Zeit des Sturms - Mila Sommerfeld - E-Book

Zeit des Sturms E-Book

Mila Sommerfeld

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6,99 €

Beschreibung

Ein prachtvolles Kaufhaus, eine mächtige Familie und eine verbotene Liebe
Die dreiteilige Familiensaga in Zeiten des Aufruhrs

Würzburg, 1933: Als sich Sophia Wagner ausgerechnet in einen Mann verliebt, der wegen seiner politischen Gesinnung von den Mitgliedern der NSDAP verfolgt wird, gerät ihr Leben aus den Fugen. Denn sie gewährt ihm Unterschlupf, wissend, dass sie dabei ihr Leben riskiert und auch ihre Familie in große Gefahr bringt. Zudem gehört ihr Vater der Partei an und vertritt ihre Inhalte aus Überzeugung. Sophias Liebe aber dämpft die Angst vor der Verfolgung, die sie oftmals zu ersticken droht. Als ihrem Geliebten die Flucht gelingt, ist sie erleichtert und der festen Überzeugung ihn eines Tages wiederzusehen. Doch dann kommt alles anders als erwartet …

Erste Leserstimmen
„die Geschichte schildert eindringlich eine bewegte Zeit, die Familie und Liebende trennte“
„eine fesselnde Familiensaga um drei Schwestern“
„ich habe bereits „Zeit des Glanzes“ verschlungen und konnte hier endlich mehr übder die Charaktere erfahren“
„die Beschreibungen des prächtigen Kaufhauses, der Mode der 30er Jahre und der historischen Begebenheiten ließ mich komplett in die Geschichte eintauchen“
„eine bittersüsse Liebes- und Familiengeschichte mit gut recherchiertem, historischen Hintergrund“

Weitere Titel dieser Reihe
Zeit des Glanzes (ISBN: 9783960875888)
Zeit der Hoffnung (ISBN: 9783960876786)

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Seitenzahl: 543

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Über dieses E-Book

Würzburg, 1933: Als sich Sophia Wagner ausgerechnet in einen Mann verliebt, der wegen seiner politischen Gesinnung von den Mitgliedern der NSDAP verfolgt wird, gerät ihr Leben aus den Fugen. Denn sie gewährt ihm Unterschlupf, wissend, dass sie dabei ihr Leben riskiert und auch ihre Familie in große Gefahr bringt. Zudem gehört ihr Vater der Partei an und vertritt ihre Inhalte aus Überzeugung. Sophias Liebe aber dämpft die Angst vor der Verfolgung, die sie oftmals zu ersticken droht. Als ihrem Geliebten die Flucht gelingt, ist sie erleichtert und der festen Überzeugung ihn eines Tages wiederzusehen. Doch dann kommt alles anders als erwartet …

Impressum

Erstausgabe Februar 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-677-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96698-161-3 Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-121-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design unter Verwendung von Motiven von rjenkins.co.uk: © Richard Jenkins shutterstock.com: © mgdesigner, © Aphakorn Fuengtee Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Zeit des Sturms

Für meine Familie

1

Würzburg, 1933

Die Vorhänge an den Fenstern waren noch offen. Der Mond stand milchig weiß am nachtschwarzen Himmel, einzig ein Stern zeigte sich neben ihm. Zu wenig Licht, um einzelne Büsche im Garten erkennen zu können. Vielmehr wirkten sie wie große, schwarze Klumpen. Schwarz die Nacht, die Umgebung, der Horizont. Dabei war Schwarz keine Farbe.

Sophia seufzte. Kannten ihre Schwestern sie so wenig oder meinten sie, sie zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen zu müssen? Zusammen mit Katharina und Maria würde sie den Abend ihres neunzehnten Geburtstages im Tanzcafé Christina verbringen, obwohl sie nicht gerne tanzte und das Café nicht einmal kannte. Bis jetzt war es ein schöner Geburtstag gewesen. Ihre Eltern hatten ihr einen besonderen Tag bereitet. Ob der Abend wohl auch so werden würde?

Sie zog die Vorhänge zu. Nur ihr Zimmer besaß zwei hohe Fenster. Obwohl Katharina ein gutes Jahr älter war als sie, hatte sie ihr das größte überlassen. Zum Glück! Schließlich musste sie all die gemalten Bilder irgendwo unterbringen und mehr Licht zum Malen bekam sie so auch ab.

Die Uhr schlug sechsmal, Zeit sich zurechtzumachen. Sie schlüpfte aus Rock und Bluse und trat zu ihrem Bett. Dort lag es! Das Kleid, das sie heute Abend tragen würde. Vorsichtig nahm sie es auf und zog es über. Die Seide kühlte ihr die Haut und wog weniger als die schwere Wolle, die sie im Winter meist trug. Wie es ihr wohl stand? Sie stellte sich vor den Spiegel.

Die Farbe des Kleides hatte das wässrige Blau des Himmels an einem Nachmittag im Sommer, der gleiche Farbton wie der Stein an ihrem Armkettchen, der gleiche wie der ihrer Augen - ihre Lieblingsfarbe. Blau schimmerte hoffnungsfroh, selbst jetzt am Abend bei dem schummerigen Licht der Lampe. Sie drehte sich vor dem Spiegel. Das Kleid schmeichelte ihrer etwas zu fülligen Taille, weil es den Blick auf die bauschigen Ärmel lenkte. Perfekt!

Sie lächelte sich im Spiegel an. Heute hatte Vati ihr das schönste Geschenk überhaupt gemacht. Sie durfte in der Aula der Oberrealschule ihre Werke ausstellen. Schon wieder bekam sie deswegen einen Kloß im Hals. Sie hatte hart an sich gearbeitet und sie wünschte sich sehnlichst, dass viele ihre Bilder betrachteten und sich bestenfalls daran erfreuten. Schon länger drängte es sie danach, die Meinung anderer zu hören. Nun bot sich die Möglichkeit dazu. Endlich! Mit der Ausstellung würde sie Mama beweisen, wie gut sie ihr Handwerk beherrschte. Mama, der sie nie etwas recht machen konnte.

Nichts da! Kein Trübsal blasen! Heute war ein Tag der Freude.

Sie trat an die Zimmertür und lauschte nach draußen. Ob Maria und Katharina bereits ihre Abendkleidung trugen? Katharina schaute gewiss wieder aus wie aus dem Modemagazin entsprungen und Maria war ohnehin wie eine Bienenkönigin, um die die männlichen Wesen kreisten.

Schnell noch einmal einen Blick in den Spiegel werfen. In dem Kleid wirkte sie wie eine Fee aus den Märchen.

David klopfte an, sie erkannte das zaghafte Klopfen, dann blieb er im Türspalt stehen. Der gute David, für sie mehr ein Zweitvater als Bediensteter. Ihm gefielen all ihre Bilder. Unermüdlich hatte er sie motiviert, ihre Gefühle in ihre Werke zu legen, so lange, bis sie sich mit jedem einzelnen zufriedengab.

„Was gibt es, David?“

„Die gnädigen Fräulein warten.“

„Danke.“

Er gab die Tür frei.

In der Galerie kam Maria als Erste heran und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Katharina lächelte. „Ich ahnte, dass dir das Kleid ausgezeichnet stehen würde.“

Nachdem Vati und selbst Mama sie bezaubernd fanden, fuhren sie zu dritt zum Café Christina.

Tanzmusik vermischte sich mit Stimmengemurmel, der Duft nach Wein und Zigarettenrauch schlug ihnen entgegen. Sophia hielt kurz den Atem an. Die Gerüche verabscheute sie. Sie atmete flach weiter. Den Abend über würde sie die schon aushalten.

Sie drängten an den Tanzpaaren vorbei, die auf dem Holzboden herumwirbelten. Linker Hand spielte ein Musiker auf einem Klavier. Er hielt die Augen geschlossen und schien in seiner Musik aufzugehen. Wie gut sie das Gefühl kannte. In solchen Augenblicken drang sie während des Malens in ihr Innerstes vor und legte ihre Stimmung in ihr Werk.

Hinter der Tanzfläche reihten sich Tische und Stühle aneinander, über denen kreisrunde Leuchten ein fahles Licht spendeten. Am hintersten Ende wischte eine Frau die Theke sauber.

Katharina blieb dicht hinter ihr, Maria zog sie mit sich. Schon schnellten junge Männer in die Höhe und boten ihnen einen Platz an deren Tischen an. Maria wählte einen aus, von dem sie einen direkten Blick auf einen goldgerahmten Spiegel an der Wand hatte. Darin prüfte sie ihre Frisur und lächelte. Sie schaute auch heute aus wie ein schwarzhaariger Engel mit dunklen Augen.

Einer der Männer bat Sophia um den ersten Tanz, noch bevor sie Platz genommen hatte. Der Mann führte sie geschickt zum Tango „Du schwarzer Zigeuner“. Leider redete er kein Wort mit ihr, dafür sprach sein Gesicht Bände. Eine Röte zog sich vom Hals über seine Wangen. Gleich nach dem Tanz brachte er sie an den Platz zurück, dankte und verschwand zu einer Gruppe von Männern.

Ein anderer kam heran, reichte ihr ein Glas Wein und warf ihr bewundernde Blicke zu. Offenbar stand das Kleid ihr wirklich gut.

„Du strahlst richtig von innen heraus“, sagte Katharina.

