Wyatt Earp 171 – Western - William Mark - E-Book

Wyatt Earp 171 – Western E-Book

William Mark

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Beschreibung

"Vor seinem Colt hatte selbst der Teufel Respekt!" (Mark Twain) Der Lieblingssatz des berühmten US Marshals: "Abenteuer? Ich habe sie nie gesucht. Weiß der Teufel wie es kam, dass sie immer dort waren, wohin ich ritt." Diese Romane müssen Sie als Western-Fan einfach lesen! Es war in der westlichsten Ecke des Briscoe Countys, im Sand von Texas.Der Himmel hatte sich mit einem fahlen Bleigrau bezogen, und im Osten, wo eigentlich jetzt die Sonne hätte aufgehen müssen, stand ein schwefelfarbenes Licht.Die beiden Männer, die noch vor Morgengrauen von Plainview aufgebrochen waren, ritten auf der alten Overlandstreet, die nach Osten, nach Turkey, hinüberführte.Der eine war ein hochgewachsener Mann mit tief gebräuntem, markant-männlich geschnittenem Gesicht, das von einem dunklen Augenpaar überstrahlt wurde. Es war ein Gesicht, das man nicht so leicht vergaß, wenn man einmal hineingeblickt hatte. Unter der breiten Krempe des flachkronigen Hutes blickte blauschwarzes Haar hervor. Der Mann trug eine schwarzgrau gestreifte Hose, ein helles Kattunhemd, das am Hals offenstand, ein rotes Halstuch und eine schwarze Bolero-Weste. Um die Hüften hatte er einen breiten büffelledernen Waffengurt, der an jeder Seite einen schweren schwarzknäufigen Revolver vom Kaliber 45 hielt. Vor dem rechten Knie hatte er im Scabbard eines jener Gewehre stecken, die im Westen wegen ihrer guten Verarbeitung und Präzision Berühmtheit erlangt hatten, eine siebenundsiebziger Winchester vom Kaliber 44. Der Mann ritt einen Rauchfuchs, einen Hengst, dem man den Renner auf den ersten Blick ansehen konnte.Dieser Mann war niemand anders als der Marshal Earp.Links neben ihm saß im Sattel eines edlen Rapphengstes ein Mann, der fast ebenso groß war wie der Missourier, wenn auch nicht so muskulös und breit in den Schultern. Er hatte ein aristokratisch geschnittenes Gesicht mit blaßbrauner Farbe, das von einem eisblauen Augenpaar beherrscht wurde. Auch das Gesicht dieses Mannes war unverwechselbar. Er trug, im Gegensatz zu dem Gesetzesmann, einen eleganten schwarzen Anzug, ein weißes Rüschenhemd und eine schwarze Halsschleife. Der breitrandige schwarze Stetsonhut schien ebenso wie die blanken schwarzen Stiefeletten eben erst gekauft worden zu sein. Unter den weit zurückgeschlagenen Rockschößen blickten die elfenbeinbeschlagenen Knäufe zweier vernickelter fünfundvierziger Revolver hervor.Es war Doc Holliday, der – wie fast immer – den Marshal begleitete.Die beiden Dodger ritten auf der alten Overlandstreet nach Osten. Im Osten irgendwo lag Turkey; dort wurden sie von ihrem gemeinsamen Freund Luke Short erwartet.

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Wyatt Earp – 171–

Vormann des Satans

William Mark

Es war in der westlichsten Ecke des Briscoe Countys, im Sand von Texas.

Der Himmel hatte sich mit einem fahlen Bleigrau bezogen, und im Osten, wo eigentlich jetzt die Sonne hätte aufgehen müssen, stand ein schwefelfarbenes Licht.

Die beiden Männer, die noch vor Morgengrauen von Plainview aufgebrochen waren, ritten auf der alten Overlandstreet, die nach Osten, nach Turkey, hinüberführte.

