Wuthering Heights. Sturmhöhe (Deluxe Edition) - Emily Brontë - E-Book

Wuthering Heights. Sturmhöhe (Deluxe Edition) E-Book

Brontë Emily

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Beschreibung

Dies ist die originale und vollständige Ausgabe der düsteren Geschichte von Liebe, Hass, Rache und Leidenschaft, die in den Mooren von Yorkshire im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts spielt. Das Buch erzählt über drei Generationen hinweg die Geschichte der Familien Earnshaw und Linton. Im Zentrum der Handlung stehen der wilde und etwas unheimliche Heathcliff, ein vom alten Earnshaw aufgenommenes Findelkind, und die junge freiheitsliebende Catherine Earnshaw, Heathcliffs Stiefschwester. Die beiden wachsen gemeinsam auf und fühlen sich von Beginn an auf besondere Weise miteinander verbunden. Doch eines Tages macht der junge Edgar Linton, Sohn einer angesehenen Landadelsfamilie, vom nahegelegenen Anwesen Thrushcross Grange der mittlerweile sechzehnjährigen Catherine einen Heiratsantrag. Die junge Frau trifft eine verhängnisvolle Entscheidung mit schicksalhaften Folgen... "Wuthering Heights" ist der einzige Roman der britischen Schriftstellerin Emily Brontë (1818-1848). Er erschien im englischen Original 1847, wurde allerdings ursprünglich unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlicht. Die Geschichte einer nicht gelebten Liebe zählt heute zu den Klassikern englischer Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. In der drastischen Darstellung menschlicher Abseiten erinnert die Handlung an die Dramen Shakespeares. Vor allem mit der schwer zu fassenden Figur des Heathcliff hat Emily Brontë die Literaturwelt um einen faszinierenden Antihelden bereichert. Die dramatische Geschichte wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2026 in einer unter Fans der Geschichte umstrittenen Version, da sich der Film nur relativ lose am Original (wie es in der hier angebotenen Ausgabe vorliegt) orientiert. DELUXE EDITION Es handelt sich hier um die „Deluxe Edition“, die mit umfangreichem Zusatzmaterial ausgestattet ist und damit wohl die umfassendste Ausgabe von „Wuthering Heights“, die derzeit existiert. Neben einem Essay von Virginia Woolf und einem einleitenden Vorwort des Herausgebers sowie einer detaillierten Biografie von Emily Brontë wartet die Deluxe Edition mit folgendem Zusatzmaterial auf: - Ein ausführliches Figurenverzeichnis charakterisiert die auftretenden Figuren und setzt sie zueinander ins Verhältnis. - Ein dekorativer und im viktorianischen Stil gehaltener Stammbaum gibt einen Überblick über die Familien Earnshaw und Linton sowie deren familiärer Verflechtungen. - Eine Zeittafel gibt einen chronologischen Überblick der Geschehnisse. - Eine Kurzzusammenfassung komprimiert im Anschluss noch einmal die wesentliche Handlung der Geschichte. - Es werden das Setting und mögliche reale Vorbilder für die Schauplätze im Roman erörtert. - Eine Analyse der Erzählperspektive erklärt die komplexe Erzählstruktur und das Verhältnis von Rahmen- und Binnenerzählung. - In einem umfassenden Beitrag werden alle wesentlichen Themen und Motive eingehend dargestellt. - In einer ausführlichen und fundierten Analyse werden die für den Roman sehr wichtigen Aspekte des Eigentums und Erbrechts juristisch in den historischen Kontext eingeordnet und erklärt. - Es werden die Einflüsse der Romantik und der Gothic-Tradition auf den Roman von Emily Brontë herausgestellt. - Die Veröffentlichungs- und die Rezeptionsgeschichte von „Wuthering Heights“ werden beleuchtet. - Es werden verschiedene Interpretationsansätze zu dem Roman vorgestellt. - Zudem gibt es abschließend Auflistungen zu verschiedenen Übersetzungen des Romans ins Deutsche, zu Illustrationen des Romans, zu Adaptionen des Romans, zu von „Wuthering Heights“ inspirierten Werken sowie zu weiterführender Literatur und Dokumentation. Mit der „Deluxe Edition“ aus dem apebook Verlag haben Leserinnen und Leser die Möglichkeit, sich selbst bis zu einem gewissen Grad zu Expertinnen und Experten dieses zeitlosen Romans zu machen.

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Seitenzahl: 717

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Emily Brontë

Wuthering Heights

 

Sturmhöhe

 

ROMAN

 

 

In der Übersetzung

von

 

Alfred Wolfenstein

 

 

 

 

Mit einem Essay

von

 

Virginia Woolf

 

 

und

 

einem Vorwort

von

 

T. Kurth

 

 

WUTHERING HEIGHTS wurde im englischen Original zuerst veröffentlicht von Thomas Cautley Newby, London 1847

Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von: apebook

© apebook Verlag, Essen (Germany)

www.apebook.de

 

V 1.0 (2026)

Anmerkungen zur Transkription: Der Text der vorliegenden Ausgabe folgt der Übersetzung aus dem Jahr 1941 von Alfred Wolfenstein (1883-1945). Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitestgehend beibehalten und nicht der heutigen Schreibweise angeglichen.

 

ISBN 978-3-96130-729-6

 

Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de

Alle verwendeten Bilder und Illustrationen sind – sofern nicht anders ausgewiesen – nach bestem Wissen und Gewissen frei von Rechten Dritter, bearbeitet von SKRIPTART.

Alle Rechte vorbehalten.

© apebook 2026

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

WUTHERING HEIGHTS. Sturmhöhe

Impressum

Biografie von Emily Brontë

Vorwort

WUTHERING HEIGHTS

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

Zusatzmaterial

Figurenverzeichnis

Familienstammbaum der Earnshaws und Lintons

Zeitliche Abfolge der Geschehnisse

Kurzzusammenfassung des Inhalts

Setting von »Wuthering Heights«

Erzählperspektive in »Wuthering Heights«

Themen und Motive in »Wuthering Heights«

Eigentum und Erbrecht in »Wuthering Heights«

Romantik und Gothic in »Wuthering Heights«

Veröffentlichungsgeschichte von »Wuthering Heights«

Rezeptionsgeschichte von »Wuthering Heights«

Interpretationen von »Wuthering Heights«

Übersetzungen von »Wuthering Heights« ins Deutsche

Illustrationen zu »Wuthering Heights«

Adaptionen von »Wuthering Heights«

Von »Wuthering Heights« inspirierte Werke

Weiterführende Literatur und Dokumentation

Virginia Woolf: »Jane Eyre« und »Wuthering Heights« (Essay)

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Zu guter Letzt

Biografie von Emily Brontë

 

Emily Brontë wurde am 30. Juli 1818 als Tochter von Maria Branwell, der Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und Grundbesitzers aus Penzance, und Patrick Brontë, einem Vikar aus einer verarmten irischen Familie, geboren. Die Familie Brontë lebte in der Market Street in Thornton, einem Dorf am Rande von Bradford, im West Riding of Yorkshire. Ihr Haus ist heute für die Öffentlichkeit zugänglich und als Brontë Birthplace bekannt.

Emily war das fünfte von sechs Geschwistern, vor ihr kamen Maria, Elizabeth, Charlotte und Branwell. Im Jahr 1820 wurde Anne, das letzte Kind der Familie Brontë, geboren. Kurz nach Annes Geburt zog die Familie 12 Meilen (19 km) entfernt in das Dorf Haworth in den Pennines, wo Patrick Brontë eine Anstellung als ewiger Vikar annahm. Haworth war eine kleine Gemeinde mit einer ungewöhnlich hohen Kindersterblichkeitsrate. Im Jahr 1850 berichtete Benjamin Herschel Babbage von äußerst unhygienischen Zuständen, darunter die Verunreinigung der Wasserversorgung des Dorfes durch den überfüllten Friedhof in der Nähe. Es wird angenommen, dass dies schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit von Emily und ihren Geschwistern hatte.

 

Kindheit

Cowan Bridge School

Am 15. September 1821 verstarb Maria Branwell nach langer Krankheit, die ihrer Krankenschwester zufolge Gebärmutterkrebs gewesen sein soll. Ihre Schwester, Elizabeth Branwell, war in den Haushalt gekommen, um sie zu pflegen, und blieb dort, um sich um die dreijährige Emily und ihre Geschwister zu kümmern. Elizabeth Branwell war nicht besonders mütterlich und nahm ihre Mahlzeiten ebenso wie Patrick Brontë allein ein. In Elizabeth Gaskells Biografie über Charlotte Brontë wird sie als strenge Disziplinarin dargestellt, aber Nick Holland schreibt in seiner Biografie über sie, dass sie auch eine liebevolle und unterstützende Seite hatte.

1824 wurden Emily und ihre drei älteren Schwestern in die neu eröffnete Clergy Daughters' School in Cowan Bridge geschickt. Bei ihrer Aufnahme hieß es im Schulregister über Emily, dass sie »sehr schön liest und ein wenig arbeitet«. Mit sechs Jahren war sie die jüngste Schülerin, und der Schulleiter beschrieb sie als »das Lieblingkind der Schule«. Die Kinder litten in Cowan Bridge unter schweren Entbehrungen, darunter schlechte und unzureichende Ernährung, unhygienische Bedingungen, strenge Disziplin und häufige Ausbrüche von Infektionskrankheiten wie Typhus und Tuberkulose. Im Jahr 1825 erkrankten Maria und Elizabeth nach einem Ausbruch von Typhus und wurden nach Hause geschickt, wo sie innerhalb von drei Monaten nacheinander an Tuberkulose starben. Danach wurden Charlotte und Emily von ihrem Vater nach Haworth zurückgebracht. Die Kinder wurden anschließend zu Hause unterrichtet und von ihrer Tante Elizabeth Branwell, die ihre Pläne, nach Penzance zurückzukehren, aufgegeben hatte, und der Hausangestellten Tabby Ackroyd betreut.

