachdenken. Sondern einfach vor sich hin leben. Munter und gut gelaunt – jedenfalls meistens.

Ich vermisse meine Tochter. Wenn man mit jemandem achtzehn Jahre lang zusammenlebt, liebt und streitet, ist es komisch, wenn dieser Mensch auf einmal nicht mehr ständig präsent ist. Natürlich gab es in den letzten Jahren einige Auseinandersetzungen. Aber Erwachsenwerden ist eben schwer. Und dabei zusehen auch. Vielleicht sogar noch schwerer. Trotz allen Streitereien habe ich es gern, wenn Claudia in meiner Nähe ist. Manchmal, wenn sie nachts im Bett lag und schlief, habe ich mich vorsichtig über sie gebeugt und ihren Duft eingeatmet. Manchmal hätte ich mich am liebsten zu ihr gelegt. Ich hoffe inständig, dass sie sich im Land der Kängurus nicht verliebt und für immer dort bleiben will. Bei allen Loslass-Sprüchen, die ich gerne von mir gebe, würde es mir doch sehr schwerfallen, immer so weit entfernt von meinem Kind zu leben. Immer mehr verstehe ich meine Mutter, die gerne sagt: »Dein Kind bleibt immer dein Kind. Egal, wie alt es ist.«

 

Bei meiner Mutter und mir kippt momentan allerdings die Rollenverteilung. Immer häufiger habe ich das Gefühl, ich bin die Verantwortliche. Seit meine Mutter einen Schlaganfall hatte, ist nichts mehr wie vorher, auch wenn sie auf den ersten Blick noch ganz die Alte zu sein scheint. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man die kleinen Dinge, die sich verändert haben. Ihr Aussehen ist ihr nicht mehr so wichtig. Sie wird nachlässiger mit sich.

Meine Schwester Birgit hält das für normal. »Im Alter ist man eben weniger eitel, nur weil sie nicht mehr dauernd zum Friseur rennt, heißt das doch nicht, dass sie dement ist. War doch eh übertrieben dieses Friseurgerenne!«

Meine Mutter ist, seit ich mich erinnern kann, einmal die Woche beim Friseur gewesen. Zum Waschen und Legen. Ganz traditionell. Jetzt trägt sie meist einen Zopf, und manchmal, wenn ich sie sehe, muss ich sie sogar ermahnen, sich mal die Haare zu waschen. Als dement habe ich meine Mutter allerdings nie bezeichnet. Nur als verändert. Meine Schwester übertreibt gerne.

»Den beiden geht es gut, Papa kümmert sich, Mama altert eben nur schneller«, lautete ihre Diagnose.

Ich sehe das anders. Der Schlaganfall und die folgende Reha haben meine Mutter ängstlicher gemacht. Ab und an wirkt sie geradezu tüdelig. Eine Eigenschaft, die zu meiner resoluten Mutter so gar nicht passt. Inzwischen ist mein Vater derjenige, der im Haushalt das Sagen hat. Noch vor zwei Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Die Haushaltshoheit lag immer in den Händen meiner Mutter. Sie hat eingekauft und damit entschieden, was bei meinen Eltern auf den Tisch kam. Heute scheint ihr das fast egal. Sie wirkt irgendwie abwesend. So, als ginge sie ihr eigenes Leben nicht besonders viel an. Mein Vater und mein Bruder tun so, als würden sie das nicht bemerken.

»Sie muss sich noch von dem kleinen Schlägchen erholen«, meint mein Vater.

Ähnlich sieht es mein Bruder. »Klappt doch alles gut bei den beiden. Sie sind halt alt. Da ist alles langsamer. Aber sie kommen zurecht.«

Erstaunlicherweise habe ich das Gefühl, dass mein Vater förmlich aufblüht. »Wir kommen sogar prima zurecht!«, weist er meine Sorgen zurück. Insgeheim scheint er es zu genießen, mal das Sagen zu haben.

Mindestens einmal in der Woche besuche ich die beiden und versuche, sie zu Aktivitäten jeglicher Art zu ermuntern. Sie haben das Golfspiel aufgegeben und sitzen zu Hause rum. Gegen 17 Uhr werden die Rollläden runtergelassen, und die zwei setzen sich vor den Fernseher. Vorabendkrimi im ZDF und dazu um 19 Uhr ein Brot mit Schinken oder Bierwurst. Gegen Viertel vor zehn geht meine Mutter spätestens ins Bett.

»Ihr werdet an Langeweile sterben!«, habe ich neulich bei einem Besuch gesagt.