Der eine war ein hochgewachsener Mann mit tief gebräuntem, markant-männlich geschnittenem Gesicht, das von einem dunklen Augenpaar überstrahlt wurde. Es war ein Gesicht, das man nicht so leicht vergaß, wenn man einmal hineingeblickt hatte. Unter der breiten Krempe des flachkronigen Hutes blickte blauschwarzes Haar hervor. Der Mann trug eine schwarzgrau gestreifte Hose, ein helles Kattunhemd, das am Hals offenstand, ein rotes Halstuch und eine schwarze Bolero-Weste. Um die Hüften hatte er einen breiten büffelledernen Waffengurt, der an jeder Seite einen schweren schwarzknäufigen Revolver vom Kaliber 45 hielt. Vor dem rechten Knie hatte er im Scabbard eines jener Gewehre stecken, die im Westen wegen ihrer guten Verarbeitung und Präzision Berühmtheit erlangt hatten, eine siebenundsiebziger Winchester vom Kaliber 44. Der Mann ritt einen Rauchfuchs, einen Hengst, dem man den Renner auf den ersten Blick ansehen konnte.

Dieser Mann war niemand anders als der Marshal Earp.

Links neben ihm saß im Sattel eines edlen Rapphengstes ein Mann, der fast ebenso groß war wie der Missourier, wenn auch nicht so muskulös und breit in den Schultern. Er hatte ein aristokratisch geschnittenes Gesicht mit blaßbrauner Farbe, das von einem eisblauen Augenpaar beherrscht wurde. Auch das Gesicht dieses Mannes war unverwechselbar. Er trug, im Gegensatz zu dem Gesetzesmann, einen eleganten schwarzen Anzug, ein weißes Rüschenhemd und eine schwarze Halsschleife. Der breitrandige schwarze Stetsonhut schien ebenso wie die blanken schwarzen Stiefeletten eben erst gekauft worden zu sein. Unter den weit zurückgeschlagenen Rockschößen blickten die elfenbeinbeschlagenen Knäufe zweier vernickelter fünfundvierziger Revolver hervor.

Es war Doc Holliday, der – wie fast immer – den Marshal begleitete.

Die beiden Dodger ritten auf der alten Overlandstreet nach Osten. Im Osten irgendwo lag Turkey; dort wurden sie von ihrem gemeinsamen Freund Luke Short erwartet.

Die beiden waren auf ihrem Weg von Kansas nach Texas in Amarillo von den Allisons und dann in Sunnyside von Fiske Snyder und Hanc Bellantine aufgehalten worden. Während sich der Allison-Spuk wieder verflüchtigt zu haben schien, hatte Wyatt Earp Hanc Bellantine und dessen Freund Fiske Snyder festnehmen können.

Wind war aufgekommen, der singend über den Sand zog und den pulverfeinen Flugstaub aufwirbelte, so daß die Beine der beiden dunklen Hengste bald hell gepudert waren.

Schon mehrmals hatte der Marshal den Blick besorgt zum Himmel gerichtet.

»Braut sich da etwas zusammen?« fragte der Georgier.

Wyatt Earp nickte. »Ja, sieht so aus.«

»Sandsturm?«

Der Missourier nickte wieder.

Schweigend setzten sie ihren Ritt fort.

Kaum hatten sie eine weitere Meile zurückgelegt, als sich der Himmel vollends verdüsterte. Und das leise Singen war zu einem scharfen Pfeifen geworden.

Der Marshal kannte diesen Ton, der den kommenden Sturm verriet.

Sandstürme kamen um diese Jahreszeit in der texanischen Wüste selten vor. Die beiden Westmänner hatten jetzt nicht damit gerechnet, zumal das Wetter in den letzten Wochen beständig gewesen war.

Und doch kam jetzt der ›Trockene Blizzard‹ (Sandsturm) auf sie zu.

Der Missourier hatte sein Pferd angehalten.

Auch der Spieler zog die Zügelleinen seines Hengstes zurück.

»Das sieht ja ziemlich finster aus.«

»Kann man wohl sagen.«

»Und – wie weit ist die nächste Ansiedlung entfernt?«

»Keine Ahnung«, entgegnete der Marshal. »Ich sagte Ihnen ja gestern schon, daß ich die Gegend hier nicht sonderlich gut kenne. Ich schätze, daß Turkey immer noch dreißig Meilen entfernt liegt.«

Die graue Wand am Himmel kam immer näher auf sie zu, schien sich fächerförmig um sie herum auszubreiten, fraß sich regelrecht an sie heran, und schneller, als man es hätte erwarten können, war der Kessel geschlossen.

