Zeit für Rache - Sylvia Schopf - E-Book

Zeit für Rache E-Book

Sylvia Schopf

4,9

Beschreibung

Mitten in den Vorbereitungen zu einer Ausstellung im Weltkulturen Museum verschwindet die attraktive Ausstellungsleiterin Ilena Willecke-Berghaus spurlos. Bald ist klar: hinter den Kulissen des Museums brodelt es heftig ebenso wie im Privatleben der Vermissten. Welche Rolle spielt Charlotte Behring, Afrikafachfrau des Museums und ehemalige Studienkollegin? Die Ermittlungen führen die Kommissare Christian Voss und Marina Ewers vom Frankfurter Museumsufer bis ins westafrikanische Burkina Faso.

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Seitenzahl: 309

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Sylvia Schopf

Zeit für Rache

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © BeneA / photocase.de

ISBN 978-3-8392-4434-0

Zitat

»Die Rache ist mein,

Ich will vergelten«

aus »Anna Karenina« (Leo Tolstoi)

1. Kapitel

Wie ausgestorben liegt der Platz in der provenzalischen Mittagshitze, baumlos und menschenleer. Hin und wieder weht eine angenehme Brise vom nahen Mittelmeer herauf. Der Himmel über Marseille ist so blau und strahlend, als müsse er mit einem Gemälde von van Gogh oder Cézanne konkurrieren. Ein Sommerhimmel wie aus einem Bilderbuch. Ein guter Tag zum Sterben! Und passend dazu läuten in der Ferne die Glocken. Totenglocken! Zwölf Uhr Mittag. Eine besondere Stunde, extra für dich ausgesucht, Ilena. Im Gegensatz zu dir nehme ich Rücksicht auf deine Bedürfnisse, deinen Drang nach Besonderem und Außergewöhnlichem.

Wo bleibst du? Du wirst doch nicht etwa im letzten Augenblick das verlockende Angebot ausschlagen? Wenn Erfolg winkt, konntest du doch bisher nicht widerstehen. Nur Pünktlichkeit war noch nie deine Stärke. Du lässt gerne warten. Ein Vorrecht des Stärkeren, um seine Macht zu demonstrieren. Der Untergebene hat zu warten. Aber es macht mir nichts mehr aus, denn ich weiß inzwischen um die Vorteile. Nicht wer wagt, gewinnt, sondern wer wartet, gewinnt. Und zwar Ruhe, Gelassenheit. Keine schnellen Entschlüsse, die man später bereut. Warten, bis die Zeit gekommen ist. Der richtige Zeitpunkt, um zuzuschlagen, um zurückzuschlagen, um anzugreifen.

Jetzt!

Stöckelschuhe klackern. Das verheißungsvolle Geräusch kommt aus einer der engen Gassen, die vom Hafen zum Platz heraufführen. Das zielstrebige Klack-Klack nähert sich rasch und dann tauchst du aus dem Schatten der Gasse auf. Du betrittst den Platz, als wäre er eine Bühne. Deine Bühne! Na klar. Die Sonne: dein Scheinwerfer. Das grasgrüne Chiffonkleid umflattert vorteilhaft deine Figur. Du wusstest schon immer deine weiblichen Reize einzusetzen. Du bleibst stehen, streichst dir lasziv eine kastanienbraune Locke aus dem Gesicht, schaust dich um. Enttäuscht, dass es kein Publikum gibt? Keine Sorge! Ich bin da! Ich schaue dir zu. Wieder einmal. Aber dieses Mal stört es mich nicht, Zuschauer zu sein, denn ich weiß, dass es dein letzter Auftritt sein wird. Und ich bin es, der ihn inszeniert hat. Du spielst die Rolle, die ich dir zugedacht habe. Du gehst auf die sandsteinfarbene Mauer zu, die den Museumsbau wie ein Gefängnis umschließt. Der einzige Durchgang ist ein großes, schmiedeeisernes Tor, durch das du im nächsten Augenblick verschwinden wirst. Gleich rechts neben dem Eingang ist die Kasse. Du löst eine Eintrittskarte. Möglicherweise wird sich die Kassenfrau später an die gut aussehende Besucherin erinnern. Du hast es schon immer verstanden, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Weniger durch das, was du sagst, als durch die Art und Weise. Mit deinen eiskalten, undurchdringlichen Augen fixierst du die anderen. In deinen Auftritten schwingt immer ein »Schaut-her-hier-bin-ich!« mit. Das war an der Universität so und auch später bei Konferenzen und Versammlungen. Einige bewunderten dich dafür, andere neideten dir dieses Aufsehen. Ich habe gelernt, dich dafür zu hassen. Und jetzt bist du auf dem Weg ins Reich der Mumien. In der altägyptischen Abteilung wirst du schon erwartet.

Nicht erschrecken, wenn du aus dem gleißenden Sonnenlicht in den düsteren Ausstellungsraum kommst. Sie hängen gleich am Eingang: Geköpfte! Eine ganze Reihe auf Kinderkopfgröße geschrumpfte Menschenschädel glotzen dich aus ihren leeren Augenhöhlen an. Schrumpfköpfe, Trophäen südamerikanischer Indianer. Bei ihnen musste der Besiegte seinen Kopf lassen und den trug der Sieger, als Schrumpfkopf präpariert, bei sich. Das wäre zu viel der Ehre für dich. Also, lass sie links liegen, die Schrumpfköpfe, und folge den Hinweisen »Altägyptische Abteilung«.

Dort empfängt dich feierliche Stille. Nur die Klimaanlage im Raum surrt leise. Lange Glasvitrinen, in denen die Originalpapyri des ägyptischen Totenbuches ausliegen. Sie durchziehen wie gläserne Trennwände den Raum und verwehren den Überblick. Die Sarkophage, diese farbenprächtigen Leichenbehältnisse, sind vom Eingang aus nicht zu sehen. Und das ist gut. Sehr gut.

