Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

E-Reader (w tym Kindle) für EUR 1,- kaufen
Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 467

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Zersplittert - Teri Terry

Hast du eine Zukunft, wenn du deine Vergangenheit nicht kennst? Kylas Gedächtnis wurde gelöscht, ihre Persönlichkeit ausradiert, ihre Erinnerungen sind für immer verloren. Denkt sie. Doch als Kyla im Wald von dem aufdringlichen Wayne Best angegriffen wird, setzt plötzlich das Erinnerungsvermögen der 16-Jährigen wieder ein. Trotzdem bleiben viele der rätselhaften Fragen unbeantwortet: Wer ist das Mädchen mit den zertrümmerten Fingern, das in ihren Albträumen auftaucht? Und welche Rolle hat sie bei Free UK, einer terroristischen Grupe im Untergrund, gespielt? Das plötzliche Auftauchen eines mysteriösen Mannes namens Hatten verspricht zunächst mehr Klarheit über Kylas Vergangenheit und auch über das System der Lorder bringen. Doch als Anführer von Free UK verfolgt Hatten eigene Ziele und Kyla wird immer mehr zum Spielball zwischen Lordern und Terroristen.

Meinungen über das E-Book Zersplittert - Teri Terry

E-Book-Leseprobe Zersplittert - Teri Terry

ISBN (eBook) 978-3-649-61806-5

eBook © 2014 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2014

ISBN (Buch) 978-3-649-61184-4

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Die englische Originalausgabe erschien 2013 bei Orchard Books (Hachette Children’s Books)

Text © Teri Terry

The right of Teri Terry to be identified as the author of this work has been asserted by her in accordance with the Copyright, Designs and Patents Act, 1988.

Originaltitel: Fractured

Aus dem Englischen von Marion Hertle und Petra Knese

Lektorat: Christina Grams

www.coppenrath.de

Regen ist für vieles gut.

Die Stechpalmen und Buchen um mich herum brauchen ihn, um zu wachsen und zu gedeihen.

Fährten und Fußabdrücke werden verwischt. Spuren lassen sich schwerer verfolgen, was heute ein Vorteil ist.

Vor allem aber wäscht er meine Haut und meine Kleider von dem Blut rein. Zitternd stehe ich da, als sich die Schleusen öffnen. Ich strecke meine Hände und Arme aus und reibe sie im eiskalten Regen immer wieder aneinander, obwohl die tiefroten Spritzer längst verschwunden sind. Doch auch meine Seele ist blutbefleckt. Und die lässt sich nicht so einfach reinwaschen, aber dann fällt mir wieder ein, wie es geht. Erinnerungen können verschnürt werden, in Angst und Verleugnung verpackt und hinter Mauern weggesperrt werden. Hinter Steinwänden, wie die, die Wayne gebaut hat.

Ist er tot? Stirbt er gerade? Ich zittere nicht nur wegen der Kälte. Habe ich ihn leidend zurückgelassen? Soll ich umkehren, um ihm zu helfen? Egal, wer er ist oder was er getan hat – hat er es wirklich verdient, dort allein und mit Schmerzen zu liegen?

Wenn allerdings jemand herausfindet, was ich getan habe, bin ich erledigt. Denn eigentlich sollte ich gar nicht imstande sein, jemanden zu verletzen – auch wenn ich mich nur verteidigt habe, weil Wayne mich angegriffen hat. Slater sind nämlich nicht in der Lage, Gewalt anzuwenden, aber ich habe es trotzdem getan. Genauso wie Slater nichts mehr von ihrer Vergangenheit wissen, ich mich aber erinnern kann. Die Lorder werden mich holen. Wahrscheinlich werden sie mein Gehirn auseinandernehmen, um herauszufinden, was bei mir schiefgegangen ist und warum mein Levo mich nicht im Griff hat. Vielleicht sogar bei lebendigem Leib.

Niemand darf jemals erfahren, was passiert ist. Ich hätte mich vergewissern müssen, dass er tot ist, aber jetzt ist es zu spät. Ich kann nicht riskieren, noch einmal zurückzugehen. Du konntest ihn in dem Moment nicht umbringen, warum solltest du es dann jetzt tun können?, höhnt eine Stimme in mir.

Taubheit fährt mir in die Glieder, in die Muskeln und in die Knochen. Es ist so kalt. An einen Baum gelehnt, lasse ich mich zu Boden gleiten. Ich will mich ausruhen. Mich ausruhen und nicht mehr bewegen. Nicht mehr denken, fühlen oder Schmerzen empfinden, nie mehr wieder.

Bis die Lorder kommen.

Lauf!

Ich stehe auf, setze stolpernd einen Fuß vor den anderen. Dann beginne ich zu joggen, und schließlich fliege ich über den Pfad, der mich aus dem Wald hinaus zu den Feldern führt. Hin zu der Straße, wo ein weißer Lieferwagen die Stelle markiert, an der Wayne verschwunden ist: Best Builders steht auf der einen Wagenseite. Ich bekomme Panik, dass jemand sehen könnte, wie ich zwischen den Bäumen neben seinem Wagen auftauche – an dem Ort, an dem sie ihre Suche beginnen werden, sobald sie sein Verschwinden bemerken. Aber da es gewittert, ist die Straße menschenleer, und Regentropfen fallen so schwer auf den Asphalt, dass sie von dort wieder hochspritzen.

Regen. Er ist noch für etwas anderes gut, hat noch eine weitere Bedeutung. Aber diese andere Bedeutung verschwindet, ehe ich sie greifen kann.

Bevor ich die Tür öffnen kann, geht sie auch schon auf. Mit besorgtem Blick zieht Mum mich ins Haus.

Sie darf nichts erfahren. Vor ein paar Stunden hätte ich meine Gefühle noch nicht verbergen können, ich hätte nicht gewusst, wie das geht. Jetzt setze ich ein neutrales Gesicht auf und lasse die Panik aus meinen Augen verschwinden. Mein Ausdruck wird leer, wie das bei einem Slater der Fall sein sollte.

»Kyla, du bist ja völlig durchnässt.« Tröstend streicht sie mir über die Wange und schaut mich besorgt an. »Ist dein Level in Ordnung?«, fragt sie, nimmt mein Handgelenk, um mein Levo zu prüfen, und auch ich starre gebannt darauf. Es sollte niedrig sein, sogar gefährlich niedrig. Aber jetzt ist alles anders.

6,3. Es hält mich für glücklich. Puh!

Ich werde zu einem heißen Bad verdonnert, dort versuche ich es noch einmal mit Nachdenken. Das Wasser in der Wanne dampft und ich entspanne mich, aber ich bin immer noch völlig benommen und zittere weiterhin am ganzen Körper. Obgleich mich die Wärme beruhigt, sind meine Gedanken ein einziges, wirres Durcheinander.

Was ist nur passiert?

Alles, was vor meiner Begegnung mit Wayne geschehen ist, verschwimmt in meinem Kopf wie durch Milchglas. Als würde ich auf einen anderen Menschen schauen, der von außen genauso aussieht wie ich: Kyla, etwa 1,50 m groß, grüne Augen, blondes Haar. Geslated. Vielleicht unterscheide ich mich ein bisschen von anderen Slatern, denn ich bin aufmerksamer und schwieriger zu kontrollieren, aber ich wurde geslated: Als Strafe für Verbrechen, an die ich mich nicht mehr entsinnen kann, haben die Lorder mein Hirn leer gefegt. Meine Erinnerungen und meine Vergangenheit sollten für immer vergessen sein. Was ist also passiert?

Diesen Nachmittag war ich spazieren – das ist passiert. Ich wollte über Ben nachdenken. Bei dem Gedanken an ihn überkommt mich unendlicher Schmerz, schlimmer noch als zuvor, am liebsten würde ich laut aufschreien.

Konzentrier dich. Was ist dann passiert?

Wayne, dieser Abschaum, ist mir in den Wald gefolgt. Ich zwinge mich, daran zu denken, was er getan hat und wie er mich gepackt hat. Angst und Wut steigen wieder in mir hoch. Ich war so wütend auf ihn, so unglaublich wütend, dass ich um mich geschlagen habe, ohne nachzudenken. Und etwas in mir hat sich verändert. Ist eingestürzt und hat sich neu zusammengesetzt. Ich sehe seinen blutenden Körper vor mir und zucke zusammen: War das tatsächlich ich? Irgendwie ist ein Slater – ich – gewalttätig geworden. Und das war nicht alles. Ich konnte mich plötzlich an Gefühle und Bilder aus meiner Vergangenheit erinnern. Aus der Zeit, bevor ich geslated wurde. Dabei ist das unmöglich!