Sie stieß mit ihr an. „Ihr habt mich wohl gut herausgeputzt.“

„Du siehst wirklich hübsch aus.“ Katharina deutete mit dem Kinn in eine Ecke und lachte. „Maria aber auch. Sie ist von so vielen Männern umgeben, dass man nur noch ihr Lachen wahrnimmt.“

Marias Lachen steckte sie an. „Hoffentlich kann sie sich all die Namen merken.“

„Das braucht sie nicht, sie stellen sich ihr oft genug vor.“

Auf einmal stand Joseph Weiß an ihrem Tisch. Er begrüßte sie mit einer leichten Verbeugung: „Guten Abend, Fräulein Wagner.“

Katharina grüßte lächelnd zurück. Auch Sophia musste über die förmliche Anrede Josephs schmunzeln. Neulich erst war Katharina zu ihm in den Wagen gestiegen und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Und auch jetzt hielten sie einander mit Blicken fest.

Wie schön für die beiden! Katharina lächelte sie an, drehte sich aber gleich wieder zu Joseph um.

Der schien sich von dem Betrachten seiner Liebsten losreißen zu müssen, wandte sich an sie und überreichte ihr ein Geburtstagsgeschenk. Es war ein Parfum, Chanel No 5.

„Vielen Dank, Herr Weiß.“

Bestimmt stammte es aus seinem Kaufhaus und das führte er bereits seit zwei Jahren, obwohl er nur wenig älter war als Katharina. Bewundernswert!

Er lächelte. „Es freut mich, wenn es Ihnen gefällt, Fräulein Wagner.“

Dann beugte er sich hinab zu Katharina und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Daraufhin raffte sie die Sachen zusammen und entschuldigte sich bei Sophia. „Herr Weiß und ich müssen noch etwas bereden. Ist dir das recht?“

Sie nickte. Was sollte sie auch erwidern?

„Ich bin gleich zurück“, versprach Katharina.

Hoffentlich! Sie schaute ihnen nach und suchte dann mit den Augen nach Maria. Die tanzte gerade mit einem ihrer Verehrer. Dabei lachte sie mit offenem Mund und legte den Kopf in den Nacken. Ihre Schwestern schienen sich zu amüsieren. Sophia drehte ihr Weinglas auf dem Tisch.

Wie gerne stünde sie jetzt inmitten ihrer Bilder und suchte die für die Ausstellung aus, die schönsten Landschaftsgemälde, aber auch eine Handvoll Porträts.

Die letzten Akkorde des Liedes erklangen. Ob Maria an den Tisch zurückkehrte?

Mit einem Mal schob sich deren beste Freundin Margarethe durch die Menge. Sie hatte sich bei einem hageren Mann untergehakt, der sich mit aufgerissenen Augen im Café umschaute, als befände er sich auf einem unbekannten Planeten. Wie gut sie ihn verstand!

Als Margarethe sie ausmachte, winkte sie, kam heran und gratulierte ihr zum Geburtstag. Maria hatte wohl ihre Freundin bemerkt, hob ihren Rock und trippelte auf ihren Stöckelschuhen heran. Sie begrüßte Margarethe mit einer Umarmung. Deren Begleiter kannte sie wohl nicht, denn er wurde ihnen vorgestellt. Er hieß Martin Moltke, neigte kurz den Kopf, drehte sich dann um und schritt in Richtung Theke.

Maria schaute ihm nach, wandte sich dann mit hochgezogenen Brauen an ihre Freundin. „Nanu?“

Die winkte ab. „Ach, er ist wegen der Reichstagswahl verärgert.“

Maria zuckte mit den Schultern. „Da kümmere ich mich nicht drum.“ Dann lächelte sie Sophia an. „Und heute, an Sophias Festtag, erst recht nicht.“

Schon entschwebte Maria wieder auf das Parkett und lächelte ihnen über die Schulter des Tanzpartners zu.

Margarethe erzählte, dass Moltke gerade aus Nürnberg zurückgekehrt sei. „Er macht sich Sorgen um das Land. In den meisten Städten hat wohl die falsche Partei die Oberhand.“

Sophia versuchte, sich zu konzentrieren. Vermutlich meinte Margarethe die NSDAP. Ein Schauder durchfuhr sie. Sie hatte Mitglieder der Partei kennengelernt, ungehobelte Rüpel, die sich aufführten, als hätten sie etwas zu sagen. Zu ihrem Bedauern gehörte Vati dieser Partei an und das verstand sie nicht. Wie konnte er nur! Zu spät merkte sie, dass sie ihre Gedanken laut aussprach. „Es ist nicht zu fassen!“

Margarethe nickte. „Das macht mir auch Angst.“

„Mir auch. Warum wählen so viele Menschen diese Partei, wo sie doch wissen, was die vorhat?“

Margarethe schnaubte. „Leider ist es so.“ Sie beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte. „Wie weit muss ein Mitglied der Partei sinken, um gegen Andersgläubige so vorzugehen wie sie es tun? Und im Grunde ist denen der Glaube egal, sie hassen die Juden, einfach so. Zudem verfolgen sie jeden, der ihre Ideologie nicht teilt.“

Als ob sie das nicht wusste! David hatte es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Auf ihn hatten sie einen Jungen gehetzt, der ihm einen Stein an den Kopf geworfen hatte und das nur, weil David Jude war.

Gerade wollte sie sie fragen, wie es in den anderen Städten ausschaute, da forderte ein Uniformierter Margarethe zum Tanz auf. Die blieb einen Augenblick sitzen, blinzelte hektisch und stand schließlich mit einem Lächeln auf, das ihre Augen nicht erreichte. Dann folgte sie ihm auf das Parkett.

Sophia strich sich eine Strähne aus der Stirn. In ihrem Kopf drehte sich alles. Wie ernst würde es für Andersgläubige werden, wenn schon Vati neulich bei einem Besuch der Parteimitglieder David wie einen Sklaven behandelt hatte? Daraufhin hatte sie heftig mit ihrem Vater gestritten.

Schließlich trat Moltke an den Tisch und stellte zwei Gläser Wein ab. „Sorgen?“ Er wartete keine Antwort ab, setzte sich und schob ihr ein Glas hin. „Sie haben heute Geburtstag, hörte ich. Lassen Sie uns darauf anstoßen.“

Er verzog spöttisch die Mundwinkel und trank dann das halbe Glas leer. Danach kramte er Zigaretten aus seiner Jackentasche heraus, bot ihr eine an, die sie dankend ablehnte, und zündete sich selbst eine an. Er blies den Rauch seitlich weg und wandte sich an sie. „Sind Sie oft hier?“

Es klang, als habe er gefragt, ob sie häufig Regenwürmer aß.

Sie zuckte mit den Schultern. „Warum? Gefällt Ihnen das Café nicht?“

Er zog an der Zigarette. „Nein, was sollte mir hier gefallen? Es ist vertane Zeit und ein sinnloses sich im Kreis drehen. Wenn ein Mann eine Frau kennenlernen möchte, dann kann er sich doch mit ihr unterhalten statt sie auf dem Parkett herumzuzerren.“

Wider Willen musste Sophia laut lachen.

Er grinste ebenso, dabei funkelten seine braunen Augen wie bei einem frechen Lausbuben. Als ihm Asche auf den Tisch fiel und er sie wegpustete, fiel ihm eine schwarze Strähne in die Stirn. Er warf den Kopf zurück und zwinkerte ihr zu. „Habe ich recht?“

„Möchten Sie recht behalten?“

„Nein, ich liebe Widerspruch und die nachfolgende hitzige Debatte.“

Sie prustete los. „Über das Tanzen im Café?“

„Für Bewegungsmuffel wie mich eine Herausforderung.“

„Was tun Sie dann hier?“

Er stützte den Kopf auf die Hand. „Mich mit einer netten Dame aus gutem Hause unterhalten.“

„Das wussten Sie doch vorher nicht.“

Er nickte. „Doch. Margarethe informierte mich ausführlich. Warten Sie.“ Er zählte an den Fingern ab. „Maria ist die beste Freundin von ihr und allgemein sehr beliebt. Sophia ist die mittlere Tochter der Familie Wagner, hat heute Geburtstag und malt gerne Bilder. Katharina ist beinahe volljährig und enorm fleißig.“ Er schaute sich um. „Wo ist sie überhaupt?“

„Sie kommt bestimmt gleich wieder.“

„Auch gut. Sie sind ja da.“

„Na schön“, sagte sie. „Warum also sind Sie mit Margarethe hierhergekommen?“

„Um zu gratulieren.“ Er rieb sich die Augen. „Sie war auf dem Weg zum Café, also begleitete ich sie.“

„Und was tun Sie sonst?“

„Beruflich? Ich gehöre nicht der noblen Gesellschaft an, ich verdiene mein Geld mit den Händen, als Schreiner.“

Das klang, als habe die noble Gesellschaft Aussatz.

„Ach, und die Mitglieder der sogenannten feinen Gesellschaft verdienen ihr Geld nicht mit Arbeit?“

Er schnaubte. „Ich weiß, dass ihr Vater arbeitet. Das auch.“

Moltke hielt sich wohl für besonders edel, weil er mit den Händen arbeitete. Er blies gerade den Rauch zu Kringeln. Sophia tat, als reizte sie der Zigarettenrauch. Sie hustete in ihre Faust. „Was heißt das?“

Moltke drückte sogleich die Zigarette aus. „Dass Herr Wagner sein Mäntelchen nach dem Wind hängt, was die Politik angeht.“

Sie sprang auf. „Was erlauben Sie sich! Ich lasse meinen Vater hier nicht von jemandem beleidigen, der ihn nicht einmal kennt.“

Er erhob sich und zog die Mundwinkel nach unten. „Und ob ich Ihren Vater kenne!“ Er trat nahe an sie heran. „Wenn es Sie interessiert, was ich genau meine, dann wenden Sie sich an Margarethe. Wie ich hörte, besitzen wenigstens Sie einen wachen Verstand.“

Er drehte sich um und ließ sie stehen. So ein unverschämter Kerl! Kam heran, bot ihr einen Wein an, plauderte nett und beleidigte Vati aus heiterem Himmel. Sie trank den Wein in einem Zug aus, setzte sich, dann atmete sie einige Male tief ein und wieder aus.