Spürst du etwas von der Gefahr, der Lebensgefahr, in der du schwebst? Spürst du etwas von der Bedrohung, die hier lauert? Anders als sonst, bist du heute die Beute. Du wirst ergriffen. Ein Überraschungscoup. Wie schade, dass ich dein Gesicht nicht sehe, wenn du plötzlich die Hand auf deinem Mund spürst. Schreien unmöglich. Vielleicht weißt du, dass deine letzten Augenblicke gekommen sind. Angst. Todesangst. Ich wünsche sie dir von Herzen. Aber leider geht alles sehr schnell. Es gibt keine Zeit, dich leiden zu lassen. Ich hätte es dir gegönnt! Doch die Betäubung wirkt rasch, das Gift auch – und kurz darauf bist du in einem der Sarkophage verschwunden. Ich habe eine besonders hübsche Totenkiste für dich ausgesucht. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen! »Ne pas toucher. Bitte nicht berühren. Don’t touch!« steht auf dem kleinen Schild daneben. Aber es ist wie so oft: Hält man sich nicht an die Verbote, kann man neue Erfahrungen machen. So ein Sarkophag lässt sich nämlich einfach und lautlos öffnen. In seinem Inneren ist Platz, ausreichend Platz für einen zarten Frauenkörper wie den deinen. Anschließend wird alles in seine alte Position geschoben und sieht aus wie zuvor. Kein Blut ist geflossen. Es gibt keine Spuren, keine Zeugen und keine Überwachungskameras, die festhalten, was im Ausstellungsraum »Altägyptische Kunst« des Ethnologischen Museums in Marseille geschehen ist.

Wie lange mag es wohl dauern, bis man dich entdeckt? Die Ausstellungsräume sind gut gekühlt. Das fiel mir gleich bei meinem ersten Besuch auf. Als ich von der sonnendurchfluteten Galerie in den abgedunkelten Raum trat, strömte mir wohltuende Kühle entgegen. Nirgends ein Aufseher, keine weiteren Besucher. Der Raum »Altägyptische Kunst« gefiel mir auf Anhieb und die Idee mit dem Sarkophag auch! …

Wie … ? Wie bitte?

Charlotte Behring schreckte auf. Schaute sich verwirrt um und fühlte sich einen Augenblick lang ertappt. Ja, natürlich! Sie saß im Zug nach Frankfurt, draußen sauste die sonnenbeschienene Landschaft des Rhone-Tals vorüber und vor ihr stand ein Mann in Uniform.

»Votre ticket!«, forderte der Schaffner erneut.

Tie-käh? Ach so, ja: der Fahrschein! Wo hatte sie den nur hingesteckt? Während Charlotte aufgeregt ihre Handtasche durchwühlte, kontrollierte der Uniformierte den Fahrschein einer älteren Dame, die gegenüber saß. Dann stand er wieder neben ihr. Sein Gesicht war ausdruckslos. Gerade als er etwas sagen wollte, fand Charlotte den Fahrschein in ihrer Jackentasche. Er warf einen kurzen prüfenden Blick auf das Papier, das sie ihm triumphierend gereicht hatte, und gab es wortlos zurück.

»Werden wir denn pünktlich in Frankfurt ankommen?«, erkundigte sie sich und warf dem Schaffner ein Lächeln zu. Der nickte nur, drehte sich um und setzte seine Arbeit fort.

»Tja, Höflichkeit ist heutzutage selten«, seufzte die ältere Dame. Charlotte machte eine unbestimmte Handbewegung, drückte die Tasche mit den Unterlagen, die sie sich im Forschungsinstitut in Aix-en-Provence besorgt hatte, an sich und schloss wieder die Augen. Sie hatte kein Interesse an einem Gespräch, überließ sich lieber dem sanften Schaukeln des Zuges und ihren Gedanken. Die wanderten zurück nach Marseille in die altägyptische Abteilung des Museums, wo man demnächst einen besonderen Fund machen würde. Sie hatte die Zeitungsnotiz schon vor Augen: »Makabrer Leichenfund in Marseille im Centre de la Vieille Charité. Aufmerksam geworden durch den Geruch in einem der altägyptischen Sarkophage, fanden Museumsmitarbeiter eine Tote. Nach ersten Ermittlungen der Polizei wurde die Frau ermordet.«

Irgendwann würde man herausfinden, wer die Tote war. Ach ja, die Handtasche samt Inhalt – Ausweise, Kreditkarten, Führerschein und so weiter – musste noch beseitigt werden. Entsorgt. Das Wort klang gut. Irgendwann würde eine kleine, unscheinbare Zeitungsnotiz informieren, dass es sich bei der Toten aus dem Sarkophag um die seit Längerem vermisste Deutsche Ilena Willecke-Berghaus handele. Ein zufriedenes Lächeln huschte über Charlottes Gesicht. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war Freitag, der 22. Juli, 10.54 Uhr. Eine lange Bahnfahrt lag vor ihr. Am frühen Abend würde sie in Frankfurt ankommen und dann hatte sie den ganzen Sonntag Zeit zum Erholen, bis sie am Montag wieder zur Arbeit ins Museum musste.

Sonntag, 24. Juli: Früher Nachmittag

Was war mit Ilena? Warum meldete sie sich nicht? Unruhig wippte Teresa auf ihrem Bürostuhl hin und her, strich sich nervös einige widerspenstige Haare aus dem Gesicht, warf zum x-ten Mal einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann aufs Handy, drückte die Wiederholungstaste und kurz darauf die Aufleg-Taste, weil sich wieder nur der Anrufbeantworter meldete. Am Mittwochabend hatte Teresa zum letzten Mal mit ihrer Chefin telefoniert. Mittwoch! Jetzt war Sonntagnachmittag. Seit vier Tagen war Ilena nicht mehr zu erreichen, hatte weder auf Mailboxnachrichten noch auf SMS reagiert. Das war eigentlich nicht ihre Art. Und seit gestern wollte sie wieder in Frankfurt sein. Aber auch unter ihrer Privatnummer meldete sie sich nicht. Teresa ging in Gedanken die Reisepläne ihrer Chefin durch. Letzten Montag war Ilena nach Berlin gefahren, um dort im ethnolgischen Museum über Leihgaben für die Ausstellung zu verhandeln. Von dort aus wollte sie nach Stuttgart. Oder war es Zürich? Irgendwie war auch die Rede von einem Privatsammler gewesen, den sie treffen wollte. Aber wo? So genau hatte Teresa nicht zugehört. Nervös drehte sie eine hennarote Haarlocke um ihren Zeigefinger und starrte auf den Layout-Entwurf für den Ausstellungskatalog, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Dazu gab es ein paar wichtige Fragen, die sie dringend mit Ilena besprechen musste. Teresas Blick fiel auf den Bildschirm ihres PCs. Von dort starrten sie zwei weit aufgerissene Augen an. Durchdringend. Bedrohlich. Ein hastiger Tastendruck und das Foto des afrikanischen Fetischs war vom Bildschirm verschwunden. An den Anblick dieser magischen Gestalten hatte sie sich immer noch nicht gewöhnt. Teresas Blick wanderte zum Fenster. Es war gekippt und sie hörte, wie draußen auf der Straße ein Auto angelassen wurde und wegfuhr. Dann herrschte wieder Sommersonntagsstille auf dem kleinen Platz vor dem Büro in Alt-Sachsenhausen.

