Verlag: Eisermann Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung YOU MAY LOVE ME - Evy Winter

Deans Geständnis über jene Nacht, in der er zum vermeintlichen Straftäter wurde, war erst der Anfang. Seine Vergangenheit birgt weit tiefere Abgründe, die May zutiefst erschüttern. Sie ist zu einer Entscheidung gezwungen, bei der sie selbst nur verlieren kann. Doch um June zu beschützen, ist sie bereit, alles zu opfern. Dean kann die beiden Frauen in seinem Leben jedoch nicht kampflos aufgeben. Er will May beweisen, dass sie nichts zu befürchten haben. Die Rechnung hat er aber ohne seinen Bruder gemacht, der plötzlich wieder bei ihm auftaucht. Und mit ihm scheinen Mays schlimmsten Befürchtungen wahr zu werden. Welche Grenzen würdest du überschreiten für die Menschen, die du liebst? Teil 2 einer Geschichte über bedingungslose Liebe und dunkle Geheimnisse. Über Vertrauen, Familie und böse Vorahnungen.

Meinungen über das E-Book YOU MAY LOVE ME - Evy Winter

E-Book-Leseprobe YOU MAY LOVE ME - Evy Winter

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Stopp, geh noch nicht!

Evy Winter
You May Love MeÜber alle Grenzen
Eisermann Verlag

You May Love Me 2 – Über alle Grenzen E-Book-Ausgabe  11/2018 Copyright ©2018 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns Satz: André Piotrowski Lektorat: Marie Weißdorn Korrektur: Minos Tammas http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-176-3

Kapitel 1

May

Bisher wusste ich nur aus Filmen, den Nachrichten oder Geschichtsbüchern, wozu Hass befähigt. In meiner Welt existierte weder Brutalität noch Gewalt; das Leben ist auch so schon schwer genug für manche von uns. Doch jetzt begreife ich, wie nah dieser Hass ist. Er umgibt uns immer und überall, und er kann den Menschen schaden, die ich liebe. Menschen wie June.

»Nick hätte beinahe diesen behinderten Mann getötet und du … hast ihn geschützt?« Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. Ich halte die Tränen zurück, bringe es nicht fertig, zu ihm aufzusehen. »Weil du selbst mal einer von ihnen warst?«

Dean sagt kein Wort, da wir beide die Antwort kennen. Der Mann, der sich immer so liebevoll und fürsorglich verhalten hat – vor allem June und mir gegenüber –, soll sich freiwillig mit so einem rechtsradikalen Pack eingelassen haben? Das kann ich nicht begreifen. Ich will es nicht begreifen.

Die Cafeteria des Krankenhauses, in der nur noch wir beide sitzen, wirkt trostlos. Genauso sieht es gerade in mir aus. Ich suche nach Antworten, will ihm in die Augen sehen, um darin die Wahrheit zu finden, um zu erfahren, was für ein Mann er wirklich ist. Doch ich habe Angst davor, etwas zu erkennen, das mich unwiederbringlich von ihm trennt.

»Wie konnte es dazu kommen? Ich meine … ausgerechnet du …«

Ich schaue auf und sehe auf einmal einen gebrochenen Mann vor mir.

Dean hebt seinen schimmernden Blick und streift sanft mit dem Daumen über meine Wange. Ich zucke nicht zurück, warte auf seine Erklärung.

»In meiner Jugend hatte ich nicht viel, worauf ich mich freuen konnte«, beginnt er stockend. »Mein einziger Freund war Paul und seine Eltern ließen ihm wenig Freiheiten. Ich hatte immer das Gefühl, vollkommen allein auf dieser Welt zu sein. Bis ich Dina und Trevor begegnete.«

Dean nimmt meine Hand und führt sie an seine zitternden Lippen. Liebevoll küsst er jeden einzelnen meiner Fingerknöchel und schmiegt dann seine Wange in meine Handfläche.

»Auf einmal gab es Menschen, denen ich etwas bedeutete. Das dachte ich zumindest«, spricht er gedankenverloren weiter. »Ich hatte keine Zweifel an dem, was sie mir eintrichterten. Ich habe mich von ihnen manipulieren lassen, war gar nicht mehr in der Lage selbst zu denken.« Er schnaubt abfällig. »Erst als ich etwas tun sollte, was ich unmöglich konnte, schaltete sich mein Verstand wieder ein. Ich bin ausgestiegen, aber Nick steckte mittendrin. Über all die Jahre konnte ich nichts tun, um ihn von The Right Order wegzuholen. Mir blieb nur, auf ihn aufzupassen.« Dean reibt seine Hände an den Oberschenkeln und stützt dann die Ellbogen darauf ab. »Ich habe wirklich geglaubt, dass er diese Organisation nach dem, was er getan hat, endlich infrage stellt und ebenfalls den Ausstieg schafft. Denn ich weiß, mein kleiner Bruder ist genauso wenig ein Neonazi, wie ich es bin.«

Ich schüttle den Kopf. »Aber warum hat er das dann getan?«

»Nick ist zu Trevors Schoßhündchen mutiert. Er tut alles, was er von ihm verlangt. Für meinen Bruder ist er mehr als nur ihr Anführer. Trevor ist wie ein Vater für ihn.« Er zuckt die Schultern. »Einige Male hatte ich die Hoffnung, dass Trevor ihn wegen seiner Drogeneskapaden rausschmeißt. Aber dazu kam es nie, obwohl Drogen eigentlich nicht toleriert werden. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum Nick für Trevor so wichtig ist.«

»Wieso hast …«

»Sie ist wach!«

Ich starre Paul an, brauche einen Moment, bis seine atemlosen Worte in mein Bewusstsein dringen, mich von Deans Vergangenheit losreißen und wieder ins Hier und Jetzt schleudern. Zeitgleich springen wir beide auf und folgen Paul.

