Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Heinrich Eklund, der Inhaber einer Wurstfabrik wird tot auf seinem Anwesen aufgefunden. Während ein Jahrhundertsturm über das Land zieht, nehmen die Kommissare Herzog und Palatino die Ermittlungen auf und tauchen tief in Eklunds familiäres Umfeld ein. Als das Anwesen von der Außenwelt abgeschnitten wird, geschehen weitere Morde. Im Zuge der Ermittlungen decken die Kommissare ein Netz aus Intrigen und Verflechtungen auf, die zu Eklunds Tod führten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufälliger Natur und sind nicht beabsichtigt.
06:36 Uhr
08:50 Uhr
09:45 Uhr
Zur gleichen Zeit
11:27 Uhr
Zur gleichen Zeit
12:13 Uhr
13:01 Uhr
14:17 Uhr
14:59 Uhr
15:45 Uhr
16:30 Uhr
17:46 Uhr
19:42 Uhr
21:21 Uhr
22:09 Uhr
23:11 Uhr
00:19 Uhr
01:39 Uhr
03:47 Uhr
04:38 Uhr
Zur gleichen Zeit
06:19 Uhr
Vier Monate später
Der Freitag begann, wie viele andere. Der Wecker brummte. Nach einer kurzen Nacht und einem schnellen Frühstück würde er sich auf den Weg zur Dienststelle machen. Auf seinem Schreibtisch wartete ein Haufen Büroarbeit. Er hoffte auf einen entspannten Tag.
Im Fernsehen lief das Frühstücksfernsehen. Er trank seinen Kaffee und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Bevor er sie anzündete, summte sein Mobiltelefon. Das Display kündigte Gunter Martes an. Sein Anruf um diese Uhrzeit bedeutete nichts Gutes.
»Herzog.«
»Guten Morgen Hanibal«, begrüßte ihn der Leiter des Morddezernates. »Hast Du gut geschlafen?«
Er rieb sich die Augen und warf einen Blick auf die Uhr an der Mikrowelle. »Verdammt, Gunter! Hast Du mal auf die Uhr geschaut?«
»Ja«, erwiderte Martes. »Ich wollte Dich erwischen, bevor Du losfährst. Du brauchst keinen Umweg übers Revier machen.« Er pausierte. »Ich habe soeben die Meldung bekommen, dass Heinrich Eklund tot aufgefunden wurde.«
Die Nachricht trieb Hanibal die Restmüdigkeit aus. »Eklund?« Er nippte an seinem Kaffee. »Der Wurst-Magnat?«
»Ja«, bestätigte Martes. »Sein Hausmädchen hat ihn in seinem Arbeitszimmer auf Schloss Gewöllheim gefunden.«
Hanibal trank einen Schluck. »Woran ist er gestorben? Herzinfarkt?«
»Meinst Du, ich würde Dich bei einen Herzinfarkt anrufen. Die Indizienlage zeugt von einem plötzlichen Ableben. Laut Aussage des Anrufers lässt sich eindeutig bestimmen, woran er gestorben ist.« Martes legte wieder eine Pause ein.
»Gunter, mach es nicht so dramatisch.«
»Er hat einen Stiletto im Auge.«
Herzog stutzte. »Ein Stiletto? Einen Dolch?«
»Nein! Dann hätte ich Stilett gesagt. Ich rede von einen Damenschuh.«
»Wie bitte? Das meinst Du doch nicht ernst?«
»Ich habe Cassidy und die Spurensicherung bereits vor Ort geschickt. Die Staatsanwaltschaft ist informiert. Ihr bekommt einen Streifenwagen zur Unterstützung.«
»Einen Streifenwagen!? Ist das nicht etwas wenig?«
»Mehr kann ich heute nicht auftreiben. Die anderen bereiten sich auf die Verkehrssicherung vor.«
»Verkehrssicherung? Verdammt Gunter! Was soll der Unsinn?«
»Hast du gestern nicht die Einsatzbefehle gelesen?«
»Nein. Ich war die halbe Nacht in dem Dönerladen auf der Oststraße. Der Drehspießvorfall. Du erinnerst Dich?«
»Ach, ja«, bestätigte Martes. »Wie lief es da? Ich habe noch keinen Bericht.«
»Gunter, ich war erst um 01:30 Uhr zu Hause. Ich werde den Bericht heute schreiben. Ich kann Dir zusammenfassend sagen, dass der Cousin des Betreibers einen Gast mit dem Dönerspieß erstochen hat. Es war anscheinend ein Streit zwischen zwei Familien.« Hanibal nippte an seinem Kaffee. »Was ist mit den Streifenwagen? Wieso Verkehrssicherung?«
»Vivienne hat sich für heute angekündigt.«
»Wer zur Hölle ist Vivienne? Irgendein verdammtes Promi-Weib, das ich nicht kenne?«
»Der Orkan. Es dürfte ziemlich heftig werden. Guckst Du keine Nachrichten?«
Hanibal schaute zum Fernseher. Eine Reporterin, mit der Küste im Hintergrund, warnte mit wehenden Haaren vor einem Orkan. Eingespielte Bilder zeigten eine Strandpromenade mit verwüsteten Pavillons, umherliegenden Stühlen, zerborstenen Scheiben und abgedeckten Dächern.
»Doch. Natürlich«, konterte Hanibal. »Mir war nur der Name entfallen.«
»Mach Dich auf den Weg. Ich erwarte Deinen Bericht. Bis später.«
Martes legte auf. Der entspannte Tag hatte sich soeben verabschiedet.
Hanibal nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Schloss Gewöllheim lag in einem einsamen Waldgebiet, das eine gute Stunde Fahrtzeit von der Stadt entfernt war. Selbst das nächstgelegene Dorf war einige Kilometer entfernt. Er würde die Gegend ländlich nennen. Cassidy würde es als ‚Arsch der Welt‘ bezeichnen. Er hörte sie im Gedanken bereits fluchen. Er grinste mild.
Er legte sein Schulterholster an, trank den Kaffee aus und stellte die Tasse in der Küche ab. Er zog seinen kurzen Ledermantel über und verließ die Wohnung. Im Coffee-Shop an der Ecke kaufte er einen großen Kaffee. Als er seinen silbernen 5er BMW stadtauswärts lenkte, hörte er das Ende der Sieben-Uhr-Nachrichten im Radio. Während der Fahrt überlegte er, was er über das Opfer wusste.
Die Eklund-Wurstfabrik war ein großer Arbeitgeber in der Region. Die Firma war mit einer exotischen Wurst landesweit bekannt geworden. Cassidy schwärmte von der Eklund-Wurst. Hanibal war Wurst wurst. Er hatte Eklund vor einigen Jahren auf einer Polizeiveranstaltung gesehen. Eklund hatte etwas gesponsert. Er erinnerte sich nicht mehr an den Zweck, aber das damalige Motto war so dämlich wie einprägsam gewesen. ‚Mit Wurst und Wille!‘; ein Slogan, der wahrscheinlich dem verkoksten Hirn eines Marketing-Fuzzis entsprungen war. Er erinnerte sich, dass Martes ihm erzählt hatte, dass Eklund regelmäßig wohltätige Projekte finanzierte.