Von wegen. Es ist passiert.

Jetzt bin ich nicht mehr nur Kyla – der Name, der mir vor einem knappen Jahr im Krankenhaus gegeben wurde. Ich bin etwas, jemand anders. Und ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt.

Rat-a-tat-tat!

Ich fahre aus dem Wasser hoch und es schwappt auf den Boden.

»Kyla, ist bei dir da drin alles in Ordnung?«

Die Tür. Mum hat an die Tür geklopft, das war alles. Vorsichtig löse ich die geballten Fäuste.

Beruhige dich.

»Alles gut«, schaffe ich es zu antworten.

»Deine Haut wird ganz schrumpelig, wenn du da noch länger drin bleibst. Essen ist fertig.«

Unten sind außer Mum noch meine Schwester Amy und ihr Freund Jazz da. Amy wurde ebenfalls geslated und genau wie ich der Familie Davis zugewiesen, aber sie ist in vielerlei Hinsicht völlig anders als ich. Immer heiter, voller Leben und plappert den ganzen Tag. Amy ist groß und ihre Haut hat die Farbe von Schokolade, ich dagegen bin klein, hellblond und schweigsam. Ihr Freund Jazz ist normal, also nicht geslated. Und ganz vernünftig, wenn er die hübsche Amy nicht gerade verträumt anstarrt. Ich bin froh, dass Dad nicht da ist, denn dann brauche ich seinen wachsamen Blick nicht zu fürchten, der einen abmisst, beurteilt und dafür sorgt, dass man keinen falschen Schritt macht.

Das Gespräch beim Essen dreht sich um Amys Kurse und Jazz’ neue Kamera. Amy erzählt aufgeregt, dass sie gefragt wurde, ob sie nach der Schule in der Arztpraxis aushelfen möchte, wo sie zuvor ein Praktikum gemacht hat.

Mum schaut mich an und meint: »Wir werden sehen.« Doch ich weiß schon, was dahintersteckt. Sie möchte nicht, dass ich nach der Schule allein bin.

»Ich brauche keinen Babysitter«, sage ich, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob das stimmt.

Langsam geht der Abend zu Ende und ich laufe nach oben. Ich putze mir die Zähne und blicke in den Spiegel. Grüne Augen starren zurück, groß und vertraut, aber sie sehen Dinge, die ihnen zuvor entgangen sind.

Normale Dinge, aber nichts ist mehr normal.

Ein stechender Schmerz in meinem Knöchel zwingt mich stehen zu bleiben. Mein Verfolger ist in weiter Ferne, aber er kommt immer näher. Er wird nicht aufgeben.

Ich muss mich verstecken!

Ich tauche ins Dickicht ab und wate durch einen eiskalten Bach, um meine Spuren zu verwischen. Dann robbe ich auf dem Bauch durch dichtes Gestrüpp, ungeachtet der Dornen, die sich in meinem Haar und meinen Kleidern verfangen. Schmerz durchfährt mich, als sich ein Dorn in meinen Arm bohrt.

Er darf mich nicht finden. Nicht noch mal.

Ich grabe mich in den Boden ein, bedecke meine Arme und Beine mit den kalten und fauligen Blättern auf dem Waldboden. Ein Lichtkegel fällt durch die Bäume über mir. Ich erstarre. Er wandert immer tiefer, direkt über mein Versteck hinweg. Erst als das Licht, ohne innezuhalten, an mir vorüberschwenkt, atme ich weiter.

Schritte. Sie nähern sich, gehen vorbei, werden leiser und entfernen sich, bis ich nichts mehr höre.

Nun muss ich warten. Ich zähle eine Stunde ab, während ich starr vor Kälte in feuchten Kleidern auf dem Boden liege. Bei jeder vorbeihuschenden Kreatur, jedem Zweig, der sich im Wind bewegt, zucke ich ängstlich zusammen. Aber je mehr Zeit vergeht, umso mehr glaube ich daran, dass es mir diesmal vielleicht gelingt.

In der Morgendämmerung krieche ich vorsichtig aus meinem Versteck, Zentimeter um Zentimeter. Die Vögel singen und ich jubiliere mit ihnen. Habe ich endlich bei Nicos Version von Verstecken gewonnen? Könnte ich die Erste sein?

Licht blendet mich.

»Hier bist du also!« Nico packt mich am Arm, reißt mich auf die Beine, und ich schreie wegen meines schmerzenden Knöchels auf, aber er brennt nicht so sehr wie die Enttäuschung, die heiß und bitter in mir aufsteigt. Wieder habe ich versagt.

Er streicht mir Blätter von den Kleidern, legt mir einen Arm um die Hüfte und stützt mich, damit ich es ins Lager zurückschaffe. Trotz allem tut mir seine Nähe gut.

»Du weißt doch, dass du nie entkommen kannst, oder?«, sagt er. Innerlich triumphiert er, gleichzeitig ist er aber enttäuscht von mir, alles auf einmal. »Ich werde dich immer finden.« Nico beugt sich zu mir und küsst meine Stirn. Eine seltene Geste der Zuneigung, von der ich weiß, dass sie die Strafe, die er sich für mich ausdenken wird, in keiner Weise mildert.

Ich kann niemals entkommen.

Er wird mich überall finden …

Irgendwo klingelt es. Ich bin noch halb am Träumen und weiß nicht, wo ich bin. Langsam drifte ich wieder in den Schlaf.

Erneut klingelt es.

Was soll das?

Mit einem Schlag bin ich wach und springe auf, aber etwas hält mich zurück und ich schreie fast. Ich ringe damit, werfe es zu Boden und kauere in Kampfstellung. Bereit für den Angriff. Bereit für alles …

Aber nicht dafür. Vor meinen Augen werden aus fremden, bedrohlichen Dingen Alltagsgegenstände. Ein Bett. Ein Wecker, der immer noch auf meinem Nachttisch klingelt. Der Gegner entpuppt sich als meine Bettdecke, die ich um mich geschlungen hatte. Trübes Licht fällt durchs offene Fenster. Vor mir sitzt ein verstimmter Kater, der aus Protest laut maunzt, weil er sich in der Decke auf dem Boden verheddert hat.

Reiß dich zusammen.

Ich schalte den Wecker aus und zwinge mich, ruhiger zu atmen – ein, aus, ein, aus –, um mein pochendes Herz zu beruhigen, aber meine Nerven sind gespannt wie Drahtseile.

Sebastian starrt mich mit gesträubtem Fell an.

»Kennst du mich noch, Kater?«, flüstere ich und strecke ihm die Hand hin, damit er daran riechen kann. Dann streichle ich ihn, um uns beide zu beruhigen. Ich lege die Decke wieder ordentlich aufs Bett und er springt darauf. Schließlich legt er sich hin, lässt die Augen aber halb geöffnet. Zur Sicherheit.

Beim Aufwachen dachte ich, ich wäre dort. Im Halbschlaf war mir jedes Detail vertraut: die provisorischen Unterkünfte, die Zelte, die Luft war feucht und kühl, der Rauch von Holzfeuern lag in der Luft und man konnte das Rauschen der Bäume, die Vögel und leise Stimmen hören. Doch je wacher ich werde, umso mehr verschwimmen die Einzelheiten. Habe ich nur geträumt oder gibt es diesen Ort wirklich?

Mein Levo liegt mit 5,8 im mittleren Bereich, und das, obwohl mein Herz immer noch schnell schlägt. Nach dem, was gerade passiert ist, hätte mein Level eigentlich steil abfallen müssen. Ich ziehe an meinem Levo, ziemlich fest sogar, doch nichts passiert. Zumindest sollte es Schmerz verursachen. Geslatete Straftäter können weder sich selbst noch anderen Gewalt antun, nicht mit einem Levo, das jede Stimmungsschwankung misst. Und zu Ohnmacht oder Tod führt, wenn sich der Träger zu sehr aufregt oder wütend wird. Eigentlich hätte ich bei dem Vorfall gestern sterben müssen. Der Chip, der beim Slating in meinem Gehirn eingepflanzt wurde, hätte mich ausschalten sollen.

In mir klingt noch der gestrige Albtraum nach: Ich kann niemals entkommen. Er wird mich überall finden …

Nico! So heißt er. Er ist keine flüchtige Traumgestalt. Es gibt ihn wirklich. Ich sehe seine blassblauen Augen vor mir, Augen, die binnen einer Sekunde von kalt zu heiß wechseln können. Er wird wissen, was all das zu bedeuten hat. Denn als lebendiger Teil meiner Vergangenheit ist er plötzlich in meinem jetzigen Leben aufgetaucht – ausgerechnet als mein Bio-Lehrer. Eine seltsame Wandlung von … von … was eigentlich? Die Erinnerungen entgleiten mir. Wütend balle ich die Fäuste. Ich hatte ihn vor mir, klar und deutlich – und dann? Nichts.