June ist wach! Das bedeutet, sie hat die langanhaltende Narkose während der Operation verkraftet. Dem Himmel sei Dank! Meine größte Sorge war, sie könne nicht mehr aufwachen, da konnte mir der Arzt noch so oft beteuern, die OP sei gut verlaufen. Nur Deans Geschichte half mir in den vergangenen Stunden des Wartens dabei, nicht völlig durchzudrehen, und auch wenn ich sie bis ins letzte Detail wissen will, ist meine Schwester gerade wichtiger. Nichts ist wichtiger als sie.

Der Weg zur Intensivstation kommt mir endlos vor, auch wenn wir die Gänge nur so entlanghetzen. Als wir endlich da sind, stoppt uns eine Krankenschwester.

»Halt. Erst einmal sollte nur einer von Ihnen zu ihr gehen, sie ist noch sehr benommen. Außerdem müssen Sie diesen Mundschutz anlegen und sich gründlich desinfizieren.«

Sie deutet auf das Waschbecken neben uns. Ich drehe mich zu Dean herum, der mir bedrückt zulächelt und zur Zimmertür zeigt.

»Los, mach schon. Geh zu ihr und gib ihr einen Kuss von mir. Sag ihr, sie soll gefälligst schnell wieder gesund werden.«

Ich desinfiziere meine Hände und lege den Mundschutz an, dann nicke ich der Schwester zu und sie öffnet mir die Tür.

Bei Junes Anblick zieht sich mein Magen schmerzlich zusammen. Haufenweise medizinische Geräte piepsen abwechselnd vor sich hin. Dutzende Schläuche hängen überall an ihrem Körper, ihre Lippen sind völlig ausgetrocknet und die Mundwinkel leicht eingerissen und blutig. Sie ist furchtbar blass und sieht entsetzlich schwach aus. Dieses Gefühl, sie so verwundbar zu sehen und nichts dagegen unternehmen zu können, lässt sich nicht beschreiben. Es ist … grausam, und selbst das beschreibt es nicht im Ansatz.

Ich trete an ihr Bett heran und streichle sie sanft.

»Hi, Schwesterherz.«

Sie fühlt sich kalt an. Vorsichtig hebe ich ihren Unterarm mit einer Hand an, ziehe die Decke mit der anderen darunter hervor und bedecke ihre eisige Haut. June lässt es einfach geschehen und blinzelt ein paarmal. Ich beuge mich zu ihr und küsse sie auf die Stirn. Auch jetzt keine Gegenwehr, wie es normalerweise der Fall wäre. Es muss ihr wirklich sehr schlecht gehen.

»Den sollte ich dir von Dean geben«, flüstere ich. »Er wartet draußen. Nina und Paul sind auch hier. Sie wollen alle, dass du schnell wieder gesund wirst, Schwesterherz. Wir sind so froh, dass du endlich wach bist.«

Sie sagt nichts. Selbst ihr Vor-sich-hin-Brabbeln bleibt aus. June ist kraftlos und unheimlich müde, aber sie lebt. Sie ist noch bei mir! In diesem Augenblick begreife ich, dass ich sie vermutlich mehr brauche als sie mich.

»Tu mir das nie wieder an«, flüstere ich. »Ich kann nicht ohne dich sein. Auch wenn ich nicht immer die beste Schwester für dich bin, ohne dich bin ich nichts. Du darfst mich nicht alleinlassen, June.«

Sie stößt einen krächzenden Ton aus und schließt die Augen.

»Brauchst du was? Hast du Schmerzen?«, frage ich besorgt, doch sie reagiert nicht.

Ihr Atem geht gleichmäßig, genau wie das Piepsen der Geräte. Sie ist eingeschlafen.

Neben ihrem Bett hat man einen Schlafplatz für mich hergerichtet. An Schlaf ist jedoch nicht zu denken. June hat das Gröbste überstanden und das beruhigt mich, doch es rattern so viele Gedanken durch meinen Schädel, dass ich nicht zur Ruhe kommen könnte. Ich hoffe, es kommt nicht doch noch zu Komplikationen. Bisher kann ich nicht abschätzen, welche Nachwirkungen der Magendurchbruch für June mit sich bringt. Wie lange wird sie hierbleiben müssen? Wird sie regelmäßig Medikamente einnehmen müssen oder braucht ab sofort spezielle Nahrung? Wird sie überhaupt wieder normal essen können? Kann es wieder passieren? Der Arzt wird mir morgen mehr darüber sagen können. Bis dahin versuche ich, mir keine zu großen Sorgen mehr zu machen.

Ich gehe hinaus, um den anderen zu sagen, dass es June den Umständen entsprechend gut geht. Paul und Nina wirken erleichtert, machen jedoch keine Anstalten, das Krankenhaus zu verlassen.

»Nina, ich danke dir, dass du die ganze Zeit hier gewesen bist, aber jetzt solltest du nach Hause gehen und dich ausruhen. Die Kids brauchen dich«, sage ich zu ihr. Sie schläft beinahe im Stehen ein.

