Zärtlichkeiten im Alltagsgrauen des 08/15 Bürgers - René Finders - E-Book

Zärtlichkeiten im Alltagsgrauen des 08/15 Bürgers E-Book

René Finders

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11,99 €

Beschreibung

Mittels einer lässigen, aber sehr einfühlsamen und durchaus humorvollen Umgangssprache in den Beschreibungen der Alltagsgrauen seiner Mitmenschen, gelingt es René Finders zu zeigen, wie die universelle Kultur der Habgier, als systemischer Antreiber der Umweltkrise, des Klimawandels und schließlich als Ursache der Zerstörung der Lebensbedingungen der Mehrheit agiert. Der Anfang des Endes einer Gesellschaft, vom kurzsichtigen Egoismus seiner Elite untergraben, in der der Durchschnittsbürger in einer Sackgasse gefangen ist, mit der einzigen Hoffnung einer eventuellen Erbschaft, einer kriminellen Karriere oder eines Lottogewinns.

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Seitenzahl: 176

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Inhalt

Impressum 2

Danksagung 3

Vorwort 4

OLAF IM GLÜCK 6

DIE RACHE DES HERRN BALDEMEIER 74

AN DER WAND ENTLANG 116

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2021 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-4926-3

ISBN e-book: 978-3-7103-4927-0

Umschlagfoto: Rene Finders

Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag

www.united-pc.eu

Danksagung

Dieses Buch entstand dank der Unterstützung dreier Personen, deren Beiträge ausschlaggebend waren und denen ich hiermit danken möchte!

Gabriella SCHEER, für die Fehlerberichtigungen, das abschließende Korrekturlesen und ihren Beitrag zur Umschlagrückseite.

Zoé FINDERS, meiner Nichte, für ihren Beitrag zur Seitengestaltung des Buchumschlags.

Marcel FINDERS, meinem Bruder, ohne den dieses Buch nicht entstanden wäre.

Vorwort

Zärtlichkeiten im Alltagsgrauen des 08/15 Bürgers ist eine Neugruppierung dreier Novellen oder Kurzgeschichten aus dem Gesamtwerk 2040, welches aus zwanzig Novellen besteht, die alle das Lieblingsthema von René FINDERS deklinieren: die Selbstzerstörung der Massenkonsumgesellschaft, einzig auf das Interesse einer kleinen egozentrischen Elite ausgerichtet.

Die Wahl des Titels entstand durch die Absicht des Autors, sich auf die Lebensschwierigkeiten des Durchschnittbürgers zu konzentrieren, der im System gefangen ist, und ihn außergewöhnliche Geschichten erleben zu lassen.

Die Umschlagseite stammt von einem Gemälde René FINDERS aus dem Jahr 2009. Ausgestellt im Rahmen einer Retrospektive 2 in einer Galerie des JORDAN in AMSTERDAM Anfang 2020, musste diese leider wegen der Corona Krise geschlossen werden.

Als produktiver Maler und Autor führt René FINDERS immer die beiden Disziplinen gleichzeitig. Der gemeinsame Nenner ist die Allgegenwart des Sexes und der sentimentalen Frustrationen als Hauptmotoren der menschlichen Handlungen und also als Antreiber des egoistischen Handelns, das zur Zerstörung der Lebensbedingungen der großen Mehrheit und der in Gang gesetzten Massenauslöschung führt.

Was ist mit 0815 gemeint?

Was die Redewendung 0815 bedeutet und wie sie entstand.

Als „nullachtfünfzehn“ wird etwas bezeichnet, das ganz gewöhnlich und belanglos ist und daher auch keiner besonderen Beachtung bedarf. „0-8-15“ ist außerdem die Typenbezeichnung eines Maschinengewehrs, das im 1. Weltkrieg zum Einsatz kam und auch noch im 2.

Woher kommt der Begriff 08/15?

