Beschreibung

Cameron Horne hat alles. Sein Leben ist der wahrgewordene amerikanische Traum. Bis die Dinge anfangen, sich zu verändern. Ohne Vorwarnung stellt er ein seltsames Verhalten zur Schau, das er nicht kontrollieren kann, erleidet Blackouts und Erinnerungsverluste, hat entsetzliche Albträume und entdeckt Blut an seinen Händen, das sein eigenes sein könnte … oder auch nicht. Als ein mysteriöser junger Mann, der die Zukunft zu kennen scheint, damit beginnt, in Camerons Garten aufzutauchen, verschlimmert sich die Lage weiter. Und als ihn dann auch noch Stimmen und Visionen heimsuchen und schattenhafte Figuren jede seiner Bewegungen beobachten, erwacht etwas tief in ihm und manifestiert sich in Handlungen extremer Wut und Gewalt.

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Seitenzahl: 282

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Wut
Impressum
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN

Greg F. Gifune

Wut

Impressum

Deutsche Erstveröffentlichung

Titel der Originalausgabe: ROGUE Copyright © 2014 by Greg F. Gifune Published by arrangement with the author

Copyright © für die deutschsprachige Ausgabe 2019 by Papierverzierer Verlag

Titelbild: Copyright © Papierverzierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Lektorat, Cover: Papierverzierer Verlag

Alle Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

Alle Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Parallelen zu real lebenden Personen und Situationen sind rein zufällig.

Wut ist auch als Print-Buch (ISBN 978-3-95962-091-8) erhältlich.

ISBN 978-3-95962-092-5

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Für den Mann von einem anderen Ort.

Ein einzelnes Tier mit fehlerhaftem Charakter, das sich von der Herde entfernt hat.

»Was zählt, ist nicht, ob etwas real ist.

Was zählt, ist, ob es wahr ist.

- Jane Mendelsohn,

KAPITEL EINS

Ich erinnere mich insbesondere an das Licht, das durch die Bäume fällt, an dieses herrliche goldene Licht. Es ist wie eine Geburt, dachte ich damals, wie der Beginn von etwas Neuem oder möglicherweise die letzte Erinnerung an etwas Vergangenes. Aber vielleicht war es keines dieser Dinge, sondern nur ein Traum. Ein wundervoller Traum, der mir flüsternd erzählt, was möglich wäre, was sein könnte und was sein wird … wenn ich nur fest daran glauben würde.

Und dann, einfach so, verliere ich den Verstand. Da ist etwas in meinem Kopf, das ich nicht herausbekomme. Nicht wirklich Erinnerungen, aber doch etwas Ähnliches, was mich daran erinnert, wie ich langsam in den Wahnsinn abdrifte. Ich habe herausbekommen, wie ich mich durchs Leben schlagen und meiner Umwelt vortäuschen kann, dass es mir gut ginge. Nur tut es das nicht. Nicht mal ansatzweise. Wie ein Kokon umgibt es mich, und je fester es sich um mich wickelt, desto stärker wird es. Trotz meiner panischen Angst und der furchtbaren Dinge, die in meinem krankhaften Gehirn nisten, habe ich das Unausweichliche akzeptiert. Verzweifelt versuche ich weiterzumachen, doch meine Entschlossenheit schwindet. Und es gibt nicht eine gottverdammte Sache, die ich dagegen unternehmen kann. Also habe ich keine andere Wahl, als den Untergang zu begrüßen, denn er kommt näher. Er kommt mit schweren Schritten.

Dann komm schon! Nimm mich!

Und wir werden zusammen durch gebrochene, blutige Augen sehen …

Schlafe ich? Die Albträume hören nicht mehr auf, also ist es schwer, es mit Genauigkeit zu sagen. Ab und an werden sie leiser, doch sie sind immer da. Ein Kreischen in meinem Kopf, dessen stetes Dröhnen durch meinen Schädel hallt, wie der taubmachende Lärm von gigantischen, unsichtbaren Maschinen. Das macht es schwer zu sagen, wo die Welt der Schatten endet und die Realität beginnt.

Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch einen Unterschied gibt. Vielleicht gab es ihn nie.

Der Winter bricht bald herein. Die Bäume sind schon lange kahl, die Luft ist schneidend und kalt und der Himmel grau, wie es für diese Jahreszeit typisch ist. Die Welt wirkt in dieser Zeit des Jahres oft unnatürlich und gespenstisch still, als würde sie auf unfassbar schwerwiegende Dinge warten. Die Tage sind kürzer, die Nächte länger und eindrucksvoller und ebenso in derselben unangenehmen Ruhe gefangen. Doch es sind die frühen Morgenstunden, die besonders merkwürdig sind. Wenn es weder Tag noch Nacht ist, sondern irgendwas dazwischen.

