Zeitfurchen - Resi Schandra - E-Book

Zeitfurchen E-Book

Resi Schandra

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Beschreibung

"Zeitfurchen" erzählt die Geschichte einer Familie aus dem ländlichen Bayern des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Kollers sind einfache Leute: der Vater, Franz, ein strenger, bisweilen jähzorniger Mann - die Mutter, Anni, stets in Sorge um das Wohl der vier Kinder, besonders des jüngsten, Ludwig. "Wiggerl", wie er gerufen wird, ist ein ruhiger, aber blitzgescheiter Bub. "Aus ihm könnte was werden", meint seine Lehrerin und hofft seine Mutter. Doch sein Leben scheint in vorgezeichneten Bahnen zu verlaufen - bis zu dem Moment, als er Leni kennenlernt. Und dann bricht der Krieg aus ... Resi Schandra, die als Mundart-Dichterin bekannt geworden ist, zeichnet in ihrer ersten längeren Erzählung einfühlsam ein wirklichkeitsgetreues Bild des bäuerlichen Lebens im engen Zusammenspiel mit der Natur.

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Resi Schandra

ZEITFURCHEN

Erzählung

Titelbild: Franz Zoglauer, Waldwinter, Aquarell, 2005

Franz Zoglauer, Liebende, Ölkreide, 2006

Franz Zoglauer, Kuh liegend, Bleistiftzeichnung, 1985

Lektorat: Marcel Diel

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

© edition zweihorn Gerhard Kälberer,

94089 Neureichenau, Riedelsbach 46

Tel: (0 85 83) 24 54, Fax: (0 85 83) 9 14 35

E-Mail: [email protected]

Internet: www.edition-zweihorn.de

Copyright © 2006 edition zweihorn, Neureichenau

ISBN (10): 3-935265-25-5

ISBN (13): 978-3-935265-25-6

eISBN: 978-3-943199-76-5

Resi Schandra

ZEITFURCHEN

Ein treffendes Wort, aber nur ein Wort.

Ein Wort allein genügt nicht,um Geschehnisse zu erzählen.Also habe ich viele Worte gesucht,um die Geschichte lebendigwerden zu lassen.

I

Die frostigen Tage und Nächte wollten kein Ende nehmen.

Schon im Oktober fiel der erste Schnee und blieb liegen. Ein langer Winter stand bevor und die Sorge, ob das Heu bis zum ersten Grünfutter reichen würde, war berechtigt.

Die Koller-Kinder hauchten Gucklöcher in die zugefrorenen Fensterscheiben. Es gab wenig zu sehen auf der Lichtung, die von bewaldeten Hügeln und Tälern in unüberschaubarer Weite eingesäumt war.

Franz, der Vater, hob drei Ringe aus der Herdplatte und zwängte ein knorriges Buchenscheit hinein. Beißender Rauch waberte in der Stube, bis das Feuer das Holz auf die passende Länge gefressen hatte und die Öffnung wieder geschlossen werden konnte.

Die Mutter legte das Strickzeug auf den Tisch, stand auf, ging ein paar Schritte und setzte sich wieder.

Plötzlich griff sie sich mit beiden Händen ins Kreuz und massierte eine bestimmte Stelle.

„Franz, i glaub, es is so weit, hol d’ Hebamm – gschwind!“

„Wos! Heit bei dem Wetter? Kannst nimmer woartn?“

„Naa!“

Die Wehen hatten eingesetzt. Annis Gesicht war so grau wie die Kittelschürze, die sich über ihren Bauch spannte. Es spiegelte die Angst vor dem ungewissen Ausgang der Geburt wider.

„Zwo Stund muasst aushoitn, Anni!“, warf Franz seiner Frau zu, bevor die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel.

Die Hebamme war eine tüchtige und resolute Person. Für die Frauen war sie Beichtvater und Ratgeber zugleich. Sie vertrauten ihr Dinge an, die sonst nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurden. Couragiert und mutig klärte sie die Männer auf und wusch so manch Uneinsichtigem den Kopf.

Auch bei Franz Koller legte sie sich keine Zurückhaltung auf, wenngleich sein wildes Äußeres zur Vorsicht mahnte. Der schwarze Haarschopf, der widerspenstig nach vorn strebte, der durchdringende Blick seiner stahlblauen Augen hielten sie nicht davon ab, ihm die Leviten zu lesen.

