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Können sie lange genug damit aufhören, sich zu unerbittlich hassen, um sich vielleicht doch irgendwann zu verlieben?
Ari liebt alles -- bis auf feste Beziehungen. Lieber tingelt sie als Stand-up-Comedian nicht nur von Bühne zu Bühne, sondern auch von Bett zu Bett. Josh liebt es, eine feste Beziehung zu haben und beim Kochen den perfekten Garpunkt zu erreichen. Die beiden haben absolut nichts gemeinsam – abgesehen davon, dass sie mal mit derselben Frau geschlafen haben. Sie können sich nicht mal leiden. Wie kommt es dann, dass niemand Ari so gut versteht wie Josh? Wieso können sie stundenlang durch New York spazieren und über Liebeskummer, Familienstress und überhaupt alles sprechen? Und wie zum Teufel kann es sein, dass sich ein einziger Kuss so gut anfühlt? Und alles verändert …
Enemies to Friends to Lovers: Bindungsphobikerin trifft hoffnungslosen Romantiker.
»Eine Romance in perfekter Tonlage – ein spektakuläres Debüt!« Christina Lauren.
»Ich habe noch nie etwas gelesen, dass so rauh und so sexy und auf so radikale Weise verletzlich ist.« Rachel Lynn Solomon.
»Humor auf den Punkt mit Dialogen, die genauso ergreifend wie lustig sind, und einer Liebesgeschichte, die einen ins Taumeln bringt.« – Tarah DeWitt.
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Eine Romance in perfekter Tonlage – ein spektakuläres Debüt!« Christina Lauren
Ari liebt alles -- bis auf feste Beziehungen. Lieber tingelt sie als Stand-up-Comedian nicht nur von Bühne zu Bühne, sondern auch von Bett zu Bett. Josh liebt es, eine feste Beziehung zu haben und beim Kochen den perfekten Garpunkt zu erreichen. Die beiden haben absolut nichts gemeinsam – abgesehen davon, dass sie mal mit derselben Frau geschlafen haben. Sie können sich nicht mal leiden. Wie kommt es dann, dass niemand Ari so gut versteht wie Josh? Wieso können sie stundenlang durch New York spazieren und über Liebeskummer, Familienstress und überhaupt alles sprechen? Und wie zum Teufel kann es sein, dass sich ein einziger Kuss so gut anfühlt? Und alles verändert …
Enemies to Friends to Lovers: Bindungsphobikerin trifft hoffnungslosen Romantiker
Kate Goldbeck wuchs auf einem echten Dorf auf und träumte davon, in New York zu leben, obwohl ihre Eltern sie schon früh davor warnten, dass die Wohnungen bei »Friends« nicht realistisch seien. Sie studierte Film- und Kunstgeschichte, bis ihr klar wurde, dass sie ihre beruflichen Aussichten damit auf »Filmmuseum« beschränkt hatte. Später ergänzte sie diese Mischung durch einen Master als Ingenieurin, dank dem sie preisgekrönte Museumsausstellungen und Erlebniswelten auf der ganzen Welt entworfen hat. Sie liebt es, sich mit ihrem Partner zu zoffen, zu britischen Hörbüchern einzuschlafen und Hunde hinter den Ohren zu kraulen.
Jana Hartmann lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in Berlin und Chicago.
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Kate Goldbeck
You, again
Roman
Aus dem Amerikanischen von Jana Hartmann
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2014
Kapitel 1
Drei Jahre später
Kapitel 2
Zwei Jahre später
Kapitel 3
Drei Jahre später
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Zwei Monate später
Kapitel 23
Kapitel 24
Fünf Monate später
Kapitel 25
Drei Monate später
Kapitel 26
Zwei Monate später
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Ein Jahr später
Kapitel 31
Danksagung
Impressum
»Entschuldigen Sie bitte?« Ari bleibt auf dem Gehweg vorm Brooklyn Museum stehen und macht sich breit. »Jemand, der zehn Minuten auf seinen sechs Dollar teuren Cold Brew gewartet hat, hat sicher genug Zeit, mit mir über die Bedrohung des zweitgrößten Lebensraums von Rotluchsen in New Jersey zu reden.« Am besten immer gleich mit einer Provokation einsteigen. Auf keinen Fall mit »Haben Sie kurz Zeit?«. Kein Fußgänger in dieser Stadt hat je »kurz Zeit«, und schon gar nicht, um sich irgendetwas auf der Straße anpreisen zu lassen.
Der hochgewachsene Typ in Sonnenbrille, teurer Jeans und dunklem Pulli – leicht gekrümmt unter seinem großen Rucksack – verlangsamt seine Schritte, ohne ganz stehen zu bleiben. Ein kurzer Blick auf Aris neongelbe Weste und den Schreibblock in ihrer Hand, und er bemerkt seinen Fehler genau eine halbe Sekunde zu spät.
»Siehst du nicht, dass ich telefoniere?«, blafft er sie an und will an ihr vorbeisteuern.
Kein Problem. Ari ist es gewöhnt, dass Leute so tun, als telefonierten sie, um sie ignorieren zu können. Mit einem Schritt nach rechts blockiert sie ihm wieder den Weg.
Sie braucht noch genau eine Spende, um ihr Ziel für den Tag zu erreichen, also kann ihr Blöder-Großer-Pulli-Typ ja wohl zwanzig Sekunden für die Sache mit den Rotluchsen entbehren.
»Kann ich einen Schluck?« Sie greift nach seinem Becher Edelkaffee mit dem kleinen Logo von Blue Bottle. »Ich habe einen superlangen Tag gehabt.« Diesen Trick hat sie von Gabe, ihrem Kollegen-Schrägstrich-Lover, und in zirka zwanzig Prozent der Fälle klappt er auch, was immerhin eine phänomenale Erfolgsquote ist in der unspaßigen und wenig rentablen Branche des Fußgängernervens.
»Wie unverschämt bist du denn!?« Er hebt seinen Becher hoch, sodass sie nicht mehr drankommt, und wirft ihr noch über die Schulter einen bösen Blick zu, während er hastig den Eastern Parkway überquert. Vielleicht will er auch nur sichergehen, dass sie ihm nicht folgt.
Als Gabe in ihrer Schauspielklasse für Improvisation von den »lukrativen Möglichkeiten« bei der Agentur ProActivate erzählte, hatte er versichert, man gewöhne sich schnell daran, dauernd unfreundliche Antworten zu bekommen, dass Augenkontakt möglichst vermieden wird und man ständig abgewiesen wird. »Ein gutes Training für angehende Comedians«, meinte er, »und es wird viel besser bezahlt.«
Alles wird besser bezahlt als Comedy.
Aber auf der Bühne kann man wenigstens vor Dutzenden Leuten gleichzeitig versagen. Effiziente zehn Minuten der Qual. Auf der Straße fühlt es sich so an, als ob man alle dreißig Sekunden seine Hand ausstreckt und sich jedes Mal von Neuem diesen fiesen kleinen Schnitt von der Papierkante holt.
Wie war noch gleich … diese Definition von Wahnsinn in der Erwartung anderer Resultate bei gleichbleibender Handlung …?
Ari war nach New York gezogen, um Karriere als Komikerin zu machen. Als sie Gabe kennenlernte, der mit einigen anderen charismatischen Leuten das Comedy-Theater leitete, wo sie vor vier Monaten gelandet war, hatte er legendäre Geschichten erzählt, von Casting-Agenten, die zu seinen Open Mics gekommen waren oder von nächtlichen Begegnungen mit Autoren der Daily Show. Prompt wurde er nicht nur ihr Held, sondern auch ihr Crush.
Dass die meisten dieser prominenten Begegnungen einen Block entfernt vom Studio an der Kasse des chinesischen Imbisses stattfanden, bei dem er arbeitete, ließ Gabe allerdings unerwähnt.
Im Nieselregen auf dem Heimweg hält Ari Ausschau nach einer allerletzten Chance, ihr Spendenziel zu erreichen. Die Frau mit dem bedruckten Regenschirm, die ihren Terrier ins Blumenbeet pinkeln lässt? Der gedrungene Mann mit rötlichem Vollbart und dicker Hornbrille, der am Eingang zu einer Bar an der Washington Avenue wartet? Niemand wirkt besonders vielversprechend. Ari gibt auf und macht sich auf den Weg nach Hause.
Als sie auf Natalies Anzeige geantwortet hatte, die jemanden suchte, der oder die das »gemütliche« Zimmer in ihrer Wohnung »in Prospect-Heights-Nähe« mieten wollte, hatte Ari schnell bemerkt, dass es eigentlich zwanzig Minuten zu Fuß bis Prospect Heights waren. »Genau genommen ist das ein begehbarer Kleiderschrank«, hatte Natalie ihr dann bei der Besichtigung erklärt, »aber es gibt ein eingebautes Hochbett, und darunter passt garantiert noch ein Schreibtisch.«
Der Schreibtisch passte nicht darunter. Dennoch war es in jedem Fall besser, mit Natalie zusammenzuwohnen, als Aris vorherige Wohnsituation: ein Klappsofa im Wohnzimmer der Cousine einer Bekannten.
Besonders heute. Natalie verbringt das Wochenende in den Hamptons und wird erst spät zurückkommen. Die Wohnung wird luxuriös leer sein, die perfekte Gelegenheit für Ari, den geräuschvollsten ihrer Vibratoren zu benutzen.
Zumindest war das der Plan.
