Zeit der Eisblüten - Kitty Sewell - E-Book
Beschreibung

"Sehr geehrter Herr Dr. Woodruff, ich hoffe, Sie verübeln mir nicht, dass ich Ihnen schreibe. Ich glaube, ich bin ihre Tochter ..." Dafydd Woodruff führt ein ruhiges Leben als Arzt in Wales. Da erhält er eines Tages einen Brief aus einer kleinen Stadt im Norden Kanadas. Darin teilt ihm die zwölfjährige Miranda mit, dass sie gerade von ihrer Mutter erfahren habe, wer ihr Vater sei - kein anderer als Dafydd. Dafydd lebte einst ein Jahr in Kanada. Er kennt auch Mirandas Mutter. Doch er weiß, dass das Kind nicht von ihm sein kann. Aber der Vaterschaftstest, mit dem er sich einverstanden erklärt, ist positiv. Dafydd sieht nur eine Möglichkeit: Er muss zurück in die eisige Arktis und sich seiner Vergangenheit stellen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:576

Sammlungen



Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Prolog

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

ZWEITER TEIL

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Danksagung

Kitty Sewell

Zeit derEisblüten

Roman

Übersetzung aus dem Englischenvon Anita Krätzer

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2005 by Kitty Sewell

Originalverlag: Honno Welsh Women’s Press, Aberystwyth, Wales

Von der Autorin überarbeitete Fassung

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2006 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Bernd Rullkötter

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-4951-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

PROLOG

Küste des Coronation Golf,Nordpolarmeer, März 2006

ERNAHMNICHT, wie ihm die Älteren geraten hatten, den Motorschlitten. Wie die meisten Jungen liebte er das Röhren eines lauten Motors, aber seit kurzem gefiel es ihm, dem Klang seiner eigenen Gedanken zu lauschen. Er mochte das Rumpeln und Krachen des Meereises, die vereinzelten Windböen, das Knirschen seiner mukluks, wenn er durch den Schnee ging. Und er fühlte sich fähiger und mächtiger, wenn er sich aus eigener Kraft fortbewegte.

Er packte einen Rucksack mit ein paar Vorräten, die gerade für den Tag reichten, und befestigte ein Seil am Halsband seiner Hündin. Der Husky hatte einem älteren Nachbarn gehört, aber im Laufe der Zeit und mit einiger List hatte der Junge das Tier in seinen Besitz genommen. Die Hündin war loyal, doch distanziert; eine große, haarige Teufelin, die wütend reagierte, wenn sie provoziert wurde.

Schließlich hängte er sich sein Gewehr über die Schulter und ließ eine Leuchtpistole in seine Außentasche gleiten. Zu seiner Selbstverteidigung würde er beides kaum brauchen, da die Hündin jede unwillkommene Gesellschaft verjagen würde. Er überprüfte seine Gerätschaften erneut, wie man ihn so oft ermahnt hatte, und sie brachen vom Dorf zum Meer auf.

Als Erstes musste er das Ufer mit seinen vom Meer schroff aufgetürmten Eisschollen überwinden. Er blieb einen Moment stehen, um nach einem Durchgang zu suchen. Riesige Platten hatten sich übereinandergeschichtet oder gefächert wie gefaltetes Papier, glänzende Spitzen ragten hoch in den Himmel wie Berggipfel, manche waren umgestürzt und zerborsten. So stellte er sich einen Wald aus uralten Bäumen vor.

Er war ein kräftiger Junge, groß und breit für sein Alter. Aber als er über das zerklüftete Eis kletterte und der Hündin ermunternde Worte zurief, verriet seine Stimme, wie jung er noch war. Ungestüm drängte er nach draußen; er wollte ein Mann sein.

Keuchend vor Anstrengung traten sie auf das offene Eis. Durch eine Schneebrille, die seine Augen vor der gleißenden Helligkeit schützte, musterte der Junge den Horizont. Die riesige Weite verbarg wenig, aber sie bot dennoch Überraschungen, und ein Mann musste stets wachsam sein. Er richtete ein paar Worte an die Hündin und ging aufs Eis hinaus. Nach einer Stunde wandte er sich westwärts und marschierte parallel zur fernen Küstenlinie weiter.

Während er schnell voranschritt, um die Kälte von sich abzuhalten, beobachtete er seine Umgebung und suchte nach Spuren. Er wusste, dass er nur eine geringe Chance hatte, einen Fuchs aufzuspüren. Man sah sie nur selten scheinbar ziellos umherstreifen. Die schlauen kleinen Kerle rannten heimlich hinter den Eisbären her, um sich an den Überresten der geschlagenen Robben zu laben. Sobald Gefahr drohte, machten sie sich blitzschnell aus dem Staube.

Quer übers Eis liefen gelegentlich Spuren sowohl von Bären als auch von Füchsen. Die einen waren groß und schwer und hatten den dünnen Schnee zusammengedrückt, die anderen winzig und leichtfüßig. Die meisten Spuren waren Tage, sogar Wochen alt. Im Grunde bedauerte er das nicht. Der anmutige kleine Fuchs gefiel ihm lebendig besser als tot, und das dunkle Blut auf seinem schneeweißen Fell ließ ihn stets schwindelig werden. Er redete sich ein, dass die Herausforderung dieser Expedition eher in der Einsamkeit und Unabhängigkeit liege. Aber er wusste, dass er, um sich zu stählen, Praxis benötigte. Männer mussten jagen, um zu überleben. Männer mussten töten.

Er wanderte in stiller Betrachtung dahin, und die Zeit verstrich rasch. Zweimal hielt er an und hockte sich nieder, um von dem heißen süßen Tee aus seiner Flasche zu trinken und ein paar Streifen Dörrfleisch mit der Hündin zu teilen. Aber die Reglosigkeit erfüllte ihn mit Unbehagen. Es war sehr kalt, und da empfahl es sich, ständig in Bewegung zu sein.

Als die Sonne begann, in einem fachen Bogen am Horizont zu versinken, ging er erst nördlich, dann östlich und schließlich wieder dorthin zurück, woher er gekommen war. Die Hündin lief geduldig, ja gelangweilt neben ihm her, manchmal mit geschlossenen Augen. Trotz der Schutzbrille spürte auch der Junge, wie die Helligkeit seine Augen anstrengte. Es gab keine Schatten außer ihren eigenen.

Aber plötzlich sah er etwas. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er die frischen Spuren erblickte, die seinen Weg diagonal kreuzten. Ein Bär. Möglicherweise nur eine Stunde entfernt, vielleicht sogar weniger. Die Spuren im Schnee waren groß, und der Junge suchte ängstlich den Horizont ab. Die Fährte verschwand am Horizont, über den sich die Dämmerung herabzusenken begann.

Ein leichter Schauer lief ihm über den Rücken. Das Volk hatte einen angeborenen Respekt vor Eisbären. Wie die alten Männer zu sagen pflegten: »Der Fuchs führt den Jäger zum Nanuk, ob die Zusammenkunft nun einen glücklichen Ausgang hat oder nicht.« Der Junge lächelte beim Gedanken an diese alberne Redensart, aber er fühlte sich verwundbar und wünschte, er hätte auf den guten Rat gehört, nicht zu Fuß aufs Meer hinauszugehen. Er schaute zum Ufer und versuchte, die Entfernung abzuschätzen. Das Dorf war gerade wieder in Sichtweite. Aus den Kaminen stieg der Rauch in scharf abgegrenzten Säulen kerzengerade in die reglose Luft hinauf. Im Trab würde er eine halbe Stunde brauchen, vielleicht mehr, er war sich nicht sicher.

Die Hündin war aus ihrer Lethargie erwacht und lief energisch auf die Spuren zu. Dabei zog sie an dem Seil, das er an seinem Gürtel befestigt hatte. Der Junge riss scharf am Seil und schrie sie an. Aber sie reagierte kaum auf Befehle; das hatte sie noch nie getan. Verärgert trat er ihr in die Flanke, und sie verlangsamte widerwillig ihren Lauf. Ein furchterregendes Grollen entstieg ihrer Kehle, und sie hatte das Nackenhaar gesträubt. Vielleicht galt ihr Interesse ja nur dem Atemloch einer Robbe, aber das glaubte der Junge nicht. Er wusste, dass die Hündin die Witterung des Bären aufgenommen hatte und ihn getreu ihrem wölfischen Erbe nur zu gern angreifen würde.

Obwohl es noch immer hell genug war, beschloss der Junge sofort, zum Dorf zurückzukehren, und nach einem kurzen Tauziehen mit der Hündin machten sie sich auf den Heimweg. Aber der Wind trug den Geruch des Bären in ihre Richtung, und die Hündin drehte schnüffelnd die Schnauze und wollte die Aussicht auf einen schönen Kampf nicht aufgeben. Immer wieder wandte sie sich knurrend um und blieb stehen, um den Geruch einzuatmen, während der Junge weiterhin versuchte, sie mit einiger Gewalt in Richtung Ufer voranzutreiben. Ihr Machtkampf setzte sich fort, bis sich die Hündin jäh herumwarf und in die entgegengesetzte Richtung zerrte. Dabei riss sie den Jungen fast um.

Dort, in der Ferne, tauchte der Bär auf. Er musste ihre Anwesenheit gehört oder gespürt und seine Route verlassen haben. Jetzt folgte er ihnen. Das Dreieck aus schwarzen Punkten – die Nase und die Augen des Bären – war schon bald deutlich im Dämmerlicht zu erkennen. Die Punkte waren auf den Jungen und den Hund gerichtet, die zweifellos den willkommenen Anblick von Futter bildeten. Der Junge stand regungslos da. Schlagartig verließ ihn jegliche Stärke, und seine Knie begannen zu zittern. Er bekämpfte einen plötzlichen Drang zu urinieren.