Der Ausdruck stammt vom legendären Maschinengewehr 08/15. … So wie Word irgendwann die Version „5.1“, i-Tunes die Version „9.2“ und so weiter herausbrachten, so gab es eben damals das MG 08/15. „08“, weil das Grundmodell im Jahr 1908 eingeführt wurde.

https://praxistipps.focus.de/woher-kommt-der-begriff-0815-einfach-erklaert_97699

OLAF IM GLÜCK

Seine Mutter war gestorben und schon am nächsten Tag musste der Kleinkriminelle und pathologische Lügner Olaf K. mit dem Flieger nach Málaga, weil sein Vater nun einmal darauf bestanden hatte. Als die beiden die Leichenhalle in Marbella betraten und Olaf K. seine Mutter dort so überraschend aufgebahrt liegen sah, kam ihm augenblicklich, wie aus der Pistole geschossen, der Gedanke, dass es auf keinen Fall einen Gott oder etwas Ähnliches geben könne. Keine Frage, nicht einmal eine Diskussion zum Thema hielt er noch für nötig; so eindeutig und logisch erschien ihm diese strikt persönliche Erfahrung zu sein. Dennoch hatte er seine Mutter auf die eiskalte und weißgraue Stirn geküsst, war aber kurz darauf fluchtartig hinausgestürmt.

Noch nie zuvor hatte er sich derart hilflos und ohnmächtig gefühlt. Seine Mutter war einfach nicht mehr da, und zwar für immer. Am Abend saß er mit dem Vater in einem Strandrestaurant und zusammen brachten es beide auf beinahe 3 Flaschen „Marques“. Wie Wasser haben die Zwei den guten spanischen Rotwein in sich hineingeschüttet. 3 Tage später landete er wieder in Frankfurt a. Main.

Nach einem für alle Beteiligten unerträglichen Leidensweg ist seine Mutter, seit vielen Jahren eine an Alzheimer erkrankte Patientin, doch tatsächlich einem bösartigen Tumor erlegen. Über viele Jahre hinweg hatte der Vater jede nur erdenkliche Möglichkeit einer akzeptablen Lebensverlängerung trotz aller Widrigkeiten konsequent auszuschöpfen versucht. Keine Last war ihm zu viel gewesen. Sichtlich angetan sagte er jedem, der es in den Monaten nach dem Begräbnis unbedingt wissen wollte:

„Tja, … die Lebensqualität war nicht mehr gegeben,  … also, in den letzten Wochen ging es wirklich rapide bergab,  … da war nichts mehr zu machen!“

Nach der bewusst verfrühten Pensionierung hatte der Vater, ein ehemaliger Berufsoffizier der Bundeswehr, mit der großzügigen Unterstützung seines wohlhabenden jüngeren Bruders, den Alltag des Ehepaares so eingerichtet, dass man 3 Monate lang in einem Appartement in Marbella wohnte, anschließend 3 Monate in der eigenen Wohnung in Wiesbaden, um danach wiederum 3 Monate an der sonnigen südspanischen Küste zu verbringen. Immer wieder buchte das Paar den Billigflieger nach Südspanien. Also haben die Eltern von Olaf K. jahrelang, trotz der desaströsen Alzheimererkrankung, ein mit zahlreichen kulinarischen Restaurantbesuchen verwöhntes Dasein geführt. Zudem schauten die Beiden nur allzu gerne vom Balkon, beispielsweise während des Frühstücks, weit über das herrliche blaue Mittelmeer hinaus. Natürlich hatte das Paar auch einiges einstecken müssen; denn welcher Normalbürger will sich schon mit einer an Alzheimer erkrankten älteren Frau abgeben?

Olaf K. konnte sich noch gut daran erinnern, dass seine Mutter vor den ersten auftretenden Symptomen unumstritten eine lebenslustige und vor allem geschwätzige bunte Dame gewesen war, die es faustdick hinter den Ohren hatte. Jeweils adrett gekleidet und immer wieder ausgiebig geschminkt, galt es als beinah unmöglich, ihr das Wort zu nehmen, derart standfest und hartnäckig führte sie die Alltagsgespräche. Da konnte ihr niemand so leicht etwas vormachen. Mühelos und ohne groß vorbereitet zu sein unterhielt sie in ihrem sozialen Umfeld verschiedene Kontakte und Bekanntschaften; schließlich kannte die Frau sogar den lokalen Bürgermeister.