Ich gehe hinaus auf meine hintere Veranda, lehne mich gegen das Geländer und nippe an meinem Kaffee. Verwirrt stehe ich an dieser seltsamen Kluft zwischen Ruhelosigkeit und Schlaf, in der bewusste Gedanken und unkontrollierte Träume oft nicht auseinanderzuhalten sind. Das entfernte und durchdringende Heulen einer Autoalarmanlage hat mich aus dem Schlaf gerissen, so wie es das nun schon mehrere Tage in Folge getan hat. Es kommt von irgendwo hinter unserem Garten. Wenn man über den Zaun springen und einen halben Kilometer oder mehr durch den Wald auf der anderen Seite laufen würde, käme man schließlich an einer bewohnten Straße heraus. Die ist wesentlich dichter besiedelt als unsere ruhige Sackgasse, also könnte das Geräusch auch von diversen Fahrzeugen stammen. Was mich zum Wahnsinn treibt, ist, dass der Alarm nicht nur jeden Morgen kurz vor Sonnenaufgang losgeht, sondern dass er noch immer heult, nachdem ich mich aus dem Bett gerollt, meinen Weg nach unten gefunden und mir eine Tasse Kaffee geholt habe. Und sobald ich nach draußen auf die Veranda gegangen bin, hört es auf. Genauso plötzlich, wie es begann.

Während ich am Geländer lehne, folgt mein Blick dem Geräusch des Alarms bis zum Zaun und in den dahinterliegenden Wald. In diesem Moment sehe ich jemanden, der in einem der Gartenstühle sitzt, die um die steinerne Feuerstelle stehen. Mein Herzschlag setzt einen Augenblick lang aus, während mein Verstand erst noch verarbeiten muss, was meine Augen ihm da erzählen. Sehe ich da wirklich jemanden oder spielt mir das langsam heller werdende Licht einen Streich? Ich richte mich auf und blinzle, um die Person an der mehr als dreißig Meter entfernten Feuerstelle klarer erkennen zu können. Dies ist keine Illusion. Ein junger Mann sitzt auf der Kante eines Stuhles, stützt seine Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und vergräbt den Kopf in seinen Händen. Ich stehe hier, beobachte ihn eine Weile und bin mir nicht sicher, was ich als Nächstes tun soll.

Nach einem kurzen Blick durch den Garten bin ich davon überzeugt, dass er und ich allein sind. Ich stelle meine Tasse auf den Verandatisch und ziehe mein Kapuzensweatshirt eng um mich, um mich vor der Kälte zu schützen. In Jogginghose und Hausschuhen durchquere ich langsam den Garten und nähere mich dem Fremden.

Ich habe ihn fast erreicht, als mir auffällt, dass ich nicht mal ein Telefon bei mir habe, und ich bedauere, dass ich ihn nicht aus größerer Entfernung angesprochen habe, bevor ich so dicht bei ihm auftauche. Ich drossle meine Geschwindigkeit und komme auf der anderen Seite der Feuerstelle zum Stehen. Der Mann hat sich noch immer nicht bewegt. Anscheinend bemerkt er meine Anwesenheit nicht. Ich frage mich, ob ich ihn überwältigen könnte, wenn es sein müsste. Könnte ich ihm im Notfall davonlaufen?

Letztlich sage ich in einem ruhigen Tonfall, aber laut genug, dass er mich hören kann: »Hallo?«

Der Mann hebt langsam den Kopf und sieht zu mir herüber. Er ist wesentlich jünger als ich – vermutlich ist er Anfang zwanzig – und trägt einen Gesichtsausdruck zur Schau, der so sehr von vollkommener Qual erzählt, wie ich es selten zuvor gesehen habe. Seine dunklen Augen sind freudlos, tief in den Höhlen liegend, blutunterlaufen und mit schwarzen Ringen untermalt. Seine Haut ist blass und ausgezehrt, sein Gesicht mit Stoppeln bedeckt, und in seinen verwaschenen Jeans, den abgetragenen Stiefeln und dem Sweatshirt, das er unter einer abgewetzten braunen Lederjacke trägt, sieht er ungepflegt aus. Er starrt mich an, als hätte er auf meine Ankunft gewartet, doch er sagt nichts.

»Kann ich Ihnen helfen?«, frage ich.

Er schüttelt langsam seinen Kopf.

Ich schlucke schwer, hoffe aber, dass er es nicht bemerkt. »Geht es Ihnen gut?«

Der junge Mann wischt seine Augen mit dem Handrücken ab. Er hat offensichtlich heftig geweint.

»Ist etwas passiert?« Als er nicht antwortet, hake ich nach: »Kann ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen?«

»Du denkst, du kannst mir helfen?«, fragt er. Seine Stimme ist ein lautes, raues Flüstern.

»Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber …«

»Du verstehst nicht.«

»Sehen Sie, ich wohne hier.« Ich räuspere mich und stecke die Hände in die Taschen meines Hoodies. »Das hier ist ein Privatgrundstück. Ich will wissen, warum Sie sich in meinem Garten befinden. Wenn Sie verletzt sind oder etwas nicht in Ordnung ist oder wenn Sie Hilfe brauchen, dann kann ich … jemanden für Sie anrufen oder …«

Der Mann greift in die Seitentasche seiner Lederjacke und zieht ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. Ohne mich anzusehen, steckt er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie an und bläst eine Rauchwolke in Richtung Feuerstelle. Obwohl er sich seltsam verhält, wirkt er an sich nicht bedrohlich, nur irgendwie nicht ganz bei sich. Als sich eine weitere Träne löst und sein Gesicht hinabrinnt, sagt er: »Es gibt nichts, was du tun kannst, Cam. Es gibt nichts, was irgendjemand tun kann.«

Der Klang meines Namens verändert alles. »Kenne ich Sie?«

Mit einem schweren Seufzen quält er sich auf die Beine.

