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Die junge Vietnamesin Saranga kommt in der DDR in den Besitz hochbrisanter Aufzeichnungen über ein sich in der Entwicklung befindliches Gerät zur Tumorbekämpfung. Damit lassen sich aber auch neuartige Strahlenwaffen herstellen. Saranga wird vom MfS (Ministerium für Staatssicherheit) überwacht. Ihr Freund Malte muss fliehen, da er an Demonstrationen in Leipzig teilgenommen hat. An dem Tag, als sich in der DDR die Mauer öffnet, fliegt Saranga los, um ihren Vater zu besuchen, den sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Er musste nach dem Vietnamkrieg fliehen und lebt jetzt wieder in seinem Geburtsort in Nordkorea. Der MfS gibt einige Infos an die nordkoreanischen Behörden weiter. Daraufhin darf Saranga dieses Land nicht mehr verlassen. Erst Jahre später erfährt ihr Freund von einem ehemaligen MfS-Mitarbeiter, dass Saranga in Nordkorea festgehalten wird. Er macht sich mit einem israelischen Agenten auf den Weg um sie zu befreien. Während der Flucht Richtung China geraten sie in die Hände von Chung-hee und seiner Bande und werden in einem der berüchtigten Arbeitslager festgehalten. Erst nach Monaten gelingt ihnen von dort eine abenteuerliche Flucht nach China, jedoch immer verfolgt von Chung-hee und seinen Männern.
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Rabea und Jan
Deutschland/Spanien
Saranga (Sari) Yoon
Vietnamesin, geb. am 23. 5. 1968
Malte Hinsen
Freund von Saranga
Kim Bian Hoàng
Freundin von Saranga
Georg, Johannes und Hussein
Freunde von Malte
Isabelle Sengate
Ausbilderin an der Charité
Dr. Jürgen Kampmann
Arzt auf Fuerteventura
OdeA
Organisation der ehem. Agenten der DDR
Horst Lecandowsky und Ewald Andrach
Hausmeister in der Charité und ehem. Stasimitarbeiter
Dr. Jürgen Medding
Prof. an der Charité Berlin
Türkei
Hasan
Bruder von Hussein
Israel
Hazbani (Codewort)
einer der 3 Quellflüsse des Jordan
Yosef-Biyahu Rosenberg
genannt Yoss, Agent beim Mossad
Vereinigte Arabische Emirate
Ibrahim Harun
Onkel von Isabelle Sengate
Hamed Harun
Bruder von Ibrahim Harun
Lukutat Chongo
Vater von Isabelle Sengate
Mazen Abdel-Samad
Kapitän (Waffenschmuggler)
Vietnam
Hara Yoon
Mutter von Saranga
Hoa Hung Tran
Sarangas und Myungs Tante
Myung Yoon
Sarangas jüngerer Bruder
Nordkorea
Akuma-sato Yoon
Vater von Saranga
Pater Joseph
kath. Pfarrer und Fluchthelfer
Gang Hyong-sik
Freund von Sarangas Vater
Kim Hyok Jong
Beamter der Bezirksregierung
Sungha
Nordkoreaner, Lagerinsasse
Johnny
Nordkoreaner der in den USA lebte
Hung Kim
alte Frau aus Chung-hee’s Dorf
Lee
Kontaktmann, US-Amerikaner
Gangsterbande in Nordkorea
Chung-hee
Chef der Gangster
Taesun
spezialisiert auf Fälschungen
Duc-Anh
Scharfschütze
Berold
klein, kräftig und brutal
Jongwoo
mit 20 Jahren der Benjamin und Sohn von Chung-hee
China
Paul Lokass
Deutschlehrer in Peking
Mayleen
Studentin aus Peking
Bao Tang
Polizeioffizier in Peking
Yang Gongliang
Chef der Zollbehörde in Peking
Schon immer beruhten die meisten menschlichen Handlungen auf Angst oder Unwissenheit.
Albert Einstein (1879 - 1955)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Wenigstens konnte ich wieder meinen Kopf etwas bewegen. Ich lag mit dem Gesicht auf einer rauen Unterlage. Dann erst bemerkte ich, dass die »raue Unterlage« grober Sand war. Er war durchsetzt von kleinen spitzen Steinchen. Bei jedem Ausatmen entstanden durch den Luftzug kleine Löcher im Sand, und winzige scharfkantige Steinchen wurden freigelegt. Direkt neben mir wurde die Erde immer dunkler. Mein Kopf brannte und schmerzte, als ob man mir mit einem Lederriemen minutenlang um die Ohren geschlagen hätte, und mein rechtes Auge konnte ich nicht ganz öffnen. Jetzt erst fiel mir die warme Flüssigkeit auf, die von meiner Stirn tropfte. Die dunklen Stellen neben meinem Kopf waren nichts anderes als von meinem Blut getränkter Sand.
Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, und langsam wurde mir wieder bewusst, was passiert war. Vor ein oder zwei Stunden war ich noch am Strand von Cofete spazieren gegangen. Cofete, ein kleiner Ort auf der Westseite der Insel Fuerteventura, besteht überwiegend aus Wellblechbaracken. Unterhalb der Ortschaft erstreckt sich ein kilometerlanger, fast menschenleerer Strand. Mehr als spazieren gehen oder in der Sonne liegen kann man dort aber nicht. Die Brandungswellen sind häufig mehrere Meter hoch und schlagen mit unvorstellbarer Gewalt auf den Strand. Dazu kommt die tückische Strömung an diesem Teil der Insel. Wer hier weiter als zehn Meter ins Meer geht, muss entweder verrückt sein oder ein Selbstmörder. Doch die Aussicht ist grandios. Etwa einen halben Kilometer hinter dem Strand steigen die Vulkanberge über achthundert Meter empor. Es gibt so gut wie keine Vegetation auf diesem Teil der trockenen Sonneninsel. Die Luft schmeckt salzig, und nach einer halben Stunde Strandspaziergang sind die Lippen rissig und spröde von der Salzluft und dem feinen Sand, der – je nach Windstärke – in unterschiedlichen Höhen wie Nebelschwaden über den Strand gefegt wird. Auch die Fernsicht ist hier immer etwas eingeschränkt durch die feinen und feinsten Salzkristalle, die der immerwährende starke Wind auf’s Land treibt. Den schönsten Ausblick auf dieses Fleckchen Erde hat man jedoch, wenn man mit dem Auto – am besten ein Geländewagen – von Morro Jable kommend Richtung Cofete über die Berge fährt. Auf dem höchsten Punkt befindet sich ein kleiner Parkplatz. Dort kann man versuchen auszusteigen. Versuchen deshalb, weil meistens ein starker Wind so sehr gegen das Auto stürmt, dass man die Wagentüre nur mit Anstrengung öffnen kann. Der Ausblick jedoch lohnt. Man schaut nach rechts und blickt auf das Meer Richtung Marokko und Sahara, man schaut nach links und sieht den offenen Atlantik. Der Weg führt in vielen waghalsigen Kurven am Rand der Berge zum Strand von Cofete hinab. Es ist nicht viel mehr als eine schmale, staubige, von kleinen und großen Steinen bedeckte Piste mit Querrillen. Man fühlt sich im Auto wie auf einer Rüttelplatte. Auch die Lautstärke ist ähnlich.
Auf der Fahrt nach unten findet sich immer wieder eine Ausweichbucht, um entgegenkommende Autos vorbei zu lassen. Links des Weges verlaufen oft tiefe und steile Abhänge aus Lavagestein, bewachsen mit Feigenkakteen, Opuntien und einigen Wolfsmilchgewächsen. Jetzt, Mitte März, ist der Boden teilweise mit frischem grünen Gras und einigen bunten Blümchen bedeckt. Allerdings wird sich dieses schöne Bild in wenigen Wochen wieder in eine graubraungelbe Wüstenlandschaft verwandeln.
Auf meiner Wanderung am Strand hatte ich mich auch bis zur sagenumwobenen Villa Winter vorgewagt, die etwa zwei Kilometer vom Meer entfernt an einem Berghang liegt. Dann ging ich wieder zurück zum Auto und fuhr zur einzigen Bar Cofetes. Dort trank ich eine große Cola mit Eiswürfeln. Es waren nur wenige Gäste dort. An einem der im Freien aufgestellten Tische saß ein Mann im hellen Anzug. Er war etwa zwischen fünfundvierzig und fünfzig Jahre alt. Ich wurde das Gefühl nicht los, ihn schon mal irgendwo gesehen zu haben. Daneben, an zwei zusammengestellten kleinen Tischen, saßen fünf Japaner. Mehr Gäste gab es nicht.
Mein Blick ging zur Uhr. Ich hatte doch glatt die Zeit vergessen. Es war schon kurz vor 16.00 Uhr, und ich wollte in Morro Jable noch was einkaufen und gegen sechs in meinem Hotel sein. Von Cofete bis in die Zivilisation waren es zum Glück nur etwa zwanzig Kilometer. Ich bezahlte meine Cola und gab der Bedienung ein gutes Trinkgeld. Dann ging ich zu meinem staubbedeckten Auto und fuhr den Weg zurück.