Moltke hatte behauptet, er kenne Vati. Ob das stimmte? Leider war es so, dass Vati einer Partei angehörte, die Menschen hasste. Einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Und wie sich Hass auswirkte, hatte sie bei David miterlebt. Folglich waren er und alle Juden in Gefahr. Ihr Herz raste mit einem Mal.

Als Margarethe an den Tisch trat, bat Sophia sie, einen Schluck aus deren Glas trinken zu dürfen. Sie trank und stellte das Glas dankend ab. „Dein Begleiter ist bereits gegangen. Woher kennst du ihn denn?“

Margarethe setzte sich neben sie. „Ich habe ihn über Bekannte kennengelernt. Er hätte nicht hierherkommen sollen. Das ist nichts für ihn.“

„Warum nicht?“

Margarethe lächelte. „Er sucht nach den echten Werten im Leben.“

„Tun wir das nicht alle?“

„Ich denke nicht. Den meisten ist die Not der übrigen Menschen gleichgültig. Nicht so Martin. Er schultert das Leid der anderen.“

„Arbeitet er in einer Hilfsorganisation?“

Margarethe starrte zu Boden, als Maria sich zu ihnen gesellte. Die strich sich ihre Frisur glatt. „Für heute habe ich genug vom Tanzen. Mir tun die Füße weh.“ Dann schaute sie von einer zur anderen. „Was ist denn hier los? Habt ihr vergessen zu feiern?“

Margarethe lachte. „Du hast recht. Kommt! Lasst uns noch einmal auf den Geburtstag anstoßen.“

Sophias Glas war leer, also zuckte sie mit den Schultern, stützte dann das Kinn auf die Hand. Maria stupste sie lachend an. „Ich hole dir etwas zu trinken.“

„Hol lieber unsere Mäntel.“

Vor dem Ausgang schauten sie sich um.

„Lass uns auf Katharina warten“, sagte Maria. „Sonst wird sie zu Hause Ärger bekommen.“

„Auf jeden Fall.“ Sophia wandte sich an Margarethe. „Wegen meiner Frage vorhin ...“

Die aber schüttelte den Kopf. „Ich muss jetzt wirklich nach Hause.“ Sie umarmte zuerst Maria, dann Sophia. „Wir sehen uns noch.“

Maria lachte. „Margarethe hat es aber eilig.“ Dann rieb sie ihre Hände aneinander. „Hast du ihren neuen Mantel gesehen? Den finde ich schick.“

„Ja. Aber sie sieht ja immer wie eines der Models aus den Magazinen aus.“

„Weil ihre Mutter sie einkleidet. Neulich sagte sie, dass Margarethe sie in den Wahnsinn treibe, weil ihr die Garderobe gleichgültig sei. Aber als einzige Tochter der Schultheiss, soll sie natürlich hübsch aussehen.“

„Na, so passt sie auch äußerlich gut zu dir.“

Maria strahlte. „Wir verstehen uns doch auch sonst gut.“

„Weil ihr euch ergänzt.“

„Wie meinst du das?“

Sophia steckte die Hände in die Manteltaschen. Ihr fiel dazu stets ein, wie Maria sich als kleines Mädchen geweigert hatte, einen Cousin Margarethes mit den Puppen mitspielen zu lassen, einfach weil er ein Junge war. Daraufhin hatte ihre Freundin überlegt und entschieden, den Kleinen sehr wohl mitmachen zu lassen, denn nur so wären alle in der Lage zu prüfen, ob es auch ein Spiel für Buben sei.

„Du saugst das Leben auf, tanzt lächelnd durch den Tag. Margarethe lässt alles auf sich wirken und bewertet es bis ins Kleinste, bevor sie etwas dazu sagt.“

„Ach, und ich denke über nichts nach oder wie?“ Maria zog einen Schmollmund.

„Doch, aber du reagierst spontan.“

Maria zuckte mit den Schultern. „Dann bin ich eben fix und Margarethe klug.“

Auch Sophia schätzte die Freundin als gescheite Frau ein. Wie aber passte Moltke in ihr Leben?

„Wie kommt es zu der Freundschaft zwischen Margarethe und Moltke?“

Maria schüttelte den Kopf. „Da fragst du die Falsche. Auch ich staune, in welcher Gesellschaft meine beste Freundin sich manches Mal aufhält. Neulich ging sie mit einer Schauspielerin aus dem Theater untergehakt zum Einkaufen.“

In dem Augenblick brachte Joseph Weiß Katharina zu ihnen zurück. Sie schaute aus, als sei sie gerade aus dem Bett aufgestanden, die Augen auf Halbmast geschlossen, das Haar zerzaust. Bei dem Gedanken an ein Bett glühte Sophias Gesicht. Gut, dass so ein kalter Wind blies, der würde ihre Wangen kühlen.

Auf dem Heimweg richteten sie unter einer Laterne Katharinas Frisur und hatten Glück damit. Mama schien nichts zu bemerken. Sie musterte Katharina und strich ihr über den Kopf. „Die neuen Tänze sind zu wild für eine elegante Frisur.“

Sophia lag im Bett, fand aber keine Ruhe. Sie hatte ihre Lampe angelassen und starrte die Stuckdecke in ihrem Zimmer an. Schon als Kind hatte sie in den Blumenmustern der vier Ecken Gesichter von Elfen ausgemacht, was Unsinn war. Doch sie hatte sie sich vorgestellt und sogleich aufs Papier gebannt. Ebenso hatte sie geglaubt, im Glaseinsatz ihres Schrankes Tierköpfe zu erkennen. Auch die hatten ihren Weg auf das Papier gefunden.

Sie drehte sich auf die Seite. Dieser Moltke! Wie er ihr empfohlen hatte, bei Interesse an seinem Tun Margarethe nach ihm zu fragen. Der konnte warten bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Sie würde sich bestimmt nicht nach ihm erkundigen.

Jedenfalls war jetzt nicht an Schlaf zu denken.

Sie sprang aus dem Bett und griff sich ihren Skizzenblock. Mit wenigen Strichen entwarf sie Moltkes hageres Gesicht, die hohen Wangenknochen, den schmalen Mund zu einem spöttischen Lächeln verzogen, das energische Kinn, das schwarze Haar, wie es über die traurigen Augen fiel. Ach, Unsinn. Sie riss das Blatt ab und pfefferte es in eine Ecke. Jetzt adelte sie ihn auch noch mit einem Entwurf! Den arroganten Kerl! Bloß weil da Hoffnungslosigkeit in seinem Blick mitschwang. Nein, das war nicht richtig, es war mehr das bekannte Gefühl: Trostlosigkeit.

Das kannte auch sie zur Genüge. Sie schloss die Augen. Es stiegen die üblichen Bilder auf. Mama lachte mit offenem Mund über Sophias erste passable Zeichnung: ein Porträt von Greta Garbo. Vati hielt es mit stolzgeschwellter Brust in den Händen: „Schau nur, Leonore.“

Doch Mama lachte weiter und schüttelte den Kopf.

Ein anderes Mal thronte Mama auf dem Sofa, in einem Arm Katharina, im anderen Maria. Sophia stand Nägel kauend davor. Für sie war kein Platz übrig.

„Du bist deines Vaters Tochter“, hieß es. Als wären das die anderen beiden nicht.

Ihr Hals schnürte sich zu, als habe sie die Zeichnung von vorhin verschluckt. Sie nahm das Stück Kohle in die Hand und skizzierte einen Mann mit schwarzem Haar von hinten, er trug ein Jackett und eine Hose, stand aber barfuß auf sandigem Boden inmitten einer wüsten Landschaft. Hier und da fanden sich abgeknickte Grashalme, dort ein Baum mit blattloser Krone. Dürre und Trostlosigkeit bis ins Unendliche. Das genügte für heute.

Sie klappte den Skizzenblock zu, kuschelte sich unter die Bettdecke. Das altbekannte Gefühl blieb. Sie weinte sich in den Schlaf.

Wie jeden Morgen frühstückte sie zusammen mit Maria. Ihre Eltern und Katharina waren bereits zur Arbeit gegangen. Ihr war es ein Rätsel, warum Mama und Katharina sich das antaten. Das Geld war nicht der Grund, schließlich verdiente Vati genug, um die Familie zu ernähren. Vermutlich gab es ihnen ein Gefühl, bedeutungsvoll zu sein, wenn sie etwas Nützlichem nachgingen. „Nützliches“ war eines der Lieblingswörter Mamas. Selbstverständlich zählten Sophias Bilder nicht dazu. Wie langweilig aber wäre eine Einrichtung ohne Gemälde? Abgesehen davon, welche Gefühle ein Bild in einem Menschen auslöste.

Gemälde von anderen aber waren akzeptabel, nur nicht die von ihr.

„Was hast du heute vor?“ Maria pustete in ihre Teetasse.

Auch diese Geste hasste Mama, doch die war ja gerade nicht anwesend.

