Wüstenwasser - Hajo Heider - E-Book
Beschreibung

Die Ingenieurin Sylvia Schliemann kehrt für ein Jahr an ihren ehemaligen Arbeitsplatz zurück und betreut das gigantische Great-Man-Made-River-Projekt, welches Unmengen an Wasser aus dem Wüstenboden Libyens fördert. Die Suche nach einem Maulwurf, der Interna an die Konkurrenz verkauft, führt Sylvia zu ihrem Vater, den sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat In der Wüste geraten beide in einen Konflikt zwischen den Interessen der libyschen Staatssicherheit und dem Machtstreben kapitalistischer Großkonzerne.

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Seitenzahl:282

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Hajo Heider

Wüstenwasser

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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www.gmeiner-digital.de

Gmeiner Digital

Ein Imprint der Gmeiner-Verlag GmbH

© 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlagbild: © A.A / photocase.com

Umschlaggestaltung: Matthias Schatz

ISBN 978-3-7349-9204-9

Prolog

In ihren Träumen versuchte Sylvia, die Ereignisse aufzuarbeiten. Immer der gleiche Traum, manchmal länger, manchmal kürzer. Bei der Langversion erwachte sie meist schweißgebadet. Der Blick in die schwarze Grube – der dunkelbraune Eichensarg mit schweren Messingbeschlägen. Sie warf eine weiße Rose auf den Deckel. Sylvia überlegte, wie lange sie frisch bleiben würde. Sie hatte vergessen, wer dort unten lag.

Kurz danach hielt sie vor der Trauergemeinde eine Laudatio für den Verstorbenen, dessen Namen sie nicht aussprechen konnte. Bergener stand in der Menge der Trauernden, weiter hinten erkannte sie Braun; Christiane Keller hielt einen kleinen Blumenstrauß, an ihrer Seite stand Ali Beliri-Maier. Meist wachte Sylvia an dieser Stelle auf, denn sie suchte verzweifelt den Namen des Verstorbenen.

Oft zog sich der Traum bis zum Albtraum, wenn sie die Eltern des Verstorbenen umarmte und Beileidsworte flüsterte. Die Eltern wiederholten ständig, sie könnten seinen Tod nicht verstehen. Sylvia marterte ihr Gehirn, bis sie sich eingestand, dass sie auch keine Erklärung wusste. Später fand sie eine, die so unaussprechlich war wie der Name des Verstorbenen.

Nein, damals wusste sie nichts und später schwieg sie. Die Träume wurden nach der letzten Enthüllung schlimmer.

Der katholische Priester sprach eine Trauerandacht. Hatte sich der Verstorbene selbst das Leben genommen? Blumen schwebten als Opfergaben ins Grab, Erde prasselte wie Hagelkörner auf den Sargdeckel.

Wohin soll ich mich wenden? – Der Kirchenchor sang aus der Deutschen Messe von Schubert – begleitet von einem Gitarrenspieler. Der Leiter des Kirchenchors sprach, und Sylvia rätselte, wer da unten lag. Wenn sie jetzt aufwachte, fühlte sie sich wie erschlagen.

Vier Uhr zeigte der Wecker. Sie schlief mit diesem Traum wieder ein, stand an der Grube, schaute sich um und war allein. Ein gelber Kleinbagger näherte sich brummend dem Grab. Der Friedhofsgärtner schob mit der Baggerschaufel die aufgehäufte Erde in die Grube. Die Ketten rollten über den Hügel und verdichteten die Erde. Der Gärtner schaute herüber, lächelte traurig, während sie ihm zunickte. Er stellte die Maschine auf den Friedhofspfad, stieg aus, nahm Kränze und Gebinde aus dem Blumenberg und schmückte den Erdhügel. Sylvia schaute zu, wie er die Schleifen sorgfältig ausbreitete. ›In stillem Angedenken.‹ Sie wartete, bis der Mann das Holzkreuz in den flachen Hügel rammte.