Der Missourier blickte den Gefährten betroffen an.

»Damned, ging das schnell! So etwas habe ich noch nicht erlebt.«

Holliday war vom Pferd gestiegen und hatte sein goldenes Etui herausgenommen, aus dem er eine lange russische Zigarette zog.

»Ist das tatsächlich der Trockene Blizzard?«

»Ja, aber ich habe nicht für möglich gehalten, daß er so schnell ist.«

Das Pfeifen des Sandes hatte sich in Heulen, Brausen und Toben verwandelt, eine graue Musik, die sie von allen Seiten zu umtosen schien – und doch nicht an sie herankam. Denn da, wo die beiden Männer hielten, war es vollkommen still, ja, sogar windstill.

»Begreifen Sie das?« Holliday hatte ein Zündholz angerissen.

Der Missourier nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Taschentuch durchs Schweißband.

»Wir befinden uns genau im Kern des Orkans, in dem stets Stille herrscht. Die Sturmhose wirbelt mit einem Durchmesser von fast einer Meile um uns her.«

Holliday, der zusammen mit dem Gefährten schon mehrere Stürme im Schnee und auch im Sand erlebt hatte, kannte die Gefahr, die eine solche Orkanhose mit sich brachte. Denn so gut wie sie jetzt um sie herumwirbelte, konnte sie sich im nächsten Augenblick auch verschieben. Und dann waren sie mitten im Orkan drin, der mit den Unmengen von Sand, die er aufwirbelte, für einen Reiter leicht tödlich sein konnte.

Wyatt hatte seine Karten aus der Satteltasche geholt und studierte sie.

»Zounds, hier oben im Norden ist ein Kreuz! Das bedeutet eine Ranch. Es ist nicht einmal weit von hier. Knapp zwei Meilen. Wenn wir die schaffen könnten!«

Sie hätten also genau in die Richtung reiten müssen, aus der der Sturm kam.

Da der Sandsturm seinen Kern meist nicht in gerader Linie vorantrieb oder im Zickzack, sondern im Kreise wirbelnd sich weiterbewegte, war anzunehmen, daß die Richtung, in der sie die Ranch vermuteten, vom Sturm frei war und für die nächste Zeit auch bleiben würde. Aber sie würden mitten durch die aufwirbelnden Sandmassen hindurchreiten müssen.

Holliday schnippste seine Zigarette von sich und zog sich in den Sattel.

»All right, reiten wir.«

Wyatt hatte seine Karten in der Satteltasche verstaut und stieg ebenfalls auf. Sie banden sich ihre Halstücher vors Gesicht, und Wyatt hatte seine Jacke hinten aus der Decke geschnallt und angezogen. Die Hüte tief in die Stirn gezogen, so ritten sie vorwärts.

Je näher sie dem heulenden Sand kamen, der in großen Schwaden hochgewirbelt wurde, desto stickiger wurde die Luft.

Wyatt trieb den Rauchfuchs zu großer Eile an. Das Tier trabte nur unwillig vorwärts, da es den Kern der Windhose, der so ruhig war, nicht verlassen wollte.

Immer dichter war der Orkan wirbelnd, heulend, jaulend und brausend um sie her.

Wyatt Earp ritt mit vorgebeugtem Kopf weiter. Holliday war dicht neben ihm.

Schon waren die beiden Pferde in Trab gefallen, da jetzt kaum noch fünf Yards weit zu sehen war.

Sie ritten und ritten, aber immer noch schienen sie im Toben des Orkans zu verweilen.

»Fürchterlich wäre es«, überlegte der Marshal, »wenn wir jetzt, ohne es zu merken, immer im Kreis ritten.« Denn es gab ja nichts, woran sie sich orientieren konnten. Fast völlige Dunkelheit umgab sie.

Sie mußten längst eine Meile hinter sich gebracht haben, aber der Sandsturm ließ nicht nach. Im Gegenteil, er schien sogar stärker zu werden. Schließlich wurde es so schlimm, daß die beiden Reiter aus den Sätteln steigen mußten und vor ihren Pferden hertrotteten, mit gesenkten Köpfen und hochgezogenen Schultern.