Nico kennt die Antwort. Aber soll ich ihn fragen? Eines weiß ich nämlich sicher: Er ist gefährlich. Wenn ich nur an seinen Namen denke, verkrampft sich mein Magen vor Angst und vor Sehnsucht. Ich möchte um jeden Preis bei ihm sein, koste es, was es wolle.

Er wird mich überall finden.

Es klopft an der Tür. »Kyla, bist du wach? Du kommst noch zu spät zur Schule.«

»Ihr Wagen, die Damen«, sagt Jazz und verbeugt sich. Er stemmt einen Fuß gegen das Auto, um die Tür aufzureißen. Ich klettere auf den Rücksitz, Amy steigt vorn ein. Und obwohl es sich wie ein Ritual anfühlt, das sich jeden Morgen wiederholt, ist es mir fremd. Eine Monotonie, die mir zu schaffen macht.

Unterwegs schaue ich aus dem Fenster, Bauernhöfe und Stoppelfelder ziehen an uns vorüber. Kühe und Schafe stieren friedlich kauend vor sich hin. Wie unterscheiden wir uns eigentlich von ihnen? Auch wir werden wie eine Viehherde jeden Morgen zur Schule gekarrt und bewegen uns auf vorgeschriebenen Bahnen, ohne je das Warum zu hinterfragen.

»Kyla? Erde an Kyla.«

Amy hat sich in ihrem Sitz herumgedreht.

»Sorry. Hast du was gesagt?«

»Ich hab gefragt, ob es dir was ausmacht, wenn ich nach der Schule arbeiten gehe? Vier Tage die Woche, von Montag bis Donnerstag. Mum ist sich nicht sicher, ob es gut ist, wenn du so viel allein bist. Sie wollte noch mit dir darüber reden.«

»Kein Problem, wirklich. Es macht mir nichts aus. Wann fängst du an?«

»Morgen«, sagt sie mit schuldbewusstem Blick.

»Du hast doch ohnehin schon zugesagt, oder?«, frage ich.

»Erwischt!«, meint Jazz. »Aber was ist mit mir? Wann hast du überhaupt Zeit für mich?« Die restliche Fahrt über tun sie so, als würden sie sich deshalb streiten.

Der Vormittag rauscht einfach so an mir vorbei. Ich scanne meinen Schülerausweis vor jeder Stunde ein und tue im Unterricht so, als würde ich zuhören. Versuche auszusehen, als wäre ich aufmerksam und lernwillig, damit niemand Grund hat, mich genauer ins Visier zu nehmen. Nach der Stunde scanne ich meine Karte dann wieder. Ich esse allein, und wie üblich werde ich von den anderen Schülern ignoriert, die sich von den Slatern fernhalten. Ben mochten die meisten, aber ich bin nicht besonders beliebt. Vor allem jetzt nicht mehr, seit er verschwunden ist.

Ben, wo bist du? Sein Lächeln, das warme, sichere Gefühl seiner Hand in meiner, das Leuchten in seinen Augen – die Erinnerung schmerzt, als würde mir jemand ein Messer in den Bauch rammen. Der Schmerz ist so real, dass ich die Arme um mich schlingen muss, um nicht laut loszuschreien.

Insgeheim weiß ich aber, dass ich das nicht mehr viel länger aushalte. Gefühle lassen sich nicht für immer verschließen.

Aber nicht hier. Nicht jetzt.

Dann ist es endlich Zeit für den Biounterricht. Mein Unbehagen wächst auf dem Weg zum Labor. Was, wenn ich durchgedreht bin und er gar nicht Nico ist? Gibt es ihn überhaupt?

Was, wenn er es ist? Was dann?

Ich lese meine Karte an der Tür ein, gehe nach hinten und setze mich, bevor ich es wage aufzublicken. Vielleicht hätten mir die Beine versagt, wenn ich ihn, der mir ständig im Kopf herumspukt, nun in natura vor mir sehe.

Und da ist er: Mr Hatten, unser Biolehrer. Ich starre ihn an, aber das ist nichts Außergewöhnliches, denn das tun alle Mädchen. Er ist nicht nur zu jung und zu gut aussehend für einen Lehrer. Er hat etwas Besonderes an sich. Und das hängt nicht nur mit den schönen Augen, dem welligen, blond gesträhnten Haar, das für einen Lehrer ziemlich lang ist, oder seiner großen, durchtrainierten Gestalt zusammen. Es liegt vielmehr an seinem Auftreten: ruhig, aber immer alarmbereit wie ein Gepard, der auf den Sprung wartet. Alles an ihm verströmt Gefahr.

Nico. Es ist Nico, keine Frage, kein Zweifel. Seine unvergesslich hellblauen Augen mit den dunklen Rändern schweifen durch den Raum. Unsere Blicke begegnen sich. Wir sehen uns an und seine Augen bekommen einen warmen Ausdruck. Wir erkennen uns wieder, und es ist fast wie ein körperlicher Schock, der alles real macht. Als er den Blick schließlich löst, fühlt es sich an, als würde er mich aus einer Umarmung entlassen.

Das bilde ich mir nicht ein. Genau in diesem Moment steht er, Nico, auf der anderen Seite des Raums. Bislang habe ich es nur geahnt, doch jetzt, mit meinem neu erwachten Bewusstsein, bin ich mir hundertprozentig sicher.

Dann fällt mir ein, dass ihn zwar die anderen Schülerinnen anstarren, ich das aber normalerweise nicht tue. Zumindest nicht so auffällig.

Also versuche ich, es während des Unterrichts nicht zu tun, aber vergeblich. Seine Augen suchen immer wieder meine. Lese ich darin Neugierde, Fragen? Amüsiertes Interesse?

Vorsicht. Er darf nicht wissen, dass sich etwas verändert hat, ehe ich nicht herausgefunden habe, wer er ist und was er will. Ich zwinge mich, auf das Heft und den Stift vor mir zu schauen, der über die Seite fliegt und wie zufällig blaue Wirbel und halb fertige Skizzen hinterlässt, wo eigentlich Notizen stehen sollten. Als würde meine Hand ein Eigenleben führen.

Der Stift, die Hand – die linke Hand. Ohne nachzudenken, halte ich ihn in der linken Hand.

Aber ich bin Rechtshänderin. Oder?

Ich muss Rechtshänderin sein!

Mir stockt der Atem und ich bekomme Angst. Ich zittere.

Alles um mich herum wird schwarz.

Sie streckt die Hand aus. Die rechte Hand. Tränen laufen ihr übers Gesicht. »Bitte hilf mir …«

Sie ist so jung, noch ein Kind. Ein solch bettelnder, flehentlicher Ausdruck liegt in ihren Augen, dass ich alles tun würde, um ihr zu helfen, aber ich erreiche sie einfach nicht. Je näher ich komme und umso mehr ich versuche, nach ihrer Hand zu fassen, desto weiter ist sie von dort entfernt, wo sie zu sein scheint. Durch irgendeinen optischen Trick rutscht sie mehr und mehr nach rechts. Und immer ist sie ein Stück zu weit weg, um nach ihr greifen zu können.

»Bitte hilf mir …«

»Gib mir deine andere Hand!«, sage ich, doch sie schüttelt den Kopf und reißt die Augen weit auf. Aber ich wiederhole die Bitte, bis sie schließlich die linke Hand hebt, die bislang neben ihrem Körper lag, sodass ich sie nicht sehen konnte.

Die Finger sind gekrümmt und blutig. Gebrochen. Eine plötzliche Erinnerung schießt mir durch den Kopf – ein Ziegel. Finger, die von einem Ziegel zertrümmert werden. Ich keuche auf.

So verletzt, wie sie ist, kann ich ihre Hand nicht anfassen.

Ihre Hände sinken nach unten. Sie schüttelt den Kopf und ihr Körper verblasst. Sie löst sich allmählich auf, bis ich durch sie hindurchsehen kann wie durch feinen Nebel.

Ich will sie festhalten, aber es ist zu spät.

Sie ist weg.

»Mir geht’s schon wieder gut. Ich habe letzte Nacht einfach zu wenig geschlafen, das ist alles. Mir geht’s wirklich gut«, beteuere ich. »Kann ich jetzt in meine letzte Stunde gehen?«

Die Schulschwester schenkt mir nicht mal ein Lächeln. »Diese Entscheidung musst du schon mir überlassen«, sagt sie.