Der Name war eingraviert und mit Blattgold ausgelegt. Wie eine Geisterhand strich ein Sonnenstrahl darüber. Die Lettern tanzten dabei im goldenen Feuer, sodass sie die Augen schließen musste und mit beiden Händen schützte.

Wieder fuhr sie hoch, es war fünf Uhr. Als sie unter der Dusche stand, entschloss sich Sylvia, die Erinnerungen und den ganzen Rest aufzuschreiben, damit der Albtraum ein Ende finden konnte.

I

Bergener durchschritt den Strahl des Beamers. Wüste bedeckte sein Gesicht – Dünen mit Sandfahnen am Kamm. Sein Schatten glitt über die Sahara, auf seiner Stirn trabte einen Moment lang ein Kamel.

»Für den Austausch der Pumpen wird man drei Hersteller anschreiben. Die Vorgaben werden messerscharf formuliert, sodass jeder Material gleicher Qualität anbieten muss.«

Schulmeisterlich klemmten die Daumen in den Armlöchern seiner karierten Weste. Das sonst über den breiten Rücken gespannte Jackett schlug zwischen den zusammengedrückten Schulterblättern eine Falte.

Er vermittelte der Führungsmannschaft einen Eindruck von dem Gespräch mit Bisma. Seit Idri Bismas Besuch in Mannheim war eine Woche vergangen.

Bei seinem Vortrag nannte Bergener keinen Namen. Er sprach von einem alten Libyer – als sei ihm der Namen entfallen. Manche erinnerten sich an die ersten Aufträge vom Great-Man-Made-River-Projekt, kurz GMMR, die sich wie ein goldener Regen über die Bilanz geschüttet hatten. Alle wussten, dass sich manche Namen im Dunkeln erst richtig entfalteten, weshalb niemand persönliche Details dieser skizzenhaften Person erfahren wollte.

Bei Kaffee und Keksen führten sie eine Diskussion über die Situation seit dem Ende des libyschen Embargos. Jeder hatte eine Meinung dazu, aber vor kontroversen Gesprächspunkten wurde meist geschwiegen – nur Gadaffis Schauprozess gegen die bulgarischen Krankenschwestern missfiel allen.

»Cecilia Sarkozy wird mit Gaddafi verhandeln«, war Frau Dr. jur. Schmalsteins humanitärer Einwand. Sie fügte hinzu, dass es angebracht sei, auf den Ausgang der Verhandlung zu warten. »Wir haben gelegentlich eine moralische Pflicht.«

Am Nachmittag saßen sie zu dritt im Besprechungszimmer – der Vorstandsvorsitzende Bergener, der Verkaufsleiter Braun und Maurer, der Verkaufsingenieur. Jetzt ging es darum, eine zukunftsweisende Entscheidung zu treffen. Maurer erfuhr, dass sich ein großes Libyengeschäft ankündigte. Er kannte den Namen Sarir bereits, hatte auch von der alten Geschichte gehört. Bergener holte weit aus, als er beschrieb, wie das erste Projekt abgelaufen war, welche internen und externen Kämpfe durchgestanden wurden, bis der Zuschlag kam.

Nach der allgemeinen Einstimmung schilderte der Vorstandsvorsitzende, wie lobend sich der libysche Vertreter des GMMR-Projektes über die damalige Leiterin ausgesprochen hatte.

»Er bedauerte zutiefst, dass sie nicht mehr für WASAN arbeitet.«

»Die damalige Leiterin« erschien als Nebelgestalt hinter hingeworfenen Andeutungen. Bergener wollte, dass Braun dieser Gestalt Leben einhauchte, einen Namen gab. Er war nach Sylvias Weggang zur WASAN gekommen und brauchte die alten Vorgänge nicht zu kennen. Dass sein Wissen weit zurückgreifen konnte, deutete er gelegentlich an. Er verschwieg, dass er sich in viele alte Vorgänge gründlich eingearbeitet hatte, denn große Projekte erhielten durch Reklamationen ein langes Leben.

»Das war Dr. Sylvia Schliemann«, half Braun. »So eine langbeinige …« Als der Chef zeigte, dass er sich an diese Frau schwach erinnerte, erklärte Braun, dass die Schliemann eine erfolgreiche Planungsfirma habe, mit der die WASAN gut zusammenarbeite.