Der Bär wurde mit jeder Sekunde größer und deutlicher. Er näherte sich ihnen mit einem merkwürdig schleppenden Gang. Seine Bewegungen waren zielgerichtet, aber nicht eindeutig aggressiv. Auch nicht vorsichtig oder behutsam. Nur entschlossen. Der Bär war ungewöhnlich groß, aber seine winterliche Ausgezehrtheit war unter dem cremegelben Fell gut zu erkennen.

Was den Jungen schließlich aufrüttelte und zum Handeln bewegte, war ein die Stille zwischen ihnen durchbrechender Laut: das ferne rasselnde, röchelnde Atmen des ausgehungerten Tieres. Mit seinen in dicken Handschuhen steckenden Fingern suchte der Junge in seiner Tasche nach der Signalpistole. Seine Hände zitterten, als er die Leuchtkugeln in die Pistole schob. Außer sich vor Angst schrie er die Hündin an, mit dem Zerren und Springen aufzuhören. Er konnte sie loslassen, aber er hoffte noch immer, dass ihr Knurren und Schnappen den Bären vertreiben würde.

Mit einigem Geschick schoss der Junge eine Leuchtkugel ab. Ein Lichtbündel aussendend, flog sie zischend durch die Luft und landete vor den Füßen des Bären. Dieser hielt einen Moment lang inne, schnüffelte misstrauisch an der Leuchtkugel und hob dann seine schwarze Nase, wobei er den Kopf langsam vor und zurück schwingen ließ. Die Leuchtkugel erschreckte ihn nicht sonderlich, und nun setzte er sich erneut in Bewegung, diesmal schneller und aggressiver.

Der Junge schoss in dichter Folge weitere sechs Leuchtkugeln ab, aber der Bär wich ihnen aus und kam unaufhörlich näher. Jetzt machte der Junge das Gewehr schussbereit. Auf das Tier zu schießen war sein letztes Mittel. Ein verwundeter Bär würde vor Wut außer sich sein, und sein Verhalten wäre noch unberechenbarer.

Während er an dem schweren Gewehr hantierte, zitterten dem Jungen die durch die Handschuhe behinderten Hände. Aber er konnte es sich nicht leisten, die Innenhandschuhe auszuziehen, weil er dadurch Gefahr lief, dass ihm die Finger einfroren und bewegungsunfähig wurden. Durch seine Angst und sein Zittern begann er die Kälte bereits zu spüren. Er konnte nicht noch sehr viel länger reglos stehen bleiben.

Der Bär war nun nur noch dreißig Schritte entfernt, und es war das Beste, die Hündin loszulassen. Mit wachsender Panik in der Brust befreite er sie von dem Seil, und sie stürzte auf den Bären zu. Dieser blieb irritiert stehen. Mit geöffnetem Maul beobachtete er, wie die zornige Hündin auf ihn zuraste, ihn dann umkreiste und mit einem Satz ihre kräftigen Kiefer um sein Hinterbein schlug. Der Bär wandte und drehte sich, um an die Hündin heranzukommen, aber sie hing an ihm fest, als habe sich all ihre Kraft in diesen wütenden Kiefern konzentriert.

Heftig zitternd sah der Junge dem Kampf zu. Ihm war eingeschärft worden, einem Bären niemals Angst zu zeigen, aber die Realität war anders als die prahlerischen, häufig erzählten und dabei kräftig ausgeschmückten Geschichten der Älteren. Das riesige, erboste Tier war furchteinflößend, kein Mensch konnte das bestreiten. Voller Respekt registrierte er, dass seine hündische Gefährtin keine derartige Angst hatte. Klein, wie sie im Vergleich mit ihrem Gegner erschien, warf sie sich mit einem von ihren Vorfahren ererbten leidenschaftlichen Zorn in den Kampf.

Da ihm nichts anderes einfiel, zielte der Junge mit dem Gewehr auf den Bären. Die Hündin war nicht bereit loszulassen, aber während ihres wahnsinnigen Tanzes befreite sich der Bär von ihr und floh über das Eis. Seine Angreiferin folgte ihm.

Der Junge rief seine Hündin, aber da er sie in der Ferne verschwinden sah, drehte er sich um und rannte, das Gewehr in der Hand, zum Ufer. Den Rucksack ließ er auf dem Eis hinter sich liegen. Das Dorf lag weiter weg, als es den Anschein hatte, doch er lief darauf zu, ohne auf seine Umgebung zu achten. Seine Finger und Zehen erwachten durch das Blut, das nun kraftvoll durch seinen Körper gepumpt wurde, zu neuem Leben. Jetzt konnte er die Häuser deutlich erkennen, und er verlangsamte seine Schritte ein wenig. Das Pochen seines Herzens dröhnte in seinen Ohren. Er atmete tief und rasselnd, und die eisige Luft ließ seine Lungen fast bersten.

Die Geräusche seines Körpers hinderten ihn daran, das kaum wahrnehmbare Knirschen des Schnees hinter sich zu hören. Der Bär näherte sich ihm schnell, aber leise von hinten. Das Erste, was der Junge wahrnahm, war das bellende Warnsignal der Hündin. Er wirbelte herum und sah, dass der Bär direkt auf ihn zusprang. Dann bemerkte er die Hündin. Sie war verletzt und zog eine Blutspur hinter sich her, aber sie verfolgte den Bären noch immer. Als spiele die Zeit keine Rolle, stand der Junge nur da und fragte sich, wie es dem Bären gelungen war, die Hündin abzuschütteln, und welche Verletzung er ihr zugefügt hatte.

Der Bär stürmte los, aber im letzten Augenblick stoppte er abrupt vor dem Jungen und erhob sich auf den Hinterbeinen zu seiner vollen Höhe. Er war nur noch fünf Schritte entfernt, und sein Schatten verdunkelte den Schnee.

Der Junge reagierte schnell und zielte mit dem Gewehr auf die zottige Brust. Aber in dem Moment, als er abdrückte, ließ sich der Bär wieder auf alle viere fallen, und die Kugel verschwand in der Luft.

Ein Schlag mit der riesigen Tatze ließ den Jungen über das Eis schliddern. Ein unerträglicher Schmerz über die ganze Brust hinweg raubte ihm den Atem. Er wusste, dass er sterben würde, wenn kein Wunder geschah. Mit einem Satz war der Bär über ihm, und obwohl er nichts von dem Schmerz spürte, hörte er, wie sein Bein wie morsches Elchfell abgerissen wurde.

Auch die Hündin war tödlich verletzt, aber ihre Loyalität gegenüber ihrem Herrn und ihr Hass auf Bären verliehen ihr die Kraft, zu erneuten Angriffen anzusetzen. Durch den Schock benommen, beobachtete der Junge ihre verzweifelten Versuche, den Bären von ihm abzulenken, und er fragte sich, warum er die treue Hündin zuweilen so gedankenlos missachtet und ihre Treue für selbstverständlich gehalten hatte.

Der Bär freute sich auf ein gutes Mahl, aber im Gegensatz zu dem agilen und lästigen Hund war der Junge unbeweglich und wartete auf ihn. Verärgert schlug der Bär nach seiner Peinigerin. Wieder wich sie seinen Krallen mit einem Satz aus und biss ihm in die Hinterbeine. Frustriert und wütend drehte sich der Bär im Kreis.

In einem Moment der Klarheit bemerkte der Junge, dass das Gewehr in seiner Nähe lag, und er versuchte, dorthin zu kriechen, aber vergebens. Er konnte sich nicht bewegen. Er konnte kaum noch atmen.

Während er nach Luft rang, begann sich etwas in ihm zu verändern. Eine stille Gelassenheit erfüllte seine Brust. Er wusste, dass sein Ende nahe war, aber er stellte fest, dass er kein Bedauern empfand. Da er sich keine weiteren Gedanken und Gefühle erlaubte, verebbte auch seine Angst. Sein Körper entspannte sich, und mit dem Mut des nahenden Todes drehte er den Kopf, um sich dem Unvermeidlichen zu stellen.

Mit leichtem Erstaunen sah er einen gekrümmten alten Mann hinter dem wahnsinnigen Wirbel aus weißem und grauem Fell auftauchen. Der Junge kannte ihn aus einer Zeit, die lange, lange zurücklag.

Müde schlurfte der Mann durch den Schnee auf den Jungen zu. »Komm, mein Sohn«, sagte er. »Nimm meine Hand.« Er streckte seine knotige Hand nach dem Jungen aus. Aber sosehr sie sich auch mühten, einander zu erreichen – ihre Finger berührten sich nicht.

ERSTERTEIL

KAPITEL1

Cardiff, 2006

DOKTOR DAFYDD WOODRUFF blickte auf das Gesicht seiner Frau hinab, ein wenig gleichgültig. Seiner Meinung nach war es zu früh, um sich zu lieben. Isabel litt unter Schlaflosigkeit und hatte es sich angewöhnt, ihn in den Stunden des Morgengrauens wachzurütteln. Sie stieß ihn mit den Knien, streifte mit ihren Brustwarzen über seinen Rücken, wälzte sich herum und seufzte.

Aber wenn sie schließlich sein Interesse geweckt und ihn herumbekommen hatte, wie an diesem Morgen, schien sie oft weit weg zu sein und tat fast so, als schlafe sie. Er wusste es besser. Ihre Augen waren zu fest geschlossen, und auf der Stirn zeigte sich eine verräterische Furche der Konzentration. Für Isabel war dies Arbeit.