Kurz nach den letzten Hütten ging es langsam wieder in die Höhe. Als die ersten engen Kurven kamen, reduzierte ich meine Geschwindigkeit, denn ich befand mich jetzt auf der ungesicherten Seite. Einen halben Meter neben dem Auto ging es teilweise steil bergab. Hinter der nächsten Linkskurve sah ich einen Chevrolet auftauchen. Ich blieb stehen und wollte ihn vorbeilassen und wunderte mich, dass der Wagen immer schneller wurde. Er war noch etwa zehn Meter von mir entfernt, da blockierten seine Vorderräder für den Bruchteil einer Sekunde, er stellte sich quer in meine Richtung und knallte mit seinem linken vorderen Kotflügel gegen mein linkes zur Bergseite hin eingeschlagenes Vorderrad. Dadurch wurde mein Auto in Richtung Abgrund geschoben. Langsam wie in Zeitlupe erschien es mir. Das hintere rechte Rad stand zunächst in der Luft, und der Wagen senkte sich langsam nach hinten. Wie ich es rausgeschafft habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls konnte ich irgendwie die Türe öffnen und rausspringen. Dann setzte meine Erinnerung aus.
Jetzt in diesem Moment, wo mein Kopf wieder klar wurde, bemerkte ich erst den starken, ziehenden Schmerz in meinem linken Unterschenkel. Ich konnte mein Bein nicht bewegen. Da ich aber relativ sicher lag und ich nicht weiter abrutschen konnte, zog ich es vor, ruhig liegen zu bleiben. Ich hatte ganz schön Respekt vor diesem einzelnen Kakteengewächs, das ungefähr drei Meter hinter mir stand. Damit wollte ich keine Bekanntschaft machen.
Ich hörte Stimmen. Mein Blick nach oben war eingeschränkt. Ich lag sicher vier bis sechs Meter unterhalb der Straße. Wenn ich den Kopf anhob, was jedoch gleichzeitig mit starken Schmerzen im Bein verbunden war, konnte ich nur den leicht überhängenden Straßenrand sehen. Es war eine Erleichterung, Stimmen zu hören. Kurz darauf landete neben mir ein gelbrotes Abschleppseil. Daran ließ sich ein Mann von ungefähr sechzig Jahren langsam herabgleiten. Er fragte mich auf spanisch, was geschehen sei und wie ich mich fühlte. Seine Aussprache war von einem deutschen Akzent geprägt.
Daher antwortete ich auf Deutsch: »Wenn ich nicht beim Sturz hängen geblieben wäre, ging es mir sicher schlechter.«
Er lächelte und fragte: »Wo haben Sie Schmerzen? Ich werde Ihnen helfen. Ich bin Arzt. Dr. Jürgen Kampmann. Ich arbeite im Krankenhaus von Puerto del Rosario. Bin ein paar Minuten nach dem Unfall hier angekommen und konnte von oben sehen, wie der Geländewagen in die Seite Ihres Autos fuhr. Es sah beinahe so aus, als hätte er das vorsätzlich gemacht, obwohl das sicher Quatsch ist, denn er brachte sich dabei ja selbst in Gefahr.«
»Ich kann mich leider nicht so gut daran erinnern«, sagte ich, »nur, dass der Wagen plötzlich auf mich zukam und ich mehr oder weniger aus der Türe geflogen bin. Ich habe sicher Riesenglück gehabt. Ich nehme an, dass ich eine Unterschenkelfraktur habe und wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung. Alles andere dürften Prellungen und Hautabschürfungen sein.«
»Woher wollen Sie das so genau wissen?«
»Ich heiße Hinsen, Malte Hinsen, und bin ein Berufskollege von Ihnen.«
»Das ist ja prima«, sagte Dr. Kampmann. »Entschuldigung, die Art unseres Kennenlernens könnte angenehmer sein, aber das wird schon wieder. Jedenfalls reden wir in den nächsten Tagen sicherlich noch öfter zusammen.« Er stellte sich direkt neben mich auf einen Felsvorsprung. »Jetzt will ich Sie erst einmal verarzten. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer mein Notfallköfferchen dabei.« Er öffnete seinen Rucksack und nahm einen kleinen Koffer heraus. »Dann wollen wir mal.« Wenig später sagte er: »Sie haben wahrscheinlich recht mit der Fraktur. So bekommen wir Sie jedenfalls nicht heraufgezogen. Ich gebe Ihnen erst einmal eine schmerzstillende Spritze. Dann sehen wir weiter. Jetzt hier auf einen Krankenwagen zu warten, hat wohl keinen Zweck.«
Zehn Minuten später ließ der Schmerz nach, und Dr. Kampmann fixierte mein Bein, so gut es eben ging. Ich konnte es danach sogar vorsichtig bewegen. Dann sicherte er mich fachgerecht um Hüfte, Oberschenkel und Gesäß.
»Es kommt einem doch irgendwann mal zugute, wenn man Klettererfahrung hat«, sagte er lächelnd. »Oben stehen noch fünf Personen, die müssten es eigentlich schaffen, Sie hochzuziehen. Ich werde Sie von hier unten sichern, damit Ihr kaputtes Bein nicht gegen einen Felsen knallt.«
Fünf Minuten später lag ich oben am Straßenrand. Dr. Kampmann schob den Vordersitz seines Wagens ganz zurück, und vorsichtig wurde ich, mit dem linken Bein zuerst, auf den Beifahrersitz bugsiert. Es klappte ganz gut. Dann bekam ich noch Decken unter das verletzte Bein geschoben, um die Erschütterungen der Piste abzumildern. Ich bedankte mich bei Dr. Kampmann und den anderen Personen, die alle mitgeholfen hatten, mich aus der misslichen Lage zu befreien. Mein Mietwagen lag total zerstört etwa achtzig Meter tiefer. Da hätte ich noch drin sein können, dachte ich, und ein kalter Schauer lief mir trotz der Wärme über den Rücken.
Inzwischen hatten sich auf beiden Seiten einige Fahrzeuge gestaut, die jetzt langsam einer nach dem anderen losfuhren und vorsichtig die Unfallstelle passierten.
»Jetzt fahre ich Sie erst mal ins Krankenhaus nach Puerto del Rosario«, sagte Dr. Kampmann. »Dann melde ich den Unfall bei der Polizei, und anschließend komme ich wieder zu Ihnen.«
Ich wurde wach, weil mir die Sonne ins Gesicht schien. In den ersten Sekunden musste ich mich orientieren, wo ich war. Mein linkes Bein lag in einer Schiene, und ich spürte so gut wie keine Schmerzen. Der diensthabende Arzt hatte seine Sache gut gemacht. Dr. Roberto Garoska hatte mir noch gestern Abend erklärt, dass es ein glatter und unkomplizierter Bruch des Unterschenkels war, die Schwellung bald zurückgehen würde und auch kein Gipsverband angelegt werden müsste. Für die nächsten drei Wochen dürfte ich das Bein nur nicht stark belasten. Er hatte außerdem eine leichte Gehirnerschütterung diagnostiziert.
Alles andere wären Fleischwunden, die in spätestens zwei bis drei Wochen verheilt sein würden.
Die Polizei, Guardia Civil de trafico, war auch da gewesen und hatte die üblichen Fragen gestellt. Den Geländewagen habe man gefunden und suche jetzt noch den Fahrer. Wahrscheinlich wäre der alkoholisiert gewesen und habe sich nach dem Unfall aus dem Staub gemacht. Weitere Ergebnisse wollte man mir zu gegebener Zeit mitteilen. Danach kam Dr. Kampmann. Wir unterhielten uns noch eine gute halbe Stunde.