Stirnrunzelnd scannt sie mein Levo. Mein Magen verkrampft sich, weil ich Angst habe, dass alles auffliegt. Nach dem, was passiert ist, hätte mein Level fallen müssen. Als das Levo noch richtig funktioniert hat, bin ich manchmal selbst von Albträumen ohnmächtig geworden. Aber wer weiß, was es jetzt anzeigt?

»Sieht aus, als ob du einfach nur umgekippt bist. Dein Level ist in Ordnung. Es ist sogar ganz gut. Hast du zu Mittag gegessen?«

Sie braucht einen Grund.

»Nein. Ich war nicht hungrig«, lüge ich.

Sie schüttelt den Kopf. »Kyla, du musst essen.« Sie hält mir einen Vortrag über Blutzucker, gibt mir Tee und Kekse, und ehe sie durch die Tür verschwindet, befiehlt sie mir, dass ich bis zum Unterrichtsende in ihrem Büro bleiben soll.

Als ich allein bin, gerate ich wieder ins Grübeln. Das Mädchen mit der gebrochenen Hand in diesem Albtraum, dieser Vision oder was es auch war … Ich weiß, wer sie ist. Ich erkenne sie als eine jüngere Version von mir selbst. Sie hat meine Augen, meinen Körperbau, alles. Lucy Connor: vor Jahren aus ihrer Schule in Keswick verschwunden. Laut MIA war sie zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Missing In Action, so heißt die illegale Webseite, die ich vor Wochen bei Jazz’ Cousin gesehen habe. Lucy war ein Teil von mir, bevor ich geslated wurde. Aber selbst mit meinen neuen Erinnerungen kann ich mich nicht mehr in Lucy hineinversetzen und weiß nicht, wie ihr Leben ausgesehen hat. Ich kann sie mir noch nicht einmal als »ich« oder »mich« vorstellen. Sie ist anders, unabhängig, losgelöst von mir.

Wie passt Lucy in das Chaos in meinem Gehirn? Frustriert trete ich gegen den Tisch. Es gibt so viele Dinge, die ich nur halb verstehe. Ich habe das Gefühl, dass ich bestimmte Sachen weiß, aber wenn ich mich auf die Details konzentriere, entgleiten sie mir, lösen sich auf.

Als mir bewusst wurde, dass ich mit der linken Hand schreibe, kamen all diese Erinnerungen auf einmal wieder in mir hoch. Hat Nico etwas gemerkt? Falls er mitbekommen hat, dass ich mit links schreibe, weiß er, dass sich etwas verändert hat. Ich müsste Rechtshänderin sein und es ist wichtig, so wichtig … Warum ist es so wichtig, dass ich Rechtshänderin bin, warum war ich das vorher und warum jetzt nicht mehr? Es fällt mir einfach nicht ein. Die Erinnerung ist so deformiert wie die Finger, die von einem Ziegel zertrümmert wurden.

Beim letzten Klingeln erscheint Mum im Schwesternzimmer.

»Hallo, Kyla.«

»Hi. Haben die dich angerufen?«

»Sieht so aus.«

»Tut mir leid. Mir geht’s gut.«

»Deswegen bist du auch mitten im Unterricht umgekippt und hier gelandet?«

»Na ja, also jetzt geht’s mir jedenfalls gut.«

Mum holt Amy und fährt mit uns nach Hause. Dort will ich gleich hoch in mein Zimmer.

»Kyla, warte. Komm, wir unterhalten uns ein bisschen.« Mum lächelt, aber es ist eines jener Lächeln, die nicht bis zu den Augen reichen. »Soll ich dir eine heiße Schokolade machen?«, fragt sie und ich folge ihr in die Küche. Sie plaudert nicht, als sie die Milch aufsetzt. Mum redet nie besonders viel, außer wenn sie etwas Konkretes zu sagen hat, so wie jetzt.

Mir wird mulmig. Ist ihr aufgefallen, dass ich mich verändert habe? Vielleicht kann sie mir helfen, wenn ich ihr alles erzähle, und …

Trau ihr nicht.

Nach dem Slating war ich ein leeres Blatt. Neun Monate habe ich im Krankenhaus gebraucht, um wieder zurechtzukommen; um zu lernen, wie man läuft, spricht und mit dem Levo umgeht. Dann wurde ich dieser Familie zugewiesen. Mit der Zeit habe ich in Mum eine Freundin gesehen, auf die ich mich verlassen kann. Aber wie lange kenne ich sie tatsächlich schon? Noch keine zwei Monate. Vor ein paar Tagen ist mir meine Zeit hier noch länger erschienen, weil ich außer dem Krankenhaus ja nichts kannte. Nun, da sich mein Blickfeld erweitert hat, weiß ich, dass man Leuten mit Argwohn und nicht mit Vertrauen begegnen sollte.

Mum stellt den Kakao vor uns auf den Tisch und ich wärme meine Hände an dem heißen Becher. »Was ist passiert?«, fragt sie.

»Ich bin wohl ohnmächtig geworden.«

»Aber wieso? Die Schwester meinte, dass du nichts gegessen hast, aber dein Pausenbrot ist auf mysteriöse Weise verschwunden.«

Ich schweige, nippe an meiner Schokolade und konzentriere mich auf die bittere Süße. Nichts, was ich als Erklärung hervorbringen könnte, ergibt viel Sinn – nicht mal für mich. Bin ich ohnmächtig geworden, weil ich mit der linken Hand geschrieben habe? Und dann dieser Traum, was hat er nur zu bedeuten?

»Kyla, ich weiß, wie schwer gerade alles für dich ist. Wenn du mit mir sprechen möchtest, kannst du das jederzeit, das weißt du, oder? Über Ben und alles andere. Weck mich, wenn du nicht schlafen kannst. Wirklich.«

Meine Augen füllen sich mit Tränen, als sie Bens Namen erwähnt, und ich blinzle wie wild. Wenn sie nur wüsste, wie schwer alles gerade wirklich ist; wenn sie die ganze Geschichte kennen würde. Ich möchte ihr alles erzählen, aber was würde sie von mir denken, wenn sie wüsste, dass ich möglicherweise jemanden umgebracht habe? Ihr macht es vielleicht nichts aus, nachts geweckt zu werden, aber Dad wohl schon.

»Wann kommt Dad zurück?«, frage ich, und plötzlich wird mir bewusst, dass er schon ziemlich lange weg ist. Er ist oft wegen seiner Arbeit unterwegs, installiert und wartet landesweit die Computer der Regierung. Aber normalerweise verbringt er mindestens eine oder zwei Nächte die Woche zu Hause.

»Es kann sein, dass er eine ganze Weile nicht mehr daheim sein wird.«

»Warum?«, frage ich und versuche, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

Sie steht auf und spült unsere Tassen.

»Du siehst aus, als brauchtest du dringend ein wenig Schlaf, Kyla. Warum legst du dich nicht noch mal hin vor dem Abendessen?«

Gespräch beendet.

Mitten in der Nacht verliere ich mich in verwirrenden Träumen: Ich renne, jage und werde gejagt – alles auf einmal. Als ich gefühlt zum zehnten Mal aufwache, boxe ich verzweifelt ins Kissen. Von draußen dringt ein leises Geräusch herein, ein Knirschen. Vielleicht bin ich diesmal doch nicht wegen eines Albtraums wach geworden?

Ich gehe zum Fenster und ziehe den Vorhang auf einer Seite zurück. Der Wind ist stärker geworden und hat Blätter durch den Garten geweht. Die Bäume scheinen plötzlich kahl. Der Sturm von gestern hat die Welt verändert. Orange und rote Flecken wirbeln durch die Luft und um ein dunkles Auto herum, das vor unserem Haus steht.

Die Autotür geht auf und eine Frau steigt aus; langes, lockiges Haar fällt ihr ins Gesicht. Ich halte vor Überraschung die Luft an. Kann das sein? Als die Frau die Autotür schließt und sich das Haar zurückstreicht, erkenne ich sie: Es ist Mrs Nix, Bens Mutter.

Ich klammere mich an den Fenstersims. Warum ist sie hier?

Vor Aufregung kann ich kaum noch klar denken. Vielleicht hat sie Neuigkeiten von Ben! Doch meine Hoffnungen werden sogleich zunichtegemacht. Ihr Gesicht sieht im Mondlicht verkniffen und bleich aus. Wenn sie irgendwelche Nachrichten hat, dann keine guten. Schritte knirschen auf dem Kies, dann klopft es leise an die Haustür.

