XXL-Leseprobe: Die sieben Todsünden - Hochmut - Wolf Serno - kostenlos E-Book

XXL-Leseprobe: Die sieben Todsünden - Hochmut E-Book

Wolf Serno

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Beschreibung

Lesen Sie jetzt das erste Kapitel des historischen Romans "Die sieben Todsünden" von SPIEGEL-Bestsellerautor Wolf Serno ("Der Wanderchirurg", "Hexenkammer", "Der Medicus von Heidelberg")! Gebeichtet zu Bologna 1576: Ein junger Mann aus reicher Familie erzählt die Geschichte "eines Freundes", den er nicht von seiner Sünde abgehalten habe. Pater Matteo wird schnell klar, dass der Mann im Beichtstuhl selbst der Sünder ist. Aus Hochmut endet eine Liebesgeschichte tragisch und Rache entflammt zwischen zwei Familien ... Während die Reichen die Etikette und die Mode pflegen und ihren Luxus zur Schau stellen, darben die Armen, die Diener und die Tagelöhner. Pater Matteo, Priester einer kleinen, bescheidenen Kirche, bemüht sich mit Hilfe seines Küsters Dovizio, die Not der Menschen zu lindern und ihnen Trost zu spenden. Als Beichtvater hört Matteo von Verwicklungen um die ganze Palette von menschlichen Verfehlungen, von tödlichen und lässlichen Sünden. Nichts Menschliches ist ihm fremd, auch weil er nicht immer Priester war. Aus dem bewegten Leben von Pater Matteo werden hier Geschichten erzählt, jede basierend auf der Beichte einer Todsünde. Neugierig, wie es weitergeht? »Die sieben Todsünden« – ab Mai 2018 als E-Book überall im Online-Buchhandel erhältlich! Wolf Serno entwirft anhand der sieben Todsünden ein spannendes gesellschaftliches Bild: Gehen Sie mit auf eine Reise in ein vergangenes Italien, voller Rätsel, Sünden und Ränkespiele. Lüften Sie in dem neuen historischen Roman von Wolf Serno die Geheimnisse einer Seidenkaufmannsfamilie, der Gauklertruppe "Le Giocolieri", ihrer Nachbarn, Freunde und Feinde. Tauchen Sie ein in die Gesellschaft von Bologna, wo Tugendhaftigkeit manchmal mehr Schein als Sein ist.

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Seitenzahl: 103

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Wolf Serno

Die sieben Todsünden Kapitel 1 – Hochmut

Knaur e-books

Über dieses Buch

»Manchmal, o Herr, ist es wirklich nicht leicht, Dein Diener zu sein.«

1576 ist Bologna eine wilde, überschäumende Stadt, von prunkvollen Palästen ebenso geprägt wie von Abertausenden von Bettlern. Mittendrin: Pater Matteo, der, so gut es eben geht, den Willen Gottes zu erfüllen versucht. Als Beichtvater werden ihm alle möglichen Sünden anvertraut – auch diejenigen, die als die sieben Todsünden bekannt sind. In sieben Episoden reihen sie sich aneinander, bevölkert von Adligen und Gauklern, Kastratensängern, Dieben, Medici und Pestkranken, und zeichnen das farbenprächtige Bild einer Zeit des Umbruchs.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoHinweisEine Vorbemerkung zum Ort der HandlungDie wichtigsten Personen in der Reihenfolge der BeichtenDie erste der sieben Todsünden: HochmutDank
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Wie immer für mein Rudel:

Micky, Olli und Magda

 

Nicht zu vergessen:

Fiedler, Buschmann, Sumo und Eddi,

die schon auf der anderen Seite

der Straße gehen.

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Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,

wer Sünde thut,

der ist der Sünde Knecht.

 

Evangelium Johannis, 8, 34

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Die religiösen Zitate des Romans

stammen überwiegend aus:

 

Die Bibel

Die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments

Siebenundzwanzigster Abdruck

Gedruckt und verlegt von B. G. Teubner in Leipzig, 1877

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Eine Vorbemerkung zum Ort der Handlung

Bologna ist eine Stadt mit bewegter Vergangenheit. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Mittelalter, als sie eine unabhängige Kommune war, und weiter bis in die Zeit des Römischen Reiches, als sie eine Kolonie war und Bononia hieß. Noch früher lebten hier die Etrusker, die sie Felsina nannten, und das italische Volk der Umbrier. Davor die prähistorischen Steinzeitmenschen.

Gelegen in einer fruchtbaren Ebene am Fuße der Appeninen, war die Stadt seit jeher ein bevorzugter Lebensraum, ein pulsierender Handelsplatz und ein Knotenpunkt der Verkehrswege.