Als ihr Rhythmus heftiger wurde, streckte sie die Arme über ihren Kopf aus und umklammerte zwei Bettpfosten. Das Bett wankte hin und her und stieß grob an die Wand. Die Schrauben des Bettrahmens hatten sich gelockert. Das taten sie in regelmäßigen Abständen immer wieder, und Dafydd vergaß ständig, sie festzuziehen. Er versuchte, seine Bewegungen zu drosseln, aber Isabel stöhnte klagend.

Als eine leichte Röte auf ihrer Brust erschien und sich ihre Schenkel fester um seine Hüften klammerten, überkam ihn ein ungutes Pflichtgefühl. Wie stets, versuchte er, sich ihr anzuschließen. Er machte die Augen zu und hoffte, dass ihn die Flut ihres Höhepunktes mit sich reißen würde. Aber verdammt, nein.

»Mach weiter.« Sie öffnete wachsam die Augen und fixierte ihn wie drohend. »Glaub ja nicht, dass ich mit dir fertig bin.«

»Soll das ein Witz sein?«, erwiderte er beruhigend und fuhr fort. Aber so sehr er auch die Zähne zusammenbiss, die Situation war nicht zu retten. Die tiefe Ambivalenz, die er gegenüber der ganzen Geschichte empfand, hatte einen direkten Einfluss auf seine zentralen Körperteile. Er verlangsamte seine Bewegungen und hörte auf.

»Das war’s schon?«, fragte sie mit gekünstelter Fröhlichkeit. »Mein letzter fruchtbarer Tag.«

»Oh, sei nicht so, Schatz«, sagte Dafydd und rollte sich von ihr weg. »So was läuft nun mal nicht genau nach Plan.«

Obwohl Isabels Gesicht durch die Anstrengung noch vor Hitze gerötet war, zog sie das Bettlaken bis unters Kinn und starrte an die Decke. Dafydd drehte sich seufzend zu ihr um.

»He, Isabel, es tut mir leid. Dein Körper mag vielleicht nach dem Kalender funktionieren, aber meiner tut das nicht.«

»Gut«, sagte sie. »Aber bitte erklär mir, was genau ich falsch mache.«

»O Gott, Isabel, bitte nicht. Es ist fünf Uhr morgens.« Er ließ sich auf den Rücken fallen und blickte durch das Dachfenster in die aufsteigende Dämmerung. Müde griff er nach ihrer Hand. »Lass uns schlafen. Dein letzter fruchtbarer Tag hat noch nicht mal begonnen.«

»Wenn du meinst.« Sie wandte ihm den Rücken zu, aber schon bald änderte sich ihr Atem und wurde tief und ruhig.

Dafydd versuchte, seine Gedanken abzuschalten und das ärgerliche Gefühl, er habe versagt, zu verdrängen. Aber die Kakophonie der Vögel im Garten klang ungewöhnlich schrill, geradezu beängstigend. Zitternd zog er die Decken um seinen auskühlenden Körper.

Er war endlich eingeschlummert, da hörte er, wie der Postbote den Briefkastenschlitz berührte. Klickend öffnete sich die Klappe, und die Post ergoss sich mit einem Rauschen auf die Flurfiesen. Er sträubte sich, von einem staubigen, sonnendurchfluteten Ort mit einem klaren blauen Himmel zurückgeholt zu werden, aber die Anstrengung ließ ihn wie einen Korken im Wasser an die Oberfläche des Wachseins schnellen.

Über die Umrisse von Isabels schlafendem Körper hinweg blickte er auf den Wecker. Es war kurz nach sieben. Isabel lag leicht schnarchend auf dem Rücken und hatte das Laken über den Kopf gezogen, um sich gegen das Licht abzuschirmen. Er tauchte unter die Decken, um sich ihr anzuschließen. Sie war fast genauso groß wie er, und ihre langen Beine verschwanden im Dämmerlicht des Fußendes.

In der Dunkelheit betrachtete er ihre nackten Körper, die derselben Spezies angehörten, doch so unterschiedlich und laut medizinischer Forschung ziemlich inkompatibel waren. Zumindest wollte bei ihnen beiden die Vereinigung von Sperma und Ei nicht stattfinden, was auch immer sie auf unterschiedliche Weise und unter Anwendung fast aller vorhandenen Mittel versucht hatten. Rhys Jones, ein Reproduktionsspezialist mit beeindruckendem Renommee, hatte zögernd sein Scheitern eingestanden. Dann hatte er ihnen auf die Schultern geklopft und beruhigend gemeint, dass es noch immer zu einer Schwangerschaft auf natürlichem Wege kommen könne, wenn sie sich Zeit ließen und Geduld hätten und sich nach der Temperaturmethode und dem Kalender richteten.

Aber Dafydd wusste, dass der Mann auf ein Wunder setzte. Sie waren schon über vierzig. Außerdem hatte er von dem Ganzen allmählich genug. Es zerstörte das bisschen Begierde, das noch zwischen ihnen übriggeblieben war. Das Band der Leidenschaft war von seiner Seite aus so brüchig geworden, dass es ihn erschreckte. Er hatte versucht, es ihr zu sagen – dass etwas Wesentliches verlorengegangen war und dass er sich jetzt als zu alt empfand, um noch Vater zu werden. Aber Isabel ließ sich von ihrem Vorhaben, mit aller Gewalt weiterzumachen, nicht abbringen.

Er verließ das Bett, zog seinen Bademantel über und ging nach unten. In der Küche setzte er den Kessel auf und zog die Vorhänge zurück. Das Wetter war trüb. Ein typischer nieseliger Morgen in Cardiff. Abgestorbenes Laub klebte an der nassen Fensterscheibe, und auf der Fensterbank hatte sich grüner Schimmel gebildet. Dafydd konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal die Sonne gesehen hatte. Dabei war es angeblich noch Sommer. Er schüttete eine Kelle Kaffeebohnen in die Mühle und lauschte dem rasenden Mahlgeräusch, während er gleichzeitig nach seiner Frau horchte. Er war sicher, dass dieser Ton Tote erwecken musste. Aber von oben war kein Laut zu hören. Er atmete das stechende Aroma ein, diese widersprüchliche Mischung aus mediterraner Strandbar und morgendlichen Verpflichtungen.

Während der Kaffee durchlief, ging Dafydd nach vorn, um die Post aufzuheben. Über den Flurboden verstreut lag der übliche entmutigende Haufen. Er sammelte ihn auf und sortierte die Post in drei Stapel auf dem Flurtisch: ihren, seinen und Müll. Ihrer war bei weitem der größte und entsprach dem Arbeitsandrang, der sie erwartete. Doch die Rechnungen schienen alle auf seinen Namen ausgestellt zu sein.

Er nahm seine Handvoll Umschläge mit in die Küche. Sie enthielten unter anderem die Themenpunkte für die Rede, die er in Bristol zu halten versprochen hatte – eine lästige Angelegenheit, die umfangreiche Recherchen erforderlich machte. Flüchtig sah er den Rest durch. Das einzige Schreiben, das ein leichtes Interesse bei ihm weckte, war ein babyblauer Umschlag aus dünnem Luftpostpapier, der in einer seltsam kindlichen Handschrift an ihn adressiert war. Er warf einen prüfenden Blick auf die ungewohnte Briefmarke. Sie kam aus Kanada. Der Stempel lautete klar und deutlich: Moose Creek, Northwest Territories.

»Moose Creek?«, rief er unwillkürlich und starrte auf den Poststempel. Er drehte den Brief um. Ein glänzender Aufkleber in Form eines blauen Elefanten versiegelte die Umschlagklappe. Vielleicht hatte jemand etwas ausgegraben, was er liegengelassen hatte, oder irgendwer meldete sich mal wieder, um ihn an alte Zeiten zu erinnern. Nach all diesen Jahren? Beim Gedanken daran spannte sich sein Bauch ein wenig, und er schlitzte die Kante des zartblauen Umschlags mit dem Zeigefinger auf.

Sehr geehrter Herr Dr. Woodruff,ich hoffe, Sie verübeln mir nicht, dass ich Ihnen schreibe. Ich glaube, ich bin Ihre Tochter. Mein Name ist Miranda, und ich habe einen Zwillingsbruder, Mark. Ich wollte Sie schon so lange finden und habe meiner Mom ständig damit in den Ohren gelegen. Dann hat ein netter englischer Arzt, der sich unser Krankenhaus ansah, meiner Mom geholfen, Sie in einem medizinischen Verzeichnis zu finden.

Falls Sie meine Mom (Sheila Hailey) vergessen haben sollten: Sie ist die schöne Dame, die Sie geliebt haben, als Sie in Moose Creek wohnten (es ist ein Drecknest, darum kann ich es Ihnen nicht verdenken, dass Sie fortgefahren sind, wirklich nicht). Da ich nun alt genug bin (fast dreizehn), hat sie mir alles erzählt. Wie Sie nach England zurückkehren mussten und wie Sie beide nicht heiraten konnten und so. Es ist solch eine traurige Geschichte. Ich habe das alles in einem Aufsatz für die Schule beschrieben. Ich habe ihn »Eine Liebesgeschichte« genannt und ein A dafür bekommen. Miss Basiak war ganz begeistert.

Bitte schreiben Sie mir oder rufen Sie mich an, sobald Sie diesen Brief bekommen.

In Liebe

Miranda

Darunter stand eine Postfachnummer in Moose Creek und eine Telefonnummer.