Instinktiv mache ich einen Schritt rückwärts, weg von ihm, doch ich studiere weiterhin sein Gesicht. Ich bin mir sicher, dass ich diesen jungen Mann nicht kenne, ihn nie zuvor gesehen oder mit ihm gesprochen habe, und doch hat er etwas vage Bekanntes an sich. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, frage ich. »Kennen wir uns?«

Er nimmt einen hastigen Zug nach dem anderen von seiner Zigarette, antwortet aber nicht.

»Was machen Sie hier hinten?«

»Ich bin verloren, ich …«

Vielleicht ist er psychisch krank oder eine dieser armen Seelen, die ihre Medikamente abgesetzt hat. Doch nichts davon erklärt, woher er meinen Namen kennt.

»Haben wir uns schon mal getroffen?«, frage ich mit Nachdruck. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Ich kenne dich«, sagt er ruhig, »aber du kennst mich nicht. Noch nicht.«

»Ich verstehe nicht.«

»Du darfst das Telefon im Haus nicht benutzen. Sie beobachten dich.«

Obwohl ich die Worte genau gehört habe, gebe ich vor, ihn nicht verstanden zu haben. »Bitte?«

»Sie beobachten dich«, sagt er und verzieht das Gesicht, »durch das Telefon.«

Aus irgendeinem Grund fühle ich mich genötigt, über meine Schulter zu sehen, zurück zum Haus. Über mir verlaufen zahlreiche Telefonleitungen von Dach zu Dach und dann zu einer Reihe von Masten, die zurück zur Straße führen. Jeden Tag fahre ich daran vorbei oder laufe unter ihnen hindurch, schon seit Jahren. Sie waren so alltäglich geworden, dass ich sie selten auch nur bemerke, doch nun scheint ihnen etwas Finsteres und Bizarres anzuhaften. Wie konnten so aufdringliche und unattraktive Dinge überhaupt mit dem Hintergrund verschmelzen?

»Ich weiß nicht, was Sie …« Ich drehe mich wieder zu ihm um. »Wer beobachtet mich?«

»Etwas Schlimmes wird passieren.«

Ich fühle, wie sich meine Eingeweide zusammenziehen. »Bedrohen Sie mich?«

Seine traurigen Augen sind randvoll mit Tränen, als sein Blick auf meinen trifft. »Ich versuche, dir zu helfen.«

Etwas tief in mir besteht darauf, ihm zu glauben. »Wer bist du?«

Der junge Mann nimmt noch einen Zug von seiner Zigarette und stößt den Rauch durch die Nase aus, dann schnippt er den Stummel in die Feuergrube. »Jemand, dem es leidtut. Der bin ich.«

Er dreht sich um und geht auf den Vorgarten zu. Ich rufe ihm hinterher, fordere ihn auf zu warten und sich zu erklären, doch er tut so, als würde er mich nicht hören. Nachdem er den Vorgarten passiert und das Gartentor durch das Gartentor verlassen hat, zögert er und schaut einen Moment lang zu mir zurück.

Dann schließt er das Tor und verschwindet.

***

Unsere Straße ist eine Einbahnstraße und relativ ruhig gelegen. Nur ein unbefestigter Weg, der ein Waldstück nahe der Kleinstadt Sumner in Massachusetts durchtrennt. Neben unserem in bescheidenem Kolonialstil erbauten Heim stehen nur zwei weitere Häuser an der Forest View Lane, eins auf jeder Seite. Das letzte Haus der Straße, ein Terrassenbau, gehört Bruce Deacon, einem Feuerwehrmann im Ruhestand, der inzwischen Witwer geworden ist, da seine Frau Margaret vor zwei Jahren plötzlich durch einen Herzinfarkt verstarb. Bruce ist Alkoholiker. Das andere Haus steht seit über einem Jahr leer und soll verkauft werden. Dann und wann taucht ein Makler mit potenziellen Käufern auf und führt sie rum, doch mehr passiert nie.

Ein plötzliches Klopfen an den Schiebetüren hinter mir lenkt meine Aufmerksamkeit weg vom Vorgarten. Remy steht auf der anderen Seite und sieht mich mit zerzaustem Haar und verschlafenen Augen fragend an. Ich durchquere den Garten, kehre auf die Veranda zurück und greife schwungvoll nach meinem Kaffee, als ich am Tisch vorbeikomme. »Guten Morgen«, sage ich, während ich ins Haus zurückgehe. »Der Kaffee ist fertig.«

»Es ist kühl hier draußen.« Remy schlingt die Arme um ihren Körper. »Warum bist du so früh auf?«

Ich schließe die Schiebetür. »Diese verdammte Alarmanlage ist wieder losgegangen.«

»Wie kann ich das jedes Mal verschlafen? Warum warst du draußen bei der Feuerstelle?«

»Einfach nur so.« Ich weiß nicht, warum ich sie just in diesem Moment anlüge, aber ich tue es. »Wollte nur ein bisschen Luft schnappen und habe einen Spaziergang durch den Garten gemacht.«

Remy stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst mich, dann schlurft sie in ihrem mit großen roten Zahlen und kleinen weißen Pinguinen bedruckten Flanellschlafanzug in die Küche. Obwohl sie eine gebildete und starke Frau ist, kann Remy oftmals auch unbewusst kindisch und verletzlich wirken. Ein Gegensatz, den ich nicht nur faszinierend, sondern oft auch liebenswert finde.