»Rate mal, wer gerade bei den Yuppies vor Whole Foods seine Spendenquote erreicht hat?« Gabe lehnt an der Eingangstür ihres Wohnhauses, unter dem kleinen Vordach, knapp geschützt vorm Regen. Er sieht auf konventionelle Weise gut aus, wie ein Model aus einem Eddie-Bauer-Katalog oder jemand, der auf Stockfotos zu sehen ist, mit seinen welligen, gestylten Haaren und blitzenden braunen Augen. »War kinderleicht. Wie lief’s bei dir?«
Gabe stößt sich von der Backsteinwand ab, seine grelle ProActivate-Weste steckt in der Hintertasche seiner Jeans. Besonders gut kommt er bei der Kinderwagen-plus-Hund-Fraktion an.
»Mir fehlt noch eine«, antwortet Ari und fischt ihren Schlüssel aus der Hosentasche.
»Mist.« Er hält eine Blu-Ray-Disc von Inception hoch. »Sollen wir den zu Ende schauen?«
Es ist ein mehr als fadenscheiniger Vorwand. Schon seit drei Wochen »schauen« sie Inception, jeweils ganze fünfzehn Minuten am Stück. Letztes Mal mussten sie den Film anhalten, nachdem sie eine extrem heiße Runde »Fuck, Marry, Kill« gespielt hatten (Ari würde mit Tom Hardy ins Bett gehen, Ken Watanabe heiraten und Joseph Gordon-Levitt umbringen. Bei Gabe waren es: Marion Cotillard, Cillian Murphy und Leonardo DiCaprio).
»Natalie ist nicht da«, sagt Ari, während sie den Schlüssel ins Schloss fummelt. »Ich hatte eigentlich vor …«
»Perfekt.« Er hält die Tür auf. »Ich habe nachher noch ein Date in Boerum Hill.«
Als sie in die Wohnung kommen, hat Gabe schon sein Shirt ausgezogen, bevor Ari die Blu-Ray in Natalies Player schieben kann.
Das mit Gabe ist praktisch. Er ist total locker und immer offen, etwas Neues auszuprobieren. Außerdem geübt genug, um ihren BH mit einer Hand aufzubekommen. Sie wollen beide Sex, aber keine Beziehung. Nicht zuletzt ist er der erste Mann, mit dem Ari was hat, der es nicht als persönliches Versagen deutet, wenn sie einen Vibrator ins Spiel bringt.
Und nach einem ganzen Tag voller schonungsloser Zurückweisungen fühlt es sich ziemlich gut an, begehrt zu werden.
Inception steht bei 1:06:47, sämtliche Unterwäsche liegt auf dem Boden verteilt, als es dreimal schrill an der Tür klingelt.
»Hast du Essen bestellt?«, fragt Gabe außer Atem. Er lässt sich aufs Sofa fallen. »Ein Sandwich wäre jetzt echt mega.«
»Wie hätte ich das denn machen sollen?« Ari setzt sich auf. »Mit meiner dritten Hand?« Wieder tönt die Klingel durch die Wohnung, zweimal kurz und beim dritten Mal hört es gar nicht mehr auf.
Ari rollt sich vom durchgesessenen Sofa und stolpert zur Sprechanlage. Sie drückt auf den Knopf. »Ja bitte?«
Die Antwort ist eine wilde Mischung aus Rauschen, einer tiefen Stimme, »Essen« und »Natalie«.
»Türsummer kaputt«, sagt sie. »Ich komm runter.« Ari streift ihr Tanktop über. »Natalie bestellt immer diese makrobiotischen Gerichte«, erklärt sie Gabe, der schon wieder an seinem Telefon hängt. »Muss ihre Lieferung sein.« Sie hebt seine Boxershorts vom Teppich auf und sucht den Fußboden ab. »Mist, wo ist meine Unterwäsche hin?«
»Unterwäsche wird überschätzt.« Gabe rafft sich auf. »Ich spring mal unter die Dusche.«
Ari zieht schnell seine Boxershorts über, schlüpft in ihre Sneakers und joggt die Treppen herunter, um das Essen für Natalie entgegenzunehmen.
Als sie im Erdgeschoss ankommt, sieht sie einen hünenhaften Schatten durch das Oberfenster über dem Hauseingang. Und als sie dabei ist, die Tür zu öffnen, kommt der Schatten ihr plötzlich bekannt vor.
Da steht Blöder-Großer-Pulli-Typ vor der Eingangstür, mit einer kompostierbaren Einkaufstüte voll Obst und Gemüse, das aussieht wie ein Stillleben aus dem achtzehnten Jahrhundert.
Er ist blass und schlaksig, vielleicht Mitte zwanzig, hat dunkle Haare und ein längliches Gesicht mit merkwürdigen Proportionen.
Schlecht sieht er nicht aus.
Seine Augen mustern den Streifen ihres Gesichts, den man durch den Türspalt sehen kann.
Ari räuspert sich. »Kann ich dir helfen?«
Er scheint verwirrt, antwortet aber nicht.
»Bist du hier, um mich über deinen Herrn und Retter Jesus Christus zu informieren?«
»Ich bin jüdisch.« Er blickt über ihre Schulter. »Bist du Natalies Mitbewohnerin?«
Er riecht nach teurem, kräutrigem Aftershave.
»Vielleicht?«, sagt sie und zieht eine Augenbraue hoch. »Bringst du ihre glutenfreien Paleo-Gerichte?«
»Das hier ist in Olivenöl pochierter Kabeljau mit Muscheln, Orange und Chorizo«, antwortet er, während er ungeduldig von einem Bein aufs andere tritt. »Hat Natalie nicht erwähnt, dass ich komme?«
Wie auf Kommando piepst Aris Telefon ein paarmal hintereinander.
NAT: Kannst du mir einen riesengroßen Gefallen tun – BITTE?
Hab mich im Tag vertan.
Josh wollte mir heute was kochen.
NAT: der Koch.
Er ist schon auf dem Weg mit seinen ganzen Zutaten.
Hab einen früheren Bus genommen aber komme definitiv zu spät, kannst du ihn reinlassen?
Shit.
Das ist so was von typischer Natalie-Bullshit, und sie kommt immer damit durch. Weil sie strahlende Haut hat und dieses unglaubliche Lachen und weil Ari total auf sie steht, und zwar auf eine komplett andere Weise als dieses gelegentliche heiß sein auf Gabe. Was sich hauptsächlich in ihrer Unfähigkeit äußert, Nein zu sagen.
»Moment, wer bist du noch mal?« Ari hält den Bildschirm ihres Telefons an die Brust, damit er ihn nicht sehen kann.
»Ich bin Josh. Natalies Freund.« Er formuliert das nicht als Frage. Es ist einfach eine Feststellung. Eine Tatsache.
Ari kontert mit ihrer eigenen Tatsache: »Nat hat keinen Freund.«
***
»Hat sie wohl«, antwortet er voller Überzeugung. Mehr oder weniger. »Nämlich mich.«
Die Augenbrauen der Mitbewohnerin ziehen sich kaum merklich beim Wort »Freund« zusammen. Josh ist durchaus stolz darauf, dass ihm Details auffallen, die anderen entgehen würden.
Laut seinem Zeitplan soll Natalie in genau acht Minuten an einem Glas Sancerre nippen, während er mit seinem extrascharfen Shun-Kiritsuke-Messer Orangen filetiert.
Stattdessen steht er vor einer Fremden mit pinken Haaren in Männerunterwäsche und einem ausgeblichenen, ärmellosen Obama‑T-Shirt mit der Aufschrift HOPE.
»Nat ist nicht da. Sie hat Verspätung«, sagt sie, ohne die Tür weiter zu öffnen. »Ich kann das Essen in den Kühlschrank stellen. Da drüben ist eine Bar, wo du warten kannst, bis sie zurück ist.«
Sekunden verschwendeter Zeit ticken hörbar in seinem Gehirn, werden immer lauter. Wie er hier so vor der Tür steht, mit hochwertigen, begrenzt haltbaren Zutaten im Wert von knapp zweihundert Dollar in der Hand, zieht er in Erwägung, den Plan zu verwerfen. Einfach ein Uber zu rufen. Einen anderen Abend zu finden, an dem sämtliche Einzelteile seines Plans perfekt zusammenpassen werden.
Aber das wäre ein Zeichen des Versagens.
»Auf keinen Fall«, erwidert er. »Ich brauche dreißig Minuten Vorbereitung plus fünfzig Minuten Zubereitung. Ich muss jetzt anfangen. Außerdem regnet es.«
Später, nach der Mousse au Citron, würde der Beziehungsstatus von Josh Kestenberg und Natalie Ferrer-Hodges von verwirrendem Unverbindliches Dating – Fragezeichen – zu offiziellem In einer festen Beziehung – Punkt – durchlaufen.
Ausrufezeichen.
Nein, Punkt. Geschmackvoller.
»Falls ich dir diesen Gefallen tue und dich reinlasse …«
»›Gefallen‹?«
»… dann wirst du für deine Unfreundlichkeit von heute Nachmittag aufkommen und mir helfen, meine Spendenquote zu erreichen.« In einem ihrer Mundwinkel ist die minimale Spur eines Grinsens zu erkennen, aber ihre Augen bleiben ernst. Ein Grübchen erscheint auf ihrer linken Wange. »Ich brauche vierzig Dollar. Ich akzeptiere auch Kartenzahlung.«
»Wovon redest du bitte?« Es passiert nicht oft, dass Josh drei Gedankenschritte hinterherhängt.
»Wie schön, dass du endlich nachfragst! Mit der Unterstützung von Naturliebhabern wie dir will unsere Naturschutzinitiative eine ›Rotluchsstraße‹ einrichten, eine geschützte Grünzone, in der sich lokale Wildkatzen frei bewegen können und …«
»Ach, das warst du?« Josh stellt seine Einkaufstasche ab.
»Wie unverschämt, oder?« Ein Grinsekatzenlächeln macht sich nun in ihrem ganzen Gesicht breit.