»Ja klar!« Es klang, als wisse er durch die Erklärung Bescheid.

Braun fügte zum Unmut von Maurer hinzu: »Sie könnte uns mit ihrem Wissen ruhig ein wenig unterstützen.«

Bergener betrachtete seinen Verkaufsleiter wohlwollend, widersprach aber andeutungsweise: »Wenn sie doch eine eigene Firma hat?«

Maurer, gereizt: »Ist die auf einmal so wichtig? Das bisschen Libyen erarbeite ich mir mit links – und Ali ist auch noch da.«

Der oberste Chef reagierte auf den Einwand mit unfreundlicher Miene. Manfred Maurer betrachtete seinen höchsten Vorgesetzten prüfend. Er war ihm manchmal auf der Treppe begegnet, bis auf Begrüßungen hatten sie kein Wort gewechselt, Braun hingegen sah er jeden Tag.

»Die Firma ›Dr. Schliemann und Partner‹ erarbeitet Großprojekte, bei denen das Wassergeschäft eher Nebensache ist«, erklärte Braun. Seine Augen bekamen einen Glanz, woraus Maurer Verehrung für diese Frau ablas. Bergeners Miene hellte sich ebenfalls auf.

Maurer brauchte keine Beraterin an seiner Seite. Die Vorstellung einer solchen Konstellation war ihm so zuwider, dass sich seine Stirn in eine Faltenlandschaft verwandelte.

Braun hatte inzwischen den Beamer angeschlossen und präsentierte das bisherige Projekt in Sarir. In chronologischer Folge begann er mit Anfragedaten, Anpassung der Förderdaten nach Probebohrungen, Wasseranalyse, Endauswahl. Seinen Vortrag lockerte er mit Anekdoten und einer kleinen Fotodokumentation auf.

Jetzt erschien eine goldfarbene Pumpe aus Bronze hinter einem weiß gekleideten Araber – viermal so hoch und dicker als der Mann. Das Bild war während der hydraulischen Abnahme der ersten 20 Sarir-Pumpen auf dem Prüffeld der WASAN entstanden. Die Pumpe saß bereits über dem Motor. Drei rote Leitungen, dick wie Männerarme, ragten zwischen Pumpe und Motor aus dem Pumpeneinlauf und krochen wie Schlangen über den Boden.

Die Giganten der Tiefe haben viele Namen. Brunnenpumpen, Unterwassermotorpumpen, U-Pumpen. Braun empfand für diese Pumpen viel Ehrfurcht, seine Stimme vibrierte.

»Damals, bei meinem Vorstellungsgespräch, stand ich vor der großen U-Pumpe in der Eingangshalle – und für mich Neuling sah sie aus wie eine Interkontinentalrakete.« Diese Story kannte jeder im Werk. Bergener und Maurer atmeten nach dieser kleinen, naiven Geschichte befreit auf und Braun setzte seine Präsentation fort.

»Die Historie von Sarir hat mit Ölbohrungen begonnen. Bei den ersten Wasserfunden war unklar, ob es sich um erneuerbare Vorräte handelte.« Er nahm einen Schluck Kaffee, wodurch er die Spannung steigerte. »Mittlerweile wissen wir, dass es fossiles Wasser der zweiten Eiszeit ist.«

Bilder einer Oase mit verdorrten Dattelpalmen und ausgetrockneten Teichen erschienen auf der Leinwand.

»Der Grundwasserspiegel ist innerhalb von wenigen Jahren so tief abgesunken, dass er unter den Wurzeln liegt – was bei der Wurzellänge dieser Pflanzen gravierend ist.« Braun sprach eindringlich weiter: »Die geologischen Schichten müssen als interagierendes System betrachtet werden. Tiefbohrungen perforieren die Trennschichten. Der osmotische Druck in den Schichten verändert sich.«

Er ließ seinen Zuhörern Zeit, sich der Dramatik bewusst zu werden. »Wasser sickert in eine tiefere Schicht, was zu einer Verödung des Lebensraums führt.«

Nur der Mausklick war zu hören. Aufnahmen von Sarir und von Tazerbo.