Als Teresa vor gut einem halben Jahr bei Ilena zu arbeiten anfing, war sie zuerst etwas irritiert, dass sich hinter dem Namen art & exhibition offenbar nur die Chefin und eine Mitarbeiterin – ihre Vorgängerin, die gefeuerte Grafikdesignerin – verbargen. Aber Ilena hatte große Pläne für ihre Agentur. Sie wollte zukünftig kreative und künstlerische Ausstellungskonzepte entwickeln und betreuen. Die Ausstellung Macht und Magie in Afrika im Frankfurter Weltkulturen Museum war nur der Anfang. Es gab bereits Bewerbungen für weitere Projekte, hatte Ilena damals erzählt. »Und wenn es mit uns beiden klappt, bist du natürlich mit dabei, in leitender Funktion für den Kreativbereich«, hatte sie Teresa einige Zeit später versprochen. Zuerst war Teresa dankbar gewesen, dass Ilena ihr, einer Berufsanfängerin, eine Chance gegeben hatte. Und als Ilena sich immer wieder lobend über ihre Arbeit äußerte, entstand in Teresa so etwas wie Selbstsicherheit und auch Stolz, bei art & exhibition mitzuarbeiten. Das kleine, aber feine Büro im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen sei nur der Anfang einer Agentur, die sich schon bald durch ihre innovative und ungewöhnliche Arbeit einen Namen auch über Frankfurt hinaus machen würde, hatte Ilena ihr angekündigt – und davon war auch Teresa inzwischen fest überzeugt. Doch warum meldete sich ihre Chefin seit Tagen nicht mehr?

Teresa saß zusammengesunken an ihrem Schreibtisch. War Ilena verunglückt oder hatte sie eventuell Freunde besucht? War sie plötzlich krank geworden? Oder hatte gar jemand den bösen Blick auf Ilena gerichtet? »Schadenszauber« nannte man das in manchen Teilen der Welt. Dass es so etwas gab, wusste Teresa, seit sie bei Ilena für das Ausstellungsprojekt im Weltkulturen Museum arbeitete. Auch über Verhexung und Schutzamulette, mit denen man feindliche Kräfte abwehren konnte, hatte sie inzwischen einiges gelernt. Und Fetische! Diese eigenartig gestalteten Holzfiguren spielten eine wichtige Rolle in der Glaubenswelt der Afrikaner. Ihnen brachte man blutige Opfer, da nur auf diese Weise der so genannte Fetisch seine magischen Fähigkeiten entfalten konnte. Befremdlich! Fand Teresa. Und gleichzeitig hatten solche Rituale etwas Faszinierendes; ebenso wie die Vorstellung, dass es übernatürliche Mächte geben sollte. Erst kürzlich hatte sie auf einer Internetseite gelesen, dass in Afrika und anderen Ländern Menschen krank wurden und sogar starben, weil sie fest davon überzeugt waren, dass jemand im Dorf oder in der Nachbarschaft sie verhext hatte. Sie hatte mit Ilena darüber gesprochen. Für ihre Chefin, die als Ethnologin einige Zeit in Westafrika geforscht hatte, war das nichts als archaischer Aberglaube, bei dem es letztendlich um Macht ging. Fetische, so hatte Ilena ihr erklärt, seien lediglich von Menschen geschaffene Objekte, die sie benutzten, um Einfluss auf andere auszuüben. Dass viele dieser Zauberobjekte einen beachtlichen Kunst- und Marktwert haben konnten, hatte Teresa ebenfalls erfahren, und dass man manchem unscheinbaren Objekt seinen enormen Wert gar nicht ansah.

Mit einem Mal wusste Teresa, was sie tun musste. Entschlossen fuhr sie den PC herunter, verließ das Büro von art & exhibition in Sachsenhausen und fuhr zu Ilenas Wohnung, die sich im nahen Deutschherrnviertel befand. Erst vor Kurzem war Ilena in das nicht gerade preiswerte Wohnviertel am Sachsenhäuser Mainufer gezogen, das zu den Frankfurter Projekten »Wohnen am Fluss« gehörte. »Protzhäuser«, hatte Teresas Freund Sven die Häuser genannt, wobei sich die richtig luxuriösen Wohnungen mainaufwärts im ehemaligen Westhafen befanden. Dort gab es einen eigenen kleinen Yachthafen und Bootsanleger vor dem Haus. Im Westhafen war Teresa noch nie, aber das Deutschherrnviertel fand sie auf eigenartige Weise leblos. Und dieser Eindruck bestätigte sich, als sie an diesem Sonntagnachmittag in der Nähe von Ilenas Wohnung aus dem Auto stieg. Die Straßen waren wie ausgestorben. Als würden die Menschen nur zum Schlafen hierherkommen und ansonsten ihr Leben anderswo verbringen. Aber wo? Wer hatte ihr eigentlich erzählt, dass man das Viertel auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes von Frankfurt errichtet hatte?