 

Frühe Einflüsse

Die Brontë-Kinder wurden von ihrem Vater und ihrer Tante ermutigt, ihre literarischen Talente zu entwickeln und sich für Politik und aktuelle Ereignisse zu interessieren. Mädchen war der Zugang zur öffentlichen Bibliothek nicht gestattet, aber Branwell lieh sich Bücher aus, die er mit seinen Schwestern teilte, und Patrick Brontë verfügte über eine große persönliche Bibliothek, zu der er seinen Kindern Zugang gewährte. So lasen Emily und ihre Geschwister eine Vielzahl von Veröffentlichungen, darunter Bücher, Zeitschriften und Magazine. Zu ihren Favoriten gehörten: Aesops Fabeln, Tausendundeine Nacht, Walter Scotts Geschichten eines Großvaters und Blackwood's Magazine, sowie Oliver Goldsmiths Geschichte Englands und J. Goldsmiths Grammatik der allgemeinen Geographie. 1833 oder 1834 kaufte Patrick Brontë ein Klavier, und Emily lernte, es meisterhaft zu spielen. Die Brontë-Kinder erhielten außerdem Unterricht in Zeichnen und Malen sowie in Latein und den klassischen Sprachen. Sie waren mit den Werken von Thomas Bewick und John Martin, den Stichen von William Finden und den Illustrationen aus The Literary Souvenir vertraut. Es sind 29 Zeichnungen und Gemälde von Emily bekannt, darunter ein Aquarell ihres Hundes Keeper.

Trotz seines Wunsches, seinen Kindern eine möglichst umfassende Ausbildung zu ermöglichen, war Patrick Brontë selbst kalt und emotional distanziert und zeigte eine Reihe ausgeprägter Exzentrizitäten, wie zum Beispiel, dass er stets eine geladene Waffe bei sich trug und dem Haushalt eine Reihe eigenwilliger persönlicher Regeln auferlegte. Elizabeth Gaskells Biografie über Charlotte beschreibt ihn als zu gewalttätigen Wutausbrüchen neigend, der einmal ein Kleid seiner Frau zerschnitt, weil er der Meinung war, es fördere die Eitelkeit, und seinen Kindern verbot, Fleisch zu essen, damit sie nicht zu sehr auf körperliches Wohlbefinden fixiert würden, obwohl Patrick dies selbst bestritt und Gaskells Darstellung heute allgemein als Übertreibung angesehen wird. Er hatte seinen irischen Akzent beibehalten, den auch seine Kinder hatten, was dazu beitrug, dass sie als Außenseiter wahrgenommen wurden und nie ganz in die Gemeinschaft von Yorkshire passten. Eine Frau aus der Gegend erzählte Elizabeth Gaskell später, dass die Brontë-Kinder keine Freunde im Dorf hatten und einmal, als sie zu einer Party eingeladen wurden, keine Ahnung von den Spielen hatten, die ihre Altersgenossen spielten. Auf sich allein gestellt, standen sich die Geschwister ungewöhnlich nahe, insbesondere Emily und Anne, die von einer Freundin der Familie, Ellen Nussey, als »wie Zwillinge« beschrieben wurden.

 

Jugendwerke

Inspiriert von einer Schachtel mit Spielzeugsoldaten, die Branwell Brontë von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, begannen die Kinder, Geschichten zu schreiben, die in den komplexen imaginären Welten von Glass Town und Angria spielten. Diese Geschichten, die immer detaillierter wurden, wurden zunächst von diesen Soldaten (von den Kindern als »die jungen Männer« oder »die Zwölf« bezeichnet) sowie ihren realen Helden, dem Herzog von Wellington und seinen Söhnen Charles und Arthur Wellesley, bevölkert. Die Geschwister schufen kleine Bücher, die die Soldaten »lesen« konnten und von denen einige im Brontë Parsonage in Haworth ausgestellt sind, und im Dezember 1827 schrieben sie einen Roman mit dem Titel Glass Town. Von Emilys Werken aus dieser Zeit ist nur wenig erhalten geblieben, mit Ausnahme von Gedichten, die von Figuren vorgetragen wurden.

 

Emilys Gondal-Gedichte

Als Emily dreizehn Jahre alt war, zogen sie und Anne sich aus der Angria-Geschichte zurück und begannen eine neue über Gondal, eine fiktive Insel, deren Mythen und Legenden die beiden Schwestern ihr ganzes Leben lang beschäftigen sollten. Mit Ausnahme ihrer Gondal-Gedichte und Annes Listen mit Gondals Figuren und Ortsnamen sind Emilys und Annes Gondal-Schriften größtenteils nicht erhalten geblieben. Zu den erhaltenen Schriften gehören einige »Tagebuchaufzeichnungen«, die Emily in ihren Zwanzigern verfasste und in denen sie aktuelle Ereignisse in Gondal beschrieb. Die Helden von Gondal ähnelten tendenziell dem populären Bild des schottischen Highlanders, einer Art britischer Version des »edlen Wilden«. In den Geschichten von Gondal kommt auch eine Königin namens Augusta Geraldine Almeda vor, deren Charakter einige Ähnlichkeiten mit Catherine Earnshaw in Wuthering Heights aufweist. Ähnliche Themen wie Romantik und edle Wildheit finden sich in den Jugendwerken der Brontës, darunter auch in Branwells »The Life of Alexander Percy«, das die Geschichte einer alles verzehrenden, todesmutigen und letztlich selbstzerstörerischen Liebe erzählt und nach Meinung einiger eine der Inspirationsquellen für »Wuthering Heights« gewesen sein könnte.

 

Erwachsenenalter

Versuche als Lehrerin

Mit siebzehn Jahren kam Emily auf die Roe Head Girls' School, wo Charlotte als Lehrerin tätig war. Dies war das erste Mal seit ihren wenigen Monaten in Cowan Bridge, dass Emily eine Schule besuchte. Zu dieser Zeit war es das Ziel der Mädchen, eine ausreichende Ausbildung zu erhalten, um eine eigene kleine Schule zu eröffnen. Emily hatte Schwierigkeiten, sich an das Leben in Roe Head zu gewöhnen, und verließ die Schule nach nur wenigen Monaten, wobei Anne ihren Platz einnahm. Später führte Charlotte dies auf Emilys extremes Heimweh und ihren Widerstand gegen die Routine und Disziplin der Schule zurück und erklärte, sie habe befürchtet, Emily wäre gestorben, wenn sie nicht nach Hause hätte zurückkehren dürfen.

Im September 1838, als sie zwanzig Jahre alt war, wurde Emily Lehrerin an der Law Hill School in der Stadt Halifax in Yorkshire. Ihre Gesundheit litt unter dem Stress des siebzehnstündigen Arbeitstages, und sie konnte sich nicht für ihre Schüler begeistern, da sie die Gesellschaft des Haushundes bevorzugte. Sie schrieb jedoch weiter und verfasste in dieser Zeit mehrere Gedichte. Im April 1839 kehrte sie nach Haworth zurück und unterstützte die Hausangestellten ihrer Familie beim Kochen, Bügeln und Putzen. Sie brachte sich anhand von Büchern Deutsch bei, spielte Klavier und entwickelte sich zu einer versierten Pianistin. Darüber hinaus arbeitete sie weiter an ihren Gondal-Geschichten. Diese sind als Gedichtsammlung erhalten geblieben, von denen viele ihr Interesse an tragischen, byronischen Figuren widerspiegeln, die der Erschaffung von Heathcliff vorausgingen.

 

Brüssel

1842, als sie vierundzwanzig Jahre alt war, begleitete Emily Charlotte zum Studium an das Heger Pensionnat, ein Mädcheninternat in Brüssel, wo Charlotte sechs Monate lang ihr Französisch, Italienisch und Deutsch verbessern wollte. Charlottes weiterer Plan war es, dass sie sich im Ausland eine Anstellung suchen sollten, obwohl sie diesen Plan nur Emily mitteilte. Ihre Schulgebühren und Reisekosten wurden von ihrer Tante Branwell übernommen, und einige Freunde der Familie, die Jenkinses, hatten versprochen, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Die Familie Jenkins war zunächst sehr gastfreundlich, lud die Schwestern jedoch bald nicht mehr ein, da sie Charlotte als sozial unbeholfen und Emily als wortkarg empfanden.

Charlotte und Emily fügten sich auch in der Schule nicht ohne Weiteres ein: Sie waren deutlich älter als ihre Mitschülerinnen, hatten Schwierigkeiten mit dem Unterricht, der auf Französisch abgehalten wurde, und gehörten zu einer sehr kleinen Minderheit von Protestanten im Pensionnat.

Im Gegensatz zu Charlotte, die sich bemühte, akzeptiert zu werden, und ihren Kleidungsstil änderte, um sich besser unter ihren Altersgenossinnen einzufügen, war Emily in Brüssel unglücklich und wurde von den anderen Schülerinnen verspottet, weil sie sich weigerte, die belgische Mode zu übernehmen. Eine Mitschülerin, Laetitia Wheelwright, sagte über sie:

Ich mochte sie von Anfang an einfach nicht; ihre große, ungeschickte, schlecht gekleidete Gestalt ... sie antwortete auf unsere Witze immer mit »Ich möchte so sein, wie Gott mich geschaffen hat«.

Constantin Heger, der Leiter der Akademie, schätzte Emily sehr und sagte später zu Mrs. Gaskell, dass er ihren Intellekt als »noch höher« als den von Charlotte einschätzte:

Sie hätte ein Mann sein sollen – eine große Seefahrerin. Ihr scharfsinniger Verstand hätte aus dem Wissen der Alten neue Entdeckungsgebiete abgeleitet, und ihr starker, gebieterischer Wille hätte sich niemals von Widerständen oder Schwierigkeiten einschüchtern lassen, niemals nachgegeben. Sie hatte einen logischen Verstand und eine Argumentationsfähigkeit, die selbst für einen Mann ungewöhnlich und für eine Frau noch seltener war ... Beeinträchtigt wurde diese Gabe durch ihre hartnäckige Willensstärke, die sie gegenüber allen Argumenten unempfänglich machte, wenn es um ihre eigenen Wünsche oder ihr eigenes Rechtsempfinden ging.