Ich unterdrücke ein Lächeln und folge ihr in die Küche, wo ich dumm herumstehe und das Telefon an der Wand wie einen Geist anstarre.

Du darfst das Telefon im Haus nicht benutzen.

Remy schenkt sich etwas Kaffee ein. »Du warst unruhig letzte Nacht«, sagt sie sanft.

Sie beobachten dich durch das Telefon.

»Du hast dich herumgewälzt und andauernd umgedreht«, erzählt sie mir, »solche Dinge.«

»Entschuldige! Habe ich dich wachgehalten?« Ich trinke meinen Kaffee und beobachte dabei den hinteren Teil des Gartens durch das Fenster über dem Spülbecken. Alles da draußen sieht plötzlich so schroff aus.

»Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, das ist alles. Du hast gestöhnt und geseufzt, und es klang, als hättest du Schmerzen.«

Ich zwinge mich zu lächeln und hoffe, sie kauft es mir ab. »Ich habe schlecht geträumt, schätze ich.«

»Geht’s dir gut?«

»Ja.« Ich lüge schon wieder. »Ich habe gestern einen neuen Fall bekommen. Du solltest die Akte lesen. Es sieht so aus, als könnte es besonders unerfreulich werden, und das sagt in meiner Branche einiges aus.«

Sie gibt mir einen Klaps auf die Schulter und bietet das beste Morgenlächeln auf, was sie im Halbschlaf fertigbringen kann. »Ich werde noch kurz die Nachrichten anschauen, dann muss ich unter die Dusche.«

Wie die meisten Leute hat Remy keine Ahnung, wie ich meinen Job machen und dabei geistig gesund bleiben kann. Und wie die meisten Leute realisiert sie nicht, dass ich das eben nicht kann, weil ich täglich eine bestimmte Sorte Menschen (in Ermangelung eines besseren Ausdrucks) von ihrer schlimmsten Seite sehen muss. Die Tatsache, dass ich ausschließlich mit Menschen arbeite, die andere verletzen und die oftmals ganz spezifisch Frauen auswählen und die ihre Opfern werden, macht es nur noch schwerer nachvollziehbar. Es ist nicht unüblich für mich, meine Fälle mit ihr zu diskutieren, doch ich gehe niemals ins Detail, benutze stets verwaschene und allgemeine Begriffe und verharmlose die Zusammenhänge, so gut es nur geht, da sie stets entsetzlich sind. Es ist nun mal so, dass du aus Scheiße kein Gold machen kannst, egal wie sehr du es versuchst. Du kannst sie polieren, bis du dein verdammtes Spiegelbild darin siehst, wenn du (oder jemand anders) dich dann irgendwie besser fühlst. Doch am Ende ist es immer noch ein Haufen Scheiße. Vielleicht mache ich das, um sie zu schonen, oder möglicherweise mich selbst. Ich bin mir nicht sicher, ob das von Bedeutung ist.

»Komm schon«, sagt Remy und deutet in Richtung Wohnzimmer, »lass uns ein wenig die Nachrichten schauen und sehen, was für wundervolle Dinge noch auf unserem liebenswerten Erdball voller Frieden und niemals endender Liebe geschehen.«

»Ich brauche einen Nachschlag«, sage ich und halte meine beinahe leere Tasse als Beweismittel hoch. »Bin gleich da.«

Als sie mich in der Küche alleinlässt, fühle ich mich seltsam erleichtert. Sie hat keine Ahnung, was für Schwierigkeiten ich in letzter Zeit habe, nicht nur in meinem Privatleben, sondern auch bei der Arbeit. Ich möchte mit ihr darüber reden und habe versucht, einen Weg und den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden, doch ich fürchte mich. Und wenn es mich schon ängstigt, was mit mir passiert, dann wird es Remy sicherlich absolut entsetzen. Miteinander zu reden und sich gegenseitig wegen des jeweiligen Jobs zu bemitleiden ist etwas, das alle Pärchen tun, doch ihre Stellung als Englischlehrerin stellt sie trotz der ebenfalls harten Anforderungen kaum vor Probleme, die vergleichbar mit jenen sind, mit denen ich jeden Tag konfrontiert werde. Seit Jahren hält sie an ihrem Job an einer Privatschule auf Cape Cod fest. Obwohl die Bezahlung nicht besonders ist, ist sie glücklich, und der Beruf erfüllt sie, was schließlich auch irgendwie wichtig ist. Das sollte es zumindest. Sie ist dort sicher. Zumindest so sicher, wie man heutzutage sein kann, was vermutlich nicht viel heißen mag. Aber sie muss nichts mit dem zu tun haben, womit ich zurechtkommen muss. Sie muss nichts von den Dingen wissen, die ich weiß. Und das zählt wohl ebenfalls ein wenig.

