Beschreibung

Zauberhaft, geheimnisvoll und mit einer berührenden Botschaft, das ist der wunderbare Roman der jungen irischen Weltbestsellerautorin. Denn manchmal muss man jemand ganz Besonderem begegnen, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Lou Suffern ist ein »BWM«, ein Beschäftigter Wichtiger Mann. So wichtig und beschäftigt, dass er den 70. Geburtstag seines Vaters vergisst, seine Frau leichthin betrügt und seinem kleinen Sohn noch nicht ein einziges Mal die Windeln gewechselt hat. Eines Tages verwickelt ihn ein Obdachloser namens Gabriel in ein Gespräch. Lou fühlt sich dem Unbekannten seltsam verbunden und verschafft ihm kurzerhand einen Job – was nun wirklich nicht seine Art ist. Doch auch Gabriel hat ein Geschenk für Lou: ein rätselhaftes Mittel, durch das Lou ein anderer wird.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422


Cecelia Ahern

Zeit deines Lebens

Roman

Roman

Aus dem Englischen von Christine Strüh

Fischer e-books

Rocco und Jay, ihr seid das größte Geschenk – alle beide, gleichzeitig.

1Jede Menge Geheimnisse

Wer früh am Weihnachtsmorgen an der Zuckerstangen-Fassade einer Vorstadtsiedlung entlangschlendert, kann wohl kaum umhin wahrzunehmen, wie sehr die Häuser mit ihrem Schmuck und Geglitzer den Päckchen ähneln, die hübsch eingepackt unter den Weihnachtsbäumen drinnen in den Wohnzimmern liegen: Hier wie dort verbergen sich Geheimnisse. So wie man versucht ist, am Geschenkpapier herumzuzupfen und die Päckchen zu schütteln, würde man am liebsten durch den Spalt zwischen den Vorhängen schauen und einen Blick auf die Familie beim Bescheren erhaschen – ein eingefangener Moment, der neugierigen Blicken sonst verborgen bleibt. In der sanften, geheimnisvollen Stille, die es nur an diesem einen Morgen im Jahr gibt, stehen die Häuser für die Augen der Welt draußen da wie bemalte Zinnsoldaten: Schulter an Schulter, mit geschwellter Brust und eingezogenem Bauch schützen sie stolz das, was sich darin befindet.

Häuser am Weihnachtsmorgen sind Schatztruhen versteckter Wahrheiten – ein Kranz an der Tür wie ein auf die Lippen gelegter Finger, heruntergelassene Jalousien wie geschlossene Augenlider. Irgendwann, zu einem nicht genauer definierbaren Zeitpunkt, dringt durch die Jalousien und zugezogenen Vorhänge ein warmer Glanz nach draußen, der Hauch einer Ahnung, dass drinnen etwas geschieht. Wie Sterne am dunklen Nachthimmel, die fürs bloße Auge einer nach dem anderen sichtbar werden, wie die winzigen Goldstückchen, die zum Vorschein kommen, wenn die Flusskiesel abgesiebt werden, so gehen auch im Halblicht der Morgendämmerung hinter den Jalousien und Vorhängen die Lichter an. Und wie der Himmel schließlich im vollen Glanz der Sterne erstrahlt, so beginnt die Straße zu erwachen, Zimmer für Zimmer, Haus für Haus.

Am Weihnachtsmorgen senkt sich eine Atmosphäre tiefer Stille über die Welt draußen. Doch die leeren Straßen machen keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie sind ein Inbild von Frieden und Sicherheit, und trotz der Kälte liegt gleichzeitig Wärme in der Luft. Aus vielerlei Gründen verbringen Familien diesen Tag des Jahres lieber im Haus, denn draußen ist es trüb, während sich drinnen eine Welt strahlender Farben entfaltet, in der mit solcher Inbrunst das Geschenkpapier aufgerissen wird, dass die buntschillernden Bänder, die zuvor alles zusammengehalten haben, wie im Rausch zu Boden schweben. Weihnachtsmusik und festliche Düfte erfüllen die Luft, Zimt, Gewürze und alle möglichen anderen Wohlgerüche. Überall kommt es zu spontanen Ausbrüchen von Freude, Zuneigung und Dankbarkeit, bunt und unberechenbar wie losgelassene Papierschlangen. Die Weihnachtstage sind Drinnen-Tage, keine Menschenseele treibt sich freiwillig draußen herum, alle scheinen ein Dach über dem Kopf zu haben.

Nur die Leute, die von einem Haus in ein anderes unterwegs sind, bevölkern spärlich die Straßen. Autos fahren vor und werden ausgeladen. Aus weitgeöffneten Haustüren dringen Begrüßungsworte in die Kälte hinaus, kurze Kostproben von dem, was drinnen vor sich geht. Und während man noch dabei ist, alles in sich aufzunehmen, und sich mit dem Gefühl, man wäre hier ebenfalls eingeladen, bereitmacht, als fremder, aber dennoch gerngesehener Gast über die Schwelle zu treten, da schließt sich plötzlich die Haustür und versperrt den Zutritt zum Rest des festlichen Tages – wie eine eindringliche Erinnerung daran, dass nur die Eingeweihten dort drinnen diesen Augenblick für sich in Anspruch nehmen dürfen.

In genau dieser Gegend mit ihren Spielzeughäuschen wandert eine einzige Seele einsam durch die Straßen. Diese Seele sieht die Schönheit der geheimnisvollen Häuserwelt nicht, nein, diese Seele hat es auf eine Auseinandersetzung abgesehen, sie möchte die Schleife lösen und das bunte Papier wegreißen, sie möchte allen zeigen, was sich hinter der Tür mit der Nummer vierundzwanzig verbirgt.

Für uns hat es keinerlei Bedeutung, womit die Bewohner des Hauses mit der Nummer vierundzwanzig beschäftigt sind, aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt: In diesem Augenblick greift ein zehnmonatiges Baby, etwas verwirrt von dem grünen, blinkenden, großen Gegenstand in der Zimmerecke, der furchtbar piekst, wenn man ihn anfasst, zögernd nach der glänzenden roten Kugel, in der sich seltsam verzerrt eine vertraute Patschhand und ein zahnloser Mund spiegeln. Derweil rollt eine Zweijährige wohlig im überall herumliegenden Geschenkpapier herum, badet im Geglitzer wie ein Nilpferd im Schlamm. Neben ihnen jedoch legt er eine Kette aus glitzernden Diamanten um ihren Hals. Ihr bleibt fast die Luft weg, sie presst die Hand auf die Brust und schüttelt ungläubig den Kopf, wie man es manchmal bei Frauen in alten Schwarzweißfilmen sieht.

Nichts von alldem ist wichtig für unsere Geschichte, aber für den Menschen, der im Vorgarten des Hauses mit der Nummer vierundzwanzig steht und auf die zugezogenen Wohnzimmervorhänge starrt, bedeutet es eine Menge. Er ist vierzehn Jahre alt, und ein Dolch steckt tief in seinem Herzen. Was dort drinnen vor sich geht, kann er nicht sehen, aber seine Phantasie ist übersättigt von den Tränen, die seine Mutter tagsüber weint. Deshalb kann er es erraten.

Er hebt die Arme über den Kopf, holt kräftig aus und schleudert das Objekt, das er in den Händen hält, in Richtung der zugezogenen Vorhänge. Dann schaut er mit bitterer Freude zu, wie der fünfzehn Pfund schwere gefrorene Truthahn durch das Fenster von Nummer vierundzwanzig kracht. Die zugezogenen Vorhänge funktionieren einmal mehr als Barriere zwischen ihm und denen dort drinnen, bremsen den Flug des Vogels durch die Luft, doch sie können ihn nicht mehr aufhalten, und er landet, leblos, aber rasant – samt Innereien – auf dem Holzfußboden, schlittert und kreiselt ein paar Mal und kommt schließlich direkt unter dem Weihnachtsbaum zur Ruhe. Das Geschenk des Jungen draußen für diese Menschen da drinnen.

