Zerfall - Christian Graf - E-Book

Zerfall E-Book

Christian Graf

0,0
23,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Schon beim ersten Anschlag auf ein Schaltwerk des lokalen Stromnetzbetreibers befürchtet Ingo, dass damit der Startschuss für den Ausbruch des Chaos erging. Er wird, zusammen mit seiner Kollegin Carol in zahlreichen Ermittlungen der vielen Anschläge eingesetzt. Zuerst ist er schnell frustriert von ihrer Unfähigkeit Beweise zu finden um Täter dingfest zu machen. Er beschließt dann aber bald, dass der Zerfall des Systems ihm zugute kommt. Er kann diesen nutzen, um sich abzusetzen und im Schutz seiner Hütte im Wald den Unteragang abzuwarten. Zu seiner Freude kann er Carol davon überzeugen, ihn zu begleiten. Ganz ähnliche Pläne hat Henry, einer der Attentäter, die durch ihre Taten den Zerfall von Deutschland einleiten. Auch er flüchtet aus seinem bekannt urbanen Umfeld in sein Haus in Bayern, als er sich sicher ist, dass die Zahl der Anschläge ausreicht um durch deren Folgen in der Bevölkerung, die von Plünderungen über Raub und Mord reichen, einen Dominoeffekt erreicht zu haben, der sich im Untergang der Nation auswirkt. Nach seiner Flucht nach Bayern knüpft er Verbindungen zu Konstantin, der sich mit seiner Familie auf seinem Anwesen, nach der Erkenntnis, dass Deutschland zusammenbrechen wird, verbarrikadiert hat um dort, im Schutz der dörflichen Gemeinschaft mit seinen Nachbarn und Freunden, das Ende abzuwarten. Die politischen Systeme sehen nahezu machtlos zu, wie Deutschland vor die Hunde geht. Der Kanzler tritt zurück und die Parteisysteme zerbrechen restlos. Sämtliche Behörden und Sicherheitsorgange stellen ihren Dienst ein. Zunächst unterstützt das Militär die öffentlichen mit der Versorgung der Bevölkerung, löst sich aber im Verlauf des Zerfalls bald ebenfalls auf. Schließlich bereiten sich die Protagonisten darauf vor, nach dem Ende der Republik ihr Leben neu zu starten und zu versuchen, nach dem Zerfall ein völlig neues Lebensumfeld für sich und ihre Nächsten aufzubauen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

März 2022

Kapitel 1 - März 2022, Tag 1

Kapitel 2 - März 2022, Tag 2

Kapitel 3 - März 2022, Tag 3

Kapitel 4 - März 2022, Tag 4

Kapitel 5 - März 2022, Tag 5

Kapitel 6 - März 2022, Tag 6

Kapitel 7 - März 2022, Tag 7

Kapitel 8 - März 2022, Tag 8

Kapitel 9 - März 2022, Tag 9

Kapitel 10 - März 2022, Tag 10

Kapitel 11 - März 2022, Tag 11

Kapitel 12 - März 2022, Tag 12

Kapitel 13 - März 2022, Tag 13

Kapitel 14 - März 2022, Tag 14

Kapitel 15 - März 2022, Tag 15

Kapitel 16 – Später

Christian Graf

Zerfall

Endzeit

Ein Thriller

Nach einer Reihe zahlreicher, verdeckter und sonderbarer Anschläge in Deutschland kollabiert das gesamte System. Chaos herrscht im Land und zwingt die Bevölkerung zu drastischen Entscheidungen. Eine rasant-düstere Dystopie über den Untergang der Ordnung und den verzweifelten Kampf ums Überleben und den Fortbestand der Nation.

© 2018 Christian Graf

c/o AutorenServices.de

Birkenallee

36037 Fulda

Cover: Christian Graf

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Christian Graf, Jahrgang 1971, lebt mit seiner Familie im Chiemgau wo er auch geboren wurde und aufwuchs.

Nach einer technischen Ausbildung, einer kurzen Beamtenlaufbahn und jahrelanger Betätigung in der Sicherheitsbranche engagiert er sich seit mehr als 15 Jahren als IT Manager von denen er ein Jahr mit seiner Familie in der Schweiz verbrachte.

Vorwort

Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Schauplätze, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Die beschriebenen Orte und Straßen gibt es tatsächlich. Damit endet aber auch schon jeglicher Bezug zur realen Örtlichkeit. Das politische Geschehen entstammt der Phantasie des Autors und hat keinerlei Bezug zur Realität. Etwaige Ähnlichkeiten zu echten Personen, egal ob lebend oder verstorben, sind rein zufällig und vom Author nicht beabsichtigt.

Genießen Sie den Thrill, den Zerfall – Endzeit Ihnen liefert!

März 2022

Ingo war gerade beim zweiten Bier als er im Großbildfernseher in der Ecke über der Bar eine Eilmeldung in den Nachrichten bemerkte. Er hatte nach Dienstschluss das Bedürfnis verspürt, sich im Bistro zu entspannen, das auch gern von Kollegen besucht wurde.

Im Bericht hieß es, dass in weiten Teilen Fuldas und Umgebung der Strom ausgefallen war.

Ingo war kriminalistischer Ermittler, weshalb sein Interesse an diesem Bericht schnell geweckt war.

Als Einzelgänger kümmerte er sich nicht weiter um soziale Kontakte, unterhielt sich aber dennoch gern ab und zu mit den Kollegen, die dieses Bistro ebenfalls frequentierten.

Er bemerkte, dass seine Partnerin Carol mit ein paar anderen zusammen an einem Tisch eine angeregte Unterhaltung führte. Obwohl er mit Carol nicht sonderlich gut auskam, setzte er sich zu den Kollegen an den Tisch, um sie auf den Stromausfall aufmerksam zu machen.

"Hey, habt ihr die Nachrichten gesehen? Da könnte was los sein heute Nacht. Bei Stromausfall steigt bekanntlich die Kriminalitätsrate in kurzer Zeit rapide an - zumindest in den betroffenen Gebieten.“

"Ach Ingo," meinte Carol eher gelangweilt. "Mach doch keine Panik wegen einem Stromausfall. Wir haben schließlich Feierabend. Setz dich doch zu uns, aber lass uns mit dem Stromausfall in Ruhe".

Ingo war es schon gewöhnt, dass Carol ihn ärgern wollte. Er dachte, dass sie ihn für einen Macho hielt und sich deshalb so verhielt. Trotz des Gelächters der anderen Anwesenden setzte er sich zu den Kollegen um sein Bier in Gesellschaft genießen zu können.