Der Orkan war in eine Richtung gezogen, die kein Westmann erwartet hätte: wieder nordostwärts zurück. Er hatte die Reiter begleitet und nun eingeschlossen.

Schritt für Schritt kämpften sie sich vorwärts durch eine Hölle von wirbelndem glutheißen Sand.

Wieviel Zeit vergangen war, als der Marshal plötzlich gegen einen Gegenstand prallte und zurückgeschleudert wurde, wußte er nicht. Er erhob sich mühsam, wäre vom Sturm fast niedergerissen worden, als er die Hand des Gefährten auf seiner Schulter spürte, die ihn hochzerrte.

Ganz dicht war Holliday jetzt neben ihm und brüllte ihm zu:

»Eine Fenz!«

Wyatt nickte und tastete sich mit beiden Händen vorwärts.

Richtig, es war ein schwerer hölzerner Torpfeiler.

Das Tor war geschlossen. Wyatt hämmerte dagegen.

Aber das war natürlich sinnlos. Bei dem Jaulen und Heulen des Sturmes konnten die Leute in dem Haus, das da irgendwo liegen mußte, nichts hören.

Da nahm der Missourier einen seiner Revolver aus dem Halfter und gab einen Schuß ab.

Aber auch der peitschende Knall wurde vom Blizzard aufgesogen und ging unter in seinem Geheule.

Wyatt tastete sich zu seinem Tier, zerrte den Lasso aus dem Karabinerhaken und kam zum Tor zurück.

Holliday sah, wie er die Schlingen legte und dann mit aller Kraft das Lasso dorthin hochschleuderte, wo eben in einer schwarzbraunen Wolke ein Holzpfahl zu sehen gewesen war.

Die Lassoleine rutschte ab, da der Sturm sie zurücktrieb.

Erst beim dritten Wurf gelang es Wyatt, das Lasso gegen den Sturm über den hohen Pfahl zu schleudern. Er zurrte das Seil stramm und brüllte dem Gefährten zu:

»Ich klettere jetzt hinüber und öffne dann.«

Holliday nickte.

Wyatt turnte am Seil hoch, wurde aber auf halber Höhe von einer Sandbö gepackt, die ihn wie ein Gebläse traf und ihm sengend in die Haut schnitt. Er hatte den Kopf tief eingezogen und spürte brennenden Schmerz auf den Händen. Weiter zog er sich über das rauhgewordene Seil hinauf an den Torrand, zerrte sich hoch und schwang sich hinüber.

Er kam so hart auf den Boden auf, daß ein stechender Schmerz in sein rechtes Bein fuhr. Vor wenigen Tagen hatte er sich bei Tulia einen Wadenbeinriß zugezogen, der ihm immer noch zu schaffen machte. Und jetzt war er ausgerechnet auf dieses Bein so hart aufgekommen.

Sekundenlang blieb er zusammengekauert am Boden liegen, raffte sich dann aber auf, hielt auf das Tor zu und packte den schweren Balken, der vorgelegt war.

In diesem Augenblick sprang ihn ein schwerer Körper an und warf ihn zur Seite.

Ein Hund! Für den Bruchteil eines Augenblicks tauchte das Tier in dem wirbelnden Staub vor ihm auf. Ein riesengroßer zottiger Köter, der mit gefletschten Zähnen auf ihn zuschoß.

Wyatt hatte keine andere Chance: Er riß beide Arme hoch, faltete die Hände zusammen und ließ die Handkanten in das Genick des Tieres niedersausen. Der Griff saß genau.

Der Marshal hielt das Tier fest, bis ihm die Sinne schwanden. Schwerbetäubt sank es vor dem Tor an die Erde.

Wyatt griff wieder nach dem Torbalken und wollte ihn hochzerren.

In diesem Augenblick traf ihn ein schwerer Schlag am Hinterkopf. Besinnungslos rutschte er am Tor nieder.

*

Hinter dem Missourier war ein Mann aufgetaucht. Groß, wuchtig, vierschrötig. Er packte mit der Linken den schweren Balken der Torverriegelung und riß ihn hoch. Nachdem er das Tor etwas geöffnet hatte, packte er mit beiden Händen den schweren Körper des Niedergeschlagenen und stieß ihn durch den Torspalt ins Freie.