Er erinnerte sich an eine weitere Geschichte. Vor guten zehn Jahren berichteten die Medien, dass Eklunds Frau verschwunden war. Sie hatte ihn mit den Kindern sitzen lassen. Die Presse hatte sich erbarmungslos auf die Geschichte gestürzt. Prominenz war nicht immer von Vorteil. Als Hanibals Frau ihn verließ, stand es nicht in der Zeitung. Das war auch gut so. Mehr fiel Hanibal zu Eklund nicht ein.
Er fingerte eine Lucky Strike aus der Packung in seiner Manteltasche, als der nächste Nachrichtenblock begann. Es gab keinen Hinweis auf Eklund. Hanibal war glücklich, dass die Medien bisher nichts mitbekommen hatten. Er hasste es, wenn Kamerateams oder andere Medien-Vertreter ihn bei seiner Arbeit belästigten.
Die Wetternachrichten berichteten über 'Vivienne'. Der Orkan hatte sich vor einigen Tagen über dem Atlantik aufgebaut und bewegte sich nun von der Küste nach Westen. Die ersten Ausläufer waren für den späten Vormittag vorhergesagt. Den Höhepunkt, mit Windböen bis 190 km/h, kündigte die Sprecherin für den Abend an. Sie erwähnte die Warnmeldung des amtlichen Wetterdienstes. Demnach sollte der Aufenthalt im Freien unter allen Umständen vermieden werden. Danach gingen die Nachrichten nahtlos in die Pop-Charts über.
Er sah in der Ferne bereits den Anfang des Waldgebietes. Ein leichter Wind wogte die Wipfel. Bei dem Gedanken an den Orkan lief Hanibal ein Schauer über den Rücken.
Ihm kamen sporadisch Autos auf der Landstraße entgegen. Er selbst überholte einige Traktoren. Ungefähr 8 Kilometer vor dem Wald tauchte die bullige Front eines schwarzen Bentleys in seinem Rückspiegel auf. Der Wagen schloss rasch auf, wurde dann aber von einem entgegenkommenden Traktor am Überholen gehindert. Der Bentley-Fahrer betätigte die Lichthupe. Hanibal trat genötigt aufs Gas. Der Bentley fuhr so nah auf, dass Hanibal die Scheinwerfer nicht mehr erkennen konnte. Hinter dem Steuer saß ein grauhaariger Mann im Anzug, dessen Lippen sich hektisch bewegten. Als die Gegenfahrbahn frei war, scherte der Bentley aus und dröhnte an dem BMW vorbei. Hanibal überlegte, ob er den Drängler stellen sollte, entschied aber, dass dies ein Fall für die Verkehrspolizei sei. Der Bentley bog um die nächste Kurve und verschwand aus Hanibals Sichtbereich.
Fünfzehn Minuten, nachdem die Landstraße in den Wald führte, erreichte Hanibal die Zufahrtsstraße zum Schloss. Ein massiver Zaun war in die Landschaft eingebettet und gab deutlich die Grenze zum Eklundanwesen zu erkennen. Das schmiedeeiserne Tor war geöffnet. Daneben stand ein Streifenwagen. Ein uniformierter Beamter sicherte die Zufahrt. Es war Günther Polmann. Herzog kannte den Polizisten seit einigen Jahren aus dem Revier. Er stoppte und ließ das Fenster herab.
»Morgen Günther, wie geht´s? Bist Du der Erste?«
Polmann kaute auf einem Wurstbrötchen. »Morgen Hanibal. Nein, ich sichere nur die Zufahrt. Ich bin mit Schaefer gekommen. Cassidy war zuerst hier. Uns hat die Zentrale angetickt. Eigentlich kann sie von Martes erst danach eine Info erhalten haben. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat.«
Herzog grinste. »Du kennst doch ihren Fahrstil, wenn sie es eilig hat.« Hanibal kannte ihren Fahrstil. Er war froh, dass er selber gefahren war.
»Sonst noch jemand?«, fragte Hanibal.
»Die SpuSi ist da. Rettungswagen. Notarzt. Das sind von unserer Seite alle. Du hast Dir ganz schön Zeit gelassen.«
Hanibal schüttelte den Kopf. »Wie meinst Du das? Von unserer Seite? Wer ist denn noch da?«
»Da ist Kirmes.«
Hanibal stutzte. »Presse?«
»Nein. Die nicht. In den letzten zwanzig Minuten sind hier jede Menge Leute aufgetaucht. Cassidy hat versucht, Ordnung in den Haufen zu bringen. Mich hat sie zum Sichern runtergeschickt.«
Hanibal schüttelte den Kopf. »Ok. Ich seh mir das an. Bitte lass niemanden mehr durch. Außer, wenn es unsere Leute sind. Keine Lieferanten, keine Postboten und insbesondere will ich keine Presse sehen. Alle anderen meldest Du bei mir oder Cassidy an. Wir werden dann sehen, was wir machen.«
Herzog hatte seinen Satz kaum beendet, als er einen Motor hinter sich auf der Zufahrtsstraße hörte. Er drehte sich herum und sah einen dunkelblauen Kombi.
»Wenn ich mich nicht irre, ist das der Reporter vom 'Tagblatt'. Ich hab keinen Schimmer, wie er das hier mitbekommen hat, aber jetzt kommt Dein Einsatz.«
Polmann biss in sein Brötchen und verdrehte die Augen.
Hanibal fuhr an. »Ich fahr zum Haus.«
Der Weg schlängelte sich über einen sanften Hügel durch den Wald, gefolgt von einer Brücke, die über einen Bachlauf führte. Nach einigen Minuten ließ er den Wald hinter sich, bog in eine Alle ein und sah in einem Kilometer Entfernung ein beeindruckendes Haupthaus. Die Straße war zu beiden Seiten von alten Eichen gesäumt. Auf halber Strecke der Allee kamen ihm ein Rettungs- und ein Notarztwagen entgegen. Der Fahrer des Notarztwagens grüßte ihn.
Die Allee endete auf einem großen Platz vor dem Haus. Cassidys orange-schwarzes Mini Cooper S Coupé parkte vor dem Springbrunnen, der den Mittelpunkt des Platzes bildete. Der schwarze Kastenwagen der Spurensicherung war längsseits der Treppe zur Eingangstür abgestellt. Daneben stand ein weißer Ford-Kombi. Das war Kramers Privatwagen. In einem großzügigen Carport, der links neben dem Vorplatz angelegt war, parkten einige Fahrzeuge. Hanibal lenkte seinen Wagen hinein und stellte ihn neben einem dunkelgrünen BMW Z4 ab. Er blickte sich um. Das Carport bot ausreichend Platz für 20 Fahrzeuge. In der hinteren Ecke stand ein schwarzer Bentley. Er stieg aus und ging zum Eingang.
Der dreigeschossige Ziegelbau zeichnete sich vor einem stahlgrauen Himmel ab und glich einer alten Filmkulisse. Efeu umrankte einen Teil der vorderen Fassade. Gute zwanzig Meter links von der reichverzierten Eingangstür bildete ein Turm eine Brücke zum Rest des Hauses, dessen oberes Drittel aus Fachwerk gefertigt war. Hinter dem Turm erkannte Hanibal weitere Gebäudeteile, die an das Hauptgebäude anschlossen. Er schätzte die ältesten Teile dieser herrschaftlichen Residenz auf das 17. Jahrhundert. Ein Weg führte links um das Haus herum und gabelte sich dort. Eine der Abzweigungen führte in den Wald, die andere um das Haus herum. Zur Rechten des Ziegelbaus schloss sich ein weiterer Fachwerkgebäudeteil an. Durch einen Torbogen konnte er in einen Innenhof blicken und sah einen weiteren Gebäudetrakt.