Woher zur Hölle kannte dieser Junge meinen Namen? Ich stehe vor einem Rätsel. Ich weiß, er ist keiner meiner Fälle, doch er könnte mit einem davon in Verbindung stehen. Wenn dem so wäre und er deswegen zu meinem Haus kam, dann ist das ein größeres Problem. Ich frage mich immer noch, weshalb ich Remy nichts davon erzählte, schenke mir eine frische Tasse Kaffee ein und bemerke, dass meine Hände zittern. Das passiert in letzter Zeit häufig. Manchmal kann ich das Zittern stoppen, wenn ich mich wirklich konzentriere. Meistens kann ich es aber überhaupt nicht kontrollieren.

Der Heizkessel im Keller springt an und lenkt mich lange genug ab, um darüber nachzudenken, wie unverschämt hoch der Preis für Heizöl geworden ist. Trotz der Kälte im Haus klettere ich in die »Höhle«, finde den Thermostat und drehe ihn auf 16 °C runter. Der Heizkessel verstummt. Ich warte ab, um zu sehen, ob Remy Einspruch erhebt (ihr ist immer kalt) und bleibe noch in dem schmalen Raum neben der Küche, in den Remy und ich uns oft zurückziehen, um zu lesen oder Musik zu hören. Im Gegensatz zum Wohnzimmer, das einen riesigen HD Fernseher, gerahmte Filmposter an den Wänden, eine Bar, einen Billardtisch und Schiebetüren, die auf die Veranda hinausführen, bietet, ist die Höhle ein intimer, ruhiger Raum und eigentlich sogar Remys Lieblingszimmer. Die Wände sind mit Bücherregalen zugestellt, die gefüllt sind mit Taschenbüchern, Büchern in festem Einband und zahlreichen gerahmten Fotografien, die unser gemeinsames Leben im Verlauf der Jahre dokumentieren. Hartholzboden, ein Sofa, ein Kaffeetisch und eine kleine Stereoanlage in der Ecke runden die Höhle auf nette Weise ab.

Während ich den Raum auf mich wirken lasse, wandern meine Augen zu dem Fenster gegenüber des Thermostats. Durch die Glasscheibe sehe ich das leere Haus nebenan. Ein seltsames und beunruhigendes Gefühl überkommt mich.

Ich zittere. Es fühlt sich an, als ob die Temperatur im Zimmer auf den Nullpunkt gesunken ist. Doch so schnell ist das einfach nicht möglich.

Ich blicke über das leere Haus hinweg und hinüber zur Straße.

Keine Spur von dem traurigen jungen Mann. Trotzdem ist er irgendwo da draußen.

Und etwas sagt mir, dass ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe.

***

»Das ist wirklich verstörend«, sagt Remy. Sie hat sich mit ihrem Kaffee in der Hand auf dem Sofa zusammengerollt, runzelt die Stirn und nickt zum Fernseher.

Ein lokaler Nachrichtensprecher, der auf den ersten Blick wie eine Wachsfigur wirkt, spricht darüber, dass die Regierung angeblich Zivilpersonen ausspioniert. Ich höre nur das Ende des Berichts, doch da ich für den Staat Massachusetts arbeite, bin ich immer misstrauisch, wenn es um Verschwörungstheorien geht, bei denen die Regierung involviert sein soll. Ich weiß aus erster Hand, wie problematisch das sein kann. Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass manche Dinge routinemäßig unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt oder abgeändert werden, um den Bedürfnissen der Federführenden oder jenen in höheren Positionen gerecht zu werden. Wenn jemand so weitreichende Befugnisse besitzt, kann man Regierungsverschwörungen nicht völlig ausschließen. Es ist nur so, dass diese Dinge normalerweise mit solcher Inkompetenz ausgeführt werden, dass es schwer ist, sich ein tatsächlich funktionierendes Szenario vorzustellen.

»Ein ehemaliger Mitarbeiter behauptet, die Regierung hört nicht nur Anrufe ab und verfolgt den E-Mail- und Kurznachrichten-Verkehr zwischen mutmaßlichen Terroristen und Verdächtigen in anderen Ländern«, erklärt Remy, »sondern spioniert gleichermaßen jeden US-Bürger aus, unabhängig davon, um wen es sich handelt. Sie bespitzeln einfach jeden und sammeln großen Mengen an Informationen über die gesamte Bevölkerung.«

Sie beobachten dich durch das Telefon.

»Schwer zu glauben«, sage ich zu ihr, während mein Herz plötzlich zu rasen beginnt.

Sie hebt eine Augenbraue. »Findest du?«

»Das wäre ein riesiges Unterfangen, wenn man die Anzahl der Menschen, Telefone und Computer in diesem Land bedenkt.«

»Aber es wäre nicht unmöglich.«

Ich zucke mit den Schultern, heuchle Desinteresse. »Wäre schön, wenn die Regierung so effizient arbeiten würde, aber …«

»Ich weiß nicht, Cam. Big Brother und so, das gerät alles außer Kontrolle. Privatsphäre gehört bald der Vergangenheit an. Wir haben das Recht, uns am Telefon zu unterhalten und E-Mails oder Kurznachrichten zu schreiben, ohne uns dabei sorgen zu müssen, dass die Regierung alles mitbekommt.«

»Warum sollte es sie kümmern, worüber du am Telefon sprichst?«

»Das ist nicht der Punkt.«

»Weshalb sollten sie sich darum kümmern und ihre Zeit damit verschwenden, solange es keine Bedeutung für die nationale Sicherheit hat?«