»Wissen Sie, Herr Hinsen, Sie haben verdammtes Glück gehabt. Das hätte auch anders ausgehen können«, sagte er. »Doch reden wir mal von anderen Dingen, wenn man schon einen Berufskollegen trifft! Wo haben Sie eigentlich studiert, und wo sind Sie jetzt tätig?«
»Ich habe in Berlin und in Marburg studiert, arbeite jetzt an meiner Promotion und bin seit drei Monaten an der Universitätsklinik in Marburg als Chirurg tätig«, antwortete ich. »Aufgewachsen bin ich in der DDR und stamme aus einem kleinen Dorf namens Hochheim in der Nähe von Gotha. 1989 musste ich flüchten. Ich war bei einer Demonstration in Leipzig mit dabei und wurde verhaftet. Daher hatte ich ein Verfahren am Hals und hätte bei einer Verurteilung nicht mehr weiter studieren dürfen. Ich habe mich dann in den Westen abgesetzt. Mit Glück kam ich durch den Tipp eines Bekannten heil über die Grenze.«
»Und«, fragte Dr. Kampmann, »haben Sie es schon mal bereut?«
»Ja und nein. Wenn ich gewusst hätte, dass die Grenze etwas später geöffnet wird, wäre ich wohl nicht geflüchtet. Der Staat DDR und ich passten einfach nicht zusammen. Mir war alles zu engstirnig. Seine eigenen Ideen und Gedanken offen darzulegen, das war, gelinde gesagt, schon ziemlich schwierig. Man wusste nie, wie andere darauf reagieren würden. Viele meiner Bekannten und Freunde wären allerdings schon zufrieden gewesen, wenn sie eine gewisse Reisefreiheit gehabt hätten. Das war ja angeblich laut Gesetz alles vorhanden. Aber praktisch sah es ganz anders aus. Man musste immer erst überlegen, was man sagte. Das war für mich persönlich auch einer der Gründe, dass es mir nicht allzu schwer fiel abzuhauen. Nur die Trennung von meiner damaligen Freundin war für mich nicht einfach. Natürlich gab es viele soziale Einrichtungen und sonstige Hilfen. Doch da hat man nach der Wiedervereinigung sehr viel zerstört. Keine Politik der kleinen Schritte. Da wurde geklotzt, ganze Industrien platt gemacht und die Arbeitnehmer freigesetzt.«
»Ja, Vieles hätte anders laufen können«, meinte Dr. Kampmann, »doch trotz allem können wir froh sein, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Es gibt immer verschiedene Ansichten. Mein alter Professor sagte oft bei seinen Vorlesungen: Meine Damen und Herren, denken Sie daran, es gibt drei Meinungen. Meine Meinung, deine Meinung und die richtige Meinung.«
»Ich bin froh, dass ich Sie kennengelernt habe, auch wenn die Umstände unseres ersten Treffens dramatisch waren. Wir werden uns sicher in den nächsten Tagen noch öfter sehen. Jetzt ruhen Sie sich erst mal aus und werden Sie schnell gesund. In zwei bis drei Tagen können Sie das Krankenhaus sicher wieder verlassen. Ich habe auch übrigens mit der Firma telefoniert, bei der Sie den Wagen gemietet haben. Die Polizei hatte dort schon Bescheid gegeben. Da es nachweislich nicht Ihre Schuld war, haben Sie auch nichts zu befürchten. Der Wagen war ja Vollkasko versichert. Ich werde Sie morgen wieder besuchen. Jetzt schlafen Sie erst mal.«
Ja, ich war müde. Trotzdem konnte ich nicht sofort schlafen. Der letzte Tag ging mir durch den Kopf. Ich wäre beinahe zu Tode gekommen. Dann dachte ich an die Personen, die mir viel bedeuteten. An meine Eltern, meine Geschwister und an die Person, welche vor Jahren in mein Leben getreten war und es verändert hatte, ohne dass ich es zunächst bemerkte. Damals in der DDR, im Jahr 1988, als ich sie das erste Mal sah... War es wirklich schon 1994?
Dann schlief ich ein.
Die Maschine mit der Flug-Nr. VN545 der Vietnam Airlines aus Hanoi schwenkte leicht nach rechts und ging dann langsam in den Sinkflug über. In ungefähr dreißig Minuten würde sie nach beinahe sechzehn Stunden Flug endlich auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld landen. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, dieser 27. Mai 1988. Der Flugkapitän hatte eben erst die neuesten Wetterinfos für Berlin durchgegeben. Jetzt, um 11.10 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, waren es 19° C, und die Temperatur sollte am Nachmittag bis auf 23° C ansteigen.
Saranga, eine junge Vietnamesin aus Phú Minh bei Hanoi, war froh, den langen Flug endlich hinter sich zu haben. Während ihre Freundin Bian, die neben ihr saß, noch schlief, schaute sie aus dem Fenster. Da die Maschine jetzt immer mehr an Höhe verlor, konnte sie in der klaren Luft schon sehr viele Einzelheiten auf der Erde erkennen. Es war der erste Flug der Zwanzigjährigen, und zum ersten Mal würde sie länger als drei Tage von zu Hause weg sein. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Myung wohnte, wie sie auch, bei der Schwester ihrer Mutter. Ihre Tante Hoa Hung Tran hatte die Geschwister nach dem Tod der Mutter in ihre Familie aufgenommen und zusammen mit ihren beiden eigenen Töchtern aufgezogen.
Sarangas Gedanken schweiften ab, und sie musste an ihre Eltern denken. An ihre Mutter Hara konnte sie sich nur verschwommen erinnern. Sie wurde während des Vietnamkrieges am 23. Mai 1972, an Sarangas viertem Geburtstag, bei einem Gefecht in der Stadt Dong Ha in der Provinz Quàng Tri .durch einen Querschläger von amerikanischen Soldaten getötet. Ihr Vater Akuma-sato stammte aus Nordkorea, war einfacher Bauer, hatte aber das Glück, nach seiner Heirat mit Hara bei einem entfernten Verwandten in der Nähe von Saigon unterzukommen. Er half in dessen Autowerkstatt aus, und da er begabt war, konnte er schon nach einem Jahr auch schwierige Reparaturen ausführen. Dort lernte er auch Major John C. Petterson kennen. So kam es, dass Sarangas Vater einige Zeit später als Mechaniker und Mädchen für alles in einer amerikanischen Kaserne anfangen konnte. Arbeit gab es dort genug. Eigentlich lief alles hervorragend, doch bedingt durch die Wirren des Vietnamkrieges musste er drei Jahre nach dem Tod seiner Frau fliehen und kam über verschiedene Stationen und nach langer Reise an einem kalten Novembertag im Jahr 1975 in seinem Geburtsort Changni-dong in Nordkorea an. In diesem Dorf hatte er 1967 auch geheiratet. Saranga wurde dort geboren. Doch direkt danach zogen sie nach Vietnam, wo seine Frau und deren Schwester ein für die damalige Zeit schönes Haus hatten. Zu dieser Zeit war ein Umzug zum kommunistischen Brudervolk nach Nordvietnam noch möglich.
Tante Hoa Hung hatte Saranga oft davon erzählt, wie glücklich ihre Mutter gewesen war, als sie wieder in Vietnam wohnen konnte. Kurz darauf fragte der Schwiegersohn eines Cousins Akuma-sato, ob er nicht bei ihm arbeiten wolle. Dazu mussten sie in den Süden ziehen, nicht weit von Saigon entfernt.
Eigentlich kannte sie ihre Eltern nur durch Fotos. Mit ihrem Vater stand sie allerdings seit vielen Jahren in Kontakt. Zwar nur durch Briefe und sehr unregelmäßig, aber immerhin. Da das Regime in Nordkorea nicht sehr umgänglich war, kamen seine bzw. ihre Briefe nicht immer an.
»Bitte schnallen Sie sich an, klappen Sie Ihren Ablagetisch hoch und stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht, wir landen in wenigen Minuten«, erscholl es durch die Kabinenlautsprecher. Die Stewardessen gingen durch den Gang und überprüften bei den Passagieren den richtigen Sitz der Gurte. Schnell wurde Saranga aus ihren trübsinnigen Gedanken gerissen. Bian neben ihr war jetzt auch aufgewacht und lächelte sie glücklich an. Ganz sanft setzte die Maschine vom Typ Iljuschin Il-62MK auf und rollte dann auf die große Halle zu, wo von einem Spezialfahrzeug schon die Treppe herangefahren wurde. Nach weiteren zwanzig Minuten betraten Saranga und ihre Freundin zum ersten Mal den Boden der DDR. Die Zollbeamten waren korrekt und freundlich. Ganz im Gegensatz zu den teilweise schikanierenden Behandlungen an der Grenze in Berlin oder weiter im Westen zur Bundesrepublik. Jetzt zahlte sich auch aus, dass Saranga und Bian seit nunmehr sieben Jahren die deutsche Sprache lernten. Zwar nicht immer regelmäßig und systematisch, aber dafür sehr praxisbezogen. Eine ältere Bekannte von Bian hatte lange in der DDR als Krankenschwester gearbeitet. Sie sprach sehr gut Deutsch und verdiente sich durch Sprachunterricht noch etwas Geld. Es bedeutete viel für sie, und das Geld konnten sie und ihre Familie gut gebrauchen in diesem nach dem langen Krieg armen und verwüsteten Land. Natürlich machte sie bei Saranga und Bian eine Ausnahme. Sie wurden kostenlos unterrichtet. Da sie in der Schule auch einige Jahre Englisch- und Französischunterricht gehabt hatten, war die Verständigung für sie kein Problem.
Nun standen sie in der großen Ankunftshalle und schauten sich um. Bian hatte Durst, doch sie hatten noch kein Geld umgetauscht. Gerade als Saranga ihr etwas vom übrig gebliebenen Tee geben wollte, kam ein älterer Herr in einem eleganten grauen Anzug auf sie zu.
»Entschuldigung, meine Damen, Sie sind Saranga Yoon und Kim Bian Hoàng?«
»Ja«, sagten beide und lächelten ihn an.
»Ich heiße Richard Weisenfeld von der Charité Berlin und bin hier, um Sie abzuholen.«
Da sie noch ihr Gepäck schleppten, besorgte er ihnen zunächst einen Gepäckwagen. Sie waren noch nicht ganz mit den Annehmlichkeiten der für sie unbekannten europäischen Gesellschaft vertraut. Sie befanden sich zwar im kommunistischen Machtbereich, doch das war ihnen egal. Die Verhältnisse hier konnte man beim besten Willen nicht mit denen in Vietnam vergleichen. Der Lebensstandard in der DDR war beträchtlich höher.
»So, meine Damen, wenn Sie möchten, können wir hier in ein Restaurant gehen und etwas essen und trinken. Ich habe ja schon von Dr. Meister, meinem Chef, die Information bekommen, dass Sie beide gut Deutsch können. Wo haben Sie das gelernt? Das ist doch schon sehr außergewöhnlich.«
Sie erzählten es ihm.