»Du willst mich erpressen?« Er macht einen Schritt in ihre Richtung und schaut auf sie herab. »Ist das ein Trick, um mich abzuziehen?«
»Genau. Ich tu immer so, als ob ich irgendwo in Brooklyn in einer Wohnung wohne, und wenn die reichen, übellaunigen Lover meiner Mitbewohnerinnen vorbeikommen, bringe ich sie dazu, vor lauter Schuldgefühlen ein Spendenabo abzuschließen.« Spendenabo? Großartig, er wird für den Rest seines Lebens auf dieser Newsletter-Liste bleiben. »Willst du noch mehr über die Rotluchse wissen?«
»Nein.«
»Dann vielen Dank für die Unterstützung, die den Rotluchsen eine bessere Zukunft ermöglicht«, rattert sie herunter. Sie öffnet die Tür nun ganz, sodass er ihr in den Hausflur folgen kann. »Das hier könnte auch der Anfang einer Folge von Law & Order sein, immerhin lasse ich einen fremden Typen einfach so in meine Wohnung. Vielleicht fesselst du mich mit einem Ladekabel und klaust dann unsere Laptops oder so. Aber jetzt bist du der letzte Name auf meiner Spenderliste, und falls ich gesucht werde, wirst du der Hauptverdächtige sein.« Auf dem Treppenabsatz holt sie kurz Luft. »Ich bin Ari.«
»Josh Kestenberg.« Seine Hand will gerade zum Händeschütteln ansetzen, aber im letzten Moment hält er inne. »Ich habe echt viel vorzubereiten, also musst du dich wohl selbst mit dem Kabel fesseln.«
»Arianna Sloane«, fügt sie hinzu, als bekäme sie einen Extrapunkt dafür, auch einen Nachnamen zu haben. »Und toll, ich freu mich drauf.« Sie deutet auf die Treppenstufen. »Geh du vor. Nicht, dass du mir auf den Hintern starrst, bis wir im zweiten Stock sind.«
Josh verdreht die Augen und fängt an, die Tüten die Treppe hochzuschleppen. Als er an ihr vorbeigeht, meint er, billiges Gras zu riechen, das ihn an seine mauligen, veganen Kommilitonen im Anthropologieseminar in Stanford erinnert. Josh nimmt zwei Treppenstufen auf einmal, in der Hoffnung, jegliche weitere Interaktion zu vermeiden, aber sie bleibt direkt hinter ihm.
»Wenn du Koch bist«, fragt sie ihn, »müsstest du jetzt nicht eigentlich bei der Arbeit sein?«
»Ich bin Küchenchef. Ich war die letzten zwei Jahre in Europa. Ich entwickle Rezepte.« Immerhin schon zweimal in Bon Appétit veröffentlicht. »Ich bin erst seit Kurzem wieder zurück in New York.«
»Ich weiß nicht, ob ich Nat schon jemals etwas anderes habe essen sehen als Paleo-Bowls und vegane Proteinshakes.«
»Sie hat mein Essen noch nicht probiert.«
»Wie lange seid ihr denn schon ›zusammen‹? Ich meine, wenn du ein Koch bist …«
»Küchenchef.«
»… und du noch nie was für sie gekocht hast, findest du das nicht komisch?«
»Nein.« Er läuft schneller, als wolle er ihrem Vorwurf entkommen. Ist es komisch? »Wir daten seit sechs Wochen.«
»Sechs Wochen, ist das dann schon eine Beziehung? Ich hatte mal drei Semester lang was mit einem Typen am College, und Nico war nie mein Freund. Auch wenn ich seinen Namen immer noch gespeichert habe, inklusive der drei Auberginen-Emojis.«
Josh antwortet nicht. Seine Antworten scheinen ihr bloß neues Kanonenfutter zu liefern, also legt er lieber nicht nach. Außerdem gerät er langsam außer Atem.
»Wie hast du Nat denn in deinen Kontakten?«, fährt sie fort. »Ist sie als ›Freundin‹ abgespeichert? Mit Herzchen daneben?«
»Nein.« Alter Schwede, diese Frau unterhält sich bestimmt auch mit Taxifahrern und Kassiererinnen. »Ich brauch keine Comicsymbole, um mich dran zu erinnern, wie unsere Beziehung ist.«
Warum ist es so gut wie unmöglich, interessante Frauen kennenzulernen, wenn er zugleich Leute geradezu anzuziehen scheint, die auf unheimliche Weise genau jene kleinen Details ans Licht holen, die er doch sorgfältig ganz tief in seinem Inneren verborgen halten wollte?
Im zweiten Stock angekommen, dreht er sich zu ihr um.
»Natalie hat mich nie erwähnt?«, fragt er. Es rutscht ihm einfach so raus, in erbärmlichem Ton.
»Muss mal nachdenken.« Ari fummelt an ihrem Schlüssel herum. »Bist du der Typ mit dem superschönen Badezimmer und den zwei unterschiedlichen Duschköpfen?«
»Nein?« Welcher Typ mit den …
»Oh, warst du vielleicht Mr. September im Babes‑of-Bushwick-Kalender von letztem Jahr?« Sie mustert ihn.
»Ich weiß nicht, was das …«
Ari schubst die Wohnungstür seitlich mit der Hüfte auf.
Josh versucht, ihre verwirrenden Fragen zu ignorieren. Sie will ihn nur verunsichern, so viel ist klar. Er setzt vorsichtig einen Fuß ins Wohnzimmer, über den Haufen Schuhe an der Tür hinweg. Natalie war bisher immer nur bei ihm zu Hause, wo er keine unbekannten Variablen einkalkulieren musste: nicht ordentlich abgewischten Oberflächen oder feindselige Mitbewohnerinnen, die einfach nicht aufhören wollen zu reden.
Im Augenwinkel sieht er ein Stück schwarzen Spitzenstoff unterm Sofa hervorschauen.
Ari folgt seinem Blick. »Ach, da ist sie ja.«
Bevor sie das Stück Stoff aufheben kann, wird eine Tür aufgestoßen. Ein Typ springt heraus. Oben ohne, umgeben von einer Dampfwolke singt er laut ein Musical. »Bring him hooooome! Briiing him home!« Er unterbricht seine übertriebene Ballade und nickt Josh zu, freundlich und völlig unbeirrt von seiner Anwesenheit. »Hey!«
Ari macht keine Anstalten, die beiden vorzustellen.
»Kann ich meine Boxershorts zurückhaben?«, fragt der andere. »Ach, eigentlich egal, ich muss los.« Er zieht sich ein T‑Shirt über den Kopf, während er mit Inbrunst seine Melodie weitersummt. »Rufst du mich in einer Stunde an, falls ich gerettet werden muss?«
»Klar«, gibt sie zurück, ohne richtig aufzuschauen. Sie blättert durch ihre Naturschutzmappe. »Viel Spaß.«
Josh sieht zu, wie er die Wohnung verlässt, ohne Ari zum Abschied zu küssen.
Sobald die Tür zufällt, steht Ari plötzlich links neben Josh und streckt ihm die Mappe und einen Kuli hin. Nachdem er seine Tüten abgestellt und seine Kreditkartennummer schön ordentlich aufgeschrieben hat, macht Ari eine große Geste und verkündet »Das ist die Küche. Bitte nicht die ganze Wohnung abbrennen.«
Josh legt den Kopf schief und schaut an ihr vorbei. »Ein Elektroherd? Nicht dein Ernst.«
Ari wirf einen Blick auf das alte Küchengerät, das nicht mal eine Abzugshaube hat. »Wo ist das Problem?«
»Man kann die Temperatur nicht kontrollieren, es gibt keine Nuancen, keine Flamme. Da gibt’s nur superheiß oder lauwarm.«
»Das kriegst du bestimmt hin.« Sie zuckt mit den Schultern. »Tu doch einfach so, als wärst du in einer dieser Koch-Shows, wo du dein eigenes Feuer entfachen musst.«
Seine Augen werden zu schmalen Schlitzen, aus denen er ihr einen Blick zuwirft. Dann beginnt er, in seinem Rucksack herumzuwühlen und das Mitgebrachte auszupacken. Es gibt kaum genug Platz auf der granitfarbenen Kunststoffoberfläche, um all seine Zutaten und Küchenutensilien zu organisieren. Als er aufblickt, sieht er Natalies Mitbewohnerin unerwartet den Kühlschrank öffnen. Und er dachte, sie würde sich verkrümeln.
»Ich mache mir auch was zu essen«, erklärt sie und beugt sich hinunter, um eine Packung vegane Würstchen aus dem Tiefkühlfach zu holen.
»Du hast da so einen leichten Zungenschlag, wenn du dich über Küchengeräte beschwerst«, sagt sie beiläufig und legt ihre Würstchen auf einen Teller. »Bist du hier aufgewachsen?«
»Upper West Side.«
Sie setzt einen nachdenklichen Blick auf, als sie die Tür der Mikrowelle schließt.
»Vielleicht liegt es bloß daran, dass ich zugezogen bin, aber ich war immer schon neidisch auf diese komische Aussprache. Ich mag das.«
Er blinzelt, kurz verwirrt, wie er das verstehen soll. Es ist kein richtiges Kompliment, oder?
Er zieht einen ordentlich gefalteten Zettel mit Garzeiten aus dem Rucksack und legt sein Schneidebrett aus Ahornholz sorgfältig auf ein sauberes Küchenhandtuch. Jetzt, da er sich Kontrolle über die Küche verschafft hat, kann er sich darauf konzentrieren, die Bio-Karotten in kleine, exakt gleich große Stifte zu schneiden.