Wie sich herausstellte, zeigten die Kollegen aber nun ebenfalls Interesse an dem Stromausfall der die Ortsteile Bronzell, Zirkenbach, Niederrode, Istergiesel, Niederrode, Sickels und Edelzell betraf. Aber auch in umliegenden Orten wie Künzell, Florenberg, Edelzell und Pilgerzell war offenbar der Strom ausgefallen.

Da Carol ihn nicht weiter beachtete und sich die Diskussion nun nur noch um den Stromausfall drehte, beschloss er, sich auf den Nachhauseweg zu machen. Zu Fuß war es nicht weit. Nach einem langen Arbeitstag und den paar Bier konnte es nicht schaden, sich noch ein wenig die Füße zu vertreten.

Am nächsten Tag im Dienst war Ingo einigermaßen erstaunt, dass er zusammen mit Carol für Ermittlungen wegen des gestrigen Stromausfalls zur rund 13 km entfernten Schaltanlage Dipperz gesendet wurde.

"Ob das nicht mal eine Fügung des Schicksals ist" meinte Carol als sie zusammen zum Wagen gingen, um sich auf den Weg zum Einsatzort am Schaltwerk zu machen.

"Was meinst du?" entgegnete Ingo eher kurz angebunden.

"Na, gestern hast du uns mit den Nachrichten über den Stromausfall genervt und heute müssen wir da hin um zu ermitteln. Was auch immer es da zu ermitteln gibt."

Ingo entgegnete lieber nichts, um nicht die Laune von Carol noch weiter durch seine unerreichte Fähigkeit, andere auf die Palme zu bringen, zu verschlechtern.

Der Kontaktmann des Betreibers der Anlage, den sie vor Ort trafen, klärte sie dann auch gleich über den Grund auf.

"Es wurden mehrere Keramik Isolatoren zerstört." begann er die Erklärung. "Von selbst passiert sowas nicht. Und Umwelteinflüsse wie Temperaturschwankungen können wir auch ausschließen. Das muss eine mutwillige Sachbeschädigung sein. Obwohl mir unklar ist, wie jemand in die Anlage gelangt sein sollte.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort.

„Die Zäune sind alle unbeschädigt, das Tor ebenfalls. Und wer würde schon das Risiko eingehen und sich direkt an diesen stromführenden Teilen zu schaffen machen?"

Wie sich herausstellte, waren zahlreiche Isolatoren nur noch Schrott. Die Folge der Zerstörung der Isolatoren waren nach Aussage des Mitarbeiters von Tennet TSO, dem Betreiber der Anlage, mehrere Kurzschlüsse in der Freiluftschaltanlage. Dies wiederum hatte zur Abschaltung mehrerer unterspannungsseitig abgehender Leitungen durch die automatische Netzschutzeinrichtung geführt. Durch diese Abschaltung wurden in Folge weitere Netzschutz Automatikfunktionen in der Schaltstation getriggert, die die Abschaltung weiterer Netzsegmente zum Schutz vor Schäden durch Überspannung in diesen Segmenten auslöste.

Eine erneute Zuschaltung der abgeschalteten Leitungsnetze war bisher nicht absehbar, da die Reparaturen an den zerstörten Isolatoren mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Auch nach der Reparatur würde die Wiederinbetriebnahme nur schrittweise erfolgen können. Das Zuschalten musste manuell überwacht werden, um die Netze nicht mit Überspannung erneut zu überlasten.

Ingo forderte ein Spurensicherungsteam an. Die Kollegen sollten untersuchen, was die Ursache für die Zerstörung der großen Anzahl an Isolatoren war. Diese konnte bei den ersten Ermittlungen nicht festgestellt werden. Zeugen waren nicht auszumachen, da die abgelegene Schaltanlage vollautomatisch arbeitete und nur monatliche Sichtkontrollen der Betriebsmittel der Anlage durch Mitarbeiter der Tennet TSO durchgeführt wurden.

Aufgrund der Abschaltung zahlreicher Netzsegmente konnten die Techniker der Spurensicherung im Bereich der Anlage, der die Zerstörungen aufwies, ohne weitere Schutzmaßnahmen arbeiten. Sie wurden jedoch von Mitarbeitern der Tennet TSO begleitet. Diese sollten sicherstellen, dass die Techniker nicht in die Nähe spannungsführender Anlagenteile gerieten und sich damit in Gefahr begaben.

Schon nach wenigen Stunden Arbeit der Techniker der Spurensicherung konnte die Vermutung bestätigt werden, dass die Ursache der Beschädigungen offenbar durch Schuswaffen hervorgerufen war. Zwar konnten größtenteils nur Splitter von Projektilen sichergestellt werden, da das Auftreffen der Geschosse auf den Keramik Isolatoren von den Projektilen nicht mehr viel übrigließ. Aber das eine oder andere Projektil war noch so weit zu erkennen, dass das Kaliber mit 7,62 × 51 mm festgestellt werden konnte.

Kapitel 1 - März 2022, Tag 1

Der Lieferwagen des Logistikdienstleisters startete seine tägliche Tour vom Verteilerzentrum in der Nähe von Fulda wie jeden Tag und nahm die übliche Route. Der Fahrer dieser Tour hatte sich angewöhnt, jeden Morgen eine Pause am Parkplatz ca. 800 m vom Waldrand entfernt einzulegen, um eine Zigarette zu rauchen und sich kurz mit seinem Handy zu beschäftigen.

Er genoss die kurze Zeit, um seine Nachrichten zu lesen oder sich in diversen Online Diensten über aktuelle Nachrichtenberichte zu informieren. Wie üblich, blieb der Fahrer auch heute am Parkplatz stehen, stieg aus und zündete sich eine Zigarette an.

Zuerst konnte er das dumpfe Geräusch aus dem Motorblock seines Lieferwagens nicht identifizieren.

Es klang fast wie ein Schlag mit der flachen Hand auf die Motorhaube.

Er war sich jedoch sicher, dass niemand sich in der Nähe befand.

Schon wollte er um den Wagen gehen um zu versuchen herauszufinden wo das Geräusch herkam, da erklang dieses erneut.

Da er sich gerade mit der Hand an der Motorhaube abstützte spürte er diesmal auch eine kleine Erschütterung des Fahrzeuges.

Und schon erklang der dritte Schlag; ganz in der Nähe seiner Hand diesmal.

Jetzt sah er auch sofort, wovon das Geräusch verursacht war.

Nicht mal zwanzig Zentimeter von seiner Hand entfernt klaffte ein kleines Loch in der Motorhaube.

Auch wenn er so etwas im echten Leben noch nicht erlebt hatte, war ihm dennoch sofort klar, dass es sich um ein Einschussloch handeln musste.

Sofort duckte sich der Fahrer hinter dem Laderaum des Lieferwagens um nicht selbst zum Ziel zu werden.