Aus dieser Zeit sind weniger als ein Dutzend von Emilys Französischaufsätzen erhalten geblieben, von denen die meisten auf bestehenden literarischen Werken basieren, die von Constantin Heger ausgewählt worden waren. Die beiden Schwestern widmeten sich intensiv ihrem Studium und hatten am Ende des Semesters so gute Französischkenntnisse erworben, dass Madame Heger, die Frau von Constantin Heger, vorschlug, dass sie beide ein weiteres halbes Jahr bleiben sollten. Laut Charlotte bot sie sogar an, den Englischlehrer zu entlassen, damit Charlotte seinen Platz einnehmen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war Emily bereits eine kompetente Pianistin und Lehrerin geworden, und es wurde vorgeschlagen, dass sie bleiben und Musik unterrichten könnte. Auf diese Weise hätten die Schwestern ihre Ausbildung im Pensionnat fortsetzen können, ohne für Unterkunft und Unterricht bezahlen zu müssen. Emilys erste Schülerinnen in Brüssel waren die drei jungen Töchter einer einheimischen Familie, die Wheelwrights. Die Familie mochte Charlotte, lehnte Emily jedoch entschieden ab. Laetitia Wheelwright erklärte später, dies liege daran, dass Emily sich weigerte, die kleinen Kinder während ihrer eigenen Schulstunden zu unterrichten, und so ihre Spielzeit monopolisierte. Trotzdem scheint Emily in dieser Zeit glücklicher gewesen zu sein und sogar eine Freundin gefunden zu haben: die sechzehnjährige belgische Studentin Louise de Bassompierre, der Emily eine signierte Zeichnung schenkte.

Leider zwangen die plötzliche Erkrankung und der Tod ihrer Tante Elizabeth Branwell die Schwestern zur Rückkehr nach Haworth. Ein Brief von Constantin Heger an Patrick Brontë, in dem er darum bittet, die Mädchen mögen nach Brüssel zurückkommen, verrät, dass Emily kurz davor stand, Musikunterricht bei einem berühmten Lehrer zu erhalten, und endlich ihre soziale Unbeholfenheit überwinden konnte. Trotzdem blieb sie in Haworth, um die Führung des Haushalts zu übernehmen, während Charlotte ohne sie nach Brüssel zurückkehrte. 1844, nach Charlottes Rückkehr, versuchten die Schwestern, eine Schule im Pfarrhaus zu eröffnen, doch das Vorhaben scheiterte, da es ihnen nicht gelang, Schüler für die abgelegene Gegend zu gewinnen.

 

Veröffentlichungen von Gedichten

Im Februar 1844 begann Emily, alle Gedichte, die sie geschrieben hatte, durchzugehen und sie in zwei Notizbücher zu übertragen.

Ein Notizbuch trug den Titel »Gondal Poems«, das andere hatte keinen Titel. Wissenschaftler wie Fannie Ratchford und Derek Roper haben versucht, aus diesen Gedichten eine Gondal-Handlung und -Chronologie zusammenzusetzen. Im Herbst 1845 entdeckte Charlotte die Notizbücher und bestand darauf, die Gedichte zu veröffentlichen. Emily war über die Verletzung ihrer Privatsphäre empört und lehnte dies zunächst ab, gab jedoch laut Charlotte nach, als Anne ihre eigenen Manuskripte hervorholte und offenbarte, dass auch sie heimlich Gedichte geschrieben hatte. Zu dieser Zeit schrieb Emily eines ihrer berühmtesten Gedichte, »No coward soul is mine« (Keine feige Seele ist meine). Einige Literaturkritiker vermuten, dass es sich um ein Gedicht über Anne Brontë handelt, während andere es als Reaktion auf die Verletzung ihrer Privatsphäre sehen. Charlotte behauptete später, es sei Emilys letztes Gedicht gewesen, was jedoch nicht zutrifft. Obwohl es das letzte Gedicht war, das in Emilys Reinschriftheft übertragen wurde, schrieb sie weiterhin Gedichte, konzentrierte jedoch den Großteil ihrer kreativen Energie auf Prosa.

1846 wurden die Gedichte der Schwestern auf eigene Kosten von einem kleinen Londoner Verlag namens Aylott & Jones veröffentlicht. Die Gedichte erschienen zusammen in einem Band mit dem Titel Poems by Currer, Ellis, and Acton Bell. Auf Drängen von Emily und Anne nahmen die Brontë-Schwestern Pseudonyme für die Veröffentlichung an, wobei sie ihre Initialen beibehielten: So wurde Charlotte zu »Currer Bell«, Emily zu »Ellis Bell« und Anne zu »Acton Bell«. Charlotte schrieb in der »Biographical Notice of Ellis and Acton Bell«, dass ihre »zweideutige Wahl« »durch eine Art Gewissensbisse diktiert war, eindeutig männliche Vornamen anzunehmen, während wir uns nicht als Frauen zu erkennen geben wollten, weil ... wir den vagen Eindruck hatten, dass Autorinnen mit Vorurteilen betrachtet werden könnten«. Charlotte steuerte neunzehn Gedichte bei, Emily und Anne jeweils einundzwanzig, wobei Emily einige ihrer Beiträge überarbeitete, um ihre Herkunft aus Gondal zu verschleiern.

Obwohl den Schwestern einige Monate nach der Veröffentlichung mitgeteilt wurde, dass nur zwei Exemplare des Buches verkauft worden waren, ließen sie sich nicht entmutigen (von ihren beiden Lesern war einer so beeindruckt, dass er sie um ein Autogramm bat). Ein Rezensent in The Athenaeum lobte Ellis Bells Werk für seine Musikalität und Kraft und hob diese Gedichte als die besten des Buches hervor: »Ellis besitzt einen feinen, urigen Geist und eine offensichtliche Kraft, die Höhen erreichen kann, die hier nicht versucht werden«, und der Rezensent von The Critic erkannte »die Präsenz von mehr Genialität, als man in diesem utilitaristischen Zeitalter für die höheren Übungen des Intellekts erwartet hätte«. Nachdem Charlottes Versuche, weiteres Interesse an den Gedichten zu wecken, erfolglos geblieben waren, schickte sie Exemplare des Buches an berühmte Dichter wie William Wordsworth, Alfred Tennyson, Hartley Coleridge, Thomas de Quincey und Ebenezer Elliot. Anschließend teilte sie Aylott & Jones mit, dass »C, E & A Bell derzeit ein Werk der Belletristik für den Druck vorbereiten – bestehend aus drei unterschiedlichen und unabhängigen Erzählungen, die entweder zusammen als drei Bände in normaler Romanlänge oder separat als Einzelbände veröffentlicht werden können«. Die drei Romane, auf die sie sich bezog, waren The Professor, Wuthering Heights und Agnes Grey.

 

Wuthering Heights

Emily Brontës »Wuthering Heights« wurde erstmals in London von Thomas Cautley Newby veröffentlicht, kurz nach der Veröffentlichung und dem sofortigen Erfolg von Charlotte Brontës »Jane Eyre« im Oktober 1847, das von Smith, Elder & Co. herausgegeben wurde. Thomas Newby, der sich zunächst sehr zurückhaltend gegenüber Emily und Anne gezeigt hatte, erkannte schließlich den Vorteil der familiären Verbindung und veröffentlichte »Wuthering Heights« im Dezember 1847. Der Roman erschien als die ersten beiden Bände einer dreibändigen Reihe, zu der auch Anne Brontës Agnes Grey gehörte. Die Autoren wurden als Ellis und Acton Bell genannt; Emilys richtiger Name erschien erst nach ihrem Tod im Jahr 1850, als er auf der Titelseite einer überarbeiteten kommerziellen Ausgabe abgedruckt wurde.

Der Roman, eine Gothic-Geschichte über verlorene Liebe, Hass, Rache und das Übernatürliche, handelt von den Beziehungen verschiedener Paare in und um das titelgebende Bauernhaus. Trotz seiner Handlung in Yorkshire ist der Roman stark von Emilys Gondal-Schriften sowie von Walter Scotts »Rob Roy« beeinflusst. Kritiker waren verwirrt über die ungewöhnliche Struktur des Romans, und seine Gewalt und Leidenschaft veranlassten die viktorianische Öffentlichkeit und viele frühe Rezensenten zu der Annahme, dass er von einem Mann geschrieben worden sei. Laut Juliet Gardiner »beeindruckte, verwirrte und entsetzte die lebhafte sexuelle Leidenschaft und Kraft seiner Sprache und Bildsprache die Rezensenten«. Der Literaturkritiker Thomas Joudrey kontextualisiert diese Reaktion weiter: »Da sie nach Charlotte Brontës Jane Eyre einen ernsthaften Bildungsroman erwarteten, waren sie stattdessen schockiert und verwirrt von einer Geschichte ungezügelter Urgefühle, voller grausamer Brutalität und regelrechter Barbarei.« Einer der ersten Kritiker des Romans beschrieb im Januar 1848 in der Zeitschrift Atlas alle Figuren des Romans als »absolut verabscheuungswürdig oder durch und durch verachtenswert«, und ein anonymer Rezensent schrieb in The Examiner:

Dies ist ein seltsames Buch. Es mangelt ihm nicht an Anzeichen beträchtlicher Kraft, aber insgesamt ist es wild, verwirrend, unzusammenhängend und unwahrscheinlich; und die Menschen, die das Drama ausmachen, das in seinen Folgen tragisch genug ist, sind Wilde, die noch ungehobelter sind als diejenigen, die vor den Tagen Homers lebten.

Einige gingen sogar so weit, die Urheberschaft des Romans anzuzweifeln. Emily selbst hatte darauf bestanden, ihr Pseudonym beizubehalten, um ihre Privatsphäre zu schützen, und als sie nach ihrem Tod von Charlotte als Autorin von Wuthering Heights genannt wurde, behaupteten zwei Freunde von Branwell Brontë, Branwell sei der wahre Autor des Romans. Es folgte ein anonymer Artikel im People's Magazine, in dem Unglauben darüber zum Ausdruck gebracht wurde, dass ein solches Werk von »einer schüchternen und zurückhaltenden Frau« geschrieben worden sein könnte.