Womöglich fordert Mrs Nix eine Erklärung von mir, was mit Ben passiert ist. Vielleicht wird sie Mum berichten, dass ich dort war, bevor die Lorder ihn mitgenommen haben. Bilder blitzen schmerzhaft in mir auf: Ben im Todeskampf, das Rütteln an der Tür, ehe seine Mutter hereinkam. Ich habe ihr nur erzählt, dass ich ihn mit dem abgeschnittenen Levo vorgefunden habe …

Das Rütteln an der Tür. Sie musste erst aufschließen, um reinzukommen. Ihr gegenüber habe ich behauptet, dass ich ihn so vorgefunden habe, aber sie weiß, dass es eine Lüge war. Wie hätte ich durch die verschlossene Tür kommen sollen?

Unten geht die Haustür auf und man hört Gemurmel.

Ich muss es wissen.

Lautlos schlüpfe ich aus dem Zimmer und die Treppen hinunter.

Der Wasserkessel pfeift leise und ich höre gedämpfte Stimmen. Sie sind in der Küche.

Behutsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Die Küchentür steht halb offen.

Etwas berührt mich am Bein und ich schrecke auf. Fast hätte ich laut aufgeschrien, doch es ist nur Sebastian. Schnurrend streicht er mir um die Beine.

Bitte sei still, flehe ich stumm und beuge mich hinab, um ihn hinter den Ohren zu kraulen. Dabei stoße ich mit dem Ellbogen an das Tischchen im Gang.

Ich halte den Atem an. Schritte! Schnell verstecke ich mich im dunklen Büro gegenüber.

»Es ist nur der Kater«, höre ich Mum sagen, dann bewegt sich etwas und ich höre ein leises Miauen. Mum schließt die Küchentür hinter sich. Ich schleiche mich wieder in den Gang und lausche abermals.

»Es tut mir so leid, was mit Ben passiert ist«, sagt Mum. Ich höre, wie Stühle gerückt werden. »Aber Sie hätten nicht herkommen sollen.«

»Bitte, Sie müssen mir helfen.«

»Ja, aber wie denn?«

»Wir haben alles versucht, um herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Alles. Man sagt uns überhaupt nichts. Ich dachte, vielleicht können Sie …« Sie verstummt.

Mum hat Beziehungen, politische Beziehungen. Ihr Vater war Premierminister, bevor er ermordet wurde, und hat das System der Lorder eingeführt. Kann sie ihr helfen? Angestrengt spitze ich die Ohren.

»Es tut mir leid. Ich habe bereits für Kyla versucht, etwas herauszufinden. Aber ich renne da gegen eine Wand. Man sagt mir rein gar nichts.«

»Ich weiß nicht, an wen ich mich noch wenden soll.« Dann höre ich leises Schniefen und Schluchzen – sie weint. Bens Mutter weint.

»Hören Sie mir zu. Zu Ihrem eigenen Wohl müssen Sie aufhören, Fragen zu stellen. Vorerst zumindest.«

Mein Verstand schaltet sich aus und ich kann nichts dagegen tun. Meine Augen füllen sich mit Tränen, meine Kehle schnürt sich zu. Mum hat versucht, in Erfahrung zu bringen, was mit Ben passiert ist. Meinetwegen. Das hat sie mir nie gesagt, weil sie nichts herausgefunden hat. Was für ein Risiko sie eingegangen ist! Es ist gefährlich, Nachforschungen zu Geschehnissen anzustellen, in die Lorder involviert sind. Vielleicht sogar lebensgefährlich.

Und auch Bens Mutter setzt gerade viel aufs Spiel.

Während sie sich verabschieden, schleiche ich zurück in mein Zimmer. Zu der Erleichterung, dass Bens Mutter nichts von meiner Anwesenheit an jenem Tag gesagt hat, mischt sich Trauer. Mrs Nix leidet wie ich unter dem schrecklichen Verlust. Ben war seit mehr als drei Jahren ihr Sohn – seit er geslated wurde. Er hat mir gesagt, dass sie sich nahestanden. Ich sehne mich danach, zu ihr zu gehen, damit wir unseren Kummer teilen können, traue mich aber nicht.

Fest schlinge ich die Arme um mich. Ben. Ich flüstere seinen Namen, doch er kann nicht antworten.

Der Schmerz fühlt sich an, als wollte er mich zermalmen. Niedertrampeln. Mich in tausend Stücke reißen. Bislang hatte ich diese Gefühle immer unterdrücken müssen, sonst hätte mich mein Levo ausgeschaltet. Doch jetzt, da es nicht mehr funktioniert, ist der Schmerz dermaßen übermächtig, dass ich laut aufstöhne. Mir ist, als würde ich ohne Narkose operiert, es ist kein dumpfer Schmerz, sondern ein tiefer Schnitt mit dem Skalpell.

Ben ist weg. Trotz der wirren Erinnerungsfetzen funktioniert mein Gehirn jetzt besser. Er ist weg und kommt nicht wieder. Selbst wenn er das Abschneiden des Levos überstanden hat, gibt es keine Hoffnung, dass er die Lorder überlebt hat. Mit meinen Erinnerungen kehrt auch diese Erkenntnis zurück. Wen die Lorder einmal mitgenommen haben, kehrt nie mehr zurück.

Diese Einsicht tut so weh, dass ich sie wegschieben und mich davor verstecken will. Aber die Erinnerung an Ben will ich mir erhalten. Der Schmerz ist alles, was mir von ihm bleibt.

Seine Mutter tritt Augenblicke später aus der Haustür. Sie setzt sich ins Auto, und ehe sie losfährt, bleibt sie noch ein paar Minuten über das Lenkrad gebeugt sitzen. Als sie den Motor anlässt, fängt es leicht an zu regnen.

Sobald sie außer Sichtweite ist, mache ich das Fenster weit auf, beuge mich nach draußen und strecke die Arme in die Nacht. Kalte Tropfen fallen auf meine Haut und heiße Tränen laufen mir über das Gesicht.

Regen. Er erinnert mich an etwas Wichtiges, doch gleich darauf ist der Gedanke wieder verschwunden.

Ich beuge mich über meine Skizze, zeichne wie wild Blätter und Äste und achte darauf, dass ich die rechte Hand benutze. Der neue Kunstlehrer, den die Schule jetzt endlich eingestellt hat, sieht weder gefährlich noch inspirierend aus. Er wirkt völlig uninteressant und kann Gianelli, dem Mann, den er ersetzen soll, überhaupt nicht das Wasser reichen. Aber solange ich irgendetwas zeichnen kann – selbst wenn es wie heute nur Bäume sind –, ist es mir egal, wie öde der Lehrer ist.

Er geht durch den Raum, macht ab und zu nichtssagende Kommentare, bis er bei mir stehen bleibt. »Hm … nun, das ist interessant«, sagt er und geht weiter.

Ich schaue auf das Papier vor mir. Ich habe einen Wald voller wütender Bäume gezeichnet, in dessen Schatten eine dunkle Gestalt mit leuchtenden Augen lauert.

Was würde Gianelli wohl davon halten? Er würde sagen: »Mach langsamer und arbeite sorgfältiger«, und er hätte recht damit. Aber die Wildheit der Zeichnung würde ihm trotzdem gefallen.

Ich fange von vorn an, das Kratzen des Kohlestifts auf dem Papier beruhigt mich. Die Bäume wirken freundlicher und diesmal blickt Gianelli selbst aus dem Schatten zu mir herauf. Niemand, außer mir, würde ihn erkennen. Denn ich weiß, was mit Leuten wie Gianelli passiert, die Vermisste zeichnen. Stattdessen male ich ihn, wie ich ihn mir als jungen Mann vorstelle. Nicht als den alten Mann, den die Lorder mitgenommen haben.

Eine Stunde später scanne ich meinen Schülerausweis an der Tür zur Stillarbeitsstunde ein und betrete das Klassenzimmer. Ich gehe nach hinten …

»Kyla?«

Ich bleibe stehen. Diese Stimme – hier? Ich drehe mich um. Nico lehnt am Lehrerpult vorn im Raum und grinst verschmitzt. »Hoffentlich geht’s dir heute wieder besser.«

»Mir geht’s gut, Sir«, sage ich und schaffe es, mich umzudrehen und zu meinem Platz zu gehen, ohne umzukippen.

Dass er den gelangweilten Aufsichtslehrer geben muss, der dafür sorgt, dass wir konzentriert lernen, ist eigentlich keine große Überraschung. Die Lehrerschaft wechselt die ganze Zeit durch, und es war klar, dass Nico früher oder später dran sein würde. Trotzdem hatte ich nicht schon so bald wieder mit ihm gerechnet. Ich muss die Hände einen Augenblick lang im Schoß zusammenpressen, damit sie weniger zittern.