„Ich will zum Blumenthal. Ich brauche eine neue Leinwand und Kohle, Farben auch.“

Maria nickte. „Ich wäre gerne dabei, habe mich aber mit Margarethe verabredet.“

„Was habt ihr vor?“

Maria zuckte mit den Schultern. „Wir gehen ins Café Meier. Danach will sich Margarethe wieder mit dieser christlichen Jugendgruppe treffen. Ich weiß nicht, warum sie da mitmacht.“

„Welche Jugendgruppe denn?“

Maria trank ihren Tee, dann tupfte sie mit einer Serviette ihren Mund ab. „Ach, Margarethe ist katholisch und da gibt es eben die Jugendarbeit. Was die da genau machen, das weiß ich nicht.“ Sie flüsterte mit einem Mal. „Sie sagt, die Arbeit von ihnen wird von der NSDAP nicht gerne gesehen, aber eben geduldet.“ Maria lehnte sich zurück. „Mir ist aber nicht klar, warum sie sich da so sorgt, schließlich haben die hier in der Stadt nicht gesiegt.“

„Nein, aber sie tun so als ob.“

Sie hatte plötzlich keinen Appetit mehr und schob den Teller von sich.

Zusammen verließen sie das Haus und schlenderten die Ludendorffstraße hinab, vorbei am Park, in dem die Büsche und Bäume die kahlen Äste zum Himmel reckten, als flehten sie um Knospen und Blätter. Es war aber erst März und ein kalter Tag dazu. Vor der Residenz marschierten junge Männer in der Uniform dieser schrecklichen Partei auf und ab und schwenkten eine Fahne. Auf der befand sich das Kreuz mit den Haken, dem Symbol, das so furchteinflößend wie die Mitglieder der Partei war.

„Am besten, du beachtest die gar nicht.“ Maria hakte sich bei ihr unter.

„Es hilft denen doch, wenn wir sie dulden.“

Maria schaute kurz zu Boden, dann hob sie den Kopf wieder. „Was willst du denn gegen sie unternehmen? Vergiss nicht, dass unser Vater auch zu ihnen gehört.“

Das war ja das Furchtbare, aber noch lange kein Grund, alles hinzunehmen. Doch was konnten sie unternehmen? Ihr musste etwas einfallen!

Maria riss sie aus den Gedanken, als sie den Marktplatz erreichten. „Ich gehe jetzt runter zur Alten Mainbrücke. Zwar wäre ich noch gerne bei Mama vorbeigegangen, aber ich bin zu spät dran.“

Sie umarmten sich zum Abschied, dann schaute Sophia Maria nach, wie sie leichtfüßig über den Platz eilte. Für sie war das Leben eine einzige Bühne, in der sie die Hauptrolle spielte. Wozu sich sorgen, wenn doch alles zu ihrem Guten geschah und das Schlechte von ihr ferngehalten wurde? Sophia seufzte. Könnte sie doch nur einen Tag in so einer pastellfarbenen Stimmung verbringen. Das Bild der schwenkenden Fahne mit dem Hakenkreuz erschien vor ihrem inneren Auge. Sie blinzelte es weg.

Die Uhr der Marienkapelle schlug zur halben Stunde. Sophia drehte sich um und ging die wenigen Schritte zu Mamas Laden. Möglicherweise konnten sie die Mittagspause zusammen verbringen.

Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, kam ihr Katharina entgegen. Sie trug einen Packen Seidenstrümpfe in der Hand und legte sie auf einem Stuhl nieder.

„Wie schön, dass du uns besuchst.“ Sie trat näher an sie heran und wisperte. „Kein Wort zu Mutter wegen gestern Abend!“

Sophia schüttelte den Kopf und sagte laut: „Ich will rüber zu Papier und Feder, dachte aber, ich schau rasch bei euch herein. Wann macht ihr Mittagspause?“

Mama kam aus dem Hinterzimmer heran. „Ich denke, dass es heute eher halb eins werden wird.“ Sie schaute kurz auf die Uhr. „Übrigens hat Blumenthal den Laden geschlossen.“ Sie senkte den Blick.

„Das kann nicht sein.“ Sie hatte sich doch wohl verhört. „Das Geschäft gibt es schon immer. Wieso ...“

Katharina legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Er wurde gegängelt und gab auf.“

Sie ballte die Fäuste. „Von dieser verflixten Partei, nicht wahr?“

In dem Augenblick läutete die Ladenglocke und eine Bekannte ihrer Eltern betrat den Laden. Sophia kam nicht gleich auf den Namen, der war ihr auch gerade gleichgültig. Sie wandte sich an Katharina, doch die begrüßte die Frau freundlich. „Guten Morgen, Frau Schmidt. Ich habe Ihre Ware schon bereitgelegt.“

Derweil drängte Mama sie zur Tür. „Schau nach, ob du beim Weiß das bekommst, was du brauchst“, wisperte sie. „Noch gibt es das Kaufhaus ja.“

Mama schob sie regelrecht hinaus. Offenbar fürchtete sie, Sophia könne laut gegen die Partei protestieren, gerade so, als wüsste sie nicht, sich in der Öffentlichkeit zu benehmen. Aber war es nicht gerade wichtig, öffentlich gegen die Partei anzugehen? Keiner traute sich, jeder nahm alles von denen hin.

Vor der Tür drehte sie sich zum Laden um. Wäre sie doch nur nicht hineingegangen. Da drinnen hatte es ihr noch nie gefallen. All die hautfarbene Wäsche! Langweilig bis zum Gehtnichtmehr. Ach, Unsinn! Mamas Geschäft konnte nichts für ihren Hass auf die NSDAP.

Vor der Tür reckte sie das Gesicht zum blassblauen Himmel und ließ den Blick über die roten Dächer schweifen, dann auf die mehrstöckigen prächtigen Häuser rundherum, in deren Fensterscheiben sich die Sonne spiegelte. Wie schön das Licht und die Farben waren! Und darunter loderte die Gehässigkeit der Partei.

Sophia schlug den Mantelkragen hoch und ging durch die Schustergasse. Dann würde sie eben keine Pause zusammen mit Katharina und ihrer Mutter machen. Pah! Im Grunde hatte Mama sie gekränkt, indem sie sie wie einen Backfisch hinausbefördert hatte. Vermutlich war sie aber selbst schuld daran. So manches Mal war sie aus der Haut gefahren, wenn ihr etwas gegen den Strich gegangen war, und dann hatte sie lautstark ihre Meinung kundgetan. So wie neulich bei dem Abendessen, als Vati David gemein behandelt hatte, nur weil er Parteimitglieder bewirtet hatte und hatte zeigen wollen, wie er mit Juden umging. Da war es ihr gleichgültig gewesen, dass Parteimitglieder am Tisch gesessen hatten. Sie hatte David verteidigt und ihren Vater leider dabei bloßgestellt. Dafür hatte es Schelte gegeben.

Für einen Augenblick hielt sie inne. Blumenthals Laden war also geschlossen. Weil ihn die Mitglieder der NSDAP dazu gezwungen hatten. Tränen traten ihr in die Augen. Da würde sie sich selbst von überzeugen. Womöglich hatte er doch wieder aufgemacht oder es handelte sich um ein Missverständnis. Sie wischte die Tränen weg.

Dann bog sie um die Ecke, hastete am Juliusspital vorbei und gelangte in die Kaiserstraße. Dort blieb sie vor dem Wollwerth-Geschäft stehen. Der Blick von da auf den Kiliansbrunnen am Bahnhof war großartig. Die Häuser rechts und links der Straße schienen Spalier zu stehen, nur um einen Rahmen für den Brunnen zu bilden. Sie hatte die Szene bereits skizziert, aber bis jetzt nicht gemalt, weil sie auf das Frühjahr mit seinem Sonnenlicht wartete, das die Konturen klarer herausschnitt. Zudem brauchte sie Farben für das Bild.

Mit wenigen Schritten überquerte sie die Straße und stand vor Blumenthals Laden. Und wirklich! Dort hing ein Schild mit der Aufschrift „Geschlossen“. Kein Missverständnis, keine Neueröffnung. Nun rannen Tränen über ihre Wangen. Sie wischte sie mit dem Ärmel ab. Das Ganze war so eine Gemeinheit! Blumenthal, der für seinen Laden lebte. Er behandelte seine Ware voller Ehrfurcht. Jeder Federhalter wurde überlegt platziert und am Briefpapier schätzte er den Duft, den es ausströmte. Der Laden gehörte zu Blumenthal wie der Pinsel zur Farbe. Und nun?

Laute Stimmen auf der gegenüberliegenden Straßenseite lenkten sie ab. Sie wischte sich noch einmal über die Augen und drehte sich um. Ein Uniformierter der verfluchten Partei rempelte jemanden an und nannte ihn „Judenschwein“. Der Beschimpfte trat einen Schritt zurück. Das war doch Joseph Weiß! Sophia wollte bereits hineilen, doch sogleich hasteten zwei Männer, breit wie Schränke, aus dem Kaufhaus und stellten sich zwischen Joseph und den Uniformierten. Der trat zwei Schritte zurück. „Ich werde wiederkommen, darauf könnt ihr euch verlassen. Hochnäsiges Pack!“ Dann streckte er den rechten Arm aus und brüllte den üblichen Gruß.

Joseph Weiß drehte sich um und ging in das Kaufhaus zurück. Die zwei Männer folgten ihm.