Mit zitternden Fingern wählte er eilig den Notruf der Polizei um die Schüsse zu melden und Hilfe anzufordern. Er hatte zu viel Angst um sich aus dem Staub zu machen; schließlich hatte er keine Ahnung woher die Schüsse kamen und wohin er laufen sollte ohne von weiteren Schüssen getroffen zu werden. Also meldete er stotternd:

„da ... da, schießt jemand auf mich“ als die routinierte Stimme am anderen Ende der Notrufleitzentrale den Notruf entgegennahm und ihn bat, sein Anliegen zu nennen.

Gelassen forderte die Person in der Notrufleitzentrale ihn auf, das Geschehen zu schildern, gab ihm Anweisung, sich weiter verdeckt zu halten und versprach, sofort eine Streife loszusenden.

Die Streife der Polizei, die aus der Notrufleitzentrale damit beauftragt wurde den Fall vor Ort zu prüfen, traf nach rund 15 Minuten an der Stelle des Anschlags ein.

Bei deren Ankunft wartete der Lieferfahrer am Steuer seines Fahrzeugs. Er hatte es nicht mehr gewagt den Wagen zu verlassen, nachdem er erkannt hatte, dass auf ihn geschossen wurde. Er meinte, durch die Karosserie des Wagens zumindest teilweise Schutz gegen weitere Schüsse zu finden, wenn er im Wagen blieb.

Die anrückenden Beamten parkten hinter seinem Fahrzeug, stiegen beide aus und gingen auf das Lieferfahrzeug zu. Einer der Beamten nahm dabei den Weg zur Fahrerseite, der andere ging auf der Beifahrerseite in Richtung Wagenfront. Er schien, die Beifahrerseite prüfen und sichern zu wollen, während der andere Beamte zur Fahrertür ging um den Fahrer zu befragen. Dieser wollte die Wagentür schon öffnen, als zuerst der Beamte auf der Fahrerseite und kurz danach derjenige auf der Beifahrerseite mit Schmerzensschreien zusammenbrachen.

Den ersten Schuss hörte der Fahrer erst nachdem der erste Beamte schon zu Boden ging. Sofort duckte er sich um nicht auch noch ein Ziel durch die Scheiben des Wagens abzugeben.

Die beiden Beamten dagegen brüllten sich gegenseitig zu, Deckung zu suchen. Der auf der Beifahrerseite war schon unter den Lieferwagen gekrochen und stöhnte dort vor Schmerzen. Der andere ging gebückt und hinkend Richtung Streifenwagen um jetzt selbst einen Notruf per Funk abzusetzen und den Erste-Hilfe Koffer zu holen um sich und seinen Kollegen zu versorgen.

Der Fahrer hörte den Beamten in den Funk brüllen als der den Angriff meldete und Verstärkung anforderte. Der Polizist schien in Panik geraten zu sein. Derjenige, der sich unter dem Wagen verkrochen hatte, machte sich offenbar auch auf den Weg zum Streifenwagen, wie der Fahrer anhand des sich verändernden Geräusches des vor Schmerz stöhnenden Mannes meinte hören zu können.

Nachdem er es gewagt hatte sich aufzurichten, konnte der Fahrer im Seitenspiegel erkennen, wie beide Beamten hinter dem Streifenwagen in Deckung gegangen waren und dort vermutlich ihre Verletzungen versorgten und auf die Verstärkung warteten.

Er konnte auch beobachten, dass der Beamte, der zuerst Schutz unter seinem Wagen gefunden hatte, mittlerweile das Bewusstsein verloren hatte und der andere Beamte erneut einen panischen Funkspruch mit der Bitte um Hilfe absetzte und dabei lautstark nach einem Krankenwagen verlangte. Dem Funkspruch konnte der Fahrer entnehmen, dass der Beamte fürchtete, sein Kollege könne wegen dem hohen Blutverlust sterben.

Der Fahrer des Lieferdienstes beschloss mit diesen Erkenntnissen, auch weiterhin im Wagen und in Deckung zu bleiben. Er konnte den einen Beamten hören, wie dieser die Erstversorgung seines verletzten Kollegen durchführte.

...

Chaos beherrschte die Vorgänge in der Polizeidienststelle in Fulda.

Nachdem einer der beiden angeschossenen Beamten über Funk von dem Angriff berichtet hatte – der zweite hatte durch die Schussverletzung das Bewusstsein verloren - und hektisch in knappen Worten, sofortige Unterstützung angefordert hatte, überschlugen sich auf der lokalen Dienststelle die Ereignisse. Streifenbesatzungen wurden in höchster Eile, unter der Anweisung Schutzwesten zu tragen, zum Tatort entsendet.

Der Dientsgruppenleiter berichtete seinem Vorgesetzten am Telefon von dem Anschlag. Da ein Angriff auf Polizisten in Deutschland zu den traurigen Ausnahmen bei Gewaltverbrechen gehörte, wurde eine Sonderermittlungsgruppe gebildet. Der Vorgesetzte, seines Zeichens Erster Polizeihauptkommissar, informierte seinen Vorgesetzten im Präsidium, der wiederum sofort das Innenministerium, das BKA sowie diverse Leiter der Sondereinheiten informierte.

Worüber zu diesem Zeitpunkt in der lokalen Dienststelle oder im Präsidium keiner Kenntnis hatte, war die Tatsache, dass sie nicht die Einzigen waren, die mit einem derartigen Anschlag konfrontiert waren.

Tatsächlich verbreiteten verschiedene örtliche Medien aus verschiedenen Regionen Deutschlands die Nachricht von Schüssen auf Lieferdienste, Rettungsdienste, Polizeistreifen oder sonstige Transporte.

Die Informationen darüber sollten aber erst am nächsten Tag die Runde durch die internen Informationskanäle der Dienststellen gemacht haben und damit bei den ausführenden Beamten ankommen.

...

Als Mittvierziger, mit einem ansprechenden Äußeren gesegnet und auch offen im Umgang mit anderen war Ingo der Schwarm vieler Frauen, blieb aber trotzdem Single. Er selbst schob es auf seinen Beruf, keine feste Beziehung zu haben. Zudem zeigte er trotz seiner Extrovertiertheit wenig Interesse an außerberuflichen Aktivitäten mit seinen Kollegen. Sein Freundeskreis beschränkte sich auf wenige und weit auseinanderlebende Menschen, die er selten traf aber zu denen er, vielleicht genau aufgrund der großen Entfernung, ein inniges Verhältnis pflegte über das seine Kollegen überrascht gewesen wären.

Da er gerade im Dienst war, wurden er und seine Kollegin Carol gleich von ihrem Vorgesetzten Nold in die Sonderermittlungsgruppe einberufen. Sie waren dann auch unter den ersten, die am Tatort eintrafen.