Dean klopft seinem besten Freund auf die Schulter. »Bring sie ins Bett und kümmere dich um sie«, sagt Dean zu Paul, der leicht grinst.

»Das werde ich, auch wenn das gerade leicht versaut geklungen hat.«

Wir alle lachen zum ersten Mal an diesem Tag und verabschieden uns voneinander.

Nur Dean will nicht gehen – und ich will auch nicht, dass er geht. Nicht, bevor ich alles weiß. Lückenlos.

Wir sitzen im Wartebereich vor der Station. Auch jetzt ist niemand außer uns hier, das Krankenhaus wirkt wie ausgestorben. Um etwas Distanz zwischen uns zu bringen, die meinen Kopf klarer machen soll, setze ich mich ihm gegenüber. Das kleine Tischchen, auf dem Broschüren aufgereiht liegen, bietet den nötigen Abstand. Dean sieht mich enttäuscht an. Ich kann an seiner erschlaffenden Körperhaltung sehen, wie weh es ihm tut, dass ich mich von ihm entferne. Auch ich fühle den Schmerz. Aber es ist besser so.

»Was ist passiert?«, frage ich vorsichtig. »Dass du ausgestiegen bist, meine ich.«

»Willst du das wirklich wissen?« Seine Stimme ist angsterfüllt und er sieht kopfschüttelnd zu Boden. Seine Furcht ist fast greifbar. Was auch immer es ist, muss schrecklich sein. Und dennoch …

»Ja. Ich muss es wissen.« Ich schlucke schwer. »Auch wenn es mir nicht gefallen wird.«

Dean nickt mit hängendem Kopf und faltet abermals die Hände vor dem Gesicht. »Gut. Aber vorher musst du mir etwas versprechen.« Dean holt tief Luft. »Ich habe bisher noch nie darüber gesprochen – mit niemandem. Aus gutem Grund. Du darfst auf keinen Fall damit zur Polizei gehen. Nicht meinetwegen, sondern deinetwegen.« Er ballt die Hände zu Fäusten, begegnet meinem fragenden Blick. »Trevor ist nicht nur ein brutaler Neonazi. Er ist ein Psychopath und Terrorist mit Kontakten, die um die halbe Erdkugel reichen. Also versprich mir, dass du nichts sagen wirst, zu niemandem!«

Du machst mir Angst!, würde ich am liebsten erwidern. Aber ich tue es nicht. Innerlich bereite ich mich auf eine lange Nacht vor, denn mir ist bewusst, dass alles, was ich bisher weiß, bloß die Spitze des Eisbergs ist. Mir bleibt nur zu hoffen, dass dessen gesamtes Ausmaß meine Liebe zu Dean nicht untergehen lässt, als ich sage: »Okay.«

Kapitel 2

Dean … 10 Jahre zuvor

Ich reinige meine Stiefel gründlich, wie ich es immer tue, bevor ich zu diesen Versammlungen gehe. Akkurat gele ich meine Haare zur Seite und streife die Jacke über. Sie ist mit verschiedensten Symbolen aus der guten alten Zeit versehen.

Erhobenen Hauptes verlasse ich das Haus. Meine ganze Aufmachung offenbart jedem auf der Straße, welche Meinung ich vertrete. Ich folge nicht nur einem Modetrend, wie es meine Eltern vermuten. Es ist meine Lebenseinstellung. Nur die, die Stärke und den Willen zeigen, für den Erhalt der eigenen Rasse zu kämpfen, alles dafür zu geben und gegebenenfalls zu opfern, werden die Welt zu einer besseren machen.

The Right Order besteht aus solchen Kämpfern. Ihnen habe ich mich angeschlossen. Sie sind nicht nur Freunde, sie sind meine Brüder und Schwestern. Wir sind eine Gruppe Gleichgesinnter und wollen die alte Ordnung wiederherstellen, denn nur diese wird uns letzten Endes Frieden bringen. Die Mitglieder treten füreinander ein, wie es eine Familie tun sollte. Im Gegenzug wird nichts verlangt als absolute Hingabe für die Sache. Und ich gebe mich ihr hin, vollkommen. Seither überlegt man es sich zweimal, ob man sich mit mir anlegt oder nicht. Denn hinter einem Mitglied von The Right Order stehen Hunderte weitere. Bereit, alles zu tun.

Auf halber Strecke läuft mir Dina schon entgegen. Sie sieht süß aus in dem engen schwarzen Shirt. Reichlich bunt tätowierte Haut blitzt darunter hervor, das kinnlange schwarze Haar umspielt wild gelockt ihr Gesicht. Die Hosenträger hängen locker über ihren Schultern und auch sie trägt ihre lupenreinen Stiefel. Dina ist das erste Mädchen, das mir wirklich gefällt, weil sie so anders ist. Sie macht ihre eigenen Regeln, was mich maßlos beeindruckt. Mich, der sich immer an die Regeln gehalten, oder es zumindest versucht hat.

Ihr und ihrem Vater habe ich es zu verdanken, meinen Platz bei The Right Order gefunden zu haben. Sie zeigen mir, dass es Leute gibt, die sich für mich interessieren und die mir zuhören. Dina und Trevor haben mir eine neue Welt gezeigt, zu der ich unbedingt dazugehören will. Ganz egal, was es mich kostet.