Auch Menschen haben ihre Geheimnisse, ebenso wie Häuser. Manchmal leben die Geheimnisse in den Menschen, manchmal leben die Menschen in ihren Geheimnissen. Die Arme eng um ihre Geheimnisse geschlungen, verbiegen sich die Menschen ihre Zungen an der Wahrheit. Aber die Zeit vergeht, und irgendwann gewinnt die Wahrheit doch die Oberhand. Sie dreht und windet sich, sie wächst so lange an, bis die geschwollene Zunge sie nicht mehr einwickeln kann und endlich die Worte ausspucken muss. Dann fliegt auch die Wahrheit durch die Luft und landet krachend in der Welt. Wahrheit und Zeit arbeiten immer zusammen.

In dieser Geschichte geht es um Menschen, um Geheimnisse und um Zeit. Es geht um Menschen, die, ganz ähnlich wie hübsch eingepackte Geschenke, ihre Geheimnisse verbergen, um Menschen, die sich eine Schutzschicht nach der anderen zulegen, damit niemand sie sehen kann. Bis so ein Mensch irgendwann der richtigen Person begegnet, der Person, die das sieht, was sich unter all den Schichten verbirgt. Manchmal muss man sich jemandem schenken, um zu erfahren, wer man ist. Und manchmal muss man etwas Stück für Stück auspacken, um zum Kern vorzudringen.

Diese Geschichte handelt von einem Menschen, der herausfindet, wer er ist. Von einem Menschen, der Schicht für Schicht von seiner Schutzhülle befreit wird, bis das Wesentliche sich zeigt – sichtbar für alle, die wichtig sind. Und alle, die wichtig sind, werden auch für diesen Menschen sichtbar. Gerade noch rechtzeitig.

2Ein Morgen voller Halblächeln

Mit bedächtigen, systematischen Bewegungen werkelte Sergeant Raphael O’Reilly in der engen Belegschaftsküche der Polizeiwache von Howth herum, in Gedanken noch ganz bei den Ereignissen dieses Morgens. Mit seinen neunundfünfzig Jahren hatte Raphie, wie er überall genannt wurde, noch ein Jahr bis zur Pensionierung vor sich, und vor dem heutigen Tag hatte er sich nicht vorstellen können, dass er sich irgendwann einmal darauf freuen würde. Aber das, was heute früh passiert war, hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert, hatte seine Welt auf den Kopf gestellt, und von alldem, woran er bisher fest geglaubt hatte, war nur noch ein kläglicher Scherbenhaufen übrig. Bei jedem Schritt meinte er die Reste seiner einst so unerschütterlichen Überzeugungen unter seinen Stiefeln knirschen zu hören. So einen Morgen hatte er in den ganzen einundvierzig Jahren, die er jetzt schon hier arbeitete, noch nie erlebt – und das wollte etwas heißen.

Er schaufelte zwei Löffel löslichen Kaffee in seinen Becher, der aussah wie ein NYPD-Streifenwagen und den einer seiner Kollegen ihm zu Weihnachten aus New York mitgebracht hatte. Obwohl Raphie immer so tat, als fände er ihn scheußlich, freute er sich insgeheim sehr darüber. Als er ihn ausgepackt hatte, hatte er sich plötzlich um mehr als fünfzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt, zu dem Weihnachten, als er von seinen Eltern einen Spielzeug-Polizeiwagen bekommen hatte. Er hatte dieses Auto über alles geliebt – bis er es eines Abends nach dem Spielen draußen vergessen und im Regen hatte stehen lassen. Nach dieser Nacht im Freien war der schöne Streifenwagen so verrostet gewesen, dass der kleine Raphie seine ganze Polizeitruppe vorzeitig in Ruhestand schicken musste.

Als er jetzt seinen Becher in der Hand hielt, spürte er plötzlich den Impuls, ihn mit lautem Sirenengeheul über den Tisch sausen zu lassen und so heftig in die Zuckertüte zu rammen, dass sie – vorausgesetzt, keiner schaute zu – umkippte und ihren Inhalt über das Becherauto ergoss.

Im letzten Moment entschied er sich dagegen, blickte vorsichtig über die Schulter, ob er allein war, und gab dann hastig einen halben Teelöffel Zucker in seinen Becher. Von seinem Erfolg ermutigt, räusperte er sich laut, um das Knistern der Tüte zu übertönen, fuhr dann mit dem Löffel abermals und diesmal richtig tief in das süße Zeug und schaufelte eine gehäufte Ladung in seinen Becher. Nachdem er nun schon mit zwei Löffeln davongekommen war, wurde er tollkühn und griff gleich noch einmal zu.

»Runter mit der Waffe, Sir!«, erklang von der Tür her eine gebieterische Frauenstimme.

Raphie fuhr so heftig zusammen, dass der Zucker vom Löffel und quer über die Anrichte spritzte. Und es gab nun doch einen Auffahrunfall, denn der Becher knallte gegen die Zuckertüte. Höchste Zeit, Verstärkung anzufordern.

»Hab ich dich doch tatsächlich in flagranti erwischt, Raphie!« Seine Kollegin Jessica trat neben ihn an die Anrichte und nahm ihm mit einer raschen Bewegung den Löffel aus der Hand.

Dann holte sie sich auch einen Becher aus dem Schrank – ihrer war in Form von Jessica Rabbit und ebenfalls ein Weihnachtsgeschenk gewesen – und schob ihn über die Anrichte zu Raphie. Der üppige Busen der Porzellan-Jessica berührte das Becherauto, und Raphie erwischte den kleinen Jungen in sich bei dem Gedanken, dass die Männer im Streifenwagen sich bestimmt darüber freuten.

»Für mich auch einen«, unterbrach Jessica jäh seine Jessica-Rabbit-Fummel-Phantasien.

»Bitte«, korrigierte Raphie seine Kollegin.

»Bitte«, äffte sie ihn nach und verdrehte dabei die Augen.

Jessica war noch ziemlich neu im Polizeidienst, sie arbeitete erst seit sechs Monaten auf dem Revier, aber Raphie hatte sie in dieser Zeit richtig liebgewonnen. Er hatte ein Faible für die sechsundzwanzigjährige, eins vierundsechzig große, athletisch gebaute blonde Frau, die sich bereitwillig und kompetent jeder Aufgabe stellte, ganz egal, was es sein mochte. Außerdem fand er, dass das ansonsten rein männliche Team in der Station dringend ein bisschen weibliche Energie brauchte. Viele der Männer waren derselben Meinung, wenn auch nicht unbedingt aus den gleichen Gründen wie Raphie. Er sah in ihr die Tochter, die er nie gehabt hatte. Genauer gesagt, die er gehabt, aber verloren hatte. Doch jetzt schüttelte er diesen Gedanken ab und beobachtete Jessica, die den verschütteten Zucker von der Arbeitsplatte wischte.

Trotz ihrer Energie hatten ihre Augen – mandelförmig und von einem so dunklen Braun, dass man sie fast schwarz nennen konnte – eine unergründliche Tiefe, in der sich irgendetwas zu verbergen schien. Als wäre gerade eine Schicht frische Erde darübergeschüttet worden, und bald würde sich das Unkraut wieder zeigen – oder was immer sich hier versteckte oder vor sich hin gärte. In ihren Augen war ein Geheimnis, dem Raphie nicht wirklich auf den Grund gehen wollte, aber er wusste, dass es dieses Geheimnis war – was immer es auch sein mochte –, das sie in den Momenten, in denen die meisten vernünftigen Leute schnell davongelaufen wären, hartnäckig vorwärtstrieb.

»Ein halber Löffel wird mich wohl kaum umbringen«, meinte er mürrisch, nachdem er den Kaffee probiert und festgestellt hatte, dass drei Löffel perfekt gewesen wären.

»Wenn es dich letzte Woche fast umgebracht hätte, den Porsche ranzuwinken, dann schafft es ein halber Löffel Zucker ganz bestimmt. Legst du es eigentlich darauf an, eine Herzattacke zu kriegen?«

Raphie wurde rot. »Es war ein Herzgeräusch, Jessica, mehr nicht, und bitte schrei nicht so«, zischte er.

»Du solltest dich mehr ausruhen«, sagte sie, tatsächlich etwas leiser.

»Der Arzt hat gesagt, es ist alles ganz normal bei mir.«

»Dann sollte der Arzt dringend mal seinen Kopf untersuchen lassen. Bei dir war noch nie alles ganz normal.«

»Du kennst mich doch erst seit sechs Monaten«, brummte er und reichte ihr den Jessica-Becher.