»Ist nicht der schlechteste Tod!«, hat mein Vater geantwortet, und meine Mutter hat das Ganze gar nicht kommentiert. Sehr untypisch für sie. Meine Mutter hat immer zu allem und jedem eine Meinung gehabt. Ich habe oft genug in meinem Leben gehofft, dass sie sich einen Kommentar verkneift, und jetzt wünsche ich mir geradezu eine bissige Bemerkung von ihr. Nur selten lodert ihr inneres Feuer auf und bringt ihr altes Ich zum Vorschein. Dann hält sie mir kleine Vorträge zum Thema Kindererziehung, Männer und Ähnlichem. Fragt mich, wann ich endlich die Beziehung zu Paul legalisiere. Dass ich noch verheiratet bin und Bigamie in Deutschland verboten ist, scheint sie vergessen zu haben.

Ich habe meinen Vater gebeten, sich beide mal gründlich durchchecken zu lassen. Das hält mein Vater schlichtweg für Quatsch. »Man geht zum Arzt, wenn etwas weh tut, ansonsten weckt man nur schlafende Hunde. Außerdem wird deine Mutter regelmäßig untersucht. Im Rahmen der Schlaganfallnachsorge. Und ich nehme Vitamin C.« Damit war das Thema für ihn beendet.

Birgit, meine Schwester, findet mich übergriffig. »Die sind wirklich alt genug, und wenn sie ihr Leben so mögen, dann lass sie gefälligst in Ruhe. Nicht jeder mag es so chaotisch wie bei dir. Die beiden haben sich ein paar Jahre Ruhe verdient.«

Das kann meine Schwester. Mir immer, egal, bei welchem Thema, noch schnell einen mitgeben. Patsch. Verbale Ohrfeigen sind ihre Spezialität. Ihr Lieblingsausdruck mir gegenüber heißt: »Siehste!« Ich habe richtiggehend eine Siehste-Allergie entwickelt. Trotzdem kommen wir klar. Familie ist eben speziell. Wäre sie nicht meine Schwester, wäre sie mit Sicherheit nicht meine Freundin. Wirklich sympathisch ist sie mir nicht. Aber sie ist halt meine Schwester, und ich habe sie lieb. Und sie ist meine große Schwester und schon deshalb, quasi durch ihr Geburtsjahr legitimiert, die Chefin. Uns verbinden eine gemeinsame Kindheit und derselbe Genpool. Gemeinsame Erinnerungen. Wir haben viel Lebenszeit zusammen verbracht. Im Großen und Ganzen funktioniert unser Geschwisterverhältnis deshalb, weil wir uns in Ruhe lassen. Wie sehen uns regelmäßig bei unseren Eltern, ansonsten zu den jeweiligen Geburtstagen und am ersten Weihnachtsfeiertag, würden aber nie auf die Idee kommen, abends mal gemeinsam auszugehen.

Was Männer angeht, haben wir einen sehr unterschiedlichen Geschmack. Ihr Mann kann mir innerhalb kürzester Zeit den letzten Nerv rauben. Kurt ist ein elender Besserwisser, und diese Eigenschaft wird mit dem Alter leider eher schlimmer. Er findet mich unorganisiert (nicht ganz zu Unrecht) und zu lasch mit den Kindern. Seine beiden Kinder, meine Nichte und mein Neffe, haben einen Lebensentwurf, der fast bis zum Ruhestand durchgeplant ist. Die beiden sind absolute Vorzeigekinder. Geradezu beängstigend. Insgeheim bin ich manchmal neidisch, versuche, mir aber nichts anmerken zu lassen, und gehe, wenn irgend möglich, nicht auf Vergleiche ein. Wohl wissend, dass ich nur verlieren kann. Desdemonia, Desi genannt, die Ältere, hat ein Stipendium (ein Wort das in meinem Haushalt sicherlich nie fallen wird!) in Oxford für Politikwissenschaften, und Siegfried will nach dem Jurastudium direkt promovieren. Es ist mir ein klitzekleines Rätsel, wo all diese Klugheit herkommt. Die beiden sind nicht mal hässlich und sogar ganz nett.

Seit meiner Trennung hat sich die Lage zwischen meiner Schwester und mir verschärft. Trennung ist für sie und ihren Mann per se falsch. »In guten wie in schlechten Zeiten!«, heißt ihr Mantra. Manchmal denke ich, Birgit ist in dieser Hinsicht vielleicht ein bisschen neidisch auf mich. Dass ich etwas gewagt habe, was sie sich niemals trauen, aber insgeheim sehr gern tun würde. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man an der Seite von Kurt glücklich sein kann. Im Übrigen ist Kurt zu Paul interessanterweise einigermaßen freundlich, bestimmt weil der akademische Titel ihm Respekt einflößt.