Teresa bog in einen der akkurat angelegten Fußgängerwege ein. »Zum Apothekerhof« stand auf dem Schild. Vor dem Haus mit der Nummer 17b blieb sie stehen und drückte das silberne Viereck neben dem Namen »Berghaus«. Ilenas erster Nachname fehlte auf dem Namensschild. Willecke, so hieß ihr Ehemann. Hier hatte sie ihn schon getilgt, obwohl sie noch gar nicht geschieden waren. Plötzlich beschlich Teresa ein merkwürdiges Gefühl. Sie drückte erneut den Klingelknopf. Nichts geschah. Dann fiel ihr ein, dass Ilena von einem spanischen Lokal gesprochen hatte, das sich in der Nähe der Wohnung befand und in das sie hin und wieder auf einen Drink oder einen Kaffee ging. Vielleicht war sie dort? Eine schwache Hoffnung, aber immerhin eine. Teresa machte sich auf die Suche, kam zu einem großen Platz, in dessen Mitte mehrere Wasserfontänen aus dem Boden sprudelten. Am anderen Ende erhob sich der »Turm zu Babylon«, so nannte Teresa das runde, erdrote Hochhaus mit den kleinen goldenen Zinnen, die dem Gebäude einen Hauch von Orient verliehen. Eigentlich hieß es Colosseo und war ein Außenseiter in der Frankfurter Hochhauslandschaft. Fast alle Wolkenkratzer der Stadt ballten sich um das überschaubare Altstadtzentrum auf der anderen Mainseite in Hibbdebach. Oder war es Dribbdebach? Teresa hatte sich immer noch nicht gemerkt, ob Sachsenhausen mit dem Museumsufer nun im Frankfurter Sprachgebrauch hüben oder drüben war. Wahrscheinlich war das eine Frage des Standpunktes.

Und da war das spanische Lokal, zu Füßen des Colosseo. Die Tische im Freien waren gut besetzt. Es wurde geplaudert und gescherzt, als hätte sich hier das Leben des ganzen Viertels gebündelt. Mit klopfendem Herzen inspizierte Teresa die Gäste, die draußen saßen, dann jene im Lokal. Dann war auch diese Hoffnung geplatzt. Und nun? In Teresas Kopf hämmerte es. Sie hätte jetzt gerne mit Sven geredet. Aber gestern hatten sie sich heftig gestritten. Dass sie nur noch ihren Job im Kopf hätte und für nichts anderes mehr Zeit, hatte er ihr vorgeworfen. Seitdem herrschte Funkstille. Eigentlich war es an ihm, den ersten Schritt zu machen, fand Teresa. Aber wahrscheinlich würde Sven ihre Sorgen sowieso nicht verstehen; er mochte Ilena nicht besonders. Also versuchte sie, eine ihrer Freundinnen anzurufen, dann ihre Schwester. Yolande war zum Glück da und meldete sich etwas verschlafen, wurde aber hellwach, als sie hörte, worum es ging. »Hast du schon mal bei ihrem Mann nachgefragt? Sie ist doch verheiratet, oder?«

»Ja, aber ich habe keine Nummer von ihm. Und über die Auskunft ist nix rauszukriegen.« Teresa holte mit ihrem rechten Fuß aus und versuchte, einen kleinen Stein vom Pflaster zu kicken.

»Was ist mit Freunden? Verwandten? Die Eltern?«, erkundigte sich Yolande mit detektivischem Eifer.

»Keine Ahnung.« Teresa überlegte einen Moment. Ilena erzählte selten etwas Privates. Nur über die Sache mit ihrem Ehemann hatte sie gesprochen. Aber sonst? »Wie bitte?«, fragte Teresa irritiert.

»Zur Polizei!«, wiederholte Yolande am anderen Ende. »Du solltest zur Polizei gehen.« Teresa erstarrte, als wäre ein unheilvolles Zauberwort gefallen.

»Hey! Teresa? Bist du noch da?«

»Jaja. Klar«, murmelte Teresa und schlenderte die Straße zurück Richtung Auto.

»Muss ja nicht unbedingt was Schlimmes passiert sein«, versuchte Yolande ihre Schwester zu beruhigen. »Auf alle Fälle kann die Polizei ganz anders nach deiner Chefin suchen als du.«

Teresa bedankte sich und legte so rasch auf, dass sie die Bitte ihrer Schwester, sich zu melden, gar nicht mehr hörte. Polizei, echote es in Teresas Kopf. Würde sie nicht geradezu das Schlimme heraufbeschwören, wenn sie zur Polizei ginge? Sie blieb neben ihrem Auto stehen. Nein! Sie musste die Polizei einschalten. Da hatte Yolande völlig recht. Und zur Polizei fiel ihr zuerst der große, graue Kasten am Alleenring ein, das Polizeipräsidium, an dem sie immer vorbeikam, wenn sie ins Büro nach Sachsenhausen fuhr.

Teresa stieg ins Auto, ließ die Protzhäuser des Deutschherrnviertels hinter sich und fuhr Richtung Mainbrücke. Der Fluss lag träge in der Nachmittagssonne, auf beiden Seiten flanierten Sonntagsspaziergänger. Sonnenhungrige saßen auf den Bänken der Uferanlage oder lagen in Badesachen auf dem Rasen, begierig nach Sonnenbräune.

Rasch hatte Teresa die Innenstadt durchfahren. Nur wenige Autos waren unterwegs. Schon bald kam stadtauswärts das Polizeipräsidium in Sicht. Während Teresa nach einem Parkplatz suchte, überlegte sie, ob sie schon jemals in ihrem Leben auf einem Polizeirevier war. Eigentlich kannte sie das nur aus dem Fernsehen. Wie würde es wohl in Wirklichkeit sein, so ein riesiges, unnahbares Gebäude zu betreten, zu einem Beamten geschickt zu werden, dem sie dann erzählte, dass Ilena noch nicht von ihrer Geschäftsreise zurückgekehrt war?

Sonntag, 24. Juli: Früher Abend

Teresa hatte keine Ahnung, wie lange sie der Polizistin gegenübergesessen hatte. Als sie das Präsidium verließ, fröstelte sie einen Moment. War es die nachlassende Wärme? Oder wegen der Vermisstenanzeige? Das Wort klang schrecklich. Klang bedrohlich. »Und denken Sie bitte noch an das Foto«, hatte die Polizistin sie erinnert, als sie schon an der Tür stand. »Für die Fahndung ist es gut, wenn wir ein Foto der Vermissten haben.« Fahndung! Noch so ein fürchterliches Wort. Es klang nach Verbrechen. Aber die Polizistin hatte ihr erklärt, dass nicht nur nach Verbrechern, sondern auch nach Vermissten gefahndet würde. Und viele, die als verschwunden gemeldet wurden, tauchten meist nach ein paar Tagen wieder auf. Hatte die Polizistin gesagt. Doch irgendwie konnte Teresa das nicht glauben. Vielleicht wollte die Frau sie nur beruhigen.