»Die längsten sechs Monate meines Lebens«, spottete sie. »Na gut, dann nimm noch was von dem braunen Zucker«, sagte sie mit schlechtem Gewissen, schaufelte einen gehäuften Löffel aus der Tüte und versenkte ihn in seinem Becher.

»Braunes Brot, brauner Reis, braunes dies, braunes jenes. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, da war mein Leben bunt.«

»Ich wette, du erinnerst dich auch an eine Zeit, als du deine Füße sehen konntest, wenn du an dir runtergeschaut hast«, konterte sie, ohne eine Sekunde nachzudenken.

Damit der Zucker sich vollständig auflöste, musste sie so heftig rühren, dass die Flüssigkeit im Zentrum des Bechers einen Wirbel bildete. Sieht aus wie ein Eingang in eine andere Welt, dachte Raphie und überlegte, wohin diese Pforte wohl führte und was man erleben würde, wenn man sich in den Becher stürzte.

»Wenn du davon stirbst, gib mir nicht die Schuld daran«, sagte sie und schob ihm den Becher zu.

»Wenn ich sterbe, werde ich dich heimsuchen bis an dein Lebensende.«

Sie lächelte, aber das Lächeln erreichte ihre Augen nicht, sondern erstarb irgendwo zwischen Lippen und Nasenrücken.

Raphie beobachtete, wie sich die Pforte in seinem Becher langsam wieder schloss und seine Chance, in eine andere Welt zu fliehen, ebenso rasch verschwand wie der Dampf, der von dem heißen Getränk aufstieg und sich umgehend in Luft auflöste. Ja, es war ein schlimmer Morgen gewesen. Kein Morgen, der zum Lächeln animierte. Vielleicht zu einem Halblächeln. Er konnte es nicht sagen.

Raphie gab Jessica ihren Kaffee – schwarz, ohne Zucker, wie sie ihn mochte –, und dann lehnten beide, einander gegenüber, an der Anrichte und bliesen auf ihren Kaffee, die Füße sicher geerdet auf dem Boden, in Gedanken aber irgendwo weit weg.

Er studierte Jessica, wie sie, die Hände um den Becher gelegt, in ihren Kaffee starrte, als wäre er eine Kristallkugel. Wie sehr er sich das wünschte, wie sehr er sich wünschte, sie würde die Gabe des Hellsehens besitzen, denn dann könnten sie manche Dinge, deren Zeuge sie wurden, vielleicht verhindern. Jessicas Wangen waren blass, und ihre leicht geröteten Augen waren das Einzige, das noch verriet, was für einen Morgen sie hinter sich hatten.

»Das war ziemlich heftig heute früh, was?«

Die mandelförmigen Augen schimmerten, aber dann riss Jessica sich schnell wieder zusammen, und ihr Gesicht verhärtete sich. Statt einer Antwort nickte sie nur und trank einen Schluck Kaffee. An ihrer Grimasse konnte Raphie erkennen, dass das Gebräu offensichtlich zu heiß gewesen war, aber wie zum Trotz nippte sie gleich noch einmal. Sogar ihrem Kaffee zeigte sie, wer hier der Stärkere war.

»Als ich das erste Mal an Weihnachten Dienst hatte, habe ich die ganze Schicht über mit dem Sergeant Schach gespielt.«

Endlich sagte sie etwas. »Du Glückspilz.«

»Ja«, nickte er und verharrte einen Moment in der Erinnerung. »Damals habe ich das allerdings nicht so gesehen. Es sollte immer möglichst viel los sein.«

Vierzig Jahre später hatte er bekommen, was er wollte, und jetzt hätte er die Annahme gern verweigert. Das Paket umgetauscht. Seine Zeit ersetzt bekommen.

»Hast du gewonnen?«

Mit einem Ruck erwachte er aus seiner Trance. »Was hab ich gewonnen?«

»Beim Schach.«

»Nein«, lachte er. »Ich hab den Sergeant gewinnen lassen.«

Jessica rümpfte die Nase. »Ich würde dich nie gewinnen lassen.«

»Daran zweifle ich keine Sekunde.«

Da der heiße Kaffee inzwischen trinkbar sein musste, nahm Raphie einen Schluck, griff sich dann aber an den Hals, hustete und würgte theatralisch, als würde er abkratzen – obwohl ihm gleich darauf klarwurde, dass sein Versuch, so die Stimmung aufzuheitern, geschmacklos war.

Jessica zog denn auch nur eine Augenbraue hoch, würdigte seine Faxen keines Kommentars und nippte weiter an ihrem Becher.

Er lachte trotzdem. Danach trat wieder Stille ein.

»Du wirst es überstehen«, sagte er schließlich. Es sollte nett und beruhigend klingen.

Aber sie nickte und antwortete barsch, als wüsste sie das längst: »Japp. Hast du Mary angerufen?«

»Hab ich, sofort. Sie ist bei ihrer Schwester.« Eine den Feiertagen angemessene Lüge, eine freundliche Weihnachtsausrede. »Und du? Hast du auch jemanden angerufen?«

Erneut ein Nicken, doch sie wandte den Blick ab, fügte nichts hinzu, ging nicht in die Details. Das tat sie nie. »Hast du äh … hast du ihr davon erzählt?«, fragte sie stattdessen.

»Nein. Nein.«

»Wirst du ihr davon erzählen?«

Wieder schweifte sein Blick in die Ferne. »Ich weiß noch nicht. Hast du vor, es jemandem zu erzählen?«

Sie zuckte die Achseln, und ihr Gesicht war so unergründlich wie immer. Dann deutete sie mit einer Kopfbewegung den Korridor hinunter in Richtung Verhörraum. »Der Truthahnjunge wartet immer noch da drin.«

Raphie seufzte. »Was für eine Verschwendung.« Ob er damit ein bestimmtes Leben oder seine eigene Zeit meinte, ließ er offen. »Ihm würde die Geschichte garantiert guttun.«

Jessica hielt inne, bevor sie den nächsten Schluck trank, und fixierte ihn mit ihren fast schwarzen Augen über den Rand ihres Bechers hinweg. Ihre Stimme war so fest wie der Glaube in einem Nonnenkloster, so unerschütterlich und zweifelsfrei, dass er nicht nachfragen musste, ob sie sich wirklich sicher war.

»Erzähl sie ihm«, sagte sie bestimmt. »Selbst wenn wir in unserem ganzen Leben mit keinem anderen Menschen darüber reden, ihm sollten wir sie erzählen.«

3Der Truthahnjunge

Raphie betrat den Verhörraum wie sein Wohnzimmer – als würde er sich gleich auf die Couch sinken lassen und zum Feierabend die Füße hochlegen. In seinem Auftreten lag nichts auch nur ansatzweise Bedrohliches. Er war zwar mit seinen knapp eins neunzig ziemlich groß, aber er füllte den Platz nicht aus, den sein Körper einnahm. Wie üblich hielt er den Kopf nachdenklich gesenkt, und seine Augenbrauen rutschten, der Schwerkraft gehorchend, fast über die Augen. Sein Rücken war leicht gebeugt, als trüge er dort zum Schutz einen kleinen Panzer, und der Panzer am Bauch war noch deutlich dicker. In der einen Hand hielt er einen Pappbecher, in der anderen seine halbvolle NYPD-Tasse.

Der Truthahnjunge glotzte auf Raphies Keramikstreifenwagen. »Wie uncool ist das denn?«

»Jemandem einen Truthahn durchs Fenster zu schmeißen ist auch nicht grade der Inbegriff der Coolness.«

Der Junge griente und begann am Kapuzenband seines Sweatshirts zu kauen.

»Warum hast du das gemacht?«

»Weil mein Dad ein Arschloch ist.«

»Ich hab mir schon fast gedacht, dass es kein Weihnachtsgeschenk für den Vater des Jahres war. Aber wie bist du auf die Idee mit dem Truthahn gekommen?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Meine Mum hat gesagt, ich soll den Truthahn aus dem Gefrierschrank holen«, bot er als Erklärung an.

»Wie ist er dann aus dem Gefrierschrank auf den Fußboden im Haus deines Vaters gekommen?«

»Den größten Teil des Wegs hab ich ihn getragen, den Rest ist er geflogen.« Wieder das Grienen.