„Was für eine Scheiße, das hier ist“ beschwerte er sich bei seiner Kollegin Carol.

„Jetzt ist es soweit, dass auf uns geschossen wird. Hab ich doch gleich gesagt, dass die Vorgehensweisen unserer Regierung irgendwann in sowas resultieren würde“.

„Was der Nazi-Bulle wieder für einen Mist von sich gibt“ dachte Carol verdrießlich und sagte

„Ach komm, hör doch auf mit dem Blödsinn. Was soll denn so ein Anschlag mit der innerpolitischen Lage zu tun haben, du spinnst doch“.

Trotz seines guten Aussehens, seiner Offenheit und auch seiner Kompetenz im Job konnte Carol Ingo nicht ausstehen. Ihrer Ansicht nach war er politisch viel zu weit rechts orientiert, um ein vorbildlicher Beamter zu sein. Der Ansicht waren auch einige Kollegen und Carol war sich sicher, dass Ingo seine Position nur aufgrund seiner Ermittlungserfolge noch immer innehatte. Einzig seine Geradlinigkeit, Loyalität gegenüber den Kollegen und seine vollkommene Unbestechlichkeit konnten ihr ein wenig Respekt abringen.

„Lass uns doch erstmal anfangen und die Kollegen und den Fahrer befragen, bis die Spurensicherung endlich auftaucht.“

„Also, ... äh, erst wusste ich überhaupt nicht, was los ist.

Mann, hab ich zu Zittern angefangen, als ich erkannt habe, dass da einer auf mich schießt.

Das war echt krass, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll“ brabbelte der Fahrer als Carol ihn bat, die Ereignisse zu schildern.

„Jetzt versuchen Sie mal, sich zu beruhigen“, forderte sie ihn auf. „Erzählen Sie einfach von vorne, was hier vor sich ging“.

Sie war froh, dass Ingo ihr in diesem Fall das Reden überließ, denn seine Befragungstaktik trug nicht gerade zur Beruhigung des Opfers eines Anschlags bei. Dazu war er viel zu ungeduldig. Außerdem lagen seine Stärken in der Beobachtung, dem Erkennen von Zusammenhängen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen.

Ein wenig ruhiger fuhr der Fahrer fort

„ich, äh, ich bleibe hier oft mal kurz stehen um vor Auslieferungsbeginn und der ganzen Hektik während des Tages noch kurz zu entspannen, eine zu rauchen und Nachrichten zu lesen.

Ist schließlich schon morgens um fünf stressig, wenn wir unsere Wagen beladen.“

Er zuckte kurz resigniert mit den Schultern.

„Jedenfalls, steh ich neben dem Wagen, rauche und auf einmal höre ich diesen Schlag.

Fast so als ob jemand mit der flachen Hand auf das Blech des Wagens geschlagen hätte.

Ich schau mich um, damit ich den Typen zur Schnecke machen kann, der mich erschreckt hat.

Aber eigentlich wusste ich, dass da niemand sein konnte.

Hätte ich doch bemerkt, wenn da jemand in der Nähe gewesen wäre“.

„Oh Mann, der ist noch immer völlig durch den Wind“, dachte Carol, „aber ich lass ihn wohl besser mal weiterreden.“

„Der zweite Knall kam kurz nach dem ersten, ich schau mich um, stütze mich am Wagen ab... und schon kommt der dritte Knall.

Diesmal konnte ich den spüren, war ja knapp neben meiner Hand.

Ich hab das Loch im Blech neben meiner Hand gesehen und da wusste ich sofort, dass da einer auf mich schießt.“

Die Befragung der verletzten Kollegen später im Krankenhaus ergab auch nicht viel mehr Erkenntnisse.

Einer der Beamten war froh, nur einen Streifschuss abbekommen zu haben und sagte zu Ingo

„Ich denke, dass ich nur deshalb mit einem Streifschuss davongekommen bin, weil ich das zweite Ziel war und auf der Fahrerseite des Lieferwagens stand.

Ich kann es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Aber ich meine dass die Schüsse aus der Richtung kamen, in die die Beifahrerseite des Lieferwagens gerichtet war.“

Der zweite Beamte kam auch relativ glimpflich mit einem glatten Durchschuss ohne verletzte Knochen davon. Dieser hatte zwar hohen Blutverlust erlitten, konnte aber vom Notarzt gut genug versorgt werden um trotz des Blutverlustes durchzukommen.

Trotz seiner Erfahrung und deduktiven Fähigkeiten hatte Ingo keinen blassen Schimmer was die Absicht des Täters in diesem Fall war.

„Also Boss,“ sagte er anschließend in der Zentrale zu Nold, seinem Vorgesetzten

„Wir wissen zwar, dass die Schüsse vom gegenüberliegenden Waldstück abgefeuert wurden. Aber wo genau und vor allem aus welchem Grund werden wir wohl nicht feststellen können.

Ein Motiv ist nicht erkennbar, das scheint völlig willkürlich, ohne Plan und Ziel durchgeführt worden zu sein.“

„Was mir hier jedoch auffällt,“ erwiderte Nold nachdenklich

„ist die Tatsache, dass die Schüsse anscheinend absichtlich so durchgeführt wurden, dass die Verletzungen gering ausgefallen sind, oder meinst du das ist Zufall?

Wer aus so großer Entfernung einen derartigen Anschlag verübt, schießt doch nicht so oft daneben.

Für mich sieht das wie eine Warnung aus.“ murmelte er noch und verließ damit den Raum.

...

Konstantin hatte sich davon distanziert, Nachrichten aktiv zu verfolgen, da er zunehmend genervt von der Berichterstattung war.

Die Gründe für seine Verdrossenheit waren vielfältig. Zum einen hatte er den Vergleich zu früherer Berichterstattung. In seiner Jugend wurden Fakten nüchtern in den Nachrichten berichtet. Heute empfand er Nachrichten zunehmend als reißerisch und aufgebläht. Zum anderen empfand er die Informationen über sportliche Begebenheiten als Inhalt der öffentlichen Nachrichten mehr und mehr als Ablenkung von den wirklich wichtigen Ereignissen. Ebenso erging es ihm mit Beschreibungen über aktuelle Begebenheiten im Leben von sogenannten Celebrities oder Promis.

Abgesehen davon war er überzeugt, dass sämtliche Medien nicht mehr unabhängig berichteten, sondern gezielte Irreführung im Spiel war, um die Menschen durch derartige Falschinformation oder das Unterdrücken von wichtigen Meldungen bei Laune zu halten.

Für ihn war klar, dass dies zutreffen musste, denn andere Gründe für diese zunehmend triviale Berichterstattung in den Nachrichten waren für ihn schlicht nicht vorhanden oder auch nur denkbar.