Ein paar Minuten lang schaffen sie es, sich gegenseitig zu ignorieren, trotz des engen Raums. Sobald die Karotten so aussehen, als ob sie in einer Mini-Sägemühle geschliffen worden wären, setzt Josh einen kleinen Kürbis auf sein Brett und holt sein Hackmesser heraus. Vielleicht übertrieben, aber der Kabochakürbis hat eine wirklich harte Schale und er wollte vor Natalie nicht angestrengt aussehen. Außerdem macht man mit einem Hackmesser immer gleich Eindruck. Er gibt dem Kürbis einen kleinen Klaps genau neben dem Stiel, deckt den Rücken des Messers mit einem Küchentuch ab und lässt es dann durch das Fruchtfleisch gleiten.
»Es war nicht die Rede davon, dass du mit einem Hackmesser herumfuchteln würdest, als du um Einlass in meine Wohnung gebeten hast«, stellt Ari fest, während sie ihr Abendessen aus der Mikrowelle nimmt und es auf die Anrichte stellt. »Darf ich es mal halten?«
Er atmet tief ein, aber nicht so tief, um den Geruch der veganen Würstchen wahrnehmen zu müssen. Die logische Antwort wäre natürlich Nein. Er hatte nicht mit Zuschauerteilnahme gerechnet. Aber wenn er ihr das Hackmesser gäbe, was könnte schon passieren? Sie könnte es fallen lassen und die Klinge beschädigen. Oder sie könnte den ganzen Kürbis verschwenden, indem sie ihn unsachgemäß zerstückelt. Er müsste ihr vielleicht zeigen, wie man das Messer richtig vor- und zurückschwingt. Dabei müsste sie allerdings direkt neben ihm stehen. Ganz schlechte Idee.
Zu seiner Überraschung deutet er jedoch mit dem Kopf auf die Arbeitsfläche. »Stell dich hier hin. Du nimmst den Griff so – nein, so.« Er schiebt ihre Finger herum.
»Kommandierst du Leute immer so rum?«, murmelt sie, als sie das Hackmesser oben an der Schale ansetzt und mit ihrem ganzen Körpergewicht auf die Klinge drückt. »Ich meine, nicht, dass ich nicht drauf stehen würde.«
Grundsätzlich lässt Josh in der Küche niemanden an seine Messer – schon gar keine Amateure. Er will nicht, dass sie ihre schmierigen Fingerabdrücke auf seinem Arbeitsmaterial lassen oder etwa eine Zange benutzen, wenn ein Löffel besser wäre, oder dass sie eine unnötige Prise Salz auf sein perfekt gewürztes Hauptgericht streuen.
Aber … wie sie sein Messer berührt, lässt es in seinem Nacken so komisch kribbeln.
»Ich habe nie gelernt zu kochen«, bemerkt sie. Sie schneidet den Kürbis in allerlei verschieden große Ecken, die Josh nachher korrigieren muss. Immerhin gelingt es ihr, sich nicht die Fingerspitzen abzuhacken.
»Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen, und ihre kulinarischen Fähigkeiten hörten jenseits der Mikrowelle auf.« Ari beugt sich jedes Mal nach vorn, wenn sie die Klinge hinunterdrückt, und Josh ist zu achtzig Prozent sicher, dass sie keinen BH trägt.
Er räuspert sich. »Und du bist nach New York gekommen, um für Betrüger zu arbeiten, die Studierende mit einem Weltverbesserer-Trick abzocken wollen?«
»Ich bin hierhergekommen, um Comedy zu machen.« Josh muss sich zusammenreißen, bloß nicht nachzufragen und dann zu einem armseligen Open Mic eingeladen zu werden.
»Aber ganz ehrlich: Ich bin ziemlich gut im Spendeneintreiben. Mit den meisten Fremden finde ich eine gemeinsame Basis.« Sie schaut vom Schneidebrett auf. »Außer jetzt gerade.«
Unwillentlich betrachtet er die Details ihres Gesichts. Runde rosarote Wangen und ein spitzes Kinn, eine Unterlippe, die bedeutend voller ist als die obere Hälfte. Ein Ausdruck macht sich in ihrem Gesicht breit – leichte Verwirrung, wenn er es optimistisch auslegt, der Beginn von Genervtheit, wenn er ehrlich ist. Aber er war immer schon besser im Streiten als Flirten. Nicht, dass er mit ihr flirten wollte.
Einen Moment später legt Ari das Hackmesser hin und schiebt ihm das Brett rüber. Er spürt, wie er ausatmet.
»Danke für die Einweisung.« Sie trocknet ihre Hände mit einem Tuch ab und füllt ein Glas Wasser direkt aus der Leitung. Bei nächster Gelegenheit muss Josh Natalie einen Wasserfilter kaufen. »Aber das war auch das Mindeste, nachdem du meine Abendplanung zunichtegemacht hast.«
»Ich habe deine Abendplanung zunichtegemacht?«
»Ja.« Ari klemmt sich eine Flasche Senf unter den Arm, geht rüber ins Wohnzimmer und lässt sich aufs Sofa fallen. »Ich hatte große Pläne für meinen Abend allein.«
»So ganz allein warst du doch gar nicht.« Er hält einen Moment inne. »Wenn du für dich sein möchtest, kannst du ja … in dein Zimmer gehen?«
»Es ist superheiß da drin. In mein Fenster passt keine Klimaanlage.« Sie schnappt sich die Fernbedienung. »Warum soll ich überhaupt irgendwoanders hin? Ist schließlich meine Wohnung.«
***
»Ist das nicht Natalies Wohnung?« Josh nimmt die Pfanne in die Hand und wendet sie. »Wenn man es genau nimmt?«
»Ich bezahle die Hälfte der Miete«, gibt Ari zurück. Sie starrt mit unleidiger Miene auf den Fernseher, lässt den Film weiterlaufen, den Gabe und sie angehalten hatten, und tunkt ihr Würstchen in einen Riesenklecks Senf.
Vor ein paar Wochen hatte sie gerade Grand Budapest Hotel angefangen, als Natalie von einem hippen Restaurant wiederkam, angetrunken, aber noch nicht müde genug, um ins Bett zu gehen. Ari tat so, als würde sie sich besonders für den Look des Films interessieren, obwohl sie eigentlich nur noch an den sanften Duft von Natalies geheimnisvollen Stylingprodukten denken konnte, die ihr Haar so weich und glänzend werden ließen. Jedes Mal, wenn Natalie lachte, legte sie ihre Hand auf Aris Oberschenkel. Jemanden zum Lachen zu bringen ist das beste Gefühl der Welt, aber jemanden zum Lachen zu bringen, während sie deinen Oberschenkel berührt, ist … wie das beste Gefühl der Welt plus eine kleine Portion Ecstasy. Die Berührung war fast noch besser als der Orgasmus, den Natalie ihr zehn Minuten später bescherte.
Fast.
Es gab danach noch zweieinhalb Fortsetzungen des »Filmabends«, und nach jeder zogen sich beide in ihre eigenen Betten zurück. Das heißt in Aris Fall in ihr wackeliges Hochbett, mit einem schiefen Grinsen im Gesicht, den Blick auf die Überreste von alten Leuchtsternen an der Decke geheftet, die irgendein Vormieter dort hinterlassen hatte. Vielleicht hatte sie endlich die perfekte sexuelle Beziehung gefunden: einigermaßen befriedigend und frei von emotionalen Komplikationen.
Doch bisher ist sie noch nie jemandem über den Weg gelaufen, der auch was mit Natalie hat. Wie kann es sein, dass Nat diesem Typen direkt den Boyfriend-Status gewährt, während Ari unter ferner liefen rangiert? Warum ist er es bitte wert, geliebt zu werden (mal ehrlich, wieso?), und Ari gerade mal gut genug für Sex?
Hinter ihr erklingt von Neuem das Geräusch der Klinge auf dem Holzbrett, in kurzen, regelmäßigen Abständen, als müsse sie dringend an seine Präsenz in ihrem Zuhause erinnert werden. Mit seinen Theorien. Seinen Meinungen.
»Also stimmt es, dass du Natalie noch nicht mal Frühstück gemacht hast?«
»Wir essen sonst außer Haus«, gibt er zurück, das Schnippeln übertönend. »Wieso? Bringst du auf deine Dates immer Red Bull und Pop-Tarts mit, für den Morgen danach?«
Ihr entfährt ein Lachen, das halb ein Grunzen ist. »Wenn die aufwachen, bin ich schon längst weg.«
Das Schnippeln wird kurz unregelmäßig. »Wie meinst du das? Du stehst einfach auf und gehst?«
»Ich wache lieber in meinem eigenen Bett auf«, erklärt sie, während sie das zweite Würstchen verputzt. »Macht’s einfacher.«
»Ah.« Er nimmt die Schnippelei wieder auf und rollt unübersehbar mit den Augen. »Eine echte Romantikerin.«
»Findest du es etwa romantisch, dein Bett mit jemand Fremdem zu teilen?« Ari steht auf und bringt ihren Teller zur Spüle. »Du wachst entweder irgendwo auf, wo du nicht sein willst, oder du musst jemanden aus deiner Wohnung schmeißen, den du nicht dort haben willst. Aber ich weigere mich generell, mir die Komplexe der Romantikindustrie zu eigen zu machen.« Sie schrubbt so fest am Teller herum, dass er beinahe verkratzt. »So was dient lediglich dazu, Frauen von männlicher Bestätigung abhängig zu machen.« Das klingt jetzt vielleicht ganz schlimm heteronormativ, aber Josh ist sicher selbst ganz schlimm heteronormativ.