»Wann wolltet ihr ihn denn essen?«

»Um drei.«

»Ich hab gemeint, an welchem Tag? Pro fünf Pfund Truthahn rechnet man mindestens vierundzwanzig Stunden Auftauzeit. Dein Truthahn wog fünfzehn Pfund. Wenn ihr ihn heute essen wolltet, hättet ihr ihn schon vor drei Tagen aus dem Gefrierschrank nehmen müssen.«

»Wie auch immer, Ratatouille.« Er musterte Raphie, als hielte er ihn für verrückt. »Wenn ich ihn noch mit Bananen gefüllt hätte, würde ich dann weniger Ärger kriegen?«

»Ich hab das nur erwähnt, weil er nicht hart genug gewesen wäre, wenn du ihn rechtzeitig aus dem Gefrierschrank genommen hättest. Für die Geschworenen hört sich das jetzt womöglich an, als hättest du die Sache gezielt geplant. Und nein, Bananen-Truthahn ist kein gutes Rezept, finde ich.«

»Ich hab es aber nicht geplant!«, kreischte der Junge und ließ sich zum ersten Mal anmerken, wie jung er in Wirklichkeit war.

Raphie trank seinen Kaffee und beobachtete den Truthahnwerfer.

Der schnupperte an dem Pappbecher und rümpfte verächtlich die Nase. »Ich trinke keinen Kaffee.«

»Okay.« Raphie nahm das Pappding vom Tisch und schüttete den Inhalt in seinen eigenen Becher. »Ist noch warm. Danke. Also, dann erzähl mir mal von heute früh. Was hast du dir dabei gedacht, Söhnchen?«

»Falls Sie nicht dieser andere fette Wichser sind, dem ich den Truthahn ins Fenster geschmissen habe, dann bin ich ganz sicher nicht Ihr Sohn. Und was soll das hier überhaupt sein, eine Therapiestunde? Oder ein Verhör? Steh ich vielleicht unter Anklage oder was?«

»Wir warten noch auf verbindliche Nachricht von deinem Vater, ob er Anzeige erstatten möchte oder nicht.«

»Wird er nicht.« Der Junge verdrehte die Augen. »Weil er es nämlich gar nicht kann. Ich bin noch nicht sechzehn. Wenn Sie mich jetzt gehen lassen, verschwenden Sie wenigstens nicht Ihre Zeit.«

»Von meiner Zeit hast du schon eine ganze Menge verschwendet.«

»Es ist Weihnachten, da bezweifle ich, dass es für Sie besonders viel zu tun gibt.« Er schaute auf Raphies Bauch. »Außer Donuts essen.«

»Du würdest dich wundern.«

»Zum Beispiel?«

»Irgendein Idiot hat heute Morgen einen Truthahn durch ein Fenster geworfen.«

Der Junge verdrehte wieder die Augen und sah zu der Uhr, die an der Wand tickte. »Wo sind meine Eltern?«

»Die wischen das Fett von ihrem Fußboden.«

»Das sind nicht meine Eltern«, stieß er hervor. »Jedenfalls ist sie nicht meine Mutter. Wenn die mich hier abholen will, geh ich nicht mit.«

»Oh, ich bezweifle stark, dass die beiden dich abholen und mit nach Hause nehmen«, meinte Raphie, griff in die Tasche und holte ein eingewickeltes Schokobonbon heraus. Langsam packte er es aus, und das Papier knisterte in dem stillen Raum. »Ist dir schon mal aufgefallen, dass die mit Erdbeergeschmack immer als Letzte in der Packung übrig bleiben?« Lächelnd steckte er sich das Bonbon in den Mund.

»Garantiert bleibt überhaupt nichts übrig, wenn Sie in der Nähe sind.«

»Dein Vater und seine Partnerin –«

»Die eine Nutte ist, nur damit Sie’s wissen«, fiel der Truthahnjunge Raphie ins Wort und beugte sich dicht zum Aufnahmegerät.

»Vielleicht kommen sie vorbei, um Anzeige zu erstatten.«

»Das würde Dad nie tun.«

»Er zieht es zumindest in Erwägung.«

»Nein, tut er nicht«, quengelte der Junge. »Und wenn doch, dann hat sie ihn dazu gebracht. Diese Schlampe.«

»Ich denke, es ist wahrscheinlicher, dass er es tut, weil es jetzt in sein Wohnzimmer schneit.«

»Schneit es draußen?« Jetzt sah er wieder aus wie ein Kind, mit großen, hoffnungsvollen Augen.

Raphie lutschte an seinem Bonbon. »Manche Leute beißen einfach rein in die Schokolade, aber ich lutsche sie lieber, am besten möglichst langsam.«

»Ach, lutschen Sie doch den«, knurrte der Truthahnjunge und packte sich zwischen die Beine.

»Mit diesem Anliegen solltest du dich vielleicht lieber an einen Freund wenden.«

»Ich bin aber nicht schwul«, schnaubte sein Gegenüber. Aber dann beugte er sich vor, und das Kind kehrte zurück. »Ach, kommen Sie, schneit es draußen echt? Lassen Sie mich raus, damit ich es mir ansehen kann, ja? Ich schau auch bloß aus dem Fenster.«

Raphie schluckte den Bonbonrest hinunter und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Dann sagte er mit ernster Stimme: »Das Baby hat was von den Glasscherben abgekriegt.«

»Und?«, knurrte der Junge, aber sein Gesicht war besorgt, und er begann, an einem Nagelhäutchen herumzuzupfen.

»Der Kleine war neben dem Weihnachtsbaum, direkt dort, wo der Truthahn gelandet ist. Zum Glück hat er sich nicht geschnitten. Der Kleine, nicht der Truthahn. Der Truthahn war ziemlich schwer verletzt. Wir glauben nicht, dass er durchkommt.«

Der Junge sah erleichtert und gleichzeitig verwirrt aus.

»Wann holt meine Mum mich ab?«

»Sie ist unterwegs.«

»Die Frau mit Riesendingern … « – er legte sich die gewölbten Hände vor die Brust – » … hat mir das schon vor zwei Stunden erzählt. Was ist eigentlich mit ihrem Gesicht passiert? Habt ihr zwei es zu wild getrieben?«

Raphie ärgerte sich darüber, wie der Junge über Jessica redete, aber er beherrschte sich und blieb ruhig. Der Knabe war es nicht wert. Lohnte es sich tatsächlich, ihm die Geschichte zu erzählen?

»Vielleicht fährt deine Mutter heute besonders langsam und vorsichtig. Die Straßen sind ziemlich glatt.«

Der Truthahnjunge sah nachdenklich und wieder ein bisschen ängstlich aus. Er knibbelte weiter nervös an seiner Nagelhaut.

»Der Truthahn war zu groß«, fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Mum hat die gleiche Größe gekauft wie sonst, als Dad noch zu Hause war. Sie dachte nämlich, er würde zurückkommen.«

»Deine Mutter hat gedacht, dein Vater würde zu euch zurückkommen?«, hakte Raphie nach, aber es war eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage.

Der Junge nickte. »Als ich den Truthahn dann aus dem Gefrierschrank genommen habe, bin ich plötzlich durchgedreht. Er war einfach viel zu groß.«

Wieder Schweigen.

»Ich hab nicht gedacht, dass das Ding die Scheibe einschlägt«, fügte er leiser hinzu und sah weg. »Wer rechnet denn damit, dass ein Truthahn ein Fenster zerdeppern kann?«

Er schaute Raphie so verzweifelt an, dass dieser, obwohl die Lage so ernst war, unwillkürlich grinsen musste. Der Junge hatte wirklich Pech gehabt.

»Ich wollte ihnen doch bloß einen Schreck einjagen. Ich wusste, dass sie alle da drin sind und glückliche Familie spielen.«

»Na ja, das tun sie jetzt jedenfalls bestimmt nicht mehr.«

Der Junge sagte nichts, schien sich aber nicht mehr so darüber zu freuen wie vorhin, als Raphie hereingekommen war.

»Ein Fünfzehn-Pfund-Truthahn ist ganz schön groß für drei Leute.«

»Tja, mein Dad ist aber auch echt ein fetter Arsch.«

Allmählich bekam Raphie das Gefühl, dass er doch seine Zeit verschwendete. Plötzlich hatte er die Nase voll von dem Knaben und stand auf, um zu gehen.