Immer häufiger stellte er sich selbst die Frage nach dem Grund für die Ignoranz seiner Mitmenschen gegenüber den offensichtlichen Missständen, die im Land seit Jahren herrschten und immer schlimmer wurden.

Von einem Sozialsystem, wie er es in seiner Jugend gewohnt war, blieb nicht mehr viel übrig. Wer nicht über ein enorm hohes Einkommen oder große Besitztümer verfügte, dümpelte am Rande der Armut entlang. Wer krank war musste für seine Heilung selbst aufkommen während der Reichtum einer kleinen Minderheit ins Unermessliche wuchs.

Für ihn selbst war klar wo die Ursachen der Missstände lagen und was nötig wäre um diese beseitigen.

Da es das Recht der freien Meinungsäußerung aber faktisch nicht mehr gab und jeder, der auch nur einmal öffentlich Kritik am aktuellen Zustand äußerte sofort mit dem Damoklesschwert des „Reichsbürgers“ bedroht war, sah er für sich keine Möglichkeit, aktiv an einer Änderung beizutragen.

Schließlich konnte er das relativ wohlhabende Leben, das er mit seiner Familie führen durfte nicht gefährden. Im Vergleich zu den meisten anderen Menschen hatte er das Glück, über Besitz zu verfügen und einen einträglichen Job als selbstständiger Berater zu haben. Damit war er ausreichend gerüstet, um auch in schweren Zeiten den Lebensunterhalt für seine Familie sichern zu können.

Dem entsprechend hatte er entschieden, bewusst auf Nachrichten jeglicher Art zu verzichten denn er wollte vermeiden, immer wieder mit der Nase darauf gestoßen zu werden, wie einfach es für die tatsächlichen Machthaber im Land war, die Bevölkerung vollkommen unter Kontrolle zu halten.

So war es ein Zufall, dass er von einem Anschlag in der Nähe seines Wohnortes über einen lokalen Radiosender erfuhr. Trotz seiner Medienverdrossenheit, oder vielleicht, weil es in der Region geschah, war seine Neugier geweckt.

Berichtet wurde von Schüssen auf einen Kurier sowie die vor Ort ermittelnden Beamten. Man ging von einem Terroranschlag aus ohne jedoch irgendwelche Bekennerschreiben vorliegen zu haben.

„Schon wieder diese Panikmache“ dachte Konstantin und schob die Gedanken daran genervt beiseite.

Schließlich geschahen in seiner Region trotz der offensichtlich schlechten Sicherheitslage mit der das Land seit der Flüchtlingskrise 2015 zu kämpfen hatte bisher keinerlei Anschläge.

Auch im Rest der Republik wurden bisher überraschenderweise keine Terroranschläge durchgeführt.

Er rechnete damit, dass auch dieses Ereignis schnell von weiteren Geschehnissen im Land aus der Berichterstattung verdrängt werden würde.

Wovon er zu dem Zeitpunkt keine Kenntnis hatte, war die erhöhte Sicherheitsstufe die bei den Strafverfolgungsbehörden im Raum Fulda aufgrund des Anschlages ausgerufen worden war.

Mit diesen Gedanken freute er sich nach einem weiteren Tag in den Mühlen der erwerblichen Tätigkeit, der Konstantin so ungern nachging auf zu Hause und darauf, dass er den Fortschritt seiner erst kürzlich aufgegangenen Saat für seinen Garten bewundern konnte.

Als selbstständiger Berater konnte er seine Arbeitszeit glücklicherweise selbst bestimmen. Dadurch hatte er die Möglichkeit, sich ausreichend um den Garten zu kümmern.

Getrieben von der Absicht und Überzeugung, sich und seine Familie durch selbst gepflanztes Gemüse und Obst gesünder ernähren zu können, hatte er schon vor Jahren begonnen, viele Sorten von Gemüse selbst anzubauen.

Er beschäftigte sich viel mit der Heilwirkung von Kräutern, die teilweise noch auf Wiesen in der Umgebung wuchsen:. Überliefertes Wissen über Kräuter hatte er von seiner Oma gelernt und dazu viel über das Thema gelesen.

Alle Gedanken an den morgens im Lokalradio berichteten Terroranschlag hatte Konstantin längst in einer Schublade seines Gedächtnisses abgelegt und dachte abends bei der weiteren Planung seines diesjährigen Gemüsegartens nicht mehr daran.

Kapitel 2 - März 2022, Tag 2

Konstantin saß gerade mit seiner Frau Vera am Frühstückstisch.

Wie immer gab er sich gleichgültig gegenüber den Nachrichten und hatte schon längst vergessen, was gestern berichtet wurde.

Erst als Vera ihn direkt ansprach, wurde er darauf aufmerksam, was sie ihm mitteilen wollte. Ganz in Gedanken versunken, hatte er ihre Worte zuvor nicht wahrgenommen.

„Hmmm, ?“ machte er nur als Vera versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Nur langsam wurde ihm bewusst, wie aufgeregt sie war.

„Hör doch mal, was da los ist“, forderte sie ihn auf.

Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Sprecher im Radio. Ganz entgegen der sonst so hippen oder auch gelangweilten Informationsweitergabe – je nach Sender, drückten sich die Moderatoren und Sprecher völlig unterschiedlich aus – sprach dieser mit verhaltener Stimme.

Er erzählte von einem Anschlag auf einen Transportdienstleister. Konstantin erwiderte

„Ja, das hab ich gestern schon gehört aber wieder vergessen, weil die in den Nachrichten immer gleich alles derart übertreiben, dass ich davon schon echt genervt bin.“

„Aber hör doch mal zu“ entrüstete sich Vera.

„Das war nicht nur ein Attentat, sondern die haben auch Polizisten angegriffen.“

Nun doch interessiert, hörte er dem Bericht über den Anschlag, den Spekulationen über Terror, die Motivation, mögliche Täter bzw. Tätergruppen – denn um solche musste es sich handeln – zu.

Bisher konnte allerdings nicht ermittelt werden, welcher Gruppierung der Anschlag zugeordnet werden konnte.

Dennoch wurden Theorien über diverse Terrorgruppen insbesondere im islamistischen Milieu aufgestellt.

In seinen Gedanken hatte er ein Bild vor Augen, sah eine Motivation dieser Taten, die er, außer gegenüber Vera und engsten Vertrauten niemals laut ausgesprochen hätte. Er wäre damit als Verschwörungstheoretiker nur lächerlich gemacht worden.

Offenbar hatte diese Schlussfolgerung bisher entweder keiner in Betracht gezogen oder diese wurde absichtlich unterdrückt. Für ihn sah es jedoch nach einem perfekt organisierten und durchgeführten Plan eines Attentäters aus. „Jetzt ist es soweit“ dachte Konstantin; „jetzt geht der Terror auch bei uns los“.