»Das ist wie das Argument, dass du nichts zu verbergen hast, solange du nichts Falsches getan hast«, kontert sie. »Das mag stimmen, doch darum geht es wohl kaum. Es geht um ein grundlegendes Menschenrecht – das Recht auf Privatsphäre.«

Bilder des jungen Mannes wandern durch meinen Geist. Warum sagte er nicht, sie würden uns durch das Telefon zuhören? Er sagte, sie würden zusehen …

»Es ist nicht gerade einfach, einen Gerichtsbeschluss für das Abhören einer Telefonleitung zu bekommen. Glaub mir, es würde meinen Job um einiges einfacher machen, wenn wir die Leute auf diese Art beobachten könnten, wann zum Teufel wir wollen, doch das können wir nicht. Es gibt Gesetze, Remy.«

»Du glaubst, diese Typen kümmern sich um Gesetze?«

»Welche Typen?«

»Vermutlich eine Schattengruppe, die sich hinter der nationalen Sicherheit versteckt, so wie sie es alle machen.«

»Schattengruppe?«

Remy schenkt mir ein neckisches Grinsen. »Mein Aluhut sitzt zu eng, nicht wahr?«

»Ein bisschen.«

»Hey, man weiß nie«, sagt sie mit einem Augenzwinkern, »weißt du?«

»Komm schon, glaubst du wirklich, dass die Regierung uns beobachtet?«

»Nun, nein. Aber es ist nicht so, dass so etwas noch nie passiert wäre. Schau dir an, was die Stasi damals in Ostdeutschland gemacht hat. Und das war vor Jahren. Mit der Technologie, die heutzutage zur Verfügung steht …«

Du darfst das Telefon im Haus nicht benutzen. Sie beobachten dich.

»Wir sind hier nicht in Ostdeutschland.«

»Unwichtig, wir sind alle Menschen. Dieselben Fehler, dieselben Schwächen, dieselbe Anfälligkeit für Korruption und Machtmissbrauch.«

»Das zumindest ist auf jeden Fall wahr.«

Diesmal ist es Remy, die mit den Schultern zuckt, und ihre Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf den Fernseher. Der örtliche Wetterbericht wird nun von einer selbstbewussten blonden Meteorologin in einem hautengen Kleid präsentiert. Sie erinnert mich an eine riesige, unförmige Zitrone.

»Schatz?«, fragt Remy unvermittelt.

Ich sehe zu ihr hin. Sie wirkt besorgt.

»Ist mit dir alles in Ordnung?«

»Ja, ich … mir geht’s gut. Nur ein bisschen müde, das ist alles.«

Sie lächelt und klopft neben sich auf das Sofa.

»Um ehrlich zu sein, Süße, würde ich die Nachrichten heute Morgen gern überspringen, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Oh. Okay.«

»Ich glaube, ich gehe heute ein bisschen früher duschen als sonst. Ich habe einen langen Arbeitstag vor mir und bin mit dem Papierkram im Rückstand.«

»Du kommst heute Abend aber nicht später, oder?«

»Habe ich nicht vor.«

»Gut«, sagt sie und lächelt wieder. »Ich mache uns eine Hühnchenpfanne zum Abendessen.«

»Klingt großartig«, lasse ich sie wissen, während ich zur Treppe gehe.

Doch sie steht schon wieder im Bann des Fernsehers, und ich bin unter die Wellen geglitten, die mich neuerdings umgeben. Wellen, die mich unter die Oberfläche ziehen, wo sie sicherlich beabsichtigen, mich zu ersäufen.

Während ich die Treppe hinaufsteige, versuche ich, mich davon zu überzeugen, dass man sich wegen des seltsamen Mannes im Garten keine Sorgen machen muss.

Ich versage. Elendig.

***

Das einzige Fenster im Badezimmer liegt zum Garten hin. Ich stehe davor, beobachte die Feuerstelle, die Stühle und den Zaun, als könnten sie sachdienliche Hinweise über das liefern, was zur Hölle da draußen vorhin passiert ist. Der Dampf aus der Dusche verschlingt mich, verschleiert den Spiegel über dem Waschbecken und füllt den Raum mit geisterhaftem Nebel. Ich möchte mich in ihm verstecken, doch das wäre nur ein falscher Trost, keinesfalls ein Ausweg. Der Gedanke daran, wie schwierig ein Leben auf Messers Schneide ist, verklingt in meinem Kopf wie das Flüstern in einem leeren Haus, nicht mehr als der Nachhall unbeantworteter, stummer Gebete.

Es gibt nichts, was du tun kannst, Cam. Es gibt nichts, was irgendjemand tun kann.

Ich drehe mich vom Fenster weg und betrachte mein verzerrtes Abbild im Spiegel. Ich sehe so alt aus, so müde. Ja, das ist es, müde– hoffnungslos und unwiderruflich müde – und das lässt mich an den jungen Mann und die schwarzen Ringe unter seinen Augen denken. Sein Gesicht erscheint vor mir und verblasst dann wieder. Und doch bleibt er zurück, denn er ist niemals wirklich gegangen.