Unschlüssig stand sie im Schatten des lang gestreckten, schiefergrauen Polizeipräsidums, das sich über die Fläche eines ganzen Quartiers ausbreitete und von vier Straßen eingerahmt wurde, von denen eine der viel befahrene Alleenring war. Teresa überlegte, wo sie ihr Auto abgestellt hatte. Auf dem Parkplatz vor dem Gebäude stand es jedenfalls nicht. Zögernd setzte sie sich in Bewegung. Unglaublich, was die Polizistin alles über Ilena wissen wollte, ihre Person, die Geschäftsreise, den Ehemann, Wohnung, Arbeit … Fetzen des Gesprächs tauchten in Teresas Bewusstsein auf, wie kleine Korkstücke, die zu leicht sind, um im Wasser unterzugehen. Der Ehemann. Ilenas Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Die Ausstellung für das Museum. Auch über Ilenas Auto hatten sie gesprochen, und die Polizistin hatte sofort Nachforschungen bei der Verkehrspolizei gestartet. Ohne Erfolg. Einen Verkehrsunfall hatte Ilena also nicht gehabt. Zuerst war Teresa über diese Nachricht erleichtert, dann beunruhigt. Ein Unfall wäre wenigstens eine Erklärung für Ilenas Schweigen gewesen, ihr Noch-nicht-wieder-zurück-Sein. So aber war weiterhin alles rätselhaft.

Für einen Moment fiel Teresas Blick auf Wohnhäuser, die sich monoton aneinanderreihten. Wohnkäfige, erbaut im kargen Charme der 60er-Jahre. Sie drehte ihnen den Rücken zu und bog in eine Seitenstraße.

Ob Ilena selbstmordgefährdet sei? Hatte die Polizistin gefragt. Auf keinen Fall! Da sei Ilena ganz und gar nicht der Typ. Auch das Motiv »Mal-kurz-Zigaretten-holen-und-nicht-wiederkommen« schlossTeresa aus. Die Polizistin notierte es.

Teresa blieb stehen und suchte zwischen den geparkten Autos nach ihrem grasgrünen alten Golf. Und Ilenas Auto? Der Polizistin hatte sie gesagt, es sei dunkelblau. Aber war es nicht schwarz? Auch bei der Marke war sie sich nicht mehr sicher. Irgendwas Japanisches oder Koreanisches, also ein Auto mit Migrationshintergrund, wie es ihr Freund Sven gerne nannte. Und hatte sie der Polizistin überhaupt mitgeteilt, dass Ilena noch keine Zeit gehabt hatte, ihr Auto umzumelden? Es hatte das alte Nummernschild: MTK irgendwas. Main-Taunus-Kreis, denn Ilena hatte bis vor Kurzem in Bad Soden, sozusagen am Fuße des Taunus, gewohnt. Unentschlossen bog Teresa in eine Straße ein, die sich als Sackgasse erwies, drehte um, irrte noch eine Weile durch eine Wohngegend mit hübsch herausgeputzten Ein- und Zweifamilienhäusern und bemerkte dann den schlanken, weißen Kirchturm aus den 70er-Jahren sowie zwei große, blau leuchtende Buchstaben an einem hohen Gebäude: hr. Das Funkhaus des Hessischen Rundfunks. War sie hier bei ihrer Parkplatzsuche vorbeigekommen? Sie ging zögernd weiter und entdeckte schließlich ihr Auto unter den Bäumen des weitläufigen Parkplatzes, der sich gegenüber vom Funkhaus und neben einem Sportplatz befand.

Teresa fuhr zurück ins Büro nach Alt-Sachsenhausen, um ein Foto für die Vermisstenanzeige zu suchen. Etwas hilflos kramte sie in den Papierstapeln auf dem Schreibtisch ihrer Chefin herum, suchte in Ordnern und zog schließlich eine Schublade von Ilenas Schreibtisch auf … Ein Schrei gellte durch den Raum. Überreste eines Schädels, eines skelettierten Hundekopfes, auf ein derbes Holzbrett geschnürt, lagen in der Schublade. Teresa schloss angewidert die Augen. Ihr Pulsschlag hatte sich im Handumdrehen vervielfacht. Es war, als würde Verwesungsgeruch ihr in die Nase steigen.

Unwillkürlich musste Teresa an jenen Tag denken, als sie zum ersten und einzigen Mal mit Ilena im Depot war, jenem bunkerartigen Gebäude in einem Frankfurter Industrieviertel, in dem das Weltkulturen Museum seine Sammlungen lagerte. Schon von außen wirkte das Gebäude unheimlich. Ein klobiger Betonkasten mit der Anmutung eines Gefängnisses, in dessen Innerem, verteilt auf mehrere Stockwerke, Abertausende von Objekten aus aller Welt aufbewahrt wurden: Stoffe ebenso wie Waffen und Pfeilspitzen, an denen sich noch das tödliche Gift nachweisen ließ, hatte Ilena erklärt. Erst hatte Herr Frank, der Leiter des Depots, sie durch die riesigen, neonbeleuchteten Lagerräume geführt. Dann wurde er ins Büro gerufen und plötzlich war auch Ilena verschwunden. Eine merkwürdige Stille lag über dem Raum, in dem Schränke und Regale endlose Gänge bildeten. Teresa hatte das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Als sie sich vorsichtig umdrehte, fiel ihr Blick auf ein fratzenhaftes Gesicht, das sie durchdringend anstarrte. Die Zunge herausstreckte. Gleich daneben ein gierig aufgerissenes Maul, als wäre es der Wolf im Märchen von Rotkäppchen. Teresa wich erschrocken zurück. Etwas Eiskaltes berührte sie am Arm. Sie wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Der Boden unter ihren Füßen wankte. Sie taumelte zur Seite, stieß irgendwo an und etwas fiel zu Boden. Teresas Herz begann wie wild zu rasen, als sie auf den Fliesen einen skelettierten Hundeschädel erkannte. Er war in mehrere Teile zerborsten, zwischen denen eine zähe, dunkelrote Masse hervorquoll. Ein widerlicher Geruch stieg ihr in die Nase, dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. »Alles okay?« Das war die Stimme von Ilena. Als sich Teresa umdrehte, stand ihre Chefin da und lächelte ihr aufmunternd zu. »Muss an die frische Luft!«, quetschte Teresa hervor und stürmte davon. Wie sie zur Tür gekommen war, wusste sie nicht mehr. Sie war nur heilfroh, als sie dieses ethnologische Gruselkabinett verlassen hatte und draußen vor dem Depot auf Ilena wartete.