Er nahm die erste Stufe zur Eingangstür. Gleichzeitig öffnete sich die Tür schwungvoll und seine sechzehn Jahre jüngere Kollegin trat heraus. Sie zog eine Zigarette aus der Tasche ihrer braunen Lederjacke und fummelte ein Feuerzeug aus der Hosentasche ihrer engen Jeans. Sie zündete die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, den sie laut schnaufend ausstieß. Dann bemerkte sie Hanibal, der sie stumm vom Fuß der Treppe beobachtete.
»Schwerer Tag?«, fragte Hanibal. Cassandra Palatinos blaue Augen fixierten den Hauptkommissar. Sie setzte ein schiefes Lächeln auf.
»Du hast Dir ganz schön Zeit gelassen.« Hanibal ignorierte die Begrüßung. Er zog seinerseits eine Zigarette aus dem Mantel und zündete sie an. »Guten Morgen, Cassy. Wie ist die Lage?«
Sie verdrehte die Augen. »Zirkus.«
Sie klemmte die Zigarette zwischen die Lippen und fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare ihrer Bobfrisur.
»Ich spiele seit einer halben Stunde Empfangsdame. Es ist kurz nach Acht und hier geht´s zu, wie am Drive-In. Nur ohne Essen! Eklunds Tochter und ihr Freund haben mich begrüßt. Das Hausmädchen und der Gärtner waren auch noch da. Alles war entspannt. Dann ging´s los. Der MX-5 dahinten«, sie deutete zum Carport, »gehört Eklunds Chauffeurin. Die ist kurz nach mir angekommen. Dann ist Eklunds Sohn mit seinem Fiffi-Freund aufgetaucht. Dann ein Kerl im Peggy-Bundy-Look. Zu guter Letzt noch ein schmieriger Typ, der aussieht wie einer von den Corleones.«
Hanibal schaute sie fragend an.
»Corleone? Der Pate? Kennst Du doch, oder?«
Hanibal nickte.
»Der Typ hat sich als Eklunds Anwalt vorgestellt.«
»Gehört ihm der Bentley?«, fragte Hanibal.
Cassidy zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Ich war damit beschäftigt, die Leute aus Eklunds Arbeitszimmer raus zu halten. Dann sind endlich Polmann und Schaefer gekommen. Ich habe Polmann sofort zum Tor geschickt, damit er uns weitere Leute vom Hals hält. Er hat vorhin durchgesagt, dass jemand von der Presse da ist.«
»Ja, habe ich mitbekommen. Wie sieht´s drinnen aus?«
»Schaefer spielt Kindermädchen. Die SpuSi fängt gerade an. Wir könnten hier etwas mehr Unterstützung brauchen.«
»Kriegen wir nicht. Die bereiten sich alle auf den Unwettereinsatz vor. Hast Du gestern etwa nicht die Einsatzbefehle gelesen?«, erklärte Hanibal.
»Willst Du mich verarschen? Wann denn? Falls Du Dich erinnerst, waren wir in der Dönerbude.«
Hanibal schenkte ihr ein mildes Lächeln. »Staatsanwaltschaft?«
»Bisher keiner da. Wer soll kommen? Die Falkenhain? «
»Wahrscheinlich.«
Cassidy nahm das Kinn zurück und formte einen Überbiss. Sie gab ein schnalzendes Geräusch von sich und lispelte juristische Floskeln.
»Magst Du sie etwa nicht?«
»Wie kommst Du denn darauf?« Sie verdrehte die Augen und führte ihre Imitation weiter fort.
Er blickte sie strafend an. »Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Ich denke, es liegt an eurer grundsätzlich unterschiedlichen Auffassung von Notwendigkeiten im Einsatz.«
»Pah! Die stellt sich aber auch immer an. Die furzt in Ihren Sessel und hat keine Ahnung, was wir hier draußen machen. Kannst Du Dich noch an die Geschichte mit dem Rasenmäher erinnern? Ich hab dem dem Typen nur die Hand gebrochen, aber sie tut so, als hätte ich ihm einen Schuss in die Brust verpasst. Ich habe ihr damals gehörig die Meinung gesagt.«
»Ja, ich erinnere mich.« Er nahm einen Zug von der Zigarette. »Ich erinnere mich aber auch an die Sache im Blumenladen, die Geschichte mit dem Spargelstecher, die Verfolgungsjagd mit dem Handyverkäufer, Deine Aktion auf der Auto-Messe, Dein ... «
»Ja, ist gut«, unterbrach sie ihn und zog unschuldig blickend an ihrer Zigarette.
»Was ist mit dem Tatort?«, lenkte Hanibal das Gespräch um.
»Also DEN, mein Lieber, solltest Du Dir besser selbst ansehen«, spöttelte sie. »Das hast selbst Du noch nicht gesehen.« Sie nahm den letzten Zug ihrer Zigarette und trat sie auf dem Boden aus.
»Ach Cassy, musst Du immer so einen Dreck machen?«
Herzog zog ein kleines Edelstahlkästchen aus der Manteltasche. Er zog es auseinander. Ein kleiner Hohlraum öffnete sich. Er drückte seine Zigarette darin aus, schob das Kästchen wieder zusammen und ließ den Taschenaschenbecher in die Manteltasche gleiten. »Mädchen, so macht man das.«
Sie blickte ihn ungläubig an. »Bist Du jetzt bei Greenpeace oder hast Du zuviel MacGyver gesehen?«
Er verdrehte die Augen. »Das hat etwas mit Respekt vor fremden Eigentum zu tun.«
»Ja, Ja. Hast recht.«
»Du weißt was ‚Ja. Ja.‘ bedeutet, oder?«
»Ja.« Sie lächelte ihn an. »Willst Du erst die Zeugen oder den Tatort sehen?«
»Tatort« entgegnete Herzog. »Schon gefrühstückt?«
»Kaffee! Und Du?«
»Dito.«
Sie betraten das Gebäude. Ritterrüstungen mit vorgehaltenen Piken säumten beide Seiten der Eingangstür. Sie blickten Pendants mit Hellebarden entgegen, die den Aufgang zu einer breiten Freitreppe bewachten. Die Treppe führte auf eine Galerie. Hanibal bewunderte die hohen Decken. Bei seinem Blick in die Weite des Raumes, bemerkte er weitere Türen und Gänge, die ins Haus führten.
»Ist ja das reinste Labyrinth hier«, stellte er fest.
»Ja, und gut bewacht«, grinste Cassidy zurück.
»Wo sind die Zeugen?«
»Den Gang rechts, nächste Treppe hoch, danach links und dann immer dem Gang folgen. Da gibt es einen großen Saal. Dort habe ich alle untergebracht.«
»Wo ist Eklund?«
»Im Arbeitszimmer. Oben im Turm.« Sie deutete nach links. »Dort entlang. Dann die Treppe hoch.«
»Ist Dir an den Zeugen etwas Verdächtiges aufgefallen?«
»Nicht wirklich. Das Hausmädchen hat Eklund heute Morgen sein Kaffee gebracht. Dabei hat sie ihn gefunden. Muss einen ziemlichen Zusammenbruch gehabt haben. Hat immer noch geheult, als ich angekommen bin. Der Gärtner hatte die ganze Zeit versucht, sie zu beruhigen. Seltsamer Typ. Die Tochter wirkt ziemlich gefasst. Heißt Ricarda. Den Notruf hat übrigens der Freund von Frau Eklund abgesetzt.«
»Freund?«, fragte Hanibal.