Ich stehe nackt vor der Tür der Duschkabine, gehe hinein und stelle mich unter den heißen Wasserstrahl. Es fühlt sich gut auf meinen verspannten Muskeln an, pulsiert auf meinem steifen Nacken und fließt über meine Schulterblätter, also gebe ich mich dem vollkommen hin.

»Was passiert mit mir?« Ich murmele die Worte, doch das Wasser, das über meinen gesenkten Kopf und an meinem offenen Mund vorbeifließt, verwischt meine Laute. »Bin ich wach?«

Ich fühle eine plötzliche Enge in meiner Brust und frage mich, ob ich einen Herzinfarkt bekomme. Wenn man die 40 erst überschreitet, dann befürchtet man so etwas. Ich sage mir, es sind vermutlich Blähungen oder es ist einfach nur Stress, da ich unter keinem der anderen Symptome leide, von denen alle immer sagen, man hätte sie in so einem Fall. Kein kribbelndes Gefühl, keine Atemlosigkeit oder plötzlichen Schweißausbrüche, kein Schmerz, der meinen linken Arm hinunterschießt, keine Kieferschmerzen, nur dieser Druck auf meiner Brust, als ob jemand mit seinem ganzen Gewicht darauf säße. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, gebe ich ein gewaltiges Rülpsen von mir. Das baritone Geräusch hüpft über die Wände der Dusche und hallt um mich herum nach.

Der Druck lässt nach, und bis ich aus der Dusche getreten bin, um mich abzutrocknen, ist es ganz verschwunden. Doch als ich nach dem Handtuch greife, das nur einen Schritt entfernt auf der Stange hängt, sehe ich, dass mein Handrücken rot verschmiert ist. Ich hebe beide Hände näher ans Gesicht. Meine Knöchel sind wundgescheuert und blutig und sehen aus, als hätte ich gegen eine zementierte Wand geschlagen.

Geschockt und verwirrt darüber, wie ich das zuvor nicht bemerken konnte, gehe ich zum Waschbecken, stelle das warme Wasser an und greife nach dem Stück Seife auf der Ablage. Meine Hand erstarrt über der Seifenschale, dann beginnt sie zu zittern.

Die Schnitte und das Blut sind verschwunden. Wie ein Wahnsinniger inspiziere ich meine andere Hand. Sie ist in Ordnung. Ich trete vom Waschbecken zurück und lasse mich auf die Toilette fallen.

Ich sitze auf dem geschlossenen Deckel, tropfe den Boden voll, starre meine Hände an und konzentriere mich, so sehr ich kann. Einen Augenblick später hört das Zittern auf.

Der Spiegel ist durch den Dampf vollkommen beschlagen, doch irgendwo in dem ganzen verschwommenen Chaos kann ich den vagen Umriss meines Körpers im Spiegel erkennen.

Nicht ganz ich, aber etwas Ähnliches … nahe dran …

Und über meinem Abbild, mit einem Finger auf den beschlagenen Spiegel geschrieben, steht ein perfekt lesbarer Satz.

Etwas Schlimmes wird passieren.

KAPITEL ZWEI

Nach einem dreißigminütigen Arbeitsweg nach Boston parke ich nicht weit von der South Station auf einem Stellplatz, den unsere Abteilung benutzt, dann laufe ich die verbleibenden drei Blocks bis zu meinem Büro. Ich zwinge mich dazu, mir einzugestehen, dass die Schrift auf dem Spiegel nur von mir selbst stammen konnte. Anscheinend habe ich vergessen, dass ich das schrieb, oder blendete es irgendwie aus. Es gibt keine andere vernünftige Erklärung. Ich verliere meinen Halt in der Realität, und es wird schlimmer. Darum geht es. Ich fühle mich wie ein Dieb, der versucht, möglichst unauffällig und unentdeckt durch die Welt zu schlüpfen, und doch die ganze Zeit weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man ihn schnappt. Und ich weiß, Remy ist misstrauisch geworden und beginnt, sich Sorgen zu machen. Sie bemerkt die Zeichen, die Veränderungen an mir, und ich werde nicht mehr lange in der Lage sein, sie da rauszuhalten.

Die kühle Morgenluft ist erfrischend, und der Spaziergang tut mir gut, gibt mir Zeit, mich zu sammeln und auf den Tag vorzubereiten, der vor mir liegt. Alles, was auf mich wartet, sind acht Stunden, in denen ich durchhalten und so tun muss, als wäre alles gut, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Das ist mir mittlerweile nur zu bewusst, doch es gibt verdammt noch mal nichts, was ich dagegen tun kann.

Wann hat das alles angefangen? Ich bin nicht immer so gewesen, doch ich weiß nicht mehr, wann mein Niedergang begann. Es ist einfach … passiert. Ohne Vorwarnung oder mir bekanntem Grund. Ist das überhaupt möglich? Verlieren Menschen einfach den Verstand und gleiten von einem Moment auf den anderen grundlos in den Wahnsinn ab?

Ich hatte mich stets gefragt, ob wahnsinnige Menschen wussten, dass sie verrückt waren. Ich vermute, viele haben überhaupt keine Ahnung, doch vielleicht kommt die später. Vielleicht ist der tatsächliche Prozess des Verstandsverlierens für jeden anders. Ich kann spüren, wie ich mich selbst verliere, und mit jedem vergehenden Tag werde ich mir fremder. Noch schlimmer ist aber das allgegenwärtige Gefühl, ich würde langsam von jemand anderem übernommen. Er sieht aus und klingt wie ich, doch er ist nicht ich. Er ist jemand anderes. Jemand, den ich nicht kenne. Und ich kann ihn nicht aufhalten.