Weder an diesem Tag noch später hatten sie und ihre Chefin über das Vorgefallene gesprochen. Teresa war es peinlich gewesen. Sie war sich bald nicht mehr sicher gewesen, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte. Aber jetzt wusste sie, dass es diesen scheußlichen Hundeschädel wirklich gab – und zwar in der Schublade von Ilenas Schreibtisch. Wie kam er dorthin? Und was machte er da? Vorsichtig öffnete Teresa die Augen. Alle Schubläden des Schreibtisches waren geschlossen. Vielleicht hatte sie im ersten Schock … Egal. Auf keinen Fall würde sie auch nur eine der Schubladen nochmals öffnen.

Eilig verließ Teresa das Büro. Sie wollte nur noch nach Hause. Als sie im Auto saß, fiel ihr das Fahndungsfoto ein. Sollte sie zurückgehen und danach suchen? Nervös drehte sie eine lockige Haarsträhne zwischen ihren Fingern, bis ihr einfiel, dass es auf der Homepage von art & exhibition ein Foto ihrer Chefin gab. Teresa kramte in ihrer Tasche nach der Visitenkarte, die die Polizistin ihr gegeben hatte, falls ihr noch etwas einfallen würde. Sie wählte die Nummer, hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und startete den Motor.

Noch immer Sonntag, der 24. Juli

Eigentlich hatte Teresa nach Hause fahren wollen. Aber dann stand sie erneut im Deutschherrnviertel vor Ilenas Haus. Als hätte irgendetwas sie magisch hierhergezogen. Es dämmerte bereits. Teresa schaute an dem quadratischen, weißen Wohnblock hinauf – und stutzte. Das erleuchtete Fenster im dritten Stock! Gehörte das nicht zu Ilenas Apartment? Hastig drückte sie den Klingelknopf. Kurz darauf knackte es in der Sprechanlage und eine Männerstimme meldete sich. Teresa stotterte herum. Hatte sie sich in der Aufregung in der Klingel geirrt?

»Zu wem möchten Sie?«, wiederholte die Stimme.

»Frau Willecke-Berghaus«, hörte sie sich sagen und war erschrocken, als gleich darauf der Türöffner surrte. Sie hätte auf den Aufzug warten müssen, deshalb eilte sie lieber zu Fuß in den dritten Stock. An der Tür wurde sie erwartet. Von einem jungen Mann in Uniform. Polizei! Teresa erschrak und brachte keinen Ton heraus. Auch auf die Frage, ob sie eine Verwandte oder Bekannte von Frau Willecke-Berghaus sei, konnte sie nur mit Kopfschütteln und Nicken antworten.

»Ist … ist sie da?«, fragte Teresa schließlich kaum hörbar.

»Nein«, antwortete der Polizist und wollte die Tür schließen, als Teresa – sie war selbst ganz erstaunt – an ihm vorbei in den Flur schlüpfte und vordrang Richtung Wohnzimmer.

»Moment!« Der junge Mann packte sie energisch am Arm und zog sie in den kleinen Wohnflur zurück, der von mehreren Punktstrahlern gut ausgeleuchtet war, sodass sie sein leicht angespanntes Gesicht deutlich sehen konnte. Sein Kollege, der offenbar im Wohnzimmer gewesen war, hatte sich inzwischen mit einem grimmig-abweisenden Gesichtsausdruck wie ein Höllenwächter am Eingang zum Wohnzimmer postiert, so als gäbe es dort etwas Schreckliches zu verbergen.

»Ich bin eine Mitarbeiterin von Frau Willecke-Berghaus«, stieß Teresa aufgebracht hervor und nannte rasch ihren Namen. »Ich war vorhin bei der Polizei.«

Die beiden beobachteten, wie Teresa ein zusammengefaltetes Papier aus ihrer Tasche kramte. Die Vermisstenanzeige.

»Und was wollen Sie hier?«, fragte der Wohnzimmerwächter, nachdem er einen Blick auf das Papier geworfen hatte. Teresa stand da und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie zuckte hilflos die Schultern. »Sie … Sie … Ist sie nicht hier? Sie haben sie nicht gefunden?«

»Bisher nicht«, antwortete der von der Wohnzimmertür und trat nun einen Schritt zur Seite. Teresa verstand das als Einladung, wagte sich ein paar Schritte vorwärts und warf vorsichtig einen Blick in den großen Wohnraum. Sie war bisher nur ein einziges Mal in Ilenas Wohnung gewesen, kurz nach deren Einzug. Das elegant eingerichtete Wohnzimmer wirkte noch genauso unbewohnt wie damals. Viel Chrom, viel Weiß. Der einzige Farbtupfer: eine moderne bordeauxrote Ledercouch, die bestimmt ihren Preis gehabt hatte. Sie stand exakt in der Mitte einer weißen Wand, an der kein einziges Bild hing. Nirgends war ein Bild in der Wohnung aufgehängt. Sie standen alle noch ordentlich aneinandergelehnt in einer Ecke und warteten darauf, einen Platz zu bekommen. Alles wirkte sehr aufgeräumt. Nicht einmal eine Fernsehzeitung lag herum. Das ganze Gegenteil von Ilenas Büro, in dem sich ihre Unterlagen ungeordnet stapelten. Unglaublich, dass die aufgeräumte Wohnung und das Chaos im Büro zu ein- und derselben Person gehörten. Aber vielleicht hatte Ilena jemanden, der in der Wohnung aufräumte? Eine Putzfrau möglicherweise.