»Heißt Magnus von Irgendwas. Schmieriger Typ. Hat versucht, sich bei mir einzuschleimen. Hat aber den Charme einer Nacktschnecke. Du weißt ja, wie ich vor dem Frühstück auf so etwas reagiere.«
»Cassy. Komm schon. Etwas Professioneller, bitte. Er wollte wahrscheinlich nur freundlich sein.«
»Ja, ja, ist gut. Heißt Magnus vom Sengerberg. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich könnte schwören, dass ich das Gesicht schon einmal gesehen habe. Er hat sich nach seiner 'äußerst freundlichen' Begrüßung im Hintergrund gehalten.« Sie legte eine kurze Pause ein und grinste »Und dabei wirkte er ziemlich schmierig.«
Hanibal blickte sie strafend an. Sie fuhr fort. »Ich habe nicht mehr viel von ihm gesehen. Der große Empfang ging los und ich hatte viel zu tun.«
Hanibal gähnte. »Na dann. Bring mich zur Leiche.«
Er deutete Cassidy mit der offenen Hand an, vorauszugehen. Als sie an ihm vorüber schritt, blieb sein Blick einen Augenblick auf ihrem verlängerten Rücken hängen.
Cassidy entging dies nicht. »Schwelgst Du in Erinnerungen? Wie sieht er aus? So gut wie früher?«
Hanibal fühlte sich erwischt. Ein Hauch Röte stieg ihm ins Gesicht. »Ähem. Ich. Also, ich habe gedacht, da wäre ein Fleck auf der Hose.«
Sie zwinkerte und warf ihm eine angedeutete Kusshand zu. »Wenigstens Einer, der auf mich aufpasst.«
»Ich kann Dich ja nicht schmutzig rumlaufen lassen.«
Beide lächelten.
Sie folgten einem kurzen Flur in eine kleinere Halle. Eine Treppe führte nach oben.
»Willkommen in Rapunzels Turm«, sagte Cassidy.
Sie stiegen die Stufen hinauf und hörten auf halbem Wege bereits die Stimmen der Spurensicherer. Die Treppe endete vor einer offen stehenden Eichentür. Sie betraten den Raum und Hanibal stieg der Duft von edlem Holz und Leder in die Nase. Im Hintergrund lag aber auch der penetrante Geruch eines kürzlich vergangenen Todes. Der Leiter der Spurensicherung, Paul Kramer, stand neben dem Schreibtisch. Auf dem Stuhl saß ein lebloser Körper. Drei Personen in weißen Overalls und Atemschutzmasken gingen ihrer Arbeit nach. Einer tütete mit einer Pinzette Fasern in Probenbeutel ein. Ein weiterer puderte Fingerabdrücke ab, während der Dritte den Tatort fotografierte.
Hanibal schätzte den achteckigen Raum auf vierzig Quadratmeter. Dunkles Weineichen-Parkett stand im Kontrast zum helleren Holzton der Wandvertäfelung. Ein Flachbildfernseher, massive Holzregale, Aktenschränke, Sideboards und eine Glasvitrine säumten die Wände. Weinrote Chesterfield Ledermöbel waren um einen Tisch platziert. Neben einem der Sofas stand ein niedriger Tisch mit Kristallgläsern und einer Karaffe mit bernsteinfarbenen Inhalt. Wahrscheinlich Whisky.
In der Mitte des Raumes lag ein Tablett, umgeben von den Scherben eines Kaffeeservices. Eine verschlossene Kanne aus Edelstahl vervollständigte das Bild. Neben den Scherben und der Kanne waren Beweisnummernschilder platziert. Sein Blick verharrte auf Innenseite der Tür. Der Schlüssel steckte im Schloss. Neben der Tür hing ein großes Familienportrait. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Familie Eklund
Kramer trat ihnen zur Begrüßung entgegen.
»Guten Morgen Cassandra. Hallo Hanibal.«
»Hallo Paul«, erwiderte Hanibal. Herzog und Kramer waren seit mehr als zehn Jahren Kollegen und schätzen jeweils die seniore Kompetenz des anderen. Cassidy nickte ihm lächelnd zu. Außer Kramer sprach sie niemand mit ihrem vollständigen Namen an.
Sie schlenderten gemeinsam zum Schreibtisch.
»Wie läuft´s?«, fragte Hanibal.
»Nun ja. Es muss!«, meckerte Kramer. »Vor dem Frühstück zum Tatort gerufen zu werden, ist kein Vergnügen. Ich mache es kurz. Das Opfer ist Heinrich Eklund. Er ist tot.«
»1 A Diagnose«, warf Cassidy ein und blieb vor dem Schreibtisch stehen.
Kramer schüttelte kurz den Kopf. »Die Todesursache ist ein Hirntrauma. Herbeigeführt durch den Absatz eines Damenpumps.«
Eklunds lebloser Körper saß auf einem ledernen Schreibtischstuhl. Der Oberkörper lag vornübergebeugt auf dem italienischen Gründerzeit-Schreibtisch. Ohne die Blutlache und das Rinnsal, das sich über die Tischplatte und den Fußboden ausbreitete, wirkte er, als wäre er eingeschlafen. Einem friedlichen Einschlafen zuwider zeugte aber ein grauer Stiletto, dessen Absatz bis zum Anschlag in Eklunds Auge versenkt war.
»Können wir einen Unfall ausschließen?«, formulierte Hanibal eine Standardfrage.
Cassidy blickte ihn mit großen Augen an. »Der Mann sitzt am Schreibtisch und hat einen Schuh im Kopf. Was soll das für ein Unfall gewesen sein?«
»Sex!«, antwortete ihr Vorgesetzter. »Wir sollten nichts ausschließen.«
Kramer räusperte sich. »Danach sieht es wirklich nicht aus. Die Hose ist geschlossen. Es sieht nicht aus, als hätte ihn jemand wieder angezogen.«
Kramer ging um den Stuhl herum. »Ich wollte den Schuh gerade entfernen. Ich will mir die Länge des Absatzes ansehen.«
Cassidy warf einen Blick auf den Schuh. Ein Pumps aus grauem Schlangenleder mit Plateausohle. Unter den Blutflecken war deutlich eine rote Einfärbung der Sohle zu erkennen.
»15 cm!«, stellte sie nüchtern fest. Herzog und Kramer blickten sie fragend an. »Leute, das ist kein einfacher Schuh. Das ist ein Louboutin, Modell Bianca in der Python Ausführung. Ist inzwischen ein älteres Modell, hat neu aber mindestens 600 Euro gekostet.«
Beide Männer waren von Cassidys ausführlicher Analyse des Mordinstrumentes überrascht. Sie lächelte herb. »Ach Jungs, auch wenn ihr es nicht glaubt. Ich bin eine Frau.«
Kramer blickte wieder zum Schuh. »Gut. Damit hätten wir die Mordwaffe also genauer spezifiziert.«
»Das ist keine billige Mordwaffe«, sagte Herzog.
»Und der Mörder hat Stil«, fügte Cassidy hinzu.