»Nun, das kommt Ihnen natürlich jetzt zugute. Sie wollen ja beide eine Ausbildung in der Krankenpflege machen. Wie mein Chef mir sagte, haben Sie schon in Vietnam damit angefangen. Wenn Sie etwas nicht verstehen, dann scheuen Sie sich nicht, zu fragen. Immer fragen. Dann kann man auch was lernen. Dr. Meister erwartet Sie gegen 16.00 Uhr. Jetzt ist es kurz vor eins. Wir haben also noch Zeit.«
Die beiden Frauen wollten nichts essen. Sie hatten keinen Hunger. Sie hätten auch im Moment nicht gewusst, was sie essen sollten. Zu fremdartig waren diese ersten Eindrücke, die auf sie einstürzten. Aber etwas trinken, das wollten sie schon. So setzten sie sich in das Flughafen-Restaurant, tranken Orangensaft und Coca-Cola. Herr Weisenfeld erklärte ihnen in groben Zügen, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen würde.
Die Fahrt zur Klinik verlief trotz des einsetzenden Feierabendverkehrs sehr schnell. Die beiden jungen Frauen staunten, als Herr Weisenfeld mit ihnen über die Karl-Marx-Allee fuhr. Eine solch breite Straße hatten sie noch nie gesehen. Auch die vielen Einkaufsmöglichkeiten, die es hier in Berlin gab, versetzten sie in helle Aufregung. Der Fernsehturm am Alexanderplatz erschien ihnen wie ein Wunder. Noch nie in ihrem Leben hatten sie ein derart hohes Bauwerk gesehen. Das war für sie total neu und spannend. Sie freuten sich auf ihre Zeit in Deutschland. Natürlich waren die Einkaufsmöglichkeiten nichts im Vergleich zu Westberlin, doch das konnten sie ja noch nicht wissen. Wie ärmlich war doch dagegen das Leben in ihrer vom langen Krieg zerstörten Heimat.
Sie kamen um genau 15.45 Uhr vor dem viele Stockwerke hohen Klinikgebäude der Berliner Charité an. Herr Weisenfeld führte sie zum Büro seines Chefs, das sich im Erdgeschoss befand. Dr. Meister saß hinter einem großen weißen Schreibtisch und stand jetzt auf, um ihnen entgegenzugehen. Er war groß, etwa sechzig Jahre alt und sah für sein Alter noch recht fit aus. Er begrüßte sie freundlich und bat sie, in den Besuchersesseln Platz zu nehmen.
»So, meine Damen, dann erzählen Sie mal.« Etwas verlegen schauten sich Bian und Saranga an. Trotz ihrer guten Deutsch- und Englischkenntnisse trauten sie sich noch nicht, richtig frei zu sprechen.
Dr. Meister ermunterte sie. »Reden Sie drauflos. Es macht nichts, wenn Sie Fehler machen, ich verstehe Sie sehr gut.«
Langsam verloren die beiden ihre Scheu und erzählten ihre Lebensgeschichte. Dr. Meister hörte sich alles an und machte sich ab und zu ein paar Notizen. Als sie fertig waren, erklärte er ihnen den Klinik- und Ausbildungsverlauf.
»Alles Weitere wird sich ergeben. Sie werden von Ihren Kolleginnen und Kollegen genau unterwiesen. Einmal pro Woche, am Freitag, findet ein theoretischer Unterricht statt. Wir haben hier im Haus eine eigene Schule für unsere zukünftigen Pflegekräfte. Sie haben Ihre Ausbildung ja schon in Vietnam begonnen. Das kommt Ihnen hier natürlich zugute. Und jetzt wird Ihnen Herr Weisenfeld Ihre neue Unterkunft zeigen. Packen Sie Ihre Koffer aus und schlafen Sie erst einmal. Morgen sehen wir dann weiter.«
Sie verabschiedeten sich, folgten Weisenfeld in den Fahrstuhl und fuhren drei Etagen höher. Hier befanden sich unter anderem auch einige Unterkünfte des Klinikpersonals.
Weisenfeld gab ihnen noch ein paar Infos mit auf den Weg. »Sie fahren morgen ins Erdgeschoss und melden sich um neun Uhr in Raum 2305 bei Frau Isabelle Sengate. Sie ist die Pflegedienstleiterin von Station sieben und Ihre Vorgesetzte. Sie wird Ihnen alles erklären, was Sie wissen müssen. Ach ja, noch etwas: Dr. Meister ist kein Arzt, er war Kunsthistoriker und hat auch in diesem Fach seinen Doktortitel erworben. Hat sich also als Berufsfremder in die Materie der Klinikverwaltung eingearbeitet. Das hat er ausnehmend gut gemacht. Er ist schon seit über 25 Jahren bei uns und bei allen sehr beliebt.«
Sie standen vor der Tür mit der Nr. A-6018.
»Das ist Ihr Zimmer, Saranga« sagte er. »Das Zimmer von Bian hat die Nr. B-2705 und befindet sich vorne links um die Ecke und dann auf der rechten Seite. Es war leider direkt neben Ihrem Zimmer nichts frei. Jetzt ruhen Sie sich aus. Wenn irgendwas ist, wenn Sie Fragen haben oder sonst etwas wissen möchten, dann melden Sie sich bei mir. Ich werde versuchen zu helfen. Mein Büro ist ein Stück hinter dem von Dr. Meister.«
Saranga ließ die Tür hinter sich zufallen und holte erst mal tief Luft. Das war geschafft. Sie war erleichtert. Im Grunde hatte sie sich alles doch sehr viel schwieriger vorgestellt. Die Menschen, die sie bisher kennengelernt hatte, waren wirklich freundlich und hilfsbereit. Jetzt machte ihr auch der nächste Tag keine Angst mehr. Sie würde jetzt oft auf sich alleine gestellt sein, das war ihr klar. Denn Bians Ausbildung war in einer anderen Abteilung. Tagsüber würden sie sich nicht mehr allzu oft sehen. Sie öffnete den Koffer, nahm einige Kleidungsstücke heraus und hängte sie im Schrank auf. Dann legte sie sich aufs Bett, um kurz auszuruhen. Nach wenigen Minuten war sie eingeschlafen.
Als sie aufwachte, war es dunkel. Nur etwas Licht von der Straße fiel durch das Fenster. Was für ein Glück, dass sie aufgewacht war. Den Radiowecker sah sie erst jetzt neben ihrem Bett stehen. Sie brauchte einige Minuten, bis sie das Einstellsystem durchschaut hatte. Die Musik auf allen Sendern war ihr fremd. Aber sie würde sicher wach davon. Kurz darauf schlief sie wieder ein. Wenn sie nervös oder im Stress war, träumte sie oft denselben Traum. Sie sah ihre Mutter blutüberströmt auf dem Boden liegen und die fremden Soldaten, die sich über sie beugten und versuchten, das Blut zu stillen. Doch es war vergebens. Sie machte ihre Augen nicht mehr auf und war einige Minuten später tot. Die Soldaten brachten sie fort und der Traum verlor sich im Nebel.
Der Radiowecker spielte ein altes Stück von den Beatles. Saranga war sofort wach. Dieses Lied kannte sie auch. Yellow Submarine war in der ganzen Welt bekannt. Auch in Vietnam. Während des Krieges war es oft von den amerikanischen Soldatensendern gespielt worden.
Sie erinnerte sich, dass sie gestern Abend eigentlich noch duschen wollte. Doch ihre Müdigkeit war zu groß gewesen. Also stellte sie sich jetzt unter die Brause und ließ das warme Wasser über ihren Körper laufen. Dann trocknete sie sich ab und zog sich schnell an. Es musste heute alles etwas flotter gehen. Sie wollte schließlich nicht an ihrem ersten Arbeitstag zu spät kommen.
Frau Isabelle Sengate, eine dunkelhäutige, fünfunddreißigjährige, gut aussehende und sympathische Frau, stand schon im Gang vor ihrem Büro. Sie arbeitete seit einigen Jahren in der Charité. Sie stammte aus der 5000 Einwohner zählenden Ortschaft Lundazi in Sambia, nicht weit von der Westgrenze zu Malawi. Dort hatte sie die ersten vierzehn Lebensjahre verbracht. Dann war sie mit ihren Eltern und einigen befreundeten Familien in das Gebiet des heutigen Emirats Ras Al Khaimah gezogen, wo ihr Vater, Lukutat Chongo, einen für seine Verhältnisse gut bezahlten Job im Hafen gefunden hatte. Bedingt durch seine fachlichen Kenntnisse war er bald als Gruppenleiter eines kleinen Teams eingesetzt worden, welches für die Überwachung der korrekten Schiffsbeladung zuständig war. So konnte er seiner Tochter Isabelle weiterhin eine gute Ausbildung ermöglichen. Im Gegensatz zur alten Heimat kostete die Ausbildung in den Arabischen Emiraten je nach Schule und Ausbildungswunsch sehr viel Geld. Einige befreundete Familien, die mit Isabelles Eltern gekommen waren, gehörten der katholischen Kirche an. In ihrer alten Heimat war das keine Seltenheit. Die Menschen in den Vereinigten Arabischen Emiraten waren im Grunde liberal. Es gab, bedingt durch die vielen Gastarbeiter, außer Moscheen auch Hindutempel und christliche Kirchen und auch einige kleine amerikanische Gemeinden wie z. B. die Baptisten. Die meisten Menschen gehörten jedoch dem islamischen Glauben an. Aber niemand wurde wegen seines Glaubens benachteiligt. Man musste allerdings die Gesetze des Landes beachten. Diese entsprachen nicht immer den westlichen Vorstellungen.