Und natürlich erinnerte sich Olaf K. noch genau daran, wie seine Mutter eines Tages ins Klassenzimmer hinein gestürmt kam und seiner Englischlehrerin zwei brutale Ohrfeigen ins Gesicht verpasste. Schließlich war es so gewesen, dass die Lehrerin während einer Schulreise im Allgäu den damals erst 13-jährigen Olaf K. zu intimen Handlungen aufgefordert habe, welche sich daraufhin allerdings in beiderseitigem Einverständnis weiterentwickelten, bis das Ganze auf einmal unerwartet aufflog. Aus irgendeinem Grund war seine Mutter hinter die, in ihren Augen gesetzwidrige, Beziehung gekommen und schrie deshalb hysterisch ins Klassenzimmer hinein:

… du geile Schlampe, wenn du meinen Sohn noch einmal anfasst, dann bring ich dich um, … du dreckige Hure!“

Zunächst einmal hatte Olaf K. nicht begreifen können, was die Frau Schneider eigentlich von ihm wollte. Obwohl er ja in jenen Jahren schon wusste, dass die Mädchen und Damen weit oben zwischen den Beinen etwas scheinbar Unglaubliches für die männliche Gattung verborgen hielten, konnte er sich aus den inzwischen merkwürdigen Annäherungsversuchen seiner Englischlehrerin keinen Reim machen. Immerhin hatte er als 9-jähriger Junge auf dem Dachboden des Elternhauses das weibliche Geschlecht seiner 11-jährigen Cousine untersuchen dürfen.

Außerdem hat er mit seinem Zeigefinger vorsichtig zwischen den Schamlippen entlang streifen und ein wenig öffnen dürfen. Ziemlich erstaunt hatte er damals in seinem kindlichen Eifer die jungfräuliche Vagina seiner Cousine gründlich begutachten können. Hinzu kam, dass er zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Eltern nicht gerade im

Hause befanden, mehrmals die Pornozeitschriften seines Vater, die damals in einer bestimmten Ecke des Kleiderschranks unter den Anzügen versteckt lagen, neugierig und durchaus interessiert durchblätterte, also genau im Bilde war, wie der Körper einer Frau beschaffen und was das männliche Geschlecht damit alles anstellen sollte.

Trotz des enormen gesellschaftlichen Risikos hat doch die Englischlehrerin den Jungen während einer Schulreise in ihr Schlafzimmer gelockt und auf eine bemerkenswerte Weise einen Koitus herbeigeführt. Mit viel Geduld und Hingabe dirigierte sie ihren Schüler an jenem Abend in eine für beide angenehme und Adrenalin trächtige Gefühlswelt, die zärtlicher und hitziger nicht hätte sein können. Wie zwei frisch Verliebte haben sich die beiden danach immer wieder aufeinander gestürzt und jede nur brauchbare Gelegenheit genutzt, um ihren geilen Hilferufen zu folgen. Wie zwei Blinde streichelten und liebkosten sie sich stundenlang bis weit in die Nacht hinein.

Nicht einmal der ein wenig unangenehme Duft aus der Scheide der Frau Schneider konnte Olaf K. davon abhalten, mit seiner Zunge minutenlang die sorgfältig aufgetragenen Wünsche seiner Lehrerin zu erfüllen. Noch heute kann sich Olaf K. gut daran erinnern, dass, als er das erste Mal in sie eindrang und langsam und kontrolliert zu stoßen begann, so wie sie es zuvor energisch von ihm verlangt hatte, sich eine vollkommen neue und unglaublich faszinierende Welt vor ihm auftat. Alles bisher Erlebte zählte nicht. Alles bis dahin Gesagte und Gehörte hatte einfach keine Bedeutung mehr. Ziemlich schnell begriff er, dass, wenn er nur lange genug mit seinem Zeigefinger um ihre Klitoris herum machte, die Frau Schneider wie eine Verrückte zu stöhnen und zu winseln begann, und zudem noch die Kontrolle verlor.