Ihre ursprüngliche Ausdehnung kann noch heute an den Überresten zweier Stadtmauern abgelesen werden. Der äußere Wall und die zwölf Tore bestanden vermutlich noch im Jahre 1576, zu einer Zeit also, in der die Handlung dieses Romans spielt. Sämtliche Hauptstraßen führten – gleich den Speichen eines unregelmäßigen Rades – ins Zentrum auf einen weitläufigen Zentralplatz: die Piazza Maggiore.

Damals wie heute wird die Piazza Maggiore beherrscht von der gewaltigen Basilika San Petronio, die nach dem Schutzheiligen der Stadt benannt ist. Ihre mächtigen Mauern überschatteten den angrenzenden Palazzo dei Notai, den Palast der Notare, in dem auch die Geldwechsler ihre Räume hatten. Gegenüber befand sich der Palazzo del Podestà, in dem die Ältesten residierten. An der dritten Seite der Piazza stand das beeindruckende, einer Festung gleichende Rathaus: der Palazzo Pubblico. Er war der offizielle Wohnsitz des vom Papst ernannten Legaten, der in allen Belangen das letzte Wort hatte. Er stand noch über der Regierung, die sich aus dem obersten Beamten, Gonfalonier genannt, sowie acht Konsuln und dem Senat zusammensetzte.

Auf dem Monte della Guardia, einem sich nach Südwesten erstreckenden Hügel, überragte das Kloster der Madonna di San Luca die Ebene. Es war eines von nicht weniger als sechsundneunzig Klöstern im Stadtgebiet.

Von den hoch aufragenden Wohntürmen, den sogenannten Geschlechtertürmen, die in früheren Zeiten durch wohlhabende Familien zum Schutz vor Angriffen errichtet worden waren, standen im späten sechzehnten Jahrhundert nur noch wenige, darunter die beiden berühmten, heute noch erhaltenen Türme Asinella und Garisenda.

Sie waren – wie nahezu alle Gebäude der Stadt – in Ermangelung von Marmor aus Ziegeln errichtet. Die Häuser schmiegten sich eng aneinander in Blocks, direkt an der Straße und direkt über den langen Arkaden, die noch immer typisch für Bologna sind. Von ihnen sagte man, sie seien angelegt zum Schutz vor Regen und Schnee – unter anderem für die vielen Studenten der Universität, die sich tags und nachts auf den Straßen herumtrieben oder bei feierlichen Anlässen in prächtigen Prozessionen mit ihren Professoren einherschritten.

Überhaupt spielte die äußere Erscheinung eine entscheidende Rolle. Strenge Regeln bestimmten die Etikette. Luxus und Zurschaustellung der Kleidung waren extrem. Kostbare Seiden und Brokate, goldene Ketten, Ringe und Knöpfe, Perlen und Juwelen waren in Mode, der Gebrauch von Puder und Parfum war gang und gäbe, das Färben der Haare sehr beliebt.

Daneben traten Aberglaube und Hexenwahn in hohem Maße zutage. Der Glaube an Astrologie, an die verborgene Kraft von Edelsteinen und der mystische Einfluss von Worten und Zahlen waren weit verbreitet und beherrschten in nicht geringem Maße die Gedanken und das Schrifttum der Zeit.

Doch neben Glitzerwelt und Luxus zeichneten sich mehr und mehr Zerfallserscheinungen ab. Die Gesetzlosigkeit nahm zu. Posten und andere Ämter wurden an den Meistbietenden verschachert oder einem Verwandten zugeschanzt. Brutale Fehden zwischen einflussreichen Familien waren üblich. In den letzten Jahren unter Gregor XIII. (1502–1585) stieg die Zahl der Verbrechen ins kaum Erträgliche und behinderte den für die Stadt so notwendigen Handel beträchtlich.

Es waren die Armen und die Bettler, die Diener und die Tagelöhner, die am meisten unter den Gewalttaten litten. Hohe Steuern durch Adel und Kirche trugen zur Armut der Menschen bei. Kaminsteuern wurden oft mehrmals im Jahr erhoben, Salzsteuern ständig erhöht. Jede Ware, die in die Stadt kam, wurde ohne Ausnahme mit Abgaben belegt. Gegen Ende des Jahrhunderts drohte eine Hungersnot, und zehntausend Bettler hielten täglich die Hand auf.

So war die Situation, als sich gegen all den Protz und Prunk, gegen Armut und Not ein einzelner Priester stemmte. Sein Name war Pater Matteo, und er war Seelsorger einer kleinen Kirche namens Chiesa di San Simeone. Er setzte seine bescheidenen Kräfte dazu ein, den Menschen Hilfe zu bringen und Trost zu spenden – manchmal, wie er glaubte, mehr schlecht als recht, manchmal vielleicht ein wenig erfolgreicher. Aber immer im Namen des Herrn.