»Tazerbo-Wasser muss mit aufwendiger Technik für den Transport im Rohrsystem aufbereitet werden.«

Dann folgten Statistiken des gestiegenen Wasserverbrauchs in der Küstenregion.

Bergener unterbrach Brauns Vortrag und wandte sich an Maurer: »Können Sie sich bereits ein Bild von der Komplexität des Projekts machen?«

Maurer fragte: »Ist die Aufarbeitung der Historie im Moment wichtig?«

Braun, mit leichtem Groll: »Jetzt wissen wir, dass Doktor Schliemann aus gutem Grund gewarnt hat. Die verdorrten Palmen sprechen eine deutliche Sprache, und wir können auch die Botschaft der korrodierten Pumpen entziffern.«

Bergener lauschte mit halb geschlossenen Augen, als wolle er auf seiner Netzhaut ein Bild von Libyen entstehen lassen.

Maurer, aggressiv: »Wenn ich das richtig verstanden habe, hat Frau Schliemann weitergemacht – oder?«

»Nach Abschluss des Projekts hat sie die WASAN verlassen.«

»Das kam zu spät – oder war völlig überzogen!«

»Sie haben von dieser Frau absolut keine Ahnung«, war Brauns Einspruch. »Aber Sie wissen hoffentlich, dass eine verkäuferische Entscheidung nicht eigener Empfindlichkeit unterworfen sein darf. – Sie musste das zu Ende bringen, weil sonst niemand dazu in der Lage war.«

Braun schaltete den Beamer aus. Der Kühlventilator säuselte vor sich hin.

Bergener fragte neugierig: »Weshalb dreht sich plötzlich alles um Frau Doktor Schliemann?« Er wandte sich an Maurer: »Sie reagieren so emotional, dass ich Frau Schliemann am liebsten sofort anrufen würde.«

Maurer erschrak, aber er konnte seine Schleuderfahrt unmöglich bremsen. »Ich sehe sie jeden Monat mit hohen Absätzen durch den Flur stöckeln. Ein Meter neunzig und dann noch hohe Absätze! Sie ist arrogant.«

»Eins neunundachtzig«, korrigierte Braun kühl. »Und von arrogant kann keine Rede sein.«

Bergener, stockend, als rufe er ein zerbrechliches Bild in sein Gedächtnis: »Sagen Sie selbstbewusst und ich unterstreiche das, aber arrogant …?«

Er war froh, dass er sich nicht mit breiter Brust für Sylvia einsetzen musste. Er hatte sich gut vorbereitet, so blieb sein harter Griff unbemerkt. Er beendete das entstandene Schweigen. »Wir sollten Nägel mit Köpfen machen.«

Es gab offensichtlich keine Norm bei dieser Art Nägel, denn Braun und Maurer waren über diesen Vorschlag gleichermaßen erfreut.

»Herr Braun, glauben Sie, dass uns Doktor Schliemann nützen könnte?«, fragte er.

»Sie könnte sich bei GMMR umschauen – als One-Woman-Show.« Er war zufrieden über diesen Ausdruck, betrachtete zuerst Bergener, dann belächelte er grimmig Maurers ablehnendes Mienenspiel. »Herr Maurer, glauben Sie mir, diese Frau wäre eine Bereicherung. Sie ist eine absolute Spezialistin für den arabischen Raum, für Strömungstechnik und so weiter.«

»Dann könnte sie NADEC klarmachen – mit ihren klappernden Absätzen.« Maurers gehässiges Lachen verriet, wie wenig er den Vorschlag ernst meinte. Man schickte keine Ingenieurin nach Saudi-Arabien und nur naive Optimistinnen würden mitmachen.