Obwohl ein Brief ihres Verlegers an Ellis Bell darauf hindeutet, dass Emily begonnen hatte, einen zweiten Roman zu schreiben, wurde das Manuskript nie gefunden. Es wurde vermutet, dass es entweder vernichtet wurde oder dass der Brief für Anne Brontë bestimmt war, die bereits an The Tenant of Wildfell Hall (dt. Die Herrin von Wildfell Hall) schrieb.

 

Persönlichkeit und Charakter

Im Gegensatz zu Charlotte, die eine Fülle von Briefen hinterlassen hat, sind nur sehr wenige Briefe von Emily erhalten geblieben. Dies, zusammen mit ihrer zurückhaltenden Art, hat es Biografen erschwert, sie einzuschätzen.

Laut Lucasta Millers Analyse der Brontë-Biografien übernahm Charlotte »die Rolle der ersten Mythographin Emilys«. Stevie Davies schreibt über das, was sie »Charlottes Nebelwand« nennt, und argumentiert, dass Charlotte von Emily schockiert war und möglicherweise sogar an der geistigen Gesundheit ihrer Schwester gezweifelt hat. Sie bewunderte Emilys Genialität – einmal bezeichnete sie sie als »Riesin« und »Babygöttin« –, scheint aber ihre Arbeit nie ganz verstanden zu haben und beschrieb sie in der Einleitung zu Wuthering Heights als »eine Tochter und Zögling der Moore«, die »nicht wusste, was sie getan hatte«. Nach Emilys Tod gestaltete Charlotte ihren Charakter, ihre Geschichte und sogar einige ihrer Gedichte neu, in der Hoffnung, dass sie so für die Öffentlichkeit akzeptabler würden. Sie stellte Emily als eine Art edle Wilde der Moore von Yorkshire dar, »stärker als ein Mann, einfacher als ein Kind«. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von Wuthering Heights im Jahr 1850 schreibt sie:

Die Veranlagung meiner Schwester war von Natur aus nicht gesellig; die Umstände begünstigten und förderten ihre Neigung zur Zurückgezogenheit; außer um zur Kirche oder auf den Hügeln spazieren zu gehen, überschritt sie selten die Schwelle ihres Hauses. Obwohl sie den Menschen in ihrer Umgebung wohlwollend gegenüberstand, suchte sie niemals den Umgang mit ihnen und hatte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch nie Kontakt zu ihnen. Und doch kannte sie sie: Sie kannte ihre Gewohnheiten, ihre Sprache, ihre Familiengeschichten; sie konnte mit Interesse von ihnen hören und detailliert, ausführlich, anschaulich und genau über sie sprechen; aber mit ihnen selbst wechselte sie selten ein Wort.

 

Freunde

Mit Ausnahme von Ellen Nussey und Louise de Bassompierre, Emilys Kommilitonin in Brüssel, gibt es keine Hinweise darauf, dass Emily Freunde bzw. Freundinnen außerhalb ihrer Familie hatte. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Emily jemals verliebt war oder dass die leidenschaftlichen Beziehungen, die in »Wuthering Heights« beschrieben werden, auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Emilys engste Freundin war ihre Schwester Anne. In ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich und teilten bis ins Erwachsenenalter hinein ihre eigene Fantasiewelt »Gondal«.

 

Gaskells Biografie über Charlotte

Elizabeth Gaskells Biografie »The Life of Charlotte Brontë« war die erste und einflussreichste Informationsquelle über Emily. Darin beschreibt Gaskell Emily als ungewöhnlich groß und schlank, oft in einem violetten Kleid und ihre Schwestern mit »unbewusster Tyrannei« beherrschend, die ihr den Spitznamen »der Major« gaben. Sie erzählt auch eine Reihe von Anekdoten, die Emily als unberechenbar, manchmal sogar gewalttätig darstellen, darunter eine, in der Emily ihren Hund Keeper heftig bestraft, weil er mit schlammigen Pfoten auf eines der Betten im Pfarrhaus geklettert ist, woraufhin sie ihn wiederum tröstete und badete. Da Charlotte jedoch Gaskells Hauptinformationsquelle war, gilt die Biografie nicht als unparteiische Darstellung, zumal Gaskell Haworth erst nach Emilys Tod besuchte.

 

Unabhängigkeit und Willensstärke

Emily wird oft als willensstark und unabhängig beschrieben: Constantin Heger spricht von ihrer »kraftvollen Vernunft« und ihrem »starken, gebieterischen Willen«. Winifred Gerin beschreibt sie in ihrer Biografie als körperlich unerschrockene Frau, die eine Waffe trug und einmal, als sie von einem Hund gebissen wurde, die Wunde selbst mit einem heißen Eisen desinfizierte, um ihre Schwestern nicht zu beunruhigen. (Diese Geschichte wurde von einigen Biografen und Wissenschaftlern in Frage gestellt.) In Queens of Literature of the Victorian Era (1886) fasst Eva Hope Emilys Charakter wie folgt zusammen: »eine eigentümliche Mischung aus Schüchternheit und spartanischem Mut«. Laut Norma Crandall zeigte sich ihre »herzliche, menschliche Seite« »in der Regel nur in ihrer Liebe zur Natur und zu Tieren«. The Literary News (1883) schreibt: »[Emily] liebte die feierlichen Moore, sie liebte alle wilden, freien Geschöpfe und Dinge«.

 

Autismus und Magersucht

Emilys zurückgezogenes und introvertiertes Wesen hat zu Spekulationen über ihre Neurologie geführt. Juliet Barker schreibt in ihrer Biografie über die Brontës: »Emily ... war so sehr in sich selbst und ihre literarischen Schöpfungen vertieft, dass sie wenig Zeit für das echte Leiden ihrer Familie hatte«. Die Biografin Claire Harman vermutet, dass Emilys Festhalten an Routinen, zusammen mit ihren Problemen, ihre Wut zu kontrollieren, ihrer Abneigung gegen soziale Situationen und ihrer Bindung an ihr Zuhause darauf hindeuten könnten, dass sie eine Form von Autismus hatte. Obwohl sie offenbar gerne kochte und in der Küche half, erwähnt John Sutherland ihr »hartnäckiges Fasten«, und die Biografin Katherine Frank vermutet, dass Emily möglicherweise an Magersucht litt.

 

Tod

Emilys Bruder Branwell starb am Sonntag, dem 24. September 1848, wahrscheinlich an Tuberkulose, nachdem er lange Zeit dem Alkoholismus und der Drogenabhängigkeit verfallen war. Bei seiner Beerdigung eine Woche später zog sich Emily eine schwere Erkältung zu, die sich schnell zu einer Lungenentzündung entwickelte und möglicherweise eine bereits bestehende Erkrankung wie Tuberkulose beschleunigte. Es wurde vermutet, dass Emilys Gesundheit durch unhygienische Bedingungen zu Hause geschwächt war, wo das Wasser durch Abflüsse vom Friedhof der Kirche verunreinigt war. Obwohl sich ihr Zustand stetig verschlechterte, lehnte Emily medizinische Hilfe ab und erklärte, sie wolle »keinen giftigen Arzt« in ihrer Nähe haben. Am Morgen des 19. Dezembers 1848 schrieb Charlotte aus Sorge um ihre Schwester:

Sie wird von Tag zu Tag schwächer. Die Meinung des Arztes war zu unklar, um von Nutzen zu sein – er schickte einige Medikamente, die sie jedoch nicht einnehmen wollte. Ich habe noch nie so dunkle Momente erlebt – ich bete um Gottes Beistand für uns alle.

Am Mittag hatte sich Emilys Zustand verschlechtert. Mit ihren letzten hörbaren Worten sagte sie zu Charlotte: »Wenn ihr einen Arzt holt, werde ich ihn jetzt empfangen«, aber es war zu spät. Sie verstarb am selben Tag gegen zwei Uhr nachmittags. Laut Mary Robinson, einer frühen Biografin, starb Emily auf dem Sofa im Wohnzimmer des Pfarrhauses, das sie als Bett genutzt hatte. In einem Brief von Charlotte an William Smith Williams wird beschrieben, wie Emilys Hund Keeper an ihrem Sterbebett lag. Emily starb weniger als drei Monate nach Branwells Tod, was Martha Brown, eine Hausangestellte, zu der Aussage veranlasste, dass »Miss Emily an gebrochenem Herzen aus Liebe zu ihrem Bruder gestorben ist«. Emily war so dünn geworden, dass ihr Sarg nur 40 Zentimeter breit war. Der Zimmermann sagte, er habe noch nie einen schmaleren Sarg für einen Erwachsenen gebaut. Ihre sterblichen Überreste wurden in der Familiengruft in der St. Michael and All Angels' Church in Haworth beigesetzt. Im Jahr 2024 wurde das Denkmal in der Poets' Corner in der Westminster Abbey geändert, um die falsche Schreibweise des Familiennamens (von Bronte zu Brontë) zu korrigieren.

 

Vermächtnis

Literarischer Einfluss

Obwohl Emilys Werk zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung nicht allgemein geschätzt wurde, ist »Wuthering Heights« später zu einem Klassiker der englischen Literatur geworden und wird in John Sutherlands »Longman Companion to Victorian Fiction« als »der beliebteste Roman des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert« beschrieben. Im Jahr 2007 führte eine Umfrage des »Guardian« den Roman zu den beliebtesten Liebesgeschichten des Landes.

Auch Emilys Gedichte haben ein weltweites Publikum erreicht. Die erste Zeile von »No coward soul is mine« ist beliebt auf Tassen und Schlüsselanhängern und sogar als Tattoo.

Zu den Autorinnen, die sich von Emily Brontë inspirieren ließen, gehören: Anne Rice, Sylvia Plath, Jacqueline Wilson, Joanne Harris, Margaret Atwood, Kate Mosse, Dorothy Koomson und Lucy Powrie (die heute Vorsitzende der Brontë Society ist). Im Jahr 2018, anlässlich des 200. Geburtstags von Emily Brontë, veröffentlichte The Borough Press eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel I Am Heathcliff, herausgegeben von Kate Mosse, mit Beiträgen von Leila Aboulela, Hanan Al-Shaykh, Joanna Cannon, Alison Case, Juno Dawson, Louise Doughty, Sophie Hannah, Anna James, Erin Kelly, Dorothy Koomson, Grace McCleen, Lisa McInerney, Laurie Penny, Nikesh Shukla, Michael Stewart und Louisa Young.