Geschäftig stellte sie Wasser auf, hängte Windeln und Hemdchen über die Ofenstange zum Anwärmen. Dann ging sie zielstrebig in die Schlafkammer der Eheleute. Sie kannte sich gut aus in den Räumlichkeiten der Behausung, in die sie schon zweimal gerufen worden war. Vor zehn Jahren hatte sie Maria und vor sieben Jahren die Zwillinge Hermann und Jakob entbunden.

Zäh verging die Zeit, quälende Stunden für Anni. Ihr stand der Schweiß auf der Stirn, aber dankbar für jedes tröstende Wort ertrug sie klaglos die immer häufiger einsetzenden Wehen.

Endlich kündigte ein dünner Schrei neues Leben an.

„Do schau her, Koller, an gsundn Buam host.“

Wie eine Trophäe hielt sie dem Vater das wimmernde Bündel entgegen.

„I hätt ’n nimmer braucht!“

„Soso, dann hättst as in Ruah lossn soin, du host den süaßn Opfe mögn, jetzt muasst aa in den sauern beißn! Es muass des letzte sei, sie is schließlich scha vierzig!“

„Gib man wieder!“

Weinend raffte Anni das Kind an ihren Körper.

Er war nicht immer so hart, so verbittert. Die Not, die schwere Waldarbeit, er wird nach Baummeter bezahlt. Je schneller er arbeitet, desto mehr verdient er, und er arbeitet schnell, versuchte sie sein grobes Verhalten zu entschuldigen.

Von den Geschwistern wurde der Bruder nicht freudiger und interessierter betrachtet als ein neugeborenes Lamm.

„Geh endlich, Vodder!“ Maria zerrte an seinem Hosenbein. „Es langt scha!“

„Brauchst di net fürchtn, Dirnei, du kimmst scha net aus da Schüssl.“

Mühsam schälte sich das Tageslicht aus der Dämmerung. Franz löschte die Petroleumlampe. Es hatte wieder zu schneien begonnen, Grund genug für ihn, aus dem Haus zu kommen. Der Wind trieb den Pulverschnee zu haushohen Verwehungen zusammen. Alles war in milchiges Weiß gehüllt, die Wipfel der Bäume und die Grenzen der Wege konnte man nur ahnen. Franz versuchte der gewaltigen Schneemassen Herr zu werden. Von Zeit zu Zeit rammte er die Schaufel schräg in den Schnee, stützte sich darauf, um zu verschnaufen. Sein Atem dampfte und verharrte für Sekunden vor seinem Mund. Eine Krähe flog auf und zerriss mit krächzendem Ruf die winterliche Ruhe.

Im selben Moment entfuhr Franz ein frevelnder Fluch. Er hatte Fuchsspuren entdeckt. Er verfolgte sie bis zum Hühnerstall.

Hastig zählte er sein Federvieh.

Noch einmal Glück gehabt. Aber er wird aufpassen. Füchse lassen nicht locker, wenn sie Fressen wittern.

Einige Schritte vom Haus entfernt stand ein Wassertrog, ein ausgehöhlter Baumstamm, der auf vier Steinen ruhte. Das Wasser wurde von einer Quelle im Berg hergeleitet. Im Sommer schoss es daumendick aus dem Rohr, und bei geöffneten Fenstern hörte man es plätschern bis in die hinterste Kammer.

Jetzt hörte man es auch, aber verhaltener. Man musste schon vor die Tür treten, um es wahrzunehmen. Stricknadeldünn rann es durch ein Eisröhrchen, aber ausgeblieben war es bislang nie.

Franz war allein da draußen, ohne den Schutz des Dorfes oder eines Nachbarn. Seine Wangen begannen zu brennen und wurden langsam gefühllos.

Wer da glaubt, die Natur bringe nur Schönes hervor, der hat ihn nie kennen gelernt, den Leib- und Seelenmarterer, wie Franz solche Winter nannte. Der hat ihn nie gespürt, den stechenden Schmerz der Kälte in Zehen und Fingern.

Anni lag erschöpft in den Kissen, den Kopf dem Kind zugewandt, das in ihrer Armbeuge schlief. Das kupferrote Haar, das wie geflochtene Bänder auf ihrer Brust lag, und die fein geschnittene schmale Gesichtsform hatte sie dem Buben vererbt.

Die beiden wären ein lohnendes Motiv gewesen für einen Maler oder Dichter, die sonst nicht vermochten, den Geruch der Armut darzustellen.