»Bisher haben wir keinerlei Hinweise gefunden«, erklärte einer der beiden Polizisten. »Auch keinen Abschiedsbrief oder Ähnliches.«

Abschiedsbrief! Teresa zuckte zusammen. »Wie kommen Sie denn darauf?« Ihre Stimme klang auf einmal schrill und fremd.

»Es könnte ja sein …«

»Niemals!« Teresa schrie das Wort heraus, als sei es ein Protestruf. Dann wiederholte sie leise: »Das würde Ilena niemals tun.«

»Es gibt ungeahnte Gründe, warum Leute aus dem Leben scheiden wollen«, gab einer der beiden Beamten sachlich und ruhig zu bedenken.

»Aber doch nicht Ilena!« Teresa suchte Halt an der Wand. Einer der beiden Polizisten kam ihr zu Hilfe. »Möchten Sie ein Glas Wasser?«

Teresa schien die Frage nicht gehört zu haben. Sie redete weiter, sprach von der Ausstellung, wie viel Bedeutung dieses Projekt für Ilena habe, welchen Erfolg sie bisher und welches Renommée … Wieso sollte sie da …?

»Erfolg oder Erwartungen können einem über den Kopf wachsen«, warf der ältere der beiden Polizisten ein. »Oft sind es sehr persönliche Probleme, die zu einem solchen Schritt führen, von dem selbst Ehemänner oder -frauen und auch gute Freunde nichts geahnt haben.«

Sie kennen Ilena nicht, dachte Teresa und schüttelte entschieden den Kopf. Aufgeben! Das gab es bei ihr nicht. Ein melodischer Klingelton unterbrach das Gespräch. Es kam von der Wohnungstür. »Dafür, dass wir uns in der Wohnung einer Vermissten befinden, geht’s hier aber ganz schön rund«, witzelte der Jüngere und ging zur Tür.

Eine auffallend geschminkte Frau blickte den Polizisten durch ihre mondänen Brillengläser erschrocken an. »Um Gottes willen! Ist was passiert? Etwa wieder ein Einbruch?«

»Nein, nein«, beruhigte der Polizist. Es war die Nachbarin, die sich um den Briefkasten gekümmert hatte. Auch ihr hatte Ilena gesagt, dass sie am Wochenende zurück sei. »Als ich Geräusche aus ihrer Wohnung gehört habe, dachte ich, das isse.« Die Frau, deren Alter nicht genau zu schätzen war, schaute den Polizisten fragend an. Der nahm die Post entgegen, bedankte sich und erkundigte sich nach ihrem Namen. Teresa nutzte die Gelegenheit und schlüpfte, ohne sich zu verabschieden, eilig zur Tür hinaus. Wie zuvor nahm sie nicht den Aufzug, sondern die Treppe.

Etwa eine Stunde später verließen die beiden Polizisten die Wohnung von Ilena Willecke-Berghaus. Die Durchsuchung hatte kaum brauchbare Hinweise gebracht. Keine Notizzettel, keine Adressen von Verwandten oder Freunden, keine Fotos, kein herumliegendes Buch, keine angebrochene Chipstüte. Kein Abfall. Noch nicht mal irgendwelche alten Zeitungen. Nur der Anrufbeantworter hatte geblinkt und verkündet, dass es fünf Nachrichten gäbe. Doch nur zwei der Anrufer hatten eine hinterlassen. Es war Ilenas Vater, der um einen Rückruf bat. Auch die zweite Nachricht war vom Vater, der dieses Mal erwähnte, dass es um die Mutter gehe, die ins Krankenhaus eingeliefert worden wäre.

Die Post, die die Nachbarin gebracht hatte, war schnell gesichtet. Eine Arztrechnung, ein Bußgeldbescheid wegen Parkens in einer Anwohnerzone und eine Postkarte von einem Freund oder einer Freundin – die Unterschrift war unleserlich – aus Kreta mit den üblichen Urlaubsfloskeln von Sommer, Sonne, Strand und Meer, alles bestens, alles toll.

»Verheiratet, keine Kinder, mittleres Alter«, resümierte einer der beiden Polizisten, als sie im Aufzug nach unten fuhren. »Da ist offenbar mal wieder eine mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Den Fall können die Kollegen bestimmt bald zu den Akten legen.«

Dafür sprach auch die Information, die sie vom Hausverwalter erhalten hatten. Er hatte die Vermisste Anfang der Woche gesehen, wie sie mit viel Gepäck die Wohnung verlassen hatte. »Sah nach größerem Urlaub aus. Habe ihr meine Hilfe angeboten. Aber die Dame war ’n bisschen eigen. Unnahbar. Und sie hatte es wie immer sehr eilig«, hatte der Mann vorwurfsvoll gesagt und ihnen dann die Wohnungstür aufgeschlossen.

Freitag, 22. Juli, bis Montag, 5. Juli

Sie schlief schlecht seit ihrer Rückkehr aus Südfrankreich. Merkwürdige Träume hatten Charlotte in den letzten Nächten immer wieder geweckt. Wovon sie handelten, konnte sie nicht genau sagen, nur dass es düstere, beängstigende Situationen waren. Einmal kamen blutige Vogelkrallen vor, die an irgendeiner Eingangstür hingen, und auch Ilena. Ebenso spielte Carlo J. Kerstings, ihr ehemaliger Chef und frühere Direktor des Weltkulturen Museums, eine Rolle in einem ihrer Träume. Tagsüber tauchte das Bild von Ilena im altägyptischen Sarkophag im Museum von Marseille in Charlottes Gedanken auf. Das Wochenende war nicht gerade erholsam gewesen. Wenigstens in der kommenden Nacht musste sie durchschlafen. Wie sollte sie sonst morgen zur Arbeit gehen?