Gerade noch pünktlich betreten wir das Clubhaus. Es ist voll und wir müssen uns nach vorne durchdrängeln, um Trevor richtig verstehen zu können.

»Wir sollten dem Ganzen ein Ende setzen! Jetzt!«, schreit unser Anführer. »Und genau dort fangen wir an. Wir müssen endlich handeln! Bloßes Gerede beeindruckt niemanden, wenn keine Taten folgen! Wir dürfen uns das nicht bieten lassen! Es ist unsere Stadt und hier regieren wir!«

Dina presst sich eng an meine Seite, während wir gebannt den Ausführungen von Trevor lauschen, der voll und ganz in seinem Element ist. Ihre dünnen Finger umschlingen fest meinen Unterarm. Je enthusiastischer Trevor redet, desto tiefer gräbt sie ihre Fingerspitzen in mein Fleisch. Kurz schiele ich zu ihr hinüber und muss augenblicklich lächeln. Sie ist dermaßen gefesselt von der Rede, dass sie aufgeregt auf ihrer Unterlippe herumkaut. Sie sieht zu ihm auf, was nicht ausschließlich dem Umstand geschuldet ist, dass Trevor ihr Vater ist. Dina glaubt und vertraut ihm kompromisslos.

Jedes seiner Worte quittiert sie mit einem heftigen Nicken. Zwischendurch ruft sie »Genau!« und »Du sagst es!«. Dabei ballt sie die Hand zur Faust und boxt in die Luft, als würde sie einen unsichtbaren Gegner k. o. schlagen wollen. Dass ich sie beobachte, merkt sie nicht einmal. Trevors hitzige Reden reißen die Leute immer mit, zumindest die, die so denken wie wir. Dina geht in seinen Worten vollkommen auf. Ich weiß ganz genau, dass alles andere um sie herum in diesem Moment verblasst. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt Trevor, unserem Anführer, und der Sache.

Vor Dina hatte ich keinen Menschen getroffen, der sich so intensiv für etwas begeistern kann. Es ist ihr völlig egal, was andere von ihr halten. Sie besitzt eine starke Persönlichkeit. Ebenso wie ihr Vater. Beide wissen genau, was sie wollen.

Ich hingegen wusste lange Zeit nicht, wo mein Platz in dieser Gesellschaft sein soll. Nirgends gehörte ich richtig dazu. Ich war da, kam mir jedoch wie ein Geist vor, von keinem meiner Mitmenschen beachtet oder auch nur wahrgenommen. Immer schon war ich der Außenseiter. Nicht, weil ich es wollte und gerne allein blieb. Die Umstände machten mich dazu.

Mich fragte niemand danach, ob ich in eine andere Stadt ziehen wollte. Ob ich das einzige Kind sein wollte, dessen Eltern es nie zur Schule brachten. Ob ich an außerschulischen Aktivitäten nicht teilnehmen wollte, weil es sowieso nur Zeit- und Geldverschwendung wäre oder ob ich nur nach Hause kommen wollte, um dann auf ein ständig kreischendes Baby aufzupassen, obwohl ich selbst noch ein Kind war. Nichts davon hatte ich mir ausgesucht.

Keine Spur von Geborgenheit oder Liebe, die mich erdete, wurde mir entgegengebracht.

Mein einziger Freund war Paul, doch er war ebenso ein Außenseiter wie ich. Auch diese Freundschaft hatten wir uns nicht wirklich ausgesucht. Sie war mehr oder weniger alles, was uns übrigblieb, um überhaupt einen Freund zu haben.

Mit den Jahren hatte ich mich an all das gewöhnt. An das Alleinsein genauso wie an das Unsichtbarsein. So sah mein Alltag aus und ich hatte keine Ahnung, wie ich es selbst hätte ändern können. Man könnte sagen, ich war in einer Dauerschleife gefangen. Doch dann begegnete ich Trevor, meinem Boxtrainer … und Dina. Mein tristes Leben änderte sich Schlag auf Schlag zum Guten.

In ihnen fand ich Menschen, die mich wahrnehmen, mir zuhören, mir Liebe zukommen lassen. Dank dieser Menschen habe ich Freunde gefunden, die diese Freundschaft annehmen, weil sie es wollen, nicht weil sie keine andere Wahl haben. Hier, an Dinas Seite, zwischen all meinen Freunden, habe ich meinen Platz gefunden. Ich gehöre endlich dazu. The Right Order ist meine Familie, weil ich es so will.

»Wir können auf keinen Fall akzeptieren, dass sich dieses Gesindel breitmacht und unsere Heimat mit ihren Krankheiten verpestet! Wir dürfen keine Schwächen zulassen! Diese Schwuchteln haben hier nichts zu suchen und das werden wir sie in aller Deutlichkeit spüren lassen!«

Als Trevor mit seiner Rede endet, ertönt tosender Applaus aus den Reihen, in den auch ich verhalten einstimme.

Dina dreht sich zu mir und grinst beinahe im Kreis.

»Das wird mega. Denen werden wir zeigen, wo der Hammer hängt. Endlich bewegen wir etwas! Toll, nicht wahr?«, kreischt sie und sieht mich erwartungsvoll an.

»Ja, toll.«

Obwohl ich ihr zustimme, Beifall klatsche und lächle, bin ich mir zum ersten Mal nicht im Klaren, wofür ich meine Zustimmung bekunde. Durch meine Gedanken während der Rede war ich abgelenkt, bin aber dennoch sicher, alles verstanden zu haben. Worin dieses ›Handeln‹ bestehen soll, ist mir absolut unklar. Alle anderen Mitglieder scheinen allerdings genau zu wissen, was er damit sagen wollte, und sie wirken geradezu euphorisch.