Herzog verdrehte die Augen. »Es muss einen zweiten Schuh geben. Paul, habt Ihr den gefunden?«
Kramer schüttelte den Kopf. »Nein, bisher nicht.« Er deutete auf das Opfer. »Aber es gibt noch eine andere Sache. Eklund hat eine Beule am Hinterkopf. Sieht aus, als hätte er einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand abbekommen. Von seinem Schreibtisch hatte er die Tür im Blick. Man kann also ausschließen, dass sich jemand von hinten angeschlichen hat.«
»Na, dann kann es wirklich kein Unfall gewesen sein«, warf Cassidy ein.
»Nicht so voreilig«, sagte Herzog. »Wie sieht der restliche Tatort aus? Kampfspuren?«
Kramer schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts ist durcheinander. Alles steht an seinem Platz. Bisher nur das Blut vom Opfer. Wir haben einige Haare gefunden, ein paar Fingerspuren. Hier und da eine Stofffaser. Nichts, was nicht hierher passt.« Kramer lenkte die Aufmerksamkeit der beiden auf einen blutigen Handabdruck. »Hier am Rand der Blutlache auf dem Schreibtisch ist ein Abdruck.«
»Der müsste vom Hausmädchen sein«, bemerkte Cassidy. »Sie hat Blut an der Hand.« Sie deutete auf das Tablett in der Mitte des Raumes. »Und das ist ihr Scherbenhaufen.«
Hanibals Blicke wanderten wieder durch den Raum. Eine der Wände war mit gekreuzten Schwertern dekoriert. Eine andere Wand zierten acht Schusswaffen. Alte Steinschlosspistolen. Verzierte alte Colts mit Perlmuttgriffen. Ein LeMat Perkussionsrevolver. An der nächsten Pistole blieb sein Blick haften. Eine Mauser C96. Er mochte diese Waffe wegen des langen Laufs und dem, vor dem Abzug gelagerten Magazin. Das Design der Pistole aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts hatte ihn stets fasziniert. Es war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus gewesen.
Seine Augen verweilten kurz an schmiedeeisernen Wandleuchtern und wanderten weiter zu den großen Sprossenfenstern neben Eklunds Schreibtisch. Er beendete seinen Rundblick auf Eklunds Leichnam. Dann ging er stumm neben der Leiche in die Knie. Eklunds Arme hingen schlaff herab. Hanibals Blick fiel auf seine linke Hand. Er fasste danach und drehte sie herum. In der Innenfläche sah er eine rote Blessur von der Größe einer Centmünze. »Paul, sieh Dir das an.«
Kramer kniete sich neben Hanibal.
»Bluterguss«, kommentierte Kramer. »Hatte ich noch nicht gesehen. Gut gemacht, Hanibal.« Er winkte den Fotografen heran. Wenige Augenblicke später schoss er bereits die ersten Bilder. »Wenn Du irgendwann von der Straße willst, dann kannst Du bei uns anfangen. Ich leg´ ein gutes Wort für Dich ein.«
Der Gerichtsmediziner untersuchte den Leichnam weiter.
Hanibal nahm Cassidy zur Seite und flüsterte, »Jetzt können wir einen Unfall ausschließen. Der Bluterguss ist eine Abwehrverletzung. Die Größe stimmt wahrscheinlich mit dem Absatz überein.«
»Wollen wir jetzt den Schuh rausziehen?«, fragte Cassidy.
»Das wird nichts für schwache Nerven«, sagte Kramer.
»Ach, ich bin hart im Nehmen«, antwortete Cassidy. »Hanibal?«
»Machen wir es.«
»Michael, kannst Du uns hier mal helfen.« Der Fotograf, Michael Korf, stand umgehend mit einem Plastikbeutel bereit.
Kramer richtete Eklund auf und legte seinen Kopf in den Nacken. Er fasste den Schuh und zog langsam daran. Ein schmatzendes Geräusch begleitete die Aktion. Mit einem knirschenden ‚Plopp’ verließ der metallbesetzte Absatz die Augenhöhle. Ein Schwall wässriger, roter Flüssigkeit trat aus der Wunde. Kramer begutachtete den Schuh. Gewebereste bedeckten den Absatz über seine gesamte Länge. Einige Spritzer der Flüssigkeit besudelten das teure Leder.
»Größe 41«, kommentierte Kramer. Er reichte den Schuh dem Fotografen. Korf nahm den Schuh mit spitzen Fingern entgegen und ließ ihn in den Probenbeutel gleiten. »Und die Totenstarre hat noch nicht komplett eingesetzt.«
Herzog wandte sich an Kramer. »Gut. Wir haben hier alles gesehen. Wir nehmen uns jetzt die Zeugen vor. Ihr macht hier weiter. Wir werden Referenzabdrücke und DNS-Proben von den Anwesenden nehmen müssen. «
Kramer nickte. »Ja. Lass mich wissen, wann ihr uns braucht. Ich schicke dann jemanden vorbei. Ich werde inzwischen Eklunds Transport in die Gerichtsmedizin organisieren.«
Sie verließen den Turm und gingen durch die Eingangshalle in den Ostflügel des Hauses.
»Was meinst Du?«, fragte Cassidy.
»Weiß nicht. Es sieht aus, als war jemand wütend auf den alten Eklund. Wir werden abwarten, was die Zeugen sagen. Obwohl man im Augenblick noch nicht von Zeugen sprechen kann. Die meisten von sind ja erst später eingetroffen. Ich vermute aber, dass sie alle nicht zufällig hier aufgetaucht sind.«
Sie stiegen eine Treppe hinauf. Auf dem Absatz folgten sie einem Gang, der vor einer weiteren doppelten Eichentür endete.
Hanibal zog die Tür auf. Vom Quietschen der Tür aufgeschreckt fuhren alle Köpfe gleichzeitig herum und blickten Hanibal an. Und er blickte zurück. Der Saal maß gute 100 Quadratmeter. Ein Tisch mit dreißig Stühlen dominierte die Mitte des Raumes. Zur Rechten der Eingangstür befand sich eine Nische mit einem überdimensionierten Buffetschrank. Die Maserung des Holzes spiegelte sich im Chrom einer italienischen Kaffeemaschine. Benutzte Tassen zeugten davon, dass die Maschine bereits in regem Einsatz war. Neben dem Schrank führte eine Tür aus dem Raum heraus. Die linke Wand zierten ein riesiges Landschaftsgemälde, eine Standuhr und fünf Ritterrüstungen. Am hinteren Kopfende des Tisches saßen zwei junge Männer. Der eine unscheinbar und ohne besondere Merkmale.
Den anderen umgab eine Corona der Eitelkeit. Er erinnerte Hanibal an einen Pfau. Er war braun gebrannt. Seine Haare waren gelblond gefärbt. Er trug einen hellblauen Anzug. Das Jackett hing über der Stuhllehne. Das rosafarbene Hemd trug er, mit viel goldenen Schmuck, weit geöffnet. Er wippte mit dem Stuhl und trommelte ausdauernd mit den Fingern auf dem Tisch. An der Fensterfront hinter den beiden stand eine große Frau. Sie trug ihre roten Haare auftoupiert und hatte das Panorama aus Vorplatz und Wald betrachtet. Im hinteren Teil des Raumes befand sich auf der rechten Seite eine weitere Nische vor einem Kamin. Dort führte eine weitere Tür aus dem Raum heraus. Vor der Tür stand eine Sitzgruppe aus Ledermöbeln. In einem Zweisitzer saß eine schwarzgekleidete Frau mit einer weißen Schürze, die Hanibal auf Mitte Zwanzig schätzte. Er tippte auf das Hausmädchen. Eine junge, sportliche Frau mit rotblonden Haaren hielt ihre Hand. Eine Brünette mit kurzer Lockmähne saß auf der Lehne und redete beruhigend auf sie ein. Ein Endfünfziger im dunklen Anzug, mit grauen zurückgekämmten Haaren und ein jüngerer, blonder Mann, saßen in den Sesseln daneben. Ein vierschrötig wirkender Mann in grüner Arbeitskleidung schürte das Feuer im Kamin mit einem langen Haken.