Dafydd blieb eine Weile regungslos vor der Spüle stehen. Zwei-, dreimal las er den Brief, ohne den Inhalt zu begreifen. Dann spürte er seine Füße. Die Kälte der Bodenfiesen hatte sie taub werden lassen, als stünde er auf blankem Eis.

Er blickte hinab und sah erfrorene Zehen, geschwollen und mit Frostbeulen übersät; die Füße hatten sich durch das absterbende Gewebe verschwärzt. Ein Mädchen, halbnackt und erstarrt im Schnee … der schöne, endlose Schnee. Am Rande dieser blendenden Weiße flimmerten die klaren Umrisse eines kleinen Fuchses, ein Schattenwesen seines Gewissens. Ein alter Mann, ein Inuit-Schamane, hatte ihn ermahnt, seine Gegenwart stets zu beachten. Dafydds Herz begann zu rasen. Dies gehörte zu einer seltsamen Episode seiner Vergangenheit, und plötzlich empfand er eine unerklärliche Angst.

»Hey!« Isabels von oben kommende Stimme ließ ihn hochschrecken. »Der Kaffee riecht gut.«

»Ich komme«, rief er zurück. Er steckte den Brief in die Tasche seines Bademantels und kehrte zu seiner morgendlichen Routine zurück.

Isabel lächelte versöhnlich, als er ihr einen Becher mit Kaffee reichte, aber er nahm ihren reumütigen Gesichtsausdruck nicht wahr. Seine Gedanken waren bei dem Brief. Sie rasten und überflogen eine Unzahl nur noch halb erinnerter Details. Sheila Hailey … Das war verrückt … unmöglich.

»Hör mal, Schatz. Ich weiß, ich war …«, begann Isabel und hielt inne. »Was ist?«

Sein Entschluss, den merkwürdigen Brief für sich zu behalten, brach in sich zusammen. Seine Vergangenheit war das eine, aber er war außerstande, ihr Dinge in der Gegenwart zu verheimlichen.

»Ich habe einen Brief bekommen. Es scheint, dass man mich mit einem anderen verwechselt hat.«

»Das kann doch wohl kaum sein.« Sie reckte den Kopf und lächelte ihn an. »Wie viel ist es denn, und zu welchem Satz?«

Mein Gott. Das war nicht gerade witzig. Er ließ sich neben sie aufs Bett fallen. »Halt dich fest. Es ist ziemlich seltsam.« Zögernd zog er den Umschlag aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. »Schau mal, was du damit anfangen kannst.«

Isabel sah ihn an und stellte den Becher auf den Nachttisch. Sie zog das dünne Papier aus dem Umschlag und entfaltete es. Er beobachtete ihr Gesicht, während sie den Brief rasch las und dabei mit den Lippen lautlos jedes Wort formte. Sie schwieg kurz und starrte nur das Papier an. Dann las sie den Brief erneut, diesmal laut. Sie las ihn mühelos, mit mädchenhafter Stimme und deutlich amerikanischer Aussprache. Sie war schon immer eine vorzügliche Imitatorin gewesen. Aber ihre Vorführung ging ihm auf die Nerven, und eine Sekunde lang fragte er sich, ob sie den Brief selbst geschrieben hatte. Eine Art Scherz. Oder ein Test. Aber sie war blass, ihre Lippen blutleer.

Unvermittelt warf sie ihm den Brief in den Schoß. »Was ist das?«

»Was hab ich dir gesagt?«

Sie musterten einander einen Moment lang.

»Wer ist diese Person?«

Dafydd zuckte hilflos mit den Schultern.

»Du hast eine schwangere Geliebte in Kanada zurückgelassen?«

An seinem Hals bildeten sich rote Flecke. Er konnte sie spüren, kleine Hitzeexplosionen. Isabel bemerkte sie und durchbohrte ihn mit den Augen. Sie interpretierte die Flecke stets als Schuldeingeständnis, während er wusste, dass es sich dabei lediglich um Stressanzeichen handelte; das waren sie schon immer gewesen. Sofort war er gereizt.

»Oh. Um Gottes willen, natürlich habe ich das nicht getan.«

»Gut, und nun?«

Er wusste nicht, was er antworten sollte, und fragte sich, warum er ihr den Brief überhaupt gezeigt hatte. Es war nur natürlich, dass sie bestürzt darauf reagierte und ihn dazu befragen wollte. Er hätte ihn zerreißen und in den Mülleimer werfen und den Kaffeesatz über die Papierschnipsel streuen können. Damit wäre die Sache vermutlich erledigt gewesen.

»Ich kenne ihren Namen. Sheila Hailey war die Oberschwester in dem Krankenhaus, in dem ich gearbeitet habe. Aber ich kann dir versichern, dass ich nie etwas mit ihr hatte.« Das Brennen breitete sich nach oben, zu seinem Gesicht hin aus. »Ich schwöre dir, dass ich einfach keinerlei Nachkommen in Moose Creek haben kann. Das ist völlig unmöglich.« Die ganze Sache war absurd. »Und lass uns nicht vergessen«, setzte er hinzu, »dass meine Spermienzahl, wie du mir so oft vorhältst, drei Erbsen in einem Eimer entspricht.«

»Ja, ich weiß«, stimmte Isabel zu. »Aber das ist heute so.« Sie ließ sich gegen das Kopfende sinken und nippte nervös an ihrem Kaffee. Sein heftiges Abstreiten hatte sie offensichtlich nicht beruhigt. Keiner der beiden sagte ein Wort.

Dafydd schloss die Augen und ließ sein Jahr in Kanada Revue passieren. Konnte er jemanden geschwängert und nie davon erfahren haben? Er war nie promiskuitiv gewesen, das war nicht sein Stil. Aber es war nicht unmöglich. Er hatte damals nicht gerade zölibatär gelebt. Aber angesichts seiner Übervorsicht, eine unerwünschte Vaterschaft zu verhindern, war es unwahrscheinlich. Außerdem ging es hier um eine spezielle Frau, Sheila Hailey, und dieser Frau war er nie nahegekommen.

»Kann es sein, dass du dich betrunken, diese Frau gevögelt und das Ganze einfach vergessen hast?«, fragte Isabel.

Er verstand, dass sie bestürzt war, aber ihm gefiel die Schärfe in ihrer Stimme nicht. »Isabel, du kennst mich doch und müsstest wissen, dass das nicht zu mir passt. Und verzeih mir, aber gevögelt habe ich noch nie.«

Isabel lächelte. »Natürlich hast du das, Schatz. Warum gehst du so in die Defensive? Das ist eine absolut plausible Möglichkeit.«

Er lachte auf. »Ich gehe nicht in die Defensive. Verdammt, du weißt alles über mich, was man nur wissen kann. Ich garantiere dir, dass es sich um einen Irrtum handelt. Oder irgendjemand dort ist total verrückt geworden. Vor lauter Einsamkeit, oder was weiß ich.«

Er wollte nichts vor ihr verheimlichen, das hatte sie nicht verdient, aber tatsächlich wusste sie nicht alles über ihn, was man wissen konnte, nicht restlos alles. In all den Jahren, in denen sie einander ihre Vergangenheit und ihre Einstellung sowie all die kleinen begangenen Sünden, die beschämendsten und die unsittlichsten, offenbart hatten, war es ihm gelungen, den größten Teil seiner arktischen Erfahrungen auszulassen – ein Fenster seines Lebens, das zu zerbrechlich und in mancher Hinsicht auch zu kostbar war, um es ihrem scharfen Blick auszusetzen.

Das auf acht Uhr eingestellte Radio erwachte plötzlich zum Leben. Isabel reckte sich, um es auszuschalten, aber Dafydd streckte die Hand aus, um sie davon abzuhalten. »Lass uns die Nachrichten hören.«

»Jetzt? Ist das dein Ernst?« Sie funkelte ihn zornig an und drehte es laut. Beide taten, als lauschten sie den schnell aufeinanderfolgenden Berichten über die Schrecken und Katastrophen des Tages – Autobomben im Irak, Überschwemmungen in China und das andauernde humanitäre Elend im Sudan. Nach ein paar Minuten schaltete sie den Apparat einfach ab. »Dafydd. Sollten wir nicht miteinander sprechen?«

Er brauchte einige Sekunden, um in die Gegenwart zurückzukehren und den Blick auf seine Umgebung zu konzentrieren. Er betrachtete seine Frau. Das Licht vom Fenster fiel auf ihr dichtes blondes Haar; es veränderte sich ständig und irisierte, als träfen Sonnenstrahlen auf Wasser. Die Störung des Morgens ließ ihre adlerartigen Gesichtszüge schärfer hervortreten. Ihre Nase erschien hakenförmiger, und ihre wachen braunen Augen sahen stechend aus. Isabel war eine beeindruckende Frau, vor allem in schwierigen Situationen. Sie hatte sich stets über die Nachteile beklagt, die es mit sich brachte, wenn man groß war und stark wirkte. Männer hielten solche Frauen nie für verletzlich. Sie mussten für sich selbst sorgen, sich selbst die Türen öffnen. Sie hatte Recht – Dafydd lächelte unwillkürlich –, sie sah auf eine Weise furchteinfößend aus, wie nur sie es konnte.

Sie bemerkte sein Lächeln, und mit demonstrativer Verärgerung begann sie, in der Schublade ihres Nachttisches herumzuwühlen. Bei ihrer lautstarken Suche fand sie ein Päckchen Tabak und etwas Zigarettenpapier. Dafydd beobachtete, wie ihre langen, schlanken Finger mit dem dünnen Papier kämpften, während sie sich eine wellige, unebene Zigarette drehte. Ihre nasse Zunge fuhr an der gummierten Papierkante hin und her.