Irgendwie ist die Stimmung anders als bei den ruhigen Protestläufen, Demos und Kundgebungen, bei denen ich bisher Schilder hochgehalten und ihre Parolen nachgegrölt hatte. Mich beschleicht das Gefühl, dass Trevor heute nicht so etwas Harmloses meint.

Seit sechs Monaten bin ich nun schon Mitglied von The Right Order, einer Gemeinschaft, die für eine bessere Welt eintritt. Zu Beginn beeindruckte es mich, dass sie ihr Ziel nicht mit Gewalt, sondern mit Beharrlichkeit und Überzeugung erreichen wollten. Es gab bislang auch keinen Grund, gewaltsam vorzugehen.

Doch nun, da dieses Hospiz für Aidskranke in unserem kleinen Städtchen Douglasville errichtet wurde und sich die Seuche verbreiten könnte, schürt es den Hass und die Ängste der Mitglieder. Trevor war von Anfang an dagegen, dass sie in unsere Stadt kommen sollten, weshalb er schon vor Beginn des Baus zu Protesten aufrief. Leider erzielten die keine Wirkung.

Wenn ich aber eine Sache über Trevor weiß, dann dass er kein Nein akzeptiert und niemals aufgibt, um seine Ziele zu erreichen. Was aber hat er jetzt genau vor? Diese Schwuchteln haben hier nichts zu suchen und das werden wir sie in aller Deutlichkeit spüren lassen, sagte er. Wie will er es sie spüren lassen?

Mir fallen Vorfälle ein, die oft mit The Right Order in Verbindung gebracht wurden, vor allem von der Presse. Vorfälle, bei denen Menschen zu Schaden kamen. Aber Trevor versicherte mir stets, dass wir die Guten sind und nie etwas Unrechtes tun würden.

Die Gesprächsrunde beginnt, in der jeder ein Thema zur Diskussion bringen kann, das ihm oder ihr auf dem Herzen liegt. Während Gabriel davon erzählt, wie vor einigen Tagen in seiner Nachbarschaft eingebrochen wurde und sich Diebstähle durch Schwarze in seinem Viertel häufen würden, hängen meine Gedanken immer noch Trevors Rede nach. Warum will er eigentlich so hart gegen das Hospiz vorgehen?

Ja, viele der Aidskranken sind schwul und bedrohen das idyllische Bild der normalen Familie, zu der nun mal Mann und Frau gehören. Ist es aber wirklich so schlimm, wenn es auch Menschen gibt, die anders denken und fühlen? Ja, sie tragen eine ansteckende und tödliche Krankheit in sich. Aber das haben sie sich doch nicht ausgesucht und immerhin überträgt sich HIV nicht wie eine Grippe.

Das Hospiz liegt weit abseits vom Stadtzentrum, weit genug weg von uns. Dort werden die Kranken sein, bis sie sterben. Ist das nicht schon Strafe genug für sie? Warum sollten wir ihnen das restliche Leben noch schwerer machen?

Je länger ich über all das nachdenke, desto absurder erscheint es mir, etwas gegen diese Leute im Hospiz unternehmen zu müssen. Zum ersten Mal bin ich mir nicht sicher, ob Trevors Ansichten richtig sind, denn ich kann einfach keinen einzigen Grund finden, der einen Angriff gegen sie rechtfertigen würde.

Nur einen Tag später lässt Trevor seinen Worten Taten folgen. Und wir alle folgen ihm, komplett vermummt, mit Masken bedeckt. Ich marschiere mit durch die Dämmerung, formiere mich mit den anderen vor dem Gebäude, in dem am Morgen die ersten Kranken aufgenommen wurden. Mein Körper ist angespannt, die Knie und Hände zittern. Mein Mund ist staubtrocken.

Das Hospiz liegt am Stadtrand. Weit und breit ist es von Ackerland und kleinen Wäldern umringt, die Hauptstraße ist knapp zwei Meilen entfernt. Niemand außer uns ist zu sehen. Ein paar Laternen auf dem Gehweg erhellen die Umgebung.

Mein Unbehagen wächst mit jeder Sekunde. Mittlerweile sind die Handschuhe feucht vom Schweiß. Meine Halsschlagader pocht schnell und kräftig, in meinen Ohren rauscht es. Die Stimmen der Mitglieder kann ich kaum noch hören.

Trevor holt aus. Nur verschleiert nehme ich wahr, wie etwas aus seiner Hand in Richtung der Hausfassade fliegt. Klirr! Eine Fensterscheibe zerspringt in tausend Teile.

Im Haus gehen prompt die Lichter an.

»Verpisst euch, ihr Schwuchteln! Wir wollen euch hier nicht!«, ruft Ken durch ein Megaphon. Indessen sprayt Lloyd in knalligem Rot ›Vorsicht! Seuchengefahr!‹ an die Hauswand. Im Inneren, hinter dem zerbrochenen Fenster, beginnen Flammen zu lodern.

Erstickte Stimmen dringen nach draußen. »Haut ab! Wir haben die Polizei gerufen!«

Auch alles in mir schreit, dass ich hier verschwinden sollte.