Armut kann man riechen, wusste die Hebamme. Sie riecht nach Kraut und Rüben, saurer Milch, muffiger Wäsche, Schweiß, Urin und nicht selten nach Alkohol.

„Woasst scha, wia der Bua hoißn soit, Kollerin?“

„Ludwig, wia mei Großvodder.“

Ludwig wurde in eine Familie hineingeboren, in der sich schon zu viele hungrige Mägen ums Essen stritten. Für Maria war der Bruder nichts weiter als ein lästiger Störenfried, die Ursache für das lange Kränkeln der Mutter.

Es gab Tage, die Anni nur mit Müh und Not bewältigen konnte. Dunkle Ringe unter den Augen verrieten durchwachte Nächte. Ludwigs bellender Husten riss sie immer wieder aus dem Schlaf, und dass Franz sein eigen Fleisch und Blut mit keinem Blick würdigte, bedrückte sie. Die Traurigkeit grub sich in ihr Gesicht ein. Wenn Anni sich unbeobachtet glaubte, unterbrach sie die Arbeit, nahm das Kopftuch ab und ließ ihre Tränen darin verschwinden.

Tage, Wochen und Monate, zusammengezählt,

ergeben ein Jahr.

Lauwarmer Wind bringt die Gewissheit:

Der Frühling ist da.

Er kam hier ein wenig später als anderswo, aber mit der gleichen Bestimmtheit. Bäche und Gräben waren außer Rand und Band, weiß schäumend von geschmolzenem Eis und Schnee. Das Gurgeln und Plappern des Wassers war nicht mehr zu überhören. Noch sahen die Äcker zwar aus wie das schäbige Fell streunender Hunde, doch unaufhaltsam schälten sich Knospen und Blätter aus ihren Winterquartieren und reihten sich ein in das Drängen, Toben und Treiben.

Aus den Wäldern hallten die Axtschläge der Holzfäller. Bei klarem Wetter hörte man das Ächzen und Krachen der fallenden Bäume bis in die Täler.

Anni stand im Garten. Sie rückte den Maulwürfen zu Leibe. Die Blätter der jungen Pflänzchen waren verwelkt und gelb. Sie hob sie von der Erde auf, alle Wurzeln waren abgestorben. Als sich nach einer halben Stunde das Erdreich bewegte, kniff sie die Lippen zusammen, holte mit dem Spaten aus und schlug zu.

Erwischt – und wieder einer weniger.

„Geh her, Wiggerl, geh her und loss ’n verschwindn!“

„I net, Muadder, i net!“

„Geh weg, du Hosnscheißer!“ Maria schubste den schmächtigen Bruder zur Seite, packte das breitgeschlagene Tier am Schwanz, schleuderte es in hohem Bogen auf den Misthaufen, trat einige Male darauf, stützte die Hände in die Hüften und blähte sich auf, als hätte sie eine Heldentat vollbracht.

Ludwig wurde blass. Bis zum heutigen Tag hatte er gerätselt, wer die vier Kätzchen im Tümpel ertränkt hatte. Jetzt war er sicher, nur Maria konnte dazu fähig sein.

In der Nähe des Hauses gab es einen größeren Stein mit einer Vertiefung. Da saß er oft, wenn ihm etwas widerfahren war, das ihn beschäftigte.

Damals hatte er tagelang mit der Katzenmutter um die Jungen getrauert.

Wenn Steine reden könnten, sagte Ludwig später einmal, dann könnte euch dieser Stein viel erzählen.

Sobald die Mutter außer Sichtweite war, war Ludwig der Willkür der Geschwister ausgesetzt.

Maria wurde seine größte Peinigerin. Wenn sie ihre Unschuldsmiene aufsetzte und scheinheilig „gell Vadderl“ flötete, konnte sie den Vater um den Finger wickeln wie einen Wollfaden.

Mit dieser Methode verfolgte sie nur ein Ziel: Herrschen und Beherrschen. Es bereitete ihr sichtliches Vergnügen, alle drei Brüder zu kommandieren und sie antreten zu lassen wie Soldaten.

„Mund auf – Augen zu!“, schrie sie im Befehlston.

Hermann und Jakob wurden schnell mit einem Happen belohnt.

Ludwig ließ sie zappeln. Sie kostete die Macht über ihn weidlich aus.

„Mach den Mund auf – weiter – noch weiter!“