»Sonst ist Dads Familie immer zu uns zum Essen gekommen«, rief der Junge ihm nach, um zu verhindern, dass Raphie ihn alleine ließ. »Aber die hatten dieses Jahr auch was anderes vor. Und für uns zwei war der Truthahn einfach zu verdammt groß«, wiederholte er kopfschüttelnd. Sobald er aufhörte, den Großkotz zu geben, veränderte sich sein Ton. »Wann ist meine Mum hier?«

Raphie zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, wenn du deine Lektion gelernt hast.«

»Aber es ist Weihnachten.«

»An Weihnachten kann man genauso gut eine Lektion lernen wie an jedem anderen Tag auch.«

»Lektionen sind was für Kinder.«

Raphie lächelte.

»Was denn?«, fauchte der Junge.

»Ich hab heute auch eine gelernt.«

»Oh, stimmt. Lektionen sind nicht nur für Kinder, sondern auch für Deppen. Hab ich ganz vergessen.«

Raphie machte sich auf den Weg zur Tür.

»Was für eine Lektion haben Sie denn gelernt?«, erkundigte sich der Junge hastig, und Raphie entnahm seinem Ton, dass ihm wirklich viel daran lag, nicht allein sein zu müssen.

Also blieb er stehen und drehte sich um. Er sah traurig aus und fühlte sich auch so.

»War anscheinend eine ziemlich beschissene Lektion, was?«, vermutete der Junge sofort.

»Im Lauf deines Lebens wirst du merken, dass das für die meisten Lektionen gilt.«

Zusammengesunken saß der Truthahnjunge am Tisch. Die Kapuzenjacke war ihm von der Schulter gerutscht, zwischen den schulterlangen fettigen Haaren lugten kleine rosa Ohren hervor, die Wangen waren voller Pickel, doch die Augen blickten klar und blau. Im Grunde war er noch ein Kind.

Raphie seufzte. Bestimmt würde man ihn zwingen, vorzeitig in Rente zu gehen, wenn er jetzt diese Geschichte erzählte. Trotzdem zog er einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

»Nur damit das klar ist«, sagte er, »du wolltest, dass ich dir das erzähle.«

Der Anfang der Geschichte

4Der Schuhbeobachter

Lou Suffern musste immer zwei Dinge zur gleichen Zeit tun. Oder an zwei Orten gleichzeitig sein. Wenn er schlief, träumte er. Zwischen den Träumen ging er die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal durch, machte aber auch schon Pläne für den nächsten, was dazu führte, dass er, wenn um sechs Uhr morgens sein Wecker klingelte, nicht sonderlich gut ausgeruht war. Trotzdem probte er unter der Dusche seine Präsentationen und beantwortete gelegentlich sogar – eine Hand durch den Duschvorhang gestreckt – auf seinem BlackBerry die neuesten E-Mails. Beim Frühstück las er die Zeitung, und wenn seine fünfjährige Tochter ihm auf ihre kindlich-weitschweifige Art eine Geschichte erzählte, hörte er nebenher die Morgennachrichten. Sein dreizehn Monate alter Sohn lernte jeden Tag etwas Neues, und Lou nahm es zwar mit interessiertem Gesicht zur Kenntnis, aber sein Gehirn war währenddessen fieberhaft damit beschäftigt zu analysieren, warum er genau das Gegenteil empfand und sich tierisch langweilte. Wenn er sich mit einem Kuss von seiner Frau verabschiedete, dachte er dabei an eine andere.

Jede Handlung, jede Bewegung, jede Verabredung – alles, was er tat oder dachte, wurde von einer weiteren Tätigkeit oder einem anderen Gedanken überlagert. Die Fahrt zur Arbeit war mit Hilfe der Freisprechanlage gleichzeitig eine Telefonkonferenz. Aus einem Frühstück wurde Lunch, aus dem Lunch ein Aperitif. Der Aperitif ging seinerseits über in ein Abendessen, das Abendessen in einen Drink danach, der Drink in … nun ja, das hing davon ab, wie es für ihn lief. An Abenden, an denen ihm der Zufall gewogen war und er das in irgendeiner Wohnung oder einem Hotelzimmer auskostete, erzählte er denjenigen, die mit einem solchen Arrangement aus verständlichen Gründen weniger einverstanden gewesen wären – also vornehmlich seiner Frau –, dass er woanders war. In solchen Fällen befand er sich für sie dann in einer wichtigen Sitzung, saß auf dem Flughafen fest, musste noch dringend irgendwelchen Papierkram erledigen oder kam im wahnsinnigen Weihnachtsverkehr nicht schneller voran. Also befand er sich, wie durch Zauberei, an zwei Orten gleichzeitig.

Bei Lou Suffern überlappte sich alles, er war immer in Bewegung, immer auf dem Sprung und unterwegs nach anderswo. Wenn er sich mit jemandem traf, verbrachte er gerade so viel Zeit wie nötig mit dem Betreffenden, schaffte es aber, bei seinem Gegenüber trotzdem ein zufriedenes Gefühl zu hinterlassen. Er war gewissenhaft, pünktlich und in seinem Beruf ein meisterhafter Zeitmesser. Doch im normalen, privaten Leben benahm er sich wie eine kaputte Taschenuhr. In seinem Streben nach Vollkommenheit und Erfolg verfügte er über scheinbar grenzenlose Energien. Doch genau das – sein Perfektionismus, sein Ehrgeiz, seine immer höher gesteckten Ziele – führte dazu, dass er in diesem ständigen Höhenflug das Allerwichtigste aus den Augen verlor. In seinem Terminplan war kein Zeitfenster für diejenigen eingeplant, die ihm auf vielerlei Weise hätten mehr geben und größere Zufriedenheit schenken können als irgendein noch so sagenhafter neuer Geschäftsabschluss.

An einem besonders kalten Dienstagmorgen schlenderten Lous schwarze, blitzblankpolierte Lederschuhe selbstbewusst durch das sich rasant entwickelnde Dubliner Hafengebiet und gerieten dabei ins Blickfeld eines besonderen Mannes. Dieser Mann beobachtete die Schuhe an diesem Morgen genauso aufmerksam, wie er es tags zuvor getan hatte und es vermutlich am nächsten Tag wieder tun würde. Die beiden Schuhe waren einander absolut ebenbürtig, keiner von beiden drängte sich vor, jeder Schritt war exakt gleich lang und die Ferse-Zehen-Abstimmung absolut präzise: Die Schuhspitzen zeigten nach vorn, die Ferse setzte als Erste auf, der Fuß rollte nach vorn auf den Ballen, die Zehen stießen sich ab, der Knöchel wurde gebeugt. Perfekt, jedes Mal. Rhythmisch bewegten sich die Schuhe übers Pflaster, ohne Stampfen oder erdbebenhafte Erschütterungen, wie es bei den anderen Kopflosen, die um diese Zeit – noch im Halbschlaf, obwohl sich ihr Körper bereits an der frischen Luft befand – vorüberhasteten. Nein, diese Schuhe brachten lediglich ein gleichmäßiges Klackgeräusch hervor, das so eindringlich war wie der Regen auf dem Dach des Wintergartens, und der Saum der Hose flappte wie die Fahne am achtzehnten Loch in einer leichten Brise.

Der Beobachter erwartete fast, dass die Pflastersteine aufleuchteten, wenn diese Schuhe sie berührten, und ihr Eigentümer vor Freude über den prima-prachtvollen Tag einen Stepptanz vollführte. Für den Beobachter jedenfalls würde der Tag mit Sicherheit prima und prachtvoll werden.

Normalerweise schwebten die glänzendpolierten schwarzen Schuhe unter dem makellosen schwarzen Anzug elegant an unserem Beobachter vorüber, eilten durch die Drehtür und hinein in das große Marmorportal des brandneuen ultramodernen Glasgebäudes, das in Windeseile aus den Ritzen der Kais in den Dubliner Himmel gewachsen war. Aber an diesem besonderen Morgen blieben die Schuhe stehen, direkt vor unserem Beobachter. Und dann machten sie mit einem knirschenden Geräusch auf dem kalten Beton kehrt. So blieb dem Beobachter nichts anderes übrig, als den Blick von den Schuhen zu heben und nach weiter oben zu schauen.