Sie schaut zu, wie Josh ein Stück Butter in einen großen Topf fallen lässt. Aus der Nähe betrachtet hat er ein Gesicht, das auf Fotos bestimmt oft falsch aussieht: starke Stirn, leicht fliehendes Kinn, ernste dunkle Augen und eine lange Nase. Es wirkt wie vor fünfhundert Jahren in Marmor gehauen. Aus einem Blickwinkel attraktiv, kantig aus einem anderen. Jemand, den man nur ein Mal im Vorbeigehen gesehen zu haben braucht, um sich noch fünf Jahre später an ihn zu erinnern. So etwas hat Ari nicht an sich, so was Besonderes. Wenn Leute sie anschauen, entscheiden sie oft genug, dass es links neben ihr etwas Interessanteres zu sehen gibt. Um in dieser Stadt wahrgenommen zu werden, hat es noch nicht einmal geholfen, ihre Haare grell pink zu färben. Ein einziger Festivalbesuch im McCarren Park reichte für die Erkenntnis, dass mindestens ein Fünftel der Frauen in Brooklyn ebenso pinkes Haar haben.
»Basiert diese Meinung auf eigenen Erfahrungen?« Er fummelt am Drehknauf des verachteten Elektroherds herum, um die Hitze zu verringern. »Oder hast du ein bisschen in der ›Einführung in Gender Studies‹ herumgelesen?«
»Bist du immer so herablassend?«
»Bist du immer so naiv?« Er steht noch immer gebückt vor dem Herd.
Sie stellt sich genau vor ihn, um nach einem Küchentuch zu greifen. »›Naiv‹ ist es ja wohl, auf den patriarchalischen Mythos der Monogamie reinzufallen.«
»Den patriarchalischen Mythos?« Er schnappt das Küchentuch vom Haken am Unterschrank und wirft es ihr entgegen. »Geh mal weg, damit mein Le Creuset nicht auf diesem Scheißding verkohlt.«
»Du glaubst also ernsthaft an dieses Narrativ der Seelenverwandtschaft, das in der Werbung von Hallmark und der Schmuckindustrie propagiert wird? Wo ein Mann eine Frau mit einem Ring aus einer kleinen schwarzen Schachtel überrascht, und das soll heißen, man hat irgendwas Tolles im Leben erreicht?«
»Seelenverwandtschaft wurde doch nicht von der Werbung erfunden«, antwortet er. »Die hat das Konzept nur besser verkäuflich gemacht.« Josh deckt den Topf mit köchelndem Wasser ab und dreht sich zu ihr um. »Wenn du jemanden beschuldigen möchtest, wende dich an Platon.«
Ari trocknet ihre Hände ab, nicht ganz sicher, ob sie sich darauf einlassen soll. »Platon?«
»Das Symposion? Die Rede des Aristophanes?«
»Da musst du meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Ich war auf einer staatlichen Uni in Arizona.«
Josh nimmt sich seinen ordentlich beschrifteten Zettel von der Arbeitsplatte und dreht ihn um, um etwas auf die Rückseite zu skizzieren. »Platon sagt, dass die ursprünglichen Menschen kugelförmige Wesen waren mit vier Armen, vier Beinen und einem Kopf, der zwei Gesichter hatte: eins vorn, eins hinten.« Ari beobachtet, wie sein Stift über das Papier fegt und eine Zeichnung entsteht, die aussieht wie Violet Beauregarde, nachdem sie sich in eine Blaubeere in Willy Wonkas Schokoladenfabrik verwandelt hat. Bloß mit zwei Köpfen, acht Gliedmaßen und ein paar hingekritzelten Notizen oben drüber.
»Was ist das?«, fragt sie und deutet auf eine Kritzelei auf der linken Seite.
Er schaut auf den Zettel. »Genitalien.«
»Oh.« Sie verzieht das Gesicht. »Krass.«
***
»Das ist eine grobe Skizze«, betont Josh und zieht ein paar Linien nach. »Die … Teile können beliebig kombiniert werden.«
»Wie modern. Ich hätte nicht erwartet, dass es in diese Richtung geht.«
»Hast du echt noch nie davon gehört? Mein Vater hat immer erzählt, das sei die Inspiration für Amerikaner gewesen.«
»Dieses runde Gebäck, das man am Kiosk kaufen kann?« Sie zuckt mit den Schultern. »Hab ich noch nie probiert.«
Josh reißt seinen Kopf herum. »Aber du wohnst in New York! Das gehört hier zum Allgemeinwissen.«
»Ich bin erst vor vier Monaten hergezogen.«
Er atmet tief durch. »Als ich bei meinem Vater im Deli gearbeitet habe, war es eine meiner Aufgaben, die Amerikaner zu glasieren. Niemand außer mir konnte die Linien so gerade ziehen. Und es hat mich entspannt.«
»Durftest du dann wenigstens diejenigen essen, die du vermasselt hast?«
»O Gott, auf keinen Fall. Viel zu süß für mich. Die schmecken, als ob man puren Zucker in sich reinlöffelt.« Er verzieht den Mund bei der Erinnerung an den fies süßlichen Geschmack der Kakao- und Zuckerglasur.
»Dein Vater hat ein Deli?« Ari betrachtet seine perfekt angeordneten Zutaten auf der Arbeitsoberfläche. »Hat er dir das Kochen beigebracht?«
»Mein Vater hat mir die feine Kunst des Sandwich-Belegens und Krautsalat-Servierens beigebracht.« Sein Vater hatte das gesamte Spektrum seiner Kochkünste in diesem Deli zum Einsatz gebracht. Er hatte sich buchstäblich vom Tellerwäscher über den Vorkoch, den Bräter und den Schnippler heraufgearbeitet und nie in einem anderen Restaurant gearbeitet. Auch zu Hause kochte er nie, außer gelegentlich mal eine Dosensuppe. »Er ist kein richtiger Koch. Das ist ein Titel, den man nur in einem echten Restaurant bekommt. Nicht bei Brodsky’s.«
Ihre Augen blitzen auf. »Moment mal, deinem Dad gehört Brodsky’s?«
»Davon hast du also schon mal gehört?«
»Ich meine, das ist doch berühmt. Mit dieser blauen Leuchtschrift draußen, oder?«
Joshs Vater Danny hatte das Brodsky’s 1977 von seinem Onkel geerbt, im stillen Einvernehmen, dass Danny die vierzigjährige Tradition des Delis unverändert fortführen würde. Mit dem Namen Brodksy’s gingen stets Titulierungen wie »Institution« und »Klassiker« einher oder Sätze wie »Man kennt es aus zahlreichen Filmen wie …« Kein einziger Mensch im ganzen East Village, in ganz Manhattan, vielleicht sogar im gesamten Bundesstaat hätte gewollt, dass sich das Brodsky’s je ändert.
Außer Josh.
Er und sein Vater lagen sich darüber in den Haaren, seitdem Josh alt genug war, einen Herd zu bedienen.
Als Kind verbrachte Josh jeden Tag Stunden über Stunden im Brodsky’s und wollte unbedingt alle möglichen Aufgaben übernehmen, während sein Vater Frankfurter Würstchen grillte oder riesige Mengen Essigsoße anmischte, um Gurken einzulegen. Er saugte jedes bisschen geheimnisvollen Wissens von seinem Vater auf wie ein Schwamm – »Feuchtigkeit ist der Feind jedes guten Latkes« – und merkte sich das perfekte Verhältnis von Eigelb und Eiweiß im Eiersalat. Und eines Tages fand Danny, dass Josh alt genug war für die beiden wichtigsten Küchenwerkzeuge: Messer und Hitze.
Und das Gefahrenpotential setzte etwas in ihm frei. Er begann plötzlich, für sich selbst zu kochen. Er experimentierte mit neuen Techniken, beherrschte bald komplizierte Rezepte und wünschte sich eine Ausgabe von Modernist Cuisine zum sechzehnten Geburtstag. Als seine kleine Schwester ihr Lebergeschnetzeltes nicht essen wollte, begann er, kleine Frühlingsrollen mit Gemüse für sie zu machen (ideal, um an seiner Schneidetechnik zu arbeiten).
Er hatte unendlich viele Ideen, vor allem dazu, wie man klassische Brodsky’s-Gerichte »aufpeppen« könnte. Könnte man nicht karamellisierten Lauch in den Kartoffelauflauf geben? Oder etwas Paprikagewürz in den Eiersalat?
Sein Vater reagierte jedes Mal auf die gleiche Weise. Er deutete mit dem Finger auf das verblichene, handgeschriebene kleine Plakat mit dem Motto, nachdem das Brodsky’s seit den Fünfzigern geführt wurde: Essen wie in alten Zeiten.
»So alt, dass man’s vergessen kann«, hatte der sechzehnjährige Josh gemotzt. Und einige Jahre lang versuchte er auch, es zu vergessen. Statt seine Nachmittage im Deli zu verbringen, halste er sich haufenweise Aktivitäten in der Schule auf. Er glänzte in Mathewettbewerben, nahm an der Schülersimulation der UN teil und am Debattierclub. Es gab kaum noch Gelegenheit für Vater und Sohn, mehr als eine flüchtige Unterhaltung zu führen, falls man sich mal zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort befand.
Doch als er im dritten Jahr seines Wirtschaftsstudiums in Stanford war, gönnte sich Josh ein Essen beim Sternerestaurant French Laundry. Als er seinen Löffel in eine unglaublich seidige Eiercreme tunkte, wurde seine Leidenschaft von Neuem entfacht. Wie dezent elegant, das Gericht in einer präzis aufgeschnittenen Eierschale zu servieren, mit einem Halm Schnittlauch, der herausragte wie mit dem Lineal gezogen, und der einen scharfen Geschmackskontrast brachte. Das war nicht einfach Essen, das war eine sinnliche Erfahrung, die ihm komplett andere Möglichkeiten aufzeigte als die salzige Hackpfanne seines Vaters.