Die Eingangstür des Hospizes fliegt auf. Zwei hochgewachsene Gestalten kommen auf uns zu. Wie können die nur so dämlich sein?, denke ich mir, als Trevor mich am Ellenbogen hinter sich herzieht. Er geht auf die beiden zu. Vermutlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass wir so viele sind. Nur Trevor, Lloyd, Ken und ich stehen im Schein der Beleuchtung. Der Rest von uns hält sich im Hintergrund.

Ohne zu zögern, geht Trevor auf einen der zwei los und donnert seine Faust mitten ins Gesicht des Fremden. Das laute Knacken lässt mich zusammenzucken. Der Typ versucht, sich zu wehren, hat aber keine Chance gegen einen ehemaligen Profiboxer. Trevor kniet sich auf ihn und drischt weiter auf ihn ein. Unter ihm bildet sich eine Blutlache. Ich bin starr vor Entsetzen.

»Los, mach schon. Zeig ihnen, dass wir sie hier nicht wollen!«, schreit Trevor mir schnaufend zu.

Erschrocken blicke ich den anderen Mann an, der sofort vor mir zurückweicht. Ich will ihm nicht wehtun. Ich will niemandem grundlos wehtun. Und im Moment kann ich keinen Grund erkennen, warum ich diesen Mann verletzen sollte. Deshalb bin ich überhaupt erst in den Boxklub gegangen – um meine Aggressionen in den Griff zu bekommen. Nicht aber, um neue zu schüren.

»Fuck!« Trevor krümmt sich und hält sich die linke Seite. Sein Opfer ächzt vor Schmerzen und kann kaum mehr kriechen. Trevor sieht mich jetzt direkt an. »Mach ihn fertig!«

Mit einer leichten Kopfbewegung deutet er in Richtung meines Gegenübers. Wieder sehe ich ihn bestürzt an. Der Typ flüchtet ins Haus und stolpert beinahe über seine eigenen Füße. Ich mache keinen Versuch ihm nachzurennen, gehe stattdessen zu Trevor, um ihm auf die Beine zu helfen. In der Ferne ertönen Sirenen, die immer näherkommen.

»Wir müssen hier weg«, sage ich und reiche ihm die Hand. Als er danach greifen will, werde ich zu Boden gerissen.

Vollkommen blutüberströmt wirft der Typ, der eben noch am Boden lag, sich auf mich. Ich bin viel zu perplex, um zu reagieren, da schließen sich seine Finger auch schon um meinen Hals.

Reflexartig umfasse ich seine Handgelenke, kann sie aber nicht von mir losreißen. Das Blut tropft auf mich herab und versickert im Stoff meiner Maske. Ich bekomme keine Luft mehr, versuche, ihn von mir zu stoßen, schaffe es aber nicht. Hilfesuchend sehe ich zu Trevor.

Der steht nur da und grinst. »Beweis dich, Junge!«

Mir wird schummrig und meine Kräfte lassen nach. Krampfhaft versuche ich, nach Luft zu schnappen. Die Hände schließen sich immer fester um meine Kehle. Ein schmerzhafter Druck baut sich in meinem Schädel auf, als stünde er kurz davor, zu explodieren. Ich weiß, wenn ich jetzt nichts unternehme, sterbe ich, also drücke ich meinen Oberkörper mit aller übrigen Kraft nach oben. Meine rechte Faust knallt gegen die Schulter meines Gegners. Er ist irritiert und die Linke trifft hart sein Kinn, die Finger um meinen Hals lockern sich und er kippt zur Seite.

Ich ringe nach Luft, bemühe mich, aufzustehen, komme aber nicht hoch. Die Dunkelheit wird von blauen und roten Blitzen durchzuckt. Ich sehe nur Trevor, alle anderen sind längst verschwunden. Er hilft mir auf und rennt los, in die Richtung, in die auch die anderen abgehauen sind. Noch einmal schaue ich auf den Mann am Boden. Er bewegt sich nicht, aber ich kann sehen, wie sich sein Brustkorb schwach hebt und senkt. In der Hoffnung, dass er es überleben wird, widerstehe ich dem Drang, ihm zu helfen. Ich drehe mich um und will das Weite suchen, da steht Trevor urplötzlich mit mahlendem Kiefer und diabolischem Blick vor mir.

»Beende es. Jetzt!«, fordert er drohend.

In der Hand hält er eine Pistole, bietet sie mir an.

Meine Muskeln zittern vor Anspannung. Mein Herz überschlägt sich, stolpert über Trevors Worte. Das kann er nicht verlangen – von niemandem. Eine solche Schuld werde ich nicht auf mich laden. Ich bin nicht Trevors Handlanger. Und ich bin ganz sicher kein Mörder.

»Nein!« Ich halte seinem Blick stand. »Es ist vorbei, Trevor.«

Ohne ein weiteres Wort laufe ich an ihm vorbei. Ein kurzes Klicken ist alles, was ich noch höre. Dann ein lauter Knall.

Obwohl ich ihn mehrfach gebeten hatte, es bleiben zu lassen, rennt er mir auch heute hinterher.

»Geh nach Hause!«, brülle ich meinen Bruder an, doch er lässt sich nicht beirren.