»Bitte schön«, sagte Lou und reichte dem Mann einen Kaffee. »Leider nur ein Americano, ich hoffe, das stört Sie nicht. Die hatten Probleme mit ihrer Maschine, deshalb gibt’s heute keinen Latte.«

»Dann können Sie das Zeug ruhig behalten«, sagte der Beobachter und betrachtete naserümpfend die dampfende Tasse, die Lou ihm hinhielt.

Die Bemerkung stieß auf erstauntes Schweigen.

»War nur ein Scherz.« Der Beobachter lachte über das erschrockene Gesicht des Schuhbesitzers, griff schnell – falls der Witz nicht ankam und sein Wohltäter die nette Geste samt Kaffee zurücknahm – nach dem Becher und umfasste ihn mit seinen vor Kälte schon ganz starren Fingern. »Seh ich vielleicht aus, als interessierte ich mich für aufgeschäumte Milch?«, grinste er, und dann erschien pure Verzückung auf seinem Gesicht. »Mmmm.« Er hielt die Nase dicht an den Becherrand, sog den Geruch der Kaffeebohnen ein und schloss die Augen, als wollte er sich durch nichts und niemanden von dem göttlichen Duft ablenken lassen. Die Papptasse war so heiß – oder die Hände so kalt –, dass die Berührung auf seiner Haut brannte und Hitzeschauer durch den ganzen Körper schickte. Bis zu diesem Moment hatte der Beobachter gar nicht gewusst, wie kalt ihm eigentlich war. »Ganz herzlichen Dank.«

»Kein Problem. Ich habe im Radio gehört, dass heute der kälteste Tag des Jahres sein soll.« Die polierten Schuhe stampften auf den Betonplatten hin und her, und die Lederhandschuhe rieben sich aneinander, um das Gesagte zu demonstrieren.

»Tja, das kann ich gerne glauben. Schweinekalt ist das. Man friert sich den Arsch ab, wie man so schön sagt. Aber das hier wird helfen.« Der Beobachter blies auf das heiße Getränk und setzte den Becher an die Lippen, um den ersten Schluck zu probieren.

»Er ist ohne Zucker«, erklärte Lou entschuldigend.

»Ach du liebe Zeit.« Der Beobachter verdrehte die Augen und setzte den Becher so schnell wieder ab, als enthielte er ein tödliches Gift. »Auf geschäumte Milch kann ich verzichten, aber ohne Zucker, das geht zu weit.« Er streckte Lou den Kaffee wieder hin.

Doch nun war Lou in den Humor eingeweiht und lachte. »Okay, okay, ich hab verstanden.«

»Arme Leute können nicht wählerisch sein, oder? Bedeutet das auch, wer wählerisch ist, kann nicht arm sein?« Der Beobachter zog eine Augenbraue in die Höhe, lächelte und trank nun endlich den ersten Schluck. So hingebungsvoll vertiefte er sich in das Gefühl, mit dem die Wärme und das Koffein sich in seinem Körper ausbreiteten, dass er gar nicht merkte, wie aus ihm, dem Beobachter, auf einmal der Beobachtete wurde.

»Oh. Ich bin übrigens Gabe.« Er streckte die Hand aus. »Gabriel eigentlich, aber alle, die mich kennen, nennen mich Gabe.«

Lou nahm die dargebotene Hand. Warmes Leder berührte kalte Haut. »Ich bin Lou, aber alle, die mich kennen, nennen mich Arschloch.«

Gabe lachte. »Tja, das hat man von der Ehrlichkeit. Wie wäre es, wenn ich Sie Lou nenne, bis wir uns besser kennen?«

Sie lächelten sich an, dann schwiegen sie in einer plötzlichen Anwandlung von Verlegenheit. Wie zwei kleine Jungen, die auf dem Schulhof Freundschaft schließen. Auf einmal begannen die glänzenden Schuhe nervös zu trippeln, tipptapp, tapptipp, hin und her, auf und ab, eine Kombination aus Warmhaltetaktik und Unentschlossenheit. Sollten sie bleiben oder gehen? Ganz langsam drehten sich die Spitzen zum Bürogebäude nebenan. Bald würde der Schuhbesitzer dorthin folgen.

»Viel zu tun heute Morgen, was?«, fragte Gabe leichthin, und die Schuhe wandten sich ihm sofort wieder zu.

»Bald ist Weihnachten, da wird es immer hektisch«, bestätigte Lou.

»Je mehr Leute unterwegs sind, desto besser für mich«, sagte Gabe, als klirrend eine Zwanzig-Cent-Münze in seiner Tasse landete. »Danke«, rief er der Frau nach, die ohne stehen zu bleiben wortlos weiterhastete. Ihrer Körpersprache nach hätte man fast eher denken können, dass ihr das Geldstück aus der Manteltasche gefallen war, als dass sie es hergeschenkt hatte. Gabe blickte Lou mit großen Augen an und grinste breit. »Sehen Sie? Morgen geb ich den Kaffee aus«, kicherte er.

Lou versuchte sich so unauffällig wie möglich vorzubeugen, um einen Blick in die Tasse zu werfen. Das Zwanzig-Cent-Stück lag ganz allein auf ihrem Boden.

»Ach, keine Sorge. Ich leere den Pott hin und wieder aus. Schließlich möchte ich ja nicht, dass die Leute denken, mir geht es zu gut«, lachte Gabe. »Sie wissen doch, wie das ist.«

Lou war derselben Ansicht. Und doch auch wieder nicht.

»Die Leute sollen lieber nicht wissen, dass mir das Penthouse da drüben gehört«, sagte Gabe mit einer Kopfbewegung zur anderen Seite des Flusses.

Lou wandte sich um und blickte über die Liffey. Dort stand der Wolkenkratzer, den Gabe meinte – der neueste am Dublin Quay. In seiner Glasfront spiegelte sich fast das ganze Stadtzentrum: Von dem restaurierten Wikinger-Langschiff, das am Kai ankerte, über die zahllosen Kräne und modernen Büro- und Gewerbegebäude, die die Liffey säumten, bis zum stürmischen, wolkenverhangenen Himmel fing das hohe Bauwerk alles ein und gab das Bild wie ein riesiger Plasmabildschirm an die City zurück. Das Bauwerk war geformt wie ein Segel, wurde nachts von blauen Scheinwerfern angestrahlt, und in den ersten Monaten nach der Fertigstellung hatte man überall in der ganzen Stadt darüber geredet. So lange, bis etwas noch Neueres, Interessanteres ihm den Rang ablief.

»Gefällt Ihnen die Hütte?«, fragte Lou, der das Hochhaus immer noch fasziniert anstarrte.

»Es ist mein Lieblingshochhaus, vor allem nachts. Unter anderem deswegen hab ich mir den Platz hier ausgesucht. Natürlich auch, weil so viel los ist. Von der schönen Aussicht allein kann ich mir ja leider kein Abendessen kaufen.«

»Das haben wir gebaut«, erklärte Lou und wandte sich seinem Gesprächspartner wieder ganz zu.

»Wirklich?« Gabe musterte Lou etwas aufmerksamer. Mitte bis Ende dreißig, glattrasiertes Gesicht, weich wie ein Babypopo, teurer Haarschnitt, gleichmäßig von ein paar grauen Strähnen durchzogen – fast so, als hätte jemand einen Salzstreuer genommen und im Verhältnis eins zu zehn mit dem Grau auch ordentlich Charme auf diesem Kopf verteilt. Gabe fand, dass Lou aussah wie ein Filmstar alter Schule, kultiviert und elegant, verpackt in einen langen schwarzen Kaschmirmantel.

»Ich wette, davon konnten Sie sich ein schönes Abendessen leisten«, lachte Gabe, aber im gleichen Moment spürte er einen kurzen Stich der Eifersucht, der ihn sehr störte, denn bevor er Lou so intensiv studiert hatte, hatte er nichts dergleichen empfunden. Seit er Lou begegnet war, hatte er zwei Erfahrungen gemacht, die alles andere als angenehm waren: Ihm war kalt, und er war neidisch. Dabei hatte er sich vorhin angenehm warm und zufrieden gefühlt. Obwohl er in seiner eigenen Gesellschaft immer glücklich gewesen war, schwante ihm nun, dass er, sobald dieser Mann nicht mehr da war, eine Einsamkeit spüren würde, die ihm bis dato nicht bewusst gewesen war. Dann würde er neidisch, verfroren und einsam sein. Die perfekten Zutaten für hausgemachte Bitterkeit.