Hanibal zählte durch. Neun Personen, vier Frauen und fünf Männer.
Am vorderen Ende des Tisches saß ein uniformierter Beamter. Es war Gerhard Schaefer, den Cassidy zur Aufsicht zurückgelassen hatte. Er hielt die Szenerie im Blick. Als er Hanibal und Cassidy bemerkte, wirkte er erleichtert. Er stand auf und kam ihnen entgegen.
»Morgen Gerd. Vorkommnisse?«, fragte Herzog leise.
»Nein«, flüsterte Schaefer zurück. »Ich habe die Personalien aufgenommen. Die Leute verhalten sich ruhig. Einige fragen, wie lange wir sie noch festhalten.« Schaefer nickte mit dem Kopf in Richtung des Pfaus. »Blondie war besonders nervig.«.
»Der da«, Schaefer deutete in Richtung des älteren Mannes im dunklen Anzug, »ist Anwalt. Er ist nicht damit einverstanden, dass er sofort von Cassidy in diesen Raum gesteckt wurde. Er hat sich aber trotz Cassidys einfühlsamer Worte und Begrüßung bisher ruhig verhalten.«
Hanibal warf seiner Kollegin einen fragenden Blick zu. Er wusste, was Schaefer mit Cassidys ‚einfühlsamer Art‘ meinte. Sie kannte viele Schimpfworte, die sie kreativ kombinieren konnte. Cassidy zuckte mit den Schultern und blickte ihn gespielt unschuldig an. »Ja. Ich hatte heute Morgen auch schon eine klitzekleine Rechtsbelehrung. Du weißt ja, wie auf Besserwisserei vor dem Frühstück reagiere.« Sie deutete an, sich den Finger in den Hals zu stecken.
Hanibal erkannte den Anzugträger. Es war der Drängler aus dem schwarzen Bentley.
»Ihr werdet es nicht glauben. Den Herren habe ich heute Morgen auch schon kennengelernt.«
Schaefer deutete zur Sitzgruppe. »Die junge Frau im Sessel ist das Hausmädchen. Bis vorhin hat sie noch geweint. Hat sich vor ein paar Minuten beruhigt.«
Cassidy schaute Hanibal mit großen Augen an.
»Showtime?«
»Irgendwann müssen wir ja anfangen.« Er trat einige Schritte vor. »Meine Damen und Herren. Guten Morgen. Ich bin Hauptkommissar Herzog vom Morddezernat der Kripo. Meine Kollegin, Frau Oberkommissarin Palatino, haben sie bereits kennengelernt.«
Cassidy hob die Hand. Sie lächelte aufgesetzt und winkte in die Runde.
»Sie haben mitbekommen, dass Herr Eklund tot aufgefunden wurde. Daher sind sie alle Zeugen in einer laufenden Morduntersuchung. Damit wir ihre Beteiligung an Herrn Eklunds Ableben ausschließen können, werden wir ihnen einige Fragen stellen.«
Bevor Hanibal zu seinem nächsten Satz kam, sprang der Pfau von seinem Stuhl auf. Seine nasale Stimme klang schrill in Hanibals Ohren. »Aber ich habe ihn nicht getötet. Sie haben kein Recht, mich hier gefangen zu halten.«
Herzog schaute ihn durchringend an. »Und wer sind Sie?«
Der junge Mann hatte einen herablassenden Unterton in der Stimme. »Sie werden mich doch wohl kennen. Ich bin Rodrigo zu Braun.« Er blickte auf den jungen Mann neben sich herunter. »Mich kennt man doch wohl.«
»Nun, Herr Braun«, erwiderte Hanibal.
»…zu Braun. So viel Zeit muss sein« unterbrach er Hanibal.
Hanibal schnaufte kaum hörbar. Er atmete durch und setzte erneut an. »Also gut. Herr zu Braun. Waren Sie bereits einmal Verdächtiger in einem Mordfall oder sind zu Tode gekommen?«
»Was ist denn das für eine Frage?«, erwiderte zu Braun hochnäsig, pikiert. »Nein. Natürlich nicht!«
»Also? Wieso sollte ich Sie dann kennen?«, sagte Hanibal und drehte sich zu Cassidy. Er verdrehte die Augen. Cassidys Antwort war ein stures, stummes Lächeln.
Der Pfau war aufgebracht. »Das ist ja eine Unverschämtheit.« Er schnappte hastig nach Luft und saugte einen Zug aus einem Asthmainhalator.
Der junge Mann neben zu Braun blickte entschuldigend zu Herzog. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, was außer Herzog aber niemand bemerkte.
»Bevor Herr zu Braun uns unterbrochen hat«, fuhr Hanibal fort, » wollte ich mich eigentlich bei ihnen für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Wir hoffen auf ihre Unterstützung, um die Umstände von Herrn Eklunds Ableben lückenlos aufzuklären.« Draußen donnerte es. Die Standuhr schlug Neun.
Die Frau am Fenster meldete sich mit rauchiger Stimme zu Wort. »Wieso denn Kripo?« Herzog betrachtete sie. Sie trug ein eng anliegendes Kleid in Leopardenoptik. Um ihren Hals lag eine rote Federboa. Das Rouge und der Lippenstift waren in übertriebener Menge und Farbe aufgetragen, und die Schuhe in Leopardenoptik nahmen die Farbe der Boa wieder auf. Hanibal erinnerte ihr Aussehen an die Darstellerin einer Sitcom aus den 1990er Jahren.
»Könnten Sie mir bitte ihren Namen sagen, Frau ...?«
»Lola d´ Amour.« Sie warf ihm einen verführerischen Blick zu. »Nennen Sie mich Lola.«
»Wie bitte?«, fragte Herzog. Er drehte seinen Kopf erneut zu Cassidy.
Cassidy trug den gleichen Gesichtsausdruck wie zuvor. Sie blinzelte zwei Mal. Er erinnerte sich an Cassidys Worte. Ein Mann in ‚Damenkleidung‘.
»Frau 'Lola', bei unklaren Todesfällen wird grundsätzlich die Kriminalpolizei verständigt.«
»Aha. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, aber mit mir redet ja sowieso niemand.« Lola zwinkerte ihm auffällig zu. »Auf meine Hilfe können Sie zählen.«
Aus der Richtung des Kamins ertönte ein lautes, metallisches Scheppern.
»`tschuldigung«, brummte der Mann in der grünen Latzhose. Der Schürhaken lag auf dem Boden. Er starrte Lola an. Während er den Haken aufhob, wanderte sein Blick zu Hanibal. Der Kommissar musterte ihn. Der Mann war Ende Vierzig. Dichte, dunkle Augenbrauen säumten dunkle Augen. Der ernste Blick und die grobe Statur verliehen ihm ein düsteres Erscheinungsbild. Hanibal schloss aufgrund der Farbe der Hose, dass es sich um den Gärtner handelte.