Nicht einmal ein derart sensationelles und brisantes Erlebnis konnte Olaf K. dazu bringen, seine Erfahrungen auf dem Schulhof oder auf dem Nachhauseweg umher zu posaunen; und dies, obwohl er schon damals ahnte, dass diese heiße Geschichte unter seinen Schulkameraden wohl der ganz große Hammer gewesen wäre Die hätten sich doch nur das Maul zerrissen, wenn sie es gewusst hätten. Begreiflicherweise kam es einige Wochen später, während einer Befragung durch die regionale Schulbehörde, zum Eklat. Schlussendlich gab die Englischlehrerin zu Protokoll:

„ … na ja, ich habe mich einfach in den Jungen verliebt und dann leider Gottes alle Vernunft außer Acht gelassen, … natürlich hätte ich mich niemals darauf einlassen sollen, … im Nachhinein ist man ja immer klüger, … auf jeden Fall habe ich meine Aufsichtspflicht kläglich vernachlässigt, … was unter den gegebenen Umständen gewiss unverzeihlich ist!“

Hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass die Frau Schneider nun schon seit vielen Jahren in der Schweiz, und zwar nicht weit von der Grenze zu Lichtenstein entfernt, an einer renommierten Privatschule als Pädagogin tätig ist; also weiterhin heranwachsende und leicht beeinflussbare Jugendliche durch den Schulunterricht führt.

Was damals seine Mutter und die Englischlehrerin gewiss nicht ahnen konnten, war, dass Olaf K. seit seiner Kindheit alle und jeden belog und betrog, denn hinter seiner naiven und freundlich gutmütigen Gesichtsmaske verbarg sich eine schier unendlich kriminelle Energie. Schon in den Schuljahren verursachte er durch kleinere Diebstähle und intrigierende Manipulationen unangenehme und nicht zu unterschätzende Folgeschäden.

Als ob es in seinen Genen eingraviert stand, bewegte sich der Junge, wie ein hungriger Fuchs im Hühnerstall, regelmäßig von einer miesen und verdorbenen Tour zur nächsten. Nicht ohne triftige Gründe fragte sein Vater eines Tages:

„… sag mal Olaf, … hast du die 10 DM aus dem Portemonnaie von der Oma genommen?“

Woraufhin Olaf K., gerade einmal 8 Jahre alt, sofort entrüstet antwortete, und zwar mit einem besonders unschuldigen Blick im Gesicht, dass er die 10 DM nie und nimmer entwendet und dass er nicht den blassesten Schimmer hätte, auf welche Weise das Verschwinden des Geldscheines überhaupt zu erklären sei.

Wie nach dem letzten Krieg „wir haben es nicht gewusst“, hatte er gekonnt seinen Vater angelächelt und die große Unschuld vom Lande gespielt. Mit allen Wassern gewaschen und ohne jede Scham oder Skrupel versuchte er auf diese Art immer wieder sein Umfeld geschickt zu umgehen und letztendlich auszutricksen. Beispielsweise hatte er während des Unterrichts des öfters unter dem Vorwand eines dringenden Toilettenbesuchs das Klassenzimmer verlassen, nur um im Flur ungestört die dort an den Haken befindlichen Mäntel und Jacken seiner Schulkameraden nach Geldstücken oder brauchbaren Gegenständen zu durchsuchen.

Nicht ein Tag verging ohne das es ansatzweise zu diebischen Handlungen kam. Das Lügen und Betrügen war mittlerweile zu einer suchtartigen und Adrenalinhaltigen Gewohnheit geworden. Nichts konnte ihn im Alltag zurückschrecken oder davon abhalten. Unter Anderem hatte er eines schönen Tages den türkischen Nachbarsjungen Tarik die von ihm zuvor ausgeklügelte Anweisung gegeben:

„ … also, du wirfst vor dem Haus einen Stein durch die Windschutzscheibe des dort geparkten bordeauxroten Mercedes, läufst aber danach sofort weg, … während ich gleichzeitig, wenn dann der

Alarm im Auto losgeht, hinten im Garten das nagelneue weißgelbe Rennrad aus der Garage klaue. Alles klar, Kumpel?“

Anschließend fuhren beide bis in die Haarspitzen erheitert mit der Beute zu einem kroatischen Hehler, der ihnen natürlich für das gestohlene Fahrrad nur ganze 7,5 % des üblichen Kaufpreises bot. So ist das eben im Alltag eines Diebes.