Vorwort

 

Emily Jane Brontë, wurde am 30. August 1818 in Thornton, Yorkshire, England, geboren und starb am 19. Dezember 1848 in Haworth. Allein aufgrund ihres einzigen seltsamen, kraftvollen und spannungsgeladenen Romans »Wuthering Heights« und einiger Gedichte beansprucht sie einen prominenten Platz in der englischen Literatur.

Emily Brontë wurde, wie ihre Schwester Charlotte (1816-1855), an der Cowan School und in Brüssel ausgebildet. Sie war außergewöhnlich zurückhaltend, sensibel und eigensinnig und lebte in ihrer eigenen Fantasiewelt. Eine Zeitlang arbeitete sie – wie auch ihre beiden Schwestern Charlotte und Anne (1820-1849) – als Gouvernante, aber es schien ihr unmöglich, fernab von der Faszination der Moore von Yorkshire zu leben, und so kehrte sie nach Hause zurück, um den Haushalt im Pfarrhaus von Haworth zu führen, während ihre Schwestern Charlotte und Anne unterrichteten. Alle drei Brontë-Schwestern waren unter männlichen Pseudonymen literarisch tätig. (Daneben gab es noch den Bruder Patrick Branwell (1817-1848), der ebenfalls schrieb und malte, aber es auf keinem dieser künstlerischen Felder jemals zu besonderer Beachtung brachte.)

Zwei Monate nach der Veröffentlichung von »Jane Eyre« von Charlotte, also im Dezember 1847, wurden »Wuthering Heights« von Emily und »Agnes Grey« von Anne in einem Band herausgegeben. Während es sich bei den Büchern von Charlotte und Anne um Gouvernanten-Romane handelte, war »Wuthering Heights« etwas völlig anderes. Die Kritiker, die nicht wussten, dass diese Bücher von Frauen geschrieben worden waren, behaupteten beharrlich, »Wuthering Heights« müsse ein unreifes Werk von Currer Bell (Charlotte) sein. Es gibt sogar ein Buch von John Malham-Dembleby (»Der Schlüssel zu den Brontë-Werken«), das durch Gegenüberstellung von Textpassagen zu beweisen versucht, dass »Jane Eyre« und »Wuthering Heights« von derselben Autorin, nämlich Charlotte Brontë, geschrieben worden sein müssten. Diese vermeintliche Beweisführung – so viel sei verraten – überzeugt jedoch nicht; sind Stil und Atmosphäre der beiden Bücher doch zu eklatant verschieden.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Romans starb Emily, ohne zu wissen, dass sie mit ihrem Buch einen dauerhaften, wenn auch begrenzten Ruhm erlangt hatte. Dass sie eine außergewöhnliche literarische Begabung war, verbunden mit einer ausgeprägten intellektuellen und charakterlichen Stärke, ist das einstimmige Urteil kompetenter Kritiker, die gleichzeitig die aufgrund ihres verfrühten Ablebens nicht ausgeschöpften Möglichkeiten ihres Talents bedauern.

*

Das hier vorliegende Werk von Emily Brontë erfährt auch in unserer heutigen Zeit, befeuert durch die sozialen Medien, ein grandioses Revival. Zu Recht, denn dieses Buch ist ein Meisterwerk.

»Wuthering Heights« ungebrochene Popularität liegt darin begründet, dass es kein vergleichbares Buch auf der Welt gibt. Ein Werk, das ihm vielleicht in gewisser Weise nahekommt, ist Dostojewskis »Die Brüder Karamasow«, denn dieses enthält Figuren, die ähnlich unversöhnlich abseitige Charakterzüge aufweisen wie Heathcliff. Und in Hinblick auf die unerbittliche Rache, die Heathcliff antreibt, wird man sicherlich an die Figur von Edmond Dantés in Alexandre Dumas´ »Der Graf von Monte Christo« erinnert. Auch Heathcliffs Rückkehr nach dreijähriger Abwesenheit, in welcher er auf mysteriöse Weise zu Reichtum und juristischem Wissen gelangt ist, erinnert an den französischen Klassiker. In der klassischen englischen Literatur gibt es jedoch niemanden, der ihm auch nur annähernd gleicht – eventuell mit Ausnahme des Monsters aus Mary Shelleys »Frankenstein«.

Emily Brontë versetzt uns in eine Welt elementarer Begierden, Hassgefühle und Grausamkeiten. Heathcliff wird brutal behandelt und rächt sich noch brutaler. Die frustrierte Leidenschaft von Catherine für Heathcliff und von Heathcliff für Catherine ist kaum von Hass zu unterscheiden; sie vergelten einander Qual mit Qual, Schmerz mit Schmerz. Es ist – mit heutigen Maßstäben gemessen – eine zutiefst toxische Beziehung, in der sich die beiden Protagonisten der Geschichte zueinander befinden.

Gemessen an seinen Taten ist Heathcliff ebenso ein Monster des Bösen wie die Kreatur Frankensteins, aber – und das macht Emily Brontës Genialität so erstaunlich – wir beurteilen ihn niemals nach seinen Taten. Freilich hat sich auch in Hinblick auf Frankensteins Monster die Lesart etabliert, dass die Taten ein Resultat respektive eine Reaktion des Täters auf die Behandlung durch seine Umwelt sind. Doch anders als dort scheinen in Brontës Roman die materiellen Ereignisse in Bezug auf die Beurteilung des Täters nie von Bedeutung zu sein.

Die Welt von Heathcliff und Catherine ist eine Welt spiritueller Affinitäten, spiritueller Konflikte und Liebe. Das gesamte Buch bewegt sich – mit wenigen, aber radikalen Ausnahmen – vorwiegend auf einer spirituellen Ebene. Aus der tobenden Disharmonie, die in der gewaltigen unerfüllten Leidenschaft von Catherine und Heathcliff begründet ist, entsteht eine seltsame und schreckliche geistige Harmonie. Man kann nicht umhin, bei dem stillen, friedlichen Ende nach Luft zu schnappen: Catherine ist nie so präsent wie in dem Moment, in dem sie physisch für immer aus dem Bild verschwunden ist. Die gesamte Tragödie spielt sich auf einer unsichtbaren und immateriellen Ebene ab. Insofern ist der nach dem Buch benannte Song von Kate Bush ein kongeniales musikalisches Meisterwerk, indem er die Quintessenz des Buches komprimiert.

So liegt das wahre Ende von »Wuthering Heights« auch nicht in irgendwelchen abschließenden Worten über einen freundlichen Himmel und eine ruhige Erde. Das wahre Ende ist die Geschichte, die der Schäferjunge erzählt, den Lockwood nach Heathcliffs Tod auf dem Moor trifft. Welche Geschichte dies ist, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Doch man kann es durch die Lektüre des unlängst folgenden literarischen Meisterwerks erfahren.

Doch wenn ich »Wuthering Heights« als Meisterwerk bezeichne, geschieht dies eingedenk dessen, das selbst Meisterwerke nicht vollkommen sein müssen. Die Schwächen des Romans sind ebenso offensichtlich wie seine Stärken, weshalb es nachvollziehbar ist, dass manche frühe Kritiker es als »unreifes Werk« betrachteten. Die Erzählung als solche ist nicht perfekt konstruiert. Es gibt Szenen innerhalb von Szenen, Erzählungen innerhalb von Erzählungen von außerordentlicher Komplexität. Es ist schon schwer genug, sich zu merken, wer gerade spricht; noch schwieriger ist es, sich zu merken, wer jeder einzelne ist, der da spricht. Aber sobald man von der Geschichte gefangen ist, sieht man über manche Ungeschicklichkeit oder das Knarren der dramaturgischen Maschinerie während des Abrollens der Geschehnisse hinweg.

Dazu trägt auch der Stil der Autorin bei. Er ist perfekt in seiner Einfachheit, Kraft und Schönheit; ganz anders als der teilweise etwas manierierte Stil ihrer Schwester Charlotte. Und ihr dramatischer Instinkt versagt nie: Ihre Szenen voller Leidenschaft folgen der Natur und klingen immer authentisch. Ohnehin schafft es Emily Brontë auf eindrucksvolle Weise, Naturerscheinungen als Widerspiegelung menschlicher Emotionen und Gemütslagen einzusetzen. Selten hat der Geist eines Ortes ein Buch so geprägt wie der Geist der Moore »Wuthering Heights«. Hierzu möchte ich mich jedoch nicht weiter auslassen, weil dies am Ende dieses Buches eine ungleich prominentere Stimme als meine tut, namentlich Virginia Woolf in ihrem Essay über »Jane Eyre« und »Wuthering Heights«.

Was die Literaturfiguren angeht, ist Emily Brontës »Wuthering Heights« ein Paradebeispiel für die klassische englische Literatur der viktorianischen Zeit, obwohl zeitgenössische Kritiker den Roman aufgrund der vorherrschenden Verhaltensmuster und Normen nicht akzeptieren wollten. Seine feste Position in der klassischen englischen Literatur war damals nicht absehbar, da Ellis Bell respektive Emily Brontë für die gewalttätige und raue Handlung und Charaktere kritisiert wurde, die für eine Gesellschaft, in der es nicht üblich war, so starke und offensichtliche Gefühle zu haben oder darzustellen, unkonventionell und schockierend waren.

Im Gegensatz zu dieser leidenschaftlichen und impulsiven Liebesgeschichte, die auch Rache, Hass und Gewalt beinhaltet, veröffentlichten andere Autorinnen und Autoren wie Charlotte Brontë Werke, die typisch und passend für die Denkweise der Viktorianer waren und mit denen sie großen Erfolg und Bewunderung erlangten, zum Beispiel eben »Jane Eyre«. Auch Jane Austens überaus beliebtes Werk »Stolz und Vorurteil«, das vor der viktorianischen Zeit in der Regentschaftszeit veröffentlicht wurde und die Liebesgeschichte zwischen Elizabeth Bennett und Fitzwilliam Darcy erzählt, hält sich an die gängigen Normen und passt in die raffinierte Welt, die Austen präsentiert.