»Die Spurensicherung untersucht Herrn Eklunds Arbeitszimmer. Mein Kollege hat bereits ihre Personalien aufgenommen. Wir müssen sicherstellen, dass wir alle Fingerabdrücke korrekt zuordnen können. Wir werden daher zusätzlich Fingerabdrücke und DNS-Proben von ihnen nehmen müssen.«
Der Inhalator zische erneut und zu Brauns quäkende Stimme ertönte erneut. »Ich lasse mich doch hier nicht wie einen Schwerverbrecher behandeln! Robert! Jetzt sag doch auch mal was!« Er drehte sich theatralisch zu dem jungen Mann neben ihm.
Der Unauffällige antwortete, »Rigo, mein Vater ist gestorben. Um Himmels Willen. Lass den Kommissar seine Arbeit machen und benimm dich nicht so zickig.« Er blickte zu Herzog hinüber. »Herr Kommissar, bitte entschuldigen Sie meinen Freund. Er ist sehr sensibel. Selbstverständlich werden wir alles tun, was Sie sagen.«
Herzog nickte Robert Eklund zu. »Besteht die Möglichkeit, dass wir die Aussagen in einem getrennten Raum aufnehmen?«
Der junge Eklund wirkte verunsichert. Er drehte hilfesuchend den Kopf.
»Das ist kein Problem. Es gibt in diesem Haus genügend Räume«, erklang die Stimme der Brünetten mit der Lockenmähne.
»Das ist die Tochter«, flüsterte Cassidy.
Herzog nickte.
»Frau Eklund?«, fragte Hanibal.
»Richtig.« Sie erhob sich von ihrem Platz und schritt auf Hanibal zu. Die Blicke der anderen folgten ihr. Eine selbstbewusste Aura umgab die junge Frau.
»Ricarda Eklund. Herr Kommissar, ich werde Sie mit allem Notwendigen unterstützen.« Sie blickte zu Braun an. »Andere mögen das vielleicht anders sehen.« Als sie Hanibal gegenüber stand, senkte sie die Stimme und fügte für die anderen nicht hörbar hinzu, »‚Sensibel‘ ist offensichtlich eine andere Bezeichnung für Arschloch.«
Hanibal konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Sie hob die Stimme wieder an, »Was brauchen Sie?«
»Zwei Räume. Einen, um die Aussagen aufzunehmen. Einen Weiteren, damit wir die Vergleichsproben nehmen können«, sagte Hanibal
Sie deutete zur Tür hinter der Sitzgruppe. »Wir können den Rauchersalon im Nebenzimmer und eines der Lesezimmer nehmen.«
»Perfekt. Gehe ich recht in der Annahme, dass die junge Dame dort hinten im Sessel die Hausangestellte ist, die Ihren Vater aufgefunden hat?«
»Korrekt. Das ist Dolores. Ich war gerade auf dem Weg in die Fabrik. Kurz bevor ich aus dem Haus ging, habe ich ihren Schrei gehört. Ich bin sofort in den Turm gelaufen. Sie saß weinend auf dem Sofa.« »Wissen Sie, wie das Blut an ihre Hand gekommen ist?«
»Ja. Sie hat sich am Schreibtisch abgestützt. Sie hat gesagt, sie wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.«
Er drehte sich zu Cassidy. »Wir fangen mit ihr an. Dann kann sie sich die Hände waschen.«
Cassidy nickte.
»Herr Polizeiobermeister Schaefer. Verständigen Sie die Kollegen von der Spurensicherung.«
Hanibal liebte die förmliche Ansprache mit vollem Dienstgrad vor Zivilisten. Schaefer kannte Hanibals Marotte und antwortete zackig, »Jawoll, Herr Kriminalhauptkommissar.« Er drehte sich schneidig um und verließ den Raum.
»Was ist danach passiert?«, fragte Herzog.
Sie deutete auf den blonden Mann in der Sitzgruppe. »Mein Verlobter hat den Schrei ebenfalls gehört. Er ist ins Büro gekommen.« Sie sammelte ihre Gedanken. »Wir haben Dolores zur Halle gebracht und Magnus hat die Polizei gerufen. Das muss so gegen Viertel nach Sechs gewesen sein.«
»Ist ihr Vater immer so früh in seinem Arbeitszimmer?«
»Ja. Freitags arbeitet er immer hier zu Hause. Er fängt meistens gegen halb sieben mit der Arbeit an. Am späten Vormittag kommt dann gewöhnlich Anika mit den Wochenberichten.«
»Anika?«, fragte Herzog.
»Anika Fux. Sie leitet das Büro in der Fabrik. Buchhaltung, Gehälter, Post. Sie wissen schon.«
Hanibal nickte.
»Und Sie Frau Eklund? Sie fahren auch immer um diese Zeit ins Büro?«
»Nein. Nur an Tagen wie heute, wenn die großen Fleischlieferungen aus Nepal kommen. Wegen der Zeitverschiebung. Falls es zu Reklamationen kommt, kann ich so etwas direkt mit den Lieferanten in Kathmandu klären. Sie wissen schon.«
Hanibal wusste nichts. »Ähem. Nein. Fleisch? Nepal? Kathmandu?«
»Tiefgekühltes Yakfleisch und Yakmilch«, sagte Ricarda.
Cassidy schaltete sich ein. »Hanibal, die Eklundwerke sind der Hersteller berühmten Yakwurst.«
Ricarda strecke den Rücken durch. »Europaweit. Wir exportieren auch nach Österreich und in die Schweiz sowie nach Frankreich, die Beneluxländer und Italien.«
Cassidy hob die Augenbrauen. »Ich liebe die Yakwurst. Besonders die Mortadella.«
Ricarda setzte ein Verkäuferlächeln auf. »Danke.«
Cassidy fragte weiter. »Wie bekommen ...?«
Hanibal fiel ihr ins Wort. »Meine Damen! Bitte!«
»Entschuldigen Sie, Herr Kommissar. Als Geschäftsführerin für Vertrieb und Einkauf in unserem Familienunternehmen, werde ich immer schnell enthusiastisch, wenn es um die Firma und unsere Produkte geht.« Sie lächelte Cassidy zu. »Insbesondere, wenn man vor einer zufriedenen Kundin steht.«
»Da sind Sie bei Kommissarin Palatino an der richtigen Adresse. Ohne Fleisch zum Frühstück ist sie nicht zu genießen. Frau Eklund, gestatten Sie mir eine Frage. Wieso sind so viele Leute hier? Ist das um diese Uhrzeit ein Normalzustand im Hause Eklund?«
»Nein. Eigentlich nicht. Sonst sind nur mein Verlobter, ich und die Leute vom Personal hier. Manchmal Robert. Magnus hat Herrn Schickfuß angerufen. Das ist der Herr im Anzug. Meinen Bruder habe ich aber nicht vor Sonntagabend zurückerwartet. Seinen Freund«, sie atmete kurz durch, »erst recht nicht.« Sie flüsterte wieder, »ich mag ihn nicht.«
»Kann ich verstehen«, sagte Cassidy. Für die Aussage erntete sie einen strengen Blick von Hanibal.
»Und was ist mit Frau Lola?«, fragte Herzog.