Währenddessen vergingen wiederum einige Jahre und nachdem Olaf K. und einer seiner dubiosen Bekanntschaften wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung von der Schule verwiesen wurden, meinte er dennoch vorwurfsvoll zu seinem Vater, einem Berufsoffizier aus dem Mittelkader der Bundeswehr:

„ … Mensch, die blöde Kuh hat doch den Schnaps getrunken, wie Limonade, … tja, kein Wunder, … danach konnte man die ficken, wie in einem geilen Pornofilm, … Papa, dann ist die doch selber schuld, oder etwa nicht, … wieso regen sich die Leute von der Schulbehörde eigentlich so auf, … diese Idioten!“

Mittels der gutgemeinten Unterstützung eines entfernten Verwandten seiner Mutter fuhr Olaf K. in den darauffolgenden 3½ Jahren als Leichtmatrose auf einem Binnentanker den Rhein auf und ab. Unzählige Male hat der riesige Stahlkoloss den

Rotterdamer Hafen angesteuert, um anschließend schleunigst wieder in Richtung Basel zu verschwinden. Aber auch hier kam es unter seiner Regie, wie hätte es auch anders sein können, zu Unterschlagungen von Diesel oder Benzineinheiten und zu Zigaretten- oder gar letztendlich Drogenschmuggel.

Kein Wunder, dass ihn eines Tages die Staatsanwaltschaft und die Steuerfahndung aufsuchten. Noch nicht einmal 20 Jahre alt musste er seine erste Haftstrafe antreten und sich gleichzeitig vom größten Teil des illegal erworbenen und sicher nicht zu verachtenden Guthabens trennen.

Danach verbrachte er 14 Monate in einer Strafvollzugsanstalt, ohne das es zu nennenswerten Zwischenfällen kam; denn auch hier, in der Welt der Häftlinge und Vollzugsbeamten, zwischen dominanten Regeln und schweigenden Gesetzen, wurde emsig und pausenlos geschachert oder gerafft, ähnlich wie im Bundesstag durch die von der Bevölkerung gewählten Politiker.

Auch hier versuchte man sich unter allen Umständen kleinere Vorteile zu verschaffen. Alles hatte halt seinen Preis und nichts, aber auch rein gar nichts wurde einem geschenkt. Dennoch sollte sich Olaf K. mühelos in den schmierigen und gewaltbereiten Alltag des Gefängnisses assimilieren; schließlich haben ja dort sowieso alle Dreck am Stecken.

Und wenn es einmal brenzlig wurde, konnte er sich ausnahmslos auf seine inzwischen längst angeknüpften Kontakte in allen möglichen Richtungen verlassen. Im Übrigen entwickelte sich das Ganze in einer solchen Art und Weise, dass Olaf K. sich lieber erst einmal zusammenschlagen ließ, als dass er sich irgendwelchen miesen Randfiguren unterordnete.

Während seiner Haftzeit gebar seine Freundin, eine kleine schmächtige, blondgefärbte und mit zahlreichen Tätowierungen und einem Pearcing an der einen Brustwarze versehenen Blumenverkäuferin, das erste Kind, eine Tochter, die die beiden in der nahen Zukunft immerhin gemeinsam aufziehen wollten. Später wurde zusätzlich ein Sohn in diese Welt hinausgeschleudert; als ob es nicht schon genug Probleme gäbe.

Drei Tage vor seinem 25. Geburtstag mietete Olaf K. während der Sommerferien für seine Freundin und die Kinder in einem kleineren Jachthafen in der Nähe von Travemünde ein Segelboot von einer Länge von 7,50 Meter und versehen mit Küche und vier Schlafplätzen in der Kajüte. Daraufhin war Olaf

K. kreuz und quer die deutschen Kanäle hinunter geschippert, um in einem nordholländischen Jachthafen am „Ijsselmeer“ schlussendlich elegant unterzutauchen.

Wochen zuvor hatte er noch vorsichtshalber auf einer lokalen deutschen Polizeiwache den Diebstahl seiner Geldbörse und seinem darin befindlichen Personalausweis angegeben, was natürlich nicht direkt der Wahrheit entsprach. Nachdem er die sogenannte Beute, vermutlich unauffindbar, in Sicherheit gebracht, also das Boot nach der vereinbarten Mietzeit nicht zurück in den Heimathafen abgeliefert hatte, berichtete er einem Polizeibeamten, welcher Wochen darauf auf einmal an seiner Haustür klingelte, um sich offensichtlich ein Bild von der Sachlage zu machen, dass er leider keine Ahnung hätte, wo sich jetzt die gesuchte Jacht befinde und dass er persönlich davon überzeugt sei, das der mutmaßliche Dieb seiner Geldbörse garantiert auch der verantwortliche Gesuchte sein dürfte.