Isabelle Sengate schaute auf ihre Uhr. Es war zehn Minuten vor neun. Da sie noch etwas Zeit hatte, ging sie schnell in ihr Büro, um noch einige Unterlagen zu holen. Es waren Richtlinien für ein neues Gerät zur Tumorbekämpfung. Es befand sich zwar noch in der Entwicklung, doch einige computergesteuerte Teile eines Prototypen sollten demnächst geliefert und in der Praxis getestet werden. Die Schülerinnen sollten in dieser neuen Technik geschult werden und sich erste Grundkenntnisse aneignen. Sie sollten lernen, wie man die Patientendaten eingab, wie dieses Riesengerät aufgebaut war, welche Formen von Tumorerkrankungen man behandeln konnte usw. Immerhin benötigte man nach den derzeitigen Plänen eine Grundfläche von der Größe eines Fußballfeldes. Nach vorsichtigen Schätzungen würden wohl noch bis zu fünfzehn Jahre ins Land gehen, bis dieses Gerät soweit entwickelt sein würde, dass man auch einen praktischen Nutzen davon hatte. Doch der Anfang war gemacht. Die Charité war schon immer der Zeit voraus gewesen. Sobald es neue Techniken und Behandlungsmethoden gab, konnte man davon ausgehen, dass sie in der Charité frühzeitig eingesetzt wurden.
Jetzt stand sie wieder im Flur und wartete. Ihre ehemals krausen schwarzen Haare waren fast glatt frisiert und hinten zu einem Knoten gebunden. Einige graue Strähnchen durchzogen seitlich ihr Haar, was sie seriös erscheinen ließ. Ihre dunkle Haut stand in Kontrast zu ihrem hellen, ja beinahe weißen Kostüm. Seit 1982 lebte sie mit ihrem aus London stammenden Mann in der DDR und war auch seitdem in der Berliner Charité angestellt. Da ihr Mann Chris in einem Londoner Krankenhaus als Immunologe arbeitete, hatte sie regelmäßig die Gelegenheit, ihn in England zu besuchen. Das würde aber bald zu Ende sein, da Chris über einen Freund ein gutes Angebot von einem kleinen Krankenhaus in Pankow bekommen hatte, das er gerne annahm. Es war so wie überall. Man musste Beziehungen haben. Das galt auch insbesondere für die DDR.
Nach und nach kamen die jungen Frauen. Insgesamt zählte Saranga vierzehn neue Schülerinnen. Alle stammten aus Vietnam. Frau Sengate begrüßte sie in fließendem Englisch.
»Ich weiß, dass einige von Ihnen auch Französisch sprechen. Für viele von Ihnen war es die erste Fremdsprache. Wir haben hier an der Klinik mehrere Kolleginnen und Kollegen, die auch Französisch sprechen. Doch ich weiß auch, dass alle von Ihnen der englischen Sprache mächtig sind. Ich bin mir bewusst, meine lieben zukünftigen Kolleginnen, dass eine große Aufgabe vor uns liegt. Die Zusammenarbeit unseres Staates, der DDR, mit der sozialistischen Republik Vietnam ist und bleibt auch in Zukunft eine großartige Sache. Ihr Land hat während des Krieges durch die imperialistische kriegstreiberische Politik der USA großes Unrecht erlitten. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Seit dem 1. Mai 1975 ist dieser Krieg Geschichte. Wir als der sozialistische Teil Deutschlands wollen das in unserer Macht Stehende tun und Ihrem Land dahingehend helfen, dass wir Ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen. Ich hoffe dabei aber auch auf Ihre Mitarbeit. Ohne Ihr Zutun wird es nicht klappen. Strengen Sie sich an, nehmen Sie alles auf, was Ihnen erklärt wird, und fragen Sie bitte, wenn Sie etwas nicht verstehen.«
Sie informierte die Schülerinnen über das, was in den nächsten Monaten auf sie zukommen würde, und teilte sie in kleine Fachgruppen ein. Saranga und vier andere Frauen kamen in die Gruppe Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. Ihre Freundin Bian war in der Fachgruppe Mund- und Kieferchirurgie.
Dann gab es erst einmal Frühstück. In einem hellen großen Raum standen alle Arten von Getränken wie Kaffee, Tee, Fruchtsäfte usw bereit. Dazu gab es Brötchen und verschiedene Sorten Brot. Das Frühstück war sehr reichhaltig und gut. Jedenfalls beschwerte sich keine der Schülerinnen. Allen war klar, dass sie sich in dem für sie fremden Land auch an andere Essensgebräuche gewöhnen mussten. Nach dem Frühstück wurden die Schülerinnen durch die wichtigsten Teile der Klinik geführt. Frau Sengate erklärte ihnen die verschiedenen Abteilungen und Stationen.
Der Tag verging wie im Fluge. Zum Schluss erhielten sie aus der Kleiderkammer ihre Berufskleidung. Dann konnten sich alle in ihre Zimmer zurückziehen.
Nach dem Abendessen traf sich Saranga mit ihrer Freundin Bian. Sie unternahmen einen kleinen Trip in die Stadt, blieben aber in der Nähe der Klinik. Bald würden sie von Berlin mehr sehen. Für übermorgen, am Samstag, war eine große Stadtrundfahrt geplant.
Sie waren beeindruckt von den vielen Geschäften und dem starken Autoverkehr. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Nachdem sie wieder zurück waren, gab es Abendessen. Danach trafen sich noch einige Mädchen im Gemeinschaftsraum. Dort gab es einige Spiele, Bücher, Zeitschriften, eine Musikanlage und auch einen Fernseher. Am nächsten Tag ging es dann richtig los mit der Ausbildung. Der Lehrstoff war sehr umfangreich, aber auch interessant und vielfältig.
Die Wochen vergingen, und auch das Heimweh der ersten Zeit trat mehr und mehr in den Hintergrund. Im September hatten Saranga, Bian und noch drei Schülerinnen die Gelegenheit, eine Woche auf der Insel Usedom in einem Gewerkschaftshaus des FDGB zu verbringen. Gerne nahmen sie dieses Angebot an. Endlich würden sie die Gelegenheit haben einmal auszuspannen und auch deutsche Jugendliche kennenzulernen.
Es regnete heftig, als sie durch Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Usedom fuhren. Doch als der Bus auf der Brücke die Meerenge passierte und in Richtung Vosberg und der Ortschaft Usedom fuhr, drangen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken. Saranga hatte den Eindruck, als würde der stärker werdende Wind die dunklen Wolken einfach wegpusten. Die Straße zog sich kilometerlang schnurgerade durch die leicht hügelige Waldlandschaft. Langsam wurde die Gegend offener. Etwa fünfzehn Minuten später kam die Ortschaft Bansin in Sicht.
Als der Bus vor dem FDGB-Haus hielt, hatte Saranga es eilig, in ihr Vier-Bett-Zimmer zu kommen. Bian traf etwas später ein. »Oh Saranga, hast du gesehen, wie viele hübsche Jungs hier sind?«, fragte sie. Die anderen beiden Mädchen lächelten. »Das wird bestimmt eine wunderbare Woche. Ich habe schon mit einem gesprochen. Er heißt Johannes und wohnt auch in Berlin. Er fragte mich, ob wir uns heute Abend nach dem Essen noch ein wenig zusammensetzen wollen. Ich habe zugesagt.«
»Ach Bian, sei nicht immer so vorlaut. Wir sind doch erst eine Stunde hier. Ja, doch, vielleicht komme ich mit. Habe ja heute Abend nichts zu tun«, entgegnete Saranga lächelnd.
Nach dem Abendessen gingen die beiden in den Gemeinschaftsraum. Hinten in der linken Ecke, in der Nähe des Fernsehers, war noch ein Tisch frei. Saranga setzte sich, während Bian noch Limonade holen wollte. Sie kam kurz darauf mit Club-Cola zurück. Zwei junge Männer kamen herein. Der mit den dunklen Locken war gut eins achtzig groß und muskulös. Er schaute sich suchend um. Dann erblickte er Bian und winkte ihr zu. Rasch kamen sie zu ihrem Tisch.
»Hallo Bian«, sagte der Dunkelhaarige.
»Hallo Johannes. Schön, dass ihr gekommen seid.« Sie zeigte auf ihre Begleiterin. »Das ist Saranga, meine beste Freundin.«
»Und das hier ist mein Freund Malte«, entgegnete Johannes. Der blonde, etwas schlaksige junge Mann namens Malte errötete leicht, als er Saranga anschaute. Sie setzten sich zu den beiden jungen Frauen. Saranga fiel auf, dass Malte an seinem linken Unterarm eine etwa zehn Zentimeter lange Narbe hatte. Außerdem war er mit etwas mehr als eins neunzig sehr groß.