Sophias Herz raste. Trotz der Kälte schwitzte sie auf einmal im Nacken. Sie holte tief Luft und stieß sie wieder aus. Nun gängelten die Parteimitglieder also auch Joseph Weiß. Er war wohl jetzt an der Reihe. So hatten sie es gewiss schon mit Blumenthal gemacht, bloß hatte der keine Männer zur Seite gehabt, die ihn schützten.

Sophia überquerte die Straße. Verflixt! Joseph und Katharina waren ein Paar. Sollte sie Katharina von dem Vorfall erzählen? Es war wohl besser, wenn sie mit Joseph darüber sprach. Sie trat durch die Glastür ins Kaufhaus und ließ den Blick über die dunklen Holzregale schweifen, in denen Handtaschen neben Lederhandschuhen standen. Es wäre geschickt, wenn noch passende Schals dabei lägen.

Sie eilte an der Lederwarenabteilung vorbei, ließ die Abteilung mit dem Schmuck hinter sich, dessen edle Stücke in einer langen Glasvitrine angeboten wurden, und gelangte in die Kosmetikabteilung. Blumiger Duft schlug ihr entgegen. Unzählige Flaschen thronten in den dunklen Holzregalen, auf Tischen lockten Lippenstifte und sonstige Schminkutensilien. Goldgerahmte Spiegel standen bereit, in denen die Kundinnen das Ergebnis des Verschönerns betrachten konnten. Da wäre es von Vorteil, Kämme und Bürsten neben den Spiegeln bereitzulegen. Was für Nichtigkeiten ihr durch den Kopf gingen, als hätte sich die Angst bei all der Pracht hier im Kaufhaus geduckt.

Als sie in die Buchabteilung gelangte, in der die Bücher in Regalen aus Eichenholz wie in einer Bibliothek wirkten, fiel ihr Blick auf die Schreibwaren auf der rechten Seite und dazwischen führte eine Treppe in die oberen Geschosse. Es zog sie zu den Farben und Blöcken, doch zuerst wollte sie mit Joseph Weiß sprechen. Traute sie sich das zu? Er war der Besitzer dieses riesigen Hauses, aber gestern hatte er wie jeder andere junge Mann gewirkt, als er ihr das Parfum geschenkt hatte. Also los!

Sie stieg in den ersten Stock. Dort hingen Mäntel für Herren neben Anzügen und Hemden. Was hinter der Treppe angeboten wurde, war nicht zu erkennen. Aber auch hier wirkten die Regale aus Eiche sehr nobel. Warum hatte sie die früher nie beachtet?

Im zweiten Stockwerk gab es alles für die Damen. Das hatte sie zusammen mit Katharina und Maria oft besucht. Ein Schild wies auf die neue Mode im Frühjahr hin. Dahinter waren die neuen Kostüme ausgestellt, daneben die leichten Mäntel. Was sie in der kurzen Zeit ausmachen konnte, erschien ihr langweilig. Mit wenigen Kniffen sähe das Ganze raffinierter aus. Aber so erging es ihr schon seit jeher. Ihr fiel stets etwas auf, das verändert, dem Stück dann den nötigen Pfiff gäbe.

Als Kind hatte sie einmal zwei Bommel von ihrem Mantel abgetrennt und auf die Spitzen ihrer neuen Schuhe geklebt. Mama hatte geschimpft, weil der Kleister die Schuhe ruiniert hatte. Dennoch hatte Sophia das Paar aufgehoben und zu Hause gerne getragen.

Im obersten Stockwerk stapelte sich Bett- und Tischwäsche in den Regalen, aber auch auf Tischen. Auch hier hätte sie einen Tisch mit edlem Porzellan eingedeckt und unter dem Geschirr eine besonders feine Tischdecke ausgebreitet. Aber gut. Es war ja nicht ihre Aufgabe, die Ware des Kaufhauses zu präsentieren. Gerade plagten sie andere Sorgen.

Nun stand sie im richtigen Stockwerk. Ein Schild mit der Aufschrift „Büro“ verwies sie in den entsprechenden Trakt. Was aber, wenn sie an der falschen Tür anklopfte oder Joseph Weiß gerade mit jemandem ein wichtiges Gespräch führte und sie es störte? Dennoch! Es ging um seine Sicherheit, aber auch um die Katharinas. Noch einmal tief durchatmen!

Gerade da kam eine Frau mittleren Alters auf dem Gang heran. Sie schien Sophias Ratlosigkeit zu bemerken. „Kann ich Ihnen helfen?“

Sophia räusperte ihren Kloß im Hals weg. „Ja, danke.“

„Ja bitte?“

„Ich möchte Herrn Weiß sprechen.“ Ihre Stimme klang piepsig, sie räusperte sich noch einmal.

„Aha.“ Die Frau musterte sie. „Haben Sie einen Grund, sich zu beschweren? Wurden Sie unfreundlich behandelt?“

Sophia schüttelte den Kopf. „Nein. Es geht um etwas Privates.“

Die Frau nickte lächelnd. „Dann folgen Sie mir bitte. Gerade passt es gut. Später hat Herr Weiß noch Termine.“

Sie hastete den Gang entlang, klopfte an der letzten Tür, öffnete sie und trat zur Seite, um sie freizugeben. „Herr Weiß, eine Dame möchte Sie sprechen.“ Joseph erhob sich hinter seinem Schreibtisch, knöpfte sein Jackett zu, kam mit ausgestrecktem Arm auf sie zu und gab ihr die Hand. „Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz, Fräulein Wagner.“

Sophia nahm auf dem Stuhl vor dem riesigen schweren Tisch aus Kirschholz Platz. Joseph setzte sich ihr gegenüber. Er hob die Brauen. „Hatten Sie eine schöne Feier gestern Abend?“

„Sie haben mir Katharina entführt.“

Röte überzog sein Gesicht. „Das tut mir leid, aber wir hatten etwas Wichtiges zu besprechen.“

„Ja, das glaube ich.“ Im gleichen Augenblick dämmerte ihr, wie das klang. Ihr Gesicht glühte.

Joseph schien das zu übersehen. Er legte den Kopf schief. „Ich hoffe, Sie verzeihen mir.“

„Natürlich, aber deswegen bin ich nicht hier.“ Sie holte tief Luft. „Ich weiß nicht recht, wie ich das formulieren soll.“

Joseph lehnte sich zurück. „Nur heraus mit der Sprache.“

Sie schaute zur Decke, als fielen die Worte von dort herab. Es half alles nichts, sie musste ihm jetzt klar sagen, was sie bedrückte. „Herr Weiß ...“

„Joseph bitte.“

„Gut. Joseph. Es ist doch so, dass die NSDAP sich in der Stadt breitmacht, obwohl sie die Wahl verloren hat.“

Er seufzte. „Das tut sie, bedauerlicherweise.“

„Deren Mitglieder belästigen Menschen des jüdischen Glaubens.“

Er legte die Fingerspitzen aufeinander. „Auch das stimmt.“

Sie überlegte, wie sie fortfahren sollte, da beugte er sich nach vorne. „Und nun fürchten Sie, dass Katharina darunter leiden könnte?“

„Genau, aber auch alle Juden. Herr Blumenthal hat seinen Laden geschlossen.“

„Ja, ich weiß das. Auch andere wurden bedroht.“

„Ebenso wie Sie. Doch Sie haben Männer, die Sie schützen.“ Er nickte. „Die Frage ist, wie lange sie mich vor der Partei bewahren können.“

„Bitte nehmen Sie die Pöbeleien der Parteimitglieder ernst.“

Er nickte. „Hier in der Stadt haben sie die Wahl nicht gewonnen, in den meisten deutschen Städten aber schon. Ich halte die Partei für gefährlich.“ Er seufzte. „Mein Vater ist krank, meine Mutter wurde bereits von Uniformierten bedroht.“

„Was unternehmen Sie dagegen?“

„Ich werde mit meinen Eltern das Land verlassen.“

Also hieß es Abschied nehmen von Katharina. In Sophias Innerem krampfte es. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie stand rasch auf, um sich nicht in Verlegenheit zu bringen. „Ich verstehe. Dann werde ich künftig jeden Augenblick, der mir bleibt, mit Katharina genießen.“ Sie hob die Hand zum Gruß. „Leben Sie wohl.“

Joseph erhob sich ebenso und trat zu ihr. „Leben Sie auch wohl, Sophia.“

Sie wischte sich über die Augen und hatte bereits die Hand auf dem Türgriff, als er murmelte. „Katharina wird nicht mit mir gehen.“

Wie bitte? Er wollte sich trennen?

Sie drehte sich um. „Sie geben Katharina auf? Was sind Sie für ein Mann!“

Er hob die Hände vor die Brust. „Nein, so ist es nicht! Sobald der Wahnsinn hier im Land ein Ende findet, werde ich zurückkehren und wir werden heiraten.“

Sie glaubte, sich verhört zu haben. Katharina blieb bei ihnen?