Dann schlage ich meine Mathehausaufgabe auf, weil ich dabei ohne große Mühe so tun kann, als ob ich beschäftigt wäre. Den Blick aufs Heft gerichtet, halte ich den Stift in der rechten Hand. Nico hat einen Rotstift und ein Blatt Papier vor sich auf dem Tisch liegen. Trotzdem sehe ich, dass auch er nur so tut, als würde er arbeiten, dabei aber die ganze Zeit in meine Richtung schaut.

Das weiß ich natürlich nur, weil ich ihn beobachte. Seufzend mache ich mich an eine Gleichung mit einer Unbekannten.

Die Zahlen verschwimmen jedoch vor meinen Augen. Gedankenversunken kritzle ich am Rand der Seite herum, zeichne Weinranken und Blätter um das Datum, das ich wie immer oben auf die Seite geschrieben habe. Plötzlich springt mir das Datum direkt ins Auge. 3.11. Heute ist der 3. November.

Mit einem beinah hörbaren Klick geht mir ein Licht auf.

Heute ist mein Geburtstag. Ich wurde heute vor 17 Jahren geboren, aber außer mir weiß das niemand.

Eine Gänsehaut breitet sich über meinen Armen aus. Ich kenne mein richtiges Geburtsdatum und nicht nur das, das mir im Krankenhaus zugewiesen wurde, als meine Identität geändert und ich meiner Vergangenheit beraubt wurde.

Mein Geburtstag? Ich versuche, mir etwas darunter vorzustellen, aber mir fällt nichts weiter dazu ein. Kein Kuchen, keine Feste, keine Geschenke. Ich entsinne mich nur noch an das Datum, Erlebnisse kommen keine in mir hoch. Aber ich spüre, dass mehr dahintersteckt, ich noch mehr herausfinden und erfahren kann.

Einige meiner wiedererlangten Erinnerungen sind nüchterne Tatsachen. Als würde ich eine Akte über mich selbst lesen und mich an Auszüge erinnern. Gefühle sind keine damit verbunden.

Von der Vermissten-Webseite weiß ich, dass ich Lucy hieß und mit zehn Jahren verschwunden bin, aber ich habe keine Erinnerung an dieses Leben. Irgendwann später tauche ich dann mit Nico wieder auf. Und erst von da an schleichen sich Bruchstücke meiner Vergangenheit ein.

Nico ist derjenige, der womöglich die Antworten hat. Ich müsste ihm lediglich sagen, dass ich mich erinnern kann, wer er ist. Aber will ich sie wirklich hören?

Als es läutet, trödle ich noch herum, obwohl ich mir vorgenommen hatte, schnell zu verschwinden und die Entscheidung, ob ich mit ihm sprechen soll oder nicht, erst einmal zu verschieben. Ein Schauder – von was? Aufregung? Angst? – rieselt meinen Rücken hinab. Ich gehe langsam nach vorn, wo Nico an der Tür steht. Die anderen Schüler sind weg. Wir sind allein.

Geh einfach, sage ich zu mir selbst und will an ihm vorbeilaufen.

»Herzlichen Glückwunsch, Rain«, sagt er leise.

Ich drehe mich um. Unsere Blicke treffen sich.

»Rain?«, flüstere ich. Ich drehe und wende den Namen in meinem Mund. Rain – Regen. Eine andere Zeit und ein anderer Ort kommen zurück, klar und deutlich. Ich habe mir diesen Namen an meinem 14. Geburtstag selbst ausgesucht – ich erinnere mich! Es ist mein Name. Nicht Lucy, wie mich meine Eltern bei meiner Geburt genannt haben. Nicht Kyla, den Jahre später eine gleichgültige Krankenschwester in ein Formular eingetragen hat. Rain ist mein Name. Und es fühlt sich an, als ob der Klang dieses Namens endlich den letzten Widerstand in meinem Kopf weggepustet hätte.

Seine Augen werden groß und leuchten auf. Er kennt mich und weiß, dass ich ihn kenne.

Gefahr.

Adrenalin strömt durch meinen Körper und setzt ungeahnte Energien in mir frei. Kampf oder Flucht?

Im nächsten Augenblick sieht mich Nico an, als wäre nichts geschehen, und macht den Weg für mich frei. »Vergiss deine BioHausaufgaben für morgen nicht, Kyla«, sagt er mit einem Blick über meine Schulter.

Ich drehe mich um und sehe Mrs Ali. Hass durchströmt mich und dann Angst – aber das ist Kylas Angst. Ich habe keine Angst vor ihr. Rain fürchtet sich vor überhaupt nichts!

»Vergiss es nicht«, wiederholt Nico und lässt diesmal die bedeutungslose Hausaufgaben-Anspielung für Mrs Alis Ohren weg und verschwindet im Flur.

Vergiss es nicht …

»Wir müssen uns mal kurz unterhalten«, sagt Mrs Ali und lächelt; dann ist sie am gefährlichsten.

Aber das kann ich auch. Ich lächle zurück. »Natürlich«, antworte ich und versuche, den Jubel in meinem Inneren zu unterdrücken. Mein Name! Ich bin Rain.

»Ich werde dich nicht mehr zwischen den Schulstunden begleiten. Du kennst ja jetzt deine Wege in der Schule.«

»Dann vielen Dank für Ihre Hilfe«, erwidere ich, so süß ich kann.

Ihre Augen werden schmal. »Ich habe gehört, dass du während des Unterrichts herumhängst, traurig aussiehst und überhaupt nicht aufpasst. Aber heute scheinst du ganz glücklich zu sein.«

»Tut mir leid, dass es Beschwerden gab. Heute geht es mir viel besser.«

»Nun, Kyla, du weißt, wenn du etwas auf dem Herzen hast, kannst du jederzeit zu mir kommen.« Sie lächelt wieder und mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Vorsicht. Ihr offizieller Titel mag »Betreuungslehrerin« sein, aber sie ist viel mehr als das. Sie hat mich die ganze Zeit über beobachtet und jede klitzekleine Veränderung an mir wahrgenommen. Jedes auffällige Verhalten, das von dem abweicht, was von einem Slater erwartet wird. Jeder Hinweis darauf, dass ich wieder auf die schiefe Bahn gerate, kann dazu führen, dass ich von den Lordern abgeholt und zurückgegeben werde. Liquidiert.

»Alles ist gut, ehrlich.«

»Nun, dann sieh zu, dass es so bleibt. Du musst in der Schule dein Bestes geben, zu Hause und in der Gemeinschaft, um …«

»Meinen Vertrag zu erfüllen. Meine zweite Chance zu nutzen. Ja, ich weiß! Aber danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Ich gebe mein Bestes.« Ich grinse, ich bin so glücklich, dass ich sogar einem Lorder-Spion mein Lächeln schenke. Dass Mrs Ali nicht mehr mein Schatten in der Schule sein wird, ist ein unerwartetes Geschenk.

Ihre Gesichtszüge schwanken zwischen Verwirrung und Wut. War meine Antwort übertrieben?

»Dann tu das«, sagt sie mit eiskalter Stimme. Offenbar gefällt es ihr besser, wenn ich in ihrer Gegenwart zittere.

Zu dumm, dass Rain nicht zittert.

Rot, Gold, Orange – die Eiche in unserem Vorgarten hat das Gras mit bunten Blättern überzogen und ich hole mir einen Rechen aus dem Schuppen.

Ich habe einen Namen.

Mit dem Rechen gehe ich auf die Blätter los, schiebe sie erst zu einem Haufen zusammen, um dagegenzutreten und wieder von vorn anzufangen.

Ich habe einen Namen! Einen, den ich selbst ausgewählt habe; das wollte ich sein. Die Lorder haben versucht, ihn mir zu nehmen, aber das ist ihnen nicht gelungen.

Ein Auto, das ich noch nie gesehen habe, hält auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein Junge, etwa in meinem Alter oder ein wenig älter, steigt aus. Er trägt eine weite Jeans und ein zerknittertes T-Shirt, als wäre er stundenlang gefahren oder als hätte er darin geschlafen – hoffentlich nicht beides gleichzeitig. Aber der Schlabber-Look steht ihm. Er holt eine Kiste aus dem Kofferraum und trägt sie ins Haus. Als er wieder zurückkommt, sieht er mich und winkt. Ich winke zurück. Kyla würde das nicht tun, sie würde wahrscheinlich einfach nur rot anlaufen. Doch Rain hat Mut. Dann trägt er noch eine Kiste rein.