Beides, die kleine Kirche und Pater Matteo, hat es nie gegeben. Und doch können wir ihnen auch heute noch überall begegnen …

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Die wichtigsten Personen in der Reihenfolge der Beichten

Pater Matteo – ein Priester, dem nichts Menschliches fremd ist, weil er nicht immer Priester war. Beichtvater und Seelsorger der Chiesa di San Simeone

 

Dovizio – Matteos »Küster, Koch und Kantor«. Brummig, aber treu

 

Gioacchino Pepoli – sein Hochmut wird nur von seiner Feigheit übertroffen. Beichtet deshalb die Sünden eines »Freundes«

 

Pamfalon – Patron der Gauklertruppe Le Giocolieri. Tritt als Ansager und Pulcinell auf

 

Lavinia – Pamfalons Tochter. Besitzt die seltsame Gabe, Zuschauer in Schlaf zu versetzen. Begeht Selbstmord aus Rache

 

Leonello und Leonardo – Zwillinge, Söhne von Pamfalon

 

Conor – ein gewitzter Bettler, stadtbekannt wegen eines klugen Raben, der auf den Namen Massimo hört

 

Doktor Marcello Galbaio – ein junger Arzt aus Berufung. Wohnt in einem Kuriositäten-Kabinett. Beichtet in einer katholischen Kirche, obwohl er Protestant ist

 

Umberto Fanti – der größte Geizhals Bolognas. Stirbt lieber, als auch nur einen einzigen Baiocco für Medikamente auszugeben

 

Die Witwe Memmo – eine Nachbarin, deren Hilfsbereitschaft den Geizhals Fanti nicht vor dem Tod bewahren kann

 

Alberto Dominelli – handelt mit lebensechten Miniaturnachbildungen, unter dem Leitsatz Corpus in perfectio natura

 

Violino – ein Jüngling, der wegen seiner engelsgleichen Stimme kastriert wird. Findet Zuflucht bei Pater Matteo

 

Marino – ein Bettler, der bis zu seinem Tod als allacrimanto, als Dauerweiner, arbeitet. Violinos Vater

 

Doktor Giorgio Fausto – ein teuflischer Alchemist mit pädophilen Neigungen. Will die Transmutation im Menschen nachweisen

 

Domenico Selvo – ein schwerreicher Seidenraupenzüchter. Sorgt dafür, dass Violino gegen seinen Willen kastriert wird

 

Bella – Selvos Töchterchen. Freundin Violinos

 

Pipo – ein Dieb und Frauenheld. Treibt Selvo durch einen wollüstigen Akt vor aller Augen in den Ruin

 

Meister Bruno – repariert den Beichtstuhl von San Simeone und baut das Gerüst für die Restauration der Fresken

 

Doktor Flabanico – soll Pater Matteos Knie heilen und nimmt stattdessen eine Aussatzschau an ihm vor

 

Nausica – eine junge Frau, die vergewaltigt wird und fast an der Abtreibung stirbt. Findet ein Zuhause bei Pater Matteo

 

Morna – eine alte Wehmutter, die nicht viel Worte macht und hilft

 

Sberleffo – ein Bettler und Grimassenschneider. Bringt die Menschen zum Lachen, indem er seine Nase in den Mund nimmt

 

Doktor Gaspare Tagliacozzi – ein Arzt, der zweifelhafte Heilmethoden anwendet. Behandelt Pater Matteos Knie mit warmem Schafsgedärm und zieht sich dessen Zorn zu

 

Gorgo – ein eingeschleppter Pestkranker aus Venedig. Stirbt trotz Pater Matteos aufopferungsvoller Pflege

 

Tullio Tegalliano – erscheint während des Karnevals als Satyr mit Phalli und Vulven auf der Brust. Geliebter von Giulia Anafesto

 

Giulia Anafesto – tritt während des Karnevals als verführerische Elfe auf. Geliebte des Satyrs

 

Anafesto – ein reicher Kunsthändler. Vater Giulias. Mitverursacher des guerra balconale, einer maßlosen Völlerei während der Karnevalstage

 

Riccardo Contarini – Sohn eines Weinhändlers. Geht aus Neid über Leichen und bereut seine Todsünde trotz allen Zuredens bis zuletzt nicht

 

Diotato Grimani – Freund und späterer Feind Riccardo Contarinis. Wird von diesem aus niederen Neidgefühlen ermordet

 

Meister Bonucci – Schirmmacher und Nausicas Vater. Verstößt seine vergewaltigte Tochter aus Angst vor dem Gerede der Nachbarn. Zeigt späte Reue und Einsicht