Wie eingangs erwähnt, starb Emily Brontë fast genau ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Romans, sodass sie die Kritik daran nicht lange mitverfolgen konnte. Weil Kritiker »Wuthering Heights« und seine Autorin attackierten, fühlte sich Emilys ältere Schwester Charlotte dazu gedrängt, den Wert des Romans zu verteidigen. Das tat sie in ihrem berühmten Vorwort zur Neuauflage von »Wuthering Heights« von 1850, aber nicht ohne selbst einige Aspekte des Romans zu bemängeln. Doch leider konnte das Vorwort damals »keine Rezensionen hervorrufen, die ein umfassenderes Verständnis zeigten«.

»Wuthering Heights«, schreibt Charlotte Brontë, »wurde in einer wilden Werkstatt mit einfachen Werkzeugen aus einfachen Materialien gehauen. Der Bildhauer fand einen Granitblock auf einem einsamen Moor; als er ihn betrachtete, sah er, wie aus dem Felsen ein Kopf hervorgebracht werden könnte, wild, dunkel, unheimlich; eine Form, die mit mindestens einem Element der Erhabenheit geformt war – Macht. Er arbeitete mit einem groben Meißel und ohne Vorbild, nur mit der Vision seiner Meditationen. Mit Zeit und Mühe nahm der Felsen menschliche Gestalt an; und dort steht er nun, kolossal, dunkel und finster, halb Statue, halb Felsen: im ersteren Sinne schrecklich und koboldhaft, im letzteren fast schön, denn seine Färbung ist von sanftem Grau, und Moor-Moos bedeckt ihn; und Heidekraut mit seinen blühenden Glocken und seinem balsamischen Duft wächst treu dicht am Fuß des Riesen.«

Und das ist es, was »Wuthering Height« in der literarischen Landschaft darstellt: ein dunkler und granitener Monolith, einzigartig in seiner natürlichen und wilden Form.

 

T. Kurth

 Wuthering Heights

 

Sturmhöhe

 

 

 

Roman

Drawing of High Sunderland Hall, Halifax (1818)

by Anonymous

KAPITEL 1

1801. Soeben bin ich von einem Besuche bei meinem Verpächter zurückgekehrt. Dieser einsame Gutsnachbar wird mich noch manche Aufregung kosten. Aber die Landschaft ist schön. In ganz England hätte ich mich in keiner Gegend niederlassen können, die so vollkommen abseits vom gesellschaftlichen Betriebe liegt. Ein Schlaraffenland für Menschenfeinde – und Mr. Heathcliff und ich sind das richtige Paar, um die Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein Prachtmensch. Er ahnte kaum, wie herzlich mein Wesen ihm entgegenkam, während seine schwarzen Augen bei meinem Heranreiten argwöhnisch unter den Brauen verschwanden – und beim Hören meines Namens vergruben sich seine Hände mit abweisender Gebärde tiefer in seinem Wams.

»Mister Heathcliff?«

Er antwortete mit einem Nicken.

»Mr. Lockwood, Ihr neuer Pächter. Ich gestatte mir, sogleich nach meiner Ankunft bei Ihnen vorzusprechen. Es hat Sie hoffentlich nicht verdrossen, daß ich mich so hartnäckig um Thrushcross Grange beworben habe. Gestern hörte ich, Sie wollten –«

»Thrushcross Grange ist mein Eigentum, Herr«, unterbrach er mich schroff, »und wenn ich nicht einverstanden bin, kann niemand etwas bei mir erreichen. Treten Sie ein.«

Dies »Treten Sie ein«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. Es hieß in Wahrheit: »Gehen Sie zum Teufel.« Sogar die Gattertür, auf die er sich lehnte, machte zu seinen Worten nicht die mindeste gastliche Bewegung. Nur aus einem Grunde hatte ich überhaupt noch Lust, einer derartigen Einladung zu folgen: Ein Mann, der noch zurückhaltender auftrat als ich selbst, zog mich tatsächlich an.

Als mein Pferd mit der Brust gegen das Gatter zu drücken begann, streckte er endlich die Hand aus und löste die Kette der Tür. Verdrossen ging er vor mir her und rief beim Betreten des Hofes: »Josef, nimm das Pferd des Mr. Lockwood und hole Wein herauf.«

Bei dieser umfassenden Anordnung dachte ich: Da haben wir wohl das gesamte Gesinde beisammen! Kein Wunder, wenn Gras zwischen den Steinen wächst und nur das Vieh für das Stutzen der Hecken sorgt.

Josef war ein ältlicher, vielmehr ein alter oder sogar sehr alter Mann, doch kräftig und sehnig. »Gott steh uns bei!« brummte er, während er mir vom Pferde half. Dabei sah er mir so trübe und mißvergnügt ins Gesicht, daß ich den mitleidigen Schluß zog, er könne wohl sein Essen nur mit dem Beistand Gottes verdauen und sein frommer Seufzer beziehe sich nicht auf meine unerwartete Ankunft.

Wuthering Heights nennt sich Mr. Heathcliffs Besitztum – »Umwitterte Höhen«. Der mundartliche Ausdruck Wuthering bezeichnet sehr klangvoll das Luftgefühl, das sich hier bei unruhigem Wetter entwickelt. Hier oben wird man vom Luftzug durch und durch gereinigt. Mit welcher Gewalt der Nordwind um die Ecke bläst, läßt sich an den paar armseligen schiefen Föhren am Hausende erkennen. Auch die Reihe kahler Dornbüsche sieht aus, als bitte sie mit ihren nach einer einzigen Richtung gestreckten Armen die Sonne um ein Almosen. Doch der Baumeister hat mit aller Vorsicht das Haus recht fest errichtet. Die Fenster sind tief in die Mauer eingeschnitten, die Ecken geschützt durch vorspringende breite Steine.

Bevor ich die Schwelle überschritt, bewunderte ich noch rasch die vielen grotesken Schnitzereien an der Vorderseite, zumal am Haupteingang. Darüber bemerkte ich in einem Gewimmel von Figuren, zerbröckelnden Greifen und lustig-nackten Putten die Jahreszahl 1500 und den Namen Hareton Earnshaw. Gern hätte ich von dem wortkargen Eigentümer eine kurze Geschichte seines Anwesens erfahren. Aber seine Haltung an der Tür forderte meinen unverzüglichen Eintritt oder endgültigen Abzug! Ich wollte seine Ungeduld nicht weiter reizen, ehe ich das Allerheiligste besichtigt hatte.

Ohne Diele, ohne Flur führte eine Stufe unmittelbar in den Wohnraum der Familie, hier zusammenfassend »Das Haus« genannt. Dieses Gemach vereint gewöhnlich Empfangszimmer und Küche; in Wuthering Heights lag die Küche offenbar in einem anderen Teile des Gebäudes. Ich hörte aus dem Innern Geklirr von Geräten und Gewirr von Stimmen. An der mächtigen Feuerstätte des Wohnraums sah ich kein Anzeichen, daß man hier auch briet und buk, an der Wand glänzte keine kupferne Pfanne, kein zinnenes Sieb. Licht und Glut spiegelten sich mit starken Schimmern nur in den Reihen gewaltiger Zinnschüsseln, die sich abwechselnd mit silbernen Kannen und Krügen auf der eichenen Anrichte Schicht über Schicht bis zum Dach auftürmten. Unter diesem Dach war nie eine Zimmerdecke gezogen worden; man sah sein nacktes Gerippe. Nur an einer Stelle verbarg es sich hinter einem hölzernen Gerüst, das mit Haferkuchen und mit Riesenmengen von Hammel- und Rindskeulen und Schinken beladen war. Über dem Kamin hingen alte Räuberflinten sowie ein paar Reiterpistolen. Die drei sonderbar bemalten Blechbüchsen auf dem Sims sollten wohl eine Art Schmuck sein. Der Fußboden war glatter weißer Stein. Hinter den einfach geformten, grün gestrichenen Lehnstühlen standen noch schattenhaft einige dunkle Sessel. Unter der Anrichte streckte sich eine mächtige Hühnerhündin von fahler Farbe aus, rings um sie quiekten ihre Jungen; andere Hunde lagen in den Winkeln.

Zimmer und Einrichtung hätten zu einem einfachen Landwirt des Nordens gepaßt, zu einem Manne mit grobem Gesicht, für dessen derbe Glieder Kniehose und Gamaschen die richtige Tracht sind. Solche Leute, nach dem Mittagessen in ihrem Lehnstuhl sitzend, den Krug mit dem schäumenden Ale-Bier vor sich auf dem runden Tisch, sind im Umkreis von fünf, sechs Meilen rings um diese Anhöhen überall anzutreffen. Mr. Heathcliff steht in merkwürdigem Gegensatz zu seiner Behausung und Lebensart. Er sieht mit seiner dunklen Haut wie ein Zigeuner aus, aber Anzug und Umgangsform sind die eines Gentleman, nämlich in dem Sinne, wie mancher Landwirt ein Gentleman ist: etwas unordentlich, dennoch in der Erscheinung angenehm, weil vortrefflich gewachsen, dabei immer etwas beunruhigend. Vielleicht vermuten manche bei ihm einen gewissen ungebildeten Hochmut. Ich fühle eine verwandte Saite klingen, weil ich bei ihm eher an eine bestimmte Abneigung glaube, die eignen Gefühle zur Schau zu stellen und sich selbst rückhaltlos preiszugeben. Seine Liebe und sein Haß, beide wollen sich verbergen. Ja, er hielte es vielleicht für eine Anmaßung, wollte man ihn wiederlieben und wiederhassen!