Joseph seufzte. „Wir lieben uns und haben uns die Ehe versprochen.“

Sophia schluckte die Tränen hinunter. „Wer weiß, wie lange dieser Irrsinn dauern wird. Und all die Zeit wollt ihr aufeinander warten, nur wegen des Kaufhauses?“

Joseph hatte das Kaufhaus einst von seinem Vater übernommen. Aber war es denn so wichtig, dass Katharina blieb, nur um es für ihn zu erhalten? Sophia schüttelte den Kopf. „Kaufhaus gegen Liebe?“

Joseph drehte das Gesicht zur Seite. „Wir werden es zusammen schaffen.“ Er nickte. „Katharina und ich lieben uns. Da spielt die Zeit keine Rolle.“

„Nehmen Sie doch nicht alles so hin. Kämpfen Sie!“

„Ich trage die Verantwortung für meine Eltern. Was bleibt mir denn übrig, als zu fliehen?“

„Ohne Gegenwehr?“

Er wischte sich über das Gesicht. „Habe ich eine Wahl?“

„Katharina hat sie.“

„Wir haben uns entschieden.“

Sie gaben sich die Hand zum Abschied. „Alles Gute für Sie, Joseph.“

„Das wünsche ich Ihnen auch.“

Sophia ließ sich beim Treppensteigen Zeit. Die NSDAP hatte einen Keil zwischen Joseph und Katharina gerammt. Alles Liebenswerte erstickte sie und verwandelte es in Leid. Wie schön hätte es für die beiden werden können und nun sahen sie sich gezwungen, eine lieblose Lösung zu finden. Katharina würde sich sehnen, bis es wehtat. Und Joseph nahm alles hin.

Nun gut, er sah sich gezwungen, seine Eltern und auch sich selbst in Sicherheit zu bringen. Warum aber begleitete ihn Katharina nicht? Sie liebte ihn doch! Da sollte sie doch an seiner Seite bleiben. Natürlich war sie noch nicht volljährig und Vati würde Joseph nicht mit offenen Armen empfangen. Aber für eine Liebe lohnte es sich doch zu kämpfen.

Begegnete ihr selbst irgendwann der Mann fürs Leben, dann ginge sie mit ihm durch dick und dünn. Sie wäre sogar froh, wenn sie kämpfen könnte und ihr nicht alles auf dem Silbertablett serviert würde. Das bewies den Wert der Liebe und schweißte gewiss zusammen.

Im Erdgeschoss hielt sie inne. Da hatte sie nun das Gespräch mit Joseph gesucht, um zu erfahren, wie er sich und Katharina schützte und ihre Schwester dachte nicht einmal daran, ihn zu begleiten! Wie aber würde sie den Schmerz um den Verlust Josephs ertragen? Ihr hatte schon der kleine Augenblick gereicht, als sie zunächst angenommen hatte, dass Katharina wegging. Aber was bedeutete es, sich stets zu sehnen und das Verlangen nach dem Seelenverwandten über Jahre nicht gestillt zu bekommen? War das nicht schlimmer, als sich von der Familie loszureißen? Aber was wusste sie schon? So richtig verliebt war sie mit ihren neunzehn Jahren bis jetzt nicht gewesen. Der eine oder andere hatte ihr schon gefallen. Meist waren es eben die, die abgerückt in einer Ecke standen. Sie zog es auch stets zu Männern hin, deren Stirn grau umwölkt war. Zumindest glaubte sie das. Moltke war zum Beispiel jemand voller Sorge. Natürlich kein Kandidat für sie. Aber sie würde sowieso niemals heiraten. Sie wollte frei bleiben, um zu jeder Tages- und Nachtzeit zu malen, wenn ihr danach war. Katharina und Joseph aber liebten sich, durften das aber nicht, weil die Partei Juden hasste und aus dem Land ekelte. Warum nahmen das alle hin? Was hieß hinnehmen? Vati unterstützte das Ansinnen sogar! Ihr drehte sich der Magen bei dem Gedanken um. Es musste doch eine Möglichkeit geben, die NSDAP aufzuhalten. Sie zerstörte das Leben der Stadt, sogar im gesamten Land! Sah das denn keiner außer ihr? Doch, Moltke. Aber er alleine konnte nichts ausrichten, so wie sie alleine auch nicht. Dazu brauchte es eine große Menge, die sich auflehnte.

In der Parfumabteilung bot eine Verkäuferin ihr an, die neuen Düfte auszuprobieren und riss sie aus ihren Gedanken. Sophia lehnte dankend ab und da fiel ihr ein, dass sie ja noch eine Leinwand, Blöcke und Farben besorgen wollte. Im Grunde schien ihr der Wunsch angesichts der Sorgen unwichtig, dennoch ging sie zurück zu den Schreibwaren. Einen Block fand sie sogleich, eine Leinwand nicht und mit den Farben war das so eine Sache. Da gab es wohl welche, aber nicht die, die sie sonst immer verwendete. Und nun? Sie würde das Kobaltblau und das Tannengrün mitnehmen und beides zunächst ausprobieren.

Damit machte sie sich auf den Weg zur Kasse. Plötzlich stand Margarethe neben ihr.

„Grüß dich, Sophia. Wie schön, dich zu sehen.“ Sie schaute sich um. „Bist du alleine hier?“

„Ja. Maria wollte sich doch mit dir treffen.“

„Das haben wir auch, aber sie ist schon nach Hause gegangen und ich ...“, Margarethe warf einen Blick über Sophias Schulter und lächelte, „... ich will ein paar Besorgungen erledigen.“

Sophia folgte Margarethes Blick. An ihnen schob sich eine Frau vorbei, die sie von irgendwoher kannte. Wo hatte sie sie nur schon einmal gesehen?

Margarethe wartete, bis die Frau an ihnen vorbei war. Dann flüsterte sie: „Das ist Sina Mainberger. Sie singt am Stadttheater.“

Die Sängerin bewegte sich nicht nur elegant, sie wirkte wie die Königin eines fremden Landes. Ihr Haar, die Augen und der Teint waren dunkel, die Lippen voll und knallrot gefärbt. Ihre schlanken Arme unterstrichen jede Bewegung des Körpers und ihre Taille war so schmal wie bei den Frauen in den Modemagazinen. Sophia zog unwillkürlich den Bauch ein. Ach, wäre sie so schlank und hätte schwarzes Haar und dunkle Augen statt ihres brünetten Haares und den wässrig blauen Augen. Sie liebte Farben. Warum war sie mit keiner ausgestattet worden? Unsinn! Im Grunde liebte sie Blau. Außerdem war ihr doch ihr Äußeres gleichgültig.

„Sie ist Sängerin“, wiederholte Margarethe.

Da dämmerte es Sophia endlich, woher sie die junge Frau kannte. Sie hatte in einer Operette, die ihre Familie besucht hatte, eine kleine Nebenrolle gespielt. Merkwürdig, dass Margarethe und die Schauspielerin sich grüßten. „Kennst du sie gut?“

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Wann kennt man einen Menschen schon?“

Auf philosophische Sprüche verspürte Sophia keine Lust, eher darauf, Margarethe nach Moltke zu fragen.

„Gestern Abend sagte Moltke etwas Seltsames zu mir.“

Margarethe legte den Zeigefinger auf ihre Lippen. „Nicht hier!“ Sie schaute sich um. „Bezahl erst deine Sachen und lass uns am Main spazieren gehen.“

Sie entschieden, am Bahnhof über Moltke zu reden, weil Sophia der Weg bis zum Fluss hinab zu weit erschien. Am Kiliansbrunnen pickten Spatzen und Tauben auf dem Boden nach Essbarem. Diese Vögel blieben der Stadt auch im Winter treu.

Margarethe deutete auf sie. „Tauben sind die Ratten der Lüfte.“

„Das klingt aber grausig.“

Margarethe lächelte. „Manches Mal bleibt einem nichts anderes übrig, als sich das zu nehmen, was man braucht.“

„Das sagst ausgerechnet du, die von ihren Eltern gehätschelt wird und jeden Wunsch erfüllt bekommt?“

„Ich bezog das Bild der Ratten nicht auf mich.“ Sie zog Sophia ein Stück beiseite, weil ein älteres Ehepaar am Brunnen stehen blieb. Der Mann zündete sich eine Zigarette an, die Frau rieb sich die Hände.

Es hatte sich abgekühlt. Sophia war froh um ihre Handschuhe, schließlich trug sie eine Tasche mit sich und konnte nicht beide Hände in denen des Mantels vergraben. „Wir sprachen von Moltke.“

Nachdem sie Abstand zwischen den Brunnen und sich gebracht hatten, wartete Sophia auf eine Antwort.

Margarethe schaute in die Ferne, blinzelte dann hektisch und holte tief Luft.

„Moltke arbeitet als Schreiner, setzt sich aber in der katholischen Jugendgruppe auch für ... wie soll ich es nennen ... für Gerechtigkeit ein. Er fürchtet, dass die Mitglieder der grässlichen Partei Menschen, die mit deren Ideologie nicht einverstanden sind, es deutlich spüren lassen werden, noch mehr als bisher.“ Sie räusperte sich. „Entschuldige bitte, dein Vater gehört ja auch der Partei an.“

„Leider. Deswegen haben wir schon gestritten.“

„Ich weiß. Maria erzählte mir davon.“ Sie schien Sophia mit ihren Blicken zu durchleuchten. „Du findest das doch nicht gut, was die Partei tut?“

Sophia schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht. Sogar Blumenthal haben sie aus seinem Laden geekelt. Und das heute bei Joseph Weiß versucht. Das ist alles ungeheuerlich!“

„So ist es. Und die Juden werden künftig bestimmt noch stärker darunter leiden. Moltke denkt, dass die NSDAP gegen alle angehen wird, die ins Land eingereist sind, und nicht nur gegen die Juden.“

Sophia schaute sie wohl derart verständnislos an, dass Margarethe fortfuhr. „Zum Beispiel all die Sinti. Sie sind ja sesshaft, wohnen also in einer Wohnung und ziehen nicht mehr in ihren Wagen umher. Dennoch wurden sie bereits von einigen Uniformierten angepöbelt. Sina zum Beispiel.“ Margarethe stütze eine Hand auf die Hüfte. „Da feiern sie sie im Stadttheater, schenken ihr sogar Blumen, aber auf der Straße wird sie dumm angeredet.“

Da gehörte Sina also den Sinti an. Daher ihr etwas fremdes Aussehen. Es wäre traumhaft, sie einmal zu porträtieren. Was ging ihr heute nur im Kopf herum!