Eigentlich geht es mit meiner Schwester immer nur darum, wer das schlauere Kind, die schlankere Figur, das größere Haus und das fettere Konto hat. Ein Wettbewerb, der nie endet und eigentlich unglaublich dämlich ist. Vor allem, wenn man in fast allen Belangen sowieso immer nur Zweite ist.

Mit meinem Bruder Stefan komme ich besser klar. Vielleicht weil wir nie Konkurrenten waren. Und er hält sich fein raus und lebt weit weg. Er hat keine Kinder, ist Single und nach eigenem Bekunden sehr zufrieden mit sich und seinem Leben.

Wenn er denn mal auftaucht, sind alle überglücklich. Als würde der verlorene Sohn endlich heim ins Nest kommen. Das ist jedes Mal ein Wahnsinnsereignis. Vor allem für meine Mutter. Da wird das Lieblingsessen fürs Lieblingskind, das kleine Nesthäkchen, gekocht, und alle sitzen ergriffen da und lauschen seinen Erzählungen. Ich weiß, das klingt nach Eifersucht. Aber genau das ist es auch. Vor allem aber ist es unfair. Das Genörgel und den Ballast des Alltags bekommen die ab, die sich ständig kümmern. Mein Bruder, der alle paar Monate mal locker vorbeischaut, wird allein fürs Erscheinen gefeiert.

Paul findet meine Geschwister ganz okay. Aber Paul ist einfach ein sehr freundlicher Mensch. Er mag fast jeden. Versucht es zumindest.

»Es gibt Dinge, die sind nicht zu ändern – also mach das Beste draus!«, animiert er mich zu einer versöhnlichen Haltung. »Immerhin sind Geschwisterbeziehungen die dauerhaftesten Beziehungen, die man unfreiwillig eingeht!«

Paul ist ein kluger Mann.

Aber zurück zu meiner Mutter. Ich sorge mich, und niemand will es hören. Ich habe sogar Paul schon auf meine Mama angesetzt.

Er war unsicher. »Ich kenne sie zu kurz, um Veränderungen sehen und beurteilen zu können. Ich kann sie ja auch schlecht in ihrem Wohnzimmer gegen ihren Willen untersuchen. Aber sie geht doch regelmäßig zum Arzt. Und ehrlich gesagt, Andrea, es ist nicht direkt mein Fachgebiet. Hätte sie einen Hallux oder so, wäre das was anderes. Aber hier geht es eher um etwas Neurologisches.«

Das hat mir auch nicht wirklich weitergeholfen. Ich weiß, dass ältere Menschen nach einem gesundheitlichen Schlag oft verunsichert sind und sich verändern, weil sie Angst haben. Aber ist es bei meiner Mutter wirklich nur Angst? Sind es nur die Auswirkungen des Schlaganfalls? Ich versuche, durch tägliche Telefonate mit meinen Eltern nah dranzubleiben, und schaue auch regelmäßig bei ihnen vorbei. Aber ob das reicht?

Inzwischen arbeite ich nur noch drei halbe Tage pro Woche. Allerdings nicht freiwillig. »Wir müssen die Personalkosten eindämmen! Die wirtschaftliche Lage verlangt es!«, hat mein Chef verkündet.

Finanziell gesehen, grenzt das an eine Katastrophe, aber noch kommt Christoph für Haus und Kinder auf. Wie lange das noch so sein wird, darüber denke ich momentan nicht mal nach. Verdrängen konnte ich schon immer gut. Meine Freundinnen finden, ich hätte mir das von meinem Chef nicht gefallen lassen sollen. »Das hast du nicht nötig!«, hat Sabine, meine langjährige Freundin, empört gesagt.

Das klingt gut, ist aber inhaltlich leider falsch. Ich habe es nötig. Verdammt nötig sogar. Ich brauche diese Stelle und vor allem das Geld. Knapp 1000 Euro brutto verdiene ich damit im Monat. Da ich keine Miete zahle, geht das gerade so. Große Sprünge kann man mit dem Geld allerdings nicht machen. Ich weiß, dass viele Menschen weniger haben, und trotzdem bin ich extrem unzufrieden.

»Reich Klage ein, damit du deinen Halbtagsjob wiederbekommst!«, hat Heike, meine Münchner Freundin, empfohlen. Schöne Idee.

Aber ich habe keinen Vertrag, der das möglich macht, sagt Christoph, den ich als Jurist sogar zurate gezogen habe. »Der muss dich rein rechtlich gar nicht mehr beschäftigen«, war seine knappe Einschätzung.