Nach einer anfänglichen Scheu unterhielten sie sich prima und erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Während Johannes aus einem für DDR-Verhältnisse wohlhabenden Elternhaus aus Wolgast kam und nach seiner Lehre in einem metallverarbeitenden Betrieb studieren und Ingenieur für Maschinenbau werden wollte, kam Malte aus relativ einfachen Verhältnissen. Er absolvierte gerade eine Ausbildung als Krankenpfleger in Wolgast. Er hatte Glück und konnte bei den Eltern seines Freundes Johannes in dessen Zimmer wohnen. Sein Vater war Facharbeiter in einer kleinen Metallfirma, und seine Mutter hatte eine Stelle in der Versandabteilung einer Firma in Gotha, die Badarmaturen und Duschkabinen herstellte. Es ging ihnen seit einigen Jahren wirtschaftlich ganz gut. Im letzten Jahr konnten sie den Trabbi eines verstorbenen Großonkels übernehmen. Maltes Vater hatte zwar ein Jahr zuvor einen Neuwagen bestellt, doch es dauerte gewiss noch lange, bis er geliefert werden würde. Sie waren alle glücklich, jetzt schon stolzer Besitzer eines Kleinwagens zu sein. Außerdem besaßen sie in ihrem Heimatdorf Hochheim in der Nähe von Gotha ein kleines Einfamilienhaus mit Garten. Es machte die beiden stolz und glücklich, dass ihr Sohn nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger noch Medizin studieren wollte.
Schnell vergingen die Stunden, und im Nu war es kurz vor Mitternacht. Sie verabschiedeten sich und gingen zu Bett. Saranga musste sich eingestehen, dass ihr Malte sehr gut gefiel. Sie sahen sich aber leider in den nächsten Tagen nicht mehr, da sie mit ihrer Gruppe viele Ausflüge machten und oft erst spät am Abend zurückkamen.
Es brach der letzte Ferientag an. Kein einziges Wölkchen stand am Himmel. Bian wollte noch etwas kaufen und fuhr mit drei anderen Mädels nach Wolgast. Saranga nahm sich vor, diesen letzten Tag allein am Strand zu verbringen. Nach dem Frühstück machte sie sich auf den Weg. Den Badeanzug hatte sie schon an, darüber eine Jeans und ein T-Shirt. In einer Stofftasche war noch eine Flasche Limonade, etwas Gebäck und eine Kleinbildkamera, die sie vor einigen Tagen gekauft hatte.
Langsam ging sie zum nahen Strand und dann direkt am Wasser entlang in Richtung Heringsdorf. Das kühle Meer tat ihren Füßen gut. Nach einem knappen Kilometer hatte sie den Ort erreicht. Am Anfang des Dorfs setzte sie sich in den Sand, trank etwas von der schon lauwarmen Limo und schaute aufs Meer. Heimweh überkam sie, und sie merkte, dass es gar nicht so gut war, oft alleine zu sein. Sie lief ein paar Meter in die Ortschaft hinein und stand vor der Maxim-Gorki-Gedenkstätte. Schnell machte sie ein Foto und ging wieder zurück an den Strand. In gut einem Kilometer Entfernung ragte die Seebrücke Heringsdorf etwa 500 Meter ins Meer hinein. Bis dahin wollte sie gehen. Doch kurz davor fand sie ein schönes, etwas windgeschütztes Plätzchen. Sie breitete ihre Decke aus und ließ sich dort nieder. Direkt vor ihren Füßen fing der eigentliche Sandstrand an. Hinter ihr bis zu den ersten Häusern war der Strand mit Gras und Buschwerk bewachsen. Sie lehnte sich an einer kleinen Erhöhung an. Direkt neben ihr bewegten sich lange Grashalme im Wind. Mücken und zwei Schmetterlinge tanzten im Sonnenlicht um die Halme. Ob der Brief an ihren Vater schon angekommen war? Sie hatte ihn vor drei Wochen geschrieben. Doch bis Nordkorea brauchte so ein Brief schon seine Zeit. Er wurde sicherlich auch vom Geheimdienst geöffnet, gelesen und kopiert. So hing sie eine ganze Zeit lang ihren Gedanken nach.
Aus Richtung der ersten Häuser hinter ihrem Rücken drang leise klassische Musik. Sie wollte gerade aufstehen, als sie aus den Augenwinkeln eine Person bemerkte, die von halb rechts hinter ihr in Richtung Wasser ging. Sie schaute nochmals hin und traute ihren Augen nicht. Es war Malte. Sie merkte, dass sie rot wurde und ihr Herz schlug schnell und heftig. Malte hatte sie jetzt auch entdeckt.
»Hallo Saranga« rief er, »was machst du denn hier?« Er war sichtlich überrascht, sie hier zu treffen. Sie begrüßten sich herzlich.
»Ich wollte meinen letzten Ferientag genießen. Morgen Mittag geht es wieder zurück nach Berlin«, sagte Saranga.
»Wenn das so ist, dann können wir den Tag auch gemeinsam verbringen. Komm mit mir in Richtung Seebrücke. Dort gehen wir in ein Restaurant. Ich lade dich zum Essen ein.«
Saranga willigte ein. Sie liefen zu einem kleinen Restaurant, und Malte bestellte ein Menü mit Suppe, Schnitzel und Eis zum Nachtisch. Sie saßen sich gegenüber und schauten sich an. Eine Karaffe Wein und für jeden ein Glas Wasser stand vor ihnen. Als Saranga den Wein trank, fühlte sie sich wie im siebten Himmel. Es wurde ihr etwas schummrig im Kopf. Ihr Gesicht war heiß, und ihr Herz schlug wild. Diese Gefühle waren neu für sie. Sie sah ihn an. Er war sicher über einen Kopf größer als sie und hatte wunderbare blaue Augen. Sie merkte, dass sie sich verliebt hatte.
Nach dem Essen gingen sie noch am Strand spazieren. Wie selbstverständlich nahm Malte ihre Hand, und bald gingen sie eng umschlungen. Es war wie in einem Liebesfilm. Als sich an diesem Tag die Sonne langsam Richtung Meer neigte, saßen sie immer noch am Strand und küssten sich.
Bian öffnete die Augen. Es fiel ihr schwer. Der letzte Tag ging doch etwas anders zu Ende, als sie es sich gedacht hatte. Nach dem Einkaufen in Wolgast waren sie an einem Weinverkaufsstand vorbeigekommen. Dort gab es auch Schnaps mit dem Namen »Wurzelpeter« und »Blauer Würger.« Von jedem hatten sie getrunken. Das spürte sie jetzt. Eigentlich trank sie nie Alkohol. Das sollte nicht mehr passieren, schwor sie sich. Doch was nützte das jetzt? In diesem Moment ging es ihr schlecht, sie fühlte sich total schlapp und elend. Ihr Kopf schmerzte, und ihr Bauch zog sich krampfartig zusammen. Als sie endlich aus dem Bett aufstand, konnte sie plötzlich ganz schnell rennen. Fünf Minuten später kam sie von der Toilette zurück. Nun ging es ihr schon wesentlich besser. Jetzt erst bemerkte sie, dass Saranga noch schlief.
»Hey du faule Nuss, steh auf!«
Widerwillig öffnete Saranga ihr linkes Auge. Glasig und verschlafen blickte sie Bian an.
»Wann bist du eigentlich nach Hause gekommen, Saranga?«
Mit einem Satz war Saranga auf. Jetzt fiel ihr alles wieder ein. »Es muss gegen halb zwei gewesen sein. Du warst jedenfalls ganz schön angeheitert. Ich habe dich noch zu Bett gebracht und dich zugedeckt. Du hast immer nach mir gerufen.«
»Ja, ich habe dich gesucht. Du warst nicht da, und ich hatte Angst um dich. Wo warst du solange?«
»Ich bin gestern zum Strand und habe auf dem Weg nach Heringsdorf Malte getroffen. Er wohnt ja während seiner Ausbildung im Haus der Eltern von Johannes in Wolgast. Wir haben den ganzen Tag und die halbe Nacht zusammen verbracht.«
»Wo denn?«
»Am Strand«, kam die zögerliche Antwort von Saranga.
»Ach du liebe Zeit.« Mehr konnte Bian in diesem Moment nicht herausbringen. »Hoffentlich hat das kein Nachspiel für dich. »Wenn man dich so anschaut... Du siehst richtig glücklich aus.«
»Bin ich auch«, entgegnete Saranga.
»Aber du weißt ja, Kontakte mit der heimischen Bevölkerung werden nicht gern gesehen«, sagte Bian. »Offiziell unterbinden die Behörden private Kontakte zwischen uns Ausländern und den Einheimischen. Das wurde uns ja auch vorher schon gesagt. Also sei bitte vorsichtig.«
Lachend erwiderte Saranga: »Bian, das wurde nicht nur mir, sondern auch dir so gesagt. Du weißt, was ich meine?«
Bian nickte. »Ja, so ist es leider. Gut, dass wir in der Klinik wohnen dürfen und nicht in den Baracken. Bei uns sieht man es zum Glück doch nicht so eng.«
Der Vormittag ging schnell vorbei mit Frühstück und Koffer packen. Kurz vor Mittag stand der Bus vor dem Haupteingang, dann hieß es Abschied nehmen von der Insel Usedom. Es war eine schöne Woche mit vielen neuen Eindrücken gewesen.
Johannes kam noch, um sich von Bian zu verabschieden. Er hatte ein kleines Päckchen dabei, das er Saranga überreichte. »Hat mir Malte mitgegeben«, sagte er. »Du sollst es aber erst zuhause in deinem Zimmer öffnen.«
Saranga wusste darauf nichts zu antworten. Es war ihr etwas peinlich, dass Johannes anscheinend informiert war über den gestrigen Tag. Sie öffnete ihren Koffer und nahm einen kleinen Seidenschal heraus.