Nach seiner Meinung nämlich hatte der Betrüger mit seinem gestohlenen Personalausweis das verschwundene Segelboot angemietet und sich dann logischerweise still und heimlich auf Nimmerwiedersehen in Luft aufgelöst. Auf jeden Fall fuhren Olaf K., seine Freundin und die beiden Kinder in den folgenden Jahren unzählige Male in die Nähe von Urk, (Niederlande), um sich auf ihrem sozusagen konfiszierten Eigentum jeweils köstlich zu amüsieren.

Jedes Mal raste die Familie die Autobahn in Richtung Köln hinauf, um dann bei Venlo ins Nachbarland einzutauchen. Keine Frage, ein Luxus, den sich ein Normalbürger so ohne weiteres nicht leisten kann. Außerdem befand sich auf dem Gelände des nordholländischen Jachthafens eine eigens für Kinder reservierte Spielanlage mit Schwimmbecken und ähnlichem, was im Nachhinein vor allem für die Kleinen wie ein Magnet wirken sollte.

Unterdessen läuft der sogenannte digital orientierte Konsument, zumindest derjenige aus den kauffreudigen Gesellschaftsschichten, wie ein störendes Abfallprodukt, nämlich vergiftet und vergammelt bis in die letzten Haarspitzen, auf unserem Planeten hinauf und hinunter und zieht dort, wie ein reißender Fluss, alles und jeden mit sich fort in eine angsteinjagende Zukunft.

In die mittlerweile für dessen Pläne entwickelte populistische, polemische und werbeaktive Kommunikationskultur strebt der gewiss verrottete Steuerzahler, und wir sind ja nun alle Steuerzahler, gierig und unbeeindruckt ein nächstes wünschenswertes Ferienziel an und vergisst derweil alle Nöte und Sorgen.

Wenn man bedenkt, das seit 2012 bis zum heutigen Tag in Afrika etwa 100.000 Elefanten wegen der kostbaren Stoßzähne erlegt worden sind und das seit mehr als 40 Jahren die international anerkannten Natur- und Tierschutzorganisationen professionell und mediengerecht mitteilen lassen:

„… wir müssen die Elefanten unbedingt vor dem Aussterben bewahren!“, dann lässt sich im Grunde ziemlich simpel ausmachen, dass die westlichen Staatengemeinschaften das kolossale Tier, wie auch immer, dem Schicksal überlässt.

Anscheinend kräht kein Hahn mehr, wenn schon wieder ein markantes Säugetier vor dem Aussterben steht. Voraussichtlich wird eines Tages jede Hilfe zu spät sein. Die Verantwortlichen werden rein gar nichts unternehmen; die werden nur mit den Achseln zucken und die Sachlage wie Eh und Je verschleiern.

Inzwischen ist es so, das der Getränkegroßkonzern Coca-Cola und der WWF, eine international anerkannte Umweltstiftung, aus werbetaktischen Gründen vereinbart haben, im hohen Norden den Lebensraum des Eisbären gemeinsam vor dem erwarteten Kollaps schützen zu wollen, was auch immer das bedeuten mag. Den Managern in ihren luxuriösen Büros, die sich diesen geschickten Werbeschachzug ausgedacht haben, muss man wirklich ein Denkmal setzen; nach diesen Leuten sollte eine Straße in Berlin, Hamburg oder auch München benannt werden.

Und angesichts der Tatsache, dass die gigantischen Spenden aus der Öffentlichkeit, ob diese nun für Krieg, Katastrophen oder Hungersnotgebiete bestimmt sind, weiterhin wie eine taufrische Quelle sprudeln, muss man sich die Frage gefallen lassen, was das Ganze eigentlich noch soll; denn immerhin haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte die Anzahl der Hilfsbedürftigen und der Notleidenden um einiges vervielfacht.