Nick will mir nacheifern. Für ihn bin ich jemand, zu dem er aufsehen will, nur erkenne ich mich selbst nicht mehr, wenn ich in den Spiegel schaue. Alles gerät außer Kontrolle. Ich gerate außer Kontrolle. Weder für meinen zwölfjährigen Bruder noch für irgendwen sonst gebe ich ein gutes Vorbild ab. Ich bin zu einem Menschen geworden, den ich selbst verachte. Niemals wollte ich so jemand sein. Jemand, der so viel Hass in sich trägt. Jemand, der gut nicht mehr von böse unterscheiden kann. Das gestrige Ereignis hat mich wachgerüttelt. Ich muss etwas ändern, denn so kann ich unmöglich weitermachen.

Ich halte inne und drehe mich zu Nick um. »Hast du mich nicht verstanden? Du sollst nach Hause gehen«, ermahne ich ihn.

Er sieht mich verständnislos an. »Aber warum denn? Sonst hast du mich doch auch mitgenommen?«

»Du hast da nichts zu suchen. Und ich auch nicht.«

Nick schüttelt vehement den Kopf. »So ein Quatsch. Das sind doch unsere Freunde … unsere Familie.«

Ich lache verächtlich auf, bevor ich ihm mit aller Ernsthaftigkeit entgegentrete. »Das dachte ich auch, aber sie sind nicht unsere Familie, Nick. Sie sind auch keine Freunde. Sie sind menschenverachtende Bestien, mehr nicht.«

Sein Blick durchbohrt mich regelrecht. »Wovon quatschst du da?«

Ich gehe zwei Schritte auf ihn zu und atme tief durch. »Nick, du bist gestern zum Glück nicht dabei gewesen, aber glaube mir, diese Leute sind abgrundtief schlecht. Sie schrecken vor nichts zurück. Ich bin fertig mit denen und das werde ich ihnen jetzt sagen. Und dir verbiete ich den Umgang mit ihnen. Du wirst dich da nie wieder blicken lassen.«

Mein Bruder sieht mich an, als hätte ich ihm gerade eines seiner Spielzeuge weggenommen. Auf den Schock, der in seinem Gesicht geschrieben steht, folgt augenblicklich Zorn.

»Du spinnst ja. Ich kann mir meine Freunde selbst aussuchen!«, schmettert er mir vorwurfsvoll entgegen.

Um ihn zu beruhigen, lege ich die Hände auf seine Schultern und will ihn bitten, mir zuzuhören.

Nick lässt mich aber nicht zu Wort kommen und schlägt meine Hände von sich weg. »Halt’s Maul, Dean! Ich will nichts davon hören. Für mich sind sie mehr meine Familie als du und unsere Eltern es jemals waren.«

Diese Worte schmerzen mehr als ein Schlag ins Gesicht.

Bevor ich meine Fassung wiedererlangen kann, rennt er an mir vorbei und steigt in den Bus, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Stehen kommt.

Fassungslos sehe ich ihm nach. Was habe ich getan? Nicht nur für mich, auch für Nick habe ich die falschen Entscheidungen getroffen und ihn in etwas hineingezogen, was schäbiger nicht sein könnte. Ich habe ihn in einen Sumpf aus Hass und Gewalt geführt. Er weiß es nicht besser, er ist noch ein Kind. Ich aber bin erwachsen, oder sollte es mit fast achtzehn Jahren sein, und hätte es erkennen müssen.

Blind gegenüber jeglichem gesunden Menschenverstand, tappte ich dennoch in die Falle aus großen Versprechungen, falschen Freunden und der eigenen Bitterkeit.

Schon während meiner Trainingseinheiten im Boxklub beschäftigte sich Trevor eingehend mit mir und meiner Wut gegen die ganze Welt und ihre Ungerechtigkeit. Er hörte mir zu, nahm sich auch nach dem Training Zeit für mich. Mein Trainer zeigte Verständnis für alles, was ich zu sagen hatte. Er verstand mein Bedürfnis nach ein wenig Gerechtigkeit. Von meinen Eltern kannte ich das nicht. Bei ihnen kam ich mir immer unwichtig vor.

Trevor lud mich zu sich nach Hause zum Essen ein. Als ich die Einladung ausschlagen wollte, weil ich auf meinen kleinen Bruder aufpassen musste, bat er mich, ihn mitzubringen. Genau das tat ich dann auch. Meine Eltern scherte es nicht. Sie bekamen gar nichts davon mit, weil sie beide bis spät arbeiteten. Bei Trevor würden wir wenigstens ein ordentliches Essen bekommen und nicht diese Fertiggerichte aus der Mikrowelle, die meine Mutter immer für uns bereitstellte.

Wir kochten zusammen, aßen gemeinsam und unterhielten uns, wie es eine richtige Familie tut. Von da an waren mein Bruder und ich jeden Tag im Hause Cranston zu Gast. Trevor half mir auch dabei, das richtige College für mich zu finden. Selbst bei der Wohnungssuche und Finanzierung hätte er mich unterstützt, doch Nick zuliebe blieb ich vorerst daheim wohnen. Wer sollte sich denn sonst um ihn kümmern? Der Mann, der anfangs nur mein Boxtrainer war, übernahm mehr und mehr eine Vaterrolle für mich. Meinen eigenen Vater bekam ich so gut wie nie zu Gesicht. Zu sehr war er damit beschäftigt, sein Bauunternehmen voranzubringen.

Dina kümmerte sich nahezu mütterlich um Nick. Ihre eigene Mutter starb kurz nach ihrer Geburt und sie wusste, dass unsere Mutter nicht gut für ihn sorgte. Vielleicht war das ihr Anreiz dafür, Nick so liebevoll zu behandeln. Mit mir hingegen flirtete sie bei jeder Begegnung schamlos. Es dauerte nicht lange, bis aus uns beiden mehr wurde. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund. Das gefiel mir.