Als Josh angekündigt hatte, er wolle Stanford hinschmeißen, um stattdessen an das Culinary Institute of America zu gehen, schüttelte Danny seinen Kopf, so langsam und enttäuscht, wie nur Väter es können. »Du möchtest Tausende von Dollar dafür bezahlen, dass noch jemand dir beibringt, wie man Zwiebeln schneidet?«, hatte er gebrummt.
Joshs Mutter Abby war einverstanden gewesen, die Kosten zu übernehmen, da allen klar war, dass Joshs neu erworbene Kenntnisse irgendwann zum Einsatz kommen würden, wenn er das Deli übernahm. Aber Josh zeigte nicht das geringste Interesse daran, die alternde Pastrami-Dynastie weiterzuführen. Er hatte ehrgeizigere Pläne. Nachdem er das Culinary Institute abgeschlossen hatte, ging er erst mal nach Europa, um in einigen der besten Küchen der Welt zu arbeiten.
Josh und sein Vater haben noch nicht miteinander geredet, seitdem er wieder in der Stadt ist. Abby hat bisher als Vermittlerin zwischen ihnen gedient.
»Diese zweiseitigen Menschen waren körperlich so mächtig«, fährt er fort, »dass sie eine Bedrohung für die Götter darstellten. Also schnitt Zeus sie in der Mitte durch.« Er zieht einen lila Strich durch die Mitte seiner Zeichnung. »Jetzt rennen sie alle auf zwei Beinen herum, verwirrt und verzweifelt, immer auf der Suche nach ihrer anderen Hälfte.«
Ari lehnt sich vor, mit einem Ellbogen auf den wenigen Quadratzentimetern freiem Platz auf der Arbeitsplatte. »Den Seelenverwandten?«
»Ganz genau.« Er nickt und wirft sich lässig ein Küchentuch über die Schulter.
***
In diesem Moment des Überschwangs, weil sie sich mal auf etwas einigen können, erahnt Ari plötzlich, warum Natalie ihn attraktiv finden könnte. Seine Stimme ist viel angenehmer, wenn er von etwas erzählt, als wenn er streiten will. Und leider sind Männer mit Küchentüchern über der Schulter und hochgekrempelten Ärmeln generell immer sexy.
»Ganz schön düster«, sie blickt auf den lila Streifen. »Da musste Hallmark einfach einen tollen romantischen Werbespot draus machen.«
Joshs Miene wird ernst. Er richtet sich auf, und sie fühlt sich kleiner als ein Meter siebenundsechzig. »Seelenverwandschaft gibt dir das größtmögliche Gefühl der Zugehörigkeit«, behauptet er voller Überzeugung. »Deine verwundete Seele wird geheilt. Auf diesem Konzept basiert die moderne Liebe.«
Der kurze Augenblick, da sie ihn attraktiv fand, muss zu neunzig Prozent an dem Küchenhandtuch auf seiner Schulter gelegen haben. »Du glaubst ganz ehrlich, dass es genau eine Person auf dem ganzen Planeten gibt, die all deine Bedürfnisse komplett erfüllen kann?«
»Ja. Und auch du wirst irgendwann keine Lust mehr haben, um zwei Uhr morgens nach deiner Unterwäsche zu suchen.« Sein Akzent blitzt wieder durch. »Du wirst anfangen, eine Person zu suchen, die dich nicht langweilt. Die etwas für dich aufgibt, obwohl du es vielleicht nicht verdient hast. Die du die ganze Nacht lang halten willst, obwohl dein Arm eingeschlafen ist. Die gesetzlich dazu verpflichtet ist, dir heißen Tee ans Bett zu bringen, wenn du eine Erkältung hast. Niemand mit einem Auberginen-Emoji hinter seinem Namen wird sich jemals so um dich kümmern.« Ari starrt ihn an, mit offenem Mund, leicht überfordert von der Intensität seines spontanen Vortrags. Er konzentriert sich auf einen kleinen Riss im Laminat der Arbeitsplatte und räuspert sich leise. »Was denn?«
»Du hast sie ja nicht mehr alle.«
Auf der Anrichte beginnt Joshs Telefon zu vibrieren.
NATALIE: Hey! Tut mir voll leid.
Bin ein bisschen später dran als ich dachte.
Fahre grad erst nach Manhattan rein.
Die Stimme in Joshs Kopf lässt eine spontane Schimpftirade los. Der Kabeljau ist schon im Wasser. In einer halben Stunde ist von der Orangenvinaigrette nur noch feste Gelatine übrig, und wenn Natalie endlich auftaucht, wird er verschwitzt und fertig sein.
Wenn er zur Therapie geht, wird Josh manchmal so von seinen Gefühlen übermannt, dass er kaum noch einfache Fragen beantworten kann wie: »Was geht in Ihnen gerade vor?«. Er kann nicht tief durchatmen oder sich an die einfachsten Mantras erinnern. Sein Therapeut rät ihm dann immer, er soll sich »erden«. Und zwar, indem er sich auf die Dinge in seiner unmittelbaren Umgebung konzentriert. Alles, was man anfassen, hören oder riechen kann. Doch sich dazu zu zwingen, still zu werden und sich auf die Details um sich herum zu konzentrieren, ist in den Momenten oft nicht leicht.
Außer beim Kochen.
Nirgends sind seine fünf Sinne so eng verknüpft wie in der Küche. Er muss einfach präsent sein beim überwältigenden Aroma von Rosmarin oder dem sanften Blubbern von Wasser, das gerade beginnt zu kochen. Wenn sein Messer durch das Fleisch einer perfekt gereiften Birne gleitet.
Insofern hat er Glück, dass er gerade vor einem Schneidebrett steht und eine saftige Tomate für die Panzanella in der Hand hält, als Natalies Nachrichten ankommen.
Er hat ja keine Wahl. Soll er seine halb vorbereiteten Zweihundert-Dollar-Zutaten, sein Schneidebrett und sein Le Creuset schnappen und sofort die Wohnung verlassen?
Nein. Er ist dazu verdammt, in dieser schrecklich heißen Wohnung zu bleiben.
»Ist irgendwas?«, fragt Ari.
»Nein.« Er reibt sich an der Stirn. Erden. »Sie kommt noch später.«
Ari hebt die Augenbrauen und nickt langsam. »Mit genau diesem Szenario muss ich mich nie herumplagen.« Sie wendet sich ab und öffnet das Gefrierfach, um eine Eiswürfelform herauszuholen. »Wenn du nicht so darauf fixiert wärst, unbedingt eine Beziehung führen zu wollen, könnte dir das jetzt komplett egal sein und du könntest heute Abend einfach was anderes machen, anstatt durchzudrehen.«
»Ich dreh überhaupt nicht durch«, verteidigt er sich, obwohl er spürt, wie sein Puls in die Höhe schießt.
Ari nimmt die Plastikform und dreht übertrieben fest an beiden Enden, bis sich die Eiswürfel herauslösen. »Natürlich nicht.«
Nicht drauf reagieren. Einfach entspannen. Nicht provozieren lassen. Erden.
»Woher willst du irgendwas über echte Beziehungen wissen, wenn du offensichtlich nicht in der Lage bist, eine andere Form der Verbindung zu einem Menschen aufzunehmen als eine kurze Sexgeschichte?«, bringt er heraus, ohne auch nur ein einziges Mal Luft zu holen.
Aris Augen werden zu schmalen Schlitzen. Als wäre sie zufrieden, ihn provoziert zu haben.
»Es ist nicht so, dass ich ›nicht in der Lage‹ dazu wäre.« Sie lässt das Eis in ihr Wasserglas fallen. »Ich bin nur ehrlich, was meine Erwartungen angeht. So kann mir niemand weh tun und ich enttäusche niemanden. Alle bekommen, was sie wollen.«
»Wenn du nichts anderes willst, als mit Leuten zu schlafen, die dir total egal sind, nur um dann aufzustehen, deine Klamotten anzuziehen und abzuhauen, dann hast du’s ja geschafft.«
»Normalerweise tun wir noch so, als ob wir einen Film schauen wollen, aber was ist der Unterschied, ob ich mich zehn Minuten oder acht Stunden später anziehe?« Sie legt ihren Kopf in den Nacken und nimmt vier Riesenschlucke Wasser, als ob diese Auseinandersetzung besonders durstig mache. Mit einem lauten Geräusch setzt sie das Glas auf der Anrichte ab. »Wir könnten theoretisch den heißesten, egalsten Sex unseres Lebens haben, und dann …«
»Wir?«
»Theoretisch.« Sie seufzt ungeduldig. »Dann würde ich ganz leise meine Unterwäsche aufsammeln und hinaus in die Nacht schleichen, ohne dich aufzuwecken.«
»Falls du sie findest.« Schadenfroh bemerkt er einen Rest Senf in ihrem Mundwinkel.
»Ich schicke am nächsten Morgen immer eine Nachricht, um mich zu bedanken.« Sie hält inne. »Außer du hast nur drei Minuten lang lustlos an mir herumgeleckt und wolltest dann dreißig Sekunden später gleich einen Blowjob von mir.«
Es kommt selten vor, dass Josh komplett sprachlos ist. Anders gesagt, seine Gedanken verlagern sich nun automatisch auf die Länge von Aris Shorts. Ihr kleines Rededuell. Wie er ihr das Messer in die Hand gegeben hat. Da ist auf jeden Fall etwas, ein Hauch von Erregung. An irgendeinem Punkt zwischen ihrem Spendenerpressungsversuch und der Schilderung ihres theoretischen One-Night-Stands, muss Josh widerwillig beschlossen haben … dass sie hübsch ist. Trotz der verblichenen pinken Farbe in ihren Haaren. Sie ist unverschämt und hat von vielem keine Ahnung, aber es ist wohl die erfrischendste Begegnung, die er erlebt hat seit … na ja, sein Sozialleben war in letzter Zeit auch nicht besonders rege.