»Herr Maurer, Sie sind geschmacklos.« Braun sprach sehr, sehr bedächtig weiter: »Sie sind doch hoffentlich kein Sturkopf, der die Kompetenz einer Frau nicht verkraftet?«

Bergener dämpfte die erhitzte Stimmung. »Meine Herren, wir tun so, als könnten wir über Frau Schliemann verfügen. Bevor wir uns weiter ereifern, müssen wir uns grundsätzlich einig sein.«

Braun, nachdenklich: »Aber prinzipiell spricht doch nichts gegen eine Frau an vorderer Stelle?«

Maurer, scharf: »Nicht für Arabien, wie Sie selbst gesagt haben.«

»Sind sie ein Dogmatiker?«, fragte der Verkaufsleiter entsetzt. »Sollen wir auf die Hälfte unserer Intelligenz und unseres Wissens wegen ein paar halsstarrigen Ideologen verzichten?«

»Wollen wir den Auftrag oder Herrn Maurers Ego pflegen?«, fragte der Chef in einem Ton, der zum Nachdenken reizte.

Bergener beobachtete, wie Maurer erbleichte.

»Zurück zu Sarir!«, rief er theatralisch. Er breitete eine arabische Zeitungsseite auf dem Tisch aus und glättete sie mit beiden Händen. Die anderen standen auf, traten hinter ihn und schauten über seine Schultern.

»Wow!«, sagte Maurer.

Der Chef zog aus seinen Unterlagen eine Übersetzung ins Englische. Der Text ließ offen, ob alle Pumpen in Sarir ausgetauscht werden sollten. Da war von Problemen durch geänderte Wasserspiegel die Rede. Es waren Schwierigkeiten aufgelistet, ohne einen Verursacher zu nennen. Die Libyer erkannten die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung – die Wirkung von Schicksal.

»Bei wem wird angefragt?«, wollte Maurer wissen.

»So wie ich Volkert verstanden habe, bei WASAN, HaPu und BEET«, antwortete der Vorstand.

»Die Hamburger Pumpen also auch.« Maurer zeigte Respekt und verriet den Grund seiner tiefen Regung. »Die stehen uns auch bei NADEC auf den Füßen.«

Bergener betrachtete Braun und fragte, als suche er Rat: »Meine Herren, wie packen wir’s an?«

Der Verkaufsleiter, vorsichtig: »Sollen wir’s bei der Schliemann versuchen? Ihre Erfahrungen mit …?« Sein abgeschnittener Satz wirkte wie eine Umkehr zum rechten Weg, dass Maurer erlöst aufatmete, aber Braun machte bereits einen vernichtenden Vorschlag: »Herr Bergener, wenn Sie bei Dr. Schliemann anrufen, macht das Eindruck.«

Bergener wog den Gedanken und meinte, dass dieser Anruf gut überlegt sein wolle, und fügte hinzu: »Das Wichtigste ist, dass Herr Maurer gut motiviert nach Saudi-Arabien reist. Uns liegt ein Auftrag für NADEC mindestens so sehr am Herzen wie für Sarir.« Er schob das arabische Blatt über seinen Schreibtisch. »Sarir wird zur Bewährungsprobe bei Great Man Made River, die wir – notfalls auch mit Tricks – bestehen müssen.«

Bergener ging zu Maurer, der sich erhob. Sie schüttelten sich die Hände.

»Viel Erfolg in Saudi-Arabien und scheuen Sie sich nicht, unsere volle Hilfe einzufordern.« Danach ergriff Braun Maurers Hand und wünschte ihm ebenfalls viel Erfolg.

II

Sylvia lehnte sich in ihrem roten Ledersessel zurück, die Arme hingen schlaff über die Lehnen. Sie schaute kurz hinüber, als die Zeitschrift raschelte, dann schwenkte sie ihren Drehstuhl und betrachtete die sieben Arbeitsplätze, die dem Wochenende entgegendämmerten. Nach der Hektik des Tages, dem Summen von acht Workstations, Telefongesprächen und den kratzenden Zeichengeräuschen der Plotter wirkte das kleine Papierrascheln unwirklich. Der Arbeitstag war zu Ende und er war gut gewesen.