Doc Holliday hatte draußen gewartet. Er hatte die Augen voller Sandstaub. Als er den Mann im Torspalt vor sich auftauchen sah, begriff er nicht sofort. Aber eines sah er doch gleich, daß dies nicht der Marshal war.

Der Mann hatte einen schweren Körper hinausgestoßen, und dicht vor Holliday ragte nun ein riesiger silberner Sternradsporn hoch, den der Spieler genau kannte.

Da am Boden lag Wyatt Earp!

Und genau in dem Augenblick, in dem der andere das Tor zureißen wollte, reagierte das Phantom aus Georgia. Der rechte Arm zuckte vor, und sein vernickelter Revolverlauf fiel mit einem knackenden Hieb auf den Hut des anderen nieder.

Der torkelte zurück, wollte sich aber wieder gegen das Tor werfen, um die eiserne Krampe zu packen und den Flügel zuzureißen.

Da aber war der Spieler vor ihm und stieß ihm den Revolver so hart gegen die Rippen, daß der Mann benommen zurücktorkelte. Er brach ins linke Knie.

Eine Sandbö, die durch den Torspalt hereinwirbelte, stand für einen Augenblick zwischen den beiden.

Holliday griff mit der Linken nach vorn – und griff ins Leere.

Der Gegner hatte sich zur Seite gewälzt. Nun raffte er sich auf und riß seinen Revolver aus dem Halfter.

Im Bruchteil einer Sekunde warf sich der Spieler herum und hielt ihm die Waffe entgegen.

»Hände hoch!«

Unendlich langsam krochen die Arme des Mannes in die Höhe.

Mit einem schnellen Griff hatte Holliday ihm den Colt abgenommen und beförderte die Waffe durch den Torspalt.

»Was fällt Ihnen ein, Mensch! Wer sind Sie?« brüllte ihn der andere an.

»Los, komm raus!« forderte der Spieler.

Und als der andere dieser Aufforderung nicht folgen wollte, zwang ihn der Spieler durch Druck mit dem Colt durch den Torspalt hinaus neben den Körper des Marshals.«

»Was ist mit diesem Mann?« fragte Holliday scharf.

»Was weiß ich?« krächzte der andere.

Der Sturm bildete seine Wirbel jetzt weiter westlich, so daß die Männer einander gut sehen konnten.

»Richten Sie ihn in sitzende Stellung auf und lehnen Sie ihn an den Torflügel«, gebot der Spieler.

Mürrisch kam der Mann dieser Aufforderung nach.

In diesem Augenblick kam der Marshal zu sich. Er richtete sich auf, fuhr sich durchs Gesicht und zog dann den Hut, den er fast auf den Kopf gestülpt hatte, herunter. Mit der Linken betastete er den Hinterkopf.

»Du hast ihn also niedergeschlagen, du armselige Kröte«, knurrte der Spieler den Fremden an.

»Was wollen Sie? Dies hier ist meine Ranch! Wie kommen Sie dazu, hier einzudringen? Ich habe den Mann beobachtet, wie er den Fenz überklettert hat.«

»Die Fenz? Das ist ein Tor. Und wir haben geklopft.«

»Na und? Wenn nicht geöffnet wird, ist es niemandem erlaubt, den Hof zu betreten. Was glauben Sie wohl, wofür die Fenz da ist?«

»Vielleicht bemerken Sie, daß ein Sandsturm tobt, und vielleicht haben Sie mal etwas von der Pflicht der Gastfreundschaft gehört, Mister«, fauchte der Spieler, während er den Colt ins Halfter zurückfliegen ließ und sich neben dem Marshal niederkniete.

»Wie stehts?«

Wyatt griff in den Hutrand und zog die metallene Platte, die er hinten unter dem Schweißband sitzen hatte, ein wenig heraus. Dabei zwinkerte er dem Spieler zu. Wieder einmal hatte das gute Stück einen harten Hieb gebrochen.

Immer noch benommen, erhob sich der Marshal und blickte den Mann an, der vor ihnen stand.