»Aber dann verpasst du doch das Beste.« Er legt das Messer hin. »Kennst du das nicht, wenn man im Bett liegt und sich unterhält, nachdem man das erste Mal …« Er unterbricht sich, als ob es zu riskant wäre, bestimmte Begriffe vor ihr laut auszusprechen. »Und man fühlt sich verletzlich und aufgeregt und voller Hoffnung, weil das vielleicht eine Nacht war, an die man sich noch ewig erinnern wird? Dann erzählt man sich Dinge, die man über die andere Person noch nicht wusste. Man öffnet sich so richtig, und endlich versteht man, wer die andere Person wirklich ist.«
Ari blinzelt ihn an, als versuche sie, eine Farbe zu erkennen, die gar nicht existiert.
»Hast du schon mal zehn Minuten auf einer Dating-App verbracht?« Ihre Stimme ist ungewöhnlich. Mit einem heiseren Unterton, der wahrscheinlich daher kommt, dass sie den ganzen Tag fremde Leute anquatscht. »Ich will auf keinen Fall wissen, wer diese ganzen Leute wirklich sind.«
Josh atmet tief aus. Er hält sein Brett schräg über eine Salatschüssel und sieht zu, wie die gewürfelte Gartentomate langsam herunterrutscht.
Als Ari sich zu ihm über die Anrichte beugt, findet er sie gleichzeitig leicht bedrohlich und überraschend anziehend. »Du bist also zufällig der einzige Mann auf Erden, der in keiner Weise an bedeutungslosem Sex ohne Konsequenzen interessiert ist?«
Er ist sich nicht sicher, ob er das als Vorwurf oder als Einladung verstehen soll.
»Es gibt so was eben nicht«, bringt Josh schließlich heraus. »Du haust ja schon ab, bevor die andere Person auch nur mit dir über mögliche Konsequenzen sprechen könnte.« Ari hebt eine Augenbraue, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer zurück. »Abgesehen davon verpasst du den Morgensex«, fährt er fort und folgt ihr. »Und den Um‑drei-Uhr-morgens-noch-wach-Sex. Und was die Person zum Brunch bestellt …«
»Du meinst, den peinlichen Kennenlern-Brunch?«
»Wenn du mich schon kennengelernt hättest, bevor wir Sex hatten, dann wäre das Frühstück auch nicht so peinlich.«
»Bitte.« Sie stellt sich direkt vor die Klimaanlage am Fenster und lässt kühle Luft von unten in ihr Shirt pusten. »Es bedeutet nichts als Verkrampftheit und schlechte Mimosas.«
»Glückwunsch. Du hast es genau raus, wie man um jeden Preis jegliche Art von Intimität mit anderen Menschen vermeidet.« Auf dem Herd brutzeln die Schalotten und der Fenchel viel zu laut, sie verbrennen sicher gleich. Doch er kann sich nicht dazu bringen, die Diskussion zu unterbrechen. »Ich garantiere dir, der beste Sex deines Lebens wird nicht mit jemandem sein, den du kaum kennst.«
»Du hast recht!«, antwortet sie und geht einen Schritt auf ihn zu. »Es wird wahrscheinlich Frustsex sein mit jemandem, den ich nicht ausstehen kann.«
Eigentlich wäre Josh jetzt dran, etwas zu sagen – einen neuen Vorwurf rauszuhauen oder etwas Besserwisserisches. Doch stattdessen denkt er wieder und wieder über diesen letzten Satz nach, der gefährlich zwischen ihnen nachklingt.
»Oder vielleicht auch nicht.« Ari zuckt mit den Schultern. »Weißt du, wer ganz oben auf meiner Liste steht?«
»Wer denn?« Er will unbekümmert klingen, befürchtet allerdings, eher erbärmlich ernst rüberzukommen.
Ari blinzelt nicht einmal. »Deine Freundin.«
Joshs Antwort ist nicht zu hören, denn in diesem Augenblick schrillt von der Decke in voller Lautstärke der Feuermelder.
***
Er sieht aus, als würde er versuchen, das Gleichgewicht zu halten, obwohl die Erde bebt.
Ari schnappt sich den Besen von der Wand, stellt sich auf einen wackeligen Klappstuhl und drückt am Feuermelder herum, bis das ohrenbetäubende Schrillen endlich aufhört.
»Natalie?« Josh wirkt entsetzt und gleichzeitig verwirrt. »Und was ist mit deinem … deinem Freund?«
»Meinem was?«
»Du trägst seine Unterhose.« Er blickt kurz zu den Boxershorts hinunter und schaut schnell wieder weg.
»Gabe?« Ari lehnt den Besen wieder an die Wand. »Bloß ein Bekannter.«
Josh reagiert nur amüsiert mit einem Pfft. Da vibriert wieder sein Telefon.
»Natalie sitzt im Taxi«, erklärt er. »Sie ist in zwanzig Minuten hier.«
Vielleicht liegt es an dem Zeitlimit, das plötzlich im Raum steht, aber Ari bekommt Panik. Sie braucht unbedingt einen Ausweg. Auf einmal stellt Ari sich die Frage, was passieren wird, falls sie noch in der Wohnung ist, wenn Natalie nach Hause kommt. Sie würde zusehen müssen, wie die beiden sich zur Begrüßung küssen – der Beginn eines romantischen (wenn auch leicht verbrannten) Abendessens. Josh würde süffisant dabei zusehen, wie Natalie Ari bittet, zu gehen.
Lieber schnell abhauen, solange sie noch die Wahl hat und nicht der Wohnung verwiesen wird.
Ari eilt in ihr Zimmer und streift eine Jeans über, die sie auf dem Boden findet. Sie schnappt ihre Kopfhörer, das Ladegerät und eine Wasserflasche und schmeißt alles in einen Beutel.
»Gehst du?«, fragt Josh, als sie Richtung Wohnungstür läuft.
»Ja.« Sie bleibt neben ihm stehen. »Warum? Hattest du dich schon auf einen Dreier gefreut?«
Für einen Moment sieht er sie entgeistert an, doch dann gleitet sein Blick über ihr Gesicht, sodass Aris Hinterkopf anfängt zu kribbeln. Irgendwie ist er ihr zu nah. »Du vielleicht? Schließlich hast du vor zwei Minuten noch über unser theoretisches Sexleben gemutmaßt.«
»Und vor vierzig Minuten hast du meinen Hintern angegafft.«
»Hab ich gar nicht«, beteuert er, etwas empörter, als Ari lieb ist. Er blickt von oben auf sie herab, was seine Größe noch mehr betont. »Ich weiß, warum du so bist.« Sie fühlt sich von ihm durchschaut: Ein paar Argumente aus Einführung in die Gender Studies, ihr nervöses Herumfummeln an Gabes Boxershorts, die große Klappe, wenn man nach einem ganzen Tag der Zurückweisung einfach nicht mehr kann.
»Du weißt rein gar nichts über mich«, behauptet sie und versucht, rücklings den Türknauf zu erwischen.
»Du hast so viel Angst, abgewiesen zu werden, dass du dich an irgendeiner Kulturtheorie festklammerst, um dein Verhalten zu rechtfertigen.« Sein New Yorker Einschlag schimmert wieder durch. »Das macht dich nicht gleich supermutig. Wenn du auch nur ein bisschen Vertrauen in deine … Verbindung zu Natalie hättest, dann würdest du warten, bis sie wiederkommt und sie entscheiden lassen, wer ihr wichtiger ist.«
»Wenn Natalie deine ›Freundin‹ sein möchte«, gibt sie zurück, während sämtliche Wut und Frustration in ihr hochkocht, »warum will sie dann jedesmal, dass ich es ihr besorge, nachdem sie mit dir ausgegangen ist?«
Josh starrt sie an, sein Mund verzerrt. »Wenn du mich fragst?« Mit explosiven Männern kennt Ari sich aus und sie ahnt, dass er jetzt mit einem verletzenden Kommentar kommen wird. »Weil’s bequem für sie ist.«
Ari zwingt sich dazu, keine Regung zu zeigen. »Ich weiß genau, was bequem für sie ist«, erwidert sie langsam, den Finger direkt in die Wunde legend. »Und zwar, wenn ihre Schenkel auf meinen Schultern liegen.«
Joshs Gesicht läuft rot an. An seiner Schläfe tritt eine Vene hervor.
Ari dreht den Türknauf, und will schnell weg, bevor er antworten kann. Sie hat keine Ahnung, wo sie hin soll, aber ihr Bedürfnis, zu verschwinden, ist stärker. Lieber ihn stehen lassen, als stehen gelassen werden.
Als sie die Tür aufreißt, sagt er noch, »Du hast deine Unterwäsche vergessen.«
»Sorry, ich kann dich nicht hören.« Ari deutet auf das Handy an ihrem Ohr. »Siehst du nicht, dass ich telefoniere?!«
Ari steht vor dem Restaurant und hantiert gleichzeitig mit ihrem Handy, ihrer E‑Zigarette und einem riesigen Fleischspieß herum. Kein Wunder, dass ihre Mitbewohnerin Radhya nicht abnimmt, denn im Scodella wird noch serviert. Radhya wird irgendwo in der Küche sein, und teure Stücke Fleisch aus »artgerechter Haltung« zur Perfektion grillen, oder vielleicht ein Täubchen. Radhya kann mit dem Zeigefinger auf ein Steak drücken und sagen, ob es durch ist.
Mittwoch, 13. September, 22:12
Ari: GROSSE NEUIGKEITEN
Bin in der Nähe, kannst du ’ne Pause machen?