Margarethe bekam eine Zornesfalte zwischen den Brauen. „Das sind solche Rüpel! Da muss man sich doch wehren!“

Endlich teilte jemand ihre Wut.

„Was unternimmt denn Moltke?“

Margarethe flüsterte mittlerweile so leise, dass sie kaum zu verstehen war. „Komm doch mal in seine Schreinerei. Am besten mittwochs gegen sieben Uhr.“ Sie schaute sich erneut um. „Pass aber auf, dass dir keiner folgt!“

„Warum? Gilt das Versammlungsverbot auch hier in der Stadt?“

„Gleichwie, es ist besser, wenn wir nicht auffallen.“

Sie hatte „wir“ gesagt. Wer sich wohl dort alles einfand?

Margarethe hakte sich bei ihr unter. „Komm! Lass uns durch die Stadt bummeln, bevor wir mit unserem Gerede auffallen.“

War es schon so weit gekommen? Fielen sie auf, bloß weil sie sich am Bahnhof unterhielten?

Dann war das nicht mehr die Stadt, in der Sophia aufgewachsen war und es war höchste Zeit, dem Hetzen der Partei entgegenzusteuern. Doch wie? Sie warf Margarethe einen Blick zu. Die nickte, als läse sie ihre Gedanken.

Sie blieben vor dem Schaufenster einer Konditorei stehen und nahmen sich Zeit, sich gedanklich zu sortieren. Sophia atmete tief ein und aus. Sie würde die Schreinerei aufsuchen. Schließlich bot sich da eine Möglichkeit, überhaupt etwas zu unternehmen. Jedenfalls war sie Margarethe dankbar, dass sie ihr einen Weg aufzeigte.

Aus einer Laune heraus zog Sophia sie in die Konditorei und kaufte für sie beide Schokoladentörtchen. Mit denen in der Hand spazierten sie durch den Ringpark und ließen sie sich schmecken.

„Nicht zu süß und nicht zu bitter“, lobte Margarethe. Sie tupfte sich mit einem Taschentuch die Lippen ab. Dann aß sie auf und verabschiedete sich. „Ich muss nach Hause. Mutter sorgt sich bestimmt schon.“

„Musst du nicht noch zu einer Jugendgruppe? Maria sagte das.“

Margarethe legte den Kopf schief. „Dazu ist es längst zu spät.“

Sophia umarmte sie. „Auf Wiedersehen.“

„Hoffentlich am Mittwoch.“

Sophia kehrte aufgewühlt nach Hause zurück, drückte David wortlos Mantel und Hut in die Hand und verschwand in ihrem Zimmer. Sie fand keine Ruhe, tigerte vom Fenster zur Tür und zurück. Es gab also Menschen, die sich wehrten und zu denen zog es sie hin. Ginge sie zu dem Treffen, begegnete sie aber Moltke. Im Grunde wollte sie das nicht. Doch sie war mit der Partei ganz und gar nicht einverstanden. Moltke auch nicht. Leider aber gehörte Vati ihr an. Katharina hatte ihn verteidigt. Er wolle die Familie mit der Mitgliedschaft schützen, hatte sie behauptet. War das aber der richtige Weg? Wenn nicht, lag Moltke mit seinem Schimpfen nicht daneben. Ob er ihn von einer der Baustellen kannte? Das alles würde sie nur herausfinden, wenn sie entweder Vati fragte oder zu dem Treffen ging.

Sie schaute aus dem Fenster. Merkwürdig, dass ein jeder hinausstarrte, wenn es im Inneren rumorte, gerade so, als stünde dort die Antwort auf alle Fragen.

Spräche sie ihren Vater auf Moltke an und er kannte ihn, würde er ihr den Kontakt verbieten, denn die beiden mochten sich anscheinend nicht. Wollte sie danach doch zu einem Treffen, dann gegen Vatis Willen. Also war es besser, ihn nicht zu fragen.

Gut, sie würde zu einem der Treffen gehen. Ihr schwirrte der Kopf. Etwas zu malen, half gewiss. Wie die neuen Farben wohl auf der Leinwand wirkten?

Sie waren ebenso schön wie die vorherigen, zwar eine Nuance heller, doch das ließ sich mit ein wenig Mischen ausgleichen. In jedem Fall würde sie sich da noch einige Farbtöne zulegen.

Erst als das Licht schwächer wurde, wusch sie die Pinsel aus und schloss die Tuben. Das Bild, auf dem der Mann von hinten zu sehen war, war fast fertig. Die Landschaft hatte den öden Grauton bekommen, der das Gefühl der Trostlosigkeit in ihr hervorrief. Es war gut gelungen.

Sie trat von der Leinwand zurück, als es an der Tür klopfte.

Maria steckte den Kopf zur Tür herein. „Störe ich?“

„Nein, komm rein.“

Ihre Schwester setzte sich aufs Bett, das knarzte. „Katharina redet gerade mit den Eltern. Du glaubst nicht, was passiert ist.“ Maria zog die Brauen hoch, was ihre Augen riesig erscheinen ließ. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sophia kannte den Ausdruck an ihr nur zu gut. Etwas regte ihre kleine Schwester auf.

„Was denn?“ Sie setzte sich neben Maria.

„Katharina kauft Joseph Weiß das Kaufhaus ab. Stell dir das nur vor! Das riesige Geschäft! Und sie will es leiten.“

„Ja, ich weiß.“

„Warum weißt du immer alles schon vor mir?“

„Weil ihr mich alle interessiert, deswegen.“

„Aber ...“ Maria winkte ab. „Das spielt ja keine Rolle. Verstehst du das? Wieso verkauft Joseph ihr das? Wegen der Partei und ihren Machenschaften?“

„Ja, verdammt. Und weil er das Land verlassen wird.“

„Wir dürfen nicht fluchen.“ Maria fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Sophias Nase herum.

Als spielte das jetzt eine Rolle! Sie umarmte Maria.

Die zog die Brauen hoch. „Aber Katharina liebt doch Joseph. Ich meine, wenn er ausreist, dann ...“

Offenbar war sie nicht die Einzige, die Katharinas Verhalten nicht verstand.

„Er wird wiederkommen und dann werden sie heiraten. So ist der Plan.“

„Romantisch finde ich das nicht.“

„Wir leben nicht in Zeiten, in denen Romantik großgeschrieben wird.“

„Die Armen. Ihnen ist nicht einmal die Liebe vergönnt.“

Noch immer glaubte Sophia, dass Katharina so durchsetzungsfähig war, dass sie auch für das Problem einen Weg finden würde. Daher drückte sie Maria nur die Hand.

Die stand auf und strich ihren Rock glatt. „Vater ist jedenfalls stolz auf Katharina. Er will ihr in den nächsten Tagen bei der Übernahme des Kaufhauses helfen.“

„Natürlich wird er das.“ Das allzu bekannte Gefühl kroch in Sophia hoch.

Vergessen war ihre Ausstellung. Wieder einmal drehte sich alles um Katharina. Was hatte es also für einen Sinn, ein Gemälde nach dem anderen zu malen, wenn es keiner außer ihr zu sehen bekam?

Maria winkte ihr und schloss die Tür hinter sich, nur um gleich wieder hereinzuschneien. „Jetzt hätte ich es beinahe vergessen: Sobald Katharina die neue Eigentümerin des Kaufhauses ist, veranstaltet Vater eine Feier.“

„Aha.“

„Katharina ist davon wenig begeistert, weil vermutlich wieder diese Rüpel eingeladen werden.“

„Dann halte ich mich von der Feier fern.“

„Und lässt Katharina alleine?“

„Ich kann sowieso nicht so gut trösten wie du. Außerdem will ich nicht mit den NSDAP-Mitgliedern zusammensitzen.“

„Im Grunde gibt es für die nichts zu feiern, weil das Kaufhaus eben nicht in deren Hände geraten ist.“

Sophia grinste. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Das alte Traditionshaus in den Händen dieser gemeinen Rüpel! Sie hätten es bestimmt zu einem Werkzeug für ihre Zwecke gemacht. Maria hatte recht. Das war eine Art des Widerstandes, die Sophia gefiel. „Stimmt. Auf die Weise bietet Katharina denen die Stirn.“

„Na siehst du.“

„Ja, aber da ist noch Vati. Er gehört der Partei an und so hat die doch wieder ihre Hände im Spiel.“

„Jetzt führt aber Katharina das Kaufhaus und fertig.“

Sophia seufzte. Und Katharina würde sich von den Parteimitgliedern feiern lassen.

Maria betrachtete sie aus großen Augen. „Wirst du zur Feier kommen?“

„Nein, ich muss den Parteimitgliedern keine Gesellschaft leisten.“

Maria kam heran und umarmte Sophia. „Auch nicht mir zuliebe?“

Sie schüttelte den Kopf. „Warum gehst du denn hin?“

„Wegen Katharina. Ich weiß, dass es ihr dort nicht behagen wird.“

Maria nahm die Klinke in die Hand und war fast zur Tür hinaus. „Und du weißt das auch.“

Sie würde stets zu ihren Schwestern halten, aber nicht mit der NSDAP feiern.