Charlotte kramte in ihrer Schlafzimmerkommode. Endlich fand sie das Gesuchte: ein unscheinbares Fläschchen. Es enthielt eine unscheinbare, glasklare Flüssigkeit, die jedoch enorme Wirkung entfalten konnte. Das wusste sie von Faruk Nkiema, dem Heilpriester aus Burkina Faso, von dem sie das Mittel bekommen hatte. Und dass die burkinische Medizin tatsächlich wirkmächtig sein konnte, hatte Charlotte vor einiger Zeit miterlebt. Vorsichtig ließ sie drei Tropfen in ein Glas mit Wasser fallen. Sie blieben unsichtbar. Dann leerte sie das Glas, ging ins Bett, löschte das Licht und spürte bald ein wohliges, müdes Gefühl, das langsam ihren ganzen Körper ergriff. Sie schlief ein, war jedoch kurz darauf hellwach. Irgendetwas hatte sie geweckt. War jemand in der Wohnung? Angestrengt lauschte Charlotte in die Dunkelheit. Es war still. Bis auf ein gleichmäßiges, entferntes Rattern, das an eine Wäscheschleuder erinnerte. Oder eine Klimaanlage älteren Datums. Wie die im Ran-Hotel in Ouagadougou, schoss es ihr durch den Kopf.

… Meine Güte, wie lange war das her? Meine erste Nacht in Burkina Faso, meine erste Nacht auf dem afrikanischen Kontinent. War begleitet vom monotonen Rattern und Surren einer altertümlichen Klimaanlage. Ich war gekommen, um in Burkina Faso Feldforschung für meine Doktorarbeit in Ethnologie zu machen. Ahnungslos, wie ich war, wollte ich die Geschichte dieses kleinen westafrikanischen Landes erkunden, erfragen, erforschen. Und wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Abhauen in die Fremde funktioniert eben nicht. Man begegnet nur sich selbst. Und seinen Gegnern. Seinen Feinden. Ilena zum Beispiel. Immer wieder ist sie in mein Leben hineingeplatzt und hat für Unordnung und Aufregung gesorgt. Wie zum Beispiel bei der Abschlusskonferenz in Ouagadougou. Sie wollte unbedingt den Einführungsvortrag halten – und plötzlich war die Top-Referentin spurlos verschwunden. Viele waren in Sorge. Völlig unberechtigt! Denn Ilena war mit ihrem burkinischen Liebhaber abgehauen, um sich ein paar schöne Tage zu machen. Genützt hat es nichts. Die Beziehung hat nicht lange gedauert. Denn wenn Ilena hatte, was sie wollte, wurde es für sie schnell langweilig. Dann ließ sie Menschen ebenso wie Projekte einfach fallen. Das musste später auch der gute Hendrik erfahren. – Nein! An den will ich jetzt nicht auch noch denken. Er hat seine gerechte Strafe bekommen. Vielleicht dank Faruk Nkiema, von dem ich so viel über das magische Denken und Handeln der Westafrikaner gelernt habe. Wer weiß, wo ich ohne den weisen Alten heute wäre! Ob ich überhaupt noch …

Irgendwann musste sie eingeschlafen sein, denn das Klingeln des Weckers holte Charlotte aus dem Schlaf. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie nicht in Ouagadougou war, sondern in ihrer Frankfurter Wohnung, und eigentlich aufstehen sollte, um zur Arbeit ins Museum zu fahren. Aber sie fühlte sich müde und kraftlos wie nach einer gerade überstandenen schweren Krankheit. So konnte und wollte sie den Kollegen auf keinen Fall begegnen. Und wer wusste schon, welche Fragen sie ihr stellen würden. Fragen, auf die sie keine Antwort geben wollte.

Montag, 25. Juli

Nach der Dienstbesprechung der Mordkommission am Montagmorgen landete die Vermisstenanzeige Willecke-Berghaus samt bisherigen polizeilichen Ermittlungen zur weiteren Bearbeitung bei Hauptkommissar Christian Voss und seiner Kollegin Marina Ewers. Zurück im Büro, braute sich Voss erst einmal einen Espresso. Dafür hatte er extra eine kleine, echt italienische Expressomaschine – Direktimport – auf der Fensterbank deponiert. »Das ist meine Beamtenpalme«, pflegte Voss zu sagen und dabei kam ein schalkhaftes Blitzen in seine graublauen Augen. Als sich mit dem lautstarken Gesprutzel des Maschinchens auch ein intensiver Mokkageruch im Büro ausbreitete, schnupperte Voss genüsslich und schwärmte: »Duft der großen, weiten Welt.« Dabei warf er einen mitleidigen Blick auf den Pott mit gesundem Kräutertee, an dem Marina hin und wieder nippte, während sie versuchte, den Ehemann der Gesuchten zu erreichen. Nach seinem Espresso-Ritual rief Voss bei art & exhibition an. In der Agentur, dessen Chefin die Vermisste Ilena Willecke-Berghaus laut Unterlagen war, erreichte er niemanden, ebenso wenig wie im Museum, für das sie gerade ein Ausstellungsprojekt betreute. »Irgendwas ist faul im Staate Dänemark beziehungsweise bei unseren städtischen Institutionen«, schimpfte Voss. »Ich probier’s auf allen Kanälen, aber niemand ist in diesem Museum der Weltkulturen zu erreichen.«

»Moment mal.« Marina Ewers tippte etwas in ihren PC und verkündete kurz darauf: »Genau! Museum der Weltkulturen, Name des ethnologischen Museums in Frankfurt von 2001 bis 2010, nachdem es zuvor Völkerkundemuseum hieß und nach einer erneuten Umbenennung nun Weltkulturen Museum heißt.«

»Schön und gut«, meinte Voss. »Aber trotzdem erreiche ich niemanden.«

»Montag«, bemerkte Marina. »Da haben Museen in der Regel geschlossen. Aber wenn sie nicht gerade einen Betriebsausflug machen, müsste wenigstens in der Verwaltung jemand sein.«

»Caramba! Was würde ein Kulturmuffel wie ich ohne jemanden wie dich machen?« Voss grinste und fuhr sich durch seine kurzen, dunkelblonden Haare, die mal wieder in viele Richtungen abstanden; eine Frisur, die Marina »Voss’scher Zausellook« nannte.

»Du hättest es bei deinen Recherchen früher oder später auch herausbekommen«, erwiderte Marina und vertiefte sich in ihre Arbeit.

»Irgendwie sind an diesem Montag alle noch im Sonntagsmodus«, bemerkte Voss nach einer Weile und Marina konnte ihm nur zustimmen. Auch sie kam nicht weiter mit ihren telefonischen Nachforschungen. »Lass es uns mal mit Live-Präsenz versuchen«, schlug Voss vor.