»Bitte Johannes, gib das Malte und bestell ihm viele Grüße von mir. Ich wüsste nicht, was ich ihm sonst geben könnte.«
»Oh«, sagte Johannes, »ich glaube, du hast ihm schon viel gegeben.«
Saranga spürte, dass sie rot wurde.
»Keine Angst, ich werde ihn ganz lieb von dir grüßen. Ich sehe ihn allerdings erst morgen wieder. Er wird sich sicher über den Schal freuen... und über die lieben Grüße. Ich bleibe ja noch hier und werde erst Ende nächster Woche wieder in Berlin sein. Wir werden uns sicher bald wieder sehen.«
Saranga umarmte Johannes zum Abschied und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Jetzt schaute Bian etwas skeptisch.
»Keine Angst, ich nehme ihn dir nicht weg.«
Bian protestierte: »Nein, so war das doch nicht gemeint.« Kurz darauf stiegen die beiden als Letzte in den Bus. »Meinst du, ich darf dabei sein, wenn du das Päckchen von Malte öffnest? Ich bin schon so neugierig.«
»Mal sehen, ich werde zunächst allein schauen. Aber du darfst mit dabei sein.«
Die Fahrt verlief angenehm und ohne Zwischenfälle. Am frühen Abend kamen sie in Berlin an. Hausmeister Horst Lecandowsky stand schon bereit, um den Ankömmlingen beim Entladen der Koffer zu helfen. Er war einer von fünf Hausmeistern in der Charité. Er legte großen Wert auf ordentliche und saubere Kleidung. Auch heute hatte er trotz des warmen Wetters zu einer grauen Hose ein hellblaues Hemd mit Krawatte an. Nachdem alle Koffer ausgeladen waren, fuhren Saranga und Bian in die dritte Etage und verschwanden in Sarangas Zimmer. Sofort wurde das Päckchen ausgepackt. Es kamen ein kleines Fläschchen Parfüm, ein Beutel Zetti Knusperflocken und ein Brief, etwa in der Größe DIN A5, zum Vorschein. Saranga setzte sich auf ihr Bett und fing an zu lesen. Obwohl Malte versucht hatte, deutlich zu schreiben, fiel es Saranga sehr schwer, alles zu lesen. Auch wenn sich unterdessen ihr Deutsch nochmals stark verbessert hatte, dauerte es doch einige Zeit, bis sie alles entziffern konnte. Was Saranga nicht lesen konnte, wusste Bian. Sie ergänzten sich sehr gut. Dann gab es ja auch noch ein Wörterbuch.
Der Brief begann mit Meine liebe Saranga ... und endete mit ... und so hoffe ich, dass wir uns in regelmäßigen Abständen sehen können. Ich werde noch in diesem Herbst meine Abschlussprüfung machen und dazu insgesamt drei Wochen in Berlin sein. Ich habe es nicht erwartet, mich aber in dich verliebt. Wusste nicht, dass es so schnell gehen kann, doch nun ist es passiert.
Es folgten noch einige persönliche und terminliche Mitteilungen für die nächsten Wochen.
»So einen Liebesbrief möchte ich auch mal bekommen.« Bian war fasziniert und freute sich für Saranga.
Die lächelte nur still in sich hinein. »Johannes wird dir sicher auch bald schreiben«, sagte sie.
Die neue Woche war anstrengend. Unter anderem wurden Teile des neuen Gerätes zur Tumorbekämpfung vorgestellt. Die Technik würde es ermöglichen, bisher inoperable Tumore zu behandeln. Nach dem derzeitigen Stand würden aber noch viele Jahre vergehen, bis es an Patienten zum Einsatz käme. Doch wenn das alles einmal weiterentwickelt und praktisch durchgetestet war, konnte man sicher Behandlungen durchführen, wo man heute noch von träumte. Man könnte dann völlig neue Wege in der Strahlentherapie und Tumorbekämpfung gehen. Das alles steckte noch in den Kinderschuhen und wurde auch noch nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zunächst musste alles aufgebaut werden. Dafür benötigte man viel Platz. Bevor man dann erste Tests durchführen konnte, musste auch das Personal unterwiesen werden. Das dauerte alles seine Zeit. Den Ablauf der Untersuchungen und die Funktionsweise konnte man aber jetzt schon erlernen. Etwas anders sah es mit der komplizierten Technik aus. Da waren noch viele Tests nötig. Doch die neuen Techniken machten es möglich, dass im Abstand von wenigen Monaten immer wieder Innovationen auf den Markt kamen. Dinge, die jetzt den letzten Stand der Technik bedeuteten, konnten in einem halben Jahr schon wieder überholt sein.
Am Freitag sollte ein erster Test geschrieben werden. Heute war Mittwoch. Saranga war am frühen Abend in ihrem Zimmer. Es war draußen drückend und schwül. Seit zwölf Stunden war sie auf den Beinen. Eigentlich wollte sie Malte noch schreiben. Doch es half alles nichts. Der Beruf ging jetzt vor. Sie musste noch lernen.
Sie saß an ihrem kleinen Schreibtisch vor dem Fenster und sah hinaus. Große Wolkengebilde zogen unheilvoll vorbei. Dann zeigte sich die Sonne, die schräg hinter dem nächsten Haus hervorschaute. Die Blätter der davorstehenden hohen Birke warfen kleine, sich schnell bewegende Schatten auf ihren Schreibtisch. Unwillkürlich musste sie an spielende Kinder auf einem Schulhof denken. Manchmal war sie das viele Lernen leid. Doch meistens hielten sich diese Gedanken nicht lange. Sie wusste ja, wofür sie es tat, und sie wusste auch, dass es bald ein Ende hatte mit dem Lernen. Sie nahm ihre eben erhaltenen neuen Unterlagen und las alles noch einmal durch. Doch irgendetwas passte nicht zusammen. Sie ordnete die Seiten und stellte fest, dass sich auf zwölf Blättern keine Seitenzahlen befanden. Da hatte sie wohl falsch sortiert, dachte sie und legte die zwölf DIN A4-Blätter hinter die anderen und sah sie kurz durch. Auf jedem Blatt befanden sich Zeichnungen von einzelnen Bauteilen mit entsprechenden Erklärungen des neuen Gerätes, die sie jedoch nicht verstand. Sie waren anscheinend nur für Fachleute gedacht. Dann stand sie auf, ging an ihren Kühlschrank, den sie vor einigen Tagen bekommen hatte, und trank einige Schlucke grünen Tee aus der Karaffe. Die angenehme Kühle des Tees tat ihr gut, und ihre Gedanken wurden wieder klarer. Dann legte sie ihre Unterlagen in die Mappe, räumte noch etwas den Schreibtisch auf und ging zu einem kleinen Spaziergang um den großen Block der Klinik in den beginnenden schwülwarmen Abend. In der Ferne hörte man Donner grollen. Das nächste Gewitter war im Anmarsch.
Als sie nach einer halben Stunde wieder zurückkam, wurde es auch Zeit. Die ersten Blitze durchzuckten den Himmel, und es wurde immer dunkler. In ihrem Zimmer angekommen, zog sie sich aus und duschte sich. Danach las sie noch kurz in einem Buch und ging dann zum Abendessen in den Gemeinschaftsraum. Draußen tobte jetzt ein heftiges Gewitter. Es regnete in Strömen. Dann, nach über einer Stunde, hörte der Regen genau so plötzlich auf, wie er gekommen war. Die Wolken verzogen sich, und ein paar Minuten später sah man die schon tief stehende Sonne. Von den umliegenden Dächern stiegen kleine Wasserdampfwolken auf. Die Sonne hatte noch viel Kraft, und die Dächer trockneten unter der starken Strahlung schnell ab. Der Autoverkehr floss in westlicher Richtung, bedingt durch die starke Blendung der tief stehenden Sonne und der noch nassen Straße, sehr langsam.
Saranga stand mit Bian und zwei anderen Mädchen draußen am Haupteingang. Überall wurden die Fenster geöffnet, um die frische und wesentlich kühlere Luft in die Räume zu lassen. Die beiden Freundinnen wollten in drei Tagen Malte und Johannes treffen. Johannes würde in den nächsten Wochen seine Lehre beenden und mit dem Ingenieurstudium in Berlin beginnen. Bian freute sich schon darauf, dass sie ihn dann öfter sehen konnte. Ein Zimmer hatte er schon bei einer Freundin seiner älteren Schwester. Sein Schwager war ebenfalls Ingenieur und konnte Johannes bestimmt einige Tipps geben. Außerdem hatte er noch viele Fachbücher, die Johannes dann sicher benutzen durfte. Die Chancen standen gut, dass der Mann seiner Schwester ihm später nach Beendigung des Studiums auch eine gut bezahlte Arbeitsstelle besorgen konnte. Man musste eben Beziehungen haben.