Es war ein ziemlich großer Mensch mit weitausladenden Schultern, einem massigen Schädel, der halslos auf dem gewaltigen Rumpf saß. Zwei schwere Ohren reichten vom Hutrand fast bis zu den Schultern herunter. Die Brauen waren buschig und das Jochbein sehr stark. Kurz und breit war die Nase, aufgeworfen der Mund, wuchtig und in der Mitte gespalten das Kinn. Die Augen waren von einem seltsamen Schiefergrau und schienen wimpernlos zu sein, was zu den buschigen Brauen im scharfen Kontrast stand. Scharfe Falten zogen sich von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei zu den Kinnecken hinunter. Auch zwischen den Brauen stand eine tiefe Falte, die über die fliehende Stirn bis unter den Hutrand lief. Doch war der Mann noch nicht alt, vierzig höchstens. Er trug ein gelbes Halstuch, eine dunkelbraune Jacke, ein grünes Hemd und eine graue Hose, die in den Schäften hochhackiger Stiefel steckte. Die behaarten Hände waren jetzt zu Fäusten geballt, so daß die Knöchel weiß hervortraten.

Der Missourier blickte den Mann, der nur knapp einen halben Kopf kleiner war als er selbst, kühl an.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Ihnen keine Antwort schuldig.«

Da schoß die Rechte des Marshals vor und spannte sich um das Halstuch des anderen.

Der aber wollte diesmal nicht ins Hintertreffen geraten. Er wuchtete seine Rechte nach vorn, die jedoch ihr Ziel verfehlte, und schickte ihr eine Linke hinterher, die von der Schulter Wyatts abgebremst wurde.

Der Missourier hatte das Halstuch des Mannes losgelassen. Er steppte nach links und hämmerte dem knorrigen Gegner einen harten Rechtshänder in die Rippen, und als der Mann wieder herankam, riß Wyatt einen linken Haken nach innen, der am Kinnwinkel des Gegners detonierte und ihn gegen den Torflügel schleuderte.

Aber der Mann fing sich. Kaum daß er in den Knien eingesackt war, richtete er sich wieder auf und verzog das Gesicht.

»Wer sind Sie?« wiederholte der Marshal schroff.

»Mein Name ist Cameron, Dude Cameron.«

»Diesen Namen habe ich einmal auf einem Grabstein gelesen«, versetzte der Georgier bissig. »Da machte er sich gut.«

Cameron warf dem Spieler einen forschenden Blick zu.

»Wie reden Sie denn mit mir? Erst dringen Sie hier bei mir ein, schlagen mich nieder, und nun glauben Sie, mich auch noch beleidigen zu können?«

»Sie verdrehen die Dinge«, stellte der Marshal fest. »Wer hat denn wen niedergeschlagen, Mann? Da uns nicht geöffnet wurde, bin ich über das Tor geklettert, um von innen zu öffnen, da ich für meinen Gefährten und mich Schutz vor dem Orkan suchen wollte.«

»Suchen Sie Schutz, wo Sie wollen, aber nicht bei mir.«

»Das ist also Ihre Ranch?«

»Ich bin der Vormann«, knurrte Cameron.

»Muß eine prächtige Ranch sein, die einen solchen Vormann beschäftigt«, entgegnete Wyatt.

»Schon wieder eine Beleidigung«, krächzte Cameron.

»Beleidigung? Kann man so etwas wie Sie überhaupt beleidigen?« versetzte der Spieler spöttisch und wandte sich ab.

Der Sturm schien im Augenblick etwas nachgelassen zu haben; aber das war eine Täuschung. Im nächsten Augenblick fegte eine so starke Windbö heran, daß die drei Männer bis gegen die Torflügel zurückgedrückt wurden.

Die Pferde hatten die Köpfe gesenkt und sich an das Tor gelehnt.

Cameron nutzte die Gelegenheit und sprang in den Hof.

Aber schon hatte Wyatt den Fuß zwischen das Tor geklemmt. Er schob es mit den Schultern weiter auf und stand dem Vormann auf anderthalb Schritt gegenüber. Der Wind trieb kleine Wirbel über den weiten Hof, der jetzt teilweise zu erkennen war, und trieb düstere Sandschwaden auf ein großes Scheunenhaus zu.