Bedauerlicherweise schaut sich der Mitbewohner unserer Gesellschaft viel lieber die verheerenden Folgen eines Auffahrunfalles auf der Autobahn an, als sich beispielsweise mit dem traurigen Schicksal der Gorillas im Kongo zu beschäftigen. Warum sollte sich der Einzelne überhaupt noch mit dieser Problematik auseinandersetzen müssen, wenn sowieso kaum noch ein Interesse besteht. Hinzu kommt, das die meisten Staaten hoffnungslos überschuldet, wenn nicht gar bankrott sind. Während von den Chefetagen der Konzerne, auf den bunt strahlenden und glitzernden Bildschirmen der stereotypischen Medien oder aus den Köpfen der Politiker schon lange nichts Vernünftiges mehr kommt, außer dass sich diese allglatten Figuren ständig krampfhaft darum bemühen ihr bevorzugtes Schäfchen möglichst vertraulich und abgesichert ins Trockne zu bringen, reagiert die breite Bevölkerung vor allem irritiert, apathisch und ausgelaugt dagegen.

Schließlich sind in der Neuzeit nie zuvor derart schlechte gemeinschaftliche Vorhersagen prophezeit worden, als in der Gegenwart. Auf alle Fälle wird es in einigen Jahren in Afrika auf dem Kilimandscharo, und das mit Gewissheit, den sogenannten ewigen Schnee nicht mehr geben. Soweit das Auge reicht, nur hässliche Botschaften und Nachrichten.

Kurz nach dem Millennium fingen für Olaf K. die wirklichen Probleme erst richtig an. Natürlich lief auch in den Jahren davor das eine oder andere Missgeschick; vor allem in der Endphase. Im Laufe ihrer Beziehung hatten er und seine Freundin die auftretenden menschlichen oder finanziellen Störungen mit einem jeweils üblen Beigeschmack hinnehmen müssen.

Trotzdem hatten die beiden bis dahin jede noch so böse Überraschung überlebt. Irgendwie hat es noch immer zu einem akzeptablen Ausweg gereicht. Doch wegen ihrer katastrophalen Alkoholsucht ging dann auf einmal das Licht aus. Nach Jahren von Spannungen und Enttäuschungen sehnten sich plötzlich alle Beteiligten nach einem möglichst erlösenden Abschluss.

In der Zwischenzeit hatte seine Freundin den Kampf gegen die Sucht aufgegeben und sich mit Haar und Haut dem Trinken verschworen. Nach und nach ließ sie sich in eine äußerst bedenkliche Welt hineinziehen, und hatte somit jede menschliche Grenze überschritten. Seit dem der Fusel und die ordinären Begleiterscheinungen sie fest im Griff hielten, gab es für niemanden in ihrer Nähe ein Entrinnen.

Jahrelang versuchten verschiedene Familienangehörige alles Erdenkliche, um den Karren noch aus dem Dreck zu ziehen. Als aber Olaf K. zu einem gewissen Zeitpunkt vier Tage lang keinerlei Lebenszeichen vernahm und schließlich durch einen Bekannten erfahren musste, dass sie sich in einer bestimmten Wohnung der Innenstadt durch verschiedene ihm unbekannte Männer vögeln ließ, war wohl jede Hoffnung dahin.

Offenbar ließ sie sich im Suff durch jeden ficken. Alles in allem hatte die Beziehung mit der Mutter seiner beiden Kinder 10 Jahre gedauert. Neulich noch meinte Olaf K. in Anwesenheit seines Vaters und dessen momentaner Lebensgefährtin ziemlich erbost:

„… Papa, … ich habe jetzt endlich die Nase voll, …mir reicht’s!“ Und da Olaf K. im Einwohnermeldeamt, gesetzlich gesehen, nicht als der leibliche Vater eingetragen stand und er unter den gegebenen Umständen ernsthaft damit rechnen musste, dass man seine Kinder unter die Aufsicht irgendeiner zugeordneten Behörde stellte, musste er sich gezwungenermaßen etwas Besonderes ausdenken; denn ansonsten würde das bis dahin geführte Familienleben auseinanderbrechen, wie ein verrotteter Apfel.