Prof. Dr. Jürgen Medding wiederholte es noch mal: »Sie sollen hier nicht das Gerät erklären, sondern es insgesamt nach dem heutigen Stand der Technik lose beschreiben und dabei die neuen Behandlungsmöglichkeiten berücksichtigen. Natürlich müssen Sie die Krankenakte des jeweiligen Patienten kennen. Diese Daten werden zunächst in den Computer eingegeben. Es muss ja alles zusammen passen. Sie haben drei Fallbeispiele vor sich liegen. Dann fangen Sie mal an. Sie haben neunzig Minuten Zeit.«
Saranga hatte sich mit diesem Thema in den letzten Wochen intensiv befasst. Zügig fing sie an, ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Als Überschrift stand der Satz Chancen und Risiken der Partikeltherapie – eine Zukunftsvision. Weiter schrieb sie: Die Partikeltherapie soll eine sehr präzise und wirksame Behandlung von Krebserkrankungen bewirken. In der klinischen Anwendung sollen die Protonen oder Kohlenstoff-Ionen über eine Beschleunigeranlage auf eine hohe Geschwindigkeit gebracht und dann gezielt in den Tumor geschossen werden, dessen Zellen sie zerstören sollen. Dank der exakt berechenbaren Reichweite sowie einer millimetergenauen Steuerung soll sich der Tumor punktgenau bestrahlen lassen, wodurch das umliegende gesunde Gewebe geschont wird.
Sie lockerte ihre zu Papier gebrachten Gedanken mit kleinen Skizzen auf und war nach einer guten Stunde fertig. Als alle Schülerinnen ihre Arbeit abgegeben hatten und die meisten schon unterwegs zur Kantine waren, ging sie zu Prof. Medding.
»Herr Professor, darf ich Sie noch etwas fragen?« Saranga hatte viel Respekt vor dem 62-Jährigen, der auch nach außen ganz dem Klischee eines Professors entsprach, aber nicht so tüdelig war. Seine Fragen und Antworten kamen immer präzise und messerscharf. Er war in seinem Fachgebiet einer der anerkanntesten Wissenschaftler in Europa.
»Aber natürlich, junge Dame«, erwiderte er und sah sie lächelnd an.
»Herr Professor, Sie haben mir vor drei Wochen einige Unterlagen gegeben. Insgesamt waren es vierzig Seiten. Da waren aber auch zwölf Seiten dabei, die nicht dazu gehören. Anscheinend Unterlagen für das neue Gerät.«
»Ja«, sagte Prof. Medding, »das ist gut möglich. Ich habe mir ein paar Kopien gezogen. Die können Sie aber ruhig behalten. Ich habe noch einen Satz davon.«
»Danke, Herr Professor«, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
»Saranga«, rief Professor Medding, »was ich Ihnen noch sagen wollte: Sie machen Ihre Sache wirklich gut. Wir sind alle sehr zufrieden mit Ihnen. Wollen Sie nach Ihrer Ausbildung nicht bei uns bleiben?«
»Danke, Herr Professor, das würde ich sehr gerne, doch ich möchte nach meiner Prüfung erst einmal für drei Monate nach Hause fahren. Aber bis dahin ist ja noch Zeit.«
»Natürlich. Wenn Sie mir einige Wochen vor Beendigung Ihrer Ausbildung Bescheid geben, reicht mir das. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.« Mit diesen Worten verließ er langsam den Klassenraum und ging die Treppe hoch in die nächste Etage zu seinem Büro.
Saranga lächelte in sich hinein. Es gab wenige Menschen, die ihr so sympathisch waren wie Professor Dr. Medding. Er war bei allen ihren Kolleginnen sehr beliebt. Aber auch sie wusste, warum er nicht mehr an einer Uni unterrichten durfte. Es wurde natürlich nicht an die große Glocke gehängt, doch jeder in seiner näheren Umgebung kannte seine Geschichte. Er hatte eine etwas andere politische Meinung, und das wurde bei den verantwortlichen politischen Stellen nicht so gerne gesehen. Aber er machte daraus kein großes Geheimnis. Er vertrat seine Ansichten. Damals, am 19. März 1970, als der westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt gewesen war, stand Prof. Dr. Medding mit vielen anderen am Bahnhof in Erfurt und rief »Willy Brandt, Willy Brandt ...« Die umliegenden Straßen waren alle voller Menschen gewesen. Das hatte natürlich der DDR-Regierung überhaupt nicht gepasst, doch sie machte mehr oder weniger gute Miene zum bösen Spiel. Auf so eine gewaltige Willenskundgebung war man damals nicht vorbereitet. Eigentlich war es der pure Zufall, dass es nicht zu einem großen Aufstand kam. Das war jetzt schon wieder über 18 Jahre her. Seitdem war Dr. Medding auch nicht mehr in noch höhere Positionen berufen worden. Er durfte weiterhin forschen und unterrichten, aber die Universitäten waren tabu für ihn. Die sich langsam verbessernden Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten und die häufigen Einladungen Dr. Meddings zu Vorträgen an bekannte Kliniken in westdeutschen Städten trugen dazu bei, vorsichtig mit ihm umzugehen. Es hätte der DDR im Endeffekt mehr geschadet als genutzt, wenn sie ihn total abgesägt hätten.
Medding war im Großen und Ganzen zufrieden mit seinem Leben hier. Doch er konnte hinter die Kulissen blicken und wusste, dass die Wirtschaftskraft des Staates immer mehr zurückging. Er ahnte, dass es diesen Staat wohl nicht mehr sehr lange in seiner jetzigen Form geben würde. Man musste sich auf die Zeit danach vorbereiten. Er war jetzt 62, und wenn er gesund bleiben würde, könnte er sicherlich noch zehn oder fünfzehn Jahre in seinem geliebten Beruf tätig sein. Mit diesen Gedanken setzte er sich an den Schreibtisch und ordnete seine Post. Bis mindestens 20.00 Uhr war er jeden Tag in der Klinik. Außer dem normalen Klinikalltag mit seinen OPs, den Patientensprechstunden und dem ganzen Schreibkram oblag ihm ja auch die Aus- und Fortbildung innerhalb der Klinik. Seine Frau war schon mehr als zwanzig Jahre tot. Er hatte danach nicht wieder geheiratet. Seine einzige Tochter Minerva wohnte in Dresden. Ihr Mann hatte dort die Leitung eines großen Hotels. Prof. Medding fuhr, wenn es seine Zeit zuließ, jeden Monat einmal nach Dresden, allein schon um seine Enkelin Sandra zu sehen. Die Kleine war jetzt vier Jahre alt und bereitete ihm große Freude.
Der Tag war wieder sehr anstrengend gewesen. Seine Gedanken waren immer noch bei diesem neuen Partikeltherapiegerät. Er überlegte, wie man diese Technik verbessern könnte. Es war noch viel Entwicklungsarbeit nötig, bis es einsatzbereit sein würde. Doch zunächst musste er seine ganze Kraft auf den Aufbau richten. Dann galt es, einen Teil des neuen Computers mit einigen Teilen des neuen Therapiegerätes zu vernetzen. Erst dann konnte man sich daran machen, erste theoretische und praktische Tests zu fahren. Parallel dazu musste allerdings auch die Ausbildung laufen. Derzeit wurden zehn junge Pflegerinnen, fünf Ärztinnen und drei Ärzte an dem Gerät ausgebildet.
Jürgen Medding seufzte und schloss seine Aktenmappe. Heute Abend würde er in eine Gaststätte in der Nähe des Alexanderplatzes gehen und mal wieder deftig essen. Ein Regierungsvertreter hatte ihn eingeladen, um mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen. Das war nicht ungewöhnlich. Immer wieder mal wurden Vorgehensweisen und der Einsatz neuer Techniken diskutiert bzw. mit Vertretern der DDR-Regierung abgesprochen. Ungewöhnlich war in diesem Fall höchstens der Ort.
Prof. Medding ordnete noch einige wichtige Unterlagen, dann verließ er sein Büro und verschloss die Tür.
Johannes holte Malte am Bahnhof ab. Endlich war er wieder in Berlin. Eigentlich hatte er damit gerechnet, Saranga früher zu sehen. Doch es sollte nicht sein. Aber jetzt war ihm das sogar recht. Ein großer Druck war von ihm gewichen. Er hatte seine Prüfungen hinter sich gebracht. Auch Johannes war bis auf die mündliche Prüfung, die nächste Woche anstand, fertig mit seiner Ausbildung. Bevor beide ihr Studium begannen, hatten sie nun ein paar Wochen Zeit.
Malte konnte es kaum erwarten, endlich wieder Saranga zu sehen. Doch das würde sich jetzt bald ändern. Schließlich wollte er Anfang Januar nach Berlin umziehen. Die kleine Wohnung, die er bekommen hatte, befand sich ganz in der Nähe von Johannes’ Bleibe. Maltes neue Wohnung gehörte einem Arbeitskollegen von Johannes‘ Vermieter.
Am Abend trafen sich alle vier in einer kleinen Kneipe. Sie lag nicht weit von der Charité entfernt. Es war zwar erst 19.00 Uhr, aber schon stockdunkel. Doch für Ende November war es noch sehr mild. In der Kneipe war es nicht gerade hell. Eine 60-Watt-Birne brannte über dem Tresen, und in dem durch eine große und immer offenstehende Bogentüre abgetrennten Nebenraum standen auf jedem Tisch Kerzen. Als sich die Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, sah Malte, dass der Raum schon mindestens dreißig oder vierzig Jahre nicht renoviert worden war. Die Tapeten waren nur noch bruchstückweise vorhanden. Auf dem an vielen Stellen weißen Untergrund sah man deutlich die auf dem Putz liegenden uralten Elektroleitungen. Die rotbraunen Holzdielen waren zum Teil nicht mehr ganz trittfest und knarrten bei jedem Schritt. Es war richtig urig.