Bobbele spielte in seinem Laufställchen mit der HÖRZU von letzter Woche. Eigentlich hieß er Bodo, aber seine Schwester Mabel taufte ihn Bobbele. Vielleicht weil er in den ersten Tagen wie ihre Lieblingspuppe in seinem Stubenwagen lag. Genaues vermochte sie nicht zu sagen und Sylvia akzeptierte den kuscheligen Namen.

Als Sylvia Reifen auf dem Kies des Parkplatzes hörte, stand sie auf. Im Vorbeigehen strich sie Bobbele über den Kopf. Sie näherte sich dem Fenster und war von der Dunkelheit überrascht. Für morgen nahm sie sich einen ausführlichen Spaziergang mit den Kindern vor – wie schon letzte Woche, aber letzten Samstag hatte es geregnet, und Mabel hatte geschluckt und tapfer genickt, als es doch nicht dazu kam.

Der dunkelblaue Audi A8 mit Bergeners Kennzeichen ›LU VV 1‹ –was bescheiden signalisierte: Vorstandsvorsitzender der WASAN AG. Er besuchte Sylvia mindestens einmal im Monat. Heute kam er unangemeldet. Sie beobachtete, wie er den Wagen abstellte. Die Blinker zuckten gelb. Er hatte sonst einen federnden Gang, kam aber heute schwerfällig daher. Sie vermutete, dass ihn ihr prüfender Blick verkrampfte, aber er schaute nicht hoch, als er sich wie mit bleigewichtigen Taucherschuhen dem Haus näherte.

Der Parkplatz war für 20 Wagen ausgelegt. Sylvia überlegte, wem der andere Wagen gehörte. Ein roter, handlicher Kleinwagen, den sie »ein typisches Frauenauto« nannte. Sie dachte an Werner und wusste nicht, weshalb sie ihn mit einem Frauenauto assoziierte. Mabel zog an Sylvias Pullover, sie wollte sehen, was ihre Mutter so interessierte. Sylvia schaute erstaunt auf die ziehende Hand.

»Mabel, wo kommst du her?«

»Mama, wir haben uns schon begrüßt«, erwiderte Mabel vorwurfsvoll.

»Stimmt, aber du warst doch bei den Kindern.«

»Bei den Kindern« war Mabel, wenn sie im gemeinsamen Aufenthaltsraum spielte. Sylvias Tochter war seit drei Stunden aus dem Kindergarten zurück. Die Alleinerzieher lösten sich täglich mit dem Kindergartendienst ab. Noch war keines der Kinder schulpflichtig. Diesmal hatte Petra die Kinder abgeholt.

Sylvia war in ein schwieriges Abwasserprojekt vertieft gewesen, das sie seit dem Morgen ununterbrochen, mit kurzen, biologisch begründbaren Unterbrechungen, auf ihrem Drehstuhl festhielt. Jetzt starrte sie auf den Wintermantel über Bergeners Arm. Es war Ende Oktober, der goldene Oktober bescherte den Winzern einen vielversprechenden Eiswein. Mabel sah die Schneeflocken zuerst, die vor dem Fenster tanzten und sich auf dem Fenstersims auflösten. Sie tappte mit der warmen Hand auf die Scheibe und hinterließ einen kleinen, fettigen Abdruck.

»Mutti, was siehst du im Hof?«

»Onkel Kurt besucht uns.«

»Nimm mich hoch!«

Bergener betrachtete die neu gesetzten Granitstufen des Schulhauses. Sylvia bewohnte eine ausgemusterte Dorfschule, acht Klassen, Lehrerzimmer, Musik- und Sportsaal. Mit Veronika hatte Sylvia den Umbau geplant und durchgezogen. Sie bauten auch das Dachgeschoss mit seinem rustikalen Eichengebälk als Wohnfläche aus. Die Abfindung, die Sylvia von der WASAN erhalten hatte, war hier eingeflossen. Den ehemaligen Schulhof bepflanzten sie mit Bäumen und Hecken, er diente als Parkplatz und Erholungsraum.

Silvia nahm Mabel auf die Arme. Die Kleine schob den Vorhang zur Seite. Bergener war in Gedanken versunken, sodass ihm die Bewegung am Fenster entging.

