XXL-LESEPROBE: Puértolas - Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte - Romain Puértolas - kostenlos E-Book
Beschreibung

Werfen Sie einen ersten Blick in »Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte«, den neuen Roman des Bestsellerautors Romain Puértolas um eine Pariser Briefträgerin mit großem Herzen und ein kleines marokkanisches Mädchen, das »eine Wolke verschluckt«, die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Diese XXL-Leseprobe enthält neben einer längeren Passage aus dem Buch ein exklusives Interview mit dem Autor, in dem er Auskunft über seine Inspiration, seine Recherchen und seine Kindheit gibt.

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EPUB

Seitenzahl:32


Romain Puértolas

Das Mädchen, das eine Wolke so groß wie der Eiffelturm verschluckte

XXL-Leseprobe

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Atlantik

Leseprobe

Das erste Wort, das der alte Friseur von sich gab, als ich seinen Salon betrat, war eine knappe, herrische Anweisung, die von einem NS-Offizier hätte kommen können. Oder eben von einem alten Friseur:

»Setzen!«

Gehorsam leistete ich seinem Befehl Folge. Bevor er mit der Schere nachhalf.

Sofort fing er an, um mich herumzutänzeln, ohne auch nur zu fragen, mit welcher Frisur ich den Salon denn wieder verlassen wollte oder aber mit welcher Frisur ich den Salon auf gar keinen Fall verlassen wollte. Hatte er es überhaupt jemals zuvor mit einer widerspenstigen karibischen Afrokrause zu tun gehabt? Er würde schon noch merken, was da auf ihn zukam.

»Soll ich Ihnen eine unglaubliche Geschichte erzählen?«, fragte ich, um das Eis zu brechen und ein freundlicheres Klima zu schaffen.

»Nur zu, solange Sie dabei den Kopf nicht bewegen. Sonst schneide ich Ihnen ein Ohr ab.«

Ich betrachtete dieses »nur zu« als großen Fortschritt, quasi als Einladung zu Dialog, Frieden auf Erden und echter Brüderlichkeit, und versuchte, durch die symbolische Verbrüderungsgeste ermutigt, so schnell wie möglich die drohende Amputation meines Hörorgans zu vergessen.

»Also Folgendes: Eines Tages stand mein Briefträger, der eigentlich eine Briefträgerin ist, übrigens eine ganz reizende Briefträgerin, im Kontrollturm vor mir – ich arbeite als Fluglotse – und sagte: ›Monsieur Machin (so heiße ich), Sie müssen mir die Starterlaubnis erteilen. Meine Bitte mag Ihnen ungewöhnlich erscheinen, aber daran lässt sich nun mal nichts ändern. Stellen Sie sich nicht zu viele Fragen. Ich stelle mir auch keine Fragen mehr, seit das alles angefangen hat. Erlauben Sie mir bitte einfach, von Ihrem Flughafen aus zu starten.‹

Ihre Bitte klang zunächst einmal gar nicht so abwegig. Ich bekomme hin und wieder Besuch von Leuten, die ihr letztes Geld in den Flugschulen der Umgebung gelassen haben und auf eigene Kappe weiter Flugstunden nehmen möchten. Ich wunderte mich allerdings, dass sie mir noch nie von ihrer Flugleidenschaft erzählt hatte. Gut, wir hatten kaum Gelegenheit gehabt, uns zu unterhalten, und begegneten uns nur sehr selten (ich übernehme abwechselnd Tag- und Nachtschichten) – aber dennoch. Gewöhnlich beschränkte sie sich darauf, mir mit ihrem klapprigen gelben R4 die Post zu bringen. Bei meiner Arbeit hatte sie mich noch nie besucht. Schade, denn die Frau war eine Granate. ›Normalerweise‹, erwiderte ich, ›würde ich Sie bei einem solchen Anliegen an die Flugverkehrskontrolle verweisen, Mademoiselle. Doch heute gibt es ein Problem – der Luftverkehr ist wegen dieser verflixten Aschewolke völlig durcheinander geraten und Privatflüge können wir leider nicht berücksichtigen.‹

Als ich ihr enttäuschtes Gesicht sah (und es war ein sehr hübsches enttäuschtes Gesicht, das einem richtig zu Herzen ging), heuchelte ich Interesse an ihrem Fall. ›Was fliegen Sie denn? Eine Cessna? Eine Piper?‹

Sie schwieg lange. Ganz offensichtlich brachte meine Frage sie in Verlegenheit. ›Genau deshalb ist meine Bitte ja so ungewöhnlich. Ich habe kein Flugzeug. Ich fliege allein.‹

›Ja, das habe ich verstanden. Sie fliegen ohne Fluglehrer.‹

›Nein, nein, ganz allein, das heißt, ohne Maschine, so ungefähr.‹ Sie hob die Arme über den Kopf und drehte sich wie eine Ballerina einmal um sich selbst. Habe ich eigentlich erwähnt, dass sie einen Badeanzug trug?«

»Dieses kleine Detail haben Sie bisher ausgelassen«, antwortete der Friseur, der sich mittlerweile ganz dem Kampf gegen meinen Afro verschrieben hatte. »Ich habe mir schon immer gedacht, dass Fluglotsen ein lässiges Leben haben, aber damit schießen Sie den Vogel ab.«

Der Mann hatte recht. Als Fluglotse in Orly hatte man nicht viel Grund zur Klage. Nicht dass uns diese Tatsache daran gehindert hätte, von Zeit zu Zeit einen kleinen Überraschungsstreik auszurufen. Nur damit uns die Leute an den Feiertagen nicht ganz vergaßen.