Mit dem Aktenkoffer in der Hand eile ich über die Straße, zwinge dabei Autos zum Anhalten und gehe durch die Doppelglastüren meines Bürogebäudes. Nachdem ich eine kleine Lobby durchquert habe, warte ich auf den Fahrstuhl, zusammen mit zwei Leuten, die ebenfalls im Gebäude arbeiten, jedoch nicht in meiner Abteilung. Wir wechselten noch niemals ein Wort miteinander. Unsere Interaktionen beschränken sich stets auf das Wesentliche: ein leichtes Nicken, gefolgt von einem unverbindlichen Lächeln, und dann die stille Fahrt zu unseren Stockwerken. Mein Büro ist ein Trabant, ein Zweig des Büros für öffentliche Sicherheit, und befindet sich im sechsten Stock eines unauffälligen Regierungsgebäudes im Außenbezirk der Stadt. Es ist ein kleines Büro (und eines von wenigen anderen in diesem Staat), das darauf spezialisiert ist, registrierte Sexualstraftäter zu registrieren und aufzuspüren. Unser Büro beherbergt sechs Sachbearbeiter (inklusive mir) und unsere Vorgesetzte, Rosalind Calhoun.

Das Büro ist auf das Nötigste reduziert, doch ich verbringe ohnehin mehr Zeit im Außendienst als hinter meinem Schreibtisch. Meine persönlichen Vorlieben bestimmen, wie ich diesen Job mache. Das variiert von Angestelltem zu Angestelltem. Auch wenn die Abläufe, denen wir folgen müssen, in Stein gemeißelt sind und niemals legal variieren können, hat trotzdem jeder seinen eigenen Stil, wenn es darum geht, diese Vorgänge am besten umzusetzen und die Arbeit zu erledigen.

Ich habe meinen Schreibtisch noch nicht mal erreicht, als mich Rosalind in ihr Büro winkt.

Ihr beengter, unaufgeräumter Arbeitsplatz ist im Wesentlichen ein kleiner Glaswürfel, der sich im hinteren Teil des Büros befindet. Da Rosalind bekanntermaßen unausstehlich ist, bevor sie ihre ersten paar Tassen Kaffee getrunken hat, ist es niemals ein gutes Zeichen, morgens als Erstes in ihr Büro gerufen zu werden. Als sie die Tür hinter mir schließt, weiß ich, dass es sogar noch schlimmer ist.

»Morgen«, sage ich in einem Tonfall, von dem ich hoffe, dass er freundlich klingt. »Was gibt’s?«

»Setz dich«, sagt Rosalind monoton und deutet auf einen der Stühle vor ihrem Schreibtisch. »Wir müssen uns mal kurz unterhalten.«

Ohne mir in die Augen zu sehen, geht sie um ihren ledernen Bürostuhl mit dem hohen Rücken herum und lässt sich mit einem Seufzen hineinfallen. Sie ist in ihren Mittfünfzigern und arbeitet seit über dreißig Jahren für verschiedene Regierungsbehörden, die letzten zwanzig Jahre in dieser Speziellen. Sie ist geschieden, hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder und lebt mit ihrem Lebensgefährten in der Nähe von Revere. Mit Ausnahme einer vierjährigen Dienstzeit beim Militär hat sie ihr gesamtes Erwachsenenleben in verschiedenen Positionen als öffentliche Angestellte des Staates gearbeitet. Obwohl wir die letzten zwölf Jahre miteinander arbeiteten, verkehren wir, mit Ausnahme von gelegentlichen, abteilungsbezogenen Veranstaltungen oder Weihnachtsfeiern, nie privat miteinander. Außerhalb des Büros ist sie also eine völlig Fremde für mich. Als Vorgesetzte ist sie jedoch fair und effektiv und obendrein jemand, mit dem ich auf professioneller Ebene immer gut zurechtkam.

Meine Hoffnung ist, dass ihr Bedürfnis mich zu sehen mit einem neuen Fall, mit unsachgemäß eingereichtem Papierkram oder etwas ähnlich Banalem zusammenhängt. Doch als sie immer noch keinen Augenkontakt herstellt, sondern zu einem Stift auf ihrem Schreibtisch greift und mit ihm wiederholt gegen ihre Schreibunterlage tippt, weiß ich, dass mehr dahintersteckt. Weil sie das nur tut, wenn sie etwas Ernstes zu besprechen hat oder es an der Zeit ist, einen gewaltigen Arschtritt auszuteilen. Ich werfe einen kurzen Blick über meine Schulter. Obwohl alle anderen inzwischen eingetroffen sind, sieht niemand in unsere Richtung.

»Wie geht’s dir so, Cam?« In Rosalinds Stimme schwingt etwas mit, das nur als Warnung aufgefasst werden kann.

»Mir geht’s gut.«

»Nein. Ich mein’s ernst.« Ihre dunklen Augen treffen endlich die meinen. »Wie geht es dir?«

»Roz, mir geht’s gut«, versichere ich ihr. »Warum?«