»Onkel Kurt sieht müde aus.«

»Der arbeitet fast so viel wie ich – aber vielleicht bringt er heute Abend noch mehr Arbeit.«

»Er geht wie ein alter Mann«, sagte Mabel.

»Lass ihn das bloß nicht hören!«, schimpfte Sylvia.

Mabel wuschelte durch Sylvias Haar. »Du darfst nicht schön sein, wenn Onkel Kurt kommt«, erklärte sie ihre Untat.

»Du magst nicht, dass ich schön bin?«

»Der schaut dich so an, wenn du schön bist.«

Sylvia lachte. »Soll ich sie abschneiden?«

»Bloß nicht!«

Das Verstrubbeln des braunen Haars konnte ihrer Erscheinung wenig anhaben, da zu ihrem Gesicht mit der markanten Nase jede Frisur passte. – In früheren Zeiten hätte man es ein edles Profil genannt.

Bergener klopfte die wenigen Flocken von den Schuhen – klack, klack, klack. Die Eingangstür war noch offen, Er kannte den Weg, trommelte mit entschlossenem Schritt die zwölf Granitstufen hoch und den Flur entlang. Er versuchte, seine gedrückte Stimmung unter dem Anschein jugendlicher Dynamik zu verbergen. Er hatte die beobachtenden Blicke nicht bemerkt, eilte durch den marmorbelegten Flur und klopfte an die Bürotür.

Sylvia rief: »Kurt, komm rein!«

Er verharrte an der Tür. »Du weißt, dass ich komme?«, fragte er überrascht.

»Sogar, dass du ein Problem in mein geruhsames Leben schleppst.«

Er betrachtete Sylvia angespannt und sog die Luft durch die Nasenflügel. »Bodo riecht!«

Sylvia stellte Mabel auf den Boden, weil sie an ihrem Bruder riechen sollte. Sie rannte hin, die blonden Locken federten bestätigend wie weiche Korkenzieher. Bergener betrachtete Sylvia immer noch rätselnd und wollte wissen, ob sie in einen Sturm geraten sei. Sie zeigte auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

»Was für ein Problem hast du? Deine Frau?«, fragte sie noch.

Er schüttelte den Kopf. »Nachher, wenn du alles erledigt hast, sprechen wir darüber.«

Sie wiederholte gehässig: »Alles erledigt?« Er schwieg. »Willst du wirklich so lange warten?«, und dann sanft: »Wann werde ich jemals alles erledigt haben?« Sie strich mit abgespreizten Fingern durch ihr Haar, ging zu Bobbele hinüber, nahm ihn aus dem Laufstall und legte ihn auf die Wickelunterlage, um ihn frisch zu machen. Sie sprach mit dem Jungen über alles, was ihr in den Sinn kam, weil sie für einen kurzen Augenblick den Zuhörer vergaß. Bobbele zappelte mit Armen und Beinen, während sie die Windel zusammenrollte und seinen Hintern säuberte, eincremte und puderte. Die schwere Windel flog in einer idealen ballistischen Kurve in den Windeleimer.

»Darf ich Bobbele halten?«, fragte er.

Bodo war Bergeners einziges Kind. Mit seiner Frau hatte es nicht geklappt. Sylvia hatte nach dem ersten Schwangerschaftsmonat behauptet, es sei von ihm, obwohl sie anfangs unsicher war – aber jetzt hatte sie keine Zweifel mehr. Vor zwei Jahren hatte sie mit drei Liebhabern den Scheidungsschmerz getötet. Sylvia legte den Sohn in Bergeners Arme und räumte die Babysachen weg.

Er fühlte sich wohl bei dem Gedanken, Vater zu sein, und er liebte den Jungen. Er schaukelte ihn auf den Armen, aber sein Gesicht durchfurchten Sorgen, was seiner Zufriedenheit eine zwiespältige Note verlieh. Sylvia setzte sich wieder an den Schreibtisch und er fing ohne Einleitung an: »Wir haben angeblich einen Maulwurf in der Firma.« Er betrachtete Sylvia erschrocken und sprach hastig weiter, als wolle er seine Worte ad absurdum führen. »Vor einer Woche ist Braun zu mir gekommen. Wir gingen die Akten durch und sind der Meinung, dass es sein könnte. – Schaust du sie einmal an?«

Sylvia betrachtete ihn schweigend.