Ohne sich offiziell zu besten Freundinnen zu erklären, waren Radhya und Ari während der letzten Monate von Mitbewohnerinnen zu gegenseitigen Notfallkontakten geworden. Zu Beginn des Sommers hatte Radhya ihren Mann aus der Wohnung geworfen und angefangen, jemand zu suchen, dem es nichts ausmachte, das Durchgangszimmer zu nehmen. Und da kam Ari ins Spiel, für die klar war, dass sie nie jemanden bei sich im Zimmer übernachten lassen würde. Sie verbrachten den Juli und August hauptsächlich kiffend auf dem Sofa und schauten The Real Housewives in Endlosschleife, während Radhya sämtliche üble Details über ihren Ex erzählte (mit einer Kellnerin fremdgehen, Hotdogs mit Ketchup statt mit Senf zu essen, mit einer anderen Kellnerin fremdgehen). Sich jeden Abend die deprimierendste Liste der Welt anzuhören, bestärkte Ari nur noch mehr in ihrer Überzeugung, was ihr eigenes Sex- und Liebesleben anging (lieber mehr vom Ersten, aber so wenig wie möglich von Letzterem). Radhya macht mitten in der Nacht die leckersten Grilled-Cheese-Sandwiches. Ari steuert die köstlich starken Haschbrownies bei, die dazu führen, dass man Grilled-Cheese-Sandwiches essen möchte. Radhya ist dankbar für Freundinnen, die weder ihre Jobwahl noch ihren Männergeschmack verurteilen (das eine ist oft ganz kompliziert mit dem anderen verwoben), oder wie viel Geld sie für Kosmetika ausgibt. Und Ari fragt immer, bevor sie sich etwas davon ausleiht. Als Freundinnen geben die beiden ein besseres Paar ab, als Radhya und ihr Mann es jemals waren.
Ari: Treffen am Liefereingang? Oder bei Milano’s?
Ari steckt das Handy in ihren BH, um sich ganz dem Fleischspieß widmen zu können. Sie ist am Verhungern. Es muss von diesem Kribbeln kommen, das sie überall spürt, als ob sie übersprudeln würde wie eine Dose Limo, die geschüttelt wurde. Leute zum Lachen bringen – sodass sie für ein paar Sekunden lang alles vergessen und nur für den Moment leben – ist das beste Gefühl der Welt. Besser als Sex. Als Stand-up-Comedian erlebt man noch mal ein anderes Glücksgefühl als beim Improvisationstheater … oder auf Drogen. Wenn es gut läuft, fühlt es sich viel besser an, und wenn nicht, dann zehnmal schlechter. Aber heute Abend? Lief es richtig gut. Auch wenn es bloß einer von Gabes Open Mics war. Und obwohl der Großteil des Publikums lauter Möchtegern-Komiker waren, die nie über die Sketche ihrer Konkurrenz lachen und sich immer irgendwo zwischen Ich bin so nervös, ich mach mir in die Hose und Mann, warum gebe ich mich eigentlich immer noch mit Comedy ab? bewegen.
Heute Abend ist das alles egal. Denn vor fünf Stunden machte ihr Telefon Ping, und alles war anders. Die E‑Mail. Betreff: ANGEBOT.
Echtes Geld für ein Drehbuch. Wieder und wieder hatte sie die E‑Mail gelesen, Teilsatz für Teilsatz, als ob sie einen besonders edlen Wein in kleinen Schlückchen genoss.
KWPS (Aussprache »Quips«) wird das Netflix für Comedy, aber kuratiert.
Nur der heiße Scheiß. Da braucht man auch keine Vokale.
Es ist ihr Karrieredurchbruch. Endlich mal was Ordentliches auf ihrem Lebenslauf voller armseliger Karriereschrittchen. Sie hat als Nanny für eine Familie auf der achtundsechzigsten Straße Ecke Park Avenue gearbeitet, als Kassiererin bei einem Panini-Laden im Rockefeller Center, als Assistentin im LaughRiot-Theater auf der dreiundfünfzigsten, wo sie Telefondienst gemacht, geputzt, und schlechte, überteuerte Drinks an der improvisierten Bar serviert hatte.
Von heute an könnte sie sich vielleicht endlich Comedian nennen, ohne dass das Gedanke, eine Hochstaplerin zu sein, sie wie eine Welle durchflutet. Ari hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie mit der Intensität der Comedy-Community in New York nicht ganz mithalten konnte. Die meisten von ihnen erzählten gern von ihrem »Weg hierher«. Sie hatten Kindertalentwettbewerbe gewonnen, oder waren in der Magazinredaktion des Harvard Lampoon. Ari war einfach bei der Comedy gelandet, weil sie was mit dem Leiter ihres Improvisationstheaters im College gehabt hatte. Die Affäre dauerte nicht lang, aber in der Theatergruppe blieb sie für vier Jahre. Dort kam sie sich vor wie in einer kleinen, nerdigen Studentenverbindung.
Das Gefühl von Vertrauen und Kameradschaft gefiel ihr. Noch toller waren die Auftritte. In ihrer Kindheit, die sie bei ihrer Grandma verbracht hatte, hatte sie nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommen, und hier saßen auf einmal Hunderte ihrer Mitstudenten und hingen an ihren Lippen.
Als eine Erwachsene mit Erwerbstätigkeit kommt Radhya einem stolzen Elternteil für Ari am nächsten. Zugegebenermaßen hatte Grandma Pauline nie darum gebeten, mit achtundvierzig noch mal ein kleines Kind aufzuziehen, als Aris Mutter plötzlich feststellte, dass sie »einfach nicht mehr konnte«, und mit einem Indierocker durchbrannte. Über die Jahre ist ihre Mutter immer mal wieder aufgetaucht, und blieb dann immer genau so lange, dass Ari sich Hoffnungen machte, um dann mitten in der Nacht heimlich zu verschwinden.
Radhya jedoch hat sie noch nie hängen lassen.
Radhya: Komm rein
Heißer Typ heute an der Bar. Frag ihn nach ’nem Drink.
Ari: Der Australier?
Radhya: Neuseeländer. Er klingt genau wie der Gutaussehende aus Flight of the Conchords.
***
»Radhya!«, brüllt Josh. »Weg mit dem Scheiß-Handy! Wie lang noch für das Steak?«
»Eine Minute.«
»Eine Minute, Chef«, korrigiert er sie. »Und denk an die Ente. An Tisch fünf sitzt eine vom Eater-Magazin. Ich will nicht, dass da Entensaft auf ihrem Teller ausläuft, wenn das Fleisch am Tisch tranchiert wird.« Obwohl es schon nach zweiundzwanzig Uhr ist, erwacht der Bondrucker immer wieder zum Leben, um die letzten Dessert-Bestellungen für heute auszuspucken. Mit einer Pinzette drapiert Josh ein einzelnes Curryblatt auf einem pochierten Heilbutt. Der Fisch ist in eine perfekte Rautenform geschnitten, bedeckt mit glänzenden, halbmondförmigen Zucchini-»Schuppen« und schwimmt in einem flachen See aus Kurkumafond. Er hatte das Gericht letzte Woche in seinem Notizbuch aufgezeichnet, und hier ist es: elegant und makellos von ihm erdacht und gezaubert. Ein Gericht, über das sein Vater den Kopf schütteln würde: »Vor wem musst du denn so angeben?« Falls sie noch miteinander sprechen würden. Briar und Abby waren schon mehrmals zum Essen hier, aber Danny weigerte sich noch immer, auch nur einen Fuß in die Nähe von Joshs Restaurant zu setzen (»Ganz sicher wäre er begeistert!«, behauptete Abby jedes Mal). Josh kümmerte es nicht, er fand es sogar besser so.
»Der Ofen ist unzuverlässig«, meint Radhya und schiebt einen mit Lavendelhonig glasierten Vogel hinein. »Ich lasse die Ente zehn Minuten drin, bevor ich sie wende.«
»Acht Minuten. Es ist mein Rezept. Und ich will nicht, dass das Risotto nebenher zu einer ekligen, zähen Pampe wird, während du die Ente verbrennst.« Er hält inne. »Außerdem heißt es ›acht Minuten, Chef.‹«
Sie schüttelt den Kopf. Radhya ist extrem gut darin, Jakobsmuscheln anzubraten, oder Gerichte nachzukochen, die er schon mal im Le Bernadin oder im Red Rooster gegessen hat. Sie ist überkorrekt bei allem, beispielsweise wie lange es dauert, zwanzig Artischocken in Öl zu schwenken (fünfunddreißig Minuten), oder wie viele Salzkörner man braucht für eine Scheibe Gartentomate (sieben). Aber in letzter Zeit ist sie etwas schlampig geworden. Vergesslich. Abgelenkt. Nichts als schlechte Eigenschaften für eine Köchin. Sogar Danny war wenigstens immer beständig mittelmäßig gewesen. Josh dachte, er hatte sie letzte Woche einmal in der Kammer schniefen gehört, aber als sie wieder an ihrer Arbeitsstation stand, sah ihr Make‑up unverändert aus.
Ein Kellner kommt, um den Heilbutt und das Steak mitzunehmen, und balanciert die Teller geschickt auf seinem Unterarm. »Da ist eine junge Frau an der Bar, die nach Radhya gefragt hat«, sagt er. »Hat gemeint, ihr Name sei ›Pussie‹?«
Ein Kichern kommt von hinten aus der Küche, denn die anderen Köche spekulieren schon seit einer Weile in aller Öffentlichkeit, dass Radhya lesbisch sei, einfach nur weil sie eine Frau ist, die als Köchin arbeitet, Fußballfan ist und für alle einen Spitznamen hat. Josh ist aber ziemlich sicher, dass sie mal etwas von einem Ehemann erzählt hat.
»Radhya muss jetzt erst mal acht Minuten lang die Ente hier babysitten«, blafft er.
»Zehn Minuten.«
»Zehn Minuten, Chef!« Als er in der Küche bei Scodella