»Bist du sicher, dass du das tun willst?«, fragte er sie, obwohl ihr Laster etwas leicht Verführerisches hatte. »Du hast damit aufgehört, erinnere dich daran. Es sind schon drei Wochen.«

»Wen schert’s denn?«, gab sie zurück und zündete sich den Glimmstängel an, um dann genussvoll daran zu ziehen. »Dafydd, könnte das irgendein Streich sein? Vielleicht handelt es sich um einen üblen Scherz eines deiner Freunde, der ein perverses Verständnis von Humor hat.«

Geistesabwesend streichelte er ihren Oberschenkel. »Wer von unseren Bekannten würde auf so etwas kommen? Das glaube ich nicht. Ich habe weder Freunde noch Feinde mit ausreichender Fantasie.«

Isabel hustete und drückte den stinkenden Stummel auf der Geburtstagskarte aus, die er ihr in der vergangenen Woche überreicht hatte. »Was ist mit jemandem von damals, aus jener hinterwäldlerischen Ödnis? Bist du jemandem auf die Füße getreten? Und was ist mit dieser Krankenschwester? Will sie irgendetwas von dir? Könnte es eine Art Erpressung sein?«

Dafydd schüttelte den Kopf. »Nein … Ich wüsste nicht, was oder warum. Wir sprechen über etwas, das vierzehn Jahre zurückliegt.«

»Im Ernst. Warum sollte eine Frau versuchen, einem so weit entfernt lebenden Mann eine Vaterschaft anzuhängen, und dann auch noch ausgerechnet einem Arzt?« Energisch umarmte Isabel ihre Knie. »Ein einfacher Gentest würde sie der Unwahrheit überführen. Jeder mit einer einigermaßen ausgeprägten Intelligenz würde das wissen. Ich meine, schließlich ist sie Krankenschwester. Und die armen Kinder – Zwillinge –, welche Mutter würde ein Kind grundlos einen Brief schreiben lassen … an einen Vater, der gar keiner ist?«

»Ich vermute, es handelt sich einfach um ein junges Mädchen mit ausgeprägter Fantasie.« Er schaute auf die Uhr. Er konnte es sich nicht leisten, noch länger im Bett zu liegen. Nachdem er ihr beruhigend den Arm getätschelt hatte, richtete er sich auf. »Wer auch immer sie sein mag, sie tut mir leid.«

»Wach auf, Dafydd«, erwiderte Isabel und schlug mit der Faust aufs Bett, wodurch sie ihre Geburtstagskarte hochwarf und die Asche auf dem Bettzeug verstreute. »Das ist nicht irgendein Mädchen mit einem Hirngespinst. Die Mutter hat offensichtlich einige Anstrengungen unternommen, um dich zu finden. Du glaubst, du kannst einfach die Augen schließen und schnipp, wird die ganze Angelegenheit verschwinden? Das ist so typisch für dich.«

Verärgert über ihren Ausbruch stand er auf und ging duschen. Er ließ das heiße Wasser in einem Strahl auf seinen Kopf plätschern, sodass sich jene verschwommene Kuppel bildete, unter der er sich keine unerfreulichen Gedanken gestattete. Aber an diesem Morgen funktionierte die Übung nicht. Sheila Hailey. Er sah sie deutlich vor sich – zu deutlich. Er drehte das Gesicht in den stachelig auf ihn einprasselnden Wasserstrahl der Dusche, um sich von ihrem Bild zu reinigen.

Dafydd saß zwischen zwei Operationen auf einem Hocker und wartete darauf, dass Jim Wiseman, der Anästhesist, den nächsten Patienten für die OP vorbereitete. Er rutschte herum, blickte auf die Uhr an der Wand und spürte, wie seine Ungeduld wuchs. Ihm war klar, dass er sich nicht von der anstehenden Arbeit ablenken lassen durfte. Er atmete ein paar Mal tief durch und streckte und beugte seine in Gummihandschuhen steckenden Finger, um seine zusammengepressten Hände zu lockern.

Der Tag schien nie angenehm zu verlaufen, wenn Isabel und er nicht wirklich liebevoll auseinandergingen, und in den letzten Wochen hatte jene unausgesprochene Spannung zwischen ihnen vor allem ihr morgendliches Miteinander beeinträchtigt. Isabels biologischer Herzschlag pochte in der fahlen Morgendämmerung am lautesten, und sie war häufig nervös. Und jetzt dieser verdammte Brief. Aber er war sich absolut sicher: Es war absurd, ihm eine Vaterschaft zu unterstellen. Warum also machte er sich Gedanken darüber? Warum sollte er überhaupt auf einen törichten Brief reagieren, auf eine alberne Vermutung, die sich aus einer Entfernung von vielen tausend Kilometern wild gegen die falsche Person richtete?

»Alles fertig«, rief Jim ihm zu, nachdem er den Patienten anästhetisiert hatte. Die fröhliche neue Operationsschwester, eine junge Jamaikanerin, schwang ihre enormen Hüften zu irgendeiner Musik in ihrem Kopf. Dafydds andere Mitarbeiter standen da und warteten auf ihn, ihre Gesichter unergründlich hinter den Masken verborgen.

»Zu was für einer Musik tanzen Sie denn da?«, fragte er die Schwester, während er den Bauch vor sich aufschnitt.

»Ich kann nichts hören«, antwortete sie, und ihre riesige Brust bebte vor Lachen. »Vielleicht gefällt Ihnen diese Art von Musik nicht, Mr Woodrot.«

»Ich heiße Woodruff … Und ja, Ihr ständiges Herumgetanze stört ein wenig. Macht es Ihnen etwas aus …?«

Sie verstand ihn falsch. »Warum sollte mir das was ausmachen, Mann? Jeder hat seine eigene Meinung. Ich fühle mich nicht angegriffen.« Sie kicherte und schwang weiter die Hüften.

Ihre unverschämte Reaktion erheiterte ihn einen Moment lang. Zum Teufel, sie konnten hier ruhig mal ein wenig unbritische Sinnlichkeit gebrauchen; alle waren so schrecklich griesgrämig. Schweigend arbeiteten sie weiter, und die tanzende Schwester erledigte ihre Aufgabe mit außerordentlichem Geschick.

»Verfluchte Sheila«, flüsterte Dafydd vor sich hin, während er den entzündeten Blinddarm abschnitt und in den dafür vorgesehenen Behälter warf.

Die Schwester blickte zu ihm hoch. »Verzeihung, haben Sie etwas gesagt?«

»Nein, nichts.«

Sie reichte ihm ein Instrument, und er starrte es einen Augenblick lang an, ohne genau zu wissen, welchen Zweck es erfüllte. Das war es. Schlagartig wurde ihm klar, dass seine bohrende Besorgnis nicht so sehr dem Brief des Mädchens und ihrem unsinnigen Anspruch galt, als vielmehr Sheila Hailey selbst. Wenn diese Frau ihre Tochter hierzu angestiftet hatte, würde es sicher noch Ärger geben. Da hatte Isabel Recht. Aber warum jetzt, nachdem vierzehn Jahre vergangen waren und er auf der anderen Seite der Erdkugel lebte? Vielleicht kannten Bitterkeit und Hass keine Grenzen. Ein kurzes Schaudern lief ihm über Nacken und Schultern.

»Ist alles okay mit Ihnen?«, fragte die Schwester und sah ihn an.

Jim reckte den Kopf um die Vorhänge. Die Masken machten es unmöglich zu erkennen, was sie dachten. Sowohl Jim als auch die Schwester – er kannte noch nicht einmal ihren Namen – wirkten besorgt. Dafydd beugte sich über seine Arbeit und zwang sich erneut zur Konzentration. Er suchte das untere Ende des Dünndarms gründlich nach einem Meckelschen Divertikel ab, bevor er damit begann, das Peritoneum zu schließen. Die Patientin war ein Mädchen Anfang zwanzig mit einem erfreulich glatten Bauch. Sie würde zufrieden sein.

Dafydd streifte Handschuhe und Kittel ab und ging zum Pausenraum. Gerade saß er an seinem Laptop und schrieb seine Kommentare für die Krankenakte der Patientin, als Jim in seiner üblichen vorgebeugten Haltung durch die Tür geschlendert kam.

»Alles klar?«, fragte Jim beiläufig und goss sich eine Tasse der teerschwarzen Flüssigkeit aus der Kaffeemaschine ein.

Dafydd schaute auf. »Ja … Wieso?«

»Ist alles in Ordnung?«

War sein Konzentrationsmangel so auffällig gewesen? Jim war einer der wenigen Kollegen, die ihn gut kannten. Er wusste von den Schwierigkeiten zwischen Isabel und ihm, von den vergeblichen Fruchtbarkeitsbehandlungen und all dem damit verbundenen Kummer.

»Ja, alles bestens«, log Dafydd und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

»Und Isabel?«

»Oh, na ja, es hat sich bisher noch nichts getan. Sie kann es nicht dabei bewenden lassen. Zumindest hat sie eine Menge Aufträge. Sie reist überall hin. Ich sollte mich wirklich darüber freuen. Wer weiß …« Er lachte ungeduldig. »Vielleicht sollte ich mich ja um eine Frühpensionierung bemühen.«

»Sei nicht albern. Bei deinem Aussehen«, erwiderte Jim und blickte auf seine eigene ständig zunehmende Taille hinab.