Aber ich gehe wohl zu weit, indem ich ihm allzusehr meine persönlichen Eigenschaften unterlege. Mr. Heathcliff kann ganz andere Gründe haben, wenn er vor demjenigen, der seine Bekanntschaft sucht, seine Hand versteckt. Möge meine Charakteranlage sich lieber nicht zu häufig im Leben finden! Meine gute Mutter pflegte zu sagen, ich würde niemals ein gemütliches Zuhause besitzen. In der Tat habe ich mir erst im letzten Sommer eine solche Möglichkeit zerstört. Als ich bei herrlichem Wetter einen Monat an der See verlebte, lernte ich eine ganz wundervolle Frau kennen, eine wahre Göttin in meinen Augen – solange sie mich nicht beachtete. »Ich tat nie meine Liebe kund«, in Worten wenigstens. Mein Blick sagte jedem beliebigen Menschen, daß ich grenzenlos verliebt war. Allmählich verstand sie mich und antwortete mir mit den süßesten Blicken, die man sich vorstellen kann. Was tat ich? Mit Scham muß ich gestehen, daß ich mich plötzlich kalt wie eine Schnecke in mich selbst zurückzog; daß ich bei jedem neuen Blick frostiger und fremder wurde. Schließlich zweifelte die arme Unschuld an der Gültigkeit ihrer eigenen Gefühle, und ganz niedergeschlagen von ihrem angeblichen Irrtum, drängte sie ihre Mutter zur Abreise. Durch solche unnatürliche Anlage habe ich mir den Ruf bewußter Herzlosigkeit erworben. Wie wenig dies zutrifft, kann ich allein beurteilen.

Ich nahm an der anderen Seite des Kamins meinem Wirt gegenüber Platz. Um das andauernde Schweigen auszufüllen, versuchte ich die Hündin zu streicheln. Sie hatte ihre Brut verlassen, schlich sich wie ein Wolf von hinten an meine Beine heran und bleckte die weißen Zähne. Meine Liebkosung rief ein langes dumpfes Knurren hervor.

»Lassen Sie den Hund lieber in Ruhe«, bemerkte Mr. Heathcliff in sozusagen gleichfalls knurrendem Tone, und er unterstrich seine Äußerung, indem er mit dem Fuße aufstampfte. »Sie ist nicht gewohnt, daß man sie wie einen Schoßhund behandelt.«

Dann rief er durch eine Seitentür: »Josef!«

Undeutlich in der Tiefe des Kellers brummte Josef, ohne heraufzukommen. Daher stieg sein Herr zu ihm hinab und ließ mich allein mit der scharfen Hündin und einem Paar struppiger Schäferhunde, die grimmig an der allgemeinen Bewachung meiner leisesten Bewegungen teilnahmen. Ich hatte keine Lust, mit ihren Fangzähnen Bekanntschaft zu machen, und saß still. Allerdings bildete ich mir leider ein, stumme Beleidigungen würden sie kaum verstehen, und zwinkerte mit den Augen und schnitt dem Trio Fratzen. Dann brachte irgendeine Grimasse die Hundedame in solche Wut, daß sie auf meine Beine losstürzte. Ich schleuderte sie zurück und rückte hastig den Tisch zwischen sie und mich. Das zog mir die ganze Meute auf den Hals. Ein halbes Dutzend vierfüßiger Feinde von verschiedenstem Wuchs und Alter sprang aus allen Winkeln hervor. Sie griffen zunächst meine Fersen und Rockschöße an. Während ich die gefährlichsten Kämpfer mit dem Schüreisen abwehrte, rief ich ins Haus hinein um Hilfe.

Mit aufreizender Ruhe stiegen Mr. Heathcliff und sein Faktotum die Kellertreppe herauf. Sie bewegten sich tatsächlich um keine Sekunde rascher als sonst, trotz dem Tumult heulender, um mich herumsausender Bestien. Zum Glück beeilte sich eine Bewohnerin der Küche etwas mehr: mit aufgeschürztem Kleide, bloßen Armen und vom Feuer glühenden Backen rannte eine rüstige Person mit geschwungener Bratpfanne herein. Sie brauchte ihre Waffe und ihre Zunge so zielbewußt, daß der Sturm wie durch Zauber beschworen wurde. Nur sie selbst wogte noch wie die See nach dem Gewitter, als der Hausherr endlich den Schauplatz betrat.

»Was zum Teufel ist hier los?« Er betrachtete mich bei diesen Worten in einer Weise, die ich nach der ganzen unwirtlichen Behandlung nicht auch noch hinnehmen konnte.

»Was zum Teufel – allerdings!« murrte ich. »Die biblische, vom bösen Geist besessene Schweineherde wird nicht schlimmer gewesen sein als Ihr Rudel, Herr! Ebensogut können Sie einen Fremden mit einer Brut von Tigern allein lassen.«

»Die Hunde greifen niemanden an, der nichts anfaßt.« Er stellte die Flasche Wein vor mich hin und rückte den Tisch an seinen Platz. »Sie haben recht, wenn sie wachsam sind. Nehmen Sie ein Glas Wein?«

»Nein, ich danke.«

»Nicht gebissen worden?«

»Wenn mich einer verletzt hätte, wäre es ihm schlecht bekommen.«

Sein Gesicht entspannte sich, er grinste: »Aber, aber, Sie sind aufgeregt, Mr. Lockwood. Hier, trinken Sie. Gäste sind in diesem Hause so selten, daß ich und meine Hunde sich nicht recht auf ihren Empfang verstehen. Ihre Gesundheit!«

Ich verbeugte mich und trank ihm zu. Es wäre doch unsinnig gewesen, weiter wegen der Hundeschlacht zu grollen. Ich wollte dem Mann auch keine Gelegenheit geben, länger über mich zu spotten; er hatte Lust genug dazu. Andererseits war ihm klar, daß man einen guten Pächter nicht zu sehr beleidigen sollte; seine abgehackte Redeweise wurde gleichmäßiger. Er wandte sich einem Gegenstande zu, der mich immerhin anging, nämlich den Vorteilen und Nachteilen meiner neuen Heimstätte. Jetzt fand ich ihn äußerst sachlich und bewandert und hatte beim Abschied den Mut, für den nächsten Tag meinen erneuten Besuch anzusagen.

Obwohl ich nicht zweifle, daß er von dem Eindringling genug hat, werde ich wieder hingehen. – Ich bin erstaunt, wie gesellig ich mir im Vergleich zu ihm vorkomme.

KAPITEL 2

Gestern nachmittag wurde es neblig und kalt. Lieber wäre ich am Feuer meines Arbeitszimmers geblieben, statt durch Moor und Lehm zu waten. Ich esse zwischen zwölf und ein Uhr – die Haushälterin, eine ältere Frau, die ich zugleich mit dem Hause übernommen habe, konnte oder wollte auf meinen Wunsch, erst um fünf Uhr zu speisen, nicht eingehen. Als ich nun nach dem Mittagessen hinaufstieg, um es mir bequem zu machen, kniete im Arbeitszimmer ein Dienstmädchen zwischen Bürsten und Eimern: sie wirbelte einen höllischen Staub auf, während sie mit Aschenhaufen das Feuer erstickte. Bei diesem Anblick drehte ich mich schleunigst um und nahm meinen Hut.

Nach einem Marsch von vier Meilen erreichte ich Heathcliffs Gatter, gerade als ein Schneegestöber einsetzte. Der schwarze Boden auf der kahlen Höhe war völlig gefroren; ich schauderte in dieser Luft am ganzen Körper. Da ich die Kette nicht aufhaken konnte, sprang ich über den Zaun, lief zwischen den Stachelbeersträuchern zum Eingang und klopfte, bis meine Knöchel schmerzten und die Hunde heulten.

Blöde Gesellschaft! fluchte ich für mich, eure elende Ungastlichkeit müßte euch gelohnt werden, indem ihr bis in alle Ewigkeit gemieden würdet! Wenigstens am Tage würde ich meine Tür offenhalten! Aber ich will auf jeden Fall hinein! – Ich rüttelte heftig an der Klinke.

An einem runden Scheunenfenster zeigte sich das saure Gesicht Josefs: »Was wollen Sie? Der Herr ist unten auf dem Felde. Gehen Sie ums Haus herum, wenn Sie mit ihm reden wollen.«

»Ist niemand hier, um aufzumachen?«

»Nur die Frau. Die macht nicht auf, und wenn Sie bis in die Nacht hinein brüllen.«

»Warum? Sie können ihr sagen, wer da ist.«

»Ich nicht! Ich will nichts mit ihr zu tun haben.« Und der Kopf verschwand.

Der Schnee fiel schon dicht. Ich wollte noch einen Versuch an der Klinke machen, als vom Hofe her ein junger Mann mit geschulterter Heugabel erschien und mir zurief, ihm zu folgen. Durch ein Waschhaus und vorbei an einem Kohlenschuppen, einer Pumpe, einem Taubenschlag gelangten wir aus dem gepflasterten Hof in den großen warmen Raum, wo man mich zuerst empfangen hatte. Er glänzte herrlich von einem starken Feuer, das mit Kohle, Torf und Holz zugleich unterhalten wurde. Am Tisch, mit Gedecken für ein reichliches Abendessen, bemerkte ich zu meiner Freude »die Frau«. Nichts hatte bisher ein solches Wesen hier angezeigt. Ich machte ihr eine Verbeugung und erwartete, daß sie mir einen Stuhl anbieten würde. Sie betrachtete mich, lehnte sich zurück und blieb regungslos und stumm.

»Unangenehmes Wetter«, bemerkte ich am Ende. »Ich fürchte, Mrs. Heathcliff, die Tür hat darunter gelitten, daß Ihre Leute nicht aufpassen. Ich habe lange arbeiten müssen, bis man mich hörte.«

Sie machte den Mund nicht auf. Ich starrte sie und sie starrte mich an. Ihre Augen hielten mich in einer kühlen rücksichtslosen Art fest, die peinlich und verwirrend war.

Der junge Mann sagte schroff: »Setzen Sie sich. Er wird bald hier sein.«

Ich setzte mich, mit einem Räuspern, und lockte die böse Juno. Bei dieser zweiten Begegnung geruhte sie, die äußerste Spitze ihres Schwanzes zu bewegen, zum Zeichen, daß sie sich meiner Bekanntschaft erinnerte.

»Ein schönes Tier«, begann ich von neuem. »Würden Sie die Jungen abgeben, gnädige Frau?«

»Gehören nicht mir«, antwortete die liebenswürdige Wirtin, und Heathcliff selbst hätte keinen gröberen Ton anschlagen können.