»Im Export Arabien«, ergänzte er nach einigen Sekunden. »Da blickst du besser durch als alle anderen, denn du kannst zwischen den arabischen Zeilen lesen.«

Sie wirkte zuerst geschmeichelt, aber dann dunkelte die Stimme in Richtung Zweifel. »Lass mich vorher noch mit Herrn Braun sprechen. Dass es sein könnte, klingt zu schwach, um mich ernsthaft damit zu beschäftigen.«

Bobbele packte die breite Nase seines Vaters so fest wie seine gelbe Badeente. Wie immer wenn er seinen Sohn in den Armen hielt, hatte der die Brille vorsichtshalber auf den Schreibtisch gelegt. Die Nase ließ sich gut festhalten – was beiden Spaß machte.

Bergener näselte: »Wir haben wichtige Projekte verloren. Die HaPu war erstaunlich dicht bei unseren Angeboten.«

»Wenn alle seriös kalkulieren, bist du immer dicht dran.«

Bergener bestätigte diese Überlegung durch mürrisches Kopfnicken.

»Weshalb ausgerechnet Braun? Hast du eine stichhaltige Erklärung?«

Er wusste hierauf keine Antwort und meinte, es sei Brauns Pflicht, einem Verdacht nachzugehen.

»Kann es sein, dass einfach der NA entschieden hat?«, fragte Sylvia. »Sozusagen die guten Beziehungen?«

Bergener zögerte, denn diese Frage war peinlich. »Du weißt doch …«, begann er und erwartete von Sylvia, dass sie das Ungesagte verstand.

Sylvia, mit Nachdruck: »Wer bekommt NA? Ich muss das wissen, wenn ich mir Gedanken machen soll.«

Bergener flüsterte, als stehe ein feindlicher Lauscher in seinem Rücken. »Je weniger ich davon weiß, desto besser. Eigentlich müsste ich fragen, was NA bedeutet.«

Sylvia, zynisch: »Nützliche Abgabe, Schmiergeld, Bestechung, wie nennt ihr das nach neuem Sprachgebrauch?«

»Braun vermutet, dass …«

Sylvia, ungeduldig: »Ich will mit Braun sprechen, bevor ich mein Gehirn zermartere. Eifrige Maulwürfe lassen sich im Verkauf nicht über längere Zeit verheimlichen, weil ihr Tätigkeitsfeld begrenzt ist und zu viele Menschen den Auftragseingang mit Argusaugen verfolgen. – Wie soll das ablaufen? Habt ihr dafür ein Szenario?«

»Preissituation, Technik mit möglichen Schwachstellen.«

Sylvia, ironisch: »Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass WASAN-Pumpen Schwachstellen haben.«

Bergener näselte wieder. Er gab Bobbele einen Kuss auf die Stirn. »Geh einfach davon aus, dass wir einen Maulwurf haben.«

»Habt ihr einen Verdacht?« Sie klang hilfsbereit und nachgiebig.

Bergener schüttelte den Kopf, aber sie erkannte, dass er den Namen verschweigen wollte.

III

Manfred Maurer stand neben dem Toyota Geländewagen auf dem Kamm einer gelben Sanddüne. Es war Donnerstagnachmittag, sein Schatten war einen halben Meter lang. Winter nannten sie diese Jahreszeit, mit 30Grad im Schatten. Maurer fühlte sich in der unendlich scheinenden Weite nicht wohl. Nur Gelb– verschiedene Schattierungen von Gelb, aber die Erhabenheit konnte er nicht erkennen. Er bedauerte, dass er mitgefahren war. Er hätte leichtfertig auf das einzige Vergnügen verzichtet, welches dieses Land bot. Die Schönheit der Wüste berührte ihn nicht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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