Dafydd klappte den Laptop zu und begann, seine Sachen einzusammeln. Einen Moment lang war er versucht, Jim von dem Brief zu erzählen. Aber stattdessen knuffte er ihn in den Bauch und meinte: »Schwing dich aufs Rad, Kumpel. Sprich nicht immer nur darüber.«

Eigentlich hatte er keine Lust, nach Hause zu gehen. Die Anschuldigung konnte nicht einfach zu den Akten gelegt werden. Isabel würde den ganzen Abend darüber sprechen wollen. Sie würden den Brief auf Hinweise überprüfen. Weitere Fragen würden sich stellen, und es gab nichts, was er zur Klärung beitragen konnte.

Dafydd ging den Korridor entlang und bog in die Herrentoilette ab. Dort schloss er sich in eine Kabine ein. Er stellte seine Aktentasche auf den Boden und setzte sich auf den Toilettendeckel. Jemand kam herein, pinkelte, hustete laut, spuckte aus und drückte dann auf die Spülung. Er sah, wie ein paar Pantoffeln vorbeischlurften und aus der Tür gingen. Wie blöd. Was, zum Teufel, machte er hier eigentlich? Er konnte sich in die Kantine oder auf eine Parkbank oder, noch besser, in eine Kneipe setzen und ein Bier trinken.

Er legte den Kopf in die Hände. Ausgerechnet Moose Creek … Dafydd kniff die Augen zu und versuchte, sich die Stadt vorzustellen. Aber alles, was vor seinem geistigen Auge auftauchte, war eine riesige Weite aus Eis.

Vor allem die Erinnerung daran, warum er überhaupt dorthin gereist war, schien er verdrängen zu wollen – das Ereignis, das ihn dazu getrieben hatte, seine in all den Jahren zuvor erfolgreich aufgebaute Karriere als Chirurg abzubrechen und an jenen gottverlassenen Außenposten zu reisen, an den sich kein normaler Mensch, geschweige denn ein Arzt, auch nur im Traum freiwillig begeben würde. Aber die Wucht der Katastrophe war nie ganz von ihm gewichen. Die Erinnerung war stets da und schlich lauernd in den verborgenen Winkeln seines Bewusstseins herum. Das war einer von vielen Gründen, warum er nie über sein Jahr in der kanadischen Wildnis sprach.

Naiverweise hatte er gehofft, Moose Creek werde ihn von seiner Schande erlösen. Er war so verzweifelt bemüht gewesen wegzukommen, dass er keinerlei Ahnung hatte, was ihm bevorstand. Sein einziges Ziel war es gewesen, so weit wie möglich fortzukommen; an den entlegensten Ort der Welt, der sich finden ließ.

KAPITEL2

Moose Creek, 1992

DAFYDDS FINGERVERGRUBEN sich in den Armlehnen, seine Knöchel waren weiß. Das winzige Flugzeug schien senkrecht zu Boden zu fallen, um dann wie ein über die Oberfläche eines Teiches hüpfender Kiesel die Landepiste entlangzuholpern. Schließlich schaukelte es heftig hin und her, bevor es kurz vor dem Ende der Landebahn zum Stehen kam. Dafydd atmete langsam aus, dankte einem höheren Wesen und schüttelte seine Hände, damit sie wieder durchblutet wurden.

Er sammelte seine Habseligkeiten zusammen und lächelte der stämmigen Stewardess zu, die ihn und drei weitere Passagiere energisch zu der herbeigerollten Treppe geleitete. Die Zeit drängte, denn die Maschine musste noch nach Resolute weiterfliegen, dem letzten Außenposten vor dem Nordpol. Als Dafydd aus dem Flugzeug stieg, schlug ihm die Hitze wie eine Wand entgegen. Die Luft war feucht und reglos. Innerhalb von Sekunden fühlte er sich klebrig. Ein stetiges dunkles Summen durchdrang die Stille, das offenbar von Insekten stammte, auch wenn keine zu sehen waren.

Vor der in Fertigbauweise errichteten Halle des Flughafens warteten zwei Taxis. Dafydds Mitreisende schnappten sich schnell das sauberere von beiden. Das übrig gebliebene war ein heruntergekommener alter Valiant – ein Automobil, das er als Junge bewundert hatte. Die vordere Stoßstange wies eine scheußliche Beule auf. Dafydd hob die Augenbrauen, und die Frau hinter dem Steuer nickte. Er griff seine beiden Koffer und schleppte sie zum Auto.

»Ich will verflucht sein«, meinte die Frau mit einem starken, nicht einzuordnenden Akzent, als sie Dafydd helfen wollte, die Koffer ins Auto zu laden. »So, wie Sie aussehen, werden Sie sicher eine Ewigkeit bei uns bleiben.«

»Ja, zehn Monate«, sagte Dafydd. Er erwiderte ihr Grinsen, das ihr Doppelkinn beben ließ, und schob sich auf den Beifahrersitz, der mit Hundehaaren übersät war.

»Was machen … arbeiten Sie für die Forstbehörde?« Die Frau sprang in den Wagen und schaute ihn unbefangen an.

»Nein«, erwiderte er energisch, als er merkte, dass er ausgehorcht werden sollte. »Würden Sie mich bitte zum Klondike Hotel fahren?«

»Klar.« Sie brachte den Motor auf Touren und fuhr mit Karacho von dem kiesbestreuten Parkplatz, wobei sie in der stillstehenden Luft hohe Staubwolken hinter sich ließ. »Was machen Sie denn beruflich, Mister?«, setzte sie nach und musterte seinen makellosen Anzug. »Der edle Zwirn da wird in ein oder zwei Tagen reichlich ramponiert aussehn.«

»Was soll ich Ihrer Meinung nach denn tragen?«, fragte Dafydd gereizt und beobachtete, wie seine Hosenbeine die Hundehaare wie durch Osmose in sich aufsaugten.

»Hängt von Ihrem Beruf ab, Mister«, versuchte sie es erneut. »Holzfäller sind Sie jedenfalls nicht.« Bei dieser Feststellung kicherte sie herzlich, und dann wandte sie ihre Augen ganz von der Fahrbahn ab und drehte sich erwartungsvoll zu ihm hin.

»Ich bin Arzt«, informierte er sie schnell.

»Wunderbar!«, jubelte sie. »Das hab ich mir gedacht.« Sie scherte leicht aus, um nicht im Graben zu landen. »Niemand ist so froh, Ihnen zu begegnen, wie ich, das sag ich Ihnen.« Sie nahm eine ihrer molligen Hände vom Steuer und drückte Dafydds. »Ich bin Martha Kusugaq. Hab ein schlimmes Geschwür am Fuß, das schrecklich weh tut. Macht das Fahren wirklich zur Qual. Sehn Sie.« Sie griff nach unten und ließ ihren Schuh auf den Boden fallen, um ihm eine eitergefüllte Wucherung an der Seite ihres Fußrückens zu zeigen.

»Schlimm«, bestätigte Dafydd und richtete seine Augen in der Hoffnung, sie werde es ihm nachtun, auf die vor ihnen liegende holprige, gewundene Straße.

»Sind Sie morgen in der Klinik?«, fragte sie und drehte sich erwartungsvoll zu ihm hin.

»Das vermute ich.« Seine erste Patientin … jetzt schon!

»Okay, also morgen. Abgemacht.« Sie schlüpfte wieder in den Schuh. »Die Ärzte, die wir hier haben, sind scheiße, das sag ich Ihnen. Wenn Sie mich irgendwas fragen wollen – gern. Ich erzähl Ihnen die volle Wahrheit.« Offensichtlich spekulierte sie darauf, nun mit Fragen bombardiert zu werden. Als keine kamen, blickte sie ihn unter ihrem Pony hervor erneut an und erkundigte sich mit leichtem Misstrauen: »Was führt einen netten Herrn wie Sie in diese einsame Gegend?«

Es gab absolut keinen Grund, aus der Fassung zu geraten, sagte er sich. Niemand wusste irgendetwas über seine Geschichte, von einem knappen Lebenslauf abgesehen. Der Krankenhausdirektor Dr. Hogg hatte noch nicht einmal seine Referenzen überprüft. Außerdem war er sich sicher, dass eine Kenntnis seiner Motive keinerlei Bedeutung gehabt hätte. Junge Chirurgen kamen schließlich nicht aus Spaß nach Moose Creek.

Martha musterte ihn mit unverhohlener Neugier und wartete auf seine Antwort.

»Warum fragen Sie das?«, gab er neckend zurück, um sein Unbehagen zu überdecken. »Wollen Sie damit sagen, dass dies kein geeigneter Ort für einen netten Burschen wie mich ist?«

»Einen Burschen?«, kicherte Martha. Sie trat kräftig auf die Bremse, um nicht ein kleines Pelztier zu überfahren, das über die Straße raste. »Oh, der Ort hier ist ganz in Ordnung, für solche wie mich sowieso. Wir nennen’s hier das Arschl… den Hintern der Welt.« Sie wandte sich ihm wieder in ihrer direkten Art zu. »Die kommen alle her, weil sie sonst nirgends hin können. Arbeitsmäßig mein ich.«

»Wer?«

»Na ja … Ärzte.«

Dafydd spürte, wie sich sein Kiefer unwillkürlich verkrampfte. »Ist es noch weit?«

»Wir haben unsere eigene Medizin, wissen Sie. Ich hab ein paar Tricks von meiner Oma aufgeschnappt.« Wieder warf sie ihm einen seitlichen Blick zu und gluckste tief in der Kehle. »Ich wette, ich könnte Ihnen noch das eine oder andere beibringen.«

Er kapitulierte und brach in Gelächter aus. Sie schloss sich ihm an. Er fühlte sich anerkannt, zumindest als Mensch, da ja alle Ärzte scheiße waren (wenn sie wüsste).