Auf der anderen Seite des Autos wird er immer kleiner, und tut so, als würde er eine Treppe runtergehen. Er blickt sich um, ob ich ihm auch zusehe. Ich verdrehe die Augen zum Himmel. Er macht noch ein paar solcher Spielchen, während ich die Blätter auf eine Schubkarre lade, sie hinter das Haus fahre und reingehe.

»Danke, dass du dich um das Laub gekümmert hast«, sagt Mum.

»Der Garten sah chaotisch aus.«

»Kein Ding. Ich hatte Lust, irgendwas zu machen.«

»Dich zu beschäftigen?«

Ich nicke und ermahne mich, etwas weniger unternehmungslustig zu sein, ehe sie mich wegen Stimmungsschwankungen zur Kontrolle ins Krankenhaus bringt. Dieser Gedanke beunruhigt mich tatsächlich ziemlich und mein Lächeln fällt in sich zusammen.

Mum legt mir eine Hand auf die Schulter und drückt mich. »Wir essen, sobald …«

Die Tür geht auf. »Bin da!«, ruft Amy.

Kurz darauf sitzen wir am Tisch und hören uns einen ausführlichen Bericht über Amys ersten Tag in der Arztpraxis an.

Wie sich herausstellt, ist die Arbeit dort eine unglaubliche Quelle für Dorftratsch. Bald wissen wir, wer schwanger ist, wer nach zu viel Whiskey die Treppe runtergefallen ist und dass der neue Junge auf der anderen Straßenseite Cameron ist, der aus dem Norden Englands stammt und aus irgendwelchen Gründen bei seiner Tante und seinem Onkel wohnt.

»Es ist super, dort zu arbeiten. Ich kann es kaum erwarten, bis ich Krankenschwester bin«, sagt Amy ungefähr zum zehnten Mal.

»Hast du irgendwelche ekligen Krankheiten zu Gesicht bekommen?«, neckt Mum sie.

»Oder Verletzungen?«, füge ich hinzu.

»Oh! Ja, das habe ich ganz vergessen zu erzählen. Da kommt ihr nie drauf!«

»Was?«, frage ich.

»Es ist heute Morgen passiert, also hab ich es nicht gesehen, aber ALLES darüber gehört.«

»Na, dann erzähl mal!«, sagt Mum.

»Man hat einen Mann mit furchtbaren Verletzungen gefunden.«

»Oje«, meint Mum. »Was ist denn passiert?«

Mir schwant nichts Gutes.

»Das weiß keiner. Man hat ihn im Wald gefunden, am Ende des Dorfes, wo ihn jemand halb tot geprügelt haben muss. Er hatte Kopfverletzungen und litt an Unterkühlung. Sie vermuten, dass er schon seit ein paar Tagen da draußen lag. Ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.«

»Hat er gesagt, wer ihn angegriffen hat?«, frage ich und versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu halten und normal zu wirken.

»Nein, und er sagt vielleicht nie wieder was. Als er ins Krankenhaus eingeliefert wurde, lag er im Koma.«

»Wer ist es denn?«, fragt Mum, aber ich weiß es, ehe Amy es ausspricht.

»Wayne Best. Du weißt schon, der komische Maurer, der die Mauern für die Schrebergärten hochgezogen hat.«

Mum verbietet uns, in den Wald zu gehen oder uns von den Wegen zu entfernen. Sie fürchtet, irgendein Verrückter könnte frei herumlaufen.

Aber ich bin dieser Verrückte.

»Kann ich nach oben gehen?«, frage ich, weil mir plötzlich schlecht ist.

Mum dreht sich zu mir um. »Du bist ja ganz blass.« Sie legt mir eine warme Hand auf die Stirn. »Vielleicht hast du Fieber.«

»Ich bin ein bisschen müde.«

»Na, dann leg dich schlafen. Wir können den Abwasch übernehmen.«

Amy stöhnt und ich gehe die Treppe hoch.

Ich starre im Dunkeln die Wand an, während sich Sebastian wie ein warmes Band an meinen Rücken kuschelt.

Ich habe einen Mann ins Koma geschlagen. Oder besser: Rain hat es getan. Sie ist in jenem Augenblick zurückgekehrt. Wie konnte das nur passieren? Sind wir ein und dieselbe Person oder zwei in einer? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich sie bin, als ob ich ihre Erinnerungen und ihre Persönlichkeit übernommen hätte. Manchmal, wie jetzt gerade, entgleitet sie mir, als hätte es sie nie gegeben. Aber wer war Rain wirklich? Und irgendwie gehört Lucy ebenfalls zu Rains Vergangenheit, nur wie?

Der gleiche Geburtstag verbindet uns alle: der 3. November. Ich hüte dieses Wissen wie ein Geheimnis in meinem Inneren. Egal, wie diese Teile von mir zusammenpassen, das ist der Tag, an dem ich auf die Welt gekommen bin.

Allmählich drifte ich in den Schlaf. Doch die Daten lassen mich nicht los, mit einem Schlag bin ich wieder hellwach.

Heute bin ich 17 geworden. Im September hat man mich aus dem Krankenhaus entlassen, in dem ich neun Monate lang war. Also wurde ich vor weniger als elf Monaten geslated und war zu diesem Zeitpunkt bereits 16. Es ist illegal, jemanden zu slaten, der über 16 Jahre alt ist. Es stimmt, dass Lorder hin und wieder ihre eigenen Gesetze brechen, wenn sie einen triftigen Grund dafür haben. Aber was für einen Grund gab es in meinem Fall?

Immer noch fehlen mir Verbindungen. Sobald ich das Gefühl habe, alles zu verstehen, sehe ich genauer hin, und schon entgleiten mir die Zusammenhänge. Als ließe sich die Vergangenheit nur aus den Augenwinkeln erhaschen.

Nico hätte bestimmt ein paar Erklärungen für mich parat, zumindest was Rain betrifft. Aber was würde er im Gegenzug dafür haben wollen?

Vielleicht ist es besser, wenn ich Rain einfach vergesse, mich von Ärger fernhalte und Nico links liegen lasse. Ihn meide und so tue, als sei nichts geschehen.

So oder so könnte Wayne noch alles verderben.

Du hättest ihn umbringen sollen.

Schhh.

Am nächsten Tag gibt es im Biounterricht eine Überraschung. Der Neue, Cameron, steht in der Tür.

Als er mich entdeckt, steuert er direkt auf den leeren Stuhl neben mir zu. Grinsend setzt er sich.

Das ist Bens Platz. Ich verschränke die Arme vor der Brust, blinzle und würdige ihn keines Blickes. Der leere Platz neben mir war schmerzhaft für mich, aber wenn dort jemand sitzt, fühlt es sich noch schlimmer an.

Nico dreht sich zur Tafel um. Jedes Mädchen starrt ihn an. Starrt auf seinen knackigen Hintern in der engen Hose und auf die muskulösen Schultern und den Rücken, die sich bei jeder Bewegung unter dem dünnen Seidenhemd abzeichnen.

Dann wendet er sich wieder der Klasse zu und lässt den Blick durch den Raum schweifen. »Was bedeutet das?«, fragt er und zeigt auf die Worte, die er gerade an die Tafel geschrieben hat: »Survival of the fittest«.

»Nur die Stärksten überleben«, meint ein Schüler.

»So kann man das sicherlich verstehen. Aber um zu gewinnen, muss man nicht unbedingt der Stärkste sein, sonst hätten die Dinosaurier unsere Vorfahren längst zum Mittagessen verspeist.« Er sieht sich im Raum um, bis sich unsere Blicke treffen. »Um zu überleben, muss man einfach nur der … der Beste sein.« Sein Blick hält meinen fest, während er die Worte langsam ausspricht.

Schließlich sieht er weg und klärt uns über die Evolution und Darwin auf. Ich versuche, mir Notizen zu machen und dabei so zu tun, als wäre ich woanders. Oder besser jemand anders. Ich muss einfach nur diese Stunde überstehen und hier rauskommen und …

Etwas landet auf meinem Heft. Ein Stück Papier? Ich falte es auseinander.

Darauf steht: Und so treffen wir uns wieder!

Ich schaue zu Cameron. Er zwinkert mir zu.

Ich verkneife mir ein Grinsen. Wir haben uns noch nicht getroffen, schreibe ich darunter. Dann strecke ich mich unauffällig und lasse dabei den Zettel auf sein Heft fallen.

Einen Augenblick später kommt der Zettel zurück. Ich schaue zu Nico – keine Reaktion, er redet immer noch von Dinosauriern.