 

Filippo – Sohn eines Olivenbauern. Dieb und Faulpelz. Wettet, einem Mauerblümchen die Jungfernschaft stehlen zu können, ohne dass diese es bemerkt

 

Madalena Colberti – das Mauerblümchen. Ein hässliches Entlein, aus dem später ein Schwan wird. Verliebt sich in Filippo. Und umgekehrt

 

Gustavo – ein Dieb und Kumpan von Pipo. Will Filippo töten, weil er sich um die Wettsumme betrogen fühlt

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Die erste der sieben Todsünden: Hochmut

superbia

Es war an einem der ersten Tage des Jahres 1576, als Pater Matteo wieder einmal Gelegenheit fand, Zwiesprache mit seinem Schöpfer zu halten. Er pflegte dies in der Sakristei seiner Kirche, der Chiesa di San Simeone, zu tun, wo er niederkniete und den Blick auf das kleine Kruzifix an der Wand richtete. »Herr«, sagte er, »es liegt geraume Weile zurück, dass ich um Deinen Rat und Deine Stärke gebeten habe. In der Zwischenzeit ist vieles geschehen, zu vieles, wenn Du mich fragst. Doch lass mich der Reihe nach berichten. Ich …«

In diesem Augenblick drang ein gewaltiges Poltern an sein Ohr, es schien aus dem Kirchenschiff zu kommen. Was ging da vor? Matteo erhob sich mühsam. Seit einigen Wochen plagten ihn Knieprobleme, was angesichts seines Alters – er zählte dreiundfünfzig Jahre – und der harten, kalten Steinfliesen in der Sakristei kein Wunder war. Er öffnete die Tür und sah an der gegenüberliegenden Wand vier Männer, die ein hölzernes Ungetüm heranschleppten. Es war der reparierte Beichtstuhl. Sie setzten ihn ächzend ab, hoben ihn wieder an und setzten ihn abermals ab. Offenbar wussten sie nicht, wo sein angestammter Platz war. Sie schnauften und schwitzten, und als einer der Träger den Pater entdeckte, rief er: »Buon giorno, Hochwürden, wir sollen uns bei Dovizio, dem Küster, melden!«

Matteo, ein Mann, dem das Leben schon manche Falte ins Gesicht geschnitzt hatte, war noch immer ungehalten über die Unterbrechung. »Ich weiß nicht, wo er steckt. Ich fürchte, ihr müsst mit mir vorliebnehmen.«

Der Träger lachte verlegen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wir wollten Euch nicht stören, Hochwürden.«

»Nun ja.« Matteo musste zugeben, dass der Beichtstuhl von San Simeone in der Tat ziemlich schwer war, ein Möbel aus massivem Eichenholz, geschlossen, zweigeteilt und hoch wie ein Schrank. Niemand, auch nicht der stärkste Mann, vermochte ihn geräuschlos zu transportieren. »Wo habt ihr denn euren Meister gelassen?«, fragte er versöhnlich.

»Meister Bruno ist in der Werkstatt, Hochwürden. Wir sollen auch recht schön grüßen.«

»Danke, eigentlich hatte ich erwartet, dass er mir das Ergebnis seiner Reparaturarbeit persönlich zeigt. Aber es scheint ja alles in Ordnung zu sein. Der Platz des Beichtstuhls ist übrigens auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchenschiffs, ihr müsst euch also noch einmal bemühen.«

Die Träger unterdrückten eine Verwünschung und hoben das schwere Gebilde erneut an. Mit roten Gesichtern und geschwollenen Adern bugsierten sie es um die Bankreihen herum, setzten es ab und wollten sich aufatmend davonmachen, doch Matteo hielt sie auf. »Einen Augenblick noch. Ich muss etwas überprüfen.«

»Ja, Hochwürden.«

Matteo betrachtete das Dach des Beichtstuhls und die dort inmitten von Rosenreliefs hineingeschnittenen Buchstaben. Es waren acht Versalien, die zusammen das Wort Ignoscam ergaben. Er prüfte jeden Buchstaben genau, denn Meister Bruno war des Lateinischen nicht mächtig und hätte leicht einen Fehler machen können.

»Es ist alles richtig«, stellte Matteo erleichtert fest. »Bestellt eurem Meister meinen Dank.«

»Wird gemacht, Hochwürden.«

Die Träger bekreuzigten sich und strebten dem Ausgang zu, doch Matteo war noch etwas eingefallen: »Und richtet ihm aus, er möge bei der Berechnung seiner Kosten nicht vergessen, dass dieses Gotteshaus zu den ärmsten der Gemeinde San Salvatore gehört.«