»Soll ich anfangen, mir Sorgen zu machen?«, fragte er. »Sie fahren mich ja ganz schön weit raus.«

»Dann passen Sie mal schön auf sich auf, so’n hübscher Junge wie Sie. Es gibt ’ne Menge Frauen, die nicht zögern würden, Sie mit ihren schmutzigen Pfoten anzutatschen, das sag ich Ihnen. Wie alt sind Sie? Höchstens um die dreißig, oder?«

Er lächelte. »So in etwa. Aber ich verrat’s nicht.«

Verstohlen betrachtete er sie. Sie war zwischen vierzig und fünfzig. Es gab keinen Zweifel, dass sie eine eingeborene Kanadierin war. Ihr Kopf und ihr Nacken waren kräftig und saßen bequem auf breiten, gut bepackten Schultern. Ihr struppiges schwarzes Haar hing ihr zu einem einzigen Zopf gefochten über den Rücken. Im Verhältnis zu ihrem dicken Bauch hatte sie eine kleine Brust. Ihre Beine waren ziemlich dünn, aber muskulös und steckten in Leggings. Aber sie hatte ein glattes, frisches Gesicht, und ihre Augen funkelten mutwillig.

Die Stadt kam in Sichtweite. Sie wirkte völlig fach. Kein Gebäude war mehr als zwei Stockwerke hoch. Ein trostloser und langweiliger Anblick. Um die Stadt zog sich spärlich mit Nadelbäumen bestandenes Waldland, und in der Ferne waren Hügel oder Berge zu sehen. Über den Gebäuden waberte die Hitze.

Sie kamen an einem ausgedehnten Motel vorbei, einem instabilen Schindelgebäude. Seine niedrigen, wackeligen Hütten säumten die Straße, gefolgt von Colleen’s Café, das ebenfalls baufällig war. Das Auto sauste eine breite Hauptstraße entlang. Dafydd starrte in einer Mischung aus Bestürzung und Faszination auf seine Umgebung. Das war’s? Er hatte eine verblichene Ansichtspostkarte von der Stadt gesehen, die Dr. Hogg ihm zusammen mit der Arbeitsplatzbeschreibung zugesandt hatte. Das Foto hatte ziemlich exotisch gewirkt, ein echter, mit Schnee und Eis bedeckter subarktischer Außenposten. In einem Touristen-Informationsblatt hieß es, der Ort liege »mitten in einer eindrucksvollen Landschaft mit hohen Bergen, reißenden Flüssen und funkelnden Seen; endlose nördliche Wälder lichten sich zur arktischen Tundra hin«.

Die Realität war eine Ansammlung aus hässlichen, staubigen, heruntergekommenen Häusern, die mitten in einen Tausende von Quadratkilometern umfassenden, trostlosen Wald gesetzt worden waren. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass es Spätsommer war. Jene weiße, unheimliche und geheimnisvolle Landschaft entstammte dem tiefsten Winter, wenn die Temperaturen auf fünfzig Grad unter null fielen. Dem würde er noch früh genug ausgesetzt sein.

Marthas Wagen kam mit quietschenden Reifen neben einem seltsam grandios wirkenden Gebäude zum Stehen. Es hatte eine falsche Fassade, wie in der Kulisse zu einem Western. Die kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen und die eleganten Balkone waren eine Täuschung aus billigem, in Form gegossenem Plastik, das nun aufplatzte und dessen Farbe verblichen war. Von vergoldeten Ketten hing ein Schild mit der Aufschrift: Klondike Hotel.

»Da sind wir«, erklärte Martha mit einer Spur von Lokalstolz. »Könnten nichts Besseres kriegen … nicht in dieser Gegend.« Sie sah ihm direkt in die Augen. »Nun hören Sie mal zu, Doc. Wenn Sie irgendwann ein Taxi brauchen, bei Tag oder bei Nacht, dann rufen Se mich an, ja?«

»Danke, Martha, aber ich gehe lieber überall zu Fuß hin. Es ist eine winzige Stadt.« Lachend zeigte er die Straße entlang. »Wann werde ich hier schon ein Taxi brauchen?«

»Warten Sie’s ab«, spottete Martha. »Sie werden schon bald so sein wie alle anderen. Niemand geht hier zu Fuß. Es ist entweder zu heiß und zu staubig oder zu kalt und zu rutschig, oder Sie sind zu betrunken. Meistens wahrscheinlich Letzteres.« Ihre Stimme wurde ein wenig weicher, als sie den Zwanzigdollarschein annahm, ohne Wechselgeld herausgeben zu müssen. »Passen Sie auf sich auf, junger Mann. Ich meine es ernst. Diese Stadt ist nicht ohne.«

Mehrere Männer lungerten vor den Plastikportalen des Klondike Hotels herum. Fast alle schienen eingeborene Kanadier zu sein. In der hellen Sonne wirkten sie vertrocknet und verschrumpelt; kleine, untersetzte, ärmliche Männer. Einige von ihnen waren offenbar betrunken, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war.

Als Dafydd seine Koffer zur Tür schleppte, sprang einer von ihnen vor und versuchte, ihm einen Koffer aus der Hand zu reißen. Irritiert von dem plötzlichen Angriff, wehrte sich Dafydd. Ein kurzes Gerangel folgte, bei dem beide Männer den Griff umklammerten und versuchten, dem anderen den Koffer zu entwinden. Die übrigen Männer, die an der Wand des Hotels lehnten, begannen zu kichern. Niemand machte Anstalten, sich einzumischen.

»Ich will Sie nicht berauben, Mister«, rief der Angreifer und ließ plötzlich los. Dafydd verlor das Gleichgewicht, stolperte nach hinten und stürzte über seinen anderen Koffer, den er auf den Boden gestellt hatte. »Ich wollte Ihnen nur helfen«, sagte der Mann und blickte auf ihn hinab, wie er, alle viere von sich gestreckt, auf dem staubigen Bürgersteig lag. »Hier bekommen Sie ’nen guten alten nordischen Empfang.« Mit einem unverschämten Grinsen im dunklen Gesicht fügte er hinzu: »Aber das liegt ganz an Ihnen.«

Dafydd sprang auf und klopfte den Staub von seinem Anzug. »Sie hätten etwas sagen können.« Er war sich sicher, dass der Mann ihn absichtlich hatte stolpern lassen.

»Okay«, meinte der Mann. »Haben Sie ein bisschen Kleingeld übrig?«

Dafydd schaute ihn einen Moment lang kalt an. Er war über die Konfrontation verärgert und fragte sich, ob diese Kerle ihn für einen durchreisenden Geschäftsmann und damit für Freiwild gehalten hatten, oder ob diese Art verdeckter Feindseligkeit eine alltägliche Plage war.

»Ist das Ihr Ernst?«, erwiderte er zornig und fest entschlossen, das letzte Wort zu behalten.

Die Männer lachten. Irgendwie schienen sie nun auf seiner Seite zu sein, und der Vorfall wirkte plötzlich weniger bedrohlich. Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass Martha Kusugaq mit verschränkten Armen neben ihrem Taxi stand. Er hatte den Eindruck, dass sie ihm unmerklich zunickte, eine strenge Ermunterung. So gelassen wie möglich trug er seine schweren Koffer in die Lobby.

Im Hotelrestaurant bekam er ein erstaunlich gutes Essen serviert. Die Spezialität des Hauses: Elchpastete mit Lingonbeerensauce und Reis. Der Hauswein war gut, wenn auch ein wenig süß. Doch er trank ihn, weil er die erwünschte Wirkung hatte. Außer einem älteren Paar in einer Ecke war er allein. Sie leerten eine Flasche dunklen, bernsteinfarbigen Alkohols. Dazu rauchten sie in schweigender Hartnäckigkeit je ein Päckchen Zigaretten.

Im Gegensatz dazu war der »Biersalon« brechend voll. Durch den Bogengang, durch den ein Schwall von Rauch und Lärm ins Restaurant herüberzog, hatte Dafydd einen guten Blick auf die Bar. Männer in Arbeitskleidung drängten sich um kleine Tische, während Serviererinnen in Miniröcken hin und her rannten. Den Arm über die Köpfe der Gäste erhoben, balancierten sie riesige Tabletts mit randvollen Biergläsern auf einer Hand.

Durch den Bogen kam ein Paar herein. Sie entdeckten Dafydd und gingen auf ihn zu.

»Dafydd Woodruff?«, fragte der Mann.

»Das bin ich.«

In dem schummrig-rötlichen Licht wirkte der Mann stattlich und gerade, wenn auch ein wenig mager. Seine Haare waren blond und gewellt und reichten ein ganzes Stück über seine Schultern. Er trug enge, abgewetzte Jeans, die von einem geprägten Ledergürtel mit einer großen, verschlungenen Silberschnalle gehalten wurden. Die Frau war eine beeindruckende Rothaarige in einem kurzen, engen Lederrock. Über ihrer Brust spannte sich eine knappe weiße Hemdbluse. Trotz ihrer provozierenden Kleidung sah sie streng aus. Sie waren in seinem Alter, etwa Anfang dreißig.

Ein wenig irritiert versuchte Dafydd, die beiden einzuordnen, während er die ausgestreckte Hand schüttelte. Aber die langen Haare und die zwanglose Kleidung des Mannes boten ihm keinen Hinweis.

»Ian Brannagan«, stellte sich der Mann schließlich vor.