Auf dem Papier steht: Doch, haben wir: Du bist die, die-auf-Blättern-springt. Ich bin der, der-schwere-Kisten-aus-dem Kofferraum-hievt. Auch bekannt als Cam.

Dann heißt er also Cam, nicht Cameron, wie bei Amys Dorftratsch. Und er ist genauso verrückt, wie er schon gestern gewirkt hat.

Ich kaue eine Weile auf meinem Bleistift herum. Ignorieren oder …

Ein Stift pikt mich in den Arm. Er ist anscheinend verrückt und ungeduldig. Aber ich weiß ja, wie es ist, die Neue zu sein und keinen zu kennen.

Okay. Also schreibe ich: Blätter-Frau, auch bekannt als Kyla.

Ich knülle das Papier zusammen und schnipse es zu ihm rüber.

»Glückwunsch!«, sagt eine Stimme rechts von mir. Nico. Er steht direkt neben unserer Bank und sieht mich an. Genau wie alle anderen Augenpaare im Klassenzimmer.

»Äh …«

»Du bist die glückliche Gewinnerin einer Stunde Nachsitzen während deiner Mittagspause. Jetzt pass für den Rest des Unterrichts auf.«

Hitze steigt mir ins Gesicht, aber nicht wegen der peinlichen Situation und weil mich alle beobachten, sondern weil Nico damit quasi »erwischt« sagt! Der Gepard hat zugeschlagen und ich kann nichts dagegen tun.

Cam protestiert ehrenhaft, dass es seine Schuld sei, aber Nico ignoriert ihn. Der Unterricht geht weiter, und ich starre auf die Uhr, die Minuten ziehen vorbei, und ich bete, dass sich noch jemand anders etwas zuschulden kommen lässt, damit wir nicht allein sind. Aber keine Chance. Nicht unter Nicos Argusaugen.

Es läutet und alle packen ihre Sachen. Cam steht mit betroffenem Gesicht auf. »Tut mir leid«, formt er mit den Lippen und folgt den letzten Schülern. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.

Wir sind allein.

Nico starrt mich ausdruckslos an. Sekunden ziehen sich endlos in die Länge und ich bin … was – ängstlich? Aber eigentlich fühlt es sich anders an. Wie die Angst vor etwas, das schrecklich und aufregend zugleich ist, als würde man bei Sturm auf einem Bergkamm stehen oder sich von einer Klippe abseilen.

Er bedeutet mir mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Über den Flur gelangen wir zu einer Reihe von Büros.

Er schaut sich um, nimmt einen Schlüssel aus der Tasche und schließt eine der Türen auf.

»Komm«, sagt er. Kein Lächeln, nichts. Keinerlei Gefühlsregung.

Zögernd trete ich nach ihm ein, was bleibt mir auch anderes übrig. Angst steigt in mir auf. Er schließt die Tür ab, dreht mir mit einer schnellen Bewegung den Arm auf den Rücken und drückt mein Gesicht gegen die Wand.

»Wer bist du?«, zischt er leise. »Wer bist du!« Diesmal etwas lauter, aber kontrolliert, damit es niemand hören kann.

Er packt noch fester zu. Und als wäre der Schmerz in meiner Schulter der Auslöser, fällt es mir wieder ein. Ich bin woanders. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Wo Nicos unvorhergesehene Prüfungen wie diese hier die Unachtsamen erwischen. Aber ich weiß, wie ich entkommen kann! Mit einem Satz nach oben löse ich den Arm, fahre herum und ramme ihm die Faust in die harten Bauchmuskeln.

Lachend lässt er mich los und reibt sich den Bauch. »Ich musste sichergehen. Tut mir leid. Ist dein Arm in Ordnung?«

Auch ich muss lächeln. Ich lasse die Schulter kreisen. »Alles gut. Hättest du mich wirklich festhalten wollen, hättest du den Arm höher gezogen. Du wolltest mich ganz offensichtlich auf die Probe stellen.«

»Ja. Dieser Trick war nur für Rain.« Er lacht wieder und seine Augen glänzen. »Rain!«, wiederholt er, streckt die Arme aus, und ich gehe auf ihn zu, bis er mich in seiner warmen und festen Umarmung hält. Und ich habe das Gefühl, an den Ort zurückzukehren, an den ich gehöre, an dem ich immer sein sollte. Ein Ort, an dem ich weiß, wer und was ich bin, weil Nico es weiß.

Dann schiebt er mich auf Armlänge von sich weg und sieht mir abschätzend ins Gesicht.

»Nico?«, frage ich unsicher.

Er lächelt. »Du erinnerst dich. Gut! Ich wusste immer, dass du durchkommst, weil du etwas Besonderes bist, Rain.« Er schiebt mich auf einen Stuhl und setzt sich vor mich auf den Tisch. Dann nimmt er meine Hand und schaut auf mein Levo. »Hat doch geklappt, oder? Dieses Ding ist nutzlos.« Und er dreht an meinem Handgelenk: kein Schmerz, gar nichts. Das Level zeigt einen mittelglücklichen Wert an.

Mein Lächeln verblasst. »Was hat geklappt? Nico, bitte, erklär mir alles. Ich erinnere mich an Einzelheiten, aber in meinem Kopf herrscht ein furchtbares Durcheinander. Ich verstehe nicht, was mit mir passiert ist.«

»Sei nicht so ernst. Wir sollten uns freuen und feiern!« Und weil sein Strahlen so ansteckend und lebendig ist, erscheint jetzt auch auf meinem Gesicht wieder ein Lächeln. »Du musst mir sagen, was letztendlich deine Erinnerungen freigesetzt hat.«

Daran will ich gar nicht denken. Wenn er von Wayne erfährt, kümmert er sich darum wie um jede andere Gefahr, die einem der Seinen droht. Die Seinen. In meinem Inneren klammere ich mich an diese Zugehörigkeit.

»Du warst ein paar Mal nah dran, das konnte ich sehen. Ich dachte, diese ganze Geschichte mit Ben hat es ausgelöst.«

Ben. Bei dem Namen durchfährt mich ein heftiger Schmerz. Nico kann mir offenbar die Gefühle vom Gesicht ablesen.

»Wirf den Schmerz ab. Er macht dich schwach. Weißt du noch, wie das geht, Rain? Du bringst ihn zu einer Tür in deinem Kopf und verschließt ihn dahinter.«

Störrisch schüttle ich den Kopf. Ich will Ben nicht vergessen. Oder doch? Gedankenfetzen von gestern Abend drängen sich in mein Bewusstsein. Nico und seine Methoden sind gefährlich.

Ich spreche laut aus, was ich mir die ganze Zeit über zusammengereimt habe. »Du gehörst zu den RT, zu den Regierungsterroristen, oder?«

Er hebt eine Augenbraue. »Hattest du das etwa vergessen?« Er nimmt meine Hand. »Benutz nicht den Namen, den uns die Lorder gegeben haben, Rain. Wir sind Free UK. Wir sind die Zähne, die die Mitglieder von Freedom UK in der Zentralkoalition hätten zeigen sollen, was sie aber nie getan haben. Wir sind die Splitter, die wehtun, ich, aber genauso auch du. Die Lorder fürchten uns. Bald schon werden sie von hier verschwunden sein und dieses großartige Land wird wieder frei sein. Wir werden gewinnen!«

Ein Gesang aus der Vergangenheit hallt in meinem Kopf wider: Free UK! Free UK!

Und mir fällt ein, was Nico von den Dingen erzählt hat, die im Geschichtsunterricht weggelassen werden. Nachdem Großbritannien aus der EU ausgetreten war und die Grenzen geschlossen wurden, nachdem es all die Studentenaufstände und Zerstörungen in den 2020er-Jahren gegeben hatte, sind die Lorder hart gegen Aufständische, Banden und Terroristen vorgegangen, ganz egal wie alt sie waren. Für sie gab es nur Gefängnis oder Tod. Aber als sich alles etwas beruhigt hatte, mussten sie einen Kompromiss mit Freedom UK in der Zentralkoalition akzeptieren, woraufhin die härtesten Strafen für unter 16-Jährige abgeschafft wurden. Das Slating wurde erfunden, um Jugendlichen eine zweite Chance und ein neues Leben zu geben. Aber Freedom UK wurde zur Marionette der Lorder, die ihre Macht immer mehr missbrauchten. Also erhob sich Free UK im Gegenzug gegen das System und wehrte sich gegen die Unterdrückung durch die Lorder.

Um jeden Preis.

Die Zähne sind der Terror. Ich schüttle den Kopf, weil ein Teil von mir nicht wahrhaben will, was ich weiß. »Ich bin keine Terroristin, oder?«