Ernsthaft beunruhigt war er dennoch nicht, denn schließlich handelte es sich um einen eher unbedeutenden Anschlag, der die öffentliche Sicherheit und Ordnung offenbar nicht nachhaltig stören konnte.

...

In der Polizeidienststelle in Fulda in der Ingo seinen Dienst verrichtete, herrschte noch immer Aufruhr.

Aufgrund des Terrorismusverdachts, der wegen der gestrigen Anschläge erhoben wurde, hatte das Innenministeriumg vermehrte Streifenfahrten angeordnet.

Auch wegen der Meldungen, die aus vielen anderen Dienststellen übermittelt worden waren und in denen ebenfalls von bisher nicht dagewesenen Anschlägen auf Ziele im fließenden Verkehr und auf Hilfskräfte berichtet wurde, war jeder Beamte entsprechend nervös. Insgeheim vermutete man, dass weitere Anschläge folgen konnten. Nach aktuellem Ermittlungsstand konnte weder ein Täter ermittelt, noch auch nur ein Verdächtiger festgenommen werden. Alle tappten völlig im Dunkeln.

Angefangen von einem terroristischen Hintergrund bis zur Vermutung eines Amokläufers wurden die wildesten Theorien aufgestellt. In der Besprechung mit der Einsatzleitung wurden sie über die Dringlichkeit der Aufklärung der Tat informiert.

Ingo dachte sich, dass da mehr dahinterstecken musste, konnte aber diese Vermutung nicht genau spezifizieren und hielt deshalb seinen Mund.

Obwohl es dutzende Datenbanken mit tausenden Terrorverdächtiger gab, war nicht ein Hinweis auf mögliche Täter auch nur ansatzweise irgendwo ermittelt worden. Das konnte nur bedeuten, dass sie etwas übersehen hatten.

Ziel der Ermittlungsgruppe war es, den oder die Täter möglichst schnell ausfindig zu machen. Die Ergebnisse der kriminaltechnischen Ermittlungen waren völlig unschlüssig. Die vor Ort sichergestellten Projektile konnten zwar ziemlich eindeutig einer Waffenserie – der HK417 von Heckler & Koch – zugeordnet werden, aber die gesamte ballistische Datenbank enthielt keine Waffe, der das Projektil explizit zugewiesen werden konnte. Ingo und Carol wurden damit beauftragt, weitere Ermittlungen zu Geschosstyp und Waffengattung vorzunehmen.

Dazu meinte Carol

„Das kann ja heiter werden, wenn wir uns heute schon wieder im kriminaltechnischen Labor melden und denen dort auf die Nerven gegen.

Die haben eh schon genügend Druck von oben.“

„Na ja“, konterte Ingo, „Befehl ist Befehl“.

Im kriminaltechnischen Labor angekommen erwartete sie der Leiter schon mit den Worten

„Ihr schon wieder.

Abgesehen von den Informationen, die wir euch gestern Abend schon übermittelt haben, gibt es keine weiteren Neuigkeiten.“

„Du weißt ja wie es ist“, antwortete Ingo, „Befehl von oben.

Aber das hab ich mir schon gedacht, dass es wohl nicht viel mehr geben würde.

Der Kerl hat echt sauber gearbeitet.“

Zu Carol gewandt meinte er: „Na, dann lass uns mal abrücken und auf der Dienststelle Bescheid geben“.

Carol dachte sich mal wieder: „Das übliche Macho Gehabe, gut dass unsere Schicht bald zu Ende ist“.

...

Peter Hobert war mit seinem jungen Kollegen auf Streife. Mit seinen 52 Jahren zählte er zu den altgedienten Hasen auf dem Revier und hatte Freude daran, seine Erfahrungen im Dienst an jüngere Kollegen weitergeben zu können.

Mit einer Familie von drei erwachsenen und selbstständigen Kindern und seiner Frau, mit der zusammen er gerne und oft mit dem Wohnwagen unterwegs war, blickte er trotz seiner Begeisterung für den Beruf erwartungsvoll dem Ruhestand entgegen.

Er freute sich darauf, das ortsgebundene Dasein hinter sich zu lassen, mit dem Wohnwagen zu starten und erst da wieder Halt zu machen, wo es ihnen gefallen würde. Hauptsache warm war es.

Ihre Kinder, mit denen sie sich prächtig verstanden, konnten sie dann auch so oft besuchen, wie sie wollten. Vorausgesetzt, er war mit seiner Frau gerade nicht mit dem Wohnwagen unterwegs. In diese Gedanken versunken riss ihn der Funkspruch der Einsatzzentrale zurück in Wirklichkeit.

Sie wurden über einen Unfall informiert, bei dem ein Milchtransporter einer Molkerei in den Gegenverkehr geraten war. Nach dem Bericht aus der Zentrale war dieser wohl ins Schleudern geraten und kollidierte mit einem PKW auf der Gegenfahrbahn, dessen Insassen verletzt wurden. Über Funk wurde auch die Information übermittelt, dass Notarzt und Rettungskräfte schon auf dem Weg waren. Mit einer kurzen Bestätigung machten sie sich auf den Weg zum rund 15 km entfernten Ort des Geschehens auf einer Landstraße in freiem Gelände.

Dort angekommen sahen sie schon die Rettungssanitäter, die sich um zwei Personen an dem verunfallten PKW kümmerten.

Peter wollte nach Rücksprache mit den Sanitätern, die bestätigten, dass die Verletzungen leicht waren und die Verunfallten vernommen werden konnten, gerade mit der Befragung der Unfallbeteiligten beginnen, als er Jürgen aufschreien hörte und zusammenbrechen sah.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Einer der Sanitäter griff sich schreiend und sich um seine eigene Achse drehend an die linke Schulter. Noch bevor er reagieren konnte spürte Peter plötzlich einen Schlag am Oberschenkel der sich anfühlte als hätte ihm jemand mit einer glühenden Eisenstange darauf geschlagen. Das Ganze linke Bei wurde taub und er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Am Boden liegend konnte er noch beobachten wie die Leute schreiend durcheinander rannten um Deckung zu finden, bevor er das Bewusstsein verlor.

Als er wieder erwachte lag er in einem Krankenbett und seine Frau war bei ihm.

„Was ist passiert?“ fragte er sie, noch völlig durcheinander, aber wie er gleich bemerkte, schmerzfrei. An den Schlag auf den Oberschenkel konnte er sich noch dunkel erinnern, ansonsten war alles neblig.

„Oh mein Gott“ erhielt er als Antwort.