»Das ist mein Onkel Klaus. Ihm gehört der Nachtclub Slips-Off in der Stadt. Er kommt manchmal nach der Arbeit vorbei, wenn er mit meinem Vater etwas Geschäftliches zu besprechen hat. Die Besprechungen finden dann meistens recht früh statt. Da er dann die ganze Nacht durchgearbeitet hat, ist es für ihn aber erst früher Abend. Er lebt sozusagen in einer anderen Zeitzone. Ich wusste nicht, dass er heute kommen wollte.«
»Wer gehört zum Personal?«
»Lore, ich meine Dolores di Fonte, unsere Hauswirtschafterin.« Dann deutete sie auf die Rotblonde. »Verena Christ. Sie ist die Chauffeurin meines Vaters.«
Herzog sah zu den beiden herüber.
»Und Erik Fischer. Unser Gärtner.«
»Ihre Angestellten wohnen hier im Haus?«, fragte Herzog.
»Erik ja. Die anderen Beiden nur zeitweise. Das Haus ist groß genug. Hier gibt es ausreichend Platz. Sie wohnen auf der anderen Seite des Innenhofes. Sie haben Innenhof bemerkt?«
Cassidy lächelte. »Nein. Wir haben noch nicht an der Schlossführung teilgenommen.«
Ricarda verstand die Andeutung. »Entschuldigen Sie. Ich vergesse manchmal die Ausmaße des Hauses. Ich bin hier aufgewachsen. Ihnen muss es riesig erscheinen.«
»Es hat nicht ganz die Größe des Hotels aus ‚Shining‘, aber es kommt nahe heran«, unterbrach Cassidy.
Diese Anspielung verstand Ricarda nicht. »Ich erkläre es Ihnen. Den linken, vorderen Teil des Gebäudes haben meine Eltern bewohnt. Seit meine Mutter uns verlassen hat, lebt mein Vater dort alleine. Mein Wohnbereich ist im Obergeschoss des linken Flügels. Mein Bruder Robert bewohnt einige Räume im Obergeschoss des rechten Flügels, inklusive des zweiten Turms. Hier im vorderen Teil des Haupthauses sind einige Gemeinschaftsräume.
Am anderen Ende des Innenhofs sind sechs Gästeappartements eingerichtet. Dort gibt es auch einige Gemeinschaftsräume. Drei der Appartements stehen unseren Angestellten zur Verfügung. Erik arbeitet bereits seit über zwanzig Jahren bei uns. Irgendwann hat mein Vater ihn eingeladen, bei uns zu wohnen. Er hat dann seine eigene Wohnung aufgegeben und ist hier eingezogen. Er kümmert sich um das Anwesen, hält das Gelände in Schuss, macht Gartenarbeiten und kleinere Reparaturen. Er handwerkelt gerne. Verena steht meinem Vater von Montag bis Donnerstag als Fahrerin zur Verfügung. Sie wohnt eigentlich im Nachbardorf.« Sie kniff kurz die Augen zusammen. »Sie übernachtet von Montag bis Donnerstag hier. Manchmal fährt sie auch erst freitags nach Hause. Mein Vater arbeitet freitags immer von hier aus. Am Wochenende fährt er selbst. An den Tagen braucht er keinen Fahrer.« Sie schluckte. »Ich meine. Jetzt. Nicht mehr. Ich ...«
»Schon gut«, sagte Herzog.
»Lore hat eine Wohnung in einem anderen Nachbardorf. Für sie steht aber auch die gesamte Zeit eines der Appartements zur Verfügung. Sie übernachtet meistens in der Nacht auf Freitag hier.« Hanibal versuchte, sich die Details zu merken. Ricarda erklärte weiter. »Im Erdgeschoss und im Keller sind noch die Küche, einige Gemeinschafts- und Lagerräume. Im Erdgeschoss des Angestellten- und Gästetrakts sind Garagen, eine Werkstatt und Geräteräume.« Sie legte eine Pause ein. »Ach ja, im Keller ist noch Papas Labor.«
»Labor?«, fragte Cassidy.
»Er hat dort eine Art Fleischerei eingerichtet. Da hat alles angefangen. Dort hat er die Yakwurst entwickelt. Ich war damals noch ein Kind, aber ich weiß noch, dass er manchmal tagelang nicht aus dem Keller gekommen ist. So hatte es auf mich zumindest gewirkt. Er hat es immer sein 'Labor' genannt.«
Cassidy konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken. »Woher hatte er eigentlich die Idee mit der Yakwurst?«
Ricarda zuckte mit den Schultern. »Eingebung? Spürsinn für den Markt?«
Nun zuckte Cassidy mit den Schultern. Ricarda lächelte sie an. »Er ist Ende der 1960er von Norwegen nach Deutschland gekommen. Mein Großvater war auch Metzger. Ihm gehörte die Dorfmetzgerei in Røros. Opa war berühmt für die besten Wurst- und Fleischwaren aus Elch- und Rentier. Dort wurde er hineingeboren. So gab es für Papa auch nie etwas anderes als Fleisch. Sein Kindheitstraum war es, der beste Metzger von ganz Norwegen zu werden. Den Traum hat er mit seinem älteren Bruder geteilt. Mein Onkel Björn.«
»Können wir mit seinem Erscheinen heute auch noch rechnen?«, fragte Hanibal.
»Nein«, sagte Ricarda. »Ich habe Björn seit Jahren nicht gesehen. Wir haben ihn manchmal in Røros besucht. Ich glaube, er hat Norwegen noch nie verlassen.«
Hanibal nickte. »Warum ist ihr Vater nach Deutschland gekommen?«
»Björn hat Opas Metzgerei geerbt. Mein Vater musste sich ein anderes Geschäftsgebiet suchen. Er war reisefreudig und hatte Unternehmergeist.« Ricarda verfiel wieder in ihre Vertriebstonart. »So ist er in der Stadt gelandet. In einem der Vororte hat er seine eigene kleine Metzgerei eröffnet. Seine Rezepte und Räuchermethoden trafen anscheinend den richtigen Geschmack. Er wurde schnell überregional bekannt. Er bekam Anfragen aus dem ganzen Land. Dann nahm alles seinen Lauf. Er hat mehr Leute eingestellt und die erste kleine Fabrikhalle angemietet« Sie machte eine ausladende Geste mit den Armen. »Der Rest ist Geschichte.«
Cassidy hing gebannt an ihren Lippen.
»Und heute sind wir die ‚Eklund Fleisch- und Wurstwaren International AG‘.« Sie legte eine weitere Pause ein. »Wir entwickelten neue Sorten und waren stets auf der Suche nach etwas Neuem. Meine Eltern haben vor vielen Jahren eine Reise nach Nepal unternommen. Dort haben sie von der einheimischen Yakwurst probiert. Papa war von dem Geschmack begeistert. Er kannte aber inzwischen den deutschen Geschmack recht gut. Er wusste sehr genau, dass das Originalrezept für Deutsche viel zu fettig war. So forschte er nach dem perfekten Yak-Brät.«
Die Geschichte der Eklund-Werke erinnerte Cassidy an eine Fernseh-Dokumentation, bei der es um die Herstellung von Lebensmitteln ging. Sie liebte solche Dokus.
»Er wollte aber natürlich den Originalgeschmack nicht verlieren. Er arbeitete zunächst ganz traditionell mit Mörser und Wiegemesser. Als er die perfekte Mischung gefunden hatte, ersetzte er den handbetriebenen Fleischwolf durch einen Kutter für größere Mengen. Es steht alles noch im Keller.«