Dina sah mich als den Menschen, der ich war. Zumindest redete sie mir das ein. Sie und ihre Freunde, die auch schnell zu meinen wurden, nahmen mich das erste Mal mit zu einem Treffen von The Right Order. Erst da begriff ich, dass Trevor ihr Anführer war. Zuvor verlor er selbst nie ein Wort darüber. Dabei hatte seine Gehirnwäsche längst begonnen.

Eines Abends spielten wir alle bei ihm eine Partie Monopoly. Mein Bruder musste mehrfach ins Gefängnis und verlor somit haushoch. Zur Aufmunterung durfte er mit der Playstation spielen, was für ihn ein absolutes Highlight war, denn so etwas gab es bei uns daheim nicht. Auch einige unserer Freunde waren da, wie so oft. Wir waren eine große Familie geworden und jeden Tag fiel es schwerer, am Abend den Heimweg anzutreten.

Eines Tages nahm Trevor mich am Arm und führte mich zum Sofa. Er schaltete den Fernseher ein und gemeinsam verfolgten wir eine Rede unseres Präsidenten. Über das Zeitgeschehen in der Politik hatte ich mir selten Gedanken gemacht und es deshalb nie verfolgt. Vermutlich, weil ich einfach andere Probleme hatte. Viel Ahnung hatte ich demzufolge nicht, was mich zum Paradebeispiel leichter Beute machte. Für jemanden wie Trevor war es leicht, seine Überzeugungen zu meinen zu machen.

Trevor sprach über kulturelle und familiäre Werte, Rassentrennung und -erhalt, Solidarität, Kampfgeist und Glaube. Das war nur der Anfang. Von da an diskutierte er jeden Tag mit mir über die Missstände, die seiner Meinung nach in unserem Land herrschten. Er redete mir ein, der Staat sei dafür verantwortlich, dass Mütter nicht für ihre Kinder da sein können. Dass Eindringlinge unsere Lebensart zerstören und Farbige für die hohe Kriminalität in unseren Städten sorgen. Dass Andersgläubige unsere Religion und Gesetze missachten. Dass Homosexuelle Krankheiten verbreiten, Behinderte und Kranke nutzlos für die Gesellschaft sind und uns nur Geld kosten. Dass das alles aufhören musste, weil es mir und jedem Einzelnen dann besser gehen würde.

Ich glaubte ihm alles, ohne irgendetwas infrage zu stellen. Er gab mir ein Ziel für meinen Groll. Endlich konnte ich jemandem die Schuld für alles geben. Für alles, was mich so wütend machte. Später ließen er, Dina und meine Freunde mich glauben, dass ich bei The Right Order immer Gehör und Zuspruch finden würde, und dass wir zusammen für eine gerechte Ordnung in der Welt kämpfen würden.

In der ganzen Zeit habe ich es nicht einmal hinterfragt. Weder ihre Methoden, noch, ob die Absichten ehrenwert sind. Ob The Right Order tatsächlich die Lösung für alle Probleme ist. Für meine Probleme. Für mich zählte nur die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und das Ziel, das sie mir vorgaben: Schuldige zu finden.

Jetzt stehe ich hier und weiß plötzlich, dass es falsch ist. Alles! Sie haben mich benutzt und zu ihrer Marionette gemacht. Trevor handelt nicht aus Nächstenliebe, sondern aus purer Abscheu. Welches Ausmaß sein Hass hat, wurde mir am gestrigen Abend deutlich. Und Dina liebt mich nicht, wie ich bin. Sie liebt das, was sie aus mir machen konnte.

The Right Order schenkt mir kein Gehör. Sie machen mich hörig. Ihre Vorstellungen von einer schöneren Welt machen sie in Wirklichkeit hässlich. Ihre Art der Gerechtigkeit ist Unrecht an der Menschlichkeit. Was konnten diese Menschen, die sie für alles verantwortlich machten, für das Versagen meiner Eltern? Was konnten sie für meine eigenen Schwächen? Nichts!

Ich habe oft die Schwachen an meiner Schule verteidigt, lag deshalb immer wieder selbst am Boden und wurde niedergemacht. Nicht nur einmal habe ich Schläge einstecken müssen, die für hilflose Mitschüler gedacht waren, weil ich es ungerecht fand, wie man sie behandelte. Nun soll ich selbst derjenige sein, der zutritt, wenn andere grundlos und schutzsuchend am Boden liegen? Nein! So jemand bin ich nicht. Niemals!

Mit jedem Schritt, den ich weitergehe, wird mein Entschluss bekräftigt. Es ist das einzig Richtige, The Right Order den Rücken zu kehren, bevor es zu spät dafür ist. Ich betrete das verwahrloste Grundstück, welches von einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun abgegrenzt wird. Durch das hohe Gras führt mich ein Trampelpfad zu dem baufälligen Industriegebäude, dem Clubhaus von The Right Order.

Ich bin mir sicher, dass ich sie alle hier antreffen werde. Bestimmt will Trevor seinen ›Sieg‹ angemessen feiern. Die Worte, die er mir zuflüsterte, nachdem er die Waffe abgefeuert hatte, hallen stetig in meinem Kopf wider. So handeln Sieger, Dean. So handeln Sieger.