„Ich bin ja so froh, dass du wieder wach bist“ ereiferte sich seine Frau, die total durch den Wind zu sein schien.

„Da haben welche auf euch geschossen. Jürgen hat es an der Hüfte erwischt, mehr weiß ich von ihm nicht, da mir keiner was sagt. Einer der Sanitäter wurde auch getroffen.

Wer macht denn sowas?“

Er wollte schon zur Frage ansetzen, was bei ihm getroffen wurde, als sie fortfuhr.

„Du hattest ein Riesenglück, sagt der Arzt.

Der irre Schütze hat dich am Oberschenkel getroffen, der Knochen ist zertrümmert. Der konnte aber soweit wiederhergestellt werden, dass er zusammenwachsen wird.

Der Arzt hat gesagt, dass die Splitter die Beinarterie nur knapp verfehlt haben und du wahrscheinlich verblutet wärst, wenn die Splitter die Arterie getroffen hätten.

Das ist sowas von grausam, wer tut nur sowas?“ fragte sie erneut.

Peter war froh über das Glück, das er in dieser Situation gehabt hatte. Aber ihm war auch bewusst, dass es Wochen dauern würde bis er wieder normal laufen konnte. Er hoffte nur, dass es dazu kam und dass er beim Laufen keine Beeinträchtigungen hinzunehmen hatte.

Mit diesen Gedanken machte sich ein unbändiger Ärger auf den Unbekannten breit, der ihn angeschossen hatte. Damit stellte auch er sich die Frage, wer sowas mit welchem Anlass tun würde.

Dieser Angriff kam für ihn und alle anderen völlig unerwartet, wie aus dem Nichts und er konnte sich keinen Reim darauf machen. Er wünschte nur, er hätte den Täter gesehen bevor dieser auf ihn geschossen hatte um dem zuvorzukommen und ihn schon vor solch einer Tat ausschalten zu können.

Seine Frau redete weiter aufgeregt auf ihn ein und verhielt sich total fürsorglich aber er war plötzlich so müde, dass er keine Lust mehr hatte zu antworten und schnell einschlief.

Als er erneut zu Bewusstsein kam – oder aufwachte wie er meinte – war seine Frau noch da. Oder vielleicht war sie auch wieder da. Er konnte nicht wissen, wieviel Zeit vergangen war und ob seine Frau zwischenzeitlich nach Hause gegangen war.

Diesmal war sie ein wenig ruhiger als zuvor und erzählte ihm, dass sein Chef zu Besuch da gewesen war, aber sie ihn nicht hatte wecken wollen. Dieser hatte ihr erzählt, dass eine Einheit des SEK die Absicherung des Tatortes übernommen hatte, nachdem auf die Beamten und Sanitäter geschossen worden war. Der Notarzt hatte über Funk die Notrufleitzentrale verständigen können und die Verletzten notversorgen, nachdem einige Zeit lang keine Schüsse abgegeben worden waren.

Der Arzt hatte wohl einige Minuten abgewartet und sich dann aus der Deckung getraut um nach den Verletzten zu sehen. Weiter erzählte sie ihm, dass sein Chef berichtet hatte, dass das SEK festgestellt hatte, dass der Unfall des Milchlasters nur deshalb zustande kam, weil mehrere Reifen des LKW zerschossen worden waren.

Weitere Informationen waren aktuell nicht bekannt. Peter war schon sehr neugierig, welche Details über diesen Vorfall noch zu Tage treten würden.

Zu seiner Frau sagte er

„Jetzt brauch ich mal eine Schwester, die mir was gegen die Schmerzen gibt.

Die sind jetzt klar und deutlich zu spüren.

Bei den Schmerzen kann ich mir gut vorstellen, wie mein Bein jetzt aussehen muss.“

Er fuhr fort „Ist es nicht schon spät abends?“

Als seine Frau ihm sagte, es wäre jetzt halb acht abends, meinte er

„Du musst aber nicht die ganze Nacht hierbleiben.

Wie du siehst, werde ich gut versorgt, geh doch nach Hause und ruh dich aus.

Das war sicher auch für dich anstrengend heute.“

...

„… bleibt weiterhin unklar, wer für die beispiellosen Angriffe auf die unterschiedlichsten Ziele verantwortlich ist.“

Zuerst mit nur einem Ohr hinhörend wurde Carol nun aufmerksam auf den Bericht, der von einem der Moderatoren in ihrem Lieblingssender gerade als Exklusivbericht mit anschließendem Interview eines Experten für islamistische Extremisten in Deutschland vorgetragen wurde. Offenbar war er gerade dabei mit dem Interview zu starten.

„Herr Vogelbein, Sie wollen uns heute berichten, warum sie bei den bisher nie dagewesenen, zahlreichen Anschlägen in Deutschland am gestrigen Tag aktuell nicht von Terroranschlägen einer islamistischen Gruppierung ausgehen.

Wie können Sie da so sicher sein?“ fragte der Moderator gerade.

„Nun, zuerst einmal gilt es, die Motive der aktiven und radikalen Islamisten, wie z.B. den IS, zu verstehen.“ begann der Experte seinen Vortrag.

„Diese radikalen Gruppen, wie auch viele nicht-islamistische ebenfalls – und hier sei nur die NS als das gegenteilige Beispiel genannt – wollen Angst und Schrecken, ja Terror verbreiten.

Ihr Ziel ist es, durch ihre Taten Anerkennung zu erreichen – so pervers das auch klingen mag.

Um eine klassische Formulierung Franz Wördemanns zu verwenden wollen die Attentäter „das Denken besetzen“.

Damit meint er das Denken der Bevölkerung in dem Land, in dem Anschläge durchgeführt werden. Durch solche Anschläge sollen Veränderungsprozesse in diesem Land erzwungen werden.

Meist geht es dabei zwar um Anschläge in den Ländern, in denen die Missstände nach Meinung der Terroristen herrschen.

Aber es kommt auch vor, wie bei 09/11 in den USA, dass ein Land als Anschlagsziel gewählt wird, das vermeintlich gegen die Ziele der Terroristen arbeitet und somit die im eigenen Land herrschenden Missstände unterstützt.

Es wird also versucht, in einem fremden Land, das vermeintlich für die Lage im eigenen Land mitverantwortlich ist, durch den Terror in diesem Land die nötige Anerkennung zu erreichen um eine Änderung zu verursachen.

Man versucht in dem Sinne ein ganzes Land dazu zu nötigen, Handlungen im Land dieser Islamisten zu unterbinden, die vermeintlich gegen die Ziele dieser Gruppen arbeiten oder zu Handlungen zu zwingen, die die Ziele der Terroristen begünstigen würden.“

Der Moderator nutzte die kleine Pause in den Ausführungen des Spezialisten um eine Zwischenfrage zu stellen.