»Oh, dann sind diese dort Ihre Lieblinge?« Ich wandte mich nach einem dunklen Kissen um, auf dem anscheinend Katzen lagen.

»Sonderbare Lieblinge habe ich mir da ausgesucht!« meinte sie verächtlich.

Unglücklicherweise war es ein Haufen toter Kaninchen. Ich hustete wieder, rückte näher an den Kamin und wiederholte meine Ansicht, daß der Abend äußerst rauh sei.

»Dann hätten Sie nicht ausgehen sollen.« Sie erhob sich und griff nach zwei bemalten Blechdosen auf dem Sims. Sie hatte mit dem Rücken zum Licht gesessen; jetzt erhielt ich einen deutlichen Eindruck von ihrer Erscheinung: schlank, fast noch ein Kind, entzückend gewachsen, mit einem so lieblichen kleinen Gesicht, wie ich es kaum je gesehen habe. Sehr feine Züge, flachsblonde, wie Gold schimmernde Locken, die lose über den zarten Nacken fielen. Hätten die Augen einen angenehmeren Ausdruck gehabt, sie wären unwiderstehlich gewesen. Zum Glück für mein empfängliches Herz blickte aus ihnen nur ein einziges Gefühl, das zwischen Verachtung und einer Art Verzweiflung schwankte, und dies wirkte bei der Schönheit dieser Augen besonders unnatürlich.

Die Dosen standen zu hoch auf dem Sims. Ich machte eine Bewegung, um ihr zu helfen. Wie ein Geizhals, dem jemand beim Geldzählen beistehen wollte, fuhr sie herum: »Ich brauche Sie nicht, kann das allein machen!«

»Entschuldigen Sie«, beeilte ich mich zu erwidern.

»Waren Sie zum Tee eingeladen?« Sie band eine Schürze über ihr hübsches schwarzes Kleid und hielt einen Löffel voll Teeblätter über den Topf.

»Eine Tasse Tee würde ich gern trinken.«

»Waren Sie eingeladen?«

»Nein«, lächelte ich, »aber Sie könnten es tun!«

Sie warf den Tee, den Löffel und alles übrige hin, setzte sich wieder in ihren Stuhl, runzelte die Stirn und wölbte die rote Unterlippe wie ein Kind, das weinen will.

Inzwischen hatte der junge Mann seine Persönlichkeit mit einem ziemlich schäbigen Rock bekleidet. Er stellte sich hochaufgerichtet ans Feuer und starrte aus den Augenwinkeln auf mich herab, als bestände zwischen uns eine tödliche Fehde, ein ungerechter Streit. Ich zweifelte, ob er ein Knecht sei oder nicht. Kleidung und Sprache waren rüde, ganz verschieden von der gewissen Überlegenheit der Heathcliffs. Die dichten braunen Locken waren ungepflegt, der Bart bedeckte die Wangen wie ein Bärenpelz, die Hände waren sonnengebräunt gleich denen eines Landarbeiters. Dennoch wirkte seine Haltung frei und sicher, fast stolz, und er behandelte die Herrin des Hauses keineswegs mit der Unterwürfigkeit eines Dieners. Da ich mir also über seine Stellung nicht klar war, zog ich es vor, sein merkwürdiges Betragen nicht zu beachten. Fünf Minuten später befreite mich Heathcliffs Eintritt aus der peinlichen Lage.

»Sie sehen, ich bin gekommen, wie ich versprochen habe«, rief ich mit künstlicher Heiterkeit. »Eine halbe Stunde werde ich durch das Wetter festgehalten werden. So lange können Sie mich gewiß ertragen.«

»Eine halbe Stunde?« Er schüttelte die weißen Flocken von den Kleidern. »Ich wundere mich, daß Sie sich einen Schneesturm zum Spazierengehen aussuchen. Wissen Sie nicht, daß Sie sich im Moor verirren können? Sogar Leute, die mit unserem Sumpfland vertraut sind, kommen an solchen Abenden vom Wege ab. Ich kann Ihnen versichern, daß im Augenblick keine Aussicht auf Besserung besteht.«

»Vielleicht geben Sie mir jemanden als Führer mit, der bis morgen früh in Grange bleiben kann.«

»Nein, unmöglich.«

»Tatsächlich? Dann muß ich mich auf meine eigenen Sinne verlassen.«

»Na!«

»Wirst du jetzt Tee machen?« Der im schäbigen Rock wandte seine wilden Blicke von mir zu der jungen Dame.

»Soll der Herr Tee haben?« Sie richtete die Frage an Heathcliff.

»Gieß ihn auf, los!« Sein Ton war so heftig, daß ich zusammenfuhr. Eine unverfälscht böse Natur enthüllte sich in diesen Worten. Ich war nicht länger geneigt, Heathcliff einen Prachtmenschen zu nennen. Als der Tee bereitet war, wurde ich aufgefordert: »Also, rücken Sie Ihren Stuhl heran, Herr.«

Wir alle, auch der bäurische junge Mann, setzten uns um den Tisch. Während der Mahlzeit herrschte ein schroffes Schweigen. Da ich die Wolke verursacht hatte, fühlte ich mich verpflichtet, sie zu vertreiben. Man konnte hier doch nicht alltäglich so grimmig und schweigsam dasitzen. So schlechtgelaunt sie sein mochten, der gemeinsame finstere Ausdruck konnte nicht ihr dauerndes Gesicht sein. »Es ist merkwürdig«, begann ich in der Pause zwischen zwei Tassen Tee, »wie tief die Gewohnheit unsere Gefühle und Gedanken beeinflußt. Mancher könnte sich nicht vorstellen, daß man in einem Dasein von so vollständiger Weltabgeschiedenheit glücklich sein kann, wie es das Ihre ist, Mr. Heathcliff. Ich aber wage es zu behaupten, daß Sie, umgeben von Ihrer Familie, mit Ihrer liebenswürdigen Gattin, deren Geist Ihr Heim und Herz beherrscht –«

»Meine liebenswürdige Gattin!« Er unterbrach mich mit geradezu teuflischem Lächeln. »Wo ist sie, die Gattin?«

»Ich meine Mrs. Heathcliff.«

»Ach so, Sie wollen andeuten, daß ihr Geist den Posten eines Schutzengels angenommen hat und die Schätze von Wuthering Heigths bewacht, während ihr Leib dahingegangen ist, nicht wahr?«

Ich hatte einen Fehler gemacht und an dem großen Altersunterschied der beiden nicht gesehen, daß sie unmöglich Mann und Frau sein konnten. Er war ungefähr vierzig, in einem Alter geistiger Kraft, in dem ein Mann sich nur noch selten der Einbildung überläßt, aus Liebe geheiratet zu werden. Dies wird wieder der Traum unserer absteigenden Jahre. Sie aber sah kaum wie eine Siebzehnjährige aus.

Plötzlich wurde mir klar: Der Tölpel neben mir, der seinen Tee aus dem Napf trinkt und sein Brot mit ungewaschenen Händen verschlingt, kann ihr Mann sein; Heathcliff junior. Dies ist die Folge davon, daß man sich hier lebendig begräbt! Sie hat sich diesem Bauernburschen an den Hals geworfen, aus lauter Ahnungslosigkeit, daß es bessere Männer gibt. Wie schade. Aber ich muß mich hüten, sie darauf zu bringen, daß sie ihre Wahl bereuen sollte. Diese Überlegung war nicht so eingebildet, wie sie klingt. Mein Nachbar machte einen abstoßenden Eindruck; ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich ganz anziehend wirke.

»Mrs. Heathcliff ist meine Schwiegertochter«, erklärte Heathcliff. Bei diesen Worten warf er ihr einen eigenartigen Blick zu. Es war ein Blick des Hasses, oder sein Gesicht hatte gewissermaßen unnatürliche Muskeln, die nicht wie bei anderen Menschen die Sprache der Seele zum Ausdruck bringen.

Ich wandte mich zu meinem Nachbarn: »Selbstverständlich, ich verstehe jetzt, Sie sind der glückliche Gefährte der guten Fee.«

Dies war schlimmer als alles zuvor. Der junge Mann wurde blutrot und ballte die Fäuste, als wollte er über mich herstürzen. Aber er begnügte sich mit einem lauten Fluch, den ich zu überhören suchte.

»Sie haben Pech mit Ihren Vermutungen«, bemerkte der Hausherr, »keiner von uns hat den Vorzug, Ihre gute Fee sein eigen zu nennen. Der Mann ist tot. Ich sagte, daß sie meine Schwiegertochter sei: Offenbar muß sie meinen Sohn geheiratet haben!«

»Und der junge Herr hier ist –«

»Gewiß nicht mein Sohn.« Er lächelte wieder, als sei es ein schlechter Witz, ihm die Vaterschaft an diesem Bären zuzuschreiben.

»Mein Name ist Hareton Earnshaw«, knurrte der andere, »und ich rate Ihnen, Achtung davor zu haben!«

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« Insgeheim lächelte ich über die Würde, mit der dieser Mensch sich vorstellte.

Er starrte mich an, länger, als ich den Blick zurückgeben konnte. Denn ich fürchtete, daß ich ihm entweder hinters Ohr schlagen oder meine Heiterkeit verraten würde. Jedenfalls war ich in der freundlichen Familie nicht gerade am Platze. Die finstere Stimmung war stärker als die angenehme Einrichtung des Raumes. Ein drittes Mal wollte ich mich nicht in diese Behausung wagen.

Der Tee war getrunken, und da niemand an gesellige Unterhaltung dachte, ging ich ans Fenster und sah nach dem Wetter aus. Ein hoffnungsloser Anblick: es war vorzeitig Nacht geworden, der Himmel und die Hügel verschwanden in den heftigen Wirbeln des Windes und des erstickenden Schnees. »Ja, ich kann tatsächlich nicht ohne Führer heimkommen«, rief ich unwillkürlich. »Die Wege sind schon unkenntlich, jedenfalls könnte ich sie keinen Schritt weit unterscheiden.«

»Hareton, treibe die zwölf Schafe in die vordere Scheune. Sie schneien ein, wenn sie die ganze Nacht in der Hürde bleiben. Lege eine Planke vor«, sagte Heathcliff.