Das segelförmige Hochhaus hatte Lou natürlich weit mehr eingebracht als ein schönes Dinner. Seine Firma hatte mehrere Preise eingeheimst, und er persönlich hatte sich ein Haus in Howth gekauft und seinen Porsche gegen das neueste Modell eingetauscht, das allerdings erst nach Weihnachten ausgeliefert werden würde. Aber all das erzählte Lou dem Mann lieber nicht, der, in eine wahrscheinlich flohverseuchte Decke gehüllt, hier auf dem eiskalten Straßenpflaster kauerte. Stattdessen lächelte er höflich, ließ seine Jacketkronen blitzen und war wie üblich mit zwei Dingen gleichzeitig beschäftigt. Dachte das eine und sagte etwas anderes. Aber Gabe konnte zwischen den Zeilen lesen, und so stieg die Verlegenheit auf ein Niveau, das für beide nicht angenehm war.

»Na dann, ich glaube, ich sollte mal los zur Arbeit … «

»Nach nebenan, ich weiß. Ich kenne Ihre Schuhe. Die sind für mich eher auf Augenhöhe«, grinste Gabe. »Obwohl Sie diese hier gestern nicht anhatten. Gerbleder, wenn ich mich nicht irre.«

Lous ordentlich gezupfte Augenbrauen ruckten ein Stück in die Höhe. Wie ein Stein, der im Wasser landet, verursachte das eine Reihe von Wellenfurchen auf seiner noch botoxfreien Stirn.

»Keine Sorge, ich bin kein Stalker«, versicherte Gabe, nahm eine Hand von der heißen Tasse und hob sie verteidigend in die Höhe. »Ich sitze nur schon eine ganze Weile hier. Wenn überhaupt, sind es Sie und Ihre Kollegen, die immer wieder bei mir auftauchen.«

Lou lachte und blickte dann etwas unsicher auf seine Schuhe hinunter, die so unvermittelt das Gesprächsthema geworden waren. »Eigentlich unglaublich – ich hab Sie noch nie hier bemerkt«, dachte er laut vor sich hin, und als er die Worte aussprach, ging er in Gedanken jeden Morgen durch, an dem er auf diesem Weg zur Arbeit gekommen war.

»Aber ich bin hier, von früh bis spät, jeden Tag«, sagte Gabe mit falscher Munterkeit in der Stimme.

»Tut mir leid, aber ich hab Sie nie wahrgenommen … « Lou schüttelte verwundert den Kopf. »Aber ich bin ja auch immer so in Eile, telefoniere im Gehen oder bin schon für irgendeinen Termin spät dran. Ich muss immer an zwei Orten gleichzeitig sein, sagt meine Frau. Manchmal wünsche ich mir, jemand würde mich klonen, so viel hab ich zu tun.« Er lachte.

Gabe lächelte ihn seltsam an. »Apropos Eile – heute ist das erste Mal, dass ich die beiden Jungs hier nicht an mir habe vorbeirennen sehen«, sagte er mit einer Kopfbewegung zu Lous Schuhen. »Hätte die beiden beinahe nicht erkannt, wenn sie stillstehen. Heute kein Schwung dahinter?«

Wieder lachte Lou. »Doch, da ist immer Schwung dahinter, das können Sie ruhig glauben.« Er machte eine rasche Bewegung mit dem Arm, als wollte er ein Kunstwerk enthüllen, und sein Mantelärmel rutschte gerade weit genug herauf, um seine goldene Rolex sichtbar werden zu lassen. »Aber ich bin immer der Erste im Büro, also gibt es momentan keinen Grund zur Eile.« Er sah konzentriert auf die Uhr, leitete dabei aber im Kopf bereits das für den Nachmittag anberaumte Meeting.

»Heute Morgen sind Sie aber nicht der Erste«, stellte Gabe trocken fest.

»Wie bitte?« Lou unterbrach das Meeting und stand wieder auf der kalten Straße vor seinem Bürogebäude, wo der eisige Atlantikwind den Menschenmassen, die warm eingemummelt zur Arbeit eilten, gnadenlos ins Gesicht peitschte.

Gabe kniff die Augen zusammen. »Braune Slipper. Ich hab schon ein paarmal beobachtet, wie Sie den Besitzer dieser Schuhe begleitet haben. Und der ist jetzt schon im Büro.«

»Braune Slipper?« Lou lachte, erst verwirrt, dann beeindruckt und schließlich etwas besorgt, weil er sich fragte, wer es da vor ihm zur Arbeit geschafft hatte.

»Sie kennen ihn – ziemlich arroganter Gang. Bei jedem Schritt hüpfen diese kleinen Wildlederquasten, so eine Art Mini-Cancan. Weiche Sohlen, kommen aber schwer auf. Kleine breite Füße, und er geht auf dem Außenrist. An den Stellen sind die Sohlen immer abgelaufen.«

Lous Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.

»Samstags trägt er Schuhe, als käme er gerade von Bord einer Yacht.«

»Alfred!«, rief Lou in plötzlicher Erkenntnis. »Der ist dann sicher tatsächlich gerade von seiner Ya– … « Er brach ab. »Alfred ist schon da?«

»Seit ungefähr einer halben Stunde. Ist reingestapft, anscheinend ziemlich eilig, in Begleitung eines weiteren Paars schwarzer Slipper.«

»Schwarze Slipper?«

»Ja, schwarze Herrenschuhe. Blitzeblank, aber nicht besonders schick. Schlicht und sachlich. Praktisch. Schuhe, die das tun, was Schuhe tun sollen. Ich kann sonst nicht viel über sie sagen, abgesehen von der Tatsache, dass sie sich im Allgemeinen etwas langsamer bewegen als die anderen Schuhe.«

»Sie sind sehr aufmerksam.« Lou betrachtete den Mann auf der Decke nachdenklich und überlegte, was er wohl gemacht haben mochte, bevor er hier auf dem kalten Boden eines Hauseingangs gelandet war. Gleichzeitig versuchte sein Gehirn fieberhaft zu analysieren, wer all diese Menschen waren, von denen Gabe sprach. Dass Alfred heute so früh zur Arbeit erschienen war, brachte ihn völlig durcheinander.

Einer ihrer Kollegen – Cliff – hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten, und nun waren alle ganz aufgeregt – jawohl, aufgeregt! –, weil eine gute Stelle frei geworden war. Wenn Cliff nicht wieder gesund wurde – was Lou insgeheim hoffte –, würde es in der Firma weitreichende Veränderungen geben, und jedes ungewöhnliche Benehmen seitens Alfreds war bedenklich. Genau genommen war Alfreds Verhalten allerdings immer irgendwie bedenklich.

Gabe zwinkerte. »Sie haben da drin nicht zufällig Arbeit für einen aufmerksamen Menschen, oder?«

Lou breitete seine behandschuhten Hände aus. »Nein, tut mir leid.«

»Kein Problem, Sie wissen ja, wo Sie mich finden, falls Sie mich doch brauchen sollten. Ich bin der Typ mit den Doc Martens.« Er lachte und hob seine Decke kurz hoch, so dass die hohen schwarzen Stiefel zum Vorschein kamen.

»Ich frage mich, warum die so früh dran sind«, sagte Lou gedankenverloren und starrte Gabe dabei an, als hätte dieser übersinnliche Fähigkeiten.

»Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Aber letzte Woche sind sie zusammen zum Lunch gegangen. Oder sie haben zumindest das Gebäude gemeinsam zu einer für Otto Normalverbraucher üblichen Lunchzeit verlassen, sind durchschnittlich lange weg gewesen und dann auch zusammen zurückgekommen. Was sie dazwischen gemacht haben, lässt sich nicht allzu schwer erraten«, schmunzelte er. »Dafür muss man kein Genie sein. Zum Glück, denn heute kann einem echt das Hirn einfrieren.«

»An welchem Tag war denn dieser Lunch?«

Gabe schloss nachdenklich die Augen. »Am Freitag, glaube ich. Der Kerl ist Ihr Konkurrent, stimmt’s? Der mit den braunen Slippern?«

»Nein, er ist mein Freund. So eine Art Freund jedenfalls. Eigentlich eher ein Bekannter.« Zum ersten Mal merkte man Lou an, dass er beunruhigt war. »Er ist mein Kollege, aber Cliffs Zusammenbruch ist für uns beide eine Riesenchance, na ja, Sie verstehen schon … «

»Eine Chance, Ihrem kranken Kollegen den Job wegzunehmen«, vollendete Gabe den Satz mit einem Lächeln. »Wie nett. Die langsamen Schuhe, die schwarzen, die haben übrigens neulich abends das Büro gemeinsam mit einem Paar Louboutins verlassen.«

»Loub– … was ist das denn?«

»Damenschuhe. Zu erkennen an der roten Sohle. Die fraglichen hatten einen Zwölf-Zentimeter-Absatz.«

»Zwölf Zentimeter?«, fragte Lou. »Rote Sohle, aha«, fügte er dann hinzu, nickte und versuchte, sich einen Reim auf diese Information zu machen.

»Sie könnten doch Ihren Freund Querstrich Bekannten Querstrich Kollegen einfach fragen, mit wem er sich getroffen hat«, schlug Gabe mit einem schelmischen Glitzern in den Augen vor.

Aber Lou ging nicht auf den Vorschlag ein. »Na gut, ich muss los. Ich muss Dinge treffen und Leute erledigen, und auch noch beides gleichzeitig, ist das zu glauben«, meinte er augenzwinkernd. »Danke für Ihre Hilfe, Gabe.« Er steckte einen Zehn-Euro-Schein in Gabes Tasse.

»Danke, Mann«, strahlte Gabe, holte den Schein sofort aus der Tasse, stopfte ihn in die Jackentasche und klopfte mit dem Finger darauf. »Die anderen sollen nichts davon mitkriegen, erinnern Sie sich?«

»Stimmt«, gab Lou ihm recht.

Aber genau im gleichen Moment war er völlig anderer Meinung.

5Der dreizehnte Stock

»Nach oben?«

Hoffnungsvoll blickte der Mann, der die Frage gestellt hatte, in die verschlafenen Gesichter, und aus der überfüllten Aufzugskabine antwortete ihm ein kollektives Grunzen und Kopfnicken. Von allen außer von Lou genau genommen, denn Lou war zu sehr damit beschäftigt, die Schuhe des Manns anzustarren, der jetzt die schmale Ritze überschritt, unter der sich der kalte schwarze Schacht auftat, und den vollgepfropften Fahrstuhl betrat. Die braunen Herrenhalbschuhe vollzogen eine Hundertachtzig-Grad-Wendung, so dass sie nun nach vorn in Richtung Tür wiesen. Lou hielt weiter Ausschau nach roten Sohlen und schwarzen Schuhen. Alfred war frühzeitig ins Büro gekommen und am Freitag mit den schwarzen Schuhen zum Lunch gegangen. Die schwarzen Schuhe hatten zusammen mit rotsohligen Damenschuhen das Büro verlassen. Wenn Lou herausfand, wem die roten Sohlen gehörten, dann würde er erfahren, mit wem dieses weibliche Wesen zusammenarbeitete, und er würde auch wissen, mit wem Alfred sich heimlich traf. Dieser Prozess erschien ihm sinnvoller, als Alfred einfach zu fragen – eine Tatsache, die ganz nebenbei eine Menge über Alfreds Ehrlichkeit aussagte. Darüber dachte Lou nach, während er gleichzeitig dem unbehaglichen Schweigen ausgesetzt war, das nur in einer Aufzugskabine voller fremder Menschen entstehen kann.

»In welchen Stock wollen Sie?«, ertönte eine gedämpfte Stimme aus der Ecke, wo gut versteckt – und vermutlich halb zerquetscht – der Mann stand, der als Einziger Zugang zu den Knöpfen hatte und damit für die Organisation der Aufzugsstopps verantwortlich war.

»Dreizehn, bitte«, antwortete der Neuzugang.

Seufzer und missbilligende Geräusche waren zu hören.

»Es gibt keinen dreizehnten Stock«, erklärte der Unsichtbare an den Knöpfen.

Die Türen schlossen sich, und der Aufzug setzte sich rasch nach oben in Bewegung.

»Sie sollten sich beeilen«, drängte der Unsichtbare.

»Äh … « Der Neuling wühlte in der Aktentasche nach seinen Unterlagen.

»Entweder zwölf oder vierzehn«, fuhr die gedämpfte Stimme hilfsbereit fort. »Dreizehn gibt es nicht.«

»Bestimmt muss er im vierzehnten raus«, vermutete jemand anderes. »Der vierzehnte ist doch theoretisch der dreizehnte.«

»Soll ich vierzehn drücken?«, fragte die Stimme ein wenig ungeduldiger.

»Äh … « Der Mann fummelte immer noch mit seinen Papieren herum.

Lou konnte sich nicht auf das ungewöhnliche Gespräch in dem sonst immer so stillen Aufzug konzentrieren, weil er die Schuhe der Menschen um ihn herum studierte. Jede Menge schwarzer Schuhe. Manche hatten Verzierungen, manche Slipperform, manche waren abgewetzt, manche blankpoliert, manche nicht richtig zugebunden. Aber keine Spur von roten Sohlen, nirgends. Auf einmal bemerkte er, dass die Füße um ihn herum unruhig wurden. Ein Paar rückte sogar fast unmerklich ein Stück von ihm ab. Als der Aufzug bimmelte, blickte Lou auf.

»Nach oben?«, fragte eine junge Frau.

Diesmal waren deutlich mehr hilfsbereite Ja-Rufe zu hören, und die Männerstimmen klangen entschieden lauter.

Die junge Frau stellte sich vor Lou, und er betrachtete ihre Schuhe, während sich die Männer um ihn herum in der schweren Stille, die nur Frauen in einem Aufzug voller Männer spüren, eher anderen Körperbereichen widmeten. Langsam setzte sich die Kabine wieder in Bewegung. Sechs … sieben … acht …

Schließlich zog der Mann mit den braunen Herrenhalbschuhen seine Hand – leer – aus seiner Mappe zurück und verkündete etwas niedergeschlagen: »Patterson Developments.«

Verärgert nahm Lou die Verwirrung über die Stockwerknummerierung zur Kenntnis. Es war sein Vorschlag gewesen, dass es auf dem Bedienfeld keinen Knopf mit einer Dreizehn geben sollte, aber natürlich existierte der dreizehnte Stock trotzdem. Zwischen dem zwölften und dem vierzehnten Stock war ja keine Lücke, kein luftleerer Raum. Der vierzehnte Stock kauerte auch nicht auf irgendwelchen unsichtbaren Mauersteinen. Genau genommen war der vierzehnte Stock der dreizehnte, und dort lag auch Lous Büro. Man nannte diesen Stock nur nicht bei seinem Namen, sondern bezeichnete ihn als vierzehnten. Warum das die Leute häufig so durcheinanderbrachte, konnte Lou nicht nachvollziehen. Für ihn war die Sache sonnenklar. So stieg er im vierzehnten Stock aus, trat auf den Korridor, und sofort versanken seine Füße in dem dicken weichen Plüschteppich.

»Guten Morgen, MrSuffern«, begrüßte ihn seine Sekretärin, ohne von ihren Papieren aufzublicken.

Er blieb an ihrem Schreibtisch stehen und sah sie verwundert an. »Alison, nennen Sie mich doch bitte Lou, wie immer.«

»Selbstverständlich, MrSuffern«, erwiderte sie munter, wich aber gezielt seinem Blick aus.

Dann stand sie auf, um etwas zu holen, und Lou versuchte, einen Blick auf ihre Schuhe zu erhaschen. Als sie zurückkam, stand er immer noch an ihrem Schreibtisch, aber sie weigerte sich weiterhin, ihm in die Augen zu sehen, setzte sich rasch und begann eifrig zu tippen. So unauffällig wie möglich bückte sich Lou, als wollte er seine Schnürsenkel binden, spähte dabei aber verstohlen unter Alisons Schreibtisch.

Alison runzelte die Stirn und schlug ihre langen Beine übereinander. »Alles in Ordnung, MrSuffern?«

»Nennen Sie mich Lou«, wiederholte er, immer noch verwundert.