„Ist es nicht noch zu früh, von Terror zu sprechen?

Schließlich würden wir erwarten, dass Terroranschläge dort ausgeführt werden, wo sich viele Menschen aufhalten und anhand der Beispiele in den USA, Ländern wie Frankreich aber auch im Nahen Osten, wurden doch zumeist Sprengstoffanschläge ausgeführt.

Mit einem gedehnten „Neeein,“ begann der Experte mit seiner ausführlichen Antwort.

„Um Terror zu verbreiten, verwenden die Terroristen ganz gezieltes Kalkül.

So muss man wissen, dass Terroristen auf eine Destabilisierung des Angegriffenen aus sind, welche schon allein durch den Beweis der Angreifbarkeit erreicht werden soll.

Ich meine damit, dass allein dadurch, dass jemand angegriffen werden kann, eine Destabilisierung erfolgt, da der Angegriffene bis dato davon ausging, nicht angreifbar zu sein.

Aber damit nicht genug.

Durch die Angreifbarkeit, wie sie uns in den gestrigen Anschlägen vorgeführt wurde, wird eine Destabilisierung nur begonnen.

Würden keine weiteren Anschläge stattfinden, würde auch die Angst schnell abnehmen und Gras über die Sache wachsen.

Terroristen werden an dieser Stelle nicht aufhören, denn die wollen durch die Verbreitung von Furcht und Schrecken erreichen, dass die Funktionalität der angegriffenen Verhältnisse derart gestört wird, dass diese Verhältnisse so geschwächt werden, dass deren Funktionalität zum Erliegen kommt.

Auch hier nutzte der Moderator eine Pause in den Ausführungen des Experten und fragte

„Aber womit ist dann das Ziel der Terroristen erreicht oder wie lange könnten solche Anschläge anhalten?“

„Das, entgegnete Vogelbein, „ist einerseits leicht zu beantworten andererseits aber völlig unschätzbar.

Wenn beim Angegriffenen eine Reaktion erzeugt werden kann, durch die die Ziele der Terroristen erreicht werden können, würden die Anschläge in der Theorie beendet werden können.

Allerdings kenne ich keinen Fall, in dem ein Staat solchen Angriffen mit den Terroristen wohlgesonnen Reaktionen begegnet ist.

Das Gegenteil ist eher der Fall.

Der Angegriffene beugt sich nicht, sondern wird die Terroristen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“

„Also ist überhaupt nicht absehbar, ob es einerseits weitere Anschläge geben wird, noch wie oft, oder wie lange diese durchgeführt werden“ fragte der Moderator erneut nach.

„Nein, nein, mein guter“ beantwortet der Experte die Frage gönnerisch.

„Ich gehe davon aus, dass weitere Anschläge folgen werden.

Denn auch wenn sich uns noch kein Ziel der Terroristen oder die dahinterliegenden Absichten erschließen, rechne ich in jedem Fall mit weiteren Anschlägen.

Wie gesagt, allein die Absicht Furcht und Schrecken zu verbreiten, ist eines der Ziele von Terroristen, wenn auch nicht das endgültige Ziel.

Kapitel 3 - März 2022, Tag 3

Ingo konnte sich gut vorstellen, wie die nächste Schicht beginnen würde. Erst musste er die miese Laune von Carol aushalten, „Der fehlt einer, der sie mal richtig rannimmt, dann wäre die auch wieder besser drauf,“ dachte er. Danach in der Einsatzbesprechung würden wieder die Klagen des Chefs kommen, weil noch nicht mehr Ergebnisse ermittelt werden konnten. Aber mit dieser Vorahnung hatte er weit gefehlt.

Carol war zwar wie gewohnt übel gelaunt aber auf der Dienststelle herrschte noch größeres Chaos als gestern.

„Habt ihr es schon gehört?“, rief Ihnen ein Kollege im Vorbeigehen zu.

„Was ist denn jetzt passiert?“, fragte Carol. „Haben die Kollegen etwa den Täter festnehmen können, oder gibt es zumindest Verdächtige?“.

„Neeein“, antwortete der Kollege gedehnt, „viel schlimmer.

Gestern gab es noch weitere Anschläge in fast allen Bundesländern und die wurden sehr ähnlich dem Attentat bei uns durchgeführt.

Und am frühen Morgen gab es einen weiteren Überfall in der Nähe, allerdings nicht in unserem Zuständigkeitsbereich, sondern im Zuständigkeitsbereich von Gießen über 100 km vom Übergriff vorgestern entfernt.“

„Das kann doch kein Zufall sein“, dachte Ingo.

Der Kollege fuhr fort

„Die Tat ist vergleichbar, aber doch anders durchgeführt.

Diesmal wurden Unfälle verursacht indem auf verschiedene fahrende PKW geschossen wurde.

Zum Glück wurde niemand schwer verletzt, denn offenbar hat der Täter nur auf Fahrzeuge geschossen, nicht aber auf Personen.

Dafür wurde diesmal aber auf die Fahrzeuge des Rettungsdienstes geschossen und wieder wurden Kollegen angeschossen.“

In der anschließenden Besprechung wurden weitere Details bekanntgegeben. Nold beschrieb die Vorkommnisse im Gießener Zuständigkeitsbereich.

„Nach bisherigen Erkenntnissen wurden auf einem bewaldeten Teilstück der B485, zahlreiche Schüsse auf Fahrzeuge abgegeben.

Bei mehreren PKW und LKW wurden dabei die Reifen getroffen und dadurch mehrere Unfälle verursacht.

Durch diese Unfälle kam es zu weiteren Zusammenstößen.

Die Zahl der verunfallten Fahrzeuge geht in die Dutzende.

Es wurden mehrere Personen verletzt, einige davon schwer.

Auch hier war die Vorgehensweise derart hinterhältig, dass Notärzte und Sanitäter ebenfalls beschossen wurden.

Der oder die Täter waren dabei aber offenbar so weit entfernt, dass gezielte Schüsse schwerfielen, denn tatsächlich getroffen wurden nur zwei Sanitäter.

Diesmal wurden die anrückenden Streifen aber schon auf dem Weg zum Geschehensort unter Beschuss genommen, sodass weder Hilfeleistung schnell erfolgen konnte, noch eine Verkehrsregelung und der Abtransport der Unfallfahrzeuge durchgeführt werden konnten.

An dieser Stelle unterbrach ihn einer der Kollegen.

„Wir hatten doch beim ersten Anschlag schon Order bekommen, Einsätze nur noch mit entsprechender Schutzausrüstung durchzuführen und arbeiten mittlerweile mit Begleitschutz, der die Lage vor Ort schon vor unserem Eintreffen erkunden soll.

---ENDE DER LESEPROBE---