»Natürlich«, rief Dafydd und versuchte, seine Überraschung zu verbergen. Sein künftiger Kollege hatte etwas eindeutig Unärztliches. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie … Ich dachte, dass ich alle erst morgen treffen würde.«

»Morgen werden Sie viel um die Ohren haben.« Ian Brannagan klopfte ihm leicht auf die Schulter, setzte sich hin und zog für die Frau einen weiteren Stuhl heran. Ihr Gesichtsausdruck war unergründlich, aber Ian Brannagan hatte trotz seiner scharfkantigen Züge eine freundliche und offene Ausstrahlung. Sein Kinn war eckig, und er hatte eine lange Nase. Seine Lippen waren dünn und farblos, doch sein Lächeln war breit und zeigte eine große Zahl gesunder Zähne. Bei näherer Betrachtung wirkte er sowohl vom Gesicht als auch von der Kleidung her vergrämt und müde.

Dafydd wandte sich der Frau zu und wartete darauf, ihr vorgestellt zu werden.

»Ich bin Sheila Hailey«, sagte sie und drückte seine Hand ohne weitere Erklärung mit festem Griff.

»Sie sind ein Geschenk des Himmels, mein Freund«, versicherte Ian Brannagan. »Wir sind am Verzweifeln, seit uns unser letzter, Monsieur Docteur Odent, vor zwei Wochen verlassen hat. Im Krankenhaus herrscht ein höllisches Chaos.«

»Tatsächlich?« Dafydd lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und versuchte, entspannt auszusehen. Höllisches Chaos! Und da brauchen sie jemanden wie mich?

Ian Brannagan steckte sich eine Zigarette an und sah auf die Reste der Elchpastete auf dem Teller. »Stört es Sie, wenn ich rauche?« Er schob sich zurück und musterte Dafydd auf unvoreingenommene, doch freundliche Art. Die Frau neben ihm richtete den Blick ebenfalls auf Dafydd, wenn auch weniger freundlich. Sie hatte sich mit zwanglos übereinandergeschlagenen Beinen ein wenig entfernt von ihnen hingesetzt.

»Wie lange sind Sie schon hier, Ian?«, fragte Dafydd.

»Oh, erst ein Jahr oder so.« Ian runzelte die Brauen. »Immerhin zwei Winter. Mein Gott, wie die Zeit vergeht.«

»Aber es gefällt Ihnen hier?«

»So lala«, antwortete Brannagan gleichmütig und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Ein langes Stück Asche bildete sich an ihrem Ende, und er bemerkte, dass Dafydd es anschaute. Auf dem Tisch stand kein Aschenbecher. Also ließ er die Asche in die Pastetenhülle fallen, die das saftige Elchfleisch enthalten hatte. Dafydd zuckte unwillkürlich zusammen. Lektion Nummer eins, dachte er entschieden, keine Allüren.

Eine attraktive dunkelhaarige Kellnerin erschien aus Richtung der Bar und kam an ihren Tisch. Sie wandte sich mit erkennbarer Vertrautheit an Ian und fragte: »Darf ich dir und deinem Freund etwas zu trinken bringen?«

»Bitte.« Ians Augen verschränkten sich kurz mit ihren. »Bring uns ein paar Flaschen Extra Old Stock und Eistee für die Dame.«

»Ich weiß, was ›die Dame‹ trinkt«, gab das Mädchen frech zurück. Dann zögerte sie. »Sind Sie der neue Arzt?« Sie stützte ihre Hand in die Hüfte und begutachtete Dafydd mit scharfem Kennerblick.

»Das ist Brenda«, mischte sich Brannagan ein und streckte die Hand aus, um die Kellnerin irgendwo in der Körpermitte zu berühren. »Bei ihr müssen Sie sich vorsehen. Sie lässt sich von niemandem was gefallen. Nicht wahr, mein Sonnenschein?«

Sheila Hailey stieß ein trockenes Glucksen hervor, während die beiden Männer zusahen, wie sich Brenda umdrehte und ging. Sie hatte stramme Beine, die energisch unter einem engen roten Rock hervorkamen und in prächtigen zweifarbigen Cowboystiefeln verschwanden. Ihr glattes schwarzes Haar schwang mit jedem scharfen kleinen Schritt absichtsvoll hin und her. Brannagan murmelte irgendetwas Anerkennendes. Dann rief er: »Herrgott, Sie trinken doch Bier, oder? Mal wieder typisch für mich, nicht zu fragen.«

Dafydd lachte. Er begriff, dass er keinen guten Eindruck zu machen brauchte. Jedenfalls nicht bei Brannagan. Er schien ein merkwürdiger Arzt zu sein.

»Sind Sie gebunden?«, fragte Sheila Hailey plötzlich.

»Wie bitte?«

»Sind Sie Single?«

»Ah, nun – ja.«

Brendas Stiefel klackten über den Holzfußboden zurück, und sie öffnete die Flaschenverschlüsse geschickt mit einer Hand. Kokett machte sie auf den Absätzen kehrt und marschierte klackend zurück zur Bar, wobei sich ihre Gesäßbacken unter dem eng anliegenden roten Stoff stolz aneinanderrieben.

»Gib dem Mann doch erst mal einen Moment, sich einzugewöhnen, ja?«, sagte Brannagan zu Sheila und versetzte ihr einen sanften Stoß mit dem Ellenbogen.

»O Gott, ich habe keinerlei Absichten«, versicherte sie und lächelte zum ersten Mal. »Ich versuche nur herauszufinden, wie lange er bleibt.«

Dafydd spürte ein empörtes Kribbeln im Nacken, aber er wollte nicht humorlos erscheinen. »Wieso interessiert Sie das?«, fragte er leichthin.

Obwohl die Frau mit ihrem herzförmigen Gesicht, ihren großen, durchdringenden Augen und ihren dichten roten Locken wunderschön war, hatte sie etwas bewusst Gehässiges an sich. »Nur mit der Ruhe«, meinte sie mit einem leicht herablassenden Lächeln. »Sie werden hier sehr gefragt sein. Das heißt, wenn Sie was taugen.«

Ian und Sheila lachten, doch Dafydd errötete peinlicherweise.

»Kein Grund zur Sorge«, sagte Ian und tätschelte seinen Arm. »Sie meint, als Chirurg, nicht als Mann.«

Dafydd versuchte, seinen Ärger zu verbergen, und wandte sich an Sheila. »Haben Sie etwas mit dem Krankenhaus zu tun, oder sind Sie … eine Freundin von Ian?«

Sheila und Ian wechselten einen kurzen Blick. Dafydd bemerkte die kurze Übereinkunft. Es war keine Wärme oder Zuneigung und auch keine Leidenschaft, sondern etwas anderes. Irgendetwas verband sie.

»Ich bin Ihre Oberschwester«, erklärte Sheila in einer Weise, die zweifellos zum Ausdruck bringen sollte, dass sie seine Chefin war. Ian sah sie ehrerbietig an. Offenbar akzeptierte er ihre Autorität vorbehaltlos.

Das kettenrauchende Paar in der Ecke hatte sich aus seiner Erstarrung gelöst und stritt sich nun. Die drei hörten dem betrunkenen Zwist ein paar Minuten lang zu. Es schien um die Rechte des Paares an einem Kleintransporter zu gehen. Sheila hob ihr Glas und kippte den Rest ihres Eistees hinunter. Dafydd betrachtete ihren Nacken. Er war zart und weiß wie Porzellan, abgesehen von zahlreichen Sommersprossen, die in dem gedämpften Licht jedoch kaum zu erkennen waren.

Sie stand auf. »Wir fangen um genau 7.45 Uhr an. Seien Sie pünktlich.« Als wolle sie ihren Befehl entweder unterstreichen oder abschwächen, legte sie, während sie an Dafydds Stuhl vorbeiging, eine gertenschlanke Hand auf seine Schulter. Die Berührung kühlte die Haut unter seinem Hemd und ließ ihn erschauern. »Bitte«, fügte sie im Nachhinein hinzu, und ohne noch ein weiteres Wort an Ian zu richten, war sie verschwunden.

Ian lächelte resigniert und zuckte die Schultern. »So ist Sheila«, seufzte er.

Eine Gruppe massiger Frauen stürmte durch den Bogengang herein. Sie trugen Jeans, Schirmmützen und Karohemden und sahen aus wie weibliche Versionen typischer Holzfäller. Lärmend setzten sie sich an einen Nachbartisch.

Ian warf den Kopf zurück und lachte über Dafydds erschrockenen Gesichtsausdruck. »Absolut nette Mädchen«, flüsterte er ihm warnend zu. »Sie können hier nicht allzu hohe Ansprüche stellen.«

»Gut, dann erzählen Sie mir, wie man hier seine Freizeit verbringt«, raunte Dafydd.

»Meinen Sie in Bezug auf Frauen oder allgemein?«

»Ich meine allgemein.«

»Wenn Sie an einer interessiert sind, können Sie mich vorher immer über sie befragen.« Brannagan zwinkerte ihm zu. »Ich sage Ihnen dann, ob sie’s wert ist.«

Dafydd spürte wieder ein Unbehagen in sich aufsteigen. Okay, er war neu hier, aber er war nicht blöd. Zugleich wusste er, dass er sich nichts anmerken lassen durfte. Es konnte durchaus sein, dass er einen Verbündeten brauchte. Brannagan war ein Außenseiter wie er selbst, aber fraglos der Mann mit den erforderlichen Kenntnissen.

»Erzählen Sie mir etwas über Moose Creek.«