Vor dem Spiegel richtete Sophia sich das Haar, wie immer vor dem Abendessen. Heute gab es eine Nudelsuppe und die kochte keiner so gut wie Hilda. Als kleines Mädchen hatte sie sie ihre Zweitmama genannt. Sie grinste sich im Spiegel an, da klopfte es an ihrer Tür und Katharina trat ein. Sie rieb ihre Hände aneinander und faltete sie. Die gleiche Geste, die Mama an den Tag legte, sobald sie etwas Unangenehmes mitzuteilen hatte. Als wüsste Sophia nicht von ihren Plänen. Aber sie nahm sich vor, sich nicht zu verplappern. Wenn Joseph Katharina von dem Gespräch erzählen wollte, dann bitte. Sie würde schweigen.

Katharina schilderte, wie sehr Joseph und sie sich liebten, in welcher Gefahr seine Familie schwebte und was ihm sein Kaufhaus bedeutete.

„Verstehst du? Es ist das Lebenswerk seines Vaters und nun auch Josephs Leben. Und die Partei wird es ihm wegnehmen, einfach so, um es an sich zu reißen.“ Tränen rannen über Katharinas Wangen.

Sophia nahm sie in den Arm. Warum war sie den Tag über wütend auf Katharina gewesen? Bestimmt hatte die sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Zudem traf sie keine Schuld an dem Ganzen, sondern die NSDAP.

Sie strich Katharina über den Rücken. Scham stieg in ihr hoch. Vorhin, da war sie sogar eifersüchtig gewesen, weil Vati sich nicht die Zeit für ihre Ausstellung genommen hatte. Richtig kindisch hatte sie sich benommen und das vor Maria! Das galt es später wieder geradezurücken.

Katharina wischte sich die Tränen ab und schluchzte noch ein paarmal. „Joseph wird bald abreisen und wohl eine Weile im Ausland bleiben.“

„Du tauschst das Kaufhaus gegen die Liebe.“

Nun fing sie schon wieder mit dem Gestänker an! Sie räusperte sich und schaute in Katharinas erschrockene Augen. „Es tut mir leid. Ich meine: Willst du Joseph nicht lieber begleiten?“

„Wir haben uns schon entschieden.“

Die gleichen Worte hatte Joseph gebraucht.

„Für uns als Familie freue ich mich, dass du bleibst.“ Sie strich ihr übers Haar. „Aber für euch als Paar nicht.“

Katharina knüllte ihr Taschentuch zusammen. „Ja, ich weiß wie du es meinst. Aber Joseph zerreißt es das Herz, wenn er das Kaufhaus abgenommen bekommt.“

„Und dir? Wenn er abreist?“

Katharina seufzte. „Ich muss das halt aushalten ‒ für Joseph.“

Sie stand auf, umarmte Sophia und verließ das Zimmer.

Warum nur war sie oft so unbeherrscht, dass ihr Worte herausrutschten, die sie besser für sich behalten hätte? Wieso vermochte sie nicht so zu trösten, wie es Maria stets gelang?

Sie atmete tief ein und aus und klopfte an Marias Tür.

Tage später, an besagtem Abend der Feier, nachdem sich Sophia versichert hatte, dass Maria Katharina beistehen würde, eilte sie die Ludendorffstraße hinab.

Heute wurde das Kaufhaus gefeiert. Es war bereits in KAWA umbenannt worden. Doch Katharina hatte das frühere Schild aufbewahrt, hatte sie erzählt, so wie sie auch Joseph im Herzen aufbewahren würde.

Sophia schlug den Mantelkragen hoch. Ein eisiger Wind war aufgekommen.

Der Apotheker kam ihr entgegen und lupfte den Hut. „Fräulein Wagner, ich wünsche Ihrer Schwester viel Erfolg mit dem Kaufhaus.“

„Danke, ich werde es ausrichten.“

„Möge sich alles zum Besten wenden.“

„Ja, das hoffen wir auch.“

Er nickte. „Man muss halt für den Erfolg etwas tun, und zwar in jedem Bereich!“

Warum nur bekam sie das von allen Seiten zu hören? Sie verabschiedete sich und setzte ihren Weg fort. Wieder und wieder schaute sie sich um. Keiner folgte ihr. Es war ein weiter Weg bis zur Schreinerei. Hoffentlich heftete sich niemand an ihre Fersen. Nun bediente sie sich auch noch der Sprache des Untergrundes. Aber was wusste sie schon darüber?

Sie wählte den Weg durch den Hofgarten, hielt inne und tat so, als sähe sie die Büsche und Bäumchen das erste Mal. Frostüberzogen wie mit Zuckerhüten gruppierten sie sich in Reih und Glied. Sophia drehte sich im Kreis. Hinter ihr kam ein Mann in einem langen schwarzen Mantel heran. Wie angewurzelt blieb sie stehen, hielt den Atem an. Der Mann zog den Hut und spazierte an ihr vorüber.

Sie atmete auf. Doch die Gefahr war noch nicht vorbei. Sie wartete ein paar Atemzüge ab und schlenderte gemächlich weiter. Dabei ließ sie ihre Umgebung nicht aus den Augen. Der Mann war nun ein gutes Stück vor ihr, dann verließ er den Garten durch das vordere Tor.

Als sie hinaustrat, war er weg. Zum Glück! Sie prüfte die Umgebung. Lediglich ein alter Mann zog einen Handkarren hinter sich her, der über das Kopfsteinpflaster holperte. Sie hatte absichtlich den längeren Weg zur Zellerstraße gewählt. Sie hastete die Hofstraße hinab, ließ die Domstraße hinter sich und betrat die Alte Mainbrücke mit ihren Steinfiguren. Hier ließ sie sich stets Zeit, um die Figuren auf sich wirken zu lassen. Auch jetzt trat sie von einer zur nächsten, aber nur, um sich nach etwaigen Verfolgern umzuschauen.

Ein Liebespaar schmuste in inniger Umarmung. Gerade das war doch verdächtig. Gewiss lösten sie sich voneinander, sobald Sophia etwas Abstand zwischen sich und sie gelegt hatte. Sie schlenderte weiter, blieb stehen, strich mit dem Finger einen Schwung im Gewand der Figur nach und lugte zurück. Das Paar lehnte über der Brüstung und schaute auf den Fluss hinab. Auffällig bis zum dorthinaus!

Sophia lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung und behielt das Paar im Auge. Die beiden küssten sich und schlenderten dann in die entgegengesetzte Richtung.

Also hatte sie nun Zeit verloren für nichts. Sogleich eilte sie über die Brücke in die Zellerstraße. Margarethe hatte ihr das Haus beschrieben. Über der Haustür hing angeblich ein Hobel. Dort vorne stand ein einstöckiges Haus mit einer breiten Holztür und dem besagten Hobel darüber.

Vor der Schreinerei schaute Sophia sich vorsichtig um. Keiner war zu sehen. Noch bevor sie an die Tür klopfte, flog diese auf, eine Hand packte sie am Arm und zog sie hinein.

Ein Mann in ihrem Alter lachte sie an. „Nicht erschrecken, ich habe mir nur einen Scherz erlaubt.“ Er deutete zu einer Tür neben sich und machte eine einladende Handbewegung. „Hereinspaziert.“

„Was soll das? Ich finde das nicht spaßig!“ Sie warf ihm einen zornigen Blick zu.

„Entschuldigen Sie.“ Er lachte noch immer. „Kommen Sie!“

War der verrückt, sie so zu erschrecken? Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Sollte sie nicht besser gehen?

Der Mann winkte ihr, ihm zu folgen. „Jetzt kommen Sie doch endlich, wir warten schon eine Weile.“

„Machen Sie das nicht noch einmal!“

„Ich habe mich entschuldigt.“ Nun machte er ein zerknirschtes Gesicht.

Nun gut, sie konnte ja wenigstens einen Blick in den Raum werfen.

Zunächst blieb sie im Türrahmen stehen und atmete tief ein. Sie liebte den Duft nach Holz und hier schlug er ihr so stark entgegen, dass sie gar nicht genug davon bekam. Herrlich! Dann trat sie in den schwach beleuchteten Raum. Hier also schreinerte Moltke. Abgeschliffene Bretter lagen aufeinander. Auf der rechten Seite arbeitete er wohl an einem Schrank, jedenfalls wies ein viereckiger Kasten darauf hin. Links von ihr standen zwei Stühle, in einem dunklen Braun lasiert. Mitten im Raum saß Martin Moltke an einem Tisch und schaute sie grinsend an. Ansonsten war keiner anwesend.

Der junge Mann drängelte sich an ihr vorbei. „Wir haben auf Sie gewartet. Nehmen Sie doch Platz!“

„Wieder ein Scherz?“ Sie trat einen Schritt zurück. „Wo sind die anderen?“

Moltke zuckte mit den Schultern. „Margarethe wird noch dazu stoßen, wenn sie es zeitlich schafft. Ansonsten müssen Sie sich mit uns beiden zufriedengeben.“ Er lachte. „Oder flößen wir Ihnen Angst ein?“

Sophias Kehle fühlte sich staubtrocken an. Warum nur hatte sie sich hierhergewagt? Nie zuvor war sie im Dunkeln alleine unterwegs gewesen und nun sah sie sich gezwungen, sich ohne Begleitung mit zwei Männern zusammenzusetzen. Wüsste ihre Mutter davon, würde